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Vertrau mir, Geliebter

1. KAPITEL

„Sie arbeiten mit älteren Patienten. Ist das richtig, Miss Suarez?“

Seit fünf Minuten fühlte Isobel sich wie unter einem Mikroskop. Neil Kane brauchte ihr nur auf dem Korridor zu begegnen, und schon bekam sie Herzklopfen. Das lag nicht daran, dass er Ermittler des Generalstaatsanwalts von Massachusetts war. Nein, sie reagierte auf den Mann mit rotblondem Haar und grauen Schläfen, auf seine markantes Kinn und seine hochgewachsene, athletische Gestalt im dunkelgrauen Anzug. Er war so attraktiv, dass die meisten Frauen sich nach ihm umdrehten.

Genau das wollte Isobel nicht tun – schon gar nicht nach einem Mann, der ihren Kollegen im Krankenhaus ein Fehlverhalten nachweisen wollte. Der einen angeblichen Versicherungsbetrug aufzudecken versuchte. Hätte er damit Erfolg, wäre das der Niedergang des Walnut River General Hospitals, kurz „WRG“ genannt. Dann wäre die Übernahme durch den mächtigen Konzern Northeastern Health Care unabwendbar.

„Miss Suarez?“, wiederholte der Ermittler, und der forschende Blick aus den braunen Augen ging ihr unter die Haut.

Isobel wählte ihre Worte sorgfältig. „Ich bin Sozialarbeiterin, Mr. Kane. Ich kümmere mich um jeden Patienten, dessen Fall auf meinem Schreibtisch landet.“

Sie saßen allein in dem kleinen Besprechungsraum, den er als Büro nutzte. Vor Kane stand ein Laptop, daneben lag ein Notizblock.

Als der Ermittler sich zurücklehnte und sich den Nacken rieb, kam sein Knie ihrem sehr nahe. Sie zuckte nicht zurück.

„Hat eigentlich jeder in diesem Krankenhaus einen Kurs im Ausweichen gemacht?“, murmelte er.

Isobel sagte nichts. Mit fünfunddreißig wusste sie, wann Schweigen wirksamer war als jede Antwort.

Er seufzte laut, und sie vermutete, dass er einen ebenso langen Tag hinter sich hatte wie sie. Ihr war zu Ohren gekommen, dass er bereits morgens um halb acht Gespräche geführt hatte. Also war er seit elf Stunden hier.

„Miss Suarez, Sie haben mir erzählt, dass Sie seit zehn Jahren hier arbeiten.“ Er beugte sich vor. „Zu welcher Altersgruppe zählen die meisten Patienten, die Sie in diesem Zeitraum betreut haben?“

Sein Aftershave war holzig und sehr maskulin. „Darüber habe ich nicht Buch geführt.“

„Zum Glück gibt es Aufzeichnungen und Computerprogramme, die Ihnen diese Arbeit abnehmen.“ In seiner Stimme lag eine leichte Schärfe.

Auch Isobel war kurz davor, die Geduld zu verlieren. „Warum fragen Sie mich, wenn Sie die Antwort längst kennen?“ Sie strich sich das lockige, kinnlange kastanienbraune Haar hinters Ohr. „Wir sind hier, um die Patienten zu betreuen, nicht um sie auszunutzen. Ich weiß nicht, wonach Sie suchen. Es kursieren so viele Gerüchte, dass ich sie gar nicht zählen kann. Vielleicht ist jemandem ein Irrtum unterlaufen. Vielleicht hat es einen Computerfehler gegeben. Vielleicht gibt es gar keinen Schuldigen und keinen absichtlichen Betrug.“

Er musterte sie gründlich. „Was erwarten Sie denn von uns, Miss Suarez? Dass wir die Sache ignorieren? Dass wäre ein Freibrief für jeden Betrüger!“

Im Krankenhaus galt Neil Kane als Feind. Alle, vom Chefarzt bis zum Pförtner, hatten sich gegen ihn zusammengeschlossen und waren stolz auf ihre Arbeit. Für jeden hier stand der Patient an erster Stelle, für Northeastern Health Care war der Profit das Wichtigste.

Isobel war erschöpft. Sie hatte einen langen Tag hinter sich. „Wenn Sie genau wissen wollen, was ich tue und wem ich helfe, begleiten Sie mich doch einfach. Und danach stellen Sie Ihre Fragen. Wenigstens stellen Sie dann die richtigen.“

Schweigend saßen sie da. Erschreckt über ihren Ausbruch, wich sie Kanes Blick aus und zupfte einen nicht vorhandenen Fussel vom Rock. Sie trug heute ein limonengrünes Kostüm, um den Frühlingsanfang zu feiern. Der Mai war ihre liebste Jahreszeit.

Neil Kane starrte auf ihre Halskette aus grünen und braunen Jaspisperlen und schaute ihr ins Gesicht. Weil ihm ihre Antwort nicht gefiel? Oder weil …

So hatte ein Mann sie seit über zwei Jahren nicht mehr angesehen. Isobel fühlte sich nicht attraktiv – nicht mit den fünfzehn überflüssigen Pfunden, den viel zu langen Locken, die dringend gestylt werden mussten, und den dunklen Ringen unter den Augen.

„Was sind die richtigen Fragen?“ Er klang schon sanfter.

„Die, auf die es ankommt. Ob die Patienten bei uns im Mittelpunkt stehen. Ob wir pünktlich Feierabend machen oder länger bleiben, wenn sie uns brauchen. Warum wir am WRG bleiben, obwohl wir anderswo mehr verdienen könnten. Das sind die Fragen, mit denen Sie anfangen sollten.“

„Erzählen Sie mir, wie Ihr Arbeitstag aussieht“, bat er.

Ohne dass sie es wollte, bemerkte Isobel die Bartstoppeln an Kanes Kinn. Ob es jemanden gab, der ihn zum Lachen brachte? Sie hatte gehört, dass er früher mal bei der Mordkommission in Boston gearbeitet hatte. Wirkte er deshalb so … unnachgiebig?

Sie atmete tief durch. „Ich besuche entlassene Patienten zu Hause und betreue hier in der Klinik diejenigen, die meine Hilfe brauchen. Ich schreibe Berichte, spreche mit den Angehörigen, kümmere mich um die Nachsorge und organisiere Plätze in Rehabilitationskliniken und Pflegeheimen.“

„Wenden Sie für bestimmte Patienten mehr Zeit auf als für andere?“

Es klang beiläufig, aber aus irgendeinem Grund läutete bei ihr eine Alarmglocke. „Manche Fälle sind komplizierter.“

„Was tun Sie, wenn es keine Angehörigen gibt?“

„Was für den Patienten am besten ist, natürlich.“

„Natürlich.“

Die Art, wie er das Wort wiederholte, machte sie zornig. „Werfen Sie mir etwas vor?“

„Klinge ich so?“

„Wer ist hier jetzt ausweichend?“, murmelte sie.

Ich stelle die Fragen, Miss Suarez. Dies hier ist kein höfliches Geplauder, es ist eine Untersuchung.“

„Eine Voruntersuchung. Das heißt doch, Ihre Behörde ist nicht mal sicher, ob es überhaupt etwas zu untersuchen gibt, oder?“

„Sie kennen ja die alte Redensart. Wo Rauch ist …“ Er ließ den Rest unausgesprochen.

„Es gibt noch eine – wer nach Schmutz sucht, übersieht leicht das Gold.“

„Woher haben Sie das denn?“, fragte er belustigt.

Isobel runzelte die Stirn. Lachte er sie etwa aus? Der Spruch kam von ihrem Dad. Mit achtundsechzig gab er oft solche Weisheiten von sich. „Haben Sie noch mehr Fragen an mich?“, fragte sie spitz.

„Ja. Erzählen Sie mir von Dr. Ella Wilder und J. D. Sumner.“

„Sie sind verlobt.“

„Wie haben sie sich kennengelernt?“

„Ist das noch eine Frage, deren Antwort Sie bereits kennen?“

„Tun Sie mir den Gefallen.“

Jeder wusste, wie die beiden sich kennengelernt hatten. „Mr. Sumner hatte einen Unfall. Er ist auf einer vereisten Treppe ausgerutscht.“

„Hier im Krankenhaus?“

„Auf dem Weg zum Parkplatz.“

„Und Dr. Wilder hat ihn behandelt?“

„Ja.“

„Wissen Sie mehr darüber?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, entgegnete Isobel verwirrt.

„Was für eine Verletzung hatte Mr. Sumner?“

„Ich glaube, er hatte einen Riss im Meniskus.“

„Wird ein gerissener Meniskus nicht normalerweise ambulant behandelt?“

Jetzt begriff sie, worauf der Ermittler hinauswollte. „Mr. Sumners Fall lag etwas anders.“

„Inwiefern?“

„Im Februar war er noch Manager bei Northeastern Health Care.“

„Also hat er eine Vorzugsbehandlung bekommen?“

„Alle unsere Patienten werden gleich behandelt, aber J. D. war fremd in der Stadt. Er kannte niemanden.“

Wieder beugte Kane sich vor. „Sie haben sich um ihn gekümmert?“

„Nein. Das war nicht nötig.“

„Weil Dr. Wilder ein privates Interesse an ihm hatte?“

Isobel ließ sich durch den freundlichen Tonfall nicht täuschen. „Worauf wollen Sie hinaus?“

„Ich möchte wissen, ob er für die Vorzugsbehandlung bezahlen musste. Er war länger hier als erforderlich.“

„Sie haben doch Zugang zu sämtlichen Unterlagen. Sie können selbst nachsehen, warum Mr. Sumner nicht früher entlassen wurde.“

„Laut seiner Patientenakte hatte er Fieber.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Und was sagt Mr. Sumner?“

„Dass er Fieber hatte.“

„Warum glauben Sie es dann nicht?“

Als Neil Kane nicht antwortete, kam ihr ein Verdacht. Jemand hatte ihm Informationen geliefert – falsche Informationen. Irgendwo im Krankenhaus gab es eine undichte Stelle, und sie vermutete, dass es ein Mitarbeiter aus der Verwaltung war. Jemand musste ein Interesse daran haben, das WRG schlecht aussehen zu lassen, damit Northeastern Health Care es leichter übernehmen konnte.

Plötzlich schien Neil Kane ihr näher zu sein, obwohl weder er noch sie sich vom Fleck gerührt hatten. „Hat Dr. Wilder Mr.

Sumner irgendwann gefahren?“ fragte er.

„Warum ist das wichtig?“, entgegnete sie und lehnte sich zurück.

„Ich möchte herausbekommen, was den Tatsachen entspricht und was nicht.“

Isobel verlor die Geduld. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie konnte dem Mann nicht helfen. „Ich bin Sozialarbeiterin, Mr. Kane. Zu den Patienten, die ich nicht betreue, habe ich keinerlei Kontakt.“

„Aber in Ihrem Job hören Sie doch sicher viel. Außerdem weiß ich zufällig, dass Sie, Dr. Wilder und Simone Garner befreundet sind.“

Isobel stand auf. „Ich rede mit Ihnen über meine Fälle, weil ich muss. Aber mein Privatleben geht Sie nichts an.“

Als er sich erhob, war er fast einen Kopf größer als sie. Der Raum schien noch kleiner geworden zu sein. Neil Kane war nicht bedrohlich, aber imposant.

„Sie verweigern die Aussage?“, fragte er leise.

„Nein. Ich setze nur Grenzen.“

Er runzelte die Stirn. „Und wenn ich die überschreite?“

„Dann rede ich gar nicht mehr mit Ihnen.“

„Es hat Folgen, wenn man eine Ermittlung behindert.“

„Brauche ich einen Anwalt?“, konterte Isobel.

Er seufzte. „Na gut. Aber wir sind noch nicht fertig miteinander. Ich will Antworten und werde sie bekommen.“

Nicht von mir, hätte sie am liebsten erwidert. Hier stand so viel auf dem Spiel – der Ruf und das Überleben des Walnut River General Hospitals.

Sie schluckte eine Erwiderung hinunter, nahm ihre Handtasche und ging hinaus. Neil Kane schwieg, doch sie spürte, dass er ihr nachschaute. Wahrscheinlich war er ein Mann, der nicht so schnell aufgab. Aber die erste Runde ging an sie.

An die zweite würde sie erst denken, wenn sie ihm wieder gegenübersaß.

Und was dann?

Nach dem freien Wochenende würde sie sicher nicht so heftig auf ihn reagieren. Sie könnte diplomatischer sein. Bis dahin musste sie sich überlegen, warum Neil Kane ihr so … unter die Haut hing. Und was sie dagegen tun konnte.

Die meisten Häuser des Viertels, in dem Isobel aufgewachsen war, stammten aus den Fünfzigerjahren. Sie war fünf gewesen, als ihre Familie in die Sycamore Street zog, ihre Schwester Debbie sieben, ihr Bruder Jacob drei. Sie erinnerte sich gut an den Tag. An das bescheidene Haus aus rotem Backstein mit den Blumentöpfen auf der Treppe und der verglasten Veranda, auf der ihr Bruder und sie immer gespielt hatten. Mrs. Bass, die Nachbarin zur Linken, brachte Schokoladenkekse vorbei, und Mr. Hannicut von der anderen Seite half ihrem Dad, die Umzugskartons auszuladen.

Seit dem College hatte Isobel allein gelebt. Nie hätte sie gedacht, dass sie eines Tages wieder in ihrem Elternhaus wohnen würde.

In der Garage dahinter stand nur ein Auto – das ihres Vaters. Wegen seiner Schulteroperation vor zwei Wochen konnte er sich nicht selbst ans Steuer setzen. Es machte ihn mürrisch. Das und vieles andere.

Zu seinem Termin beim Physiotherapeuten hatte ihn heute einer seiner Freunde aus dem Seniorenzentrum gefahren.

Obwohl es im Mai in Massachusetts langsam wärmer wurde, konnte es nachts noch kalt sein. Da sie keinen Mantel trug, eilte sie hinein. „Ich bin zu Hause“, übertönte sie den Fernseher. Am Nachmittag hatte sie ihren Dad angerufen, um ihm zu sagen, dass sie später kam. Er war einsilbig gewesen. Kein gutes Zeichen.

Jetzt schaute er über die Schulter und schaltete den Fernseher aus. „Das wurde auch Zeit“, knurrte er und rieb sich die Schulter.

Isobel ignorierte ihre Erschöpfung und lächelte aufmunternd. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich noch eine Besprechung habe.“

„Du brauchst einen Job, in dem du nicht fünfzehn Stunden am Tag schuften musst.“ Mühsam stemmte John Suarez sich aus dem Sessel.

Sein schwarzes Haar war schütter geworden. Isobel hatte ihr kastanienbraunes von ihrer irischen Mutter geerbt, die braunen Augen von ihm. Wie von selbst fiel ihr Blick auf die Familienfotos auf dem Kaminsims.

Ihr Dad musste es bemerkt haben. „Sie würde auch wollen, dass du dich schonst, mehr ausgehst, einen netten Mann kennenlernst und Kinder bekommst.“

„Nur vom Wünschen wird man nicht Mutter“, murmelte sie. „Ich mag meine Arbeit“, sagte sie lauter. „Das weißt du. Und wenn Mom will, dass ich heirate, muss sie mir eben den Richtigen schicken.“

„Ich verstehe noch immer nicht, warum du dich von Tim getrennt hast. Er war gut zu dir. Er hatte ein eigenes Geschäft. Manchmal denke ich, du bist einfach zu wählerisch.“

Wählerisch? Ja, vielleicht konnte man es so nennen. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie zu ihrem Vater gezogen, um ihm zu helfen. Sie wollte nicht auf Dauer bei ihm bleiben, aber dann bereitete seine Schulter ihm Probleme. Isobel fuhr gern Rad und kaufte sich ein neues. Tim, der Besitzer des Ladens, fragte sie, ob sie mit ihm ausgehen wolle. Sie willigte ein, und es wurde etwas Ernstes daraus.

Aber Tim passte es nicht, dass sie bei ihrem Dad lebte, und schlug vor, dass er in eine Anlage für betreutes Wohnen zog. Isobel hatte bereits ihre Mutter verloren und wusste, wie sehr ihr Vater an dem alten Haus hing, in dem ihn alles an seine verstorbene Frau erinnerte. Schließlich hatte sie mit Tim Schluss gemacht.

„Tim war einfach nicht der Richtige für mich, Dad.“ Sie ging in die Küche. „Gib mir zehn Minuten, dann habe ich das Roastbeef und das Kartoffelpüree von gestern Abend aufgewärmt.“

„Cyrus und ich haben den Schokoladenkuchen von Mrs. Bass gegessen“, rief er ihr laut nach. „Also fällt der Nachtisch heute aus. Du musst einkaufen. Wir haben auch kein Eis und keinen Orangensaft mehr.“

„Ich fahre morgen früh zum Supermarkt. Danach will ich in den Garten.“

„Wenn du Blumen pflanzt, können sie noch erfrieren.“

„Ich decke sie ab.“ Sie musste an die Luft. Sie wollte die Erde an den Händen und den Sonnenschein im Gesicht fühlen und den Stress im Krankenhaus vergessen. Vor allem Neil Kane …

Die nächste Viertelstunde verbrachte sie in der Küche. Leider ließ sie das Roastbeef zu lange in der Mikrowelle, und es wurde an den Rändern zu Leder. Das Kartoffelpüree war nicht heiß genug. Dafür fiel das Brokkoli perfekt aus – aber ihr Dad mochte keinen Brokkoli. Ein anderes Gemüse war in der Tiefkühltruhe nicht zu finden.

Er versuchte, das Fleisch mit einer Hand zu schneiden. „Spaghetti wäre einfacher.“

Isobel spürte, wie ihr die Tränen kamen. „Tut mir leid. Etwas Besseres gibt es heute Abend nicht.“ Sie hätte schreien können. „So habe ich mir mein Leben auch nicht vorgestellt.“

Sie dachte an die leckeren Mahlzeiten, die ihre Mutter sonntags für die ganze Familie gekocht hatte. Aber ihre Mom war tot, ihre Schwester geschieden, und meistens war sie mit ihrem Dad allein.

„Vielleicht sollten wir ein paar Fertiggerichte einlagern“, schlug er vor.

Ihre Mutter würde sich im Grab umdrehen.

„Keine Fertiggerichte. Jedenfalls nicht die aus dem Supermarkt.“ Sie sah ihn an. „Ich kann am Sonntag vorkochen, dann kannst du etwas in den Ofen stellen, wenn ich später komme.“

„Hast du am Sonntag etwas vor?“

Nichts Besonderes. Sie hatte sich nur darauf gefreut, sich auszuruhen, ihre Schwester zu besuchen, mit ihrer Nichte und den Neffen zu spielen und einen Spaziergang am Fluß zu unternehmen. Vielleicht sogar einen Ausflug mit dem Fahrrad.

„Nein. Ich fülle die Truhe auf, dann hast du die nächsten Wochen immer etwas, das dir schmeckt.“

Er lächelte. „Wenn du morgen in den Supermarkt gehst, kauf keinen Brokkoli, ja?“

„Keinen Brokkoli“, versprach sie und machte sich daran, den Geschirrspüler zu beladen. Sie war müde und wollte früh zu Bett, damit sie gleich am Morgen einkaufen und danach etwas Zeit im Garten verbringen konnte, bevor sie sich wieder um den Haushalt kümmern musste.

Isobel genoss den Sonnenschein und wühlte mit beiden Händen in der Erde, um eine weitere Gerbera einzupflanzen. Es war die letzte von sechs, alle pfirsichfarben. Natürlich musste sie die Blumen abends abdecken, aber es war die Mühe wert.

Plötzlich fiel ein Schatten auf sie.

„Miss Suarez?“

Auch ohne sich umzudrehen, wusste sie, wer es war. Neil Kane.

Am liebsten wäre sie in dem Loch verschwunden, das sie gerade gegraben hatte. Sie trug ein T-Shirt mit abgeschnittenen Ärmeln und alte Jeans, die an den Knien schmutzig und am Po viel zu eng waren. Bestimmt hatte sie auch noch Erde im Gesicht, weil sie sich den Schweiß abgewischt hatte.

Isobel schloss die Augen, atmete tief durch und blickte über die Schulter.

„Mr. Kane. Was verschafft mir das Vergnügen? Noch dazu an meinem freien Wochenende?“ Konnte der Mann sie nicht mal zu Hause in Ruhe lassen?

„Wenn ich störe, gehe ich wieder.“

Sein rotblondes Haar wehte in der Brise. Er trug eine Khakihose und ein schwarz-braun gestreiftes Hemd, das die muskulösen Arme betonte. Und er sah sie an, als wäre sie eine Schönheitskönigin. War das etwa Interesse in seinem Blick? Nein, das konnte nicht sein. Trotzdem wurde ihr noch wärmer.

Nach einem Moment stützte sie sich mit einer Hand auf dem Rasen ab, um aufzustehen.

Er streckte seine Rechte aus. „Ich helfe Ihnen.“

Als seine kräftigen Finger ihre umschlossen, kam sie sich vor wie ein junges Mädchen, das kein Wort herausbrachte, weil der von allen umschwärmte Star des Footballteams sie berührte.

Kaum stand sie auf den Beinen, zog sie hastig die Hand aus seinem Griff und sah, dass er Erde an den Fingern hatte. „Tut mir leid.“ Sie nahm ein Tuch aus ihrem Korb und reichte es ihm.

Er klopfte sich nur die Hände ab. „Ich halte Sie von der Gartenarbeit ab, was? Können Sie eine Pause einlegen?“

„Warum sind Sie hier?“

„Mir gefiel nicht, wie unser Treffen zu Ende gegangen ist. Sie waren aufgebracht, das wollte ich nicht.“

„Ich war nicht aufgebracht“, protestierte Isobel.

„Na gut, nicht aufgebracht, sondern zornig. Das scheinen alle im WRG zu sein – wenn nicht sogar feindselig. Aber so kommen wir nicht weiter. Ich weiß, ich stelle viele Fragen. Das muss ich, wenn ich den Gerüchten auf den Grund gehen will. Es liegt doch auch in Ihrem Interesse, einen möglichen Versicherungsbetrug aufzudecken. Und wenn Sie kooperieren, ist das gut für uns beide.“

„Ich kooperiere doch.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Also, wenn das Kooperation ist, möchte ich erleben, wie Widerstand bei Ihnen aussieht.“

Sie fühlte, wie ihre Wangen sich erhitzten, und das lag nicht an der Mittagssonne. „Sie versuchen, mich und meine Kollegen in eine Falle zu locken.“

„Ich versuche, die Wahrheit herauszufinden.“

An Neil Kane gab es außer seinem Sex-Appeal noch etwas, das sie anzog. Vielleicht war es die Entschlossenheit in seinen Augen. Seine Ernsthaftigkeit.

„Ich bin vorbeigekommen, weil ich gern in Ruhe mit Ihnen reden möchte. Vielleicht beim Mittagessen.“

„Laden Sie alle, die Sie verhören, zum Essen ein?“, entgegnete Isobel.

Dieses Mal waren es seine Wangen, über die eine leichte Röte huschte. „Nein, aber bei Ihnen habe ich nicht das Gefühl, dass Sie etwas verheimlichen. Ich glaube, Sie sind deshalb so vorsichtig, weil Sie niemandem schaden wollen. Das verstehe ich.“

„Mit anderen Worten, Sie halten mich für ein leichtes Opfer.“

Er lachte, und es klang so männlich, dass sie ein Kribbeln im Bauch spürte.

„Sehen Sie? Genau das meine ich“, erklärte er. „Manchmal antworten Sie ganz spontan. Sie sind offen und ehrlich. Das bin ich auch. Also dachte ich mir, wir können vielleicht zusammen etwas erreichen.“

Mit dem Feind zu Mittag zu essen war keine besonders glorreiche Idee. Andererseits gab Neil Kane nicht so schnell auf. Außerdem musste ja niemand davon erfahren, dass sie sich mit ihm traf. Und mit etwas Glück konnte sie ihn überzeugen, dass die Vorwürfe gegen das WRG unbegründet waren.

„Ich habe ein nettes Restaurant gefunden“, fuhr er fort. „Wenn Sie möchten, können Sie so hingehen, wie Sie sind.“

Wohin wollte er mit ihr – an einen Hotdog-Stand?

„Ich würde mich lieber umziehen und mir das Gesicht waschen.“ Sie legte ihre Handschuhe und die kleine Schaufel in den Korb.

Neil bückte sich nach der Hacke und der Harke, die neben dem Beet lagen.

„Das brauchen Sie …“

„Jemand könnte darüber stolpern.“ Er lächelte.

Sie konnte nicht anders und lächelte zurück. „Stellen Sie sie einfach auf die Veranda.“

„Ich warte dort auf Sie.“

„Unsinn. Kommen Sie mit hinein. Mein Vater sieht fern. Vielleicht ignoriert er Sie, aber wenigstens können Sie sich hinsetzen.“ Sie ging die Stufen hinauf,

Er folgte ihr und lehnte die Gartengeräte gegen die Wand.

„Mr. Kane, mein Vater …“

„Neil. Vielleicht verläuft unser Gespräch harmonischer, wenn wir uns beim Vornamen nennen.“

„Ich heiße Isobel.“

Ihre Blicke trafen sich. „Was ist mit Ihrem Vater?“, fragte er nach einigen Sekunden.

Sie musste sich konzentrieren. „Wenn er nichts sagt oder mürrisch ist, liegt es nicht an Ihnen. Nehmen Sie es ihm nicht übel. Er ist vor zwei Wochen an der Schulter operiert worden, und es ärgert ihn, dass er den Arm schonen muss.“

„Das würde mich auch ärgern.“

Als sie das Wohnzimmer betraten, reagierte ihr Vater nicht, sondern starrte auf den Fernseher, in dem gerade eine Dokumentation über den US-Präsidenten Eisenhower lief.

„Dad, ich möchte dir …“

„Nicht jetzt.“

Neil lächelte nur. „Mein Vater war als Junge mal auf der Eisenhower-Farm.“

Isobels Dad drehte sich zu ihm um. „Im Ernst? Wie kam das?“

„Meine Eltern kannten einen Freund der Eisenhowers.“

„Sind Sie aus Pennsylvania?“

„Nein. Aus Massachusetts, aber wir haben oft dort Urlaub gemacht, als ich klein war. Die Geschichte des Bürgerkriegs hat mich immer interessiert, und ich wollte unbedingt das Schlachtfeld von Gettysburg sehen. Das war mir wichtiger als jeder Vergnügungspark.“

Zu Isobels Überraschung lachte ihr Vater. Dann sah er sie fragend an.

„Das, das ist Neil Kane. Er ist …“

„Ein Ermittler aus dem Büro des Generalstaatsanwalts“, half Neil ihr aus der Verlegenheit.

„Ach, Sie sind der, der im Krankenhaus herumschnüffelt?“

Wieder lächelte Neil. „Wir Ermittler machen uns immer unbeliebt, wenn wir Antworten suchen, nicht wahr?“

Grinsend zeigte ihr Vater auf die Couch, die im rechten Winkel zu seinem Fernsehsessel stand. „Setzen Sie sich und erzählen Sie mir von Ihren Reisen nach Pennsylvania. Meine Eltern sind oft umgezogen. Die ganze Ostküste rauf und runter. Mein Dad hat erst hier einen festen Job gefunden.“

Dass er sich mit Neil unterhalten wollte, verblüffte Isobel. Aber vielleicht spürte er, dass sie beide etwas gemeinsam hatten.

Wer hätte das gedacht?

Auf dem Weg nach oben ging sie im Kopf ihren Kleiderschrank durch und überlegte, was sie anziehen sollte. Doch dann zügelte sie sich. Es war völlig egal, was sie beim Mittagessen trug. Wozu sollte sie einem Mann gefallen, der morgen vielleicht schon wieder fort war? Und sie wollte niemandem gefallen, der versuchte, sie oder einen Kollegen einer Straftat zu überführen.

So locker, unbeschwert und zuvorkommend Neil Kane heute auch wirkte, sie musste auf der Hut sein.

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