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Verwirrend heiße Gefühle

1. KAPITEL

Im Dorf war es viel zu still.

Chase Remington verbarg sich in der Dunkelheit am Rand des mittelamerikanischen Dorfes und wartete, doch nichts war zu hören. Keine Musik und keine Stimmen aus der Dorfkneipe, die in dieser Abendstunde hätte voll sein müssen.

Auf den Straßen hielten sich keine Menschen auf. Keine Babys schrien, keine Hunde bellten, als hätte die dunkle Nacht alles Leben in Chipultipe ausgelöscht.

Chase wartete. Eine eigenartige Spannung lag in der Luft. Er kannte dieses Gefühl und richtete sich danach. Es hatte ihm mehr als ein Mal in seiner Zeit als Agent das Leben gerettet.

Er tastete nach der Waffe. Jetzt war er kein Agent mehr, sondern Privatdetektiv, der in Chipultipe einen Auftrag erledigen musste.

Es war ihm egal, was sich in diesem Dorf abspielte, sofern es nichts mit der Frau und dem Kind zu tun hatte, die er in die Stadt bringen sollte. Und er bezweifelte, dass eine Frau und ihr Baby für die Spannung verantwortlich waren, die von dem Ort ausging.

Chase glitt von einem Versteck zum nächsten. Er wusste genau, wo er Paloma Juarez fand, und es war höchste Zeit, mit ihr und ihrem Kind von hier zu verschwinden. Noch vor Tagesanbruch wollte er wieder in seinem Bett in dem Luxushotel in Monterez schlafen.

Lautlos lief er von einer schmalen Straße zur nächsten, bis er das kleine Haus erreichte, in dem Paloma Juarez wohnte. Drinnen hörte er die leise Stimme einer Frau. Es klang, als würde sie ein Baby beschwichtigen. Noch ein Blick auf die leere Straße, dann schlüpfte er lautlos durch die Tür ins Haus.

Die Frau verstummte. Offenbar hatte sie ihn gehört. Chase wollte sie beruhigen und betrat ein kleines, dunkles Zimmer, sah jedoch niemanden.

“Keine Bewegung!”, befahl eine schroff klingende Stimme im spanischen Dialekt der Gegend.

Er wirbelte herum und erstarrte. Eine Waffe zielte direkt auf sein Herz.

“Sie machen einen Fehler”, sagte er und hörte einen unterdrückten Laut. Die Waffe schwankte einen Moment und zielte dann wieder auf ihn.

“Was machen Sie hier?” Die Frau blieb in völliger Dunkelheit verborgen.

“Ich suche Paloma Juarez.” Er spannte sich an. Diese Stimme kannte er doch von irgendwoher. “Ihr Onkel schickt mich. Ich soll sie und ihr Baby nach Monterez bringen.”

Sekundenlang herrschte Stille. “Sie kommen zu spät.”

Er kannte diese Stimme! “Wer sind Sie?”, fragte er. “Und wohin ist Paloma gegangen?”

Eine Frau tauchte aus der Dunkelheit auf und senkte die Waffe. “Paloma ist nirgendwohin gegangen”, sagte sie und verzichtete darauf, weiterhin Spanisch zu sprechen.

Chase starrte die Frau fassungslos an. Das schwarze Haar war kürzer als beim letzten Zusammentreffen, doch dieses Gesicht hatte er nicht vergessen. Er bekam Herzklopfen, und das Verlangen, das er drei Jahre lang unterdrückt hatte, packte ihn erneut.

“Andi McGinnis! Was zum Teufel machst du hier?”

“Genau das wollte ich dich fragen, Remington.”

“Ich bekam den Auftrag, Paloma Juarez und ihr Kind zu holen.”

“Und ich war die ganze Zeit hier. Hat Mac dir das nicht gesagt?”

“Mac hat nichts damit zu tun.”

“Mac Andrews wusste als Einziger außer mir von Paloma. Also kann nur Mac dich geschickt haben.”

