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Versprochenes Land

Prolog

Sorgenvoll warf Evian einen Blick auf die düsteren Wolken am Horizont. Ein Sommersturm braute sich über den weiten Ebenen der Tundra zusammen, als wollten die Geister selbst seine Entschlossenheit prüfen, doch er würde sich ohne Zögern ihrer Herausforderung stellen. Als Sohn des Stammesoberhaupts war diese Jagd seine Gelegenheit, sich endlich in den Augen seines Vaters zu beweisen.

Seit einiger Zeit schon bedrohte ein Rudel Winterwölfe ihren Stamm und machte ihnen nicht nur die Jagdbeute streitig, sondern riss auch die wenigen Ziegen und Schafe, die sie in ihrem kleinen Dorf am Ufer des Vaihir-Stroms hielten. Zugleich wurden in letzter Zeit immer wieder einzelne Jäger vermisst und aus ungewisser Sorge wurde kürzlich bittere Gewissheit, als Evian und seine vier Gefährten bei einer gemeinsamen Jagd einen ihrer Jäger zerfleischt und wie zur Warnung auf einem Felsen platziert fanden.

Es war ihnen, als wollten die Winterwölfe sie aus ihrem Dorf vertreiben, aber sein Vater überzeugte alle von seinem Vorhaben, die Wölfe zur Strecke zu bringen. Evian fiel die Aufgabe zu, gemeinsam mit seinen Jagdgefährten einen Plan zu ersinnen, die Winterwölfe zu vertreiben, doch sie galten nicht ohne Grund als die wahren Herren des Nordens. Sie waren riesenhaft groß, sodass ein ausgewachsener Mann ihnen nur knapp bis zur Schulter reichte, schneller als jeder ihrer Läufer und trotz ihrer Größe erstaunlich wendig, sowie von einer boshaften Intelligenz beseelt. Bei einer solchen Jagd konnte der Jäger schnell selbst zum Gejagten werden. Bisher war es keinem je gelungen, einen dieser Wölfe zu erlegen, denn bislang hatte es niemand wirklich gewagt, sie herauszufordern, doch Evian ersann eine List, sie zu bezwingen.

Tagelang hatten die Dorfbewohner gemeinsam tiefe Gruben am Rande der Lichtung ausgehoben und darin angespitzte Äste in den Boden gerammt. Mehr als ein Dutzend solcher Fallen hatten sie gebaut, unter Geäst und Gras verborgen, während Evian und seine Gefährten die Tage und Nächte zwischen ihren Tieren verbrachten, damit sie deren Geruch annahmen. Sechs qualvolle Tage des Wartens vergingen, an denen sie zwischen Ziegen und Schafen ausharrten, zu den großen Geistern betend, dass die Wölfe den richtigen Weg wählten und hinab in ihre Fallen stürzten. In einer wolkenlosen Vollmondnacht hatte das Warten endlich ein Ende.

In wilder Furcht blökend flohen die Schafe vor den fünf grauen Winterwölfen, die aus dem Wald auf die Lichtung traten. Kurz nachdem die Wölfe zur Jagd auf das davonlaufende Vieh ansetzten, brach der erste von ihnen ein und fand schmerzhaft jaulend sein Ende. Verwirrt und unsicher, was geschah, stoppten die anderen, doch für zwei weitere von ihnen war es zu spät. Zwar gelang es dem einen der beiden Wölfe, seinen Sturz abzufangen und sich nur am rechten Vorderbein zu verletzen, der andere jedoch stürzte auf die spitzen Pfähle und wimmerte noch einige Momente kläglich, bevor er verstummte.

In dem Augenblick, als der erste der Wölfe einbrach, waren die Elfen aufgesprungen und schleuderten mit aller Kraft ihre Speere den Bestien entgegen. Evians Speer traf einen der Wölfe direkt ins Herz und die Bestie sackte kraftlos zusammen, während einer seiner Jagdgefährten den verwundeten Wolf traf. Dieser jedoch packte den Speer mit seinen Zähnen, riss ihn sich kurz aufheulend aus dem Fleisch heraus und floh in die finstere Nacht.

Der letzte der fünf Wölfe gedachte nicht zu fliehen, vielleicht, um seinem Gefährten das Entkommen zu ermöglichen, vielleicht, weil er ahnte, dass es kein Entrinnen mehr gab. Er fletschte die Zähne und schnappte drohend, als sie ihn umkreisten, doch er schien die Fallen zu fürchten und bewegte sich nicht. Immer wieder stachen sie mit ihren Speeren zu und die steinernen Spitzen hinterließen zahlreiche Wunden im Fleisch der Bestie, bis sie kraftlos zusammenbrach.

Am nächsten Morgen, mit den ersten Sonnenstrahlen, begannen sie mit der Jagd auf den letzten der Winterwölfe.

Nunmehr waren vier Tage und Nächte vergangen, an denen sie der Fährte dieses letzten Wolfes gefolgt waren, der sich immer weiter nach Norden schleppte. Der schützende Nadelwald wurde lichter, bis sich nur noch vereinzelt kleine Baumgruppen aus der schier endlos erscheinenden kargen Landschaft erhoben. Zeitweise war der graue Wolf am Horizont zu erkennen, doch wann immer sie drohten, sich ihm weiter zu nähern, brachte er die Kraft auf, die Distanz zwischen ihnen zu vergrößern. Dennoch wusste Evian, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie ihre Beute eingeholt hätten, denn auf dem Weg fanden sie immer wieder Blutspuren. Die Wunden, die sie ihm zugefügt hatten, verheilten nicht, sondern rissen bei der Flucht immer wieder auf. Obwohl der Wolf einen ehernen Überlebenswillen zeigte, würde seine Kraft ihn irgendwann verlassen, allerdings schienen die Geister auch Evians Entschlossenheit zu prüfen, sandten sie ihm doch einen Sturm, ihn von seiner Beute zu trennen.

„Bereitet der Sturm dir Sorgen oder das, was hinter dem Horizont liegt?“, wollte Tenvir wissen, der sich zu ihm gesellt hatte, während die anderen auf einem Felsen sitzend ein paar hastig gesammelte Beeren aßen und Kraft für den nächsten Marsch sammelten. Er trug so manche Narbe von Verletzungen bei der Jagd und mit seinen zweiunddreißig Sommern, die er erlebt hatte, war Tenvir der Älteste von ihnen. Als Evian ein Kind war, hatte er immer neidvoll zu Tenvir aufgesehen, als dieser mit seinem Vater auf die Jagd ging, doch mit der Zeit wurde der ältere Elf ihm zuerst ein geduldiger Mentor und dann ein guter Freund. „Soll er kommen. Wir werden ihn überwinden und die Bestie erlegen, bevor sie den Taihal überquert.“

Jeder von ihnen wusste, dass der Wolf versuchte, den Taihal-Strom zu erreichen, denn dahinter lag die Heimat der Wölfe und den Geschichten nach lebte ein böser Geist - ein Dämon - in einem Felsen nahe der Furt, der sie sich näherten. Es war eine der wenigen Möglichkeiten, den Taihal zu überqueren, aber kaum jemand hatte sich je nahe an diesen Ort herangewagt. Den Legenden nach hatte der Dämon viele Gestalten und zog jene, die es wagten, den Fluss queren zu wollen, in die trüben Tiefen hinab, sodass sie nie wiedergesehen wurden. Allerdings war sich Evian nicht sicher, ob dies nicht nur eine Geschichte der Alten war, um sie davon abzuhalten, weiter nach Norden zu ziehen und auf den Ebenen nach Wild zu suchen, denn Zeit seines Lebens war er noch nie einem Geist oder einem Dämon begegnet.

„Fordere es nicht heraus, Evian, und vergiss nicht, eine verwundete Bestie ist ungleich gefährlicher“, ermahnte Tenvir ihn, ließ seinen Blick über die Ebenen schweifen und schüttelte den Kopf. „In all meinen Jahren war ich nie so weit im Norden. Selbst in meinen kühnsten Momenten habe ich nie gewagt, den Wald zu verlassen und auf die Ebenen zu gehen.“

„Und?“

Evian hatte die Augenbrauen hochgezogen, sich fragend, worauf sein Freund wohl hinauswollte. „Du bist ohne zu zögern hinausgegangen, um eine Bestie zu jagen, die wir alle fürchten. Ich denke, du gleichst deinem Vater. Entschlossen und mutig, bereit über Grenzen hinweg zu gehen, die andere nie überschreiten würden. Eines Tages wirst du der Anführer unseres Stammes sein und ich bin gespannt zu sehen, wohin du uns führen magst.“

Es schmeichelte ihm, dass Tenvir so dachte, und der Gedanke daran, wie er mit dem abgeschlagenen Haupt des Wolfes zurück in ihr Dorf käme und es seinem Vater zu Füßen legte, ließ ihn innerlich frohlocken, wenngleich er sich dies auch nicht anmerken ließ. „Ich danke dir für dein Vertrauen, doch ich denke, es ist Zeit weiterzuziehen.“

Die zwei Brüder, Asgrin und Vaikan, packten ihre Speere und sprangen behänd von dem Felsen, während Garrn, der eher einem Bären denn einem Elfen glich, sich noch genüsslich eine Hand voll roter Beeren in den Mund stopfte, bis auch er zu ihnen aufschloss. Er prahlte gern vor ihnen damit, dass er sogar einen Winterwolf im Ringkampf bezwingen könnte, allerdings war er ihnen bisher den Beweis schuldig geblieben.

