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Vertrauen ist gut, küssen ist besser

 

 

 

 

 

Zum Buch:

Nur kurz die Such- und Rettungsstaffel aufbauen und dann schnell abreisen. So lautet Destinys Plan. Nur hat sie die Rechnung ohne Kipling Gilmore gemacht – und ohne seine unglaubliche Anziehungskraft. Doch sie will keinen Extremsportler, sondern einen netten, ruhigen Mann. Allerdings stellt nicht nur er Destinys Welt auf den Kopf, sondern auch ihre Halbschwester, die gerade erst in ihr Leben getreten ist. Die Fünfzehnjährige braucht sie, also bleibt Destiny noch etwas in Fool’s Gold. Nur ihretwegen. Mit Kiplings Küssen hat das rein gar nichts zu tun, oder?

 

 

„Susan Mallery in Bestform: die perfekte Mischung aus Emotionen, Humor und einer großartigen Geschichte.“

Booklist

 

 

Zur Autorin:

Susan Mallery wird von den Kritikern als mitreißende Autorin gefeiert und unterhält mit ihren witzigen, emotionalen Romanen über Frauen und ihre Beziehungen Millionen von Leserinnen auf der ganzen Welt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem unerschrockenen Zwergpudel in Seattle, wo das Wetter zwar nicht gut, der Kaffee dafür aber umso besser ist.

 

 

 

Lieferbare Titel:

Fool’s-Gold-Serie

Spiel, Kuss und Sieg

Halbzeit oder Hochzeit

Touchdown für die Liebe

Küsse haben keine Kalorien

Weiter geht es nach der Werbung

Der Für-immer-Mann

Susan Mallery

Vertrauen ist gut, küssen ist besser

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ivonne Senn

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

 

 

 

 

Dieses Buch ist einer meiner liebsten Leserinnen gewidmet.

An alle Leserinnen von Susan Mallery:
Mögen Sie ihre Geschichten genauso genießen wie ich.
Eine hingebungsvolle Romance-Leserin, Jan W.

1. Kapitel

Niemand wachte morgens auf und überlegte sich: Heute werde ich mich im Wald verlaufen. Aber selbst ohne Plan konnte dies geschehen.

Vielleicht lag es schlicht an dem den Menschen innewohnenden Forscherdrang. Oder es war schieres Pech. Oder vielleicht waren Menschen einfach nur dumm. Grandma Nell hatte immer gesagt: „Schönheit vergeht, aber Dummheit bleibt.“ Nicht, dass Destiny Mills das eine oder das andere verurteilen würde. Menschen verliefen sich nun mal, und ihre, Destinys, Aufgabe war es, sicherzustellen, dass sie wiedergefunden wurden. Es war ein wenig so, als wäre sie eine Superheldin. Nur verfügte sie anstelle eines Laserblicks oder der Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, über ein brillantes Computerprogramm und ein gut ausgebildetes Such- und Rettungsteam.

Nun, theoretisch gesehen war es nicht ihr Team. Es gehörte zu der Stadt oder dem County, das ihre Firma engagiert hatte. Ihr Unternehmen hatte die Software programmiert, und sie war eine von drei Prozessbegleitern, die denen halfen, die es benutzen wollten. Sie kam vorbei, bildete das Such- und Rettungsteam aus und reiste dann zu ihrem nächsten Auftrag weiter.

Wenn heute Montag ist, muss ich in Fool’s Gold sein, dachte sie humorvoll, als sie ihr kleines vorübergehendes Büro betrat. Fool’s Gold, Kalifornien, Einwohner: 125.482, wie das Schild verkündete, das sie auf dem Weg hierher gesehen hatte. Am Fuße der Sierra Nevada gelegen, zog die Stadt Touristen zu Tausenden an. Im Winter kamen sie zum Skilaufen, im Sommer zum Wandern und Zelten und das ganze Jahr über, um eines der Dutzenden Festivals zu besuchen, für die der Ort berühmt war.

Nichts davon war jedoch der Grund für ihre Anwesenheit. Sie interessierte sich nur für die mehrere Hunderttausend Hektar Land direkt außerhalb der Stadtgrenze. Unerforschte Wildnis mit unzähligen Abhängen, Rinnen, Flüssen und Höhlen. Plätze, an denen Menschen sich verirrten. Und wenn jemand sich verirrt hatte, wen rief man dann an?

Destiny lachte leise, als die Titelmelodie von Ghostbusters durch ihren Kopf hallte. Sie wusste nicht, wie es anderen Leuten ging, aber für sie war das Leben ein Soundtrack. Überall war Musik. Noten bildeten Melodien, und Melodien waren wenig mehr als Erinnerungen, die man jederzeit abrufen konnte. Man musste nur einen Song vom Abschlussball der Highschool hören, und schon lag man wieder in den Armen seines Freundes.

Seufzend setzte sie sich auf ihren Stuhl und stellte ihren Laptop in die Dockingstation. Sie hatte nur gut eine Woche, um sich einzurichten, bevor die echte Arbeit begann. In den nächsten drei Monaten würde sie das Terrain kartografieren, die unglaublich intelligente Software ihrer Firma mit den Informationen füttern und das Such- und Rettungsteam ausbilden. Sie war die Kontaktperson, die menschliche Verbindung. Und in drei Monaten würde sie an einen anderen Ort des Landes ziehen und wieder von vorn anfangen.

Destiny liebte das Vagabundenleben. Sie fand es schön, immer wieder woanders zu sein. Es fiel ihr leicht, Freunde zu finden, und genauso leicht ließ sie alles hinter sich, wenn es an der Zeit war aufzubrechen. An dem neuen Platz würden weitere Freunde warten. Sicher, in ihrem Leben fehlte es an Kontinuität, aber dafür wurde ihr das emotionale Drama erspart, das langfristige Freundschaften mit sich brachten, die mitunter äußerst erschöpfend sein konnten.

Sie war in einer Familie aufgewachsen, die diese „Real Housewives of“-Sendungen im Fernsehen so interessant wirken ließen wie das Lesen des Telefonbuchs. Gegen ihre Eltern war Reality-Fernsehen gar nichts. Als Erwachsene hatte sie wählen können, ob sie das Drama wollte oder nicht, und sie hatte sich dagegen entschieden. Mit Absicht hatte Destiny einen Job und einen Lebensstil gewählt, die es ihr erlaubten, ständig in Bewegung zu sein.

Aber in den nächsten paar Monaten würde sie die kleinstädtische Schrulligkeit von Fool’s Gold genießen. Sie hatte sich bereits ein wenig über die Stadt informiert und freute sich schon darauf, das Lokalkolorit in sich aufzusaugen.

Pünktlich auf die Minute öffnete sich die Tür zu ihrem kleinen Büro. Destiny erkannte den großen, blonden, gut aussehenden Mann, der im Türrahmen stand. Sie hatten sich zwar noch nie getroffen – sie war von der Bürgermeisterin engagiert worden, nicht von ihm –, aber sie hatte ihn schon oft auf Zeitschriftencovers, in Fernsehinterviews oder Fotos in Internetartikeln gesehen.

Lächelnd erhob sie sich. „Hi. Ich bin Destiny Mills.“

„Kipling Gilmore.“

Seine Augen waren von einem dunkleren Blau, als sie erwartete hatte, und er hatte diese leichte Anmut, die vermutlich daher kam, dass er schon immer Sportler gewesen war. Denn er war nicht einfach nur Kipling Gilmore, sondern der Kipling Gilmore. Berühmter Athlet. Superskifahrer. Olympischer Goldmedaillengewinner. Die Presse hatte ihn G-Force genannt, weil es ihm zumindest auf Skiern nur auf Geschwindigkeit ankam und er allen Regeln der Physik zu trotzen schien. Er konnte Dinge tun, die niemals zuvor jemand getan hatte. Zumindest bis zu seinem Sturz.

Sie schüttelten einander die Hand. Dann reichte er ihr einen kleinen rosafarbenen Karton von einer Bäckerei. „Damit Ihnen das Einleben leichter fällt.“

Sie hob den Deckel und entdeckte ein halbes Dutzend Donuts. Der Duft von Zimt stieg ihr in die Nase. Er war berauschend und weckte den Wunsch in ihr, fünfzehn Minuten allein mit diesen zuckrigen Köstlichkeiten zu verbringen.

„Danke“, meinte sie. „Viel besser als Blumen.“

„Freut mich, dass Sie das so sehen. Wann sind Sie angekommen?“

„Gestern. Ich bin am Abend vorher nach Sacramento geflogen und dann gestern Morgen den kurzen Weg hierhergefahren.“

„Sind Sie mit Ihrer Unterkunft zufrieden?“

„Ja, und ich freue mich darauf, mich an die Arbeit zu machen.“

„Dann sollten wir loslegen.“

Sie setzten sich beide, und sie drehte ihren Laptop so, dass er auch etwas sehen konnte, während sie auf der Tastatur tippte.

„Es gibt zwei Voraussetzungen, um die Such- und Rettungssoftware zum Laufen zu bringen“, begann sie. „Das eine ist das Kartografieren der Gegend und das andere, Ihnen und Ihrem Team die Benutzung des Programms beizubringen.“

„Das klingt nicht so schwer.“

„Das höre ich immer – bis einen die Realität einholt.“

Langsam zog er eine Augenbraue hoch. „Ist das eine Herausforderung?“

„Nein. Ich will damit nur sagen, dass der Prozess seine Zeit braucht. STORMS kann sich an beinahe jede Situation anpassen. Der Erfolg oder Misserfolg einer Suche hängt normalerweise von einer Kombination aus Informationen und Glück ab. Mein Ziel ist es, das Glück aus der Gleichung zu streichen.“

STORMS – Search Team Rescue Management Software – unterstützte das Rettungsteam. Das System wurde mit Daten gefüttert, und dann prognostizierte das Programm die wahrscheinlichsten Gegenden, in denen mit der Suche begonnen werden sollte. Je mehr Informationen über die vermisste Person, das Terrain, die Jahreszeit und die Wetterbedingungen vorlagen, desto schneller ging die Suche. Jeder Suchende hatte einen GPS-Tracker bei sich. Dessen Informationen wurden zur Software zurückgeschickt, damit die Suche in Echtzeit aktualisiert werden konnte.

So wurden immer mehr Gegenden eliminiert und das Suchgebiet eingegrenzt, bis die vermisste Person gefunden wurde.

„Ich fange in den nächsten Tagen an, die Gegend zu kartografieren“, sagte sie.

„Wie wird das ablaufen?“

„Erst einmal aus der Luft. Wir benutzen einen Helikopter und verschiedene Ausrüstungen, um die uns bereits vorliegenden Satellitendaten zu unterfüttern. Die stark bewaldeten Gegenden und die steilen Berghänge werden zu Fuß erfasst werden müssen.“

„Und das machen Sie?“

Auch wenn die Frage durchaus höflich gestellt war, schwang in seiner Stimme eine gewisse Ungläubigkeit mit. Du dummer Mann, dachte sie lächelnd.

„Ja, Kipling, ich kann klettern, wenn nötig. An zu abgelegenen Plätzen nehme ich mir einen Führer mit, der sich in der Gegend auskennt.“

„Ich dachte, Sie wären ein Großstadtmädchen. Hat mir nicht jemand erzählt, Sie würden in Austin leben?“

„Dort wohne ich, ja. Aber ich bin in der Nähe der Smoky Mountains aufgewachsen. Ich komme da draußen ganz gut klar.“

Unerwähnt ließ sie, dass sie als Kind mehrere Jahre bei ihrer Grandma mütterlicherseits in den eben erwähnten Bergen gelebt hatte. Sie konnte nicht nur klettern, sondern auch angeln und kannte drei Arten, ein Eichhörnchen zuzubereiten. Doch das würde sie ihm nicht verraten. Wenn man jemandem sagte, dass man ein großartiges Steak zubereiten konnte, wurde einem applaudiert. Bei gekochtem Eichhörnchen mit Wurzelgemüse hingegen schauten sie einen an, als wäre man ein Kannibale. Die Leute waren seltsam, aber das war nichts Neues für sie.

„Dann vertraue ich darauf, dass Sie wissen, was Sie tun“, sagte er. „Wann kommt der Hubschrauber?“

Sie schaute auf den Kalender. „Ende der Woche. Es wird ein geschäftiger Sommer. Sobald wir die Geografie in der Datenbank haben, fangen wir an, das System zu testen. Das bedeutet, nach Menschen zu suchen, die sich nicht wirklich verlaufen haben.“

Seine Mundwinkel zuckten amüsiert. „Ich habe die Unterlagen durchgesehen.“

„Gut zu wissen. Heißt das, dass Sie auch Bedienungsanleitungen lesen?“

Er zögerte lange genug, dass sie anfing zu lachen.

„Das habe ich mir gedacht“, erwiderte sie. „Was ist das nur mit Männern und Anleitungen? Oder dem Fragen nach dem Weg?“

„Wir geben nicht gerne zu, dass wir etwas nicht wissen.“

„Das ist lächerlich. Niemand weiß alles.“

„Aber wir können es versuchen.“

Das überrascht mich nicht, schoss es ihr durch den Sinn. Draufgängertum und Männlichkeit schienen Hand in Hand zu gehen. Ein weiterer Grund, warum sie so viele Probleme damit hatte, den Richtigen zu finden. Sie wollte keinen Angeber mit aufgeblasenem Ego. Wenn die Gefühle verrücktspielten, konnte man darauf wetten, dass das andere Geschlecht durchdrehte, und dafür gab es in ihrem Leben keinen Platz.

„Werden Sie Probleme damit haben, Anweisungen von mir anzunehmen?“, hakte sie nach. „Denn falls ja, müssen wir uns gleich jetzt darum kümmern. Ich kann Sie gerne im Armdrücken bezwingen, wenn nötig.“

Kipling lachte. „Das bezweifle ich.“

„Seien Sie vorsichtig mit Ihren Vermutungen. Meine Grandma hat mir viele schmutzige Tricks verraten. Ich kenne Stellen … Wenn ich dort meine Knöchel reinbohre, schreien erwachsene Männer wie kleine Mädchen. Und nicht auf fröhliche Weise.“

„Es gibt eine fröhliche Art, wie ein kleines Mädchen zu schreien?“

Sie kräuselt die Nase. „Ich musste diese Drohung schon früher aussprechen, und manche Männer denken, ich rede über Sex. Aber das tue ich nicht.“

Sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht. „Interessant.“

„Also, werden wir ein Problem miteinander haben?“

„Nein.“

„Dann wird es ein guter Sommer. Ich hatte noch nie einen Auftrag in Kalifornien und freue mich darauf, die Gegend kennenzulernen.“

„Die Stadt ist ein wenig seltsam.“

„Wie meinen Sie das?“

Er lehnte sich locker auf seinem Stuhl zurück. Es gab kein Herumgehampel, kein Anzeichen dafür, dass er lieber woanders wäre. Er hat Geduld, dachte sie. Und die hatte er auch gebraucht. Schlechtes Wetter aussitzen, auf die richtige Jahreszeit und die passenden Bedingungen warten.

Kipling Gilmore hatte bei den Olympischen Spielen von Sotschi groß abgeräumt, dann war ein paar Monate später die Katastrophe passiert. Destiny war nicht sonderlich an Sport interessiert, also kannte sie die Einzelheiten nicht. Aber offensichtlich hatte er sich so weit erholt, dass er den Job als Leiter des Such- und Rettungsteams von Fool’s Gold angenommen hatte. Sie fragte sich, ob es ihm schwergefallen war, sich an ein normales Leben zu gewöhnen.

Immerhin wusste sie, dass es für die vom Ruhm Begünstigten nicht gerade leicht war, so zu leben wie die Normalsterblichen.

„Jeder weiß hier über jeden Bescheid“, sagte er.

Ach ja. Sie hatte ihn wegen des Ortes gefragt. „Das ist für Kleinstädte nicht ungewöhnlich.“

„Ja, doch hier ist es anders. Die Menschen bringen sich mehr ein. Wir unterhalten uns in ein paar Wochen wieder, mal schauen, was Sie dann darüber denken. Die Festivals sind interessant, und man muss seine Türen nachts nicht abschließen. Wenn Sie in der Nähe des Zentrums wohnen, brauchen Sie auch nur selten ein Auto.“

„Das klingt nett.“ Obwohl sie ihre Basis in Austin hatte, war sie kein wirkliches Großstadtmädchen. Die Exzentrik einer Kleinstadt lag ihr wesentlich mehr.

„Haben Sie schon Bürgermeisterin Marsha kennengelernt?“, erkundigte sich Kipling.

Destiny schüttelte den Kopf. „Nein. Sie hat mich angeheuert, aber die ganzen Verhandlungen liefen über meinen Chef. Ich treffe mich allerdings nachher mit ihr.“

Das amüsierte Funkeln kehrte in seine Augen zurück. „Ich werde auch dabei sein. Ich glaube, Sie werden sie mögen. Sie ist die am längsten regierende Bürgermeisterin von Kalifornien und sieht aus wie eine süße alte Lady, doch sie ist ehrlich gesagt ziemlich tough und führt ihre Stadt mit eiserner Hand. Sie kriegt Dinge geregelt, und manchmal verlasse ich einen Termin mit ihr und frage mich, was da gerade passiert ist.“

Das waren Qualitäten, mit denen sie sich anfreunden konnte. „Ich mag sie jetzt schon.“

„Das dachte ich mir.“ Er stand auf. „Willkommen in Fool’s Gold, Destiny.“

Sie erhob sich ebenfalls. „Danke.“

Als er ihr Büro verließ, musterte sie ihn verstohlen. Er ist super in Form, dachte sie und gab zu, dass er gerade charmant genug war, um sich zu fragen, ob sich da etwas zwischen ihnen beiden entwickeln könnte.

Sie schüttelte den Kopf, weil sie die Antwort bereits kannte – sie lautete Nein. Auf keinen Fall. Sie wollte das Normale. Alltägliche. Die Art Mann, die begriff, dass das Leben am besten ruhig zu leben war. Kipling alias G-Force war in Höllengeschwindigkeit Berge hinuntergerast. Er war ein Typ, der den Nervenkitzel suchte, und damit war er nichts für sie.

Sie würde einfach weitersuchen. Denn der Mann ihrer ruhigen, rationalen Träume war irgendwo da draußen, und eines Tages würde sie ihn finden.

Kipling stand am Straßenrand, und während er darauf wartete, dass eine der wenigen Ampeln in Fool’s Gold auf Grün umsprang, schaute er zu den Bergen hinauf. Jetzt, im Spätfrühling, konnte er sie ansehen und nichts empfinden. Der einzige verbliebene Schnee lag in Höhen, in denen man nicht Ski fahren konnte. Also gab es kein Gefühl des Verlusts, keine Erinnerung daran, dass er nie wieder gegen den Berg ankämpfen und gewinnen würde. Dass das Gefühl, über den Schnee zu fliegen, für immer verloren war.

Er wusste, was seine Freunde sagen würden, was die Ärzte ihm sagen würden. Dass er verdammtes Glück gehabt hatte, sich wieder so gut zu erholen. Dass er laufen konnte, war an sich schon ein Wunder. Alles andere war nur das Sahnehäubchen obendrauf.

Kipling hörte die Worte. An seinen guten Tagen glaubte er sie sogar. Aber den Rest der Zeit vermied er es, darüber nachzudenken, was er verloren hatte. Wenn es ganz schlimm wurde, hörte er einfach auf, zu den Bergen zu schauen.

Die Ampel zeigte Grün, und er überquerte die Straße. Während er ging, überlegte er, dass es vermutlich einfacher gewesen wäre, sich irgendwo einen Job zu suchen, wo es keine Berge gab. Irgendwo im Flachland. Vielleicht im Mittleren Westen oder in Florida. Nur konnte er sich nicht vorstellen, wie es sein musste, den Blick zu heben und nichts als Himmel zu sehen. Er hatte vielleicht eine ambivalente Beziehung zu den Bergen – er liebte und hasste sie gleichermaßen –, aber auf keinen Fall konnte er sich von ihnen fernhalten. Sie waren ein Teil von ihm. Es wäre einfacher, sich einen Arm abzuhacken, als ohne sie zu leben.

„Hey, Kipling.“

Wie von selbst winkte er der Frau zu, die einen Kinderwagen schob und ihn gegrüßt hatte. Fool’s Gold war ein freundlicher Ort. Hier kannten Nachbarn einander, und man freute sich über die Touristen genauso wie über das Geld, das sie mitbrachten.

Er war es gewohnt, dass Leute, die er nie zuvor getroffen hatte, wussten, wer er war. Das kam mit dem Ruhm, den er genossen hatte. Nur war es in Fool’s Gold anders. Intensiver vielleicht. Diese Stadt war nicht einfach nur ein Ort. Sie war eine lebende, atmende Essenz.

Kopfschüttelnd fragte er sich, wo diese Gedanken auf einmal herkamen. Normalerweise grübelte er nicht allzu sehr über solche Sachen. Er war eher ein Macher, der es vorzog, zur Tat zu schreiten, als still zu sitzen. Was seine Rekonvaleszenz nach dem Unfall zur reinsten Hölle gemacht hatte. Aber das lag jetzt hinter ihm. Abgesehen von den Narben, dem leichten Humpeln und dem dumpfen Schmerz, der ihn immer begleiten würde, war er geheilt. Und in Bewegung.

Er lief zu seinem Büro an der Ecke Eighth Street und Frank Lande, direkt bei einer der Feuerwachen und dem Polizeirevier. Hier bricht niemand ein, dachte er grinsend. Oder feiert in der Nachbarschaft allzu ausgelassene Partys.

Als er die Tür aufschloss und eintrat, erinnerte er sich daran, dass es ihn vor Jahren noch nervös gemacht hätte, sich in der Nähe irgendeiner Autoritätsperson oder -institution aufzuhalten. Damals hatte er geglaubt, mit seiner Fähigkeit, einen Berg hinunterzufliegen, ginge das Recht einher, so viel und so hart zu feiern, wie er wollte, und dabei auf die Konsequenzen zu pfeifen. Solange er die Uhr um eine Tausendstelsekunde schlug, war er ein Gott. Zumindest bis zum nächsten Rennen.

Aber die Zeit hatte so ihre Art, Menschen reifen zu lassen. Schreiend und um sich tretend war er erwachsen geworden, und hier war er nun und leitete das Such- und Rettungsprogramm der Stadt. Wer hätte das geglaubt?

Und auch wenn sein jüngeres Ich die Autoritäten verspottet hatte, vor den Bergen und den Menschen, die diejenigen retteten, die das Pech oder die Dummheit hatten, sich zu verirren, hatte er schon als Kind Respekt gehabt. Einmal war er selbst in eine Lawine geraten, und die Skipatrouille hatte ihm den Hintern gerettet.

Ich habe immer Glück gehabt, sinnierte er. Bis zum letzten Sommer, als er gestürzt war. Er hatte gewusst, dass sein Glück irgendwann aufgebraucht wäre, und er hatte akzeptiert, dass der Zeitpunkt gekommen war. Jetzt hatte er ein anderes Kapitel in seinem Leben aufgeschlagen. Er hatte ein Problem, und er löste es. Genau so hatte er es gern. Und in seinem Job gab es viel, was aus dem Weg geschafft werden musste. Oder gefunden.

Er schritt zu seinem Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Das Büro war so neu, dass er immer noch die frische Farbe riechen konnte und die Blumen, die er als Willkommensgeschenk erhalten hatte, noch nicht verwelkt waren. Kipling hielt sich eher für einen Menschenfreund als für einen Pflanzenfreund. Irgendwann würde er jedoch Mitarbeiter haben, und dann könnte sich einer von ihnen um das Gießen und Düngen der Pflanzen kümmern.

Er drehte seinen Stuhl herum, sodass er die große Landkarte studieren konnte, die an einer Wand hing. Sie zeigte gute fünfzig Quadratmeilen im Umkreis von Fool’s Gold. Im Westen lagen die Weinberge, die Straße nach Sacramento verlief in Richtung Süden. Die Hauptregion, für die er zuständig war, lag im Osten und Norden. Dort erhoben sich die zerklüfteten Berge der Sierra Nevada. Es gab tausend Wege, sich dort zu verirren, und er war überzeugt, dass Touristen und Einheimische jeden einzelnen davon finden würden.

Er erhob sich und trat näher an die Karte heran. Nur ein paar Meilen außerhalb der Stadt wurde die Landschaft rauer. Es gab Dutzende beliebte Wanderwege und Plätze zum Zelten. Erst letztes Jahr hatte es auf einem der Campingplätze eine Springflut gegeben. Die rauschenden Wassermassen hatten eine Gruppe von Mädchen und ihre Betreuer bedroht. Er wollte sicherstellen, dass so etwas nicht noch einmal passierte. Dass, wenn jemand sich verlief, er oder sie schnell gefunden und in Sicherheit gebracht wurde.

Mit der neuen Software würde die Suche leichter werden. Er wusste, dass es noch viel zu lernen gäbe, aber am Ende wäre das Ergebnis alle Mühen wert.

Sobald Bürgermeisterin Marsha ihm von der neuen Software erzählt hatte, hatte er angefangen, darüber zu recherchieren. Die Resultate waren beeindruckend, und er freute sich schon darauf, alle Einzelheiten des Programms kennenzulernen.

Und vielleicht auch Destiny Mills, dachte er grinsend. Sie war schön. Groß, kurvig. Und rothaarig – seine persönliche Schwäche. Irgendetwas an der Kombination von roten Haaren und blasser Haut erregte seine Aufmerksamkeit. Und wenn sie dann noch Sommersprossen hatte, umso besser. Ein Mann konnte sich auf die Suche nach Sommersprossen begeben und tagelang damit beschäftigt sein.

Aber sie war auch noch auf andere Weise sein Typ. Single – wenn er dem Gerede trauen durfte – und nur für eine begrenzte Zeit in der Stadt. Er war ein Mann, der die serielle Monogamie genoss. Ein vorherbestimmtes Datum für das Ende einer Beziehung zu haben war seine Vorstellung von Perfektion. Wenn die Lady interessiert war, war er mehr als bereit. Zumindest auf kurze Sicht.

Ab und zu fragte er sich, ob er mehr wollen sollte. Diese „Für immer“-Sache, nach der alle anderen sich zu sehnen schienen. Er hatte Liebe gesehen, glaubte sogar daran. Doch er hatte sie nie empfunden. Zumindest nicht die romantische Form. Lust, klar. Verknalltheit, absolut. Er liebte seine Schwester und sein Land. Für einen Freund würde er alles tun. Aber sich Hals über Kopf auf diese „Lass uns heiraten“-Weise verlieben? Das war nie geschehen.

Inzwischen nahm er an, dass es auch nicht mehr passieren würde. Und damit konnte er leben.

Bürgermeisterin Marsha war Ende sechzig. Sie hatte stechend blaue Augen und ihre weißen Haare zu einem losen Knoten hochgesteckt. Ihr Kostüm war maßgeschneidert, ihre Perlen schimmerten, und sie lächelte so freundlich, dass Destiny sich sofort wie zu Hause fühlte.

„Willkommen in Fool’s Gold“, sagte die Bürgermeisterin fröhlich. „Ich bin entzückt, Sie endlich kennenzulernen.“

„Danke gleichfalls.“

Destiny schüttelte die Hand der Bürgermeisterin so, wie Grandma Nell es ihr beigebracht hatte – mit festem Griff, während sie der anderen Person in die Augen schaute. Du bist ein Mensch, kein Fisch. Und so solltest du dich auch benehmen. Grandma Nell hatte für jede Situation einen Rat gehabt. Nicht alle davon waren angemessen oder auch nur hilfreich, aber sie waren definitiv erinnerungswürdig.

„Ich freue mich, hier zu sein“, erklärte Destiny. „Wir werden einen tollen Sommer haben, während wir STORMS installieren.“

„Ihr Chef David sagte, ich würde es genießen, mit Ihnen zu arbeiten, und ich sehe, dass er recht hatte. Ich mag Ihre Einstellung“, bemerkte die Bürgermeisterin. Dann blickte sie an Destiny vorbei und nickte. „Hier kommt der Rest unseres kleinen Meetings.“

Destiny drehte sich um und sah Kipling ins Büro der Bürgermeisterin schlendern. Anders konnte man die lockere Art, mit der er sich bewegte, nicht beschreiben. Ein netter Trick, dachte sie und bemerkte das leichte Hinken, das ohne Zweifel von dem schweren Sturz stammte, den er im letzten Jahr überlebt hatte. Wie war er wohl vor dem Unfall gewesen?

Wenn ich jemand anderes wäre und nach etwas anderem suchte, wäre Kipling definitiv eine Verlockung, überlegte sie. Doch das war sie nicht. Er war nicht der Richtige für sie, und sie wusste, dass sie besser nicht den falschen Weg einschlug. Sie hatte zu viele emotionale Katastrophen in ihrem Leben miterlebt, um dieses Risiko zu wagen. Manchmal nimmt man es mit dem Bären auf, und manchmal ist es umgekehrt. Bei Letzterem war es besser, so schnell und so weit zu laufen, wie man konnte.

Destiny unterdrückte ein Lachen. Ja, Grandma Nell hatte definitiv eine praktische Seite. Sie würde einen Blick auf Kipling werfen, Destiny beiseiteschieben und um ein wenig Privatsphäre bitten. Dann würde sie sich an ihm gütlich tun und ihn wegwerfen. Denn Beziehungsdramen, mit denen Destiny aufgewachsen war, hatten nicht erst mit ihren Eltern angefangen, auch wenn sie die schlimmsten gewesen waren. Nein, schlechte Ehen und gebrochene Herzen reichten auf beiden Seiten Generationen zurück.

Kipling umarmte die Bürgermeisterin und gab ihr einen Kuss auf die Wange, bevor er Destiny zunickte.

„Schön, Sie wiederzusehen“, sagte er.

„Gleichfalls.“

Bürgermeisterin Marsha führte sie zu einer Sitzgruppe in der Ecke ihres Büros. Sobald alle Platz genommen hatten, eröffnete sie das Meeting.

„Destiny, die Stadt freut sich riesig, Sie hier zu haben – und dass Sie uns helfen, das HERO-Programm auf die Beine zu stellen.“

Destiny nickte und warf Kipling einen Blick zu. Sie sah, wie er zusammenzuckte, und konnte nicht anders, als so zu tun, als wüsste sie nicht, wovon die Bürgermeisterin sprach.

„HERO-Programm?“

„Help Ermergency Rescue Operations“, erklärte Bürgermeisterin Marsha ihr. „Hilfe und Rettung im Notfall. So nennen wir Fool’s Golds Such- und Rettungsorganisation. Wir haben einen Wettbewerb veranstaltet, zu dem die Bewohner ihre Namensvorschläge einreichen konnten. Der Stadtrat hat zehn ausgewählt und dann abstimmen lassen. HERO hat gewonnen.“

„Es ist dennoch ein dummer Name“, entgegnete Kipling grummelnd.

Destiny unterdrückte ein Grinsen. „Sind Sie nicht gerne ein Held?“

„Sagen wir mal so: Ich muss mir ziemlich viel Unsinn wegen des Namens anhören.“

„Herausforderungen sind charakterbildend“, murmelte sie und dachte, dass ihm G-Force als Spitzname vermutlich wesentlich besser gefallen hatte.

„Noch etwas, woran es mir nicht mangelt.“

Er zwinkerte ihr zu, was sie beinahe zum Lachen gebracht hätte. Aber das hier sollte ein professionelles Meeting sein, also richtete sie stattdessen ihre Aufmerksamkeit wieder auf Bürgermeisterin Marsha.

„STORMS wird für das, was Ihnen vorschwebt, perfekt sein.“

„Darauf baue ich“, sagte die Bürgermeisterin. „Wir hatten sehr viel Glück, das Geld zu bekommen, das wir benötigen. Dank der bundesstaatlichen und staatlichen Zuschüsse und einer sehr großzügigen anonymen Spende ist die Finanzierung des Programms für die nächsten fünf Jahre gesichert. Einschließlich Ihres Parts.“

Beeindruckend, dachte Destiny. STORMS war nicht billig. Mit der Software selbst, der benötigten Ausrüstung, den Kosten für das Kartografieren und die Ausbildung des Teams lag der Preis bei über einer Million Dollar. Und darin waren die Kosten für den Unterhalt eines Such- und Rettungsteams noch nicht enthalten.

„Wir haben bisher exzellente Ergebnisse mit unserer Software erzielt“, erklärte sie. „Ihr Terrain ist hervorragend für das geeignet, was wir am besten können.“

„Wunderbar. Haben Sie und Kipling schon einen Plan?“

Kipling saß so entspannt da wie vorher in ihrem Büro. „Wir stellen ihn gerade auf. Destiny muss die Gegend kartografieren und die Informationen in ihre Software einspeisen. Danach werden wir einen Betatest des Programms durchführen. Der erste August ist unsere Deadline.“

„Gut.“ Bürgermeisterin Marsha nickte Kipling zu und wandte sich dann wieder an Destiny. „Stimmen Sie zu, dass wir diese Deadline halten können?“

„Wir haben geplant, das Programm Mitte Juli fertig installiert zu haben. Die zwei Wochen sind ein Puffer, von dem ich hoffe, dass wir ihn nicht benötigen.“

Destiny mochte keine unerwarteten Probleme. Ein Teil ihres Jobs war es, diese vorauszusehen, bevor sie eintraten. Sie rühmte sich damit, dass bei ihr immer alles glattlief.

„Und wie lebt Starr sich in Fool’s Gold ein?“

Der Themenwechsel der Bürgermeisterin überraschte Destiny. Schlimmer noch, sie brauchte eine Sekunde, um sich daran zu erinnern, wer Starr war und warum sie sich nach über zehn Jahren auf einmal noch um jemand anderen als nur um sich selbst kümmern musste.

„Ihr, äh, geht es gut, schätze ich. Wir sind erst gestern hier angekommen.“

Wissend nickte die Bürgermeisterin. „Ja, es muss schwer für Sie beide sein. Sie ist Ihre Halbschwester, nicht wahr? Sie haben den gleichen Vater, aber verschiedene Mütter?“

Destiny spürte, dass ihr der Mund offen stand. Schnell schloss sie ihn. „Ja, das stimmt“, antwortete sie vorsichtig. Ihr war es nicht recht, über ihre Familie zu sprechen. Denn es war so viel besser, wenn die Leute nichts davon wussten.

Sie warf Kipling einen Blick zu, doch er wirkte nur wenig interessiert an ihrer Unterhaltung. Hatte er eine Ahnung, wer sie war? Bisher hatte er sich nichts anmerken lassen.

„Fünfzehn ist ein schwieriges Alter.“ Bürgermeisterin Marsha schüttelte den Kopf. „Ungefähr zu der Zeit fingen auch die Probleme mit meiner Tochter an. Sie war ein sehr stures Mädchen. Aber das ist alles lange her. Was Sie und Starr angeht, hoffe ich, dass Sie Fool’s Gold als Ihr Zuhause betrachten, solange Sie hier sind. Wenn Sie irgendetwas brauchen, lassen Sie es mich wissen. Oh, und ich habe noch etwas für Sie.“

Sie schritt zu ihrem Schreibtisch und nahm einen Prospekt zur Hand. Dann kehrte sie zum Sofa zurück und reichte ihn Destiny.

„Wir haben hier ein Sommercamp. End Zone for Kids. Es liegt in den Bergen und bietet viele interessante Programme für junge Leute. Ich denke, Starr würde die Theaterklasse mögen und natürlich den Musikunterricht. Sie werden viel zu tun haben, und eine Fünfzehnjährige sollte nicht den ganzen Tag allein zu Hause sein.“

„Ich, äh, danke Ihnen.“

Destiny wusste nicht, was sie sonst sagen sollte. Woher wusste die Bürgermeisterin Starrs Alter? Oder dass sie allein zu Hause war? Auch wenn Letzteres vermutlich nicht schwer herauszufinden war. Immerhin war Destiny nicht bei ihr, und sie waren noch keine zwei Tage in der Stadt.

Dieser Erkenntnis folgten Schuldgefühle. Denn Starr war tatsächlich allein. Mit fünfzehn sollte das nicht so schlimm sein, aber darum ging es nicht.

„Den ganzen Sommer über gibt es ganz entzückende Festivals“, fuhr die Bürgermeisterin fort. „Ich hoffe, Sie nutzen die Chance, solange Sie hier sind. Fool’s Gold ist ein wundervoller Ort zum Leben.“

Irgendwie fand Destiny sich kurz darauf vor dem Büro wieder. Sie konnte sich nicht erinnern, sich verabschiedet oder es verlassen zu haben. Es war ein ganz seltsames Gefühl.

Kipling stand neben ihr und grinste sie an. „Na, fragen Sie sich, was da gerade passiert ist?“

„Ja.“

„Sie werden sich daran gewöhnen. Doch das mit dem Camp für Ihre Schwester war eine nette Idee.“

Destiny nickte. Auf keinen Fall würde sie erklären, dass sie Starr vor zehn Tagen das erste Mal getroffen hatte. Dass ihre Eltern zusammengenommen zwölf- oder vierzehnmal verheiratet gewesen waren und es Dutzende von Stiefschwestern und -brüdern und ein paar Halbgeschwister gab, die über das ganze Land verteilt waren. Niemand konnte den Überblick behalten, und Destiny hatte schon vor Jahren aufgehört, es zu versuchen.

Sie hielt den Prospekt fest in den Händen. „Wo wir gerade von meiner Schwester sprechen, ich sollte vermutlich nach Hause fahren und nach ihr schauen.“

„Sicher. Wir sehen uns später.“

Richtig. Die Arbeit. Sie zwang sich, sich zu konzentrieren. „Wir müssen über den Ausbildungsplan reden.“

„Geben Sie mir Ihr Handy.“

Sie reichte es ihm. Er tippte ein paar Zahlen ein und gab es ihr zurück.

„Jetzt können Sie mich jederzeit erreichen.“

Er winkte und lief in Richtung Treppe. Eine Sekunde schaute Destiny ihm hinterher. Kipling war eine gute Ablenkung. Aber als er aus ihrem Blickfeld verschwand, blieb sie allein zurück – in ihrer gänzlich neuen Welt, bestehend aus einem neuen Job, einer neuen Stadt und einer Schwester, die sie kaum kannte.

Ein Problem nach dem anderen, sagte sie sich entschlossen. Und im Moment bedeutete das, sich um ihre Familie zu kümmern.

2. KAPITEL

Für ihre Arbeit war Destiny ständig unterwegs. Während eines Projekts arbeitete sie vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, bis der Job erledigt war. Dann hatte sie ein paar Wochen Zeit, bis sie sich an ihrem nächsten Einsatzort melden musste. Abgesehen von einem wunderschönen Sommer in Nordkanada war sie immer nur zu Kunden innerhalb der Vereinigten Staaten geschickt worden.

Sie war es gewohnt, nicht die besten Restaurants zu kennen oder zu wissen, wo sie einen guten Arzt fand, wenn sie einen brauchte. Sie hatte gelernt, Fragen zu stellen und lokal einzukaufen. Und sie zog es vor, in einer Wohnung statt in einem Hotel zu wohnen.

Während ihrer freien Zeit zog sie sich in ihr Apartment in Austin zurück, wo sie sich über alles informierte, was sie während ihrer Abwesenheit verpasst hatte. Allein zu sein war für sie ein natürlicher Zustand. Einer, der ihr gefiel. Klar, ihre Mutter besuchte sie alle drei oder vier Monate. Und ihre Freunde oder die wenigen ihrer Geschwister, mit denen sie zusammen aufgewachsen war, riefen sie an, aber zum Großteil kümmerte Destiny sich allein um sich selbst. Sie musste sich keine Gedanken um die Vorlieben und Abneigungen anderer Menschen machen.

Wenn jemand sie fragte, ob sie sich denn niemals einsam fühlte, lächelte sie nur und schüttelte den Kopf. Grandma Nell hatte sie die Freuden des Alleinseins gelehrt. Wie man mit einem guten Buch oder einer Gitarre niemals wirklich allein war. Bücher und Musik waren ihre konstanten Begleiter. Besser sogar als eine Familie, denn sie stritten nie und verlangten auch nichts. Und sie waren immer vertraut. Anders als die Fünfzehnjährige, die zu Hause auf sie wartete.

Destiny stand vor dem kleinen Haus, das sie für den Sommer gemietet hatte. Es war alt, besaß aber einen gewissen Charme und hatte zwei Schlaf- und zwei Badezimmer. Es gab eine angebaute Garage und einen eingezäunten Garten. Das Haus war gemütlich. Und verglichen mit ihren sonstigen Bleiben sehr groß. Für mich allein hätte ich es niemals gemietet, dachte sie, als sie die Treppe zur Haustür hinaufging. Aber dieser Sommer war anders. In diesem Sommer hatte sie ihre Halbschwester bei sich.

Sie öffnete die Haustür und ging hinein. Starr saß mit angezogenen Knien in der Sofaecke und hatte ihr Tablet auf dem Schoß. Sie schaute auf. Ihre Augen ähnelten denen, die Destiny jeden Morgen im Spiegel sah, auch wenn die Skepsis darin ihr weniger vertraut war. Beide hatten die grünen Augen und die roten Haare von ihrem Vater geerbt, aber in allem anderen waren sie grundverschieden.

Destiny war groß. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, nur aus Armen und Beinen zu bestehen. Starr war kleiner und zierlicher. Destiny war Rechtshänderin, Starr Linkshänderin. Destiny stand gern früh auf, während Starr eine Nachteule zu sein schien. Aber sie waren Schwestern, und Destiny wusste, dass das alle Unterschiede überwand.

Vor zwei Wochen hatte Destiny sich gerade auf ihren Trip nach Fool’s Gold vorbereitet, als sie einen Anruf vom Anwalt ihres Vaters erhalten hatte. Der Mann arbeitete schon für ihn, solange Destiny sich erinnern konnte, und war verantwortlich dafür, nach jedem Missgeschick von Jimmy Don die Scherben aufzulesen. Ihr Vater war eine Legende, und hinter ihm aufzuräumen war ein Vollzeitjob.

Der Anwalt hatte Destiny erzählt, dass eine von Jimmy Dons Töchtern aus dem Internat nach Hause käme und keinen Ort hatte, an dem sie bleiben könnte. Jimmy Don hielt sich im Ausland auf, und die Mutter des Mädchens war vor einem Jahr an einer Überdosis gestorben. Es gab niemanden, der Starr Mills den Sommer über bei sich aufnehmen konnte.

Auch wenn es schwierig war, den Überblick über die vielen Frauen ihres Vaters zu behalten, erinnerte sie sich doch an die glühende Affäre mit Starrs Mutter und das Kind, das daraus entstanden war. Nach allem, was sie gehört hatte, war Starr wirklich ganz allein auf der Welt. Es abzulehnen, sie zu sich zu nehmen, war also keine Option gewesen.

Aber auch wenn sie und Starr biologisch gesehen Halbschwestern waren, hatten sie sich vor zehn Tagen, als Destiny den Teenager am Flughafen in Austin abgeholt hatte, zum ersten Mal gesehen. Bislang waren ihre Unterhaltungen alle sehr oberflächlich gewesen. Über mehr als ein „Wie geht es dir“ waren sie noch nicht hinausgekommen. Starr war ruhiger, als Destiny erwartet hatte. Es gab auch keine endlosen Telefonate mit Freunden oder hektische Chatsessions.

„Hi“, sagte sie und schloss die Tür hinter sich. „Wie läuft’s?“

„Gut.“ Starr legte ihr iPad beiseite. „Ich habe gelesen.“

„Warst du heute schon draußen?“

Starr schüttelte den Kopf.

Destiny hatte zwar keine eigenen Kinder, aber sie wusste, dass es keine gute Idee war, wenn eine Fünfzehnjährige sich tagelang in einem fremden Haus verschanzte. Es wäre nicht einmal gut, wenn es ein vertrautes Haus wäre. Kinder mussten rausgehen und Dinge unternehmen. Freundschaften schließen.

Destiny ließ ihren kleinen Rucksack auf den Boden fallen, setzte sich in den Sessel, der neben der Couch stand, und hielt Starr das Infomaterial hin, das Bürgermeisterin Marsha ihr gegeben hatte.

„Ich hatte heute Nachmittag eine interessante Unterhaltung“, meinte sie, entschlossen, nicht zu erwähnen, dass die Bürgermeisterin wesentlich mehr über Destinys Privatleben und die nicht existierende Beziehung zu ihrer Halbschwester wusste, als sie eigentlich sollte.

„Wie sich herausgestellt hat, gibt es hier in der Stadt ein Sommercamp. Oder besser gesagt, in den Bergen. Ich habe noch nicht alle Informationen gelesen, aber es ist in der Nähe, und ich dachte, das würde dir vielleicht Spaß machen.“

Misstrauisch schaute Starr sie an. „Warum?“

„Da gibt es Leute in deinem Alter. Und unterschiedliche Kurse. Theater, Gesang, Musik. Du wärst viel draußen. Das ist besser, als hier rumzusitzen.“

Wenn sie die Wahl hatte, war Destiny immer lieber draußen. Sie war nicht sicher, ob das auch schon so gewesen war, bevor sie zu Grandma Nell gezogen war, aber seitdem definitiv. Der Himmel schien sie zu locken. Die Bäume waren große Freunde, die Schutz und Schatten an heißen, sonnigen Tagen boten. Es gab tausend Dinge zu entdecken und die Magie der Musik, die Mutter Natur mit dem Rascheln der Blätter oder dem Singen der Vögel erschuf.

Starr nahm die angebotene Broschüre und schlug sie auf. „Ich würde gerne Schauspiel studieren“, gab sie zu. „Und Musik.“ Sie schaute auf. „Mich an der Gitarre verbessern.“

In der Aussage lag keine Anklage; sie war einfach nur sachlich. Was Destiny dennoch nicht davon abhielt, beinah unmerklich zusammenzuzucken. An dem Tag, an dem sie ihre Halbschwester vom Flughafen abgeholt hatte, hatte Starr gefragt, ob Destiny ihr helfen könnte, ihr Gitarrenspiel zu verbessern. Sie hatte zugegeben, es sich selbst beigebracht zu haben und von dem Mangel an Anleitungen frustriert zu sein. Destiny hatte gelogen und gesagt, dass sie nicht oft spielte und ihr leider nicht helfen könne.

Zwei Wochen später lastete die Lüge immer noch schwer auf ihren Schultern. Musik war genauso ein Teil ihrer Kindheit gewesen wie das Atmen. Angesichts ihrer Eltern war das wohl unausweichlich gewesen. Sie hatte schon Gitarre gespielt, noch bevor sie lesen konnte, und mit sechs Jahren hatte sie angefangen, Klavierunterricht zu nehmen.

Vor knapp zwölf Jahren hatte sie die Entscheidung getroffen, diesen Teil ihres Lebens hinter sich zu lassen. Sich auf das zu konzentrieren, was in ihren Augen die normale Welt war. Sie spielte nur noch selten und bemühte sich nach Kräften, die Liedtexte zu ignorieren, die ständig in ihrem Kopf aufpoppten. Manchmal gab sie nach und verbrachte einen ganzen Nachmittag damit, zu spielen und Songs zu schreiben. Normalerweise reichte das, um sie eine Weile zu beruhigen, bevor sie erneut von diesem Gefühl überwältigt wurde.

Sie sagte sich, dass sie das Recht gehabt hatte, diese Entscheidung zu treffen. Dass sie Starr nichts schuldig war. Und auch wenn das technisch gesehen richtig war, wusste sie, dass sie deswegen nicht hätte lügen dürfen.

„Ich habe schon nachgeschaut“, sagte sie jetzt lächelnd. „Sie bieten dort Gitarrenunterricht an. Und auch Klavier, wenn du daran interessiert bist.“

„Spielst du Klavier?“

„Früher mal.“

„Du hast keins im Haus?“

Nein. Sie hatte stattdessen ein tragbares Keyboard mit sehr guten Kopfhörern. Es lag unter ihrem Bett.

„Ich ziehe zu oft um, um ein Klavier zu haben“, erwiderte sie schulterzuckend. „Es wäre etwas schwierig, es im Handgepäck mitzuführen.“

Starrs volle Lippen verzogen sich ein wenig. Kein richtiges Lächeln, aber näher dran als je zuvor, dachte Destiny.

„Ich glaube, das Camp würde dir Spaß machen. Ich weiß, es ist schwer, von deinen Schulfreundinnen getrennt zu sein. Aber auch in dieser Stadt muss es doch ein paar coole Kids geben, oder?“

„Ich hänge nicht mit den coolen Kids ab“, erklärte Starr ihr. „Aber ich würde gerne ein paar Freunde finden.“

„Super. Dann schau dir das doch mal an, und sag mir, was du davon hältst.“

Starr nickte und fragte nicht nach den Kosten. Jimmy Dons Anwalt hatte erklärt, dass Starrs Mutter eine Lebensversicherung gehabt hatte und das Geld darauf in einen Fonds eingezahlt worden war. Ihr Dad hatte auch noch etwas dazu beigesteuert. Ohne Zweifel ging das Mädchen davon aus, dass seine Ausgaben davon bestritten werden würden.

Auch wenn Destiny wusste, dass sie rechtlich gesehen Geld aus diesem Fonds nehmen konnte, wollte sie es nicht. Sie würde die Kosten für das Camp aus eigener Tasche zahlen, genau wie die Ausgaben für Lebensmittel und Ähnliches. Immerhin waren sie eine Familie. Oder so etwas in der Art. Zumindest waren sie verwandt, und das allein zählte.

„Komm“, sagte sie und stand auf. „Du kannst dich weiter über das Camp informieren, während ich uns etwas zum Abendessen mache.“

Sie gingen in die Küche. Starr setzte sich an den kleinen Küchentisch, während Destiny die Zutaten für gebratenes Hühnchen zusammensuchte. Sie öffnete den Kühlschrank und entdeckte ein paar ihr unbekannte Schüsseln.

„Hast du gekocht?“, fragte sie.

„Nein. Die haben ein paar Frauen vorbeigebracht. Da ist auch eine Anleitung dabei, wie die Sachen aufzuwärmen sind. Sie sehen gut aus, oder?“

Destiny schaute auf die Etiketten. Auf dem einen stand einfach nur Lasagne, dazu Vorschläge, wie sie im Ofen oder in der Mikrowelle zu erwärmen wäre. Auf dem anderen stand Denises mehrlagiger Tamale-Auflauf. Destiny war ziemlich sicher, noch niemanden namens Denise kennengelernt zu haben, aber das war egal. Leute in Kleinstädten kümmerten sich umeinander. Alles, was irgendwie außergewöhnlich war, verursachte einen Menschenauflauf.

„Die können wir zum Mittag essen, wenn du magst“, sagte sie.

„Klar.“

Destiny gab Mehl, Salz, Pfeffer und Paprikapulver in eine große Plastiktüte. Dann wusch sie die Hähnchenteile ab, tupfte sie trocken und legte sie ein paar Minuten in Buttermilch ein, bevor sie sie in die Tüte gab. Nachdem sie ein paarmal kräftig geschüttelt hatte, nahm sie die bemehlten Stücke heraus und legte sie auf einen Teller. Der Trick für ein wirklich gutes gebratenes Hähnchen war, das Öl richtig heiß zu machen und die Mehlmischung ein wenig klebrig werden zu lassen.

Während sie wartete, betrachtete sie Starr. Das Mädchen war ganz in die Broschüre über das Camp vertieft.

Sie strahlte eine ungewöhnliche Ruhe aus. Vielleicht war es auch nur Traurigkeit. Starrs junges Leben war nicht einfach gewesen. Ihren Vater sah sie nur selten, ihre Mutter war immer wieder im Entzug gewesen und schließlich an einer Überdosis gestorben. Jetzt ging Starr auf ein Internat. Sie hatte keine Großeltern, und alle ihre Verwandten waren entweder Halb- oder Stiefgeschwister oder vollkommen Fremde.

Destinys Schuldgefühle kehrten zurück, aber dieses Mal aus einem anderen Grund. Ich muss mir Zeit für Starr nehmen, dachte sie. Sie hatten diesen Sommer zusammen und könnten einander kennenlernen.

Sie schätzte, dass es viele Familien gab, in denen Halbschwestern bestens miteinander auskamen. Aber nicht in meiner, und das liegt daran, dass mein Vater einer schönen Frau nicht widerstehen kann, dachte sie grimmig. Jimmy Don liebte die Ladys, und die erwiderten seine Liebe. Wieder und wieder. Er hatte jung und oft geheiratet, sich scheiden lassen und erneut geheiratet. Und ihre Mutter war nicht anders. Lacey Mills hatte gerade ihren siebten Ehemann. Oder vielleicht auch den achten. Es war schwer, den Überblick zu behalten.

Destiny war die Erstgeborene von Jimmy Don und Lacey. Sie war Zeugin der frühen Jahre ihrer Beziehung gewesen und mit dem Geschrei, dem Werfen von Tellern und dem ganzen Drama aufgewachsen. Mit der Zeit hatte sie gelernt, sich zu verkriechen, wenn die Gemüter hochkochten. Und sie hatte gelernt, dass die guten Zeiten immer nur vorübergehend waren. Schon damals hatte sie sich geschworen, einmal alles besser zu machen. Sie wollte eine ruhige, stille, vernünftige Ehe. Keine großen Höhen oder Tiefen für sie. Sie suchte nach einem Mann, den sie respektieren und mit dem sie Kinder haben konnte. Nicht nach jemandem, der ihr Herz schneller schlagen ließ.

Dieser Entschluss war ein Grund, warum sie den Kipling Gilmores dieser Welt aus dem Weg ging. Klar, er war ein attraktiver Teufelskerl mit einem angenehmen Lächeln und umwerfendem Charme. Sie war sicher, er kannte Wege, sie um seine Aufmerksamkeit betteln zu lassen. Aber sie wollte nicht betteln. Sie wollte keine Sehnsucht, Lust, Träume oder auch nur Begierde, sondern Sicherheit. Eine solide, verlässliche, bequeme Form der Liebe.

Sex war die Wurzel allen Übels. Das hatte sie ebenfalls sehr früh gelernt. Sie würde niemals die Kontrolle verlieren, worauf sie ein wenig stolz war. Kein Hormon war mächtiger als ihre Entschlossenheit, und daran würde sich niemals etwas ändern.

Das Man Cave war eine ehemalige Eisenwarenhandlung. Als Kipling das erste Mal die Idee gekommen war, eine Bar zu eröffnen, in der Männer sich wohlfühlten, hatte er sofort an den zum Verkauf stehenden Laden in der Katie Lane gedacht. Da der Verkäufer auch einer seiner zukünftigen Partner in der Bar hatte werden wollen, hatte Kipling einen guten Preis dafür bekommen.

Die Renovierung war schnell gegangen. Es hatte geholfen, dass einige seiner Geschäftspartner die örtlichen Händler und Handwerker kannten. Jetzt waren es nur noch wenige Wochen bis zur Eröffnung.

Kipling stand an der Eingangstür und schaute sich um. An der östlichen Wand gab es eine lange Theke, in die ein Selbstbedienungskühlschrank für Bier eingebaut war. Im vorderen Bereich standen mehrere Tische. Es gab Billardtische und Dartscheiben, einen Pokerraum weiter hinten und ausreichend Fernseher – sogar in den Waschräumen, damit niemand auch nur eine Sekunde eines Spiels versäumen musste.

Von der Galerie im ersten Stock schaute man auf die Bar hinunter. Dort oben gab es ausreichend Sitzplätze. Sport-Devotionalien bedeckten die Wände. Nicht nur die üblichen Titelbilder der Sports Illustrated-Bademodenausgabe, sondern echte Pokale und andere Stücke. Josh Golden, einer der Partner und der Mann, dem das Gebäude gehörte, hatte sogar eines seiner Gelben Trikots von der Tour de France gespendet. Es gab Footballs und Helme von den ehemaligen Spielern bei Score, der örtlichen PR-Agentur, und Dutzende Trophäen von ihnen und dem ehemaligen Quarterback Raoul Moreno. Kiplings Beitrag war eine seiner Goldmedaillen von den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver.

Aber was ihm am besten gefiel, waren die große Bühne und die moderne Karaokeanlage, die er bestellt hatte. Sicher könnten sie hier auch Bands auftreten lassen, aber Karaoke war für ihn das Beste.

Damals, als er das ganze Jahr über gereist war und an Wettbewerben teilgenommen hatte, hatte Karaoke dafür gesorgt, dass die Mitglieder seines Teams sich miteinander anfreundeten. Egal, wo in der Welt sie waren, sie fanden immer einen Laden mit einer Anlage und verbrachten viele Abende damit, sich zum Affen zu machen. Kipling konnte durchaus einen Ton halten. Nicht gut, aber es ging ja nicht darum, gut zu singen. Sondern darum, Spaß zu haben.

Die Idee für diese Bar begleitete ihn schon eine ganze Weile. Als er nach Fool’s Gold gekommen war, hatte er erkannt, dass dies hier der Ort war, an dem er sie in die Tat umsetzen konnte. Jo’s Bar in der Stadt lief gut, war aber hauptsächlich für Frauen. Die Pastellfarben und die Fernseher, auf denen Mode- und Shoppingsendungen liefen, machten ihm ein wenig Angst. Wo konnten hier die Männer abhängen? Ein paar Unterhaltungen später hatte er mehrere Partner und auch gleich einen langfristigen Mietvertrag bei Josh unterschrieben.

Er schaltete das Licht an und schaute sich im Raum um. Noch immer warteten sie auf die Tische und Stühle. Die Lizenz für den Ausschank von Alkohol war vorige Woche erteilt worden. Jetzt standen die Lieferanten bei ihnen Schlange.

In diesem Moment ging die Tür ging auf, und Nick und Aidan Mitchell traten ein.

Die beiden Männer waren in Fool’s Gold geboren und aufgewachsen. Soweit Kipling gehört hatte, gab es fünf Mitchell-Brüder, von denen die beiden jüngsten Zwillinge waren. Die Zwillinge und der älteste Bruder Del waren weggezogen.

Auf Vorschlag seines Partners hatte Kipling sich entschieden, Nick als Barmanager anzustellen. Aidan, der ein oder zwei Jahre älter war, führte das Familiengeschäft – Mitchell Adventure Tours. Die Firma bot Touristen alle möglichen Abenteuer von einfachen Tageswanderungen bis zum White-Water-Rafting an.

„Sieht gut aus“, sagte Aidan im Näherkommen. „Kann nicht mehr lange dauern bis zur Eröffnung.“

„Noch maximal drei Wochen“, erklärte Nick. „Ich bin schon dabei, Bedienungen einzustellen.“

Die beiden Männer waren groß und hatten dunkle Haare und dunkle Augen. Aidan funkelte seinen Bruder an. „Wirklich? Du stellst Bedienungen ein?“

Nicks entspannter Gesichtsausdruck schwand. „Fang nicht wieder damit an.“

„Keine Angst, den Ärger bist du nicht wert.“

In Aidans Stimme schwangen sowohl Frust als auch Zuneigung mit. Nach dem, was Kipling sich bisher zusammengereimt hatte, stand sich die Familie sehr nah, hatte aber auch so ihre Probleme. Der Vater war Ceallach Mitchell, der berühmte Glaskünstler. Er war sowohl für seine Begabung als auch für seine Launen bekannt. Nick hatte offensichtlich seine Fähigkeit, aber nicht seine Passion für die Glasbläserkunst geerbt. Soweit Kipling wusste, hatte Nick in den letzten Jahren lieber in Bars gearbeitet, als Glas zu verarbeiten.

Aidan stichelte oft gegen seinen Bruder – er beschwerte sich, dass der jüngere Mitchell so viel mehr tun könnte, als einfach nur eine Bar zu leiten. Da Kipling selbst eine komplizierte Beziehung zu seiner Schwester hatte, wusste er, dass er sich aus dieser Familienangelegenheit besser raushielt.

„Hast du noch mal über das nachgedacht, worüber wir gesprochen haben?“, fragte Kipling Aidan jetzt.

Der ältere Bruder zuckte die Schulter. „Du weißt, dass ich keine Zeit habe.“

Kipling wusste, wann es besser war, zu schweigen. Das war ein Trick, den er von seinem Coach gelernt hatte. Lass die anderen alle ihre Bedenken äußern, und dann werden sie am Ende schon deiner Sicht der Dinge zustimmen.

„Ja“, fuhr Aidan fort. „Ich weiß, es ist eine freiwillige Sache, aber im Sommer haben wir echt viel zu tun.“

„Du hast das ganze Jahr über viel zu tun“, warf Nick fröhlich ein. „Was, wenn es einer deiner Kunden ist, der sich verirrt?“

Aidan warf seinem Bruder einen giftigen Blick zu. „Dich hat niemand gefragt.“

„Ich muss auch nicht gefragt werden.“

Kipling unterdrückte ein Lachen.

Aidan verzog das Gesicht. „Setz mich nicht unter Druck.“

„Das würde mir nicht im Traum einfallen“, erklärte Kipling. „Habe ich schon erwähnt, dass es Bürgermeisterin Marsha war, die vorgeschlagen hat, dass ich dich frage?“

Aidan fluchte erneut. „Na gut“, grummelte er. „Dann werde ich eben einer deiner Freiwilligen.“

„Gut zu wissen. Ich bringe dir die Papiere morgen vorbei.“

„Es gibt Papiere?“ Aidan schüttelte den Kopf. „Keine gute Tat bleibt ungesühnt.“

Nick schlug ihm auf den Rücken. „Das weißt du doch.“

„Glaub ja nicht, dass du ungeschoren davonkommst“, sagte Aidan.

„Ich hatte es nicht anders erwartet.“

Zwei für den Preis von einem, dachte Kipling zufrieden. Das Such- und Rettungsteam, von dem er sich weigerte, es HERO zu nennen, würde hauptsächlich aus Freiwilligen bestehen. Er hätte die Leitung inne und war gerade dabei, einen Stellvertreter zu engagieren sowie ein paar Mitarbeiter zur Unterstützung. Aber alle anderen würden auf freiwilliger Basis mitmachen. Das war der einfachste Weg, die Kosten niedrig zu halten.

Angesichts der Bereitschaft der Gemeinde, sich einzubringen, glaubte Kipling nicht, dass er ein Problem bekommen würde, alle auszubilden. Er hatte bereits mit den Leitern der Polizei und der Feuerwehr gesprochen, und die hatten ihm versichert, dass sie ausreichend von ihren Leuten schicken würden.

Aidan war jedoch derjenige, den er wollte. Durch seine Firma kannte er die Gegend besser als jeder andere. Wenn sich jemand verirrte, wollte er Aidan am Boden haben, um nach ihm zu suchen.

„Wann fängt die Ausbildung an?“, wollte Nick wissen.

„In ungefähr einem Monat. Die Prozessbegleiterin von STORMS ist vor ein paar Tagen angekommen. Sie muss erst noch die Gegend kartografieren und die Software zum Laufen bringen.“

Aidan nickte. „Die große Rothaarige, oder? Ich habe sie schon in der Stadt gesehen. Wie heißt sie?“

„Destiny Mills.“

Kipling wollte noch mehr sagen. Zum Beispiel, dass ihre grünen Augen ihn an das erste Frühlingslaub vor dem letzten Schnee der Saison erinnerten. Nur war er kein Mann, der so redete. Das tat niemand. Zumindest keiner, den er kannte.

„Du könntest eine Frau gebrauchen.“ Nick stieß seinen Bruder an.

„Sie ist nicht mein Typ.“

„Woher weißt du das? Du hast sie doch noch gar nicht kennengelernt.“

Aidans Miene verfinsterte sich. „Sie ist es einfach nicht. Lass es gut sein.“ Damit drehte er sich um und verließ die Bar.

Nick wartete, bis sein Bruder weg war, dann schüttelte er den Kopf. „Er geht nie länger als fünfzehn Minuten mit einer Frau aus. Eines Tages wird sich diese Einstellung rächen. Was ist mit dir? Wie sind deine Gedanken über Ms. Destiny Mills?“

Kipling teilte so etwas mit niemandem außer der fraglichen Frau. „Ich gehe nicht mit ihr aus, sondern arbeite mit ihr zusammen. Woher das plötzliche Interesse?“

„Ich bin der Barkeeper. Ich muss auf dem Laufenden sein.“

Kipling dachte kurz daran, Nick zu warnen. Er hatte seine eigenen Pläne mit Destiny. Aber dann erkannte er, dass es keinen Sinn hatte. Wenn Destiny an den gleichen Dingen interessiert war wie er, würde er das schon früh genug erfahren. Wenn nicht, war Nick herzlich eingeladen, es bei ihr zu probieren. Kipling hatte nie große Probleme damit gehabt, Frauen zu bekommen oder zu halten. Sein Problem war eher, dass er nie das Gefühl hatte, mehr zu wollen als eine vorübergehende Affäre. Aber bis es an der Zeit war, zu gehen, war er durchaus interessiert, herauszufinden, was Destiny so vorschwebte.

Destiny wachte früher auf als üblich. Als sie geduscht und sich angezogen hatte, war es immer noch erst kurz vor sechs. Sie nahm sich ihr Portemonnaie und steckte es in die vordere Tasche ihrer Jeans, dann ging sie leise zur Haustür und trat nach draußen.

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