Sein ehemaliger Boss hatte ihn mit einem hohen Honorar geködert und einen Strohmann eingesetzt, um ihn wieder nach San Marcos zu locken! Der Zorn vertrieb das unerwünschte Verlangen nach Andrea – oder Andi, wie sie genannt werden wollte. Für ihn war sie McGinnis. Größere Vertraulichkeit wäre dumm und gefährlich gewesen.

Allerdings konnte er sich jetzt weder Zorn noch Erinnerungen an Andi leisten. Dafür hatte er keine Zeit. “Es spielt keine Rolle, wer mich geschickt hat. Ich will nichts weiter als Paloma Juarez und ihr Kind.”

Andi wandte sich ab. “Paloma verlässt diesen Ort nicht.”

“Mac hat sicher nicht ohne Grund einen solchen Plan ausgeklügelt. Es liegt ihm offenbar viel daran, sie von hier wegzuschaffen.”

“Bestimmt, aber es ist zu spät. Paloma ist tot.”

Das war ein harter Schlag. “Was ist mit dem Kind?”

Andi holte unter dem Bett ein in eine Decke eingewickeltes Baby hervor. “Paolo ist nichts geschehen.”

Chase entdeckte Tränen auf ihren Wangen. “Was ist passiert?”, fragte er eine Spur sanfter.

“Ich habe keine Zeit für Erklärungen. Ich muss mit Paolo weg.” Vorsichtig legte sie das Baby auf den Boden und griff nach einem Rucksack.

“Ich bringe euch nach Monterez.”

“Nein, danke. Wir können nicht die Straßen nehmen.”

“Wie kommst du dann hin?”

“Es ist besser, wenn du das nicht weißt”, erwiderte sie kühl.

Als sie an ihm vorbei wollte, hielt er sie an der Hand fest. Das war ein Fehler. Ihre Haut war so weich, wie er es in Erinnerung hatte, und ihre Hand fühlte sich zart an. Wer nicht wusste, wie knallhart Andi McGinnis war, konnte leicht getäuscht werden.

Sie erstarrte, und für einen flüchtigen Moment las er Panik in ihrem Blick. “Lass mich los!”

“Du kommst hier nicht weg, bevor du mir nicht erklärt hast, was los ist.”

“Remington, ich sagte doch, dafür ist keine Zeit. Ich muss mit Paolo aus Chipultipe verschwinden.”

“Und ich sagte, dass ich euch nach Monterez bringe. Wir sind noch vor Tagesanbruch dort.”

Sie riss sich los und strich sich über die Hand. “Er lässt die Straßen überwachen.”

“Wer ist er?”

“Haben sie dir nicht einmal das gesagt? Natürlich El Diablo.”

“Mir hat niemand etwas gesagt”, erwiderte Chase grimmig. “Aber ich hätte gleich auf El Diablo tippen sollen, sobald ich dich erkannte.”

“Ich würde mich ja liebend gern mit dir über El Diablo unterhalten, aber Paolo und ich haben etwas zu erledigen, Remington.”

Sie hob das Baby auf und verließ das Zimmer, doch Chase versperrte ihr den Weg. “Du kommst hier nicht weg, McGinnis.”

Schon wollte sie antworten, stockte jedoch. Männerstimmen unterbrachen die Stille.

Andi drückte das Baby fester an sich. “Geh zur Seite, Remington. Ich muss weg.”

“Wer ist das?”

“El Diablos Männer.”

Er musste nicht lange überlegen. “Wohin?”

“In den Dschungel. Das ist unsere einzige Chance.”

Chase öffnete die Tür und warf einen Blick ins Freie. Noch war die Straße leer. Andi schob sich an ihm vorbei und zeigte in die Richtung, aus der die Stimmen kamen. “Hier entlang.”

Er wollte ihr widersprechen, doch sie kannte sich hier besser aus als er. Darum folgte er ihr lautlos, als sie zwischen zwei Häusern verschwand, die dicht beisammenstanden.

“Hier herein.”

Er konnte nichts sehen, streckte die Hände aus und ertastete einen niedrigen Schuppen.

“Du musst dich bücken.”