„Ich sage euch, wir beenden diese Jagd noch vor Einbruch der Nacht und wenn wir zu Hause sind, wird es ein Fest für uns geben“, versprach Evian und blickte in die grimmig entschlossenen Gesichter seiner Jagdgenossen, als sie schnellen Schrittes die Verfolgung wieder aufnahmen.

Die Ebene war in fahles gelbes Licht getaucht, während die schwarzen Wolken sich Gebirgen gleich am Himmel auftürmten. Es herrschte eine angespannte Ruhe. Sie hörten nur das gedämpfte Geräusch ihrer eigenen Schritte und ihren keuchenden Atem. Der Abstand zu ihrer Beute hatte sich spürbar verringert, der Wolf war deutlich am Horizont zu erkennen. Er schien nicht mehr weiterzulaufen und sein nahendes Ende wurde von den schwarzen Vögeln, die über ihm kreisten, angekündigt.

Als sie ihn endlich erreichten, lag er scheinbar wehrlos auf dem moosigen Boden, unfähig sich zu rühren oder auch nur den Kopf zu heben. Aus der Nähe erkannte Evian, dass es eine Wölfin war, vielleicht sogar die Leitwölfin des Rudels, das sie solange in Angst und Schrecken versetzt hatte. Sie knurrte leise, als er langsam einige Schritte, den Speer auf sie gerichtet, nähertrat. In ihren Augen brannte verbitterter Zorn darüber, dass nicht sie die Jägerin war.

Gemeinsam kreisten sie die Wölfin ein. Evian machte einen schnellen Schritt auf sie zu und stach ihr seinen Speer in die Seite, woraufhin sie leidvoll aufheulte. „Das ist für unsere Schafe!“

Erneut griff er an, drehte den Speer in der Wunde, damit er möglichst viel Schmerz zufügte und die anderen taten es ihm gleich. Wieder und wieder stachen sie auf die am Boden liegende Wölfin ein, bis sie keinen Laut mehr von sich gab und sich nicht mehr rührte. Erschöpft, aber zufrieden standen sie vor der Bestie, auf der sich bereits besonders dreiste Raben niederließen, die sich ihren Anteil sichern wollten, als unerwartet Leben in die Wölfin zurückkehrte. Plötzlich schnellte sie hervor und packte Garrn, der zu ihrer Rechten stand. Er schrie nur kurz auf, als sich ihre Zähne tief in seinen Hals rammten und in seinen Schrei mischte sich das Geräusch seines brechenden Genicks. Dieser winzige Augenblick schien sich endlos in die Länge zu ziehen und obwohl sie die Wölfin attackierten, wollte sie nicht von Garrn ablassen.

Endlich verlosch der letzte Funken Leben in ihr. Es war zu spät. Mit vor Schrecken geweiteten Augen hing Garrns lebloser Leib zwischen den Fängen der Bestie. „Sei verflucht, Bestie! Sei verflucht dafür!“

Asgrin und Vaikan zogen Garrns geschundenen Körper aus dem Maul der Wölfin und legten ihn sacht ins Moos. Tosend erhob sich der Wind, die ersten, schweren Regentropfen fielen vom Himmel und krächzend flogen die Raben davon. „Wir sollten gehen, Evian.“

Unruhig blickte Tenvir sich um und sah kurz zum pechschwarzen Himmel hinauf. „Der Sturm hat uns fast erreicht und dieser Ort ist mir nicht geheuer. Tote Beute kommt nicht zurück und doch haben wir alle es mit eigenen Augen gesehen! Wir sollten sofort aufbrechen und den Druiden davon berichten!“

Entsetzt starrte Evian auf den Boden. Er wusste, dass Tenvir Recht hatte. Zwar war ihre Jagd erfolgreich gewesen, doch um welchen Preis?

Sie sollten fliehen, denn die alten Legenden schienen wahr zu sein. Dies war das Land der Wölfe und die Geister dieses Landes duldeten keine Elfen auf diesem Grund. „Wir brechen sofort auf, aber wir nehmen Garrns Körper mit. Sein Geist soll nicht in diesem verfluchten Land seine Reise zu den Ahnen antreten müssen!“

Zwar hatten sie einen Sieg gegen die Wölfe des Nordens erzielt, aber dieser Sieg hatte ein großes Opfer gefordert und Evian ahnte bereits, dass dies wohl nur der Anfang von etwas Größerem sein würde.

Kapitel 1

„Ihr Geister dieses Ortes, in dieser schweren Stunde komme ich zu euch und ersuche euch um Einsicht. Nehmt einen Teil meines Lebens als Geschenk, labet euch an ihm und gewährt mir eure Weisheit.“

Lilith betrachtete ihren Lehrmeister Karjan dabei, wie er sich mit einem Messer die linke Handfläche aufschnitt und sein warmes Blut an der steinernen Klinge entlang auf den kargen Felsen tropfen ließ. „Achte genau auf das, was ich tue und präge es dir ein, denn eines Tages wirst du meinen Platz einnehmen, Lilith.“

Karjan war ein weiser, alter Elf, der schon fast fünfzig Winter erlebt hatte. In sein wettergegerbtes Gesicht gruben sich Sorgenfalten, während seine trüber werdenden Augen tief in den Höhlen standen. In seinem ärmellosen Leinengewand wirkte er verloren, denn der weite Stoff fiel schlaff an seinem dürren Leib herab. Die zahllosen Narben an seinen Armen und Händen offenbarten seine Hingabe zu den unzähligen Ritualen, in denen er sein Blut im Tausch für die Weisheit der Geister angeboten hatte. Zugleich wurde bei diesem Anblick Lilith erneut schmerzlich bewusst, dass Karjans Zeit verrann.

Ihr Meister ahnte bereits, dass ihm die Zeit fehlte, ihre Ausbildung zu vollenden, daher mühte er sich, ihr noch so viel wie nur möglich beizubringen, um sie auf ihre bevorstehende Aufgabe vorzubereiten. Denn sobald er seine Augen endgültig schloss, wäre sie allein dafür verantwortlich, Mittler zu sein zwischen den großen Geistern des Himmels, der Erde, der Wälder und der Flüsse und ihrem Dorf, sowie Unheil durch böse Dämonen abzuwenden. Ihr fiele die Aufgabe zu, die Toten in das Jenseits zu geleiten und an der Seite der Ältesten das Dorf zu führen, sowie auch den Rat der Geister in Zeiten der Not zu suchen.

Es waren solch wichtige Aufgaben, dass sie in letzter Zeit immer wieder lange wach lag, sich fragend, wie sie, eine junge Elfe von fünfzehn Wintern, diesen Aufgaben gewachsen sein sollte, aber Karjan glaubte an sie. Er hatte sie vor sieben Jahren als Schülerin erwählt, denn neben ihm war sie die Einzige in ihrem Dorf, die magische Fähigkeiten besaß. Sie besaß die Gabe, kleinere Wunden allein durch Worte und Beschwörungen zu heilen oder Feuer aus dem Nichts heraus zu entfachen. Immer wieder hatte Karjan ihr gesagt, dass sie weit begabter sei, als er es je gewesen war. Er vertraute ihr, sodass er sie jetzt schon vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zum heiligsten Ort ihres Dorfes, dem Vipernfelsen, mitnahm, auf dass sie die Rituale sehen konnte, mittels derer er in Kontakt zu den Geistern trat.

Im Zentrum einer fast kreisrunden Lichtung, an deren Rändern im Herbst farbige Pilze wuchsen, ragte der Vipernfels aus dem Boden heraus. Er sah aus wie ein gewaltiger umgestürzter Monolith, dessen Hauptteil unter dem felsigen, von moosbewachsenem Boden lag. Sein Name jedoch leitete sich von den Traumvipern ab, dunkelgrauen Schlangen, die ein ähnliches Muster aufwiesen wie der felsige Untergrund. Diese heiligen Tiere waren Sendboten der großen Geister und sie waren an sonnigen Tagen auf dem Felsen anzutreffen, wartend, den Wissenden den Weg zu weisen.

„Bevor du den Felsen erklimmst oder auch nur berührst, musst du deinen Respekt zollen und einen Teil deines Lebens den Herren dieses Ortes opfern. Zeige deine Hingabe, auf dass sie dir wohlgesonnen sind“, erklärte Karjan weiter, während er, ohne eine Miene zu verziehen, den Schnitt in seiