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Vertrau der Stimme deines Herzens!

1. KAPITEL

Rachel wartete nun schon seit über einer Stunde auf ihren Termin mit dem finanzkräftigen Geldgeber, der in ihr Modelabel investieren wollte. Zu allem Überfluss forderte der lange Flug langsam seinen Tribut. Der Jetlag machte sich bemerkbar, und sie musste dagegen ankämpfen, dass ihr die Augen zufielen, während sie in dem eleganten Warteraum saß und eine Zeitschrift durchblätterte.

Es kam ihr wie eine halbe Ewigkeit vor, bis die Empfangssekretärin sie endlich rief und zum Büro des Vorstandschefs begleitete.

Jetzt ist es so weit, dachte Rachel und trat mit zitternden Beinen in das Büro. Alles, wofür ich so hart gearbeitet habe, hängt von diesem Moment ab.

„Es tut mir leid, Ms McCulloch“, sagte der distinguierte Herr mittleren Alters mit einem entschuldigenden Lächeln, bevor sie sich überhaupt gesetzt hatte. „Wir haben es uns anders überlegt. Unser Unternehmen wird gerade einer grundlegenden Umstrukturierung unterzogen. Daher ist das Management zurzeit nicht gewillt, in eine relativ unbekannte Modedesignerin zu investieren. Das Risiko ist einfach zu groß. Sie werden sich also woanders finanzielle Rückendeckung suchen müssen. Wir sind nicht mehr an einer Zusammenarbeit mit Ihnen interessiert.“

Voller Entsetzen sah Rachel den Vorstandschef an. „Nicht mehr interessiert?“, brachte sie dann mühsam hervor. „Aber ich dachte … in Ihrem Brief sagten Sie doch … ich bin extra aus Australien hierhergeflogen!“

Er machte eine ausladende Geste mit der Hand, als ob er den chaotischen Mailänder Verkehr draußen vor den Fenstern dirigieren würde. „Wir haben die Angelegenheit mit einem angesehenen Unternehmensberater durchgesprochen“, erklärte er, „und er hat uns von einer Investition in Ihre Modefirma dringend abgeraten. Sie werden auf andere Finanzierungsoptionen zurückgreifen müssen.“

Andere Finanzierungsoptionen? Welche bitte? dachte Rachel voller Panik. Sie musste ihr Modelabel auf dem europäischen Markt etablieren. Sollten die ganzen Anstrengungen und Schwierigkeiten der letzten Jahre umsonst gewesen sein? Sie würde vor aller Welt wieder einmal wie eine Närrin dastehen, wenn ihr ambitioniertes Projekt scheiterte. Und was noch viel schlimmer war – ohne eine Finanzspritze konnte ihre Modefirma Konkurs anmelden. Sie brauchte Geld.

Und zwar schnell.

„Und wer genau war es, der ein so kritisches Urteil über mein Unternehmen gefällt hat?“, fragte sie und runzelte leicht die Stirn.

„Es tut mir leid, aber ich bin nicht befugt, Ihnen darüber Auskunft zu geben“, kam die freundlich ausweichende Antwort.

Ein vager Verdacht beschlich sie langsam, aber sicher. „Sie sagten, es sei ein hoch angesehener Unternehmensberater.“

„Das ist richtig.“

„Handelt es sich dabei zufällig um Alessandro Vallini?“, fragte sie mit prüfendem Blick.

„Wie ich Ihnen bereits erklärt habe, Ms McCulloch, es ist mir nicht erlaubt, diese Information an Sie weiterzugeben.“

Rachel schulterte entschlossen ihre Handtasche. „Vielen Dank für Ihre Zeit“, sagte sie betont brüsk und marschierte aus dem Büro, ohne eine Antwort abzuwarten.

Es war eine Sache von ein paar Sekunden, die Adresse von Alessandro Vallinis Hauptgeschäftsstelle über die Suchmaschine ihres Handys herauszufinden. Das Taxi setzte Rachel vor einem Gebäude in bester Lage ab. Die beeindruckende klassizistische Fassade schien ein Sinnbild für den Erfolg des Mannes zu sein, der hinter dem Business stand.