Drinnen war es heiß und eng, und es roch scharf nach Tieren. “Was ist das?”

“Miguel Fuertes’ alter Hühnerstall. Er hat letzte Woche die Hühner verkauft und keine neuen angeschafft. Das ideale Versteck. Hier sehen sie bestimmt nicht nach.”

Die Rufe näherten sich. Chase griff zur Waffe. Andis Bein berührte ihn. Er wollte von ihr abrücken, doch dafür reichte der Platz nicht. Das Baby gab einen Laut von sich, und Andi redete leise auf das Kind ein.

Sobald die Männer vorbei waren, schob Andi sich zur Tür und trat ins Freie. Chase folgte ihr mit gezogener Waffe.

“Wir haben nicht viel Zeit”, sagte sie besorgt. “Sie suchen mich, und sie werden bald merken, dass Paolo verschwunden ist. Dann ist ihnen klar, dass ich ihn habe.”

“Wie kommen wir am schnellsten in den Dschungel?”

“Immer geradeaus.”

“Dann los!”

Das Dorf war ringsum vom Dschungel umgeben. Die Bäume wuchsen so dicht an den Häusern, als warteten sie nur auf eine Gelegenheit, das verlorene Land zurückzugewinnen.

Chase hielt sich eng an Andi. Sie eilten zwischen den Häusern hindurch und mieden die Straßen und Lichter.

Chase sah sich immer wieder um und schirmte Andi und das Baby mit seinem Körper ab. Als sie endlich die letzten Häuser erreichten, bog Chase Zweige der üppig wuchernden Büsche und Bäume beiseite. Andi stolperte über Baumwurzeln und hielt sich an seiner Seite, obwohl Zweige zurückschnellten und sie trafen.

Heiße schwüle Luft legte sich wie eine nasse Decke über sie. Chase schwitzte jetzt schon, blieb jedoch nicht stehen. Erst mussten sie sich vom Dorf entfernen. Dann konnten sie eine Pause einlegen.

Andi atmete heftig hinter ihm, schwieg jedoch und ging auch nicht langsamer. Zum Glück blieb das Kind ruhig. Aus dem Dorf drang kein Laut.

Endlich blieb Chase stehen. Andi stieß gegen ihn und wich sofort wieder zurück.

Alle seine Muskeln spannten sich an, obwohl es nur eine flüchtige Berührung war, und er war sich ihres weichen Körpers überdeutlich bewusst. Doch Andi McGinnis war die letzte Frau auf der Welt, für die er sich interessierte. Ihr würde er nie vertrauen. Er wollte sie nicht einmal sehen. Sein Körper reagierte allerdings völlig anders.

“Kurze Pause”, erklärte er schroff. “Ist mit dem Kind alles in Ordnung?”, fragte er, als sie sich zu Boden sinken ließ und die Decke öffnete.

Andi nickte. “Es ist eingeschlafen.”

“Gut.”

“Ich hatte schreckliche Angst, dass Paolo weinen könnte.”

“Jetzt kann er schreien. Hier hört ihn niemand.”

Sie betrachtete das schlafende Baby. “Er wird vorerst nicht aufwachen.”

“Bist du sicher?”

“Nein. Ich hatte ihn nie die ganze Nacht und weiß nicht, ob er durchschläft.”

Chase lehnte sich an einen Baum und sah zu, wie sie das Baby streichelte. “Du weißt nicht viel über ihn.”

“Es reicht.”

“Du wolltest mit einem Baby, das du nicht kennst, in den Dschungel fliehen?”

“Ich habe mich in den letzten zwei Monaten tagsüber um Paolo gekümmert.”

“Das ist etwas anderes, als ihn ständig zu versorgen.”

“So schwer kann das nicht sein”, entgegnete sie eigensinnig. “Das schaffe ich schon.”

“Wieso wolltest du mit ihm weg?”

Seufzend betrachtete sie das Baby. “Weil er jetzt nur noch mich hat. Ich konnte nicht in Chipultipe bleiben und zusehen, wie er umgebracht wird.”

“Wer sollte ein Baby töten?”

