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Verstreut über alle fünf Kontinente

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Reinhold Busch

Verstreut über alle fünf Kontinente

Das Schicksal der jüdischen Familie Rosenthal aus dem Ruhrgebiet

Meiner Frau Marlene, die mich bei diesem Buch mit Geduld und vielen guten Ratschlägen unterstützte, mit großem Dank gewidmet

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung: Mechanismen der Judenverfolgung

Prolog: Ein Foto aus den Niederlanden

Eine jüdische Großfamilie aus Witten-Annen

1. Antonie Rosenthal und Gustav Meyer

2. Johanna Rosenthal und Siegmund Hesse

Auswanderung in die USA

3. Elfriede Rosenthal und Joe Meyer

Fritz Meyer und seine Familie

Dr. med. Heinz Meyer, Arzt in Braunschweig

Jüdische Ärzte in der NS-Zeit

Zunehmende Verfolgung und Ausplünderung

Reichskristallnacht – Dr. Meyer in Buchenwald

Familie Meyer emigriert in die USA

Niederlassung in Konnarock, Virginia

Margrit Meyer

Dr. med. Ernst Jochen Meyer – Kindheit in Braunschweig

Schulbesuch in Konnarock und Studienjahre

Dr. med. Klemens Meyer

Eine musikalisch hochbegabte Familie

4. Joseph Rosenthal und Else Weinberg

Verkauf von Geschäft und Immobilien

Mißhandlung in der Kristallnacht

Paul Jakob Rosenthal, später Rover: Auswanderung nach Indien

Weiter in die USA

Vivien Rosenthal und Ron Goldman

To know or not to know that has been the question

5. Albert Rosenthal und Selma Kaufmann

Eine Jugend in Haspe

Lore Rosenthal – weder Approbation noch Promotion

Emigration nach Israel über England

Ermordung der Eltern in Auschwitz

Leben in Israel nach dem Krieg

Margot Smith geb. Rosenthal erinnert sich an die Verfolgung

Das Geschäft „Gebrüder Rosenthal“ wird aufgegeben

Margot Rosenthal hilft bei der Emigration

Auswanderung nach England

Es war schwer, in England Fuß zu fassen

Familiengründung in England

6. Hugo Rosenthal und Laura Schöneberg

Zwangsverkauf des Geschäfts

Hans Jakob Rosenthal – verhinderte Berufskarriere

Reichskristallnacht – Hugo und Hans Jakob im KZ Sachsenhausen

Die Auswanderung nach Palästina scheitert. Tod im Ghetto Riga

Hans Jakob emigriert nach Israel

Auch Hanna Rosenthal emigriert nach Israel

7. Bertha Rosenthal und Adolf Mendel

8. Martha (Mathilde) Rosenthal und Albert Rosenberg

9. Adolf Rosenthal und Katharina Ehemann

10. Selma Rosenthal und Julius Schönenberg

Tod in Theresienstadt

Erna Schönenberg emigriert in die Niederlande

Günter Schönenberg folgt seiner Schwester

Günter Schönenberg taucht unter und überlebt in Frankreich

Kriegsende. Emigration in die USA

11. Josef Rosenthal und Johanna Weinberg

„Arisierung“ des Kaufhauses Rosenthal

12. Siegmund Rosenthal und Elise Bauer

Mißhandlung in der Kristallnacht und Emigration nach Australien

Heinz Albert Rosenthal

Auch Heinz Albert Rosenthal emigriert nach Australien

13. Ida Rosenthal und Albert Weinberg

Artur Steinberg wird Witwer

Terror in der Reichskristallnacht

Tod der zweiten Ehefrau. Deportation der Familie nach Zamosc

14. Jenny Rosenthal und Daniel Nussbaum

Aus Theresienstadt freigekauft – Juden gegen Dollars

15. Hermann Rosenthal und Emmy Lion

16. Max Rosenthal, geb. am 25. Januar 1880 in Annen

17. Alma Rosenthal und Albert Neuwahl

Hilde Martin geb. Neuwahl emigriert in die USA

Denise Martin und Dr. Hans Heilbronn

18. Fedor Rosenthal und Hete Gompertz

Im KZ Sachsenhausen zu Tode geprügelt

Hans Walter Rosenthal folgt seinem Onkel nach Australien

Epilog: Stolpersteine als Erinnerung

Danksagung

Ausgewählte Literatur

Im Gedenken an die Angehörigen der Familie Rosenthal, die im Holocaust umkamen

Albert Rosenthal, geb. 23.4.1879 in Annen

Selma Rosenthal geb. Kaufmann, geb. 1.1.1880 in Moers

Selma Schönenberg geb. Rosenthal, geb. 13.5.1898 in Annen

Erna Gradenwitz geb. Schönenberg,
geb. 1.4.1915 in Gelsenkirchen

Joseph Gradenwitz, geb. 27.2.1914 in Tarnowitz

Antonie Meyer geb. Rosenthal, geb. 1.9.1872 in Annen

Hugo Rosenthal, geb. 23.6.1881 in Annen

Laura Rosenthal geb. Schöneberg, geb. 19.12.1887 in Dortmund

Johanna Rosenthal geb. Weinberg, geb. 15.3.1871 in Ramsbeck

Jenny Nußbaum geb. Rosenthal, geb. 23.9.1876 in Annen

Albert Rosenberg, geb. 28.7.1880 in Osnabrück

Alma Neuwahl geb. Rosenthal, geb. 25.7.1881 in Annen

Albert Neuwahl, geb. 26.5.1864 in Soest

Fedor Rosenthal, geb. 8.3.1883 in Annen

Artur Steinberg, geb. 6.1.1892 in Geseke

Alice Paula Steinberg, geb. 3.10.1927 in Geseke

Albert Günter Steinberg, geb. 10.8.1930 in Geseke

_________________________

Auschwitz – Riga – Sachsenhausen – Theresienstadt – Zamosc

Vorwort

In Witten steht im Ortsteil Annen an der Ecke Bebelstraße/Stockumer Straße ein größeres, mehrstöckiges Jugendstil-Haus. Im Eingang findet der Besucher mehrere Schilder: Rosenthal-Residenz, Rosenthal-Appartements und im Hausprospekt den Hinweis: „Die Rosenthal-Residenz ist ein historisches Haus Annens und ist am 3. September 2011 nach einer vollständigen Renovierung neu eröffnet worden.“ Und im Ortsteil Stockum wurde mit dem Rosenthalring eine Familie dieses Namens geehrt.

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Haus Bebelstraße 9 in Witten-Annen ehemaliges Kaufhaus Gebrüder Rosenthal

Wer waren die Rosenthals? Zum ersten Mal stieß ich auf den Namen bei den Recherchen zu meinem Buch „Das Schicksal jüdischer Familien aus Hagen“, in dem ich über jüdische Ärzte und Zahnärzte meiner Heimatstadt berichtete. Eine von ihnen war Lore Rosenthal, Tochter von Albert Rosenthal, der mit seinem Vetter Hermann gemeinsam das Kaufhaus „Gebrüder Rosenthal“ in Hagen-Haspe führte. Geschäfte mit diesem Namen gab es auch in Gevelsberg, Witten-Stockum und Witten-Annen, in Hagen außerdem das Schuhgeschäft Rosenbaum, dessen Inhaber Johanna Rosenthal und ihr Mann Julius Hesse waren.

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Rosenthalring in Witten-Stockum

So entstand mein Entschluß, ein Buch über diese jüdische Großfamilie von ihrem Ursprung bis in die heutige Zeit zu schreiben. Es geht darum, ihre Emanzipation aus bescheidenen Verhältnissen um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu angesehenen Kaufleuten und Fabrikanten bis zu den Jahren der Verfolgung zu schildern und zu zeigen, wie die Überlebenden eine neue Heimat in allen fünf Kontinenten fanden und dort als Wissenschaftler, Ärzte, Psychologen, Juristen, Musiker, Ökonomen, Unternehmer und Konzernchefs in die führenden Schichten ihrer neuen Heimatländer weiter aufstiegen – ein großer Verlust für Deutschland. Dabei war es mein Bestreben, die einzelnen Familienmitglieder, soweit sie einverstanden waren bzw. Berichte vorlagen, selbst ausführlich zu Wort kommen zu lassen.

Ich mußte allerdings feststellen, daß mein Vorhaben nicht nur helle Freude, sondern auch lange Zeit Mißtrauen und in einem Fall krasse Ablehnung bei den Nachkommen der Rosenthal-Brüder auslöste, eine Erfahrung, die ich auch schon mit zwei Familien der jüdischen Ärzte und Zahnärzte machen mußte. Es handelt sich immerhin um ein hochsensibles Thema, denn eine Familie, die verfolgt, unter entwürdigenden Verhältnissen zur Emigration gezwungen wurde und im Holocaust siebzehn Angehörige verlor, ist mit Sicherheit traumatisiert; bei vielen zeigen sich Symptome des sog. Posttraumatischen Belastungssyndroms.

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Eingangsbereich des Hauses Bebelstraße 9

Von meiner Ausbildung in systemischer Familientherapie her wußte ich, daß Holocaust-Überlebende verschiedene traumatische, zum Teil multiple Erfahrungen durchlebten. Somit hatten sie keine „normale“ Vergangenheit. Mit diesen Erfahrungen mußten sie nach dem Krieg weiterleben; eine häufige Folge waren Alpträume. Viele litten an Schuldgefühlen, weil nur sie davongekommen waren, andere nicht, oder weil sie ihre Angehörigen nicht hatten retten können. Viele leisteten keine Trauerarbeit, behielten Ängste, Trauer- oder Rachegefühle für sich und verdrängten ihre Erlebnisse. Um sich und ihre Kinder vor Schmerz zu schützen, schwiegen sie manchmal für den Rest ihres Lebens, so daß ihre Nachkommen ihre Geschichte nicht kannten.

Traumatische Erfahrungen werden nur dann an die nächste Generation übermittelt, wenn sie von den Betroffenen nicht verarbeitet werden und folglich auch nicht in die Konstruktion eines lebensgeschichtlichen Sinnzusammenhanges eingebettet werden können. Wenn aber die erste Generation keine Trauerarbeit leistet, so die Familiendynamik, wird das häufig die nächste stellvertretend für sie tun – der Leser wird dafür einige Beispiele in diesem Buch finden. Die israelische Psychologin Wardi beschreibt diesen Prozeß mit dem Phänomen, daß sich ein Kind in solchen Familien als „Gedenkkerze“ besonders für die Verfolgungsgeschichte interessiert, anders als seine Geschwister. Die Kinder fragen nicht, um ihre Eltern zu schonen.1 Wie aber sollen sie sich erinnern, wenn sie die Geschichte der Eltern nicht kennen? Hier zeigt sich die Macht der unbewußten Identifikation mit dem Leiden der Eltern, wobei deren Erfahrungen oft nur geahnt werden.2 Etwa ein Drittel dieser Kinder leiden an manifesten psychopathologischen Prozessen wie Alpträumen oder sog. „Flashbacks“ von Ereignissen, die sie selbst gar nicht erlebt haben.3

Damit bestand für die von mir Angeschriebenen und Befragten das Risiko einer Retraumatisierung, was die Zurückhaltung und das Mißtrauen erklärt, dem ich zunächst gegenüberstand. Solche Anfragen oder Interviews können sehr schnell alte Wunden aufreißen. Eine Israeli der dritten Generation hatte die Schuldgefühle ihrer Mutter übernommen, die Qualen litt, weil diese ihre Eltern nicht hatte „aus der Hölle retten können“. Nach meinem Besuch hatte sie eine schlaflose Nacht verbracht. Sogar ein Angehöriger der vierten Generation schrieb mir, es verginge kein Tag, an dem er nicht an den Holocaust denke. Andere Familienmitglieder hatten ihre Erfahrungen in langen Berichten verarbeitet, die ich hier fast ungekürzt wiedergebe. Die Informationen wurden mir aber auch häufig nur sehr zögernd und tröpfchenweise übermittelt. Hinzu kamen noch Sicherheitsbedenken: die Angst, Bilder und Daten minderjähriger Kinder preiszugeben, zum Teil aus Furcht vor wachsendem Antisemitismus, vor allem in den USA. Hingegen signalisierten mir Angehörige aus Israel, sie seien stolz auf ihre Familie und ihr Judentum, und ich dürfe alles veröffentlichen. All diesen verschiedenen Meinungen hatte ich Rechnung zu tragen.

Ein paar Sätze seien noch zum Problem der nicht anerkannten Schuld durch die Täter hinzugefügt. Bei den Kindern erzeugte dies ambivalente Gefühle: einerseits den Loyalitätszwang innerhalb der Familie, andererseits den Wunsch nach Distanzierung. Die Hoffnung, daß sich die Übertragung unbewußter traumatisierender Botschaften nicht nur bei den Opfern, sondern auch bei den Tätern in der Generationenfolge abschwächen würde, wird durch neue Forschungen nicht bestätigt, sondern es zeigt sich im Gegenteil eine Verstärkung einer Tendenz des Agierens in der dritten Generation; auch für die vierte Generation läßt sich schon erkennen, daß auch sie schon von „unverdauten“ unbewußten Botschaften betroffen ist. Neurotischer Selbsthaß und eine kultische Politik der Schuld, mit denen keinem gedient ist, sind die Folgen. Zudem ist bisher kaum untersucht worden, welche Auswirkungen der gewaltsame Ausstoß einer gesamten Bevölkerungsgruppe wie die der Juden aufgrund einer unwissenschaftlichen und aberwitzigen Rassentheorie langfristig auf die Psyche und das Bewußtsein der deutschen Bevölkerung haben wird, verlor Deutschland doch mehr als eine halbe Million und mit ihren Nachkommen sicher mehr als eine Million wertvoller Mitbürger, die wir heute schmerzlich vermissen. Hier sei der Spruch von Ba’al Schem Tov4 zitiert: „Das Exil wird länger und länger des Vergessens wegen, aber vom Erinnern kommt die Erlösung.“

Örtliche Recherchen und Berichte über das Schicksal „ihrer“ jüdischen Mitbürger gab es vor 1980 in Deutschland so gut wie keine. In Hagen wurde Professor Hermann Zabel bei seiner Untersuchung zu seinem Buch5 nicht nur beschimpft und bedroht, sondern erhielt darüber hinaus noch Archivverbot. Ein prominentes Beispiel, das bundesweit Aufsehen erregte, war das 1983 erschienene Buch der jungen Autorin Anna Rosmus „Widerstand und Verfolgung am Beispiel Passaus“, für das sie die Akteneinsicht im Archiv ihrer Vaterstadt einklagen mußte, weil führende Persönlichkeiten aktive Nationalsozialisten gewesen waren. Jahrelang wurde „das schreckliche Mädchen“6 terrorisiert, als Nestbeschmutzerin, Judenhure und Drecksau beschimpft und mußte zuletzt sogar unter Polizeischutz gestellt werden. 1994 emigrierte sie in die USA, wo ihr zwei Jahre vorher der „Holocaust Memorial Award“ in New York verliehen worden war. Heute hat sich die Stimmung völlig geändert: Es gibt kaum noch eine Gemeinde in Deutschland, in der nicht Heimatforscher oder Geschichtsvereine das Schicksal „ihrer“ Juden erforscht und aufgearbeitet haben und der Ereignisse gedenken.

Ohne Professor Dr. Robert Weinberg, der mir einen umfangreichen Stammbaum der Familie Rosenthal zuschickte und mir bei der Ermittlung der Adressen half, hätte ich dieses Buch nicht schreiben und ihm bei der Vervollständigung seiner Arbeit helfen können. Letztlich konnte ich mehr als 190 Nachkommen der Rosenthal-Brüder aus Witten namentlich ermitteln und stand zuletzt mit 34 von ihnen in E-Mail-Kontakt. Die wirkliche Zahl dürfte jedoch 200 überschreiten, denn nicht alle gelang es mir zu finden.

Einleitung: Mechanismen der Judenverfolgung

Die Judenpolitik im „3. Reich“ vollzog sich grob gesehen in vier Phasen. In der ersten (1933–1935) definierte man bestimmte deutsche Bürger als Juden und machte ihnen wirtschaftliche Schwierigkeiten – schon am 1. April 1933 wurde erstmalig zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen; in der zweiten (1935–1938) wurden die Rechte der Betroffenen massiv eingeschränkt bzw. beseitigt. Die Nürnberger Gesetze von 1935 schlossen sie aus der Gemeinschaft deutscher Staatsbürger aus. In der dritten Phase (1938–1941) wurden sie schikaniert, fast vollständig ihres Vermögens beraubt und zur Auswanderung genötigt, insbesondere nach der Reichspogromnacht im November 1938. In der vierten Phase nach 1941 wurden die danach völlig Verarmten und Zurückbleibenden zur Vernichtung in den Osten deportiert;7 die erste Deportation aus Westfalen erfolgte aber bereits am 13. Dezember 1939 aus Münster und Bielefeld.8 Besonders erwähnen möchte ich dabei die Perfidität, mit der ehemalige jüdische Soldaten behandelt wurden, die im 1. Weltkrieg ihr Leben für ihr Vaterland eingesetzt und vielfach auch verloren hatten. Zum Dank wurden viele von ihnen in die Vernichtungslager deportiert und dort umgebracht.

Um die in diesem Buch geschilderten Vorgänge besser zu verstehen, sei kurz eine Erklärung zur Verfolgung der Juden und der Mechanismen ihrer Ausplünderung und Drangsalierung vorangestellt. Wer heute ins Ausland reist oder auswandert, nimmt einfach Bargeld oder Kreditkarte mit und kann sich dort unbeschränkt bis zur Höhe seines Kreditlimits jede andere Währung verschaffen.

Das war schon vor 1933 anders: Wegen hoher Staatsverschuldung, Auslandsschulden und Mangels an Devisen erließ der Reichspräsident am 1.8.1931 eine Notverordnung zur Devisenbewirtschaftung, mit der der Erwerb von Devisen sowie die Ausfuhr der Reichsmark nur beschränkt erlaubt und genehmigungspflichtig wurden. Um die Kapital- und Steuerfluchtflucht reicher Staatsbürger zu begrenzen, wurde per Verordnung vom 8.12.1931 die sog. Reichsfluchtsteuer9 eingeführt. Der Steuersatz wurde bei einem Vermögen von 200.000 Reichsmark bzw. einem Jahreseinkommen von mehr als 20.000 RM auf 25 % des Gesamtvermögens bzw. der Einkünfte festgesetzt.

Nach 1933 wurde das Gesetz stufenweise verschärft; schon 1934 wurde die Vermögensgrenze auf 50.000 RM herabgesetzt. Bei Verdacht einer Ausreiseabsicht konnte die Devisenstelle bei der Oberfinanzdirektion jetzt eine Sicherheitsleistung in Höhe der geschätzten Reichsfluchtsteuer fordern. Dies traf nun vorwiegend jüdische Emigranten, die mit dieser Steuer wesentlich zum Reichshaushalt beitrugen. Mit dieser Zahlung war aber noch nicht gewährleistet, daß weiteres Vermögen sowie Hab und Gut ins Ausland mitgenommen werden konnte. Die Freigrenze für Devisen wurde 1934 auf 10 RM pro Person festgesetzt10. Vor der Genehmigung zur Ausreise hatte jedoch das Finanzamt noch zu bescheinigen, daß der Antragsteller keine Rückstände an Reichssteuern hatte.

Das Reichsbürgergesetz vom 15.9.193511 teilte die deutsche Bevölkerung in Reichsbürger – das bedeutete „Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes“ – und „einfache“ Staatsangehörige ein; das waren „Angehörige rassefremden Volkstums“, zu denen jetzt die Juden zählten. Das Gesetz ermöglichte ab jetzt die Entrechtung der als minderwertig angesehenen Staatsangehörigen und zielte auf deren Ausgrenzung ab. Die Erste Verordnung zu diesem Gesetz vom 14.1.1935 definierte dann: „Jude ist, wer von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Großeltern abstammt, jüdischer Mischling ist, wer von einem oder zwei der Rasse nach volljüdischen Großeltern abstammt“. Ob die Betroffenen der jüdischen oder einer christlichen Religionsgemeinschaft angehörten, spielte dabei keine Rolle.

Am 1. Dezember 1936 wurde das Devisengesetz12 geändert. Jetzt waren die Devisenstellen befugt, bei Verdacht einer Vermögensverschiebung Verfügungsbeschränkungen zu erlassen. Die Devisenstelle für die Provinz Westfalen war beim Oberfinanzpräsidenten in Münster angesiedelt und wurde zu einem umfassenden Lenkungsund Kontrollorgan ausgebaut; sie konnte Pässe einziehen, Geldstrafen verhängen, die Verfügungsmöglichkeit über das individuelle Vermögen entziehen, das Umzugsgut auswanderungswilliger Juden überprüfen lassen und mit hohen Sonderabgaben belegen sowie den Kapitaltransfer einschränken. Einkünfte aus Renten, Pensionen, Versicherungszahlungen und Dividenden durften nicht ins Ausland transferiert werden; das Geldvermögen wurde auf ein „Sperrmark-Konto“ eingezahlt. Ein Devisenumtausch war nur über die Deutsche Golddiskontbank möglich, die den schlechten Umtauschkurs zudem mit einem hohen Disagio belegte. Diese sog. „Dego-Abgabe“ betrug 1934 noch 20 % und stieg bis Oktober 1936 auf 81 %, im Juni 1938 auf 90 % und zuletzt im September 1939 auf 96 %! Wurde sie nicht bezahlt, und der betroffene „Steuerflüchtling“ setzte sich ins Ausland ab, wurde er steckbrieflich zur Fahndung ausgeschrieben. Dabei konnten über die Grenze Fliehende verhaftet werden. Die Zahl der Beamten beim Zoll und den Zollfahndungsstellen wurde daher beträchtlich erhöht. Wer erwischt wurde, konnte nicht mit Nachsicht rechnen.

Um eine möglichst lückenlose Überwachung der jüdischen Steuerpflichtigen zu gewährleisten, wies das Landesfinanzamt Münster am 25. November 1935 die Finanzämter, Hauptzollämter, die Zollfahndungsstelle Dortmund und die Devisenstelle an, „über alle Fälle, in denen Steuerpflichtige – insbesondere nichtarische Personen – ihre Bank- oder Postscheckguthaben abheben oder ihre Wohnungseinrichtung, Grundstücke, Maschinen u. dgl. zu verkaufen versuchen und hiernach anzunehmen ist, daß sie ins Ausland flüchten wollen, sofort der zuständigen Staatspolizei ihres Bezirks und der Zollfahndungsstelle Dortmund Kenntnis zu geben“13. Mit einem Erlaß vom 29.12.1936 verschärfte der Reichsfinanzminister diese Verordnung dadurch, daß jetzt ein zweiseitiger Vordruck für alle Fälle vorgeschrieben war, in denen Indizien für Ausreisevorbereitungen sprachen.14 Ab 1937 wurden in die Überwachung der jüdischen Auswanderung noch Post, Reichsbahn, Makler und Spediteure einbezogen; ab jetzt fahndeten die Devisenstellen in enger Zusammenarbeit mit Banken, Grundbuchämtern, Polizei- und Zollbehörden nach Anhaltspunkten für eine geplante Flucht wie Verkauf von Immobilien, Möbeln und Teppichen, Schmuck und Edelsteinen. Nach der Verordnung vom 26. April 1938 hatte nunmehr jeder Jude sein gesamtes inund ausländisches Vermögen anzumelden und zu bewerten.

Sicher hatte er jedoch die „Judenvermögensabgabe“ zu entrichten, die allen Juden aufgrund des § 2 der „Verordnung über eine Sühneleistung der Juden und des § 3 der „Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben“ vom 12. November 193815 auferlegt wurde, die 20 % des Vermögens betrug und in vier Raten bis zum 15. August 1939 bezahlt werden mußte. Die anläßlich der Pogromnacht entstandenen Schäden sollten von den Juden selbst beseitigt werden. Eigentlicher Hintergrund war, daß 1938 ein Haushaltsdefizit von zwei Milliarden Reichsmark bestand und befürchtet wurde, daß das Deutsche Reich zahlungsunfähig würde.

Weil 1938 die Zahl der Flüchtlingsströme jüdischer Auswanderer enorm angestiegen war, trafen sich auf Einladung des Präsidenten der USA vom 6. bis zum 15. Juli 1938 die Vertreter von 32 Nationen in Évian-les-Bains am Genfer See zu einer Konferenz, um die Situation der aus Deutschland auswandernden Juden zu regeln. Da aber nationalistische und antisemitische Vertreter aus Osteuropa auf Millionen auswanderungswilliger Staatsbürger ihrer Länder hinwiesen, war kaum noch ein Land bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Weigerung der Völkergemeinschaft, im Rahmen konkreter Kontingente Juden aufzunehmen, erinnert fatal an die derzeitige Haltung von Mitgliedsländern der EU. Die moralische Katastrophe wird mit den Worten von Golda Meir über diese Konferenz deutlich: „Zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich leid es ihnen tue, daß sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: ‚Wißt ihr denn nicht, daß diese verdammten Zahlen menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt?‘“

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Mit der „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“ vom 3. Dezember 193816 schließlich war das Ziel erreicht, „die Umwandlung des jüdischen Vermögens in Werte, die keinen wirtschaftlichen Einfluß mehr gestatten“, zu gewährleisten. In Artikel II wurde den Juden der Erwerb von Grundstücken untersagt; sie mußten hingegen ihre Immobilien auf Anordnung innerhalb einer bestimmten Frist verkaufen, wobei der Kaufvertrag einer Genehmigung bedurfte; die Ämter trugen Kaufinteressenten in Listen ein und trafen die Entscheidung über eine „Neuverteilung“. Dadurch, daß damit angegebene Aktien ausländischer Unternehmen zwangsweise in wertlose Reichsanleihen umgetauscht werden mußten, konnten dringend erforderliche Devisen erwirtschaftet werden. Die Depotpflicht für Wertpapiere wurde eingeführt mit dem Artikel III; Aktien und festverzinsliche Wertpapiere mußten innerhalb einer Woche einer Devisenbank übertragen werden. Über dieses Depot konnte ein Jude fortan nicht mehr verfügen. Wenn er kein Einkommen mehr erzielte, war er gezwungen, die Devisenstelle um Freigabe eines spärlichen monatlichen Betrages zu bitten, um nicht zu verhungern. Von jetzt an mußten alle devisenrechtlichen Ausgaben einzeln genehmigt werden, sogar die Kosten für Auslandstelegramme. War kein Barbetrag mehr vorhanden, wurden mit Genehmigung der Devisenstelle Wertpapiere verkauft; so nahm das Vermögen der Juden Monat für Monat ab, bis sie vollständig verarmt waren. Für jede Kleinigkeit war ein umfangreicher Schriftwechsel erforderlich.

Auch private Veräußerungen von Juwelen, Edelmetallen und Kunstgegenständen ab einem Wert von 1.000 RM waren ab jetzt laut Artikel IV untersagt. Kurz darauf, am 21. Februar 1939, wurde den Juden unter Strafandrohung auferlegt, diese binnen zwei Wochen 1939 bei staatlichen Ankaufs- und Sammelstellen abzuliefern.17 Dazu wurden die städtischen Pfandleihanstalten ernannt. Nach einem vom Reich festgesetzten Tarif erstatteten sie nur 60 % des üblichen Beleihungswertes der Anstalten, der ohnehin weit unterhalb des wahren Wertes lag. Dabei wurde außerdem nur der Materialwert berücksichtigt.

Inzwischen war es zu einer weiteren Verschärfung der Bestimmungen für jüdische Auswanderer gekommen: Im Mai 1938 wurde angeordnet,18 daß das Umzugsgut mindestens 14 Tage vor Verpackung und Verladung unter Beifügung eines Verzeichnisses anzuzeigen sei. Wert und Anschaffungszeitpunkt der Gegenstände waren in dem Verzeichnis anzugeben, wobei für Gegenstände, die nach 1933 erworben worden waren – sog. „Neubesitz“ –, eine Dego-Abgabe in Höhe des Anschaffungswertes festgesetzt wurde. Die Devisenstelle entschied im Einvernehmen mit der Zollfahndungsstelle, was ins Ausland verbracht werden durfte: Die Zollfahnder sollten eine Nachprüfung in der Wohnung durchführen. Selbst mit dieser Abgabe wurden solche Gegenstände nur dann freigegeben, wenn sie zur Ausübung des Berufes bzw. zur Gründung einer bescheidenen Existenz unbedingt benötigt wurden. Zollbeamte sollten außerdem bei der Verpackung und Verladung des Umzugsguts überwachen, daß nur von der Devisenstelle freigegebene Gegenstände verladen wurden.19 Im Auftrag des Oberfinanzpräsidenten begab sich ein Gerichtsvollzieher, der zum Sachverständigen der Devisenstelle in dieser Angelegenheit bestellt wurde, in die Wohnung, um an Hand des Umzugsverzeichnisses die darin aufgeführten Gegenstände zu besichtigen. Dabei überprüfte er auch die vorgelegten Rechnungen über die einzelnen Gegenstände,20 wie es den oben dargelegten Vorschriften entsprach, und unterschied dabei ältere, vor 1933 gekaufte und die nach diesem Datum erworbenen Gegenstände. Nach dieser Prüfung hatte der Betreffende eine ersatzlose Abgabe an die Deutsche Golddiskontbank Berlin zu entrichten; sie „durfte“ aus seinem gesperrten Guthaben, seinen gesperrten Wertpapieren oder seinem Auswandererguthaben geleistet werden. Erst dann wurde die Ausfuhr des Umzugsgutes genehmigt.

Die Mitnahme des Umzugsguts wurde durch das „Gesetz über die Devisenbewirtschaftung“ vom 12. Dezember 1938 weiter eingeschränkt: Nur zum persönlichen Gebrauch unbedingt erforderliche Gegenstände durften noch ausgeführt werden. Jeder Auswanderungswillige mußte vorher um Genehmigung nachsuchen und zu diesem Zweck alle auszuführenden Sachen in getrennten Vermögensverzeichnissen je nach Beförderungsart aufstellen.

Da sich inzwischen bei der Devisenstelle Tausende von Anträgen häuften, in denen verzweifelte Juden um Freigabe von Beträgen zur Bezahlung von Steuern, Schulden und täglichen Ausgaben des Lebensunterhaltes nachsuchten, verfügte der Reichsfinanzminister im August 1939, daß neue Sicherungsanordnungen nach einem vorgeschriebenen Muster zu erlassen seien; die Juden sollten aus den neu einzurichtenden, „beschränkt verfügbaren Sicherungskonten“ monatlich einen Freibetrag zur Bestreitung des laufenden Bedarfs entnehmen dürfen; in der Regel waren monatlich Beträge zwischen 150 bis 300 RM festgesetzt. Damit mußte jeder auskommen.21

Das Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden22 vom 30.4.1939 lockerte den Mieterschutz für Juden; ab November 1939 wurden die in Deutschland verbliebenen Juden aus ihren Wohnungen ausquartiert und in sog. „Judenhäusern“ konzentriert. Die Zehnte Verordnung zum Reichsbürgergesetz begründete die Zwangsmitgliedschaft in der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, einem verlängerten Arm des Reichssicherheitshauptamtes. Diese hatte die Auswanderung zu fördern und erhob eine weitere Vermögensabgabe, um mittellosen Auswanderern ein „Vorzeigegeld“ aushändigen zu können, welches aus Beiträgen und Spenden der verarmten und inzwischen überalterten jüdischen Gemeinden finanziert wurde.

Der Beginn des 2. Weltkrieges erschwerte die Auswanderung zusätzlich. Schließlich machte der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten Ende 1941 allen Emigrationsplänen ein Ende. Am 18. Oktober 1941 war es dann endgültig aus und vorbei: Die Auswanderung von Juden wurde auf Befehl Heinrich Himmlers generell verboten, denn inzwischen lagen die Pläne zu ihrer Vernichtung vor. Schon am 22. Juni beim Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion hatten die Einsatzgruppen mit dem planmäßigen Völkermord an den Juden begonnen, und am 31. Juli 1941 unterzeichnete Göring eine Weisung an SD-Chef Reinhard Heydrich, „die Gesamtlösung der Judenfrage“ vorzubereiten.

Mit der Elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 verloren die Juden „mit der Verlegung des gewöhnlichen Aufenthaltes ins Ausland“, auch nachträglich, ihre deutsche Staatsangehörigkeit. Ihr Vermögen wurde eingezogen. Durch einen Erlaß vom 3.12. wurden die besetzten Gebiete im Osten als Ausland eingestuft – das bedeutete die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit nach der Deportation.

Mit einem mehrseitigen geheimen Erlaß vom 4. November 1941 verständigte das Reichsfinanzministerium die Oberfinanzpräsidenten wie folgt: „Juden, die nicht in volkswirtschaftlich wichtigen Betrieben beschäftigt sind, werden in den nächsten Monaten in eine Stadt in den Ostgebieten abgeschoben. Das Vermögen der abzuschiebenden Juden wird zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen.“ Insbesondere sollten „die freigemachten Wohnungen“ möglichst bald von den Städten übernommen und die Einrichtungen verwertet werden. Das Inventar wurde, kurz nachdem die Polizei die Juden aus ihren Wohnungen geholt hatte, von Beamten der Finanzverwaltung weggeschafft und z. T. öffentlich versteigert. Die überzählige Wohnungseinrichtung wurde beschlagnahmt, – „entzogen“, wie es im Amtsdeutschen hieß –, und verschwand in unbekannten Kanälen.

Es ist daher verständlich, daß Juden nach dem Krieg größte Schwierigkeiten hatten, ihre Ansprüche auf Rückerstattung eines derart versickerten Vermögens gegen die betreffenden Amts- und Regierungsstellen durchzusetzen. In Artikel 19 des Gesetzes Nr. 59 der amerikanischen Militärregierung von 1947 wurde bestimmt, daß Vermögen zurückzuerstatten sei; oft mußten die Betroffenen erfahren, daß man leider nicht zurückerstatten könne, was nicht mehr vorhanden sei; eingezogenes Geldvermögen sei nicht mehr nachweisbar und in den Reichshaushalt geflossen, und das Deutsche Reich existiere nicht mehr. Sämtliche Ansprüche mußten vor Ämtern für Wiedergutmachung oder Wiedergutmachungskammern bei den Landgerichten mühsam durchgesetzt werden. Die an der Ausplünderung der Juden beteiligten Behörden zahlten ja nicht von selbst und schon gar nicht freiwillig, zumal die damit beauftragten Beamten nach dem Krieg nicht entlassen wurden und nun die Folgen ihres eigenen Handelns bearbeiten sollten. Sie ließen es nicht nur an Unrechtsbewußtsein fehlen – ganz im Gegenteil, sie offenbarten sich jetzt als Nichtwisser und Verdränger. Ausgerechnet Oberregierungsrat Heinrich Heising, der als Chef der Devisenstelle Münster den staatlich organisierten Raub maßgeblich geleitet hatte, wurde 1945 mit der Restitution und Wiedergutmachung beauftragt und 1947 zum Regierungsdirektor befördert; in dieser Funktion zeigte er im weiteren Verlauf immer noch wenig Verständnis, als die ersten Anträge jüdischer Opfer auf Wiedergutmachung eintrafen. So zog er sich in einem Verfahren die Mißbilligung des Innenministers von Nordrhein-Westfalen zu. Dennoch wurde Heising 1949 gar zum Finanzgerichtspräsidenten in Düsseldorf befördert und durfte sich 1953 eines entsprechenden Ruhestandsgehaltes erfreuen.23

Es dauerte mehrere Jahre, bis die ihres Eigentums beraubten Juden Entschädigungen erhielten. Zunächst mit dem Rückerstattungsgesetz für die Britische Zone vom 12. Mai 1949,24 der Aufhebung der Bestimmungen über die Reichsfluchtsteuer durch das Gesetz vom 23. Juli 195325 und dem Bundesentschädigungsgesetz26 von 1956 wurde es möglich, gezahlte Fluchtsteuern zurückzuerstatten und für enteigneten Besitz Entschädigung zu leisten.

Erst im Bundesentschädigungsgesetz vom 19.7.1957 wurden diese Probleme geregelt und sowohl Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe zurückerstattet und Entschädigungen für Verluste, das Tragen des Judensterns, Drangsalierungen, abgebrochene oder nicht mehr wahrgenommene Ausbildungen oder Studien gewährt. Renten- und Pensionsberechtigte konnten endlich ihre Ansprüche durchsetzen.

Prolog: Ein Foto aus den Niederlanden

Es ist Mittwoch, der 8. April 2015. Da schreibt Jacqueline Shelton-Miller, Enkelin von Selma Schönenberg geb. Rosenthal: „Dies ist die Jahreszeit, in der wir Geschichten erzählen. Zum Pesachfest sollen wir die Geschichte vom Exodus unserer Vorfahren aus Ägypten berichten. Wir erinnern uns an diese Historie, als ob wir selbst aus Ägypten herauskämen, aus der Sklaverei zur Freiheit. Für die Generation der Holocaust-Überlebenden und ihrer unmittelbaren Nachkommen reicht diese Geschichte aber erst eine oder zwei Generationen, nicht tausende von Jahren zurück. Und zu dieser Jahreszeit erinnern wir uns auch an ihre Berichte, sowohl auf unseren Seder-Tafeln27 als auch in der folgenden Woche an Yom Hashoah.28

Vor zweieinhalb Jahren erhielt ich eine mysteriöse E-Mail aus Holland. Eine holländische Wissenschaftlerin hoffte, ich könne ein Foto identifizieren, das, wie sie glaubte, von meinem Vater sei, aufgenommen von Annemie Wolff 1943 in Amsterdam. Sie fragte, ob sie mir sein Porträt zusenden könne. Mein Vater war vor zehn Jahren verstorben, so daß ich ihn nicht mehr befragen konnte. So schickte ich ihr eine kurze Mail-Antwort, und wie durch ein Wunder schaute ich Augenblicke später auf ein unbekanntes Foto meines Vaters im Alter von 22 Jahren, das mich anstarrte. Eine Reise in die Niederlande folgte kurz darauf.“29

Annemie Wolff war eine deutschgeborene Fotografin, die während des Krieges meist offizielle Fotos des Hafens und des Flughafens Amsterdam aufgenommen hatte. Nach ihrem Tod fand man in ihrem Archiv Filmrollen mit den Porträts von über 400 Personen aus Amsterdam; die Hälfte von ihnen waren Juden, und viele trugen den gelben Stern. Unter Frau Shelton-Millers verantwortlicher Leitung folgte die Weltpremiere von „Lost Stories, Found Images: Portraits of Jews in Wartime Amsterdam by Annemie Wolff“ vom 26.2. bis zum 17. April 2015 im Goethe-Institut San Francisco. „Ich weiß nicht, warum mein Vater sein Foto von Annemie Wolff im Juli 1943 aufnehmen ließ. Was ich weiß, ist, daß die Entdeckung dieses Fotos und die darauf folgende Organisation von ‚Lost Stories, Found Images‘ mein Leben verändert hat.“