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Verteufelt sexy

1. KAPITEL

Sapphie verschränkte die Finger ineinander, streckte die Arme über den Kopf und genoss das leichte Ziehen zwischen den Schulterblättern. Es zeigte ihr, dass ihre Muskeln gut funktionierten. Das war vor ein paar Monaten noch ganz anders gewesen. Aber daran wollte sie heute nicht denken. Heute wollte sie sich nur entspannen und langsam wieder auf die Arbeit einstellen.

Sie hob ihr Gesicht der Melbourner Sonne entgegen und genoss die Wärme auf ihrer Haut. Eigentlich hätte sie so etwas viel öfter tun sollen, dann wäre sie vielleicht nicht zusammengebrochen – und Gefahr gelaufen, das geliebte Familienunternehmen zu verlieren.

Wenn ihre jüngere Schwester Ruby nicht gewesen wäre … Sapphie ließ die Arme sinken und schüttelte sie aus, um sie zu entspannen. Diese Methode hatte sie während ihrer zweimonatigen Erholungskur in Tenang gelernt, wo sich ihr Körper und ihre Seele nach dem Zusammenbruch erholt hatten. Sie konnte es sich nicht leisten, angespannt zu sein, dafür stand zu viel auf dem Spiel. Und morgen würde sie ihrer Nemesis gegenübertreten.

Gelassen bleiben. Zentrieren. Tief ein- und ausatmen.

„Wer hätte gedacht, dass Sapphire Seaborn, die ehrgeizige Geschäftsfrau, einmal ihren inneren Yogi entdeckt?“, hörte sie plötzlich eine unverwechselbare Stimme sagen.

Sofort war Sapphies Entspannung wie weggeblasen. Sie öffnete die Augen – und sah Patrick Fourde vor sich. Mitten in dem kleinen Garten hinter dem Präsentationsraum von Seaborn’s. Und sie trug eine nicht sehr elegante Yogahose und ein lilafarbenes kurzes Oberteil! Das Haar hatte sie mit einem einfachen Gummiband zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Der absolute Kontrast zu dem eleganten Designer-Outfit, in dem sie ihn morgen hatte beeindrucken wollen.

Verdammt. Sapphie spürte, wie sie vor Verlegenheit errötete. Wegen ihrer gemeinsamen Vergangenheit wollte sie Patrick auf keinen Fall zeigen, wie sehr die unerwartete Begegnung sie durcheinanderbrachte. Der Kerl hatte ihr das letzte Jahr auf der Highschool zur Hölle gemacht, und sie hätte lieber Diamanten mit den Zähnen zermahlen als mit ihm zusammenzuarbeiten. Aber sie hatte keine Wahl, denn sie musste beweisen, dass sie – auch körperlich – in der Lage war, das Familienunternehmen weiter zu leiten. Auf keinen Fall wollte sie riskieren, die Firma noch einmal zu gefährden.

Also ging sie betont gelassen auf ihren Besucher zu und blieb einen knappen halben Meter vor ihm stehen. Nah genug, um die winzigen kobaltblauen Sprenkel in seinen grauen Augen zu sehen. Sie waren wie ein Stimmungsstein: leuchtend und klar, wenn er voller Energie steckte, kühl und verhangen, wenn er sein Pokerface aufsetzte. So wie jetzt.

Zum Glück hatte Sapphie seit der Schulzeit dazugelernt. Der großspurige Rebell von damals würde sie nie wieder überrumpeln.

„Gibt es ein Problem mit unserem Termin?“, fragte sie.

Er lächelte frech – genau das Lächeln, das sie in der Schule halb verrückt gemacht hatte – und lehnte sich an den Türpfosten. „Nein, ich war nur gerade in der Gegend und dachte mir, ich komme mal vorbei – der guten alten Zeiten wegen.“

Sapphie hatte sich das Wiedersehen nach zehn Jahren anders vorgestellt. Es gefiel ihr gar nicht, so im Nachteil zu sein, wenn es um Patrick ging. Schließlich musste sie ihn davon überzeugen, dass Fourde Fashion für die anstehende Melbourne Fashion Week unbedingt die fantastischen Schmuckkreationen von Seaborn’s brauchte.

„Vielleicht konnte ich es aber auch einfach nicht abwarten, dich wiederzusehen.“ Da war er wieder: Patricks legendärer Charme. Nicht einmal eine halbe Minute hatte es gedauert, bis er seinen Ruf bestätigt hatte. Doch Sapphies Meinung zu dem verwöhnten, aufsässigen Playboy hatte sich in den vergangenen Jahren nicht geändert. Er hatte nicht einen einzigen Tag seines Lebens arbeiten müssen und verkörperte all das, was sie an den reichen Kerlen verachtete, mit denen sie auf eine Privatschule gegangen war. Diese Typen glaubten, sie bräuchten nur mit dem Finger zu schnippen, und schon würde sich ihnen ein ganzer Harem zu Füßen werfen.

Ich nicht, dachte Sapphie. Sie würde ihn erwürgen, falls er ihrer Geschäftsidee nicht zustimmte.

„Du versuchst es also immer noch mit lahmen Anmachsprüchen“, erwiderte sie kühl.

„Und du bist immer noch verklemmt und arrogant.“

Seine Worte trafen Sapphie – vor allem, weil sie absolut nicht mehr derselbe Mensch wie früher war. Sie hatte hart gearbeitet, um sich in das Familienunternehmen einzuarbeiten, hatte ihre Mutter verloren und am eigenen Leib erfahren müssen, wie sich das chronische Erschöpfungssyndrom anfühlte. Außerdem war sie nie „verklemmt und arrogant“ gewesen. Allerdings hatte Patrick immer ihre unangenehmsten Seiten ans Tageslicht gelockt. Umgeben von einem Gefolge anderer beliebter Schüler, hatte er sie mit seinem routinierten Charme bei jeder Gelegenheit gereizt und geneckt. Aus irgendeinem Grund schien ihm das besonderen Spaß zu machen. Und je hartnäckiger Sapphie ihn ignoriert hatte, umso mehr hatte er sie provoziert – bis sie die Geduld verloren hatte. Weil sarkastische Bemerkungen ihn offenbar nur noch mehr anstachelten, lernte sie, sich zu beherrschen und nach außen hin kühl zu wirken.

Doch eines Tages hatte diese Methode plötzlich nicht mehr gewirkt – an dem Tag, als er sie geküsst hatte.

„Warum bist du hergekommen, Patrick?“

„Willst du eine ehrliche Antwort?“

Weiß er überhaupt, was das Wort „ehrlich“ bedeutet?

„Ich habe die Gerüchte gehört und wollte mir selbst ein Bild machen.“

Oh, nein. Dass er sie in Sportklamotten und ohne Make-up sah, konnte Sapphie noch verkraften. Aber wenn er von Seaborn’s finanziellen Problemen gehört hatte, dann wurde ihr ganzer Plan über den Haufen geworfen, bevor sie ihn überhaupt präsentieren konnte.

„Gerade du müsstest doch wissen, dass man Gerüchten keinen Glauben schenken darf.“

Als sie sich an ihm vorbeischieben wollte, hielt er sie am Arm fest. Dass sie bei der Berührung so etwas wie einen leichten Stromstoß verspürte, machte Sapphie wütend. Wie konnte er nach zehn Jahren noch immer so eine Wirkung auf sie haben?

„Was hast du denn gehört?“, fragte sie.

„Dass Seaborn’s in Schwierigkeiten steckt.“

„Auch nicht mehr als andere Unternehmen in einer schlechten Wirtschaftslage.“ Das war glatt gelogen. Hätte ihre Schwester Ruby nicht den Minengiganten Jax Maroney geheiratet, wäre das Unternehmen, das sich seit Generationen im Besitz der Familie befand, verloren gewesen.

Und daran wäre ganz allein Sapphie schuld gewesen. Weil sie viel zu lange versucht hatte, alles im Alleingang zu bewältigen, statt um Hilfe zu bitten. Fast wäre das Unternehmen ihrer Sturheit und ihrem Wunsch nach Eigenständigkeit zum Opfer gefallen – genau wie ihre Gesundheit. Die tiefe Erschöpfung hatte Sapphie zutiefst erschreckt, allerdings nicht so sehr wie der Umstand, dass sie um ein Haar das Versprechen an ihre Mutter gebrochen hätte.

Danach hatte sie sich geschworen, künftig alles für den Fortbestand des Familienunternehmens zu tun. Und darum würde sie sogar zu Patrick nett sein.

„Ach ja?“, fragte er. „Ich habe gehört, dass Ruby sich mit Maroney einlassen musste, um Seaborn’s zu retten.“

Insgeheim verfluchte Sapphie die verdammten Wichtigtuer, die nichts Besseres zu tun hatten, als Café Latte zu schlürfen, zur Maniküre in exklusive Schönheitssalons zu gehen und über andere zu lästern.

Ihr Leben lang hatte sie Freundschaften zu den betuchten Kreisen gepflegt, in denen sie aufgewachsen war: aus Respekt vor ihrer Mutter und zum Wohle des Unternehmens. Reiche bekamen nun einmal gern Aufmerksamkeit, und sie hielten sich an ihre Kreise – was bedeutete, dass sie ein kleines Vermögen für Schmuck von Seaborn’s ausgaben. Doch an Tagen wie diesem spürte Sapphie einen tiefen Widerwillen gegen die Mentalität dieser Menschen.

„Da hast du etwas Falsches gehört.“ Sie hatte wenig Lust, sich vor Patrick zu rechtfertigen. Aber Ruby hatte sich tatsächlich mit aller Kraft für Seaborn’s eingesetzt, und Sapphie war ihrer kleinen Schwester unendlich dankbar.

Es wurmte sie, dass Patrick nicht ganz falsch lag. Denn ursprünglich hatte Ruby Jax aus Vernunftgründen geheiratet, um Seaborn’s zu retten. Hätten die beiden sich nicht unsterblich ineinander verliebt, hätte Sapphie ihre Schwester eigenhändig für dieses Opfer erwürgt.

„Ruby und Jax sind verrückt nacheinander.“

„Na, da haben sie aber Glück.“

Als Patrick ihren Mund betrachtete, fing dieser an zu kribbeln. Sie musste daran denken, wie souverän und selbstbewusst er sie als Achtzehnjähriger geküsst hatte. Schon eine einzige Liebkosung seiner Zunge hatte ausgereicht, um sie die Beherrschung verlieren zu lassen …

Verdammte Hormone. Sapphie presste die Lippen zusammen. Nur weil sie seit einem Jahr mit keinem Mann mehr zusammen gewesen war, musste sie sich jetzt doch nicht uralten Erinnerungen hingeben! Und doch glitt ihr Blick unwillkürlich zu Patrick. Sie bemerkte, dass sein etwas zu langes dunkelbraunes Haar sich lockte, dass auf seinen markanten Wangen ein Schatten dunkler Bartstoppeln lag – und dass er noch immer den obersten Knopf seines Hemds offenließ. So sah sie seine sonnengebräunte Haut, die nur darauf zu warten schien, berührt zu werden.

Verdammte Hormone, dachte Sapphie noch einmal.

„Du wirkst so nervös. Kann ich dir irgendwie helfen?“

Als Patrick einen Schritt näherkam, musste sie all ihre Willenskraft aufbringen, um nicht zurückzuweichen.

Wenn ihr Vorhaben unter Dach und Fach war, brauchte sie dringend ein Date mit einem heißen Typen, der auf nichts aus war als auf eine leidenschaftliche Nacht. Aber Sapphie glaubte nicht, dass sie einen Mann finden würde, der ihren Fantasien nahekam. Die Männer, mit denen sie ausging, waren biedere Managertypen mit vollem Terminkalender, die kaum Ansprüche stellten. Genau wie sie.

„Ja, kannst du.“ Sie sah Patrick in die Augen und ignorierte ihr leichtes Erschauern. „Du kannst bereit sein für die schönsten Schmuckstücke, die Seaborn’s je entworfen hat. Das ist alles, worum ich dich bitte.“

Als er den Kopf neigte, glänzte sein Haar golden in der Sonne. „Schade“, sagte er lächelnd.

Wie kann ein einziges kurzes Wort nur so verheißungsvoll sein? Aber Patrick hatte schon als Teenager unglaublichen Charme besessen. Und dieser hatte sich zu einem atemberaubenden Sexappeal entwickelt, der Sapphie völlig durcheinanderbrachte.

„Hattest du mit deinen platten Schmeicheleien in Europa Erfolg? Bei mir wirken sie nämlich nicht“, behauptete sie.

„Und was würde bei dir wirken?“

Als er sich näher zu ihr neigte, hielt sie den Atem an.

„Das würde ich wirklich gern wissen.“

Sein Atem strich über Sapphies Haut, und ein leichtes Beben ging durch ihren ganzen Körper. Sie fühlte seine Wärme und wurde umhüllt von einer Mischung aus dem Duft von teurem Wollstoff, französischem Aftershave und einer Note seines ganz eigenen maskulinen Geruchs – verführerisch, berauschend und überwältigend.

Sapphie schloss die Augen, neigte den Kopf und atmete ganz tief ein. Sie konnte einfach nicht widerstehen. Einen winzigen Moment lang stellte sie sich vor, wie es wäre, den Mund an Patricks Hals zu schmiegen. Wie lange sie so dastanden, nur wenige Millimeter voneinander getrennt, die Luft zwischen ihnen erotisch aufgeladen, konnte sie nicht sagen.

„Saph, bist du draußen?“, hörte sie plötzlich jemanden rufen. Vor Schreck zuckte sie zusammen, blieb mit dem Schuh an einem Stein hängen und stolperte. Patrick hielt sie fest, damit sie nicht hinfiel. Eigentlich hätte Sapphie ihm dankbar sein müssen. Doch als er sie durchdringend ansah und sich unzählige ungestellte Fragen in seinen grauen Augen spiegelten, errötete sie schon wieder. Warum reagiere ich nur so unerklärlich heftig auf ihn? Sie durfte sich nicht zu ihm hingezogen fühlen, da die Zukunft des Familienunternehmens von ihm abhing!

Außerdem mochte Sapphie Patrick gar nicht. Sie hatte ihn noch nie gemocht. In der Highschool war er einfach unerträglich gewesen. Und angesichts seines selbstgefälligen Auftretens schien sich in dieser Hinsicht wenig geändert zu haben. Heute war er garantiert einzig und allein mit dem Ziel hergekommen, sie zu verunsichern. Es würde nicht einfach sein, mit ihm zusammenzuarbeiten.

„Danke“, sagte sie und schob seine Hände zur Seite. Dann sah sie Ruby im Türrahmen stehen, die sie aufmerksam und mit einem frechen Lächeln ansah. „Ich wusste nicht, dass du Besuch hast“, rief ihre Schwester und zwinkerte Patrick zu. „Und dann auch noch so erlesenen!“

Darüber kann man streiten, dachte Sapphie genervt.

„Du siehst toll aus, Rubes“, begrüßte Patrick ihre Schwester. „Offenbar tut dir das Eheleben gut.“

„Danke.“ Ruby musterte ihn. „Dasselbe kann man über dich und Europa sagen.“

„Paris ist ganz in Ordnung, aber Melbourne ist auch nicht schlecht.“ Er blickte zu Sapphie. „Die Stadt bietet unglaublich viel Schönheit.“

Zu ihrem eigenen Ärger errötete Sapphie nun schon zum dritten Mal in zehn Minuten. „Du redest Blödsinn“, murmelte sie.

„Vielleicht, aber vermisst hast du mich trotzdem.“ Bevor sie reagieren konnte, ergriff er ihre Hand und küsste sie – eine zarte, kaum spürbare Berührung, bei der sie fast geseufzt hätte. Fast.

„Träum weiter.“

„Darauf kannst du dich verlassen“, flüsterte er und drückte ihre Hand leicht, bevor er sie losließ. „Bis morgen.“

Sapphies Haut prickelte an der Stelle, wo er sie geküsst hatte. Patricks gänzlich unsubtiler Charme war doch nur eine Methode, um sie nervös zu machen! Aber warum tut er das? Will er mich im Hinblick auf unseren Termin morgen aus der Fassung bringen?

Grübelnd betrachtete sie Patricks ausgesprochen ansehnliches Hinterteil, als er sich von Ruby verabschiedete und ging. Am liebsten hätte sie jetzt Entspannungsübungen gemacht, um die beunruhigenden Gefühle zu verdrängen, die er in ihr wachgerufen hatte. Wie oft hatte er, wenn sie im Biologieunterricht in eine Zweiergruppe eingeteilt waren, gelangweilt auf seinem Block herumgekritzelt, anstatt die unterschiedlichen Nerven im menschlichen Körper auswendig zu lernen. Ganz bewusst hatte er sie mit albernen Scherzen abgelenkt und sie wegen einfach allem aufgezogen, einschließlich ihrer sehr ordentlichen Handschrift.

Ruby sah ihre Schwester unverhohlen neugierig an. „Patrick war ja schon in der Schule ziemlich scharf, aber jetzt ist er ein richtiger Traummann. Und er steht total auf dich.“

Energisch schüttelte Sapphie den Kopf. „Nein, er flirtet einfach mit jeder Frau, die ihm über den Weg läuft.“

„Und dich bringt er damit zum Strahlen“, stellte ihre Schwester fest.

„Quatsch.“

„Doch!“ Ruby zog sie mit sich zu einem Fenster. „Sieh doch mal.“

Mit einem resignierten Seufzen betrachtete Sapphie ihr Spiegelbild und sah trotz der feinen Staubschicht, dass ihre Wangen rosa angehaucht und ihre Augen groß waren. Der verwirrte Ausdruck in ihren Augen verriet ihr, dass sich ihr Wunsch, mit der Vergangenheit abzuschließen, nicht erfüllen würde. Sie verachtete Patrick und das, was er symbolisierte. Trotzdem zog er sie auf eine Art und Weise, die sie nicht erklären konnte, magisch an.

„So habe ich dich lange nicht mehr erlebt.“ Ruby legte Sapphie den Arm um die Schultern und ging mit ihr hinein. „Steht dir aber gut!“

„Ich habe draußen in der Sonne Yoga gemacht, darum sehe ich so aus.“

Da umarmte Ruby sie lachend. „Wirklich süß, wie du versuchst, alles abzustreiten, Schwesterherz.“

„Es gibt nichts zu abzustreiten. Patrick und ich werden hoffentlich bald Geschäftspartner.“

Wenn sie die Kooperation nicht schon vermasselt hatte. In ihrer Branche zählte der erste Eindruck. Und Patrick, der Geschäftsführer von Fourde Fashions neuer australischer Niederlassung, hatte sie nicht nur in der Baumhaltung gesehen, sondern auch noch ein Wortgefecht über sich ergehen lassen müssen. Aber zumindest hatte sie ihm keine Schimpfwörter an den Kopf geworfen wie früher.

„Geschäftspartner, so so.“ Ruby ging in die winzige Küche und schaltete den Wasserkocher an. „Ich bin wirklich gespannt, ob er dich an jedem Arbeitstag mit einem Handkuss begrüßen wird.“ Sie hängte je einen Teebeutel mit Pfefferminztee in zwei Becher und goss mit einem vielsagenden Lächeln heißes Wasser ein.

Dankbar über die Ablenkung nahm Sapphie ihren Becher entgegen. „Du könntest mich ruhig etwas moralisch unterstützen. Immerhin muss ich Patrick morgen mit unserer Präsentation überzeugen.“

Rubys freches Lächelnd verschwand. „Oh, bist du nervös deswegen? Seaborn’s geht es seit der Auktion doch so gut! Und du hast doch noch Zeit, um dich wieder richtig einzuarbeiten.“

Sapphie umfassten ihren Becher, genoss die Wärme und sog den Pfefferminzduft ein. Früher hatte sie sich mindestens sechs Mal am Tag einen Espresso gegönnt und hätte sich nicht träumen lassen, einmal auf Kräutertee umzusteigen. Doch während ihres Aufenthalts in Tenang hatte sie viel gelernt, unter anderem, wie wichtig Selbstwert und Selbstfürsorge waren.

Sie musste es schaffen, sie musste die Zukunft von Seaborn’s sichern, ein für alle Mal. Nicht aus einem verqueren Pflichtgefühl gegenüber ihrer kleinen Schwester heraus, und auch nicht, weil sie es ihrer Mutter auf dem Sterbebett versprochen hatte. Nein, Sapphire Seaborn musste es für sich selbst tun.

Denn sie liebte das Schmuckunternehmen über alles und wünschte sich insgeheim, dass ihre Kinder eines Tages stolz über die glänzenden Holzböden laufen würden. Sapphie wollte allen zeigen, dass sie mit dem Druck des Jobs umgehen konnte.

Durch das chronische Erschöpfungssyndrom war sie am Ende ihrer Kräfte gewesen, und sie wollte sich nie wieder so schwach fühlen. Indem sie wieder die Geschäftsleitung bei Seaborn’s übernahm und ihre Sache gut machte, wollte Sapphie vor allem sich selbst beweisen, dass sie diese Phase der Schwäche und Verletzlichkeit ein für alle Mal überwunden hatte.

„Ja, dir und Jax ist mit der Auktion wirklich ein echter Coup gelungen, von dem Seaborn’s noch immer profitiert.“

Das verlegene Lächeln ihrer Schwester täuschte Sapphie nicht. Ruby freute sich sehr über Lob. Die von ihr entworfenen Stücke hatten bei der Gala-Auktion reißenden Absatz gefunden. Noch immer gingen Bestellungen ein und sicherten die Rentabilität des Unternehmens. Und bald würde Letztere wieder Sapphies Aufgabe sein.

„Ja, das haben wir ganz gut gemacht“, erwiderte Ruby. „Wenn man bedenkt, wie lange wir etwas nicht bemerkt haben, das so offensichtlich war!“

Auch Sapphie konnte immer noch kaum glauben, dass ihre Schwester und Jax sich unsterblich ineinander verliebt und aus ihrer Zweckehe eine glückliche Beziehung gemacht hatten. Wie es wohl war, einen anderen Menschen so sehr zu lieben, dass man bereit war, sich ein Leben lang an ihn zu binden? Das würde sie selbst, die praktisch mit Seaborn’s verheiratet war, wohl nie herausfinden.

„Ich freue mich wirklich sehr für euch“, sagte sie mit Tränen der Rührung in den Augen.

„Dankeschön.“ Ruby trank einen Schluck Tee und sah ihre Schwester dann durchdringend an. „Und, was wirst du im Hinblick auf Patrick unternehmen?“

Schon beim Klang seines Namens zog sich Sapphies Magen zusammen. „Ich werde ihm einen Vorschlag machen, den er nicht ablehnen kann.“

Ihre kleine Schwester verdrehte die Augen. „Ich meinte doch nicht in Bezug auf die Firma, sondern auf das, was ich vorhin draußen gesehen habe.“

Auf keinen Fall wollte Sapphie an irgendetwas denken, was dieser routinierte Charmeur gesagt oder getan hatte. Er hatte sie gereizt wie früher zu Schulzeiten. Dass sie derart darauf angesprungen war, verhieß nichts Gutes.

Ich bin jetzt älter und klüger, dachte sie. Sie würde beweisen, dass sie mit ihm zusammenarbeiten konnte, ohne sich um seine provozierenden Bemerkungen zu kümmern.

„Vielleicht würde er dir guttun.“ Ruby wickelte sich geistesabwesend ihren Pferdeschwanz um den Finger, wie sie es auch immer tat, wenn sie über ihre neueste Schmuckkreation nachdachte. „Ein bisschen Spaß, nichts Ernstes. Um die Spinnweben wegzufegen, sozusagen.“

Als Sapphie mit einem Geschirrtuch spielerisch nach ihr schlug, duckte sie sich lachend weg.

„Du hast recht damit, dass es mir guttun würde, mich mal wieder mit einem Mann einzulassen. Aber Patrick Fourde würde ich nicht einmal anrühren, wenn er der letzte Mann auf der Erde wäre.“

„Ich wette um einen Halbjahresvorrat deiner geliebten Tim Tams, dass es keine zwei Wochen dauert, bis du mit dem heißen Patrick auf Tuchfühlung gehst.“

„Kein Problem.“ Sapphie schlug ein und freute sich schon darauf, wie Ruby in zwei Wochen ihren Küchenschrank mit den köstlichen Schokoladenkeksen füllen würde.

2. KAPITEL

Patrick ging in das erste Café, an dem er vorbeikam, ganz in der Nähe von Seaborn’s. Vielleicht konnte eine ordentliche Dosis Koffein das merkwürdige Gefühl vertreiben, das ihn seit dem Wiedersehen mit Sapphire Seaborn erfüllte. Ich hätte gar nicht herkommen sollen, dachte er. Aber er hatte einfach nicht anders gekonnt.

Schon immer hatte die kühle Blondine ihn unwiderstehlich angezogen. Zu Highschoolzeiten hatte er ständig den Drang verspürt, ihre makellose, selbstsichere Fassade ein wenig zu zerzausen. Dass sie die Stupsnase hochgestreckt hatte, als hätte sie Besseres zu tun, als mit ihm zu lernen, hatte Patrick nur noch mehr angestachelt, herauszufinden, wie sehr er Sapphie reizen konnte, bis sie die Beherrschung verlor. Aber das war nie geschehen.

Dass ihr Name auf der Liste für den morgigen Geschäftstermin stand, war der Grund, aus dem Patrick heute voller Neugier hier aufgetaucht war. War Sapphie noch immer so verkrampft und arrogant? Seaborn’s hatte in Melbourne den besten Ruf, und genau so etwas brauchte er für sein Vorhaben. Aber während der gesamten Vorbereitung für die Fashion Week mit einer überkorrekten Miss Perfect zusammenzuarbeiten, würde keinen Spaß machen.

Seine erste spitze Bemerkung hatte Sapphie schlagfertig pariert – und ihn in die Vergangenheit katapultiert. Wie damals verspürte Patrick nun den unwiderstehlichen Drang, sie zu reizen und zu necken. Zum Beispiel mit dem Handkuss. In Sapphies kühlen blauen Augen hatte es feindselig geflackert, und sie hatte die glatte Stirn zwischen den perfekt gezupften Augenbrauen ganz leicht gerunzelt.

Doch Patrick hatte auch etwas unerwartet Sanftes an ihr erlebt, als er ihr die Hand geküsst hatte. Das war fast so erschreckend gewesen wie seine heftige körperliche Reaktion. Wer hätte gedacht, dass ein Handkuss erregend sein konnte?

Er musste an die einzige andere Gelegenheit denken, bei der er sie geküsst und es geschafft hatte, hinter ihre frostige Fassade zu blicken. Sapphie war nicht so gleichgültig, wie sie gern gewesen wäre. Genau das musste er tun, falls sie zusammenarbeiten würden: die Kontrolle über die Dinge behalten und Sapphie zeigen, dass er sich von ihr nicht herablassend-kühl behandeln lassen würde.

Diesmal besaß er etwas, das sie unbedingt haben wollte, sonst hätte sie ihm kein Geschäft angeboten. Offenbar stand es um Seaborn’s noch schlechter, als die Gerüchte vermuten ließen.

Seaborn’s. Patrick dachte an die elegante cremefarbene Fassade des Gebäudes im Art-déco-Stil, den auf Hochglanz polierten Boden, an das Glitzern und Funkeln der kostbaren Edelsteine in den Glasvitrinen. Er erinnerte sich an den Abend, als er Sapphie nach dem Abschlussball nach Hause gefahren hatte, weil ihr jämmerlicher Tanzpartner dafür zu betrunken gewesen ...

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