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Very First Time

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. KAPITEL EINS
  7. KAPITEL ZWEI
  8. KAPITEL DREI
  9. KAPITEL VIER
  10. KAPITEL FÜNF
  11. KAPITEL SECHS
  12. KAPITEL SIEBEN
  13. KAPITEL ACHT
  14. KAPITEL NEUN
  15. KAPITEL ZEHN
  16. KAPITEL ELF
  17. KAPITEL ZWÖLF
  18. KAPITEL DREIZEHN
  19. KAPITEL VIERZEHN
  20. KAPITEL FÜNFZEHN
  21. KAPITEL SECHZEHN
  22. KAPITEL SIEBZEHN
  23. KAPITEL ACHTZEHN
  24. KAPITEL NEUNZEHN
  25. KAPITEL ZWANZIG
  26. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  27. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  28. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  29. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  30. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  31. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  32. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  33. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  34. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  35. KAPITEL DREISSIG
  36. KAPITEL EINUNDDREISSIG
  37. KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
  38. KAPITEL DREIUNDDREISSIG
  39. KAPITEL VIERUNDDREISSIG
  40. Danksagung

Über das Buch

Die 18-jährige Keely steht kurz vor ihrem Highschool-Abschluss, und sie freut sich schon riesig auf das Collegeleben. Doch eins ist für sie klar: Bevor es so weit ist, will sie endlich ihr erstes Mal hinter sich zu bringen. Auf keinen Fall kann sie sich am College als Anfängerin in Sachen Sex outen. Ein Plan muss her, und Keely beschließt, dass für das erste Mal niemand besser geeignet ist als ihr bester Freund Andrew. Immerhin kennen die beiden sich schon ewig, also werden ihnen bestimmt keine Gefühle im Weg stehen. Oder etwa doch?

Über die Autorin

Cameron Lund ist Debütautorin und Singer/Songwriterin.Aufgewachsen in New Hampshire, zog sie für das Film-Studium nach Santa Barbara in Kalifornien, und ist dort seitdem geblieben. Sie liebt es zu reisen – während ihrer Reisen um die Welt schreibt sie dann auch besonders gern an neuen Geschichten.

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KAPITEL EINS
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Das Erste was ich sehe, als ich die Tür öffne, ist Chase Brosners nackter Arsch, der mir vom Bett aus entgegenleuchtet wie eine blinkende Las-Vegas-Reklame. Dann sehe ich das Mädchen unter ihm, ihre Hände packen seinen Rücken. Ich erkenne sie an den Fingernägeln, es ist Danielle. Ich war beim Lackieren dabei, schwarz, meinte sie, wie ihre Seele.

Sie liegen eng umschlungen im Bett – dem Bett von Andrews Eltern – und ich kann mich nicht bewegen, meine Hand liegt starr auf der Türklinke. Eigentlich war ich nur die Treppe hochgegangen, um von den ganzen Leuten wegzukommen. Sie haben alle meinen Geburtstag vergessen und sind bloß auf dieser blöden Party, weil sie wissen, dass Andrews Eltern im Skiurlaub sind und es Freibier gibt. Aber mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. Ich starre auf Chases Hintern, Danielles Fingernägel, die sich in seine Haut krallen, ihre dunklen auf dem Kissen ausgebreiteten Haare, und da wird mir klar: Das ist noch viel schlimmer als die Party.

Es dauert gerade mal drei Sekunden – gefühlt dreitausend – bis Danielle mich bemerkt und aufschreit. Ich schreie auch, mein Bier fällt mir aus der Hand und spritzt auf meine Füße. Wir sehen uns in die Augen, während sie hektisch nach dem Laken greift, um sich vor meinem Blick zu schützen. Chase fällt samt Decke vom Bett und rollt sich zusammen wie ein Burrito.

»Es tut mir so leid«, sage ich und bücke mich nach dem Becher. Ich versuche, mit dem Ärmel meines Sweatshirts so viel Bier wie möglich aufzuwischen, damit die Holzdielen nicht leiden. »Ich dachte, hier ist niemand drin.«

»Raus hier!«, kreischt sie, ich gehorche und knalle die Tür hinter mir zu.

Ich weiß, es klingt verrückt, aber als ich auf der anderen Seite stehe, denke ich nur: Was, wenn es das jetzt war? Was, wenn das der erste und letzte Hintern war, den ich je zu Gesicht bekommen werde? Ich schließe die Augen und sehe ihn immer noch vor mir, strahlend weiß, als hätte ich zu lange in die Sonne gestarrt, und mich beschleicht die Angst, dass sich der Anblick für immer in mein Hirn gebrannt hat. Es war kein unansehnlicher Hintern, so ist es nicht, auch wenn ich keinen Vergleich habe. Aber er gehört einem Typen, den ich nicht einmal mag, einem Typen, der blöde Witze übers Furzen macht, nur Basketball im Kopf hat und zu allen zwanghaft Alter sagt. Leider brauche ich nicht auf andere nackte Typen in meiner Zukunft zu hoffen, nicht, wenn es in der Schule weiter so läuft wie bisher.

Als Chase und Danielle aus dem Schlafzimmer kommen, stehe ich immer noch da. Sie sind beide erst halbwegs angezogen, und als Chase den Reißverschluss seiner Hose hochzieht, zucke ich zusammen.

»Keely«, sagt Danielle mit kratziger Stimme. Sie hängt an seinem Bizeps, und ich rieche ihr zuckersüßes Parfüm. Auf den Wangen hat sie verschmierten Lippenstift und ihr dunkles, zerzaustes Haar sieht aus wie ein zerwühltes Bett. Ich darf jetzt nicht an zerwühlte Betten denken. Oh Mann.

»Hey Alter!« Chase macht eine Gettofaust, so wie sie die Jungs immer machen, lässt den Arm aber gleich wieder sinken. Wahrscheinlich hat er gemerkt, dass ich keiner von den Dudes bin. Kann passieren.

»Es tut mir so leid«, sage ich noch mal und trete einen Schritt zurück.

Chase zuckt gleichgültig mit den Schultern, als wäre nichts weiter passiert.

»Warte kurz, können wir reden?« Danielle deutet mit dem Kopf nach links zum Bad. »Allein?«

»Klar«, sage ich, aber ich werde ein wenig nervös.

Von außen sieht es vermutlich so aus, als wären Danielle und ich Freundinnen, was wir den Regeln der Highschool nach wohl auch sind. Wir sind in derselben Clique und sitzen in der Pause zusammen, aber so richtig zu zweit unterhalten haben wir uns noch nie. Ich schätze, die Dinge ändern sich, wenn man jemanden versehentlich nackt gesehen hat.

»Bis gleich.« Chase küsst Danielle so gierig, dass ich kaum weiß, wo ich hingucken soll. Seine Hand liegt auf ihrem Busen, bereit zuzudrücken. Sie kichert, er lässt sie los und nickt mir zu. »Bis später, Keely.« Dann stapft er die Treppe runter. Als er an mir vorbeigeht, rieche ich seine Bierfahne.

Kaum ist er weg, zieht Danielle mich ins Badezimmer. Sie macht die Tür zu, schließt ab und dreht sich zum Spiegel. Während sie mit mir redet, bewundert sie sich ausgiebig. Ich nehme es ihr nicht übel – wenn ich aussehen würde wie Danielle Oliver, würde ich wahrscheinlich auch die ganze Zeit in den Spiegel starren. Ihre rosige Haut schimmert, sie hat hohe Wangenknochen und große braune Augen, die etwas schräg stehen wie die einer Katze.

»Versprich, dass du es niemandem erzählst.«

»Versprochen.«

»Gut.« Sie entspannt sich ein wenig. »Ich mache immer noch einen auf schwer zu kriegen.«

Ich beiße mir in die Wange, um nicht zu lachen. Danielle und Chase sind kein Paar, aber sie passen perfekt zusammen: Sie sind die Schönen, deren Affären die Seiten der Klatschzeitschriften füllen würden, wenn die Highschool Hollywood wäre. Es war nur eine Frage der Zeit, bis zwischen ihnen was laufen würde. Deshalb frage ich mich, warum es Danielle so wichtig ist, die Sache geheim zu halten. Es war ja nicht gerade unauffällig, wie sie Chase vorhin lachend im Kreis durch die Küche gejagt hat, weil sie ihn mit rotem Lippenstift bemalen wollte.

»Hat er dich denn nicht gerade … gekriegt?« Wahrscheinlich bringt sie mich für die Frage um. Aber die Sache ist die: Alle an der Prescott High School wissen, dass Danielle Oliver Jungfrau ist – oder war –, und das nicht, weil sie es offen rumerzählt hat. So läuft es hier nun mal. Unser Kaff mitten im Nirgendwo von Vermont ist so klein, dass man alles über die Leute weiß, auch dann, wenn man eigentlich nichts mit ihnen zu tun hat. Wir waren nun mal schon immer zusammen, alle sechzig aus der Stufe. Und das seit der Grundschule. Also verbreiten sich Geheimnisse meist schnell, wie eine verkorkste Stille Post. Dass Danielle es überhaupt geschafft hat, so lange Jungfrau zu bleiben, ist einer der Top-Aufreger in Prescott.

Ich bin übrigens auch noch Jungfrau, aber das ist nicht so überraschend, dass es Stoff für Tratsch hergeben würde.

Ich sehe es ihr an, als sie beschließt, mir davon zu erzählen. Ein strahlendes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Das Geheimnis prickelt in ihr wie Champagner in einem Glas. Sie sieht plötzlich umwerfend aus, und mein Herz schlägt schneller. Sie dreht sich zu mir.

»Okay, vielleicht hat er mich gekriegt«, sagt sie. »Also bin ich jetzt endlich eine Frau.«

»Wow.« Plötzlich verschlägt es mir die Sprache. »Das ist … gratuliere. Toll gemacht!« Ich weiß nicht, warum ich auf einmal wie eine kitschige Grußkarte klinge. Beste Wünsche für die Reise. Greif nach den Sternen! Sie findet es wohl nicht allzu seltsam, denn sie redet weiter, als hätte ich nichts gesagt.

»Es hat gar nicht so wehgetan. Ava meinte, sie wäre beim ersten Mal ohnmächtig geworden, also hatte ich Schlimmeres erwartet.« Danielle leckt ihren Zeigefinger ab und wischt sich die verschmierte Wimperntusche unter den Augen weg. »Ava macht aus jeder Mücke einen Elefanten.« Wenn Ava Arellano jetzt an meiner Stelle hier wäre, wüsste sie genau, was zu sagen wäre. Ava ist Danielles Liebling. Ich werde toleriert.

»Stehst du auf ihn?«, frage ich.

Sie zögert einen Moment, wahrscheinlich überlegt sie, ob es sich lohnt, mir die Wahrheit zu sagen. Dann zuckt sie mit den Schultern. »Es war an der Zeit. Ich fasse es nicht, dass ich so lange Jungfrau war. Wie peinlich.«

Bei dem beiläufigen Kommentar werde ich ganz rot. Jungfrau zu sein ist eigentlich keine große Sache – das weiß ich auch –, aber ich fand es immer gut zu wissen, dass Danielle und ich beide diesen Stempel trugen. Wenn Danielle Oliver etwas betrifft, rutscht es auf der Peinlichkeitsskala automatisch fünf Millionen Punkte nach unten.

Ava hat als Erste in unserer Klasse ihre Jungfräulichkeit verloren. Es war mit Jason Ryder, während der Abschlussfeier von der Junior High, hinter der großen Rutsche auf dem Spielplatz. Als ich damals davon erfuhr, war ich total entsetzt. Sex war etwas völlig Fremdes, das nur Leute in Filmen taten, und zwar nicht in den Filmen, die ich so guckte. Dann haben andere Mädchen es auch getan: Molly Moye mit einem der besten Freunde ihres älteren Bruders, Jessica Rogers mit einem Mädchen, das sie in den Winterferien in Vancouver getroffen hatte. Meine beste Freundin Hannah hatte ihr erstes Mal in der elften Klasse, mit ihrem Freund Charlie. Sie verbrachten die Nacht in seinem Ferienhaus am See, zündeten haufenweise Kerzen an und hörten ihre Lieblingsmusik. Nicht einmal Morrissey konnte sie also retten.

Als diese Geschichten aufkamen, hatte der Rest von uns noch ganz viele Fragen. Wie fühlt sich Sex an? Tut es weh? Woher weiß man, was zu tun ist? Und jetzt gehört Danielle auch zu den anderen. Jetzt sind wir im letzten Jahr, und es gibt kaum noch Fragen.

Jetzt bin ich alleine übrig.

Von unten höre ich dumpf den Bass der Musik, eine Mädchenstimme kreischt, schallendes Gelächter erklingt, dann ein Klirren. Vielleicht ist ein Glas runtergefallen oder eine Tischlampe. Ich zucke zusammen und hoffe, Andrews Mutter bringt uns nicht um. Ja, uns, denn obwohl es sein Haus und seine Party sind, wird sie wissen, dass ich auch hier war. Ich bin immer hier.

Danielle schnappt sich ein Handtuch und wischt den verschmierten Lippenstift von ihren Wangen. Ich würde es ihr am liebsten wegnehmen – Andrews Mutter rastet aus, wenn sie die Flecken sieht, vor allem nachdem unten schon irgendwas zerbrochen ist –, aber das käme wohl nicht so gut an. Danielle neigt sich nach vorne und starrt in den Spiegel. Ich schwöre, sie sieht weise aus. Sie wird sich nie wieder den Kopf darüber zerbrechen, ob ein Typ sie auch mag, nie wieder einen riesigen Pickel mitten im Gesicht bekommen. Danielle war schon immer selbstbewusst, aber jetzt scheint sie unaufhaltbar.

Neben ihr sehe ich aus wie zwölf, obwohl ich mit dem heutigen Tag offiziell achtzehn bin. Ich war schon immer total klein, aber jetzt wirke ich noch kleiner, weil Danielle diese hohen schwarzen Schuhe trägt und ich nur Socken; ich habe meine Winterstiefel am Eingang ausgezogen, wie wir es sollten. Ich streiche durch meine blonden Haare – sie sind etwas dunkler als sonst, weil ich sie nicht gewaschen habe – und ärgere mich, dass ich dachte, etwas Trockenshampoo und ein Pferdeschwanz wären partytauglich. Ich lege es auch echt darauf an, in mein eigenes Unglück zu rennen.

Danielle schürzt die Lippen. »Sehe ich älter aus?« Sie dreht den Kopf hin und her, damit sie ihr Spiegelbild aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann. »Jetzt, wo ich eine Frau bin, fühle ich mich wirklich älter.«

Ich will nicht zugeben, was ich gerade gedacht habe, also weiche ich ihrem Blick aus und frage zurück: »Sehe ich denn älter aus?« Ich weiß, dass ein Geburtstag einen nicht von einem Tag auf den anderen auf magische Weise verändert. Aber ein Teil von mir will sich so fühlen wie Danielle. Ich will auch unaufhaltbar sein.

Sie sieht mich mit leerem Blick an. »Warum solltest du älter aussehen?« Natürlich hat sie es vergessen, obwohl Hannah zur Feier des Tages Cupcakes zur Schule mitgebracht und Danielle sich beschwert hat, sie hätte zu viele Eier benutzt. Obwohl die Party eigentlich für mich gedacht war.

»Ich habe heute Geburtstag.«

Sie löst den Blick von ihrem Spiegelbild und dreht sich zu mir um. »Ups, hab ich ganz vergessen.« Ihre Hand verfängt sich in einem Knoten in ihren Haaren. »Chase war heute so süß. Er wusste, dass es mein erstes Mal war, also hat er sich Zeit gelassen.« Wir reden also wieder über Chase. Ich schätze, ich kann es ihr nicht verübeln. Wenn ich mein erstes Mal gehabt hätte, würde ich wahrscheinlich auch die ganze Zeit darüber reden wollen.

»Freut mich, dass es so war, wie du es dir vorgestellt hast«, sage ich. »Es gibt so viele Vollidioten an dieser Schule. Gut, dass du einen von den Netten erwischt hast.«

»Ich weiß«, sagt sie. »Chase Brosner.« Sie nimmt meine Hand und zieht mich zur Tür, dreht den Schlüssel und macht auf. »Denk dran«, sagt sie, »es ist nie passiert.«

Wir gehen zusammen aus dem Badezimmer nach unten. Die Luft ist warm, obwohl es draußen schneit, und es riecht nach Schweiß. Wir sind fast unten angekommen, da geht es los.

Applaus.

Erst ganz leise, übertönt vom Partylärm, übertönt vom Flow des Kendrick Songs, den jemand über das Handy auf den Boxen abspielt. Aber je mehr Leute uns bemerken, desto lauter wird es. Die Leute hören auf zu reden, hören auf zu tanzen, die Bier-Pong-Spieler unterbrechen mitten im Wurf, um in den Jubel, das Gejohle und Gebrülle einzustimmen. Jemand schnappt sich das Handy und Like a Virgin von Madonna dröhnt durchs Wohnzimmer.

Danielle wird ganz starr.

Auf der anderen Seite des Raums lümmelt sich Chase neben Jason Ryder und Simon Terst auf dem Sofa und grinst müde.

Simon beugt sich vor. »Nicht schlecht, Brosner!« Jason Ryder trinkt einen großen Schluck Bier und klopft Chase so fest auf die Schulter, dass es sicher wehtut. »Sie ist wohl doch nicht unbumsbar«, lallt er.

Danielle ist immer noch steif wie ein Brett, ihr Fuß schwebt über der nächsten Stufe in der Luft.

»Danielle«, flüstere ich und umklammere ihren Arm, um sie zu stützen, um mich zu stützen. »Geht’s?«

Wie haben das alle so schnell rausgefunden? Wir waren höchstens zehn Minuten im Bad. Hat Chase es sofort ausposaunt, als er wieder unten war? Vielleicht hat er es Jason Ryder erzählt, und der hat sein blödes Maul aufgerissen.

»Alles okay«, zischt sie. Aber sie greift nach meiner Hand und drückt sie ganz kurz, bevor sie wieder loslässt. Danielle atmet tief ein und streicht sich mit zittriger Hand die Haare glatt. Dann verbeugt sie sich.

Die Menge tobt.

KAPITEL ZWEI
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Danielle richtet sich auf und lacht, als wäre sie Chase, der bei einem Heimspiel aufgelaufen ist, und alle hielten Banner mit ihrem Namen in die Höhe. Der Madonna-Song ist nun ihr Einzugslied beim Betreten der Arena. Ich folge ihr bis zum Ende der Treppe und hoffe, dass niemand von dem Lied auf mich schließt, weil es ja auch meine Rückkehr nach unten kommentiert.

Unten angekommen stürmt Ava wie ein Wirbelwind heran und packt Danielle besitzergreifend am Arm. Ava ist klein, mit mehr Busen als Körper und heller, sommersprossiger Haut, die sie auch im Winter mit ihrer heißgeliebten Kokoslotion braun hält. Ihre Haare waren ursprünglich mal rot, aber letztes Jahr hat sie damit angefangen, sie sich passend zum jeweiligen Feiertag zu färben. Im Moment schimmern sie in einem verblassten Pink, noch vom Valentinstag, und sehen aus wie die Zuckerwatte, die man im Sommer unten am See kaufen kann. Sie trägt den gleichen leuchtend roten Lippenstift wie Danielle, die gleichen silbernen Ohrstecker und beide haben die gleiche lila Handyhülle. Es ist eine Uniform und die soll etwas klarstellen: auch wenn ich im Prinzip ihre Freundin bin, werde ich ihren Zweierklub nicht sprengen. Manchmal kommt es mir vor, als hätten sie sich so sehr daran gewöhnt, immer gleich zu sein, dass sich Ava nur über die Haarfarbe abgrenzen kann – ihre einzige kleine Rebellion.

»Hattest du echt grade was mit Chase?« Ava zerrt an Danielles Arm. »Alle sagen, du hättest mit ihm geschlafen.«

»Alle sagen das«, wiederholt Danielle und verzieht den Mund. »Dann muss es ja stimmen.«

Ava zieht stärker. »Ich regle das«, sagt sie zu mir. Und dann gehen sie flüsternd weg und ich höre nichts mehr. Plötzlich möchte ich mich am liebsten wieder verstecken. Ich trinke vorsichtig den letzten Schluck Bier, eigentlich nur, um irgendetwas zu tun. Es schmeckt widerlich warm.

Partys waren schon immer Andrews Ding, nicht meins. Ich weiß auch nicht, wie er es immer wieder schafft, mich zum Kommen zu überreden, obwohl ich viel lieber einen Netflix-Marathon machen würde. Ich suche ihn in der Menge, oder Hannah, oder irgendwen, aber ich bin zu klein, um was zu sehen.

Ich bringe Andrew um. Erst schmeißt er eine Party für mich und dann lässt er mich völlig im Stich.

Komm schon Collins, hat er vorhin noch gejammert, als ich ihm klarmachen wollte, wie blöd die Idee war. Wir feiern doch immer unsere Geburtstage zusammen. Damit können wir jetzt nicht aufhören. Das stimmt, Andrew ist seit meiner Geburt an meiner Seite. Er war es sogar schon davor. Unsere Mütter haben sich in einem Lamaze-Kurs angefreundet, wir kleben also seit Urzeiten aneinander. Andrews Geburtstag war letzte Woche, und seine Eltern haben uns auf eine Pizza bei Giovannis eingeladen. Er hatte sich seinen Geburtstag aber etwas abenteuerlicher vorgestellt. Jetzt, wo seine Eltern weg sind, muss ich mich also mit der Feierei abfinden.

Ich gehe in die Küche und kann gerade noch rechtzeitig Jarrod Price ausweichen, der in den Mülleimer kotzt. Auf dem laminierten Küchentisch liegen überall leere Becher und schmutzige Teller rum. Andrew hatte mir versprochen, Pizza zu besorgen, wenn ich bei der Party mitmache, und jetzt fliegen die Kartons mit den abgeknabberten Rändern und den klebrigen Käseresten im Deckel überall in der Küche herum. Ich schnappe mir die Teller, stelle sie in die Spüle und seife schon mal den Schwamm ein.

»Bitte sag mir, dass du nicht gerade sauber machst.« Andrew legt einen Arm um meine Schultern und drückt mich kurz. Er hat mich schon immer an einen kleinen Golden Retriever erinnert – ein vergnügtes, schlabberiges Kuddelmuddel mit blonden Haaren und Sommersprossen. Manchmal könnte ich schwören, dass er mit dem Schwanz wedelt.

»Ich dachte nur, ich fange schon mal an.« Ich halte einen roten Plastikbecher unter den Wasserstrahl. Andrew schlägt ihn mir aus der Hand, und wir werden beide vollgespritzt. Sein Flanellhemd ist total zerknittert, als hätte er sich auf dem Boden gewälzt. Hat er wahrscheinlich auch, mit irgendeinem Mädchen. Widerlich.

»Kein Saubermachen an deinem Geburtstag«, sagt er. »So lautet die Hausregel. Außerdem ist das ein Plastikbecher, den werfen wir weg.«

»Psst, er hört dich noch. Vielleicht fühlt er sich dann gekränkt.« Ich blicke mich um und sehe Danielle, umzingelt von einer Schar Elftklässlerinnen. »Meinst du, sie kommt klar?«

Andrew folgt meinem Blick. »Wir reden hier über Danielle Oliver. Sie lebt vom Rampenlicht. Die Sache hätte sie selber nicht besser planen können.«

Ich muss an unser Gespräch von vorhin denken, wie ich ihr versprechen musste, nichts zu sagen. »Sie tut mir halt leid. Wenn ich sie wäre …«

»Bist du aber nicht.« Er legt den Arm um mich. »Zum Glück. An ihrer Seite hätte ich es keine achtzehn Jahre ausgehalten.« Er zieht mich zum Kühlschrank. »Ich hab dir dieses doofe Grapefruit-Bier besorgt, das du so magst. Hast du schon gesehen?« Er reicht mir eine rosa Flasche, und ich nehme sie dankbar an.

»Das sagst du erst jetzt? Ich habe den ganzen Abend versucht, abgestandenes Bier zu trinken.« Ich deute zum Fass in der Ecke, das auf einem Stapel dreckiger Handtücher steht. Andrews Cousin ist schon seit ein paar Jahren einundzwanzig und versorgt uns immer mit Alkohol.

»Ich will dich nur ein wenig abhärten«, sagt er. »Eines Tages wirst du draußen in der großen weiten Welt vielleicht mal auf eine Party gehen, wo der Gastgeber nicht so charmant und umsichtig ist, dann gibt es kein blödes Grapefruitzeug und du wirst dir denken, zum Glück hat Andrew Reed mir Biertrinken beigebracht.« Er deutet auf das Fass. »Aber du hast recht, das Zeug schmeckt total schal.«

Er zapft sich trotzdem einen Becher. Da löst sich eine Elftklässlerin von der Gruppe und kommt zu uns rüber, sie streicht leicht über Andrews Schulter. Cecilia Brooks streicht dauernd anderen leicht über die Schulter. Es ist fast wie eine geheimer Code. Ich weiß, dass Tim Schneider immer ihre Matheaufgaben macht, wenn sie ihn darum bittet. Ich wünschte, ich hätte auch so eine Macht.

»Hi Drew.« Sie streicht sich eine blonde Locke hinters Ohr und lächelt, sodass ihre perfekten weißen Zähne strahlen. Cecilias Eltern sind Zahnärzte.

»Hey Cecilia«, sagt er. »Ich hab dich schon gesucht!« Das sagt er immer. Party-Andrew ist ganz anders als der normale Andrew. Wenn Mädchen dabei sind, ist er viel schmieriger und doofer, aber es scheint zu funktionieren. Andrew wechselt Freundinnen, wie andere ihr iPhone austauschen, sobald ein neues Modell auf den Markt kommt.

»Nein, hast du nicht!« Sie lacht und schlägt ihm sanft auf die Brust. »Du lügst doch.«

»Er redet schon den ganzen Abend nur von dir.« Ich improvisiere ein wenig, um ihm zu helfen. »Er kann gar nicht damit aufhören.«

Andrew tritt mir auf den Fuß, vielleicht will er mir mitteilen, dass ich etwas dick auftrage.

Cecilia wendet sich unwillig zu mir. »Oh, hallo Keely.« Dann reißt sie die Augen auf. »Oh mein Gott, ist das ein Grapefruit-Bier?« Ihre Hand landet schon wieder auf Andrews Schulter. »Ich liebe die!«

Ich wünschte, Andrew würde darüberstehen, aber den magischen Berührungen von Cecilia Brooks kann wohl kein heterosexueller Junge widerstehen, schon gar nicht Party-Andrew.

»Ja, willst du eins? Es gibt mehr als genug.«

»Echt? Du bist so süß!« Hand auf die Schulter.

Ich starre ihn an und halte mein Grapefruit-Bier mit beiden Händen fest, aus Angst es könnte mir bei diesem blöden Gelaber aus der Hand gleiten, Flügel bekommen und zu ihr hinüberfliegen. Er holt eine pinke Flasche aus dem Kühlschrank, macht sie auf und reicht sie ihr. Sie trinkt einen Schluck, ihre schimmernden Lippen schmiegen sich perfekt um die Flaschenöffnung.

»Also Drew, ich bin ja mit Susie gekommen, aber sie ist wahrscheinlich zu voll zum Fahren«, sagt Cecilia. »Sie hat zu viel von dem Himbeerwodka getrunken. Meinst du … bleibt auch jemand über Nacht?« Hand auf die Schulter.

»Ihr könnt gern hier pennen«, sagt Andrew, und Cecilia strahlt ihn an. Ich meine fast, Herzen in ihren Augen blinken zu sehen.

Andrew kann ich für den Rest des Abends also vergessen und die übrigen Grapefruit-Biere auch. Ich trinke aus und stelle die Flasche auf den Tisch, bereit für einen Szenenwechsel. Diese Situation hatten wir schon öfter, und ich kenne meinen Text. »Ich such mal Hannah, bis später.« Ich winke und gehe ins Esszimmer.

Andrew rennt mir nach. Er flüstert, damit Cecilia es nicht hört: »Hey, du kannst heute Nacht in meinem Bett schlafen, okay?«

»Werdet ihr beide es nicht brauchen?«

»Es ist dein Geburtstag. Du schläfst heute nicht auf dem Sofa.« Er grinst. »Außerdem können wir auch ins Gästezimmer gehen. Oder unter die Dusche.«

»Sag so was nicht, jetzt bekomm ich das Bild nicht aus dem Kopf«, sage ich und gebe ihm einen Klaps auf die Schulter, auf die nicht-so-sanfte Art.

»Komm schon, die Dusche ist doch nicht gruselig. Das ist nicht Psycho.«

Mit zwölf Jahren haben wir Hitchcock entdeckt. Wir fanden die DVD von Der Fremde im Zug im Videoladen und guckten sie auf dem flackernden Fernseher im Keller. Wir nahmen unsere Schlafsäcke zum Übernachten mit nach unten und taten so, als hätten wir keine Angst. Es folgten noch viele lange Filmnächte im Keller. Auch der eine berüchtigte Abend, als wir Die Vögel guckten und ich mir in die Hose gemacht habe. Immer wenn wir Möwen am Strand sehen oder ein Gänseschwarm über uns fliegt, macht Andrew seitdem einen blöden Kommentar, dass es nach Pipi riecht.

Jetzt lächelt er mich verschmitzt an. Er sieht zu Cecilia rüber und flüstert: »Heute Nacht bin ich der Fremde, der keine Hose mehr trug.«

»Ach, hör doch auf.«

»Ich kann es kaum erwarten, mir ihr Fenster zum Hof anzusehen, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Du hast doch ein paar Vögel«, sage ich lachend und zeige ihm beide Mittelfinger.

Andrew wackelt mit den Augenbrauen. »Heute Nacht zerreiße ich den Vorha…«

»Meine Lieblingsmenschen!« Hannah kracht in uns rein und zieht uns in eine dicke Umarmung. »Macht ihr allen Ernstes Hitchcock-Wortspiele? Wenn ich euch nicht so sehr lieben würde, müsste ich euch jetzt hassen.« Hannah drückt ziemlich fest zu, sie ist stärker, als sie aussieht, weil sie seit der sechsten Klasse Feldhockey spielt. Umarmungen, die beinahe wehtun, sind eine Hannah-Choi-Spezialität. »Oh nein«, sagt Andrew und löst sich von ihr. »Wenn nicht mal du uns lustig findest, wer dann?«

»Zum Glück habt ihr einander«, sagt sie lachend und streicht sich den langen Pony aus den Augen. Hannah hat Haare wie aus einer Shampoo-Werbung – schwarze, dichte, federnde Locken. Sie sieht umwerfend aus, was mir natürlich nicht hilft, wenn man bedenkt, dass ich die meiste Zeit neben ihr stehe.

»Also eigentlich wollte er mich gerade sitzen lassen.« Ich senke die Stimme und deute mit dem Kopf zur Küche. Cecilia ist immer noch da und unterhält sich mit Susie Palmer, die Arme verschränkt.

Hannah lächelt Andrew kurz erbost an. »Oh, wirst du es mit Cecilia Brooks treiben?«

»Ja, wahrscheinlich unter der Dusche«, sage ich und verziehe das Gesicht. »Ich hab schon viel zu viel gehört.«

Hannah lacht. »Wenn jemand mit den schmutzigen Details klarkommt, dann du.«

»Wir werden es nicht treiben, wie du so schön sagst«, erklärt Andrew und spielt den Beleidigten. »Außerdem ist es dein Geburtstag, Collins, also wenn du willst, bleibe ich bei dir …«

Er verstummt, und ich bin nicht sicher, ob er darauf wartet, dass ich im erlaube, abzuhauen. Ich sollte genervt sein, aber ich habe ja von Anfang an mit so etwas gerechnet.

»Lass dir von mir nicht die Liebe versauen.«

Er kratzt sich an der Nase. »Sicher? Hannah und ich haben einen Geburtstags-Rap geschrieben und wollten den heute …«

»Das klingt ja schrecklich.« Ich lache und schiebe ihn geradezu weg. »Geh einfach. Wenn du noch länger hier bei uns rumstehst und sie ignorierst, verpasst du noch deine Chance.« Ich spüre Cecilias Blick auf mir. »Ich habe Hannah. Und Pizzareste.«

»Okay, cool«, sagt Andrew. »Und ich ignoriere sie nicht. Ich gebe ihr Zeit, mich zu vermissen, verstehst du?« Dann dreht er sich wieder zu Cecilia um und lächelt sie mit seinem doofen Party-Andrew-Lächeln an. Es funktioniert natürlich, so wie immer. Sie kommt zu uns ins Esszimmer und hakt sich bei ihm ein.

»Andrew, ich brauche einen Partner für Bier-Pong. Spielst du mit?« Sie wartet gar nicht auf seine Antwort, und er lässt sich von ihr wegziehen. »Bis später ihr zwei, ok?«

»Viel Spaß, Kinder!«

Ich winke und er ruft mir noch zu: »Meine Bettwäsche hat Vögel drauf, Collins, also versuch doch bitte, nicht ins Bett zu machen!«

Ich zeige ihm noch mal den Stinkefinger und höre ihn beim Weggehen laut lachen. »Es ist ätzend, wie gut er darin ist«, sagt Hannah. »Warum sind wir noch mal mit ihm befreundet?«

»Wir unterstützen ihn sogar noch«, sage ich.

Andrew weiß unsere Hilfe beim Aufreißen von Mädchen zu schätzen, und er würde mir auch mit Jungs helfen, wenn ich ihn darum bitte. Dazu ist es nur noch nie gekommen. Jungs kommen nicht zu mir und berühren auf magische Art meine Schulter. Ich muss plötzlich an Danielle und Chase denken, wie sie nackt und ineinander verschlungen im Bett lagen, und mir wird ein wenig schlecht. Ich sehe mich um und überlege, wen ich aufreißen würde, wenn ich könnte, von wem ich mich ins Schlafzimmer bringen lassen würde, so wie Danielle. Da wird mir klar, dass ich es einfach tun könnte, ich könnte versuchen, meine Jungfräulichkeit zu verlieren, auf der Stelle, an meinem achtzehnten Geburtstag, dann hätte ich es hinter mir.

Aber hier ist niemand, der für mich infrage kommt. Nicht Chase, der genau weiß, dass er der Schönste in unserer Stufe ist und sich schrecklich viel darauf einbildet. Nicht Jason Ryder, der noch zehnmal schlimmer ist. Nicht Edwin Chang, denn jeder weiß, dass er in Molly Moye verliebt ist. Auch nicht Jarrod Price, der fast immer bekifft ist. Andrew auf keinen Fall, der ist wie ein Bruder für mich. Außerdem klebt er momentan an Cecilia und raunt ihr was ins Ohr, während sie sich an ihn kuschelt.

Ich kenne sie alle schon viel zu lange, seit sie in der Nase gebohrt haben, Furzwettbewerbe veranstaltet und geschmolzene Wachsmalstifte und Kleber gegessen haben. Das kann ich nicht von einem Tag auf den anderen vergessen. Ich denke zum millionsten Mal daran, wie anders alles auf dem College sein wird, wenn ich endlich aus diesem Kaff rauskomme, wenn ich in einer Stadt bin und zum ersten Mal in meinem Leben von lauter Fremden umgeben sein werde – Leuten, die meine Eltern nicht kennen, die nicht wissen, wie ich mit zehn aussah, für die ich nicht nur Andrews beste Freundin bin, das Mädchen, das von Danielle toleriert wird, die uncoolste der Runde.

Ich schüttle den Kopf und hake mich bei Hannah ein. »Andrew überlässt mir sein Bett. Wollen wir uns das Zimmer teilen?«

»Ja, du bist meine Rettung. Ich überlege schon die ganze Zeit, wo ich bleiben kann. Alle anderen Schlafplätze sind schon vergeben. Ich wollte mich vorhin auf die Couch im Büro legen, und Sophie hätte mich dafür fast umgebracht.«

Das ist so eine Sache mit Partys ab vom Schuss. Hier gibt es kein Uber, und es wäre völlig bescheuert, betrunken durch den Schnee zu fahren, also bleiben alle über Nacht – wie eine riesige, besoffene Pyjamaparty.

Hannah und ich gehen nach oben, vorbei an einer Wand mit Kinderfotos von Andrew. Die Bilder habe ich alle schon tausend Mal gesehen und auf den meisten bin ich mit drauf: Andrew und ich an Halloween als Ghostbusters verkleidet, unsere winzigen Hände voller Süßigkeiten; Andrew und ich in der Junior High, blond und dürr, mit Zahnspangen und Akne, am Höhepunkt unserer Pubertät. Hannah zeigt im Vorbeigehen auf eines der Bilder von Andrews zehntem Geburtstag, da gab’s eine Schlammschlacht. Wir lachen völlig verdreckt in die Kamera.

Sie grinst. »Meinst du, alle haben die schon gesehen oder bleibt noch Zeit, sie zu verstecken?«

»Schon zu spät.«

»Ich kann gar nicht erkennen, welches der Kinder du bist.« Ich weiß, dass es ein Scherz ist, aber sie hat durchaus recht. Auf dem Bild sehe ich aus wie ein Junge. Aber was bringt es schon, die Vergangenheit zu vertuschen? Wenn sich alle daran erinnern, wie Jarrod Price in der Nase gebohrt hat, wissen sie auch noch, wie ich damals ausgesehen habe.

Die gesamte Grundschulzeit habe ich mit Andrew zusammen verbracht. Ich hatte nie das Bedürfnis, mir andere Freunde zu suchen. Andrew und ich tickten gleich, wir konnten aus allen Star Wars Filmen zitieren, sogar der Prequel-Trilogie. Meine Mom hatte mich vor der Phase gewarnt, in der Jungs und Mädchen einander eklig finden. Sie meinte, Andrew würde sich verändern und unsere Freundschaft beenden. Aber das ist nicht passiert. Die Pubertät kam, und wir blieben Freunde.

Es war im Laufe der Jahre manchmal unangenehm, das schon. Ich weiß noch, wie ich an Andrews dreizehntem Geburtstag das einzige Mädchen auf der Poolparty war und Panik davor hatte, mich auszuziehen. Ich wollte unbedingt bei dem Arschbomben-Wettbewerb mitmachen, aber ich hatte Angst, mein Bikini könnte verrutschen oder ich würde meine Regel bekommen. Wenn bei Familientreffen Fotos gemacht wurden, meinten unsere Eltern beiläufig, wir sollten doch näher zusammenrücken, und ich weiß noch, wie mir die Luft wegblieb, so unangenehm war es. Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie Andrew mich in der siebten Klasse einmal zu sich einlud und ich im Schlafanzug vor seiner Tür stand und keine Ahnung hatte, dass auch Jungs da sein würden, süße Jungs aus unserer Klasse. Ich war so sauer, dass er mich nicht gewarnt hatte, dass ich drei Tage lang nicht mit ihm sprach.

Und dann kam Andrews erster Kuss, mit Sophie Piznarski, auf einem Schulball in der achten Klasse. Er zerrte mich aus der Cafeteria, um mir davon zu erzählen, aufgeregt und verlegen zugleich. War diese Art von Gespräch möglich? Konnten wir über solche Sachen reden? War das zu seltsam?

Während dieser turbulenten, traumatischen Jahre der Kraushaare und Zahnspangen, als Andrew und ich unsere Beziehung neu definieren mussten, als er ständig von anderen Jungs umgeben war, und ich mich fühlte, als hätte ich Lehm im Mund, wenn ich mich mit einem von ihnen unterhalten wollte, war es ein Segen, dass ich Hannah hatte. Sie war cooler als ich und mit Danielle und Ava befreundet – Mädchen, die mit dreizehn schon aussahen wie Instagram-Models. Ich durfte mich in der Pause zu ihr setzen, und sie rettete mich davor, das merkwürdige Mädchen zu sein, dass als halber Junge galt. Außerdem ersparte sie mir damit die vulgären Gespräche pubertierender Jungs. Ich hatte Angst, die neue Clique könnte meine Freundschaft mit Andrew verändern, dass es seltsam für ihn sein könnte und er sich vielleicht ausgeschlossen fühlen würde, weil ich außer ihm jetzt auch noch eine beste Freundin hatte, aber ich hätte es besser wissen müssen. Als wir zum ersten Mal was zu dritt machten, merkten die beiden, dass sie eine Leidenschaft für Harry Potter teilen, und schon bald wurde aus uns ein unzertrennliches Trio. Sie sind beide Gryffindors, war ja klar, und obwohl ich eine Hufflepuff bin, lieben sie mich trotzdem, sagen sie.

Oben auf dem Treppenabsatz sehen wir Edwin Chang und Molly Moye wild knutschen. Sie lehnen an der Tür des Wandschranks, als wollten sie gleich hineinklettern. Edwin hält immer noch eine Flasche Bier in der Hand und ist kurz davor, alles zu verschütten, weil er versucht, sie grade zu halten und gleichzeitig Mollys Hintern zu begrapschen. Hannah und Molly spielen zusammen Feldhockey, also kenne ich sie gut genug, um zu wissen, dass es eine Riesensache ist, wenn zwischen Edwin und Molly was läuft, aber irgendwie ist mir gerade nicht nach Feiern zumute.

»Sind alle in diesem Haus brünstig?«, murmle ich. Ich nehme Edwin die Flasche aus der Hand und stelle sie auf das Tischchen im Flur, mit einer Zeitschrift als Unterlage, damit kein Ring bleibt. Er bemerkt es kaum und hält nur kurz den Daumen hoch. Eine Geste, die ich erwidere, um mir den Anschein zu geben, als wäre das alles völlig normal für mich. Wir drängen uns an ihnen vorbei in Andrews Zimmer, und sobald die Tür zu ist, entspanne ich mich. Es ist ziemlich unordentlich, aber ich kann ja aufräumen. Auf dem Boden liegt überall Schmutzwäsche herum, das Bett ist nicht gemacht und der Bettbezug – grün, mit fliegenden Enten drauf – ist zerknittert. An der Wand steht die alte Couch, auf der ich sonst immer schlafe, wenn ich über Nacht bleibe. Hannah lässt sich darauf fallen, und ich setze mich auf das Bett und werfe ihr den Bettüberwurf zu.

»Raus mit der Sprache, was ist passiert?«, fragt sie. »Ich war im Keller und habe gehört, dass alle gejubelt haben.«

Also erzähle ich ihr von Danielle und dem Applaus, dem Madonna-Song und dem einschneidenden Wort unbumsbar, scharf wie eine Rasierklinge.

»Wieder mal typisch.« Ich ziehe die Wollsocken aus und lasse mich aufs Bett fallen. »Es ist furchtbar hier. Ich kann es kaum erwarten, abzuhauen.« Ich werde in Kalifornien studieren, was viele für verrückt halten, aber ich brauche ein neues Umfeld. Ich habe Prescott satt: den Schnee, das Eis, den Wind, manchmal ist es, als würde die Kälte tatsächlich an einem nagen. Ich will Filme machen, und Vermont hat da nichts zu bieten. Hier gibt es nur Schriftsteller, Snowboarder und Serienmörder.

Hannah wird Kunst an der New York University studieren und Andrew wird auf die Johns Hopkins gehen, weil er unglaublich schlau ist, auch wenn er es nicht an die große Glocke hängt. Die Johns Hopkins liegt in Baltimore, was 4257 Kilometer von Los Angeles entfernt ist, und von da aus sind es 4501 Kilometer bis New York. Ich habe es recherchiert. In einem Jahr werden wir drei weit voneinander entfernte Pünktchen auf der Landkarte sein, und das macht mir eine Heidenangst. Ich will nichts wie weg aus Prescott, aber ich werde nie bereit sein, mich von den beiden zu trennen.

Also müssen wir aus den nächsten Monaten das Beste machen. Vor uns liegen noch ein paar große Momente, die Ereignisse, an die wir uns immer erinnern werden, über die wir in zwanzig Jahren reden werden, wenn wir an die Highschool-Zeit zurückdenken. Am letzten Schultag im Juni wollen wir aus den Lautsprechern von Andrews Jeep Free Bird dröhnen lassen, unsere Mittelfinger in die Luft recken und der Schule den Rücken kehren – ein letzter Paukenschlag, der allen verkünden wird, dass sie uns von nun an am Arsch lecken können. Ich habe es mir ganz genau ausgemalt, den Rest des Schuljahres sehe ich in einzelnen Filmsequenzen vor mir.

»Nächstes Jahr wird endlich alles anders«, sagt Hannah. »Ich kann es kaum erwarten, hier rauszukommen.« Hannah ist Koreanerin – eine von nur drei Asiaten an der gesamten Schule – und ich weiß, das ist einer der Gründe, warum sie sich so sehr auf New York freut. Ihre Eltern haben sich sogar an der NYU kennengelernt und sind hierher gezogen, als sie fünf war. Seitdem träumt sie davon, nach New York zurückzukehren und mit anderen Hipster-Künstlern zusammen in einem Loft zu wohnen. Ich kann sie ja verstehen. New York ist voller Leben und aufregend und vielfältig. Vermont ist ein einziger Einheitsbrei aus langweiligen weißen Haferflocken.

»Prescott ist der deprimierendste Ort der ganzen Welt«, sage ich. »Aber ich bin froh, dass wir zusammen hier festsitzen.«

»Wie schön, dass du geboren bist, Geburtstagskind«, sagt Hannah. »Und ich bin auch froh, dass es Andrew gibt. Er ist einer von den Guten. Er überlässt uns sein Zimmer.«

Ich lache. »Ich habe ihn die ganze Zeit nur wegen seines Bettes benutzt.«

»Ich glaube, Andrew hätte nichts dagegen, wenn du ihn wegen seines Bettes benutzt«, sagt Hannah und wackelt mit den Augenbrauen.

»Igitt.« Ich täusche ein Kichern vor, als wäre ich im Kindergarten. Hannah macht seit der Junior High Pärchenwitze über Andrew und mich, aber damit eins klar ist, wir werden nie zusammenkommen.

»Ich dachte immer, Chase wäre einer von den Netten.« Hannah runzelt die Stirn. »Ich wette, er wollte das mit Danielle nicht rumerzählen. Du weißt ja, wie Ryder ist. Er hat es wahrscheinlich aus ihm rausgeprügelt.« Ich weiß nicht, ob sie das wirklich glaubt oder ob sie es sich nur einreden will. Hannah hat schon immer versucht, das Beste in anderen Menschen zu sehen, auch wenn sie es nicht verdient haben.

Ich mache mir nicht die Mühe, mich umzuziehen, und krieche in Andrews Bett. Hannah kuschelt sich auch unter ihren Quilt. Wir liegen ein paar Minuten still da, betrachten die leuchtenden Sterne an der Decke, und dann höre ich Hannahs leise, gedämpfte Stimme.

»Es ist ein bisschen wie mit Charlie.«

Ich rolle zur Seite, damit ich sie sehen kann, und stütze das Kinn in die Hand. Betrüger-Arsch-Charlie, wie wir ihn nennen, hat letztes Jahr mit Hannah Schluss gemacht, wenige Tage nachdem sie zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten. Wie sich herausstellte, hatte er sie die ganze Zeit mit Julie Spencer betrogen. In Andrews Zimmer muss Hannah manchmal an Charlie denken, weil wir am Abend nach ihrer Trennung hier zusammensaßen. Andrew hat sich die Gitarrengriffe für die besten Power-Trennungslieder rausgesucht, und wir grölten sie aus voller Kehle. »Du bist eine Gryffindor, und er ist ein Squib«, meinte Andrew zu ihr. »Vergiss das nicht.«

»Er ist kein Squib«, sagte Hannah. »Er ist ein verdammter Todesser.«

»Was Chase getan hat, war übel, aber es ist nicht dasselbe«, sage ich jetzt und möchte es glauben, um Danielles willen. »Sie wird darüber hinwegkommen. Sie wird es verkraften, weil sie ihn nicht …« Ich verstumme, aber Hannah beendet den Satz.

»… liebt?«

»Genau.«

»Sex und Liebe sollten doch Hand in Hand gehen«, meint sie. »Aber wer sich verliebt, ist völlig im Arsch.« Sie greift zum Lichtschalter. »Dich in einen Typen aus der Highschool zu verlieben, ist das Dümmste, was du machen kannst.«

Eine Weile später wache ich auf und spüre, dass etwas neben mir die Matratze nach unten drückt. Ich drehe mich um, öffne die Augen einen Spalt und sehe Andrew auf der Bettkante sitzen, seine Haare stehen in alle Richtungen ab. Er hält meine Tasche in der Hand, doch als er mich bemerkt, fällt sie ihm runter und der Inhalt fliegt auf den Boden.

»Sorry«, sagt er. »Ich bin darüber gestolpert.« Er stopft alles wieder hinein und legt sich neben mich.

»Wie spät ist es?«, flüstere ich mit kratziger Stimme. Er sieht auf sein Handy, der Bildschirm leuchtet hell im Dunklen.

»Halb fünf.«

»Wo ist Cecilia?«

»Im Keller. Wir haben versucht, auf der Couch unten zu schlafen, aber da ist es so eng. Ich bin ständig auf den Boden gerutscht. Ich hab mir den Ellbogen geprellt.« Er zeigt mir den blauen Fleck.

»Hast du sie einfach allein gelassen?«

»Du hast Geburtstag«, sagt er, als wäre es eine Erklärung.

»Du bist ein Arsch.«

»Wie kannst du es wagen?« Er schlingt seinen schweren Arm um mich. »Ich bin der Beste.«

»Lass mich.« Ich rolle mich von ihm weg, sodass ich fast vom Bett falle. Aus der Richtung der Couch erklingt ein Geräusch. Hannah dreht sich von uns weg und vergräbt ihr Gesicht tiefer im Kissen. »Psssssst«, sagt Andrew laut. Er legt seinen Arm wieder um mich.

»Nein. Du hast noch überall Cecilia an dir dran.«

»Wir haben doch geduscht. Ich bin pieksauber.« Er pikst mich sanft, als würde das seine Aussage bestätigen. Ich seufze, lasse ihn aber den Arm um mich legen, weil ich zu müde bin, um mich zu wehren. Sein Handy vibriert, und er greift danach. Das Licht des Bildschirms blendet mich, als er tippt.

»Liebesgedichte von Cecilia?«, flüstere ich. »O liebster Andrew! O Captain! Mein Captain! Warum lässt du mich so allein auf der Couch im Keller zurück?« Ich sehe sein Gesicht nicht, aber ich kann fast spüren, wie er die Augen verdreht.

»Sie kommt schon klar, Collins.«

Er holt seine ovale Brille mit den dicken Rändern raus. Ich finde ja, er sieht damit aus wie ein alter Opa. Er hat sie immer in der Tasche und setzt sie nur auf, wenn er sie wirklich braucht, als wäre es ihm peinlich. Ich rücke näher, damit ich die Nachricht auch lesen kann. Sie ist gar nicht von Cecilia, sondern von Susie Palmer, Cecilias Freundin, die ja sooo viele Shots hatte und nicht mehr fahren konnte.

Schläfst du? Ich bin allein im Gästezimmer, falls du mir Gesellschaft leisten willst ;)

»Weiß sie nicht, dass du gerade mit ihrer besten Freundin geschlafen hast?«, frage ich.

»Ich werde ihr nicht antworten.« Er legt das Handy weg, und der Bildschirm geht aus. Meine Augen müssen sich erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen, und einen Moment lang ist sein Gesicht nur eine heller Fleck neben mir, bis ich langsam auch die Brille erkenne.

»Echt?«

»Du klingst überrascht«, sagt er leise. »So ein Arsch bin ich auch wieder nicht.«

»Oder du bist einfach so unglaublich verliebt in Cecilia, dass du es nicht kaputtmachen willst«, sage ich und grinse. »Versteh schon.«

»Es ist, weil wir uns immer so angeregt unterhalten.« Er lacht, und ich schubse ihn, drehe mich weg und schließe die Augen. Ich kenne diese Seite von Andrew mittlerweile, Party-Andrew, der mit Mädchen rumknutscht, als wäre es keine große Sache, der über gemeinsames Duschen scherzt, als würden wir das alle tun.

In Comics ist es immer ein einschneidendes Ereignis – ein Spinnenbiss oder eine radioaktive Pfütze –, das dazu führt, dass ein normaler Mensch zum Superhelden wird. Aber Andrew verwandelte sich von Peter Parker so langsam in Spiderman, dass ich es gar nicht mitbekommen habe. Die Jahre haben dieses schlaksige Kind, das nur aus Armen, Beinen und Sommersprossen bestand, zu einem Jungen geformt, den Mädchen süß finden, der Macht über Mädchen wie Cecilia Brooks und Susie Palmer hat. Und aus großer Macht erwächst große Verantwortung, also gebe ich mein Bestes, ihn im Zaum zu halten, damit aus ihm kein absoluter Vollidiot wird.

Trotzdem werde ich den Gedanken nicht los, wie viel weiter er ist als ich. Es kommt mir vor, als würden alle in der Schule um den Highscore kämpfen, während ich daran scheitere, die Batterien richtig herum in den Controller zu legen.

»Gute Nacht, Andriot«, sage ich ins Dunkle. Aber er schläft schon und antwortet nur mit einem lauten, betrunkenen Schnarchen.

KAPITEL DREI
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»Jetzt, wo ich eine Frau bin, bestelle ich einen Espresso«, sagt Danielle, als wir am nächsten Morgen in ihrem Auto zu Dunkin Donuts fahren. »Das sind die Kleinen, ganz ohne Milch und Zucker, richtig?«

»Ja, und sie schmecken wie Benzin«, sagt Ava, die vorne neben ihr sitzt. »Seit der siebten Klasse gibst du fünf Stück Süßstoff in deinen Kaffee. Ich glaube nicht, dass eine magische Nacht daran was ändern wird.«

Wir haben eben noch Andrews Haus fertig aufgeräumt – alle Oberflächen poliert, die Böden geschrubbt und die Einfahrt freigeschaufelt, damit man keine Fußabdrücke oder Reifenspuren im Schnee sieht. Wenn es ums Haus geht, versteht Andrews Mom keinen Spaß. Ihr Schlafzimmer nennt sie ihr Heiligtum, und sie verbringt so viel Zeit in Einrichtungshäusern, dass sie vermutlich den Mitarbeiterrabatt bekommt. Wenn etwas anders ist, fällt es ihr sicher auf. Das Aufräumen am Morgen nach einer Party ist eine Sache von mehreren Stunden, für die, die so nett sind mitzuhelfen. Typen wie Jason Ryder lassen sich nie blicken.

In Kalifornien wird alles anders. In meiner Vorstellung sind dort alle vornehm und spreizen beim Weintrinken den kleinen Finger vom Glas. Die Jungs betrinken sich nicht mit Billigbier und versuchen dann, aus der leeren Dose Gras zu rauchen. Aber vielleicht sind die Leute auch überall gleich. Jetzt wurden wir losgeschickt, um den Müll wegzubringen, weshalb das Auto voller Säcke mit leeren Flaschen und Dosen ist, die wir nicht als Beweisstücke im Haus lassen konnten.

Ich sitze mit Hannah auf der Rückbank. Sie sieht blass aus, wahrscheinlich ist ihr schlecht vom Gestank des Mülls. Zu unserem Leidwesen liebt Ava Musicals, und wir hören ein Lied aus Wicked, das für den Morgen nach einer Party etwa drei Oktaven zu hoch ist.

»O Gott, können wir das bitte ausmachen?« Danielle greift zum Radio, aber Ava schlägt ihre Hand weg.

»Nein! Defying Gravity ist das beste Lied aller Zeiten. Willst du etwa behaupten, dass es nichts in dir auslöst?«

»Doch«, sagt Danielle, »es löst Selbstmordgelüste in mir aus.«

»Pass auf, was du sagst«, warnt Ava, »sonst mache ich Cats an. Cats ist richtig gruselig.«

Ava war seit Beginn der Highschool der Star jeder Musical-Aufführung, und nächstes Jahr wird sie wie Hannah auf die NYU gehen. Sie werden zwar nicht das gleiche Fach studieren, aber die Vorstellung, wie die beiden zusammen New York erkunden, macht mir zu schaffen, wenn ich zu lange daran denke.

»Gibt es ein Musical, das nur aus beruhigendem Meeresrauschen besteht? Das sollten wir uns anhören«, sagt Hannah und lehnt ihren Kopf an die Scheibe.

Wir fahren über eine kurvige Landstraße, am Wegrand wachsen Kiefern. In Prescott gibt es viele solche Straßen, die sich einen Weg durchs Niemandsland bahnen. Der Ortskern ist nicht mehr als eine Straße von vier Häuserblöcken mit Geschäften und Restaurants. Im Sommer zieht der nahe liegende See scharenweise Touristen an: Familien mit Schwimmreifen und riesigen Sonnencremetuben oder Wanderer mit Rucksäcken und Dreadlocks, die auf dem Appalachian Trail unterwegs sind. Im Herbst kommen die Herbstlaub-Gucker, Stadtmenschen aus New York oder Boston, die so langsam fahren, dass sie eine Gefahr für den Straßenverkehr sind. Aber Anfang März ist Prescott eine Geisterstadt.

Als wir auf eine belebtere Straße abbiegen, sehen wir das pink-orange Logo von Dunkin Donuts zu unserer Linken, Symbol all dessen, was gut ist in der Welt. Danielle fährt ohne mit der Wimper zu zucken daran vorbei.

»Was machst du?«, kreischt Ava. »Ich brauche Kaffee! Ich habe Kopfschmerzen!« Schwer zu glauben, bei dem Gekreische. Ava klingt immer so, als würde sie versuchen, bis zur letzten Zuschauerreihe durchzudringen. Manche Leute finden es nervig, dass sie immer so theatralisch ist, aber ich mag das eigentlich ganz gern. Sie fühlt sich eben voll und ganz in die Dinge ein. In der neunten Klasse musste sie einmal weinen, als sie in Englisch ein Gedicht vorgetragen hat, und es war ihr nicht einmal peinlich.

»Wir fahren zu dem auf Base Hill.« Danielle verdreht die Augen, als sollte das offensichtlich sein. Hier gibt es an jeder Ecke einen Dunkin Donuts. Allein im Landkreis sind es drei, dabei gibt es nicht mal ein Kino, und das nächste Einkaufszentrum liegt eine Fahrtstunde entfernt. »Es gibt einen neuen, gleich neben dem Fitnessstudio, wo die Typen von der EVmU Sport machen.«

Unter den Studenten der Eastern Vermont University, des regionalen Colleges, steht die Kräuterkunde hoch im Kurs, wenn ihr versteht, was ich meine. Viele Leute aus Prescott schleichen sich an den Wochenenden auf die Partys dort, aber es käme mir nie in den Sinn, mir das anzutun; College-Partys klingen wie der absolute Horror.

»Wie? Jetzt, wo du eine Frau bist, interessierst du dich nur noch für College-Jungs?«, frage ich Danielle und grinse.

»Wir haben den Highschool-Jungs schon viel zu viele Chancen gegeben«, sagt sie.

»Diese Redensart finde ich übrigens total bescheuert«, sagt Hannah. »Die Idee, dass man erst durch die Penetration eines Pimmels zur Frau wird. Warum geben wir Männern diese Macht?«

»Und lasst uns nicht die Lesben vergessen«, füge ich hinzu.

»Genau!«, sagt Ava. »Chase Brosner hat keinen magischen Penis.«

»Zum Glück«, sagt Danielle, »sein Ego ist so schon groß genug.«

»Kein Mann hat einen magischen Penis«, sage ich und lache. »Das denken sie nur alle.«

»Hast du mit Chase gesprochen?«, fragt Hannah. »Du weißt schon … seitdem?«

Danielle biegt scharf ab und ignoriert dabei ein Vorfahrtsschild. »Wir haben beide bekommen, was wir wollten. Er ist ein Idiot, wenn er denkt, es passiert noch mal. Nicht nach der Show, die er danach abgezogen hat.«

»Er ist so ein Arsch.« Ada nickt zustimmend. »Es ist genau wie damals mit Charlie.« Sie blickt nach hinten zu Hannah. »Die tun so, als würden wir ihnen was bedeuten, aber es ist alles nur ein großer Witz, oder nicht? Sobald sie gekommen sind, sind wir ihnen doch egal.«

»Neben mir liegen schon genug Flaschen. Müssen wir wirklich über Charlie reden?«

»Ich sag’s nur, wie es ist«, meint Ava, und ihre Stimme geht hoch. »Ist es nicht traurig, dass keine von uns noch mit dem Typen zusammen ist, mit dem sie ihr erstes Mal hatte? Wenn du dich zu sehr reinsteigerst, wirst du nur verletzt.« Sie dreht sich um und sieht mir direkt in die Augen. »Keely, sei froh, dass du noch Jungfrau bist.«

»Wie auch immer. Ich bereue es nicht.« Danielle fährt auf den Parkplatz und hält vor dem Fitnessstudio. Mit einem kräftigen Ruck stellt sie den Schalthebel in die Parkposition. Wir sehen, wie ein Mittzwanziger-Muskelprotz die Tür des Fitnessstudios öffnet und für ein Mädchen aufhält. Sie tritt hinaus in die Kälte und legt ihren Arm um seine Hüfte, als gehöre er genau da hin.

»Im College wird es noch schlimmer«, sagt Danielle. »Eigentlich sollte die peinliche Phase doch vorbei sein? Die sollte man nach der Highschool überwunden haben.« Sie sieht mich an. »Im College noch Jungfrau zu sein, ist, als hätte man eine Krankheit.«

Ava hatte natürlich recht mit dem Espresso. Der Sex hatte keinen Einfluss auf Danielles Geschmacksnerven, und nach dem ersten Schluck bestellt sie etwas, das vor allem aus Sahne besteht. Während sie mit Ava beim Tresen auf die zweite Bestellung wartet, setzen Hannah und ich uns mit unserem Kaffee an einen Tisch in der Ecke.

»Das ist alles nur Show von Danielle.« Hannah nippt vorsichtig an ihrem Caffè Latte. »Sie tut so, als würde es ihr nichts ausmachen, dass Chase sie buchstäblich aufs Kreuz gelegt hat. Noch Jungfrau zu sein als Krankheit zu betrachten, ist keine gute Einstellung.« Hannah spielt mit dem Deckel ihres Kaffeebechers herum. »Mal ehrlich, ob man noch Jungfrau ist, sollte nicht diese große Rolle spielen. Wir machen uns alle so viel unnötigen Druck. Erst dadurch wird es so ungeheuer wichtig. Du solltest dir nicht den Kopf darüber zerbrechen, dass du noch Jungfrau bist. Alle finden es völlig okay.«

»Aber genau das ist das Problem.« Ich stelle meinen Kaffee auf den Tisch. »Alle wissen davon. Sie sollten es nicht alle okay finden, sie sollten es alle gar nicht erst wissen.«

Letztes Jahr an Halloween war ich mit Hannah in der Rocky Horror Picture Show. Wir haben uns verkleidet und trugen Perücken und Korsetts. Als wir ankamen, malte uns der Showmaster mit rotem Lippenstift ein großes J auf die Stirn, damit die anderen Zuschauer sehen konnten, dass wir zum ersten Mal in der Show und somit Rocky Jungfrauen waren. So fühlt es sich für mich an, durch die Schulflure zu gehen – als könnten alle das J sehen, als wäre es nie abgegangen.

Meine Eltern haben immer sehr offen mit mir über Sex geredet. In der vierten Klasse erzählten sie mir enthusiastisch von den Blumen und den Bienen, wesentlich detaillierter als es zu dem Zeitpunkt nötig gewesen wäre. Der Ausdruck klitorale Stimulierung hat sich für immer in mein Gehirn gebrannt.

Dieses Dorf besteht nicht nur aus lauter Kirchgängern, zumindest nicht so, wie man vielleicht erwartet. Einige bezeichnen sich eher als spirituell und nicht unbedingt als religiös, glauben also an die Energie der Bäume und suchen nach Wegweisern in den Sternen. In meiner Familie feiern wir Weihnachten, aber es ging von Anfang an eher um die Geschenke. Danielle bezeichnet sich immer als jüd-lich; sie hatte nie eine Bat Mitzwa und schummelt beim Passahfest, weil sie meint, sie würde keinen Tag ohne einen Bagel aushalten.

Mir ist klar, dass Religion in anderen Kulturen viel stärker beeinflusst, wie die Leute über Sex und Keuschheit denken. Für manche sind Sex und Ehe nicht voneinander zu trennen. Dann ist es nicht peinlich, mit Sex bis zur Ehe zu warten, sondern wird sogar erwartet. Sex ist eine Form, Liebe auszudrücken. Etwas Heiliges.

Für Hannah war ihr erstes Mal auch heilig. Sie liebte Charlie, und er hatte behauptet, er würde sie auch lieben. Sie wartete, bis es sich richtig anfühlte. Als er dann vorschlug, sie sollten doch mal eine Nacht in seiner Hütte am See verbringen, wusste sie Bescheid. Es war romantisch, etwas Besonderes, perfekt. Bis zur Woche danach, als er sie für Julie Spencer sitzen ließ.

Ich warte nicht bis zur Ehe. Eigentlich warte ich nicht mal auf Liebe. Ich will Vertrauen und Respekt. Ich will mit jemandem schlafen, der darauf achtet, dass ich mich sicher fühle, der mich nicht für eine Elftklässlerin aus seinem Französischkurs verlässt oder danach nicht mehr mit mir redet oder es innerhalb weniger Minuten allen auf der Party verkündet. Ich fürchte, ich könnte mit der öffentlichen Demütigung nicht so gut umgehen wie Danielle. Und eigentlich finde ich auch nicht, dass ich das sollte.

Warte, bis du bereit bist, meinen alle immer. Aber wie weiß man, wann man bereit ist? Wacht man eines Tages auf und fühlt sich plötzlich erwachsener? Ich fühle mich überhaupt nicht erwachsen. Wenn Sex haben bedeutet, dass man sich verletzlich macht und sein Herz öffnet und dem Spott aussetzt, dann weiß ich nicht, ob ich jemals bereit dafür sein werde.

»Wenn es jetzt schon schlimm ist, wie soll es dann erst nächstes Jahr werden?«, jammere ich. »Wir werden in den zwei größten Städten des Landes studieren. In LA gibt es wahrscheinlich seit den 80er-Jahren keine Jungfrauen mehr.«

»Bis dahin sind es noch sechs Monate«, sagt Hannah. »Du hast noch Zeit. Und nächstes Jahr beginnen wir vollkommen neu, vergiss das nicht!«

Das Glöckchen an der Tür klingelt. Ein kalter Luftzug strömt in den Laden und schiebt einen Typen durch die Tür. Vom Alter her sieht er aus wie ein Student, wahrscheinlich von der EVmU, der nebenan zum Sport geht. Ich beobachte ihn, wie er auf seine fingerlosen Handschuhe pustet und die Hände aneinander reibt.

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