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Versteckt wie Anne Frank

Als Ravensburger E-Book erschienen 2013

Die deutschsprachige Printausgabe erschien 2013 in der Ravensburger Verlag GmbH

© 2013 Ravensburger Verlag GmbH

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Ondergedoken als Anne Frank« bei Em. Querido’s Uitgeverij B.V., Amsterdam.
Text copyright © 2011 Marcel Prins und Peter Henk Steenhuis
Illustrationen copyright © 2011 Marcel van der Drift
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann.

Umschlaggestaltung: init. büro für gestaltung, Bielefeld
Die Fotos in diesem Buch stammen aus dem Privatbesitz der jeweiligen Personen.
Der Verlag dankt der Niederländischen Literaturstiftung für die Förderung der Übersetzung.

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH

ISBN 978-3-473-47269-7

www.ravensburger.de

Vorwort

In diesem Buch stehen die Geschichten von vierzehn Menschen, die im Zweiten Weltkrieg untertauchen mussten, weil sie Juden waren. Für Adolf Hitler, den Vorsitzenden der NSDAP, waren die Juden die Ursache allen Übels auf der Welt. Darum sollten sie vernichtet werden.

Meine Mutter war eine von ihnen. Sie war damals – im Sommer 1942 – fast sechs Jahre alt. Als Kind schon war ich neugierig auf ihre Geschichte vom Untertauchen. Sie erzählte mir, was damals geschehen war. Vor allem von den Situationen, die spannend waren, oder in denen sie Angst hatte oder traurig war, hinterließen einen tiefen Eindruck bei mir.

Als ich mich später näher mit anderen Untertauchern beschäftigte, entdeckte ich, wie unterschiedlich all ihre Geschichten verlaufen waren. Und dass die meisten Untertaucher den Krieg nicht überlebt hatten, weil sie verraten oder bei Razzien entdeckt worden waren. Das bekannteste Beispiel ist Anne Frank, deren Tagebuch auf der ganzen Welt gelesen wird. Meine Mutter hatte Glück.

Aber wie ging das eigentlich, untertauchen? Wohin sollte man? Wem konnte man vertrauen? Woher bekam man das Geld, um das Untertauchen zu bezahlen? Was machte man, wenn man Angst hatte? Solche Fragen habe ich Männern und Frauen gestellt, die im Krieg Jungen und Mädchen waren. Von ihren Erfahrungen liest du in diesem Buch.

Zu diesem Buch gehört auch eine Website:
www.verstecktwieannefrank.de.

Dort sieht man Animationsfilme und hört Teile der Geschichten, wie sie mir erzählt wurden. Und dort sind auch Fotos der Kinder, wie sie heute aussehen, zu finden.

Auf dieser Karte sieht man, wo in den Niederlanden die Jungen und Mädchen aus diesem Buch untergetaucht waren. Manchmal war es nur eine Adresse, meistens jedoch mehrere. Bei einem Jungen waren es sogar zweiundvierzig!

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Auch die Karte befindet sich auf der Website. Du kannst einfach einen Ort auf der Karte anklicken und dir anhören und ansehen, welche Geschichte sich dort abgespielt hat. Hör mal rein und lies selbst!

Marcel Prins

Die Sterne sind verschwunden

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Rita Degen,
geboren in Amsterdam am 25. Dezember 1936

1939, als ich drei Jahre alt war, wurde mein Vater zum Militär einberufen. Die Truppen lagerten in der Nähe einer wichtigen Verteidigungslinie, der Grebbelinie. Meine Mutter und ich fuhren zweimal mit dem Zug dorthin. Mein Vater war da mit einer Gruppe Soldaten, alle in Uniform. Das sah seltsam aus, fand ich. Sie waren auf einem großen Bauernhof untergebracht. Wir konnten in einem eigenen Zimmer übernachten. Mir gefiel es ganz gut dort.

Als der Krieg ausbrach, musste er mit seinem Regiment Richtung Grebbeberg vorstoßen. Dort fanden schwere Kämpfe statt, überall gab es Tote und Verletzte. Das geht völlig schief, dachte er. Woraufhin er sein Fahrrad nahm und nach Amsterdam zurückfuhr. Mitten in der Nacht kam er an, ohne Gewehr und ohne Bepackung. Die hat er wohl irgendwo zurückgelassen.

Mein Vater wollte immer ganz genau wissen, was um ihn herum vorging, auch später im Krieg. Darum suchte er sich eine Stelle beim Judenrat1, der in Amsterdam 1941 im Auftrag der deutschen Besatzungsmacht zur Vertretung der jüdischen Gemeinschaft in den Niederlanden gegründet worden war. Bei einem der ersten Transporte aus Amsterdam hatte er Wachdienst. Was er dort sah, veranlasste ihn, mich sofort untertauchen zu lassen. In derselben Woche sind auch meine Eltern untergetaucht. Mein Vater hatte sich bereits um alle Untertauchadressen gekümmert, nicht nur für uns, sonder auch für seine Eltern und für alle Geschwister meiner Mutter. Sie haben sie nicht genutzt. »Es wird schon nicht so schlimm werden«, sagten sie.

Kurz nachdem meine Eltern untergetaucht waren, wurde ihre Wohnung im Amsterdamer Stadtbezirk Oud-Zuid (Alt-Süd) »gepulst«. Die Firma von Abraham Puls räumte im Auftrag der Deutschen Wohnungen von Juden, die untergetaucht oder bei einer Razzia aufgegriffen worden waren. Wir hatten Glück: Unsere Nachbarn, gute Leute, die einen Schlüssel zu unserer Wohnung hatten, nahmen zuvor alles mit, was sie tragen konnten, und versteckten es. Nach dem Krieg bekamen wir zumindest unsere Fotos zurück, eine Besteckkassette, eine Statue und eine Uhr.

Mein erstes Versteck war in Amsterdam, beim Chef meines Vaters. Er war Jude, aber seine Frau nicht – eine solche Mischehe schien anfangs recht sicher, obwohl es dennoch gefährlich war, dass sie ein jüdisches Mädchen aufnahmen. In dieser Zeit wurde mir erstmals klar, dass ich Jüdin war, ohne dass ich begriff, was es bedeutete.

Bei uns zu Hause waren wir vor dem Krieg alles Mögliche gewesen: Vegetarier und Anhänger allerlei Naturheilverfahren zum Beispiel, und wir waren nicht gläubig. Natürlich gab es Traditionen. Sogar jede Menge: Wir aßen zu Ostern Matzen, meine Mutter backte Gremselich (Gebäck aus Matzen, Rosinen, Mandeln, Sukkade) und wir hatten eine Menora, einen Leuchter, in den wir Kerzen stellten. Vor allem meine Mutter benutzte noch viele jiddische Ausdrücke. Aber das gehörte einfach dazu, für mich war das ganz normal.

Nicht normal war, dass ich ungefähr drei Monate nach Kriegsbeginn nicht mehr in den Kindergarten durfte. Aber nun ja, mein Nachbarsjunge Sjeetje war auch jüdisch und ihm passierte das Gleiche. Also spielten wir eben wieder zusammen, wie wir es auch getan hatten, ehe wir in den Kindergarten gekommen waren.

Als ich untertauchte, war ich fünf, und es würde noch Monate dauern, bis ich sechs würde. Aber ich freute mich schon darauf. Was es bedeutete, Jude zu sein, wurde mir erst an dem Tag ein wenig klarer, an dem meine Untertaucheltern über meinen Geburtstag sprachen.

Mein Untertauchvater, Walter Lorjé, sagte: »Wenn du gefragt wirst, wie alt du bist, sagst du fünf. Du darfst nie sagen, dass du sechs wirst.«

Das fand ich schrecklich: Ich wollte groß sein. »Warum denn nicht?«, fragte ich.

»Wenn du sechs wirst«, antwortete er, »musst du einen Stern tragen.«

Diesen Judenstern hatte man besser nicht, das wusste ich. Meine Mutter hatte auch einen Stern getragen und das war unangenehm. Ich war fünf, ich verstand noch nicht, was es bedeutete, Jude zu sein, aber dass etwas daran nicht gut war, spürte ich. Das Gefühl wurde von Woche zu Woche stärker, vor allem als die Razzien anfingen und sich die Gespräche immer öfter darum drehten, wer aufgegriffen worden war und wer nicht.

Die Familie Lorjé, bei der ich untergetaucht war, hatte drei Kinder. Das älteste, Wim, war fünfzehn. Ab und zu spielten wir zusammen mit seinen Autos. Dann war ich ungeheuer froh. Endlich konnte ich etwas mit jemand zusammen machen! Ich spielte nicht mit anderen Kindern, sah keine Verwandten und ging nicht zur Schule. Obwohl ich sehr lernwillig war, brachte mir niemand etwas bei. Ihre Tochter Marjo jagte mir oft Todesangst ein, nicht vor den Deutschen, sondern vor Käfern, Spinnen, Schmutz, Schnelligkeit und allerlei anderen unwirklichen Gefahren. Ich traute mich nicht mehr, die Toilettenspülung zu drücken, weil ich dachte, da käme alles Mögliche heraus.

Wenn Tante Loes kam, eine Cousine meiner Untertauchmutter, musste ich auf den Spielplatz gehen. Tante Loes war mit dem Mann verheiratet, der das Schreibwarengeschäft meiner Untertauchfamilie führte, einen Verwalter, nannte man das. Weil der Chef, Walter Lorjé, Jude war, hatten die Deutschen diesem Verwalter die Leitung seines Ladens übertragen. Tante Loes kam regelmäßig zu Besuch, um übers Geschäft zu sprechen. Sollte ich ihr zufällig begegnen, musste ich sagen, ich sei Rietje Houtman, die dort drüben wohnte, bei den Nachbarn von gegenüber – so war es vereinbart. Ich musste auf den Spielplatz gehen, bis die Luft rein war, und dann würde ich abgeholt werden.

Dieses Mal lief es anders. Weil Tante Loes sich angekündigt hatte, brachte Marjo mich auf den Spielplatz. Bevor sie wegging, sagte sie: »Tante Loes bleibt nicht lange, du darfst um sechs Uhr nach Hause kommen.« Das hätte sie natürlich niemals sagen dürfen.

Auf dem Spielplatz stand eine Rutsche und es gab ein Karussell, das man selbst anschieben musste. Das ging alleine nicht. Es gab auch ein paar Schaukeln und eine Wippe. Aber allein wippen konnte ich auch nicht. Da saß ich also mit meinem Eimer und meiner Schaufel im nassen Sand eines riesigen Sandkastens. Alle anderen Kinder waren um diese Zeit in der Schule.

Trotzdem war ich nicht allein auf dem Spielplatz, der von einem hohen Maschendrahtzaun umgeben war. Ein Stück weiter, in einem Häuschen neben dem Eingang, saß ein Wächter. Er saß drinnen, ich draußen.

Nach einer Weile wurde mir kalt und ich bekam Durst. Sobald die Kirchturmuhr sechs geschlagen hatte, nahm ich Eimer und Schaufel und rannte nach Hause.

Die Haustür war zu. Ich klingelte, woraufhin oben jemand am Seil zog und die Tür aufsprang. In der Mitte der Treppe stand Tante Loes. Sie sah mich an: »Wer bist du denn?«

Hier stimmte etwas nicht, das wusste ich sofort. »Ich bin Rietje Houtman, ich wohne gegenüber und meine Mutter lässt fragen, ob sie vielleicht ein wenig Zucker bekommen kann.«

Sie drehte sich zu meinem Untertauchvater, der oben stand, um. »Also, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt denken, das hier ist Rieteke Degen.« Dann ging sie an mir vorbei aus dem Haus.

Große Panik. Sofort wurde mein Koffer gepackt und man brachte mich zu jemandem vom Widerstand. Dort verbrachte ich die Nacht. Am nächsten Tag holte mich eine Frau ab. »Hallo«, sagte sie, »ich bin Tante Hil. Wir fahren morgen mit dem Zug nach Hengelo.« Mit dem Zug nach Hengelo. Das war schön, ich war seit Jahren nicht mehr mit dem Zug gefahren.

»In Hengelo«, erzählte Tante Hil am nächsten Tag während der Zugfahrt, »wohnen Tante Marie und Onkel Kees, sehr liebe Leute. Sie warten schon lange auf dich, sie wollen so gern, dass du ab jetzt bei ihnen wohnst. Sie haben auch ein Baby, das noch kein Jahr alt ist.«

Es war eine ziemlich lange Fahrt, und als wir in Hengelo ankamen, hatte Tante Hil mir alles erklärt. Ich wusste, wie Tante Marie und Onkel Kees aussahen, dass ich in einem Eckhaus mit Garten wohnen würde, und ich glaubte wirklich, dass man auf mich wartete.

Kurz bevor wir an dem Haus ankamen, fragte Tante Hil: »Sollen wir uns einen kleinen Spaß erlauben? Du setzt dich mit deinem Koffer vorne auf den Bürgersteig und ich gehe hinten rum. Dann sage ich zu ihnen: ›Ach, ja so was! Jetzt ist Rieteke doch nicht mitgekommen.‹ Das finden sie natürlich sehr schlimm. Als Trost sage ich dann, ich hätte aber ein Päckchen mitgebracht, das vorn auf dem Bürgersteig stehe. Dann schauen sie nach, machen die Tür auf und … Überraschung!«

Natürlich wollte ich das! Tante Hil verschwand hinters Haus.

Eine Weile später ging die Haustür auf. Da stand eine ganz liebe Frau, das sah ich sofort. »Oh Hil!«, rief sie. »Du hast mich an der Nase herumgeführt! Rieteke, wie schön, dass du da bist! Komm schnell rein, dein Zimmer ist schon fertig. Und wie wird Onkel Kees sich freuen, wenn er nach Hause kommt!«

Ich ahnte nicht, dass Tante Hil mich zu ihrer Schwester gebracht hatte, die erst mal über mein Kommen informiert werden musste. Und wie hätte ich es auch vermuten sollen: Das Kinderzimmer war wirklich wunderschön eingerichtet – erst lange nach dem Krieg erfuhr ich von Onkel Kees, dass das Zimmer zwar für ein Kind eingerichtet worden war, das eventuell untertauchen musste, aber nicht speziell für mich.

Tagsüber spielte ich viel in dem großen Garten hinterm Haus und auf dem Bauernhof auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

An dieser zweiten Untertauchadresse fühlte ich mich wirklich zu Hause, sofort. Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass ich wirklich erwünscht war. Tante Hil, die noch ein paar Tage zu Besuch blieb, erzählte Onkel Kees, ich wäre ein Christkind. »Sie ist am ersten Weihnachtstag geboren.« Großartig fanden sie das. Onkel Kees zeigte auf das Baby: »Er wird eins, wenn du sieben wirst.«

Ich geriet in Panik: Als ich sechs wurde, musste ich sagen, ich würde fünf, also musste ich jetzt, da ich sieben wurde, sagen, ich würde sechs. Ich hatte es nicht richtig begriffen und dachte, dass ich immer ein Jahr von meinem Alter runterflunkern musste, weil ich sonst auch einen Stern tragen musste.

»Aber was hast du denn?«, fragte Onkel Kees, der die Angst in meinem Gesicht sah.

»Das darfst du nicht sagen, du musst sagen, dass ich sechs werde.«

»Warum?«

»Wenn ich sage, dass ich sieben werde, muss ich einen Stern tragen.«

»Du brauchst überhaupt keinen Stern zu tragen«, sagte Onkel Kees. »Du bist ab jetzt Rietje Fonds. Du wohnst hier bei uns im Haus. Du bist unsere Rietepiet, und unsere Rietepiet trägt überhaupt keinen Stern, denn bei uns trägt keiner einen Stern.«

Ich gehörte jetzt zur Familie Fonds und nicht mehr zu den Sternen. Da dachte ich: Die Sterne sind verschwunden. Das fühlte sich wunderbar an. Was die Sterne wirklich bedeuteten, habe ich damals nicht begriffen.

Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass an mir etwas Seltsames war. Ich ging zum Beispiel nicht zur Schule, sondern bekam Privatunterricht. Sie sagten mir, der Grund dafür wäre, dass ich noch nie etwas gelernt hatte und ich den Lehrstoff erst mal nachholen müsste. Ich konnte im Nu lesen und schreiben. Ich war lernbegierig. Logisch, schließlich wollte ich die Briefe meiner Eltern lesen, und ich wollte zurückschreiben. Nicht, dass ich mich groß nach ihnen gesehnt hätte, mir gefiel vor allem das Schreiben. Meine Eltern waren für mich Fotos. In meinem Zimmer stand ein Foto von ihnen: Das waren Vater und Mutter, und ihnen schrieb ich. Hinter ihnen steckte nichts Fühlbares, nichts. Wie diese Briefe meine Eltern erreichten, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Und als ich den Lehrstoff nachgeholt hatte, ging ich dennoch nicht in Hengelo zur Schule – offensichtlich wäre es in einer so kleinen Gemeinde doch zu gefährlich gewesen, wenn plötzlich ein unbekanntes Mädchen in die Schule gegangen wäre.

In Hengelo gab es viele Fabriken. Damit die Deutschen sie nicht weiter benutzen konnten, wurde die Stadt ab 1943 schwer von den Engländern bombardiert. Dann saßen wir nachts oft nebeneinander unter der Treppe: Tante Marie, der kleine Wim und ich. »Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte ich zu Tante Marie, »wenn wir sterben, sterben wir alle drei.« Onkel Kees, der alles Mögliche beim Widerstand machte, setzte sich manchmal auch unter die Treppe, und ganz ab und zu war noch ein anderer Untertaucher dabei. Ich erinnere mich zum Beispiel an Onkel Remmert, den jüngsten Bruder von Tante Marie, der sich zum Arbeitseinsatz hätte melden müssen. Wenn Gefahr drohte, zog Onkel Kees den Teppich unter dem Esszimmertisch weg und öffnete eine Luke, durch die Remmert verschwand. Teppich darüber und den kleinen Wim mit seinen Bauklötzen darauf. Ich habe zweimal erlebt, dass die Deutschen auf der Suche nach Untertauchern reinkamen, aber sie fanden nur zwei spielende blonde Kinder.

Anfang 1944 wurden wir mit der ganzen Familie zum Kwakersplein nach Amsterdam evakuiert. Gerade rechtzeitig – eine Woche später fiel eine Bombe auf das Haus in Hengelo.

In Amsterdam konnte ich zum ersten Mal kurz zur Schule gehen, ich gehörte jetzt »ganz normal« zur Familie. In dieser Zeit gab es so viele neu zusammengestellte Haushalte, dass die genauen Verwandtschaftsverhältnisse niemanden mehr kümmerten. Ich ging höchstens sechs Monate zu dieser Schule. Ich fand es wunderbar! Endlich war ich mit gleichaltrigen Kindern zusammen. Aber sie konnten das Einmaleins viel besser herunterleiern als ich, das hatte ich noch nicht gelernt.

In Amsterdam verstand ich zum ersten Mal wirklich, was einem geschehen konnte, wenn man Jude war. Das kam durch Danny, einen Klassenkameraden. Er war ein hübscher Junge mit dunklen Augen und schwarzen Locken. Wir gingen jeden Tag zusammen zur Schule. Bis zu dem Morgen, an dem ich klingelte und seine Mutter mit roten Augen erzählte, Danny sei eine Weile woanders und würde vorläufig nicht zur Schule kommen. Da fiel bei mir der Groschen. War das überhaupt seine Mutter? Er heißt nicht Danny Pieterse, dachte ich, genauso wenig wie ich Rietje Fonds heiße.

Zu Beginn des Hungerwinters wurde die Schule geschlossen: Es gab kein Heizmaterial, keine Nahrung, nichts. Ich war den ganzen Tag auf der Straße auf der Suche nach Essen. Tante Marie flocht meine langen blonden Haare zu zwei Zöpfen. Beim Kwakersplein um die Ecke gab es ein Lebensmitteldepot neben einer kleinen Kaserne der Wehrmacht. Da hing ich oft ein wenig herum, bis ein Soldat auf mich zukam und mir eine Möhre oder ein Stück Brot gab.

Zu Hause sagte ich dann stolz zu Tante Marie: »Sieh nur, was ich habe!«

»Woher hast du das?«

»Ich sage nichts, echt nicht, und dann sagen sie immer: ›Hallo, Gretchen‹ zu mir. Wenn die wüssten, wer ich bin!«

Auch Heizmaterial suchte ich auf der Straße. Zwischen den Straßenbahngleisen steckten kleine Holzklötze, mit denen man sehr gut Notöfen befeuern konnte. Obwohl es natürlich verboten war, nahmen alle diese Klötze mit. Man musste nur gut aufpassen, denn wenn die Deutschen es merkten, schossen sie schon beim Heranfahren. Ich war nicht stark genug, um die Holzklötze aus dem Boden zu lösen, aber ich war klein, mager und flink. Das nutzte ich. Ich kroch hinter den Leuten her, die die Holzklötze heraushebelten. Wurde geschossen, schlüpfte ich zwischen ihren Beinen hindurch, nahm das Holz blitzschnell an mich und machte mich aus dem Staub.

Im Herbst 1944, noch bevor der Winter wirklich anfing, waren wir ein paar Wochen zu Besuch bei Verwandten auf einem Bauernhof in der Nähe von Zaandam. Wir gingen zu Fuß von Amsterdam aus. Wenn man acht Jahre alt ist und viel zu wenig im Magen hat, ist das eine elend lange Strecke. Als wir endlich ankamen, war es, als wären wir im Himmel gelandet. Auf dem Bauernhof gab es sogar echte Butter!

Während des Hungerwinters wurde alles immer schwieriger, vor allem, weil Tante Marie schwanger wurde. Sie bekam Hungerödeme, ganz dicke Beine, auf denen sie kaum noch stehen konnte. Seit diesem Tag stand ich jeden Morgen um halb fünf in der Früh beim Bäcker in der Schlange und hoffte, noch ein Brötchen auf Lebensmittelkarte zu bekommen. Da ich mir vorgenommen hatte, für Tante Marie zu sorgen, entwickelte ich mich zu einer kleinen Gaunerin, die an der Kaserne um Kohlen bettelte. Und auf dem Markt, wo die Bauern ab und zu noch ein paar Möhren, Kartoffeln und Zuckerrüben verkauften, klaute ich, was immer ich klauen konnte.

Obwohl mir seit dem Verschwinden von Danny sehr klar war, dass seltsame Dinge geschehen konnten, wenn man Jude war, wusste ich nichts über das religiöse Judentum. Davon erzählten mir Onkel Kees und Tante Marie auch nichts. Ich wurde evangelisch-reformiert erzogen. Sonntags in die Kirche zu gehen, fand ich großartig, denn dort wurde schön gesungen: »Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir« – ich wusste nicht, was ich da sang, aber es klang wunderbar.

Ich freundete mich mit einem katholischen Mädchen an. Eines Tages fragte sie, ob ich mal mit ihr zur Kirche gehen würde. Ja sicher, warum nicht? So eine katholische Kirche mit Heiligenfiguren, Bildern, Rosenkränzen, das war etwas ganz anderes als die kahle evangelische Kirche. Meine Freundin brachte mir bei, wie man das »Ave Maria« aufsagte, auch auf Latein. Ich war im siebten Himmel, der katholische Glaube gefiel mir viel besser als der evangelische, es wurde auch viel mehr gesungen. Ich habe Onkel Kees und Tante Marie gefragt, weshalb wir nicht in die katholische Kirche gingen. Sie gaben mir keine überzeugende Antwort. Sie haben nie versucht, mir ihren Glauben aufzudrängen.

Jeden Abend sagte ich mein Gebet für Jesus im Himmel auf, denn ich dachte: Da oben sitzt jemand, der mich im Auge behält, und wenn ich Gutes tue, tut er auch etwas für mich.

Nach der Befreiung war es schlagartig vorbei mit meinem Glauben. Am 7. Mai 1945 gab es in Amsterdam ein riesiges Fest. Alle gingen auf die Straße, wir auch. Tante Marie mit ihrem dicken Bauch, Wim im Kinderwagen – und ich hüpfte nebenher. Tanzend und jubelnd machten wir uns auf den Weg zum Dam. Es waren noch Deutsche dort, und sie eröffneten vom Balkon eines hohen Gebäudes das Feuer auf die Menge. Schnell suchten wir Schutz hinter dem Palast. Trotzdem war es ein wunderbarer Tag, und als wir am Abend wieder am Kwakersplein ankamen, sagte Tante Marie: »Tja, Rietepiet, jetzt werden deine Eltern bald kommen. Der Krieg ist vorbei, bestimmt dauert es nicht mehr lange.«

Das wird doch wohl nicht passieren, dachte ich. Das darf einfach nicht sein! Ich will hier nie mehr weg! Zu meinen Eltern hatte ich keinen Bezug. Es gibt nur einen, dachte ich, der die Macht und die Kraft hat, dafür zu sorgen, dass ich bei der Familie Fonds bleiben kann: der liebe Herrgott. Abends lag ich ewig auf den Knien und betete, dass meine Eltern mich bei Tante Marie und Onkel Kees lassen würden.

Eins stand für mich fest: Solange Tante Marie schwanger war, konnte ich sie nicht im Stich lassen. Ich sorgte für sie, und sie war von mir abhängig. Aber ich ging auch fest davon aus, dass es noch eine Weile dauern würde, bis meine Eltern zurückkämen.

Das war ein Irrtum. Mitte Mai klingelte es. Ich spielte mit Wim auf dem Balkon, als ich hörte, wie Onkel Kees die Tür aufzog und rief: »Ach, Beb, Frits, dass ihr jetzt schon da seid!« Mir war sofort klar, wer dort war, und ich setzte mich mit dem Rücken zur Balkontür. Da rief Tante Marie: »Rietepiet, sieh nur, wer hier ist!« Als ich sie nach oben kommen hörte, drehte ich mich um und sagte ganz höflich: »Guten Tag.« Das war alles, ich spielte weiter.

Onkel Kees hat mir viel später erzählt, wie er meinen Vater angefleht hat: »Nimm sie nicht von einem Tag auf den anderen mit, lass sie hier. Nimm sie erst einen Tag mit in den Zoo, lass sie dann eine Nacht bei euch bleiben.« Aber das kam gar nicht infrage.

Ich sagte noch, ich wollte für Tante Marie sorgen, bis das Baby da sei. Nichts half, ich wurde mitgenommen. An den Abschied erinnere ich mich nicht.

Nach diesem Ereignis verlor ich meinen Glauben. Wenn der liebe Herrgott in einem solchen Moment nicht eingriff, war er für mich gestorben. Noch zwei Tage versuchte ich vor dem Essen »Herr, segne diese Speisen, Amen« zu sagen. Meine Eltern wiesen mich zurecht: »Das machen wir nicht.« Dann eben nicht, dachte ich, ich glaube ja sowieso nicht mehr daran.

Von Onkel Kees und Tante Marie hörte ich nichts mehr. Es gab kein Telefon und zu Fuß war es zu weit. Das machte mich sehr unglücklich, ich hatte mir doch vorgenommen, für Tante Marie zu sorgen, bis das Baby da war. Was sollte denn nun werden? Erst zwei Monate nach der Geburt hörte ich, dass Inge da war. Für mich war sie meine neue Schwester.

Mit meiner Mutter ging ich noch einmal zu unserem alten Haus in der Jekerstraat. Es war bewohnt. Meine Mutter sah auf dem Balkon an der Straßenseite unsere Sonnenmarkise, die meine Eltern dort hatten anbringen lassen. Meine Mutter wollte sie gern für die neue Wohnung haben. Wir klingelten an, um danach zu fragen. Das Haus war leer geräumt bis auf ein Gemälde über dem Kamin. »Mama!«, rief ich, »da hängt unser Bild!« Die Bewohner rückten es nicht heraus. Das Haus war ihnen zugewiesen worden, mit allem Drum und Dran – auch die Markise bekamen wir nicht zurück.

Ich habe lange nach meinem Nachbarsjungen Sjeetje von gegenüber gesucht, aber er ist nicht zurückgekommen. Ebenso wenig wie meine Großeltern und sieben Geschwister meiner Mutter, denen mein Vater am Anfang des Krieges eine Untertauchadresse besorgt hatte.

1 Alle fett gedruckten Begriffe werden im Glossar erklärt.

Drei Klaviere

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Jaap Sitters,
geboren in Naarden am 29. März 1934

Vor dem Krieg durfte ich am Sonntag immer mit meinem Vater zum Fußballverein. Wir saßen dann an der Mittellinie, ich auf dem Rasen und er auf einem grünen Erste-Hilfe-Koffer, immer bereit verwundete Spieler zu verarzten. »Schneller! Schneller!«, jubelte das Publikum, wenn mein Vater auf das Spielfeld rannte.

Nach Kriegsausbruch trug er den Erste-Hilfe-Koffer den ganzen Tag bei sich. Vater war wichtig: Er war Mitglied beim Roten Kreuz und fuhr in einem neuen Opel herum, durch das offene Dach ragte eine Krankenliege schräg heraus. Kurz nachdem die Niederlande kapituliert hatten, kam Vater ohne Auto nach Hause. Die Deutschen hatten es beschlagnahmt.

Zum Fußball gingen wir von nun an nicht mehr. Aber genau wie vor dem Krieg spielte ich noch mit Jopie Hoefnagel, der um die Ecke wohnte. Er war ein paar Jahre älter als ich. Erst tranken wir Tee mit seiner Mutter und danach gingen wir zu unserem geheimen Ort im Garten.

Eines Nachmittags saßen wir wieder dort, als er sagte: »Du musst von der Schule runter, denn du bist ein Jude.« Erstaunt sah ich ihn an, ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Ich wollte gerade nachfragen, als er mir eine feste Ohrfeige gab – einfach so. Mir wurde schwindlig, ich verstand überhaupt nichts mehr. Vor Schreck und Schmerz wie betäubt rannte ich weg. Zu Hause fing ich an zu weinen. Mutter tröstete mich und erzählte mir, Jopies Eltern seien Mitglieder der NSB und wir seien Juden. Danach spielte ich nie mehr mit Jopie.

Im September 1941 bekam Jopie Recht. Alle jüdischen Kinder mussten zu gesonderten Schulen. Ein Bekannter meiner Eltern, Onkel IJs, gründete eine kleine Schule in einer alten Villa.

Schüler aller Altersgruppen saßen dort querbeet durcheinander. Die Stimmung war gut. Leider war es nicht von langer Dauer. Onkel IJs erzählte, alle Juden müssten bald umziehen: »Die Deutschen schicken einem dann einen Brief mit der Adresse, zu der man muss. Und dann wird unsere Schule geschlossen.«

Eines Morgens kam tatsächlich ein solcher Brief. Meine Mutter erzählte meiner Schwester Jetty und mir, wir müssten alle zusammen nach Amsterdam. Wir fuhren mit dem Zug, jeder einen Koffer in der Hand.

Noch am selben Abend steckte mein Vater den Schlüssel in die Haustür einer fremden Wohnung in der Amsterdamer Volkerakstraat. Es war eine nette Gegend mit vielen jüdischen Kindern, die auch erst gerade dorthin gezogen waren. Ich fand sofort Freunde. Und wir brauchten nicht mal zur Schule.

Nach ein paar Monaten kam wieder ein Brief. Abermals mussten wir umziehen. Unsere nächste Wohnung lag genau gegenüber der Garage der deutschen Polizei. Tag und Nacht fuhren Laster und Pritschenwagen mit brüllenden Deutschen an und ab. Ich konnte nur mit einer Decke über dem Kopf schlafen. Zunächst wusste ich nicht, dass sie jeden Tag Juden jagten und sie in der Hollandsche Schouwburg zusammentrieben, um sie anschließend in die Konzentrationslager zu schicken.

Mein Vater war Optimist. Er hatte eine Stelle beim Sozialministerium, wodurch er sich Papiere mit einem bestimmten Stempel hatte besorgen können, eine Sperre. »Dieser Stempel schützt uns«, sagte mein Vater. Aber als wir nach ein paar Monaten wieder umziehen mussten, verlor sogar er etwas von seiner Zuversicht.

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