Alessandro war das perfekte Beispiel für einen Selfmademan. Trotz der ärmlichen Verhältnisse, aus denen er stammte, hatte er es geschafft, sich aus eigener Kraft hochzuarbeiten und die oberste Sprosse der Karriereleiter zu erklimmen. Ihm nach so vielen Jahren gegenüberzutreten war nicht gerade das, was Rachel sich von ihrer Reise nach Italien erwartet hatte. Aber offensichtlich hatte Alessandro mit seinem unfairen und wohlkalkulierten Manöver ein Wiedersehen erzwingen wollen.

„Ich muss zu Signor Vallini“, verkündete sie der schick gekleideten Sekretärin hinter dem Empfangstresen ohne lange Umschweife.

„Es tut mir leid, aber Signor Vallini befindet sich momentan in seiner Sommervilla in Positano. Er führt zurzeit alle Geschäfte von dort aus.“

„Dann machen Sie bitte einen Termin für mich aus, damit ich ihn so schnell wie möglich sehen kann.“

„Sind Sie eine bestehende Kundin?“

„Nein, aber ich …“

„Es tut mir leid, aber Signor Vallini nimmt bis zu seiner Rückkehr aus der Sommerpause keine neuen Kunden auf“, erwiderte die Sekretärin in einem freundlich professionellen Ton. „Wenn Sie möchten, kann ich für Sie einen Termin in der zweiten Septemberhälfte arrangieren.“

„Aber das ist noch über einen Monat hin“, erwiderte Rachel. „Und ich bin nur bis Ende August in Italien.“

„Wie gesagt, ich kann leider nichts …“

„Hören Sie, es handelt sich auch nicht wirklich um einen geschäftlichen Termin“, unterbrach Rachel sie mit einem, wie sie hoffte, halbwegs überzeugendem Lächeln. „Ich bin eine … alte Freundin aus Melbourne. Alessandro hat dort vor einigen Jahren für meinen Vater gearbeitet. Und ich habe gehofft, ihn zu treffen, wo ich schon mal im Lande bin. Mein Name ist Rachel McCulloch.“

Es folgte eine kurze Pause.

„Ich werde sehen, was ich tun kann“, sagte die Sekretärin und griff zum Telefonhörer. „Warum nehmen Sie nicht solange dort drüben im Wartebereich Platz?“

Vollkommen erschöpft sank Rachel in einen der komfortablen Ledersessel und versuchte, nicht an ihr letztes unheilvolles Treffen mit Alessandro zu denken. Wenn ihre Instinkte sie nicht täuschten und er tatsächlich derjenige war, der ihr Investitionsgesuch sabotiert hatte, dann konnte das nur eins bedeuten: Er hatte ihr auch nach all den Jahren noch immer nicht verziehen.

„Es tut mir leid, aber Signor Vallini möchte Sie nicht sehen“, riss die Sekretärin sie aus ihren Gedanken.

Da sprang Rachel regelrecht auf. „Aber ich muss ihn sehen. Es ist sehr wichtig.“

„Seine Anweisung war unmissverständlich. Ich soll Ihnen ausrichten, dass er Sie unter keinen Umständen sehen will.“

Rachel war außer sich vor Wut. Offensichtlich wollte er ein perfides Spielchen mit ihr treiben. Aber er konnte doch unmöglich glauben, mit seinem persönlichen Racheakt so einfach durchzukommen. Natürlich würde er sie sehen.

Und wenn sie ihn dazu zwingen musste.

Während der Bus sich in rasantem Tempo den Weg entlang der Amalfiküste Richtung Positano bahnte, verspürte Rachel ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Aber schuld daran waren weder die enge Serpentinenstraße noch die beeindruckenden Steilhänge. Vielmehr lag es an dem beschämenden Vorfall bei der Autovermietung in Mailand. Dort war ihre Kreditkarte nicht akzeptiert worden.

Die peinliche Situation hatte auch ein Anruf bei ihrer Bank in Australien nicht beheben können. Sie hatte ihren Dispokredit überzogen, darum hatte die Bank vorübergehend ihr Konto gesperrt. Noch dazu war ihre Glaubwürdigkeit mehr als angeschlagen, nachdem Craig vor drei Jahren mit ihrer gefälschten Unterschrift Kreditverträge abgeschlossen, die Darlehen später aber nicht zurückgezahlt hatte. Es würde vierundzwanzig Stunden dauern, bis ihre Bank eine eventuelle Erhöhung des Kreditlimits geprüft hatte. Sie brauchte dringender als je zuvor Geld. Und zwar noch heute.

Der Bus hielt am Fuße eines kleinen Stufenwegs, der direkt zur Villa Vallini hoch oben auf dem Kliff führte. Doch als der Busfahrer die Gepäckluke öffnete, war ihr Koffer verschwunden.

„Er muss wohl versehentlich in einen anderen Bus verfrachtet worden sein“, bemerkte der Fahrer stoisch und schlug die Luke wieder zu.

„Aber wie konnte das passieren?“, fragte Rachel ungläubig und versuchte, die aufsteigende Panik zu unterdrücken.

„Das kommt ab und zu vor“, stellte der Busfahrer mit einem lapidaren Schulterzucken fest. „Ich werde es der Geschäftsstelle mitteilen und dafür sorgen, dass Ihnen der Koffer ins Hotel nachgeschickt wird. Wie lautet die Adresse?“ Er kramte einen Notizblock und einen Stift aus seiner Hemdtasche.

„Ich habe noch kein Hotel gebucht“, erklärte Rachel und biss sich verlegen auf die Unterlippe. Ganz zu schweigen davon, dass sie momentan auch gar nicht der Lage wäre, ein Zimmer zu bezahlen.

„Dann geben Sie mir einfach Ihre Handynummer. Ich werde Sie anrufen, wenn Ihr Koffer wieder auftaucht.“

Einen Moment blieb Rachel unschlüssig am Straßenrand stehen und starrte dem Bus nach, der mit einer großen Staubwolke hinter der Kurve verschwand. Erst dann richtete sie ihren Blick auf das luxuriöse mehrstöckige Anwesen, das auf der Anhöhe thronte.

Die imposante historische Villa lag inmitten eines weitläufigen, fast parkähnlichen Gartens, der sich terrassenartig an den steilen Hang schmiegte. Das einladende schimmernde Blau des riesigen Swimmingpools, das mit dem leuchtenden Azur des Meeres konkurrierte, machte die Hitze noch unerträglicher.

Rachel spürte, wie ihr Schweißperlen über den Rücken liefen und das grelle Sonnenlicht in ihren übermüdeten Augen brannte. Die leichten Kopfschmerzen, die sich schon während der Busfahrt bemerkbar gemacht hatten, waren mittlerweile zu einem hämmernden Pochen hinter den Schläfen herangewachsen.

Sie nahm ihre ganze Entschlossenheit zusammen und stieg die breiten Stufen hoch, die vor dem schmiedeeisernen Eingangstor der Villa endeten. Rachel drückte gegen das von einer hohen Mauer eingefasste Tor, doch es war natürlich verschlossen. Zu ihrer Erleichterung entdeckte sie in dem dunklen Stein eine kleine Gegensprechanlage, die ihr zuerst nicht aufgefallen war.

„Niente visite“, sagte eine Frauenstimme, kaum nachdem sie den Summer gedrückt hatte.

„Aber ich …“, warf Rachel ein.

Doch die Leitung war bereits unterbrochen worden. Mit beiden Händen umklammerte Rachel die rauen schmiedeeisernen Stäbe des Eingangstors und atmete ein paar Mal tief durch, bevor sie erneut auf den Summer drückte.

Dieselbe Frauenstimme antwortete umgehend, diesmal aber in einem Englisch mit starkem Akzent. „Besuch ist unerwünscht.“

„Ich muss Alessandro Vallini sehen“, entgegnete Rachel. „Und ich werde nicht gehen, bevor er mich empfängt.“

„Gehen Sie bitte“, sagte die Frau unbeirrt.

„Aber ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Können Sie Signor Vallini ausrichten, dass ich aufgrund widriger Umstände leider in Positano feststecke?“

Die einzige Antwort war ein gleichmäßiges Rauschen aus der Gegensprechanlage. Rachel lehnte sich ermattet mit dem Rücken gegen die Mauer und rutschte langsam zu Boden. Das passiert mir nicht wirklich, dachte sie ungläubig, während sie sich in den Schatten kauerte und den Kopf auf die angewinkelten Beine sinken ließ.

Es war, als habe sich ihr gesamtes Leben plötzlich in einen Albtraum verwandelt. Sie war mit Geld aufgewachsen – mit sehr viel Geld, wahrscheinlich mehr, als normale Menschen in ihrem gesamten Leben zu sehen bekamen. Lange hatte sie das für selbstverständlich gehalten. Nie war ihr auch nur für einen Moment der Gedanke gekommen, dass ihr privilegiertes Dasein einmal ein Ende haben könnte. Aber genau das war geschehen. Und obwohl sie alles darangesetzt hatte, um ihr zerstörtes Leben wieder aufzubauen, hockte sie jetzt tatsächlich vor dem Tor jenes Mannes, dessen Liebe sie vor fünf Jahren verschmäht hatte, und bettelte um Einlass.

War das Karma? Oder einfach nur eine Laune des Schicksals? Rachel schloss die Augen und wünschte sich sehnlichst, dass ihre Kopfschmerzen nachließen. Dann würde sie sich nämlich wieder aufraffen und so lange auf die verdammte Klingel drücken, bis Alessandro endlich nachgab …

„Ist sie immer noch da?“, fragte Alessandro seine Haushälterin Lucia betont beiläufig.

„Si, Signore“, erwiderte Lucia und wandte sich vom Fenster ab. „Sie sitzt dort schon seit über einer Stunde. Und draußen ist es wirklich sengend heiß heute.“

Lediglich die angespannten Kiefernmuskeln ließen erahnen, dass die Situation ihm nicht ganz so gleichgültig war, wie er vorgab, und dass er mit seinem Gewissen kämpfte. Er saß hier in seinem angenehm kühlen Arbeitszimmer, während Rachel vor dem Tor in der Hitze schmorte.

Aber allein die Vorstellung, sie zu sehen, verursachte ihm Magenschmerzen. Mit ihrem unangekündigten Besuch hatte er nicht gerechnet. Vor allem, nachdem er seiner Sekretärin in Mailand unmissverständlich angeordnet hatte, Rachel keinen Termin zu geben. Er war davon ausgegangen, dass das genügen würde, um sie fernzuhalten. Wann würde sie endlich kapieren, dass er sie nicht sehen wollte?

„Oh, mio Dio!“ Lucia stand noch immer hinter der Gardine und beobachtete das Eingangstor. „Ich glaube, sie fällt in Ohnmacht.“

„Wahrscheinlich schauspielert sie nur“, entgegnete Alessandro gespielt desinteressiert, ohne den Blick von den Dokumenten auf seinem Schreibtisch abzuwenden.

Lucia trat vom Fenster zurück. „Vielleicht sollte ich ihr ein Glas Wasser bringen.“

„Tu, was du für richtig hältst“, antwortete er und blätterte geistesabwesend die Papiere durch. „Aber halt sie von mir fern.“

Als das Knirschen von Schritten auf dem Kiesweg in Rachels Ohren drang, öffnete sie mühsam die Augen und blinzelte heftig gegen das aufdringliche Licht. Vor ihr stand eine dunkelhaarige, knapp fünfzigjährige Frau, die dem Aussehen nach eindeutig Italienerin war. In einer Hand hielt sie einen großen Krug, in der anderen ein Glas mit Wasser, Eiswürfeln und einer Zitronenscheibe.

„Möchten Sie vielleicht etwas trinken, bevor Sie weitergehen?“, fragte sie freundlich und reichte ihr das Glas durch die Gitterstäbe.

„Vielen Dank.“ Mit wenigen hastigen Schlucken leerte Rachel das Glas. „Ich war halb am Verdursten. Außerdem habe ich lähmende Kopfschmerzen.“

„Das liegt an der Hitze“, erklärte die Frau und schenkte ihr Wasser nach. „Im August sollte man sich in den Mittagsstunden lieber so wenig wie möglich in der Sonne aufhalten.“

Rachel trank noch zwei weitere Gläser, bevor sie der Frau das Glas zurückgab. „Grazie. Sie haben mir buchstäblich das Leben gerettet.“

„Wo sind Sie untergebracht? Hier in Positano? Oder sind Sie nur auf der Durchreise?“

„Ich habe leider noch keine Übernachtungsmöglichkeit. Es gab nämlich Probleme mit meiner Kreditkarte. Und auf der Busfahrt hierher ist auch noch mein Gepäck abhandengekommen.“

„Hier können Sie auf keinen Fall bleiben“, sagte die Frau höflich, aber bestimmt. „Signor Vallini lässt Ihnen ausrichten, dass er Sie nicht seh…“

„Ich würde Signor Vallini wirklich nicht viel Zeit stehlen“, bat Rachel flehend und strich sich eine feuchte Strähne aus dem erhitzten Gesicht. „Könnten Sie nicht ein ganz kurzes Treffen für mich organisieren? Ich bitte Sie inständig. Nur fünf Minuten. Das ist alles, was ich möchte.“

Die Frau verzog nachdenklich den Mund. „Ich würde damit meinen Job riskieren.“

„Bitte …“, sagte Rachel.

Mit einem tiefen Seufzer stellte Lucia den Wasserkrug und das Glas auf den Boden und zog ein Schlüsselbund aus ihrer Schürzentasche. „Ich werde es versuchen, kann Ihnen aber nichts versprechen.“

Rachel hob ihre Handtasche vom Boden auf und trat schnell durch das Tor, bevor die Frau es sich anders überlegte. Das laute metallische Geräusch des einrastenden Schlosses klang fast unheimlich in der heißen Mittagsstille.

Zu beiden Seiten des geschwungenen Kieswegs erstreckte sich ein wunderschöner Garten. Zwischen den akkurat getrimmten, hüfthohen Hecken wuchsen Rosen in allen erdenklichen Farben, die verschwenderisch ihren lieblichen Duft verströmten. Der Weg weitete sich langsam und gab den Blick auf einen kunstvoll angelegten Springbrunnen frei, dessen feiner Sprühnebel Rachel im Vorbeigehen eine willkommene Abkühlung bot.

Aus der Nähe wirkte die Villa noch imposanter. Geschickt drückte die Haushälterin mit dem Ellenbogen die Klinke der großen hölzernen Eingangstür herunter und bedeutete Rachel mit einem Kopfnicken, ihr ins Innere zu folgen.

Sie betraten eine riesige Eingangshalle mit einem auf Hochglanz polierten Marmorboden, in der sie eine angenehme Kühle in Empfang nahm. Die Sonnenstrahlen, die durch die hohen Fenster drangen, tauchten den Raum in ein goldenes Licht und brachen sich in den großen Kristallkronleuchtern, die von der reich verzierten Stuckdecke hingen. An den Wänden hingen sowohl klassische Gemälde als auch moderne Kunst. Das Ambiente strahlte eine edle und doch unaufdringliche Eleganz aus. Nichts wirkte überladen oder fehl am Platz. Links und rechts führten zwei breite abgewinkelte Marmortreppenläufe in die obere Etage.

Wie hat Alessandro es nur so weit gebracht? dachte Rachel beeindruckt. Wie hatte dieser Mann, der als Jugendlicher aus seinem desaströsen Elternhaus in einem ärmlichen Vorort von Melbourne geflohen war, in so kurzer Zeit so viel erreicht? Sie wusste, dass er sich nach seinem Schulabschluss mit allen erdenklichen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten hatte, bevor er mit vierundzwanzig beschloss, sich mit einem Ein-Mann-Unternehmen für Landschafts- und Gartenpflege selbstständig zu machen und nebenbei Betriebswirtschaft zu studieren.

Seine kleine Firma war rasch expandiert, und bereits wenige Jahre später konnte er sie als Franchise-Unternehmen für den gehobenen Markt verkaufen. Und jetzt, mit dreiunddreißig Jahren, war Alessandro Eigentümer und Geschäftsführer eines internationalen Konzerns für Business-Analyse und Management.

„Würden Sie bitte so lange hier warten, bis ich mit Signor Vallini gesprochen habe?“, fragte die Haushälterin und verschwand über die Treppe nach oben.

Rachel blickte sich inzwischen unauffällig um. Sie hatte das Anwesen ihrer Familie immer für sehr herrschaftlich gehalten – und im Vergleich zu den Häusern ihrer Freunde war es das sicherlich auch gewesen. Aber das hier war noch einmal eine ganz andere Dimension. Selbst die zahlreichen Fünf-Sterne-Hotels, in denen sie über lange Jahre während ihrer Reisen wie selbstverständlich übernachtet hatte, konnten mit diesem Luxus nicht mithalten. Behutsam strich sie mit ihrem Finger über einen antiken französischen Holztisch mit goldfarbenen Intarsien.

„Er ist gewillt, Ihnen fünf Minuten zuzugestehen“, riss die Stimme der Haushälterin sie aus ihren Gedanken.

Rachel atmete tief durch und folgte der Frau die Treppe hinauf. Als sie im zweiten Stock an einem Spiegel vorbeiging, wünschte sie sich, die Haushälterin darum gebeten zu haben, sich etwas frisch machen zu können.

Die Haare hingen verschwitzt und strähnig in ihr gerötetes Gesicht, und auf der Nase hatte sie einen Sonnenbrand. Das elegante ärmellose Top sah aus wie ein formloses Stück Stoff, und die eigentlich neue weiße Leinenhose wirkte, als wäre sie eine Woche bei staubigen archäologischen Ausgrabungen getragen worden. Sie sah aus wie eine Landstreicherin und nicht wie eine junge, vielversprechende Modeschöpferin. Aber das war jetzt auch egal.

Die Haushälterin klopfte bereits gegen eine Tür, öffnete sie und trat diskret zur Seite, sodass Rachel nichts anderes übrig blieb, als einzutreten.

Es handelte sich offensichtlich um Alessandros Bibliothek und Arbeitszimmer. Die Wände waren fast komplett mit Büchern und Aktenordnern bedeckt. Vor dem mit schweren Gardinen verhangenen Fenster stand ein großer Eichenschreibtisch. Im Vergleich zu den lichtdurchfluteten Räumlichkeiten der Villa, die sie bisher durchschritten hatte, wirkte dieses Zimmer eher düster und beunruhigend. Genau wie der Mann, der hinter dem Schreibtisch saß.

Doch auch das Halbdunkel konnte nicht verhindern, dass sich ihre Blicke sofort trafen – und ihr Herz unwillkürlich einen kleinen Sprung machte. Seine Augen waren so tiefblau und unergründlich wie das Meer, das sie heute während der Busfahrt aus dem Fenster beobachtet hatte, und bildeten einen eigentümlichen Kontrast zu dem dunklen südländischen Teint und dem pechschwarzen Haar.

Das abwartende Schweigen stand wie eine dicke gläserne Wand zwischen ihnen. Rachels Herz hämmerte so heftig gegen ihre Brust, dass ihr das Atmen schwerfiel.

Wie viel Zeit war vergangen, seit sie in dieses ausdrucksstarke Gesicht geblickt hatte? Alessandro war nicht der klassische Schönling, aber er hatte eine unglaublich charismatische Ausstrahlung. Die stolze Nase und die markanten Gesichtszüge verliehen ihm ein aristokratisches Aussehen.

Auf seinem sinnlichen Mund lag nicht der Hauch von einem Lächeln.

Ihr kam die seltsame Frage in den Sinn, wann Alessandro wohl das letzte Mal gelächelt hatte. Und wem dieses Lächeln gegolten haben mochte. Aus der Boulevardpresse wusste sie, dass er gerade seine Beziehung mit einem Kosmetikmodel beendet hatte. Doch das war nicht weiter verwunderlich, denn keine seiner Beziehungen in den letzten Jahren hatte länger als ein paar Monate gedauert. Natürlich war bekannt, dass er einer der reichsten Männer Italiens und einer der begehrtesten Junggesellen war. Doch abgesehen von den üblichen oberflächlichen Klatschnachrichten drang fast nichts über sein Privatleben an die Öffentlichkeit.

„Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mich zu sehen“, unterbrach Rachel schließlich mit gezwungener Freundlichkeit das Schweigen.

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte sie unverhohlen von Kopf bis Fuß. Es ärgerte sie, dass er nicht einmal den Anstand besessen hatte aufzustehen, als sie hereingekommen war. Benahm er sich mit Absicht so ungehobelt? Natürlich tat er das. Er wollte ihr seine Geringschätzung demonstrieren. Doch sie würde sich von ihm nicht wie Dreck behandeln lassen. Sie mochte vielleicht alles verloren haben – aber nicht ihren Stolz.

„Setz dich.“

Zwei Worte.

Ein Befehl.

Eine Beleidigung.

Rachel rührte sich nicht vom Fleck. „Ich werde dir nicht viel von deiner kostbaren Zeit stehlen“, entgegnete sie trocken und musste sich beherrschen, um die Verärgerung in ihrer Stimme zu verbergen.

Seine Mundwinkel verzogen sich spöttisch. „Nein, das wirst du mit Sicherheit nicht“, sagte er und warf demonstrativ einen Blick auf seine teure Armbanduhr. „Du solltest lieber sagen, was du zu sagen hast – und zwar schnell –, denn dir bleiben noch genau vier Minuten. Ich habe nämlich gleich einen Termin, der wirklich wichtig ist.“

Innerlich bebte sie vor Wut. Das war also sein Plan. Er war nur von seinem hohen Ross gestiegen und hatte sich dazu herabgelassen, sie zu sehen, um sein Rachespielchen komplett auszureizen. Welch unglaubliche Schadenfreude musste er darüber empfinden, wie sich das Blatt gewendet hatte. Der arme Gärtner von einst war jetzt ein Millionär, während das damals reiche Mädchen nun ohne einen Cent in der Tasche vor ihm stand.

„Ich wollte nur wissen, ob du es warst, der meine Bemühungen, hier in Italien finanzielle Unterstützung für mein Modelabel zu erhalten, sabotiert hat“, stieß sie hervor und sah ihm dabei fest in die Augen.

Er hielt ihrem Blick stand, ohne eine Miene zu verziehen. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst“, erwiderte er.

Sie war kurz davor, in die Luft zu gehen. „Ich lass mich von dir nicht für dumm verkaufen. Ich weiß genau, dass du es warst. Auch wenn der Vorstandschef in Mailand nicht explizit deinen Namen nennen wollte.“

Alessandro sah sie an, als wäre sie ein dickköpfiges Kind, das einen Wutanfall hatte. „Da hast du offensichtlich etwas in den falschen Hals bekommen“, entgegnete in einem betont wohlwollenden Ton, der Rachel nur noch mehr aufregte. „Ich habe niemandem von einer Investition in deine Modefirma abgeraten.“

„Ich bin extra aus Australien nach Mailand geflogen, um den Deal abzuschließen“, fauchte sie ihn an, „nur um hier zu erfahren, dass die Geldgeber ihre Meinung aus heiterem Himmel geändert haben – weil, wie sie mir sagten, ein hoch angesehener Businessanalyst die Finanzierung als nicht vorteilhaft eingestuft hat.“

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