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Verwechslungsspíel ín Gríechenland

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

“Miss Quinton! Verdammt, ich weiß, dass Sie zu Hause sind! Wenn Sie mir nicht innerhalb von einer Minute aufmachen, schlage ich die Tür ein!”

Die raue Männerstimme verstummte, und jemand hämmerte so wild gegen die Wohnungstür, dass es Ria in den Ohren dröhnte. Zitternd stolperte sie in die kleine Diele. Die Tür bebte unter den Schlägen. Ein solcher Lärm um sechs Uhr morgens – die Nachbarn würden begeistert sein! Während Rias Abwesenheit hatte Poppy in ihrer Wohnung gewohnt, und bei der Rückkehr hatte Ria eine lange Liste mit Beschwerden der Nachbarn im Briefkasten vorgefunden. Und nun das!

“Gut, junge Frau!”, rief der Mann draußen wütend, eben als Ria den Riegel zurückschob. “Ich habe Sie gewarnt!”

Ria öffnete. Eine riesige schwarze Gestalt kam auf sie zugeschossen und stieß so heftig mit ihr zusammen, dass Ria ein Stück zurückgeschleudert wurde und mit dumpfen Knall an die gegenüberliegende Wand prallte.

“Sie kleiner Dummkopf!”

Ria strich sich das dichte, seidige silberblonde Haar aus dem Gesicht. Vor ihr stand der Furcht erregendste Mann, der ihr je begegnet war, und betrachtete sie kalt. “Wieso reißen Sie so plötzlich die Tür auf? Steckt hinter Ihrem Puppengesicht denn gar kein Verstand?”

Die ungerechte Anschuldigung brachte sie schlagartig zu sich. “Was fällt Ihnen ein?”, fuhr sie ihn hitzig an, und ihre Stimme klang erstaunlich fest. “Erst hämmern Sie wie ein Irrer gegen meine Wohnungstür, und dann fragen Sie, warum ich aufgemacht habe? Sie … Sie …”

“Mit Ihrem Spatzenhirn fällt Ihnen wohl kein passender Ausdruck ein? Sie sollten mich lieber fragen, wer ich bin. Oder ist Männerbesuch um diese Uhrzeit für Sie nichts Besonderes?” Aus stahlblauen Augen betrachtete er sie arrogant und abschätzend von oben bis unten.

Der warme, flauschige Bademantel, den Ria eilig übergestreift hatte, war aufgegangen, und unter dem hauchdünnen Nachthemd zeichneten sich deutlich ihre hohen vollen Brüste, die schlanke Taille und die schönen langen Beine ab. Rasch zog Ria den Gürtel wieder fest. “Es interessiert mich nicht, wer Sie sind!”, behauptete sie unsicher.

“Das wird sich bald ändern, Miss Quinton. Das verspreche ich Ihnen.” Seine Stimme war leise und tief, hatte aber einen grausamen Unterton, der seine Worte wie eine Drohung klingen ließ. Es ging etwas Kraftvolles, männlich Wildes von ihm aus, und noch nie hatte Ria sich so vor einem Mann gefürchtet. Ihr Puls raste, und ihr Magen verkrampfte sich.

“Was wollen Sie von mir?” Ängstlich sah sie an ihm vorbei zur geöffneten Tür.

Er schien ihre Absicht sofort zu erraten. “Alles zu seiner Zeit, meine Liebe.” Mit dem Fuß stieß er die Tür zu, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und verschränkte die Arme vor der Brust, scheinbar völlig entspannt. Seinem starken Akzent und der gebräunten Haut nach zu urteilen stammte er nicht aus England. Ria hatte keine Ahnung, wer er sein mochte und weshalb er so wütend auf sie war.

Angespannt stand sie ihm gegenüber, während er sie weiter in aller Ruhe betrachtete. “Nett. Sehr nett”, meinte er schließlich anerkennend, und als sie unwillkürlich errötete, lächelte er arrogant. “Achtzehn? Neunzehn?”

“Ich bin einundzwanzig. Obwohl Sie das nichts angeht.”

“Es geht mich sogar sehr viel an, mein cooles Kätzchen. Sie hätten Ihre Krallen nicht an einem Mitglied meiner Familie wetzen sollen. Jetzt geht mich alles an, was Sie betrifft. Wie oft Sie zwielichtige Nachtklubs besuchen, zum Beispiel. Ihr ganzer – bedauerlicher Lebenswandel …”

“Hören Sie zu!”, unterbrach sie ihn hitzig und richtete sich zornig auf. “Ich weiß nicht, wovon Sie reden, und ich will es auch nicht wissen. Sie sind mir völlig fremd! Glauben Sie, Sie könnten hier hereinplatzen, mich angreifen und beleidigen …”

Der Fremde kam einen Schritt auf sie zu. Sofort verstummte sie. Er schob sich jedoch nur verächtlich an ihr vorbei und betrat das kleine Wohnzimmer.

“Kommen Sie her, und setzen Sie sich”, sagte er leise, aber es klang wie ein Befehl. “Mit Frauen wie Ihnen streite ich nicht. Wir haben einiges zu besprechen, und so lange werden Sie Ihr hübsches Mundwerk im Zaum halten.”

“Es gibt nichts zu besprechen!” Vorsichtig ging sie an ihm vorbei und ließ sich dankbar in einen Sessel sinken. Hätte sie doch nie die Tür geöffnet! Wie hatte sie nur so dumm sein können? Sonst war sie immer sehr vorsichtig. Wahrscheinlich war ich nach dem langen Flug einfach durcheinander, dachte sie bedrückt.

Ria war eben aus Amerika zurückgekehrt, wo sie die Arbeit an einem wichtigen Fotoauftrag koordiniert hatte. Sechs Wochen lang hatte sie hitzige Gemüter beschwichtigt, Termine festgelegt, Arbeitsmaterialien organisiert und dafür gesorgt, dass jeder zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Es war eine anstrengende, aber auch aufregende Zeit gewesen. Ria liebte ihre Arbeit als Assistentin des Chefs einer kleinen, aber exklusiven Fotomodellagentur. Sie war gestern spätabends auf dem Flughafen London-Heathrow gelandet und weit nach Mitternacht erst ins Bett gekommen.

Unter dichten Wimpern hervor beobachtete sie, wie der Fremde kurz in jedes Zimmer ihrer kleinen Wohnung schaute. “Wir scheinen allein zu sein”, meinte er schließlich ausdruckslos.

Wütend fuhr Ria auf. “Was hatten Sie denn erwartet?”

Er lachte spöttisch. “Darüber sprechen wir besser nicht, meine liebe Poppy. Ich darf Sie sicher Poppy nennen? Mit Ihnen kann man sich doch alles erlauben.” Als sie widersprechen wollte, hob er gebieterisch eine Hand, und sein Gesichtsausdruck wurde hart und eisig. “Lassen Sie uns eins klarstellen. Ich bin nicht ‘hereingeplatzt’, wie Sie es ausdrücken, ich habe Sie nicht angegriffen, und wenn Sie die Wahrheit beleidigend finden, dann sollten Sie einmal gründlich über Ihr hässliches, selbstsüchtiges Leben nachdenken.”

Endlich begann Ria zu begreifen. Dieser Verrückte hielt sie für Poppy! Insgeheim stöhnte sie auf. Was hatte ihre schöne, aber flatterhafte und gedankenlose Cousine jetzt wieder angestellt? Sie hatte gleich geahnt, dass es wohl ein Fehler sein würde, während ihrer Abwesenheit Poppy die Wohnung zu überlassen. Aber diese konnte sehr hartnäckig sein, und Ria hatte ihr noch nie etwas abschlagen können.

Es gäbe da einen ganz außergewöhnlichen Mann, hatte Poppy Ria erzählt und sie aus samtweichen braunen Augen bittend angeschaut. Sie wolle nur ein wenig mit ihm allein sein, das wäre himmlisch. Poppy wohnte mit fünf anderen jungen Frauen zusammen in einem kleinen Haus – nicht eben der beste Nährboden für eine Romanze, wie Ria zugeben musste. Nach jedem Besuch dort fühlte sie sich wie nach einem Bombenangriff.

“Offensichtlich beginnen Sie zu begreifen.” Überrascht sah Ria auf. “Ihr Gesicht ist erstaunlich ausdrucksvoll, meine Liebe. Ich habe Sie mir anders vorgestellt.” Als sie den Fremden wütend anfunkelte, lachte er wieder. “Diesmal werden Sie für Ihre Fehler bezahlen. Das ist sicher eine ganz neue Erfahrung für Sie. Sie sollten dankbar sein.”

“Bitte hören Sie mich an. Ich muss Ihnen erklären …”

“Ihre Ausflüchte interessieren mich nicht”, unterbrach er sie ungeduldig und sah sie abfällig an. “Seien Sie still, und hören Sie mir genau zu. Ich werde es Ihnen nicht zwei Mal erklären.” Offensichtlich war er gewohnt, dass man ihm gehorchte, und Ria war zu erschöpft, um sich länger zu wehren. Verwirrt zog sie die zierlichen Füße unter sich und kuschelte sich schutzsuchend tiefer in die Polster.

“Mein Name ist Dimitrios Koutsoupis”, fuhr der Fremde ein wenig sanfter fort, den Blick auf Rias blasses Gesicht gerichtet. “Ich bin Nikos’ Onkel.” Als sie nicht reagierte, wurden seine Gesichtszüge härter. “Sie erinnern sich hoffentlich an Nikos?”, fragte er sarkastisch.

Ria sah ihn nur stumm an. Unwillig schüttelte er den Kopf. “Nachdem Sie ihm gesagt hatten, zwischen Ihnen sei alles vorbei, ist er nach Griechenland zurückgereist. Seitdem arbeitet er nicht, isst nicht, schläft nicht. Können Sie sich überhaupt vorstellen, was Sie ihm angetan haben? Mussten Sie sich auf so brutale Art von ihm trennen, nachdem Sie ihn wochenlang an der Nase herumgeführt hatten? Hat es wenigstens Spaß gemacht? Was ist?”, fuhr er sie plötzlich an. Ihre scheinbare Gleichgültigkeit schien ihn immer mehr zu reizen.

Ria wusste nicht, was sie antworten sollte. Schließlich zuckte sie die Schultern. Es wirkte lässiger, als sie beabsichtigt hatte.

“Einfach unbezahlbar!”, stieß Dimitrios zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, drehte sich heftig um und trat ans Fenster, als könnte er Rias Anblick nicht länger ertragen. Mit dem Rücken zu Ria blieb er breitbeinig stehen, verschränkte die Arme und sah auf die inzwischen belebte Straße hinab. Seine angespannte Haltung verriet, wie wütend er war.

Ria saß bewegungslos da und versuchte trotz ihrer Kopfschmerzen, das Wenige, was sie erfahren hatte, zu einem logischen Ganzen zusammenzusetzen.

Es war offensichtlich, dass Poppy sich wieder einmal in ein Abenteuer eingelassen hatte. Es war nicht das erste Mal, dass Ria mit den Nachwehen dieser Abenteuer konfrontiert wurde: Abgewiesene Liebhaber riefen bei ihr an und bettelten, sie möge Poppy dazu bewegen, sich noch einmal bei ihnen zu melden. Manchmal wurde sie sogar vor der Haustür oder auf dem Weg zur Arbeit von mutlos und übernächtigt wirkenden jungen Männern angesprochen, die von ihr wissen wollten, was sie falsch gemacht hatten, und die sie um Hilfe baten.

Poppy beendete ihre Liebschaften immer unweigerlich mit einem glatten Schnitt, schnell, sauber und ohne zu zögern. In den letzten drei Jahren, seit sie nach London gezogen waren, hatte Ria oft mit ansehen müssen, welche verheerenden Folgen Poppys grausames Verhalten haben konnte. Obwohl Ria verstand, warum ihre Cousine sich nach Eroberung und Bewunderung sehnte, machte das Schauspiel sie jedes Mal krank.

Sie war so tief in Gedanken versunken, dass sie heftig zusammenfuhr, als Dimitrios sich plötzlich zu ihr umdrehte.

“Ich muss mich für mein Verhalten entschuldigen.” Seine Stimme klang steif und förmlich, und sein Akzent war weniger ausgeprägt als zuvor. Anscheinend hatte er seine Gefühle jetzt unter Kontrolle. “Ich bin nicht hergekommen, um Ihnen die Meinung zu sagen. Was ich denke, spielt keine Rolle.”

Er blieb vor ihr stehen und beobachtete sie. Seine athletische Figur, der tadellos geschnittene dunkle Anzug aus erstklassigem Stoff, die lässig gebundene rote Seidenkrawatte, das makellos weiße Hemd, all das verlieh ihm eine Aura von Macht und gebändigter Energie.

“Und warum sind Sie gekommen?”, fragte Ria vorsichtig, als hätte sie es mit einem wilden Panther zu tun, der jeden Moment die Krallen zeigen und zum tödlichen Sprung ansetzen konnte.

“Ich brauche Ihre – Mitarbeit.” Sie spürte, dass er das Wort mit Bedacht gewählt hatte. “Nikos’ Mutter erholt sich beunruhigend langsam.” Er unterbrach sich, weil Ria fragend die Augenbrauen hob. “Sie müssen wissen, worum es geht”, ergänzte er eisig.

Ria schüttelte den Kopf. Verblüfft sah Dimitrios sie an. “Ich bitte nochmals um Entschuldigung. Nach allem, was Nikos mir über die intime Beziehung zwischen Ihnen erzählt hat, habe ich selbstverständlich angenommen, dass Sie über seine Familienverhältnisse Bescheid wissen. Wenn in meinem Land ein Mann und eine Frau sich Ringe schenken und einander Treue versprechen, haben sie keine Geheimnisse voreinander.”

Ria war überrascht. Hinter dieser Geschichte steckte wohl doch mehr, als sie zunächst vermutet hatte. Sie kannte Poppy so gut wie sich selbst und wusste, dass intime Beziehungen bei dieser nicht an der Tagesordnung waren. Und was die Ringe betraf: schon der Gedanke war lächerlich.

Was hast du nur angestellt, du Dummkopf?, fragte Ria in Gedanken. Und wieso muss ich jetzt für dich das Eisen aus dem Feuer holen? Und was für ein Eisen!

“Nikos’ Mutter, meine Schwester Christina, war schwer krank.” Zerstreut fuhr Dimitrios sich mit der großen Hand durchs dichte Haar und verzog einen Moment lang schmerzlich das gebräunte Gesicht. “Sie leidet an einer Knochenkrankheit. Die Behandlung war zwar erfolgreich, aber Christina hat noch immer starke Schmerzen und kann sich nicht normal bewegen. Auch das wird sich mit der Zeit geben. Im Augenblick ist es für sie jedoch lebensnotwendig, dass sie nicht den Lebenswillen verliert. Unglücklicherweise verursachen die Medikamente, denen sie die Heilung verdankt, als Nebenwirkung akute Depressionen.” Er hob beredt die Hände, und Ria nickte verständnisvoll.

“Als Nikos uns mitteilte, er habe sich in ein englisches Mädchen verliebt, war seine Mutter verständlicherweise zunächst gar nicht begeistert. Ihr wäre eine Griechin lieber gewesen. Doch heutzutage ist es üblich, dass junge Menschen selbst über ihr Schicksal entscheiden, auch wenn sie Fehler machen, die sie später bitter bereuen.” Sein Tonfall machte Ria unmissverständlich klar, dass das auf sie gemünzt war.

“So … bedauerlich dieser Zwischenfall war, auf meine Schwester hatte er trotzdem eine sehr positive Wirkung. Sie wünscht sich sehnlichst, die Frau kennenzulernen, in die Nikos sich in so kurzer Zeit so leidenschaftlich verliebt hat. Sie will sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass seine Verlobte zu ihm passt und er mit ihr glücklich werden kann. Das hat ihr ein neues Interesse am Leben gegeben.”

Verwirrt hörte Ria ihm zu. Poppy hatte sich doch offensichtlich wieder von diesem Nikos getrennt. Weshalb hatte dieser große, arrogante Grieche trotzdem die weite Reise nach England auf sich genommen?

“Christina kann es kaum erwarten, Sie kennenzulernen, und ich werde sie nicht enttäuschen.”

Ria brauchte einen Moment, bis sie verstand, worauf er hinauswollte. Dann hob sie unvermittelt den Kopf. Ihre Blicke begegneten sich. “Richtig”, sagte er ruhig und lächelte kalt. “Sie werden mich nach Griechenland begleiten. Und dort werden Sie meiner Schwester eine anständige, unverdorbene junge Frau vorspielen, die sich nichts Schöneres vorstellen kann, als Nikos unsagbar glücklich zu machen und ihm hübsche, zufriedene Kinder zu schenken.”

“Sie sind verrückt!”, flüsterte Ria entsetzt. “Vollkommen verrückt!”

Seltsamerweise schien ihm ihre Reaktion zu gefallen. Er setzte sich Ria gegenüber, streckte leise seufzend die langen Beine aus, lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. “Wann Sie nach England zurückkehren dürfen, hängt natürlich davon ab, wie gut Sie Ihre Rolle spielen. Für jemand wie Sie wird das nicht ganz einfach sein”, fuhr er leise und boshaft fort, “aber Sie sind sicher eine begabte Schauspielerin. Betrachten Sie es als Herausforderung.”

Ria hätte nie gedacht, einen Mann so hassen zu können. Dabei hatte sie ihn vor einer Stunde noch gar nicht gekannt! Ihre Kopfschmerzen hatten sich zu einem dumpfen Pochen verstärkt, und ihr war übel. Ich muss diesem Irren endlich sagen, wer ich bin!, dachte sie benommen und stand auf. Plötzlich hatte sie das Gefühl, das Zimmer würde sich um sie drehen. Hastig setzte sie sich wieder. Aus ihrem Gesicht war alle Farbe gewichen, sodass es fast grau wirkte.

“Was ist denn nun los?”, hörte sie Dimitrios gereizt fragen. Dann wurde sie unerwartet sanft in die weichen Polster zurückgedrückt. “Zu viele Partys?”

Ria war zu schwach, ihm zu widersprechen. Erschöpft schloss sie die Augen und kämpfte gegen die Tränen an. Dieser Mann konnte nie ein Foto von Poppy gesehen haben. Rias Cousine war zwar genauso alt wie sie und auch etwa gleich groß, hatte aber flammendrote Locken und sanfte braune Augen. Ein größerer Gegensatz zu Rias kühler englischer Schönheit ließ sich kaum vorstellen.

Es wird diesem Tyrannen ganz recht geschehen, wenn er die falsche Frau mit nach Griechenland nimmt!, dachte sie unwillkürlich. Das würde seinem Ego einen heilsamen Stoß versetzen.

Sobald das Schwindelgefühl nachließ, öffnete Ria die Lider. Dimitrios hockte neben ihr. Sein finsteres Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Er richtete sich schnell auf und sah schweigend mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen auf sie herab.

“Bleiben Sie sitzen.” Sein Befehlston brachte sie von Neuem auf. Hilflos ballte sie die Hände zu Fäusten, während Dimitrios in der kleinen Küche verschwand. Gleich darauf hörte sie ihn Schranktüren öffnen und schließen.

Gleich darauf stand er wieder vor ihr und hielt ihr eine Tasse mit dampfendem starken Tee hin. “Hier. Für euch Engländer ist das doch ein Allheilmittel.” Automatisch nahm Ria ihm die Tasse ab. “Es scheint Ihnen nicht gut zu gehen, aus was für Gründen auch immer.” Vielsagend zuckte er die Schultern. “Das tut mir leid. Trotzdem, ich habe zwei Plätze für den Nachmittagsflug nach Griechenland reservieren lassen. Sie werden mich begleiten, und wenn ich Sie den ganzen Weg tragen muss.”

“Ich komme nirgendwohin mit!” Ria nippte an dem heißen Tee und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

“Das war keine Einladung.”

“Was dann? Ein Befehl? Befehlen liegt Ihnen, nicht wahr? Wenn Sie glauben, Sie könnten mich einschüchtern, dann sind Sie an die Falsche geraten!” Und zwar gründlich, fügte sie im Stillen hinzu und sah trotzig zu ihm auf.

Er lächelte nur, aber dieses Lächeln ließ sie frösteln. Dann drückte er ihr zwei kleine weiße Tabletten in die Hand. “Nehmen Sie das ein.”

Ria ließ sie fallen, als wären sie glühend heiß. “Was ist das?”, fragte sie erschrocken. “Wo haben Sie das her? Was haben Sie mit mir vor?”

Ungeduldig seufzte er auf, als könnte er sich nur schwer beherrschen. “Aspirin aus dem Päckchen in Ihrem Küchenschrank, Sie Dummkopf! Ich bin zwar in viele Geschäfte verwickelt, aber Drogen und Sklavenhandel gehören zurzeit nicht dazu.” Er hob die Tabletten auf und verschwand nach einem verächtlichen Blick auf Ria in der Küche. Sekunden später kam er zurück, die Tablettenschachtel in der Hand.

“Hier. Bedienen Sie sich. Und denken Sie daran, dass sie unter allen Umständen mitfliegen werden.”

Seine tiefe, ruhige, klangvolle Stimme zerrte an Rias Nerven und jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Ein Glück, dass sie Dimitrios nie wieder sehen würde! Seine männliche Ausstrahlung löste die seltsamsten Gefühle in ihr aus. Das konnte nicht nur an ihrer Müdigkeit liegen!

Direkt neben Ria klingelte das Telefon. Erschrocken fuhr sie zusammen und streckte rasch die Hand nach dem Hörer aus, bevor Dimitrios ihr zuvorkam. Gleichzeitig sah sie auf die Uhr. Erst sieben. Wer rief denn um diese Zeit schon an?

“Ria, bist du’s? Oh, dem Himmel sei Dank, dass du endlich zurück bist!” Poppy schluchzte auf. “Ich sitze schrecklich in der Tinte. Du musst mir helfen!”

Ria spürte nur zu deutlich, dass Dimitrios sie scharf beobachtete. Sie zwang sich, unbeschwert zu antworten. “Hallo, Sarah! Das konntest ja nur du sein. Soll ich dich wieder einmal zur Arbeit mitnehmen?” Zugleich drehte sie sich im Sessel so um, dass Dimitrios ihr Gesicht nicht mehr sehen konnte. Trotzdem hatte sie das unbehagliche Gefühl, er würde ihre Gedanken lesen.

“Wer ist bei dir, Ria?”, flüsterte Poppy entsetzt.

Schlagartig fühlte Ria sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Im Geist sah sie zwei Mädchen, die trotz Verbot an einer alten Kanalschleuse spielten. Sie kletterten auf das Schleusentor, das noch vom Sommerregen schlüpfrig war. Ein Kind rutschte aus und wäre ins Wasser und in den sicheren Tod gestürzt, hätte das andere es nicht festgehalten. Damals hatte Poppy sich genauso verängstigt angehört wie heute, doch sie hatte Ria festgehalten. Ria dachte nicht daran, sie jetzt diesem kalten Fremden auszuliefern. Was immer Poppy seinem Neffen angetan haben mochte, er hatte kein Recht, so viel von ihr zu verlangen.

“Tut mir leid, Sarah, ich kann jetzt nicht mit dir sprechen. Es geht mir nicht gut.”

“Was ist passiert?”, hauchte Poppy in den Telefonhörer.

“Ja, hoffentlich sehen wir uns bald. Ich muss jetzt Schluss machen. Nikos’ Onkel ist aus Griechenland gekommen. Kannst du dir das vorstellen?”

Poppy blieb stumm. Offenbar konnte sie es sich nur zu gut vorstellen.

“Tschüss dann. Ruf später wieder an.” Sie legte auf.

Dimitrios saß auf der Kante eines Sessels und beobachtete Ria mit ausdruckslosem Gesicht. “Okay?”

Ria nickte, obwohl sie gar nicht sicher war, was er meinte. Er hatte die Krawatte abgenommen und die obersten Hemdknöpfe geöffnet, sodass sie die dunklen gekräuselten Haare auf seiner Brust erkennen konnte. Der Anblick beunruhigte sie. Sie schluckte hörbar. “Das war Sarah”, erklärte sie überflüssigerweise.

Er nickte leicht, ohne den Blick von ihr abzuwenden. “Bis zur Abreise bleiben Ihnen genau fünf Stunden Zeit. Nutzen Sie sie gut. Falls Sie vorher noch einen Arzt aufsuchen müssen, werde ich mich darum kümmern. Sicher haben Sie auch sonst einiges zu erledigen. Sie werden längere Zeit verreist sein.”

“Das ist ja lächerlich!” Erschrocken sprang sie auf. “Ich muss arbeiten! Sie können nicht einfach erwarten …”

“Doch, das kann ich.” Dimitrios stand ebenfalls auf und sah sie hart an. “Sie werden ausnahmsweise einmal genau tun, was man Ihnen sagt.”

“Für wen halten Sie sich eigentlich?”

Er verzog den Mund zu einem kalten Lächeln. “Sie wissen, wer ich bin. Und ich weiß, was Sie sind. Fotomodell, nicht wahr? Ein sehr begehrtes, wie Nikos mir erzählt hat.” So, wie er das sagte, klang es ausgesprochen angewidert. “Folglich müssen sie oft von einem Tag auf den anderen verreisen. Außerdem kümmert es mich nicht, was aus Ihrer Stelle wird. Mich interessiert nur meine Schwester.”

Ria war, als würde sie gegen eine Wand anrennen. “Bitte hören Sie mir zu. Sie …”

“Ja?” Er zog eine Augenbraue hoch. Als Ria verstummte, fuhr er abfällig fort: “Ich versichere Ihnen, dass ich für alle Reisekosten aufkommen werde. Nun, das müsste doch so ganz nach Ihrem Geschmack sein. Oder soll ich Ihnen etwa auch noch den Verdienstausfall ersetzen? Wie viel verlangen Sie?” Er nannte eine so hohe Summe, dass Ria ihn entsetzt ansah.

“Sie wollen mich bestechen. Mit was für Leuten verkehren Sie denn eigentlich?”

Seine Gesichtszüge wurden hart wie Granit. “Treiben Sie es nicht zu weit, Miss Quinton. Ich kann ein guter Freund sein, aber auch ein gefährlicher Gegner.” Er kam langsam auf sie zu.

Seine männliche Ausstrahlung faszinierte sie. Ria fühlte sich von ihm magnetisch angezogen, doch zugleich machte er ihr Angst. Sie wollte zurückweichen, konnte sich aber nicht bewegen. “Kommen Sie mir nicht zu nahe.”

“Sie wollen mir befehlen?” Seine Miene wirkte fast grausam.

Wütend erwiderte sie seinen Blick. “Und wenn ich nicht gehorche? Was machen Sie dann? Mich schlagen? Sind Sie einer von der Sorte? Brutal und …”

“Wie können Sie es wagen, über mich zu urteilen! Ausgerechnet Sie.” Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung zog er sie an sich und drängte sie gegen die Wand.

“Kleines Flittchen. Es wird Zeit, dass dir jemand Manieren beibringt.” Er beugte sich über sie, sodass sie seinen warmen Atem auf dem Gesicht spürte. Entsetzt versuchte sie, sich aus seinem eisernen Griff zu befreien, und warf den Kopf von einer Seite zur anderen.

Er lachte heiser. “Zahme, unterwürfige Männer sind dir wohl lieber? Der arme Nikos! Kein Wunder, dass er nicht mit dir fertig geworden ist.” Er küsste sie auf den Hals.

Außer sich vor Angst trat Ria nach ihm und wand sich in seinen muskulösen Armen, mit denen er sie so eng an sich drückte. Dimitrios seufzte verärgert auf und bog sie unbarmherzig weit nach hinten, bis sie sich an ihn klammern musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Zugleich küsste er sie sinnlich und mit so viel Raffinesse, dass sie schließlich gegen ihren Willen die Lippen öffnete.

Rias Herz begann wie wild zu klopfen. Ihre Empfindungen erschreckten sie noch mehr als diese Umarmung. Sie hätte nie gedacht, dass ein Kuss so viel in ihr auslösen könnte. Bisher war sie höchstens einmal von einem guten Freund zum Abschied geküsst worden. Das hier war ganz etwas anderes, und die wilden Gefühle, die dabei in ihr erwachten, waren ihr völlig neu.

Verzweifelt trommelte sie mit ihren kleinen Fäusten gegen Dimitrios’ Rücken, und als Dimitrios den Mund wieder zu ihrem Hals gleiten ließ, schluchzte sie auf. “Nicht! Bitte nicht!”

Zögernd hob er den Kopf und sah sie forschend an. “Das klingt fast, als würdest du es ernst meinen.”

“Ja!” Sein kraftvoller Körper flößte ihr solche Angst ein, dass sie kaum ein Wort hervorbrachte.

Dimitrios schob sie auf Armeslänge von sich und sah ihr nachdenklich in die grauen Augen, in denen sich deutlich ihre Furcht spiegelte. “Und ich habe dich für erwachsen gehalten.” Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den Ria nicht deuten konnte. “Man könnte meinen, dass du nicht ans Küssen gewöhnt bist.”

“Sie haben mir wehgetan!”

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