“El Diablo. Du kennst ihn. Er würde nicht zögern, ein unschuldiges Kind umzubringen.”

Chase ließ sich auf die Erde sinken. Zwischen den Bäumen fiel das schwache Licht des Mondes auf Andis Gesicht. Es reichte nicht aus, dass Chase ihre Miene erkennen konnte, doch er erinnerte sich noch genau an ihre leuchtenden hellblauen Augen. Hastig wandte er sich ab.

“Was ist mit Paloma geschehen?”

“Glaubst du nicht, wir sollten erst einmal weiter weg von Chipultipe?”

“Hier sind wir vorerst in Sicherheit. Ich muss wissen, was los ist.”

Andi streichelte die Wange des schlafenden Babys. “Ich war zwei Monate in Chipultipe”, berichtete sie, “getarnt als Lehrerin des Friedenscorps. Ich sollte Informationen über Paloma beschaffen. Sie arbeitete in El Diablos Versteck als Hausmädchen.”

“Wie bist du an sie herangekommen?”

“Sie war eine sehr mutige Frau”, erwiderte Andi leise. “Ihr Mann arbeitete auch für El Diablo. Als er vor wenigen Monaten bei einer gescheiterten Drogenlieferung von Regierungssoldaten getötet wurde, erkannte sie, wie herzlos und grausam El Diablo ist. Der Tod ihres Mannes war ihm gleichgültig. Das gehörte zum Geschäft. Da wusste sie, dass sie El Diablo unschädlich machen musste. Von Monterez aus rief sie die Polizei an, und die hat sich mit unserer Agentur in Verbindung gesetzt. Zwei Monate später wurde ich als Kontaktperson nach Chipultipe geschickt.”

“Sie arbeitete also in El Diablos Haus.”

Andi nickte. “Sie beschaffte uns wertvolle Informationen. Sie dachte, El Diablo würde ihr nicht misstrauen. Vielleicht irrte sie sich, oder er schöpfte Verdacht, weil sich eine Fremde um sie und Paolo kümmerte. Er wollte wahrscheinlich kein Risiko eingehen. Heute Abend wurde sie auf dem Heimweg niedergeschossen. Man hielt sie für tot und ließ sie liegen.”

Chase drückte ihre Hand, obwohl er sich besser zurückgehalten hätte. “Tut mir leid, das muss schlimm gewesen sein.”

“Natürlich.”

Er sah ihr an, dass sie sich schuldig fühlte, und er erinnerte sich an den Schmerz über den Verlust eines Menschen, mit dem er zusammengearbeitet hatte … und an die Rolle, die Andi McGinnis in diesem Fall gespielt hatte.

“Paloma schaffte es zu meinem Haus. Sie hatte aber zu viel Blut verloren. Ich konnte sie nicht retten, machte es ihr jedoch so leicht wie möglich. Sie starb kurz vor deinem Eintreffen.”

“Und wieso musstest du weg?”

“Ihre Leiche liegt in meinem Haus”, erwiderte Andi ungeduldig. “Wenn El Diablo ihr misstraute, musste er mich für eine Kontaktperson halten. Ich war im Dorf fremd und außerdem Amerikanerin.”

“Wieso bist du dann nicht allein geflohen, sondern hast das Kind mitgenommen?”

“Weil der Kleine niemanden sonst hat. Paolo hat keine Verwandten. Jemand muss sich seiner annehmen. Paloma hat mich darüber hinaus gebeten, mich um ihn zu kümmern. Ich habe es ihr versprochen. El Diablo hätte ihn höchstwahrscheinlich als Warnung an mögliche Verräter auch umgebracht.” Sie zögerte. “Paloma gab mir vor ihrem Tod noch wichtige Informationen. Ich muss unbedingt nach Monterez, und mir bleiben nur fünf Tage.”

Sie strich dem Baby über den Kopf. Chase wollte diese Seite von Andi McGinnis nicht sehen. Zärtlichkeit erfüllte ihn und ein Sehnen, das er nicht genau einordnen konnte. Abrupt stand er auf und wandte sich ab. Eine Familie war das Letzte, was er sich wünschte.

“Wieso hast du die Informationen nicht einfach über Funk durchgegeben?”, erkundigte er sich.

“Ich habe mein Funkgerät im Dschungel versteckt. Wir hatten keine Zeit, es mitzunehmen, und ich halte es nicht für sicher, noch einmal umzukehren.”

“Du kannst mein Handy benutzen”, bot er an.

“Zu riskant”, wehrte sie ab. “Ich will keinesfalls, dass er ahnt, dass wir über das Treffen Bescheid wissen. Er soll sich persönlich zeigen, damit wir ihn schnappen können.”

“Was hast du jetzt vor?”

“Ich will nach Monterez. Vielen Dank, dass du mich mit dem Wagen hinbringen wolltest, aber El Diablos Leute werden die Straßen beobachten und alle Wagen durchsuchen. Das fällt also für mich weg. Dir wird dagegen nichts passieren, wenn du wartest, bis es hell ist.”

“Und du willst einfach mit dem Baby durch den Dschungel wandern.”

“Ja, sicher.”

“Kommt nicht in Frage, McGinnis. Du wirst mich nicht los, bis wir in Monterez sind.”

“Wieso willst du das machen?”

Die Wahrheit, dass er sie nicht im Dschungel allein lassen wollte, hätte sie nicht akzeptiert. Dafür war sie zu sehr auf ihre Unabhängigkeit bedacht. “Für mich geht es um viel Geld, und das hängt an Paolo.”

“Was soll das, Remington?”, fragte sie misstrauisch. “Wieso interessierst du dich so für Paolo? Und erzähl mir nicht, dass es mit Geld zu tun hat. Dafür kenne ich dich zu gut.”

“Du weißt gar nichts über mich, McGinnis. Ich wurde engagiert und werde meinen Auftrag ausführen, ob du nun mitmachst oder nicht.”

“Vergiss es”, wehrte sie ab. “Ich komme mit Paolo schon klar.”

“Glaube ich nicht, McGinnis”, entgegnete er. “Du schaffst es nicht allein nach Monterez. Also wirst du mich nicht los.”

“Wieso denn? Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich will sie auch nicht.” Panik schwang in ihrer Stimme mit.

Beinahe hätte er sein Versprechen widerrufen. Andi McGinnis hatte ihn drei Jahre lang in seinen Träumen verfolgt. Es war ihm nicht gelungen, sie aus seinen Gedanken zu verbannen. Ob auch sie an ihn gedacht hatte? Hoffentlich nicht!

Letztlich spielte es keine Rolle, weil er sie und das Baby nicht im Dschungel allein lassen konnte.

“Sagen wir mal, mir ist heute Nacht danach, den barmherzigen Samariter zu spielen, und du bist die Glückliche, um die ich mich kümmere.”

“Du hast in deinem ganzen Leben noch nichts aus Barmherzigkeit getan”, fuhr sie ihn an.

“Vielleicht hat mich das Leben als Zivilist weich gemacht”, entgegnete er spöttisch.

“Die Katze lässt das Mausen nicht. Fahr zurück nach Monterez, Remington.”

“Kann ich nicht, McGinnis. Ich lasse keine Frau mit einem kleinen Kind im Dschungel allein, nicht einmal dich.”

“Du willst bei mir bleiben, bis wir Monterez erreichen?”

“Genau das habe ich vor.”

Es ärgerte sie, aber sie fand sich auch allmählich damit ab. Zorn und Frust – eine interessante Mischung. Ob ein Kuss die gleiche Wirkung bei ihr hervorgerufen hätte? Der Gedanke erschreckte ihn. Nie wieder wollte er Andi McGinnis küssen. Das hatte er sich nach ihrem letzten Kuss geschworen. Er hatte herausgefunden, dass ein Kuss tödlich sein konnte.

Sie stand auf. “Dann sollten wir uns auf den Weg machen.”

“Ich wusste, dass du dich meiner Meinung anschließen würdest.”

“Hatte ich denn eine andere Wahl?”

“Eine Lady hat immer eine andere Wahl”, entgegnete er spöttisch. “Auch wenn die andere Möglichkeit vielleicht weniger ansprechend ist.”

“Da ich mich zwischen dem Tod und dir entscheiden musste, habe ich notgedrungen dich gewählt”, erwiderte sie gereizt. “Allerdings musste ich es mir vorher gut überlegen.”

“Das wird eine interessante Wanderung”, gab Chase zurück. “Machen wir uns auf den Weg.”

2. KAPITEL

Chase ging auf der kleinen Lichtung hin und her, während Andi das Baby in das Tragetuch legte. Sie schwang sich ihren großen Rucksack über die Schultern und stand auf. “Wir sind fertig.”

Chase blieb stehen und blickte auf sie herunter. Mit seiner Größe hatte er stets alle Leute eingeschüchtert, doch auf Andi wirkte das nicht. Sie straffte sich und hielt seinem Blick stand.

Er lächelte flüchtig und wich einen Schritt zurück. “Wie wolltest du nach Monterez gelangen?”, fragte er. “Du wolltest doch nicht durch den Dschungel gehen?”

“Natürlich nicht.” Sie warf ihm einen verächtlichen Blick zu und rückte Paolo im Tuch zurecht. “In der Nähe verläuft ein Fluss, und ich hatte vor, ein Kanu zu nehmen, um erst mal von hier fortzukommen. Später, so dachte ich, könnten wir uns wieder auf die Straßen wagen.”

“Und woher wolltest du ein Kanu bekommen?”, erkundigte Chase sich.

Andi zögerte nur einen Moment. Er hatte recht. Sie und Paolo hatten allein keine Chance. “Ungefähr fünf Kilometer von Chipultipe entfernt befindet sich ein anderes Dorf”, sagte sie und seufzte. “Ich wollte dorthin und dann flussabwärts gehen. Vom nächsten Dorf an plante ich, ein Kanu zu benutzen.”

“Ein guter Plan”, meinte Chase anerkennend. “El Diablo wird wahrscheinlich seinen Männern befehlen, sich im ersten Dorf zu erkundigen. Das zweite wird ihnen nicht mehr so wichtig erscheinen.”

Sie ging nicht auf das Lob ein. “Ich finde die Idee jedenfalls gut.”

“Wahrscheinlich hätte ich es auch so geplant.”

Das klang so widerwillig, dass sie ihm einen scharfen Blick zuwarf. “Was für ein großes Lob! Hoffentlich steigt es mir nicht zu Kopf.”

Chase unterdrückte ein Lächeln. “Du warst schon immer schlau. Das muss ich dir lassen.” Er warf einen flüchtigen Blick auf den schlafenden Paolo. “Du könntest erst einmal mit dem Kleinen hier bleiben, während ich mich umsehe. Falls ich die Landkarte richtig in Erinnerung habe, sollte es bis zum Fluss nicht weit sein. Es hat keinen Sinn, wenn wir uns beide durch den Dschungel kämpfen.”

Nach den Anstrengungen der letzten Stunden sehnte sie sich nach Ruhe und vor allem Schlaf, doch sie konnte sich keine Schwäche leisten. Zuerst mussten sie sich weiter von Chipultipe entfernen. “Wie willst du uns denn in der Dunkelheit wiederfinden?”

“Hast du Angst, ich könnte nicht zurückkommen? Ich dachte, du willst mich loswerden.”

“Mein Wunschtraum”, murmelte sie.

Es stimmte. Sie wollte nicht mit Chase Remington zusammen sein. Dafür waren die Erinnerungen an ihr letztes Zusammentreffen auch nach drei Jahren noch zu schmerzhaft. Sie hatte seine harten Worte nicht vergessen.

Ihn auch nicht. In seinem Blick hatte sie nichts wie Hass gefunden, und voll Verachtung hatte er ihren Körper betrachtet.

Und sie erinnerte sich daran, wie sie reagiert hatte. Sogar jetzt noch wurde sie verlegen, weil ihr Herz schneller geschlagen und Verlangen sie erfasst hatte. Sie hatte ihn begehrt, obwohl er sie hasste.

Bis heute wusste sie nicht, ob er damals ihre Reaktion auf ihn erkannte. Sie redete sich ein, dass es für sie keine Rolle spielte.

Er war aus ihrem Leben verschwunden, doch sie hatte ihn nicht aus ihren Gedanken verbannen können. Jetzt war er wieder hier, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er erneut fortging. Chase lenkte sie zu sehr ab. Die Information, die sie von Paloma erhalten hatte, war das wichtigste Ergebnis von zwölf Jahren harter Arbeit. Die Sache war so brisant, dass Andi sich von nichts und niemandem ablenken lassen durfte.

Vor allem nicht von Chase Remington!

“Verschwinde endlich”, sagte sie leise.

Er hatte sich schon abgewandt, drehte sich aber noch einmal um und ging vor ihr in die Hocke. “Bleib hier, McGinnis”, befahl er. “Ich will nicht zurückkommen und feststellen, dass du fort bist. Das würde mir gar nicht gefallen.”

“Und ich möchte dich auf keinen Fall verärgern”, erwiderte sie spöttisch, um zu überspielen, wie stark er auf sie wirkte.

“Sieh mal, McGinnis, es ist schwierig genug, das Baby sicher nach Monterez zu schaffen. Willst du es noch erschweren, indem du dich gegen mich stemmst? Wenn wir nicht zusammenarbeiten, spielen wir nur El Diablo in die Hände. Du kannst es dir aussuchen.”

Sie betrachtete das schlafende Baby und strich ihm wieder behutsam über den Kopf. “Keine Sorge, ich werde hier sein. Du hast recht. Ich will zwar nicht mit dir zusammenarbeiten, aber ich habe keine andere Wahl. Paolo darf nicht sterben. Ich gehe mit dir nach Monterez.” Sie lächelte ihm kalt zu. “Um Paolo zu retten, würde ich mich sogar mit dem Teufel verbünden.”

“Ich werde daran denken, McGinnis.”

Andi sah zu, wie Chase im grünen Dickicht des Dschungels verschwand. Nichts hatte sich seit ihrem letzten Zusammentreffen geändert. Sein blondes Haar war länger als früher, doch der Blick aus seinen grünen Augen war unverändert scharf und voller Verachtung für sie.

Sie selbst hatte sich auch nicht verändert. Ihr Herz klopfte bei seinem Anblick schneller, und sie sehnte sich nach etwas, das sie nicht haben konnte und das sie sich nicht einmal wünschen sollte.

Sie hatte einen Auftrag, musste Informationen nach Monterez schaffen und das Baby retten. Da blieb keine Zeit, albernen Träumen nachzuhängen.

Am liebsten hätte sie die Flucht vor Chase ergriffen. Solange er in ihrer Nähe war, konnte sie sich nicht auf ihre Aufgabe konzentrieren. Doch sie konnte nicht fort. Sie hatte Chase versprochen, auf ihn zu warten, und sie hielt stets Wort. Ihre Eltern fielen ihr ein. An ihrem Grab hatte sie vor zwölf Jahren einen Schwur geleistet, den sie ebenfalls halten musste.

Andi hatte sich auf der Erde ausgestreckt und war in einen leichten Schlaf gefallen. Als ein schwaches Geräusch sie weckte, drückte sie Paolo fester an sich, setzte sich lautlos auf und griff nach der Waffe. Erst als Chase auf die Lichtung trat, entspannte sie sich.

“Du bist noch hier”, stellte er überrascht fest.

“Das habe ich dir doch versprochen.”

“Ich vertraue nur wenigen Leuten.”

“Dann haben wir ja etwas gemeinsam”, sagte sie und sammelte ihre Sachen ein. “Hast du was herausgefunden?”

“Bis zum Fluss ist es nicht weit. Ich bin ihm ein Stück gefolgt und habe niemanden gesehen. Vielleicht erreichen wir heute Abend das zweite Dorf. Am Fluss zieht sich ein schmaler Pfad hin.

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