Logo weiterlesen.de
Vertrau mir, Tara

1. KAPITEL

Als der Summton der Gegensprechanlage ertönte, drückte Tara Lyndon auf die Taste, ohne den Blick vom Bildschirm ihres Computers zu wenden.

“Janet?” Ihre Stimme klang freundlich, wenn auch leicht angespannt. “Ich hatte Sie doch gebeten, mich nicht zu stören.”

“Es tut mir leid, Miss Lyndon”, antwortete ihre Sekretärin reumütig. “Aber Ihre Schwester ist am Apparat. Sie lässt sich nicht abwimmeln.”

Ja, das kenne ich, dachte Tara und seufzte. Sie ahnte, was Becky wollte.

“Okay, Janet, stellen Sie sie durch.”

“Liebes”, begrüßte Becky sie munter. “Wie geht es dir? Ist das nicht ein herrliches Wetter?”

“Mir und dem Wetter geht es gut”, erwiderte Tara spöttisch. “Becky, ich habe überhaupt keine Zeit. Kannst du dich kurzfassen, bitte?”

“Kein Problem. Ich wollte mich nur wegen des Wochenendes vergewissern. Ich weiß nicht mehr genau, was wir abgemacht haben.”

“Die Sache ist doch völlig klar”, stellte Tara geduldig fest. “Du hast mich nach Hartside eingeladen, und ich kann nicht kommen.”

“Und ich habe dich gebeten, es dir noch einmal zu überlegen. Hast du es getan?”

Tara schloss sekundenlang die Augen. “Becky, es ist nett von dir, dass du dich so bemühst. Ich habe jedoch etwas anderes vor.”

“Ach wirklich? Musst du Bewerber interviewen?”

“Nein”, antwortete Tara. “Ich will ausspannen und fahre weg.”

“Bei uns kannst du dich auch entspannen”, wandte Becky ein. “Die Kinder fragen ständig nach dir.”

“Unsinn”, entgegnete Tara ziemlich schroff. “Giles und Emma würden mich sowieso nicht mehr erkennen.”

“Genau das meine ich ja. Du bist so sehr mit deinem Beruf und deiner Karriere beschäftigt, dass du keine Zeit mehr für deine Familie hast. Gerade jetzt, da Mum und Dad am anderen Ende der Welt sind, vermisse ich dich ganz besonders.”

Becky seufzte so pathetisch, dass Tara beinahe darauf hereingefallen wäre. Doch dann erinnerte sie sich an Beckys Mann Harry, der seine Frau liebevoll umsorgte. Außerdem hatte sie ihre lebhaften Kinder und ihre Schwiegereltern. Wenn sich ihre Schwester auch nur einen einzigen Moment einsam fühlte, war sie selbst schuld.

“Liebes, du bist schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr bei uns gewesen. Zwei Tage hast du doch sicher Zeit für mich”, fuhr Becky eindringlich fort.

“Wenn ich euch wirklich besuchen würde”, erwiderte Tara langsam, “könntest du mir dann versprechen, dass du nicht wieder so einen armen Kerl einlädst, mit dem du mich verkuppeln willst?”

“Du liebe Zeit, ich habe dich längst als hoffnungslosen Fall abgeschrieben. Du bist viel zu misstrauisch.”

“Dafür habe ich gute Gründe. Wer ist es denn dieses Mal?”

“Es kommt noch so weit, dass ich keinen neuen Nachbarn mehr auf einen Drink einladen kann, ohne dass du gleich Verdacht schöpfst”, beschwerte sich Becky.

“Wer ist es?”, wiederholte Tara.

Becky seufzte. “Er ist gerade ins Glebe-Cottage neben der Kirche eingezogen. Er ist Steuerberater, Mitte dreißig und sehr attraktiv.”

“Und immer noch Single? Welchen Haken hat die Sache?”

“Gar keinen. Es sind sehr nette Leute.”

“Er lebt nicht allein?”

“Na ja”, gab Becky zögernd zu, “seine Mutter wohnt momentan bei ihm und hilft ihm beim Einrichten.”

“Ah ja.” Tara schmunzelte. “Er ist Mitte dreißig und lebt immer noch mit seiner Mutter zusammen.”

“Nein, nur vorübergehend. Sie hat selbst ein schönes Haus und wünscht sich, dass er endlich die richtige Frau kennenlernt.”

“Das kann ich mir vorstellen. Wahrscheinlich hat sie den vergifteten Dolch schon bereitliegen und wartet nur noch auf den richtigen Moment, um zuzustoßen.”

“Deine Arbeit tut dir offenbar nicht gut. Du bist ja richtig zynisch geworden”, stellte Becky fest.

“Jedenfalls habe ich dadurch gelernt, hinter die Fassaden der Menschen zu blicken”, räumte Tara ein. “Aber egal, ich ändere meine Pläne nicht und verbringe das Wochenende so, wie ich es mir vorgestellt habe.” Und die beiden nächsten Wochen auch, fügte sie insgeheim hinzu.

“Allein?”

Die Frage traf Tara an ihrer empfindlichen Stelle. “Nicht unbedingt”, erwiderte sie deshalb ausweichend.

“Tara”, rief Becky aus, “hast du wirklich jemanden kennengelernt? Erzähl mal!”

“Nein.” Tara bereute die Notlüge schon wieder. “Es gibt nichts zu erzählen. Zumindest jetzt noch nicht.” Das stimmt ja auch, sagte sie sich, wie um ihr Gewissen zu beruhigen.

“Na, das klingt geheimnisvoll. Ist er groß? Wie sieht er aus?”

“Kein Kommentar.”

“Er ist bestimmt sehr attraktiv.” So leicht gab Becky nicht auf. “Hat er Geld?”

Tara seufzte. “Du bist viel zu neugierig.”

“Natürlich interessiert es mich”, antwortete ihre Schwester würdevoll. “Weißt du, wie lange du dich schon mit keinem Mann mehr eingelassen hast?”

“Oh ja”, erwiderte Tara sanft. “Und ich weiß auch, warum nicht.”

“Du solltest endlich vergessen, was damals passiert ist. Nicht alle Männer sind schlecht und gemein, das sage ich dir immer wieder. Hoffentlich machst du am Wochenende den ersten Schritt in die richtige Richtung.”

Plötzlich hatte Tara eine Vision: Sie sah den Fluss vor sich, und auf dem im Sonnenschein glitzernden Wasser segelte ein Boot mit einem hohen Mast. In der Nähe des Ufers, halb verdeckt von Bäumen, stand ein weißes Haus, und kein Lärm durchbrach die Stille ringsumher.

Unwillkürlich verzog sie die Lippen. “Oh, das kann ich dir versprechen. Ich muss Schluss machen, Becky. Der Bericht soll fertig werden.”

“Willst du mir keinen Hinweis geben, wie der neue Mann in deinem Leben aussieht oder wer er ist, damit ich es Harry erzählen kann?”

“Sag einfach, es sei noch zu früh. Harry wird es verstehen.”

“Na ja”, antwortete Becky leicht gereizt, “wahrscheinlich hast du recht.”

Tara lachte, nachdem das Gespräch beendet war, obwohl die Sache eigentlich gar nicht lustig war, wie sie sich reumütig eingestand. Aus irgendeinem Grund hatte sie sich über Beckys Vermutung geärgert, dass sie das Wochenende allein verbringen würde. Trotzdem hätte sie sich nicht beirren lassen und etwas erfinden dürfen. Aber dann hätte ihre Schwester noch beharrlicher versucht, sie zu einem Besuch zu überreden.

Ich darf nicht zulassen, dass Becky sich in mein Leben einmischt und mir weiterhin Junggesellen, Geschiedene oder Witwer vorstellt, mit denen sie mich verkuppeln will, sagte sich Tara.

Dennoch war es keine gute Lösung, so zu tun, als hätte sie einen neuen Freund. Jetzt würde Becky ihr keine Ruhe mehr lassen und alles wissen wollen. Glücklicherweise ahnte sie nicht, wohin sie, Tara, fahren wollte. Wahrscheinlich vermutete ihre Schwester, sie würde in die Sonne jetten und Sangria und Sex genießen – so wie damals mit Jack.

Bei der Erinnerung an diese Zeit schien sich etwas in Tara zu verschließen, als wollte sie sich vor dem Schmerz schützen.

Becky hat recht, ich muss endlich über die Vergangenheit hinwegkommen, ermahnte sich Tara. Vielleicht wäre eine neue Beziehung genau das Richtige, um alles zu vergessen.

Aber wie ein gebranntes Kind das Feuer scheute, war sie neuen Freundschaften aus dem Weg gegangen. Stattdessen hatte sie sich in die Arbeit gestürzt, um die Einsamkeit und Leere nicht wahrzunehmen. Und vielleicht war es jetzt zu spät, sich noch zu ändern.

Sie stand auf und stellte sich an das Panoramafenster. Nachdenklich betrachtete sie die Bürogebäude ihr gegenüber. Meine Karriere ist am wichtigsten, alles andere bedeutet mir nichts, redete sie sich ein. Sie war Mitinhaberin eines Personalvermittlungsbüros, das sich auf Führungskräfte spezialisiert hatte. Sie war gut in ihrem Beruf, ein weiblicher Headhunter, und viel zu sehr damit beschäftigt, die besten Leute ausfindig zu machen, um selbst anderen in die Falle zu gehen.

Während sie sich umdrehte, sah sie ihr Spiegelbild im Fenster und hielt inne. Kritisch betrachtete sie das mittelbraune, perfekt geschnittene schulterlange Haar, das weiße Seidenshirt und den engen dunklen Rock, der ihr bis zu den Knien reichte. Sie wirkte unaufdringlich elegant und strahlte Sachlichkeit und Professionalität aus.

Obwohl sie sich dieses Image gewünscht und daran gebastelt hatte, fand sie es plötzlich seltsam unbefriedigend.

Du liebe Zeit, wahrscheinlich habe ich den Urlaub nötiger, als ich mir eingestehen will, sagte sie sich ungeduldig und setzte sich wieder hin. Entschlossen machte sie sich an die Arbeit und las auf dem Bildschirm den Bericht noch einmal durch.

Tom Fortescue war im richtigen Augenblick gekommen, er war qualifiziert und ehrgeizig. Dennoch …

Tara schüttelte den Kopf. Normalerweise konnte sie sich auf ihr Gespür, ihre Intuition verlassen, und irgendetwas in ihr schien sie vor dem Mann zu warnen. Sie wusste jedoch nicht, weshalb sie so irritiert war.

Sein Lebenslauf war lückenlos, und beim Gespräch hatte er einen guten Eindruck gemacht. Es war nichts Konkretes, was sie beunruhigte, sondern rein gefühlsmäßig wollte sie Mr. Fortescue lieber nicht für die hoch dotierte Stelle bei Bearcroft Holdings vorschlagen, für die er der richtige Kandidat zu sein schien.

In ihrem Bericht klangen die Zweifel durch. Oberflächlich betrachtet, war es eine sachliche, objektive Zusammenfassung, aber Tara merkte, wie unverbindlich sie sich ausgedrückt hatte, statt den Mann zu loben und begeistert seine Fähigkeiten zu betonen. Sie seufzte und speicherte die Datei auf Diskette.

Natürlich würden ihre Geschäftspartner die endgültige Entscheidung treffen. Tara war sogar froh, dass sie jetzt in Urlaub fuhr und ihre Beurteilung nicht zu rechtfertigen brauchte. Und sie war auch erleichtert, dass sie Tom Fortescue nicht mit irgendwelchen Worten des Bedauerns die Absage persönlich erteilen musste. Er war hart und zielstrebig und hatte sich nur bei Marchant Southern beworben, um den Job bei Bearcroft zu bekommen. Und er ging davon aus, es könne nichts schiefgehen, dessen war Tara sich sicher.

Wenn ich zurückkomme, ist alles erledigt, beruhigte sich Tara. Dann zog sie die Diskette aus dem Computer, um sie Janet zu geben. Doch im Büro ihrer Sekretärin saß zu Taras Entsetzen ausgerechnet Tom Fortescue.

“Guten Tag”, begrüßte er sie und stand auf. “Ich hatte in der Nähe zu tun und wollte die Gelegenheit nutzen, Sie zum Lunch einzuladen.” Er kam auf sie zu und reichte ihr die Hand.

Tara hatte sich ihm gegenüber sehr korrekt und professionell verhalten. Er hatte keinen Grund zu vermuten, sie würde sich mit ihm privat treffen wollen. Aber das hielt ihn offenbar nicht davon ab, es zumindest zu versuchen. Wahrscheinlich wollte er sie in einer schummrigen Weinbar mehr oder weniger diskret auf seine Seite ziehen.

Mit mir nicht, mein Junge, sagte sie sich und lächelte kühl. “Es tut mir leid, das ist unmöglich. Da ich heute Nachmittag in den Urlaub fahre, will ich meinen Schreibtisch noch aufräumen. Ich werde nur ein Sandwich essen.”

“Das tut mir auch leid.” Er verzog das Gesicht. “Wir können es ja nachholen.”

Eher wird er in der Hölle schmoren, dachte sie und begleitete ihn höflich hinaus und zum Lift. Er ist viel zu selbstsicher, überlegte sie, während sie zurückging. Wieso glaubte er, er habe leichtes Spiel mit ihr?

Janet blickte sie wehmütig an. “Ist er nicht wunderbar? Ich habe ihm erklärt, Sie seien beschäftigt, und er hat gesagt, er würde gern warten.”

“Hoffentlich bleibt er noch länger so ruhig und gelassen”, erwiderte Tara leicht spöttisch und reichte Janet die Diskette. “Unterschreiben Sie bitte die Briefe während meiner Abwesenheit selbst, Jan. Und der Bericht hier ist streng vertraulich und darf nur den Gesellschaftern vorgelegt werden. Beim Meeting am Dienstag wird er gebraucht.”

“Okay, wird erledigt. Um wie viel Uhr gehen Sie nach Hause?”

“Am liebsten schon um zwei, ich muss noch packen.”

“Wo verbringen Sie dieses Mal den Urlaub? Haben Sie sich wieder so ein exotisches Ziel ausgesucht?”

“Ich glaube, so kann man es nennen. Und wissen Sie, was das Beste daran ist?”

“Was?” Janet sah sie mit großen Augen erwartungsvoll an.

Tara lehnte sich über den Schreibtisch zu ihr hinüber. “Es gibt dort kein Telefon”, flüsterte sie, als würde sie ein Geheimnis verraten.

“Politur”, sagte Tara vor sich hin, während sie den Inhalt des Kartons prüfte, der vor ihr stand. “Silberputzzeug, Ofenreiniger, Putzmittel und Gummihandschuhe.” Sie nickte zufrieden und machte den Karton zu.

Melusine, die schwarze Katze, saß auf dem Tisch und beobachtete Tara interessiert mit ihren grünen Augen. Plötzlich schlug sie mit der Pfote auf den Karton ein.

“Ist ja gut.” Tara streichelte ihr liebevoll das seidige Fell. “Du kommst mit.” Wenn ich dich überreden kann, dich in deine Box zu setzen, fügte sie insgeheim hinzu.

Katzenfutter, Trink- und Futternapf und Schlafdecke waren schon im Kofferraum verstaut. Die Transportbox hatte Tara hinter dem Sofa im Wohnzimmer versteckt und wollte sie erst hervorholen, sobald der Moment günstig und Melusine abgelenkt war.

Tara wurde bewusst, dass sie die Sachen für ihre Katze viel sorgfältiger zusammengepackt hatte als die eigenen. Außer den zahlreichen Dessous zum Wechseln hatte sie vor allem Jeans, Shorts, T-Shirts, Pullover und Freizeitschuhe in der Reisetasche. Für das, was sie vorhatte, brauchte sie eher zweckmäßige Kleidung.

Becky würde mich umbringen, wenn sie wüsste, was ich machen will, dachte sie, während sie das Putzzeug ins Auto brachte. Ihre Eltern würden nächsten Monat von der Südafrikareise zurückkommen, und bis dahin sollte das Haus in vollem Glanz erstrahlen.

Es war ziemlich einfach und bescheiden, hatte weder Telefon noch Fernsehen noch Zentralheizung. Der große Gastank für den Betrieb des Küchenherds und der Warmwasserversorgung lag hinter dem Haus. Es hatte Tara nie etwas ausgemacht, die Kamine im Wohnzimmer und Esszimmer auszuräumen und zu säubern oder die Holzscheite in Körben hereinzuholen. Sie liebte das Haus, mit dem viele Erinnerungen an glückliche Stunden im Kreis der Familie verbunden waren.

Im Winter kümmerten sich die Pritchards um das Haus. Mrs. Pritchard arbeitete halbtags im Supermarkt im Dorf, und Mr. Pritchard im kleinen Jachthafen flussaufwärts, wo auch die Naiad, die Jacht von Taras Eltern, überwinterte.

Natürlich hätte auch Mrs. Pritchard gern ausgeholfen, aber Tara wollte alles selbst erledigen. Sie liebte es geradezu, sich körperlich zu betätigen, auch wenn andere es nicht nachvollziehen konnten.

Vor Jahren hatte es so ausgesehen, als wäre Becky diejenige, die Karriere machen würde. Sie hatte einen gut bezahlten Job und führte ein abwechslungsreiches Leben, während Tara viel ruhiger und eher häuslich war.

Deshalb waren alle überrascht gewesen, als sich Becky plötzlich entschied, Harry zu heiraten, den Beruf aufzugeben und stattdessen Hausfrau und Mutter zu sein. Sie hatte es nie bereut.

Aber die Hausarbeit ist bestimmt nicht Beckys Stärke, dachte Tara liebevoll. Mit ihrem organisatorischen Geschick hatte Becky gleich nach der Hochzeit dafür gesorgt, dass sie selbst nie irgendwelche Arbeiten im Haushalt erledigen musste.

Für Becky war es schlichtweg unvorstellbar, dass jemand im Urlaub putzen, polieren und ein altes, schäbiges Haus auf Hochglanz bringen wollte. Und noch viel weniger würde sie verstehen, dass es für ihre Schwester eine Art Therapie war und dass sie sich darauf freute.

Als Tara schließlich fertig war und mit der Katzenbox in der Hand zur Tür ging, warf sie noch einen Blick in den Spiegel. Melusine war höchst unzufrieden in ihrem Käfig und protestierte lautstark. Wenn mich die Leute von Marchant Southern in dem Jeansrock und dem uralten Sweatshirt sehen würden, wären sie schockiert, schoss es Tara durch den Kopf. Das Haar hatte sie unter einer Baseballmütze versteckt, und die bloßen Füße steckten in Leinenschuhen, deren beste Zeit vorbei war.

Was soll’s, sagte sie sich, während sie die Tür hinter sich abschloss und zum Auto eilte. Sie würde sowieso kaum jemandem begegnen, denn weit und breit wohnte sonst niemand.

Bis vor drei Jahren hatte noch der alte Ambrose Dean in Dean’s Mooring, dem ungefähr hundert Yards entfernten Nachbarcottage, gelebt. Er hatte keinen Menschen an sich herangelassen und seine Einsamkeit wie einen Schatz verteidigt. Aber seit seinem Tod stand das Haus leer und verfiel immer mehr.

Ambrose war Junggeselle gewesen und hatte offenbar keine Verwandten. Jedenfalls hatte ihn nie jemand besucht. Jim Lyndon, Taras Vater, hatte einmal angedeutet, er wolle mit dem Rechtsanwalt, der das Erbe des alten Mannes verwaltete, über den Kauf des Cottage verhandeln. Doch bis jetzt hatte er noch nichts unternommen.

Vielleicht kaufe ich das Cottage selbst, überlegte Tara, als sie losfuhr. Sie hatte Zeit und konnte sich zumindest erkundigen.

Der Weg ins Paradies war mit Steinen gepflastert, wie sie rasch merkte. Außer ihr hatten sich offenbar noch viele andere Leute entschlossen, übers Wochenende wegzufahren, denn die Ausfallstraßen waren verstopft.

Als Tara schließlich auf den ausgefahrenen Weg einbog, der zum Haus führte, hatte sie heftige Kopfschmerzen, und Melusine miaute laut und ungeduldig in ihrer Box auf dem Rücksitz.

Sie stellte den Wagen auf dem Parkplatz neben dem Haus ab. Dann stieg sie aus, reckte und streckte sich und atmete die kühle Abendluft tief ein, ehe sie aufschloss und hineinging.

In der Küche war es ungemütlich feucht, und es roch irgendwie muffig. Ja, der Geruch ist typisch für ein unbewohntes Haus, aber das wird sich rasch ändern, dachte Tara und sah sich um.

Auf dem gescheuerten Holztisch stand ein Karton mit Lebensmitteln, die Mrs. Pritchard freundlicherweise besorgt hatte, und daneben in einem großen Topf einer ihrer berühmten Eintöpfe. Darunter lag ein Zettel mit der Mitteilung, dass der Gastank voll und vor einer Woche eine Ladung Brennholz geliefert worden sei. Außerdem entdeckte sie im Kühlschrank eine Flasche Chablis, ihren Lieblingswein.

Sie seufzte zufrieden auf und spürte, wie sich die Anspannung der vergangenen Wochen langsam löste. Mrs. Pritchard war ein Engel.

Schließlich holte sie Melusine aus dem Auto und befreite sie aus der Box. Die Katze warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, ehe sie am Spalier mit den Klematis hinauf aufs Dach des Schuppens kletterte.

“Mach doch, was du willst”, sagte Tara in ihre Richtung, während sie die Sachen aus dem Wagen ins Haus trug. Bis zum Abendessen würde Melusine schmollen, das war immer so nach einer längeren Fahrt. Dann würde sie ihr wieder um die Beine streichen, als wäre nichts geschehen.

Da sie dieses Mal das ganze Haus für sich allein hatte, entschloss sich Tara, in dem großen Zimmer mit Blick auf den Fluss zu schlafen. Es war herrlich, nachts das sanfte Rauschen des Wassers zu hören.

Nachdem sie die Reisetasche aufs Bett geworfen hatte, zog sie die Vorhänge zurück, öffnete das Fenster und blickte hinaus. Plötzlich runzelte sie überrascht und ärgerlich die Stirn. Sie hatte erwartet, außer Teichhühnern und Enten und der Naiad weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen lag an dem Landungssteg, der zum Grundstück ihrer Eltern gehörte, noch eine andere Jacht, ein großer, luxuriöser Kabinenkreuzer.

“Was zum Teufel …”, begann sie ärgerlich. Doch dann verstummte sie, denn es fing ein Hund an zu bellen, und Melusine miaute laut und ängstlich.

“Nein!”, rief Tara und eilte aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Als sie den Riegel an der Küchentür zurückschob, zitterten ihre Hände vor Aufregung und Zorn.

Hastig lief sie hinaus und stieß prompt mit jemandem zusammen, der viel größer und kräftiger war als sie – und sehr muskulös. Schockiert wurde ihr bewusst, dass sie an ihrer Wange nackte, behaarte Haut spürte.

“Autsch”, ertönte dann auch eine tiefe männliche Stimme, und Tara wurde von starken Armen festgehalten.

“Lassen Sie mich los.” Sie befreite sich aus dem Griff. “Meine Katze … Wo ist sie überhaupt?”

“In Sicherheit. Sie sitzt auf dem Baum da drüben.”

Tara wirbelte herum und sah Melusine, die auf einem Ast in ungefähr zehn Metern Höhe hockte. Darunter sprang fröhlich ein junger Golden Retriever hin und her und bellte.

“Oh, wie beruhigend”, fuhr sie den Mann zornig an. “Rufen Sie Ihren verdammten Hund zurück! Und dann verschwinden Sie mit ihm. Das hier ist ein Privatgrundstück. Und die Anlegestelle ist auch auf privatem Grund.”

“Na, besonders glücklich sind die Leute hier offenbar nicht.” Die Stimme des Fremden klang leicht belustigt.

Da sie dicht vor ihm stand und ihr die untergehende Sonne ins Gesicht schien, nahm sie ihn nur als dunkle Gestalt wahr. Deshalb trat sie einige Schritte zurück und beschattete die Augen mit der Hand.

Er hatte dunkelblondes Haar, das etwas zu lang war, und kühl blickende blaue Augen. Seine Gesichtszüge waren markant, die Nase gerade, das Kinn wirkte energisch, und seine Lippen schien ein humorvolles Lächeln zu umspielen. Obwohl man ihn nicht als schön hätte bezeichnen können, wirkte der Mann ungemein attraktiv, wie Tara sich eingestand. Seine Haut war sonnengebräunt, er war schlank, aber kräftig und muskulös, und er hatte nichts an außer verwaschenen Jeans, die so eng waren, dass sie seine langen Beine und die schmalen Hüften betonten.

Plötzlich verspürte Tara ein Kribbeln im Bauch, was ihr seit der Trennung von Jack nicht mehr passiert war. Es gefiel ihr nicht. Nein, schlimmer noch, es beunruhigte sie zutiefst.

Ihr wurde der Mund ganz trocken. “Im Moment gibt es nicht viel, worüber ich glücklich sein könnte. Sie sind hier eingedrungen, und Ihr Hund hat versucht, meine Katze zu töten”, erklärte sie rasch.

“Hunde jagen nun mal Katzen, das weiß doch jeder. Aber nur selten vergreifen sie sich an ihnen, das ist auch bekannt. Es wäre ihm schlecht ergangen, wenn er Ihrer Katze zu nahe gekommen wäre”, antwortete er so spöttisch, dass Tara noch zorniger wurde.

Dann steckte er zwei Finger in den Mund, pfiff und rief: “Buster!” Sogleich kam der Hund und wedelte vor Aufregung fröhlich mit dem Schwanz.

Tara blickte die beiden an. “Was wird aus meiner Katze? Sie sitzt jetzt auf dem Baum fest.”

“Wirklich?”, fragte er freundlich. “Das lässt sich ändern. Ich helfe Ihnen.”

Sie atmete tief ein. “Sie verlassen das Grundstück, sonst nichts. Wenn Sie nicht widerrechtlich hier eingedrungen wären, wäre das alles nicht passiert.”

“Welches Recht haben Sie denn, sich hier aufzuhalten?”

“Das ist zufällig mein Haus.” Tara wies auf das Gebäude.

“Ach ja?” Er zog die Augenbrauen hoch. “Ich hätte schwören können, dass es Jim und Barbara Lyndon gehört, die beide über fünfzig sind und momentan durch Südafrika reisen. Vielleicht hat man mich falsch informiert.”

“Es sind meine Eltern.” Seine Selbstsicherheit machte sie nervös. “Wer hat Ihnen das überhaupt gesagt?”

Er zuckte die Schultern. “Die Leute im Dorf sind sehr hilfsbereit.” Er machte eine Pause. “Dann ist es eigentlich gar nicht Ihr Haus”, stellte er ruhig fest.

“Wenn Sie es so genau nehmen wollen …”, stieß sie gereizt hervor.

“Gute Idee”, unterbrach er sie freundlich. “Man hat mir auch mitgeteilt, dass der Anlegeplatz Ihren Eltern und dem Besitzer von Dean’s Mooring gemeinsam gehört.”

“Vielleicht vor langer Zeit einmal.” Sie ärgerte sich, weil sie das Gefühl hatte, sich verteidigen zu müssen. “Mr. Dean hat ihn nie benutzt. Er hatte kein Boot.”

“Ah ja”, antwortete der Fremde sanft. “Aber ich habe eins. Und weil offenbar momentan niemand die zu Dean’s Mooring gehörende Hälfte beansprucht, habe ich sie mir ausgeliehen.”

“Ohne die Erlaubnis des Besitzers dürfen Sie es gar nicht”, wandte sie hitzig ein.

“Wissen Sie, wie ich ihn erreichen kann?” Er lächelte.

“Natürlich kann man ihn nicht fragen. Bestimmt hat man Ihnen mitgeteilt, dass Mr. Dean vor einiger Zeit gestorben ist.”

“Ja. Und da sonst niemand Anspruch auf sein Eigentum erhebt, ist es gut möglich, dass wir Nachbarn werden.”

“Sie können nicht einfach alles übernehmen, was Mr. Dean gehört hat!”

“Doch, das kann ich, wie ich schon bewiesen habe. Warum können wir nicht friedlich miteinander umgehen?”

Weil ich nicht will, dass er hier ist und in die Ruhe und Stille dieses Fleckchens Erde eindringt, gestand sie sich insgeheim ein. Außerdem beunruhigte er sie viel zu sehr, was sie selbst nicht verstand.

“Das ist unmöglich”, erklärte sie rasch. “Sie können wer weiß wer sein.”

“Vielleicht ein entflohener Sträfling, ein Vergewaltiger oder Mörder zum Beispiel.” Er blickte sie irgendwie erschöpft an. “Soll ich Ihnen meinen Führerschein oder meine Kreditkarte zeigen?”

“Nein. Tun Sie mir den Gefallen, und verschwinden Sie mit Ihrer Jacht, alles andere ist mir egal”, forderte sie ihn feindselig auf.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Vertrau mir, Tara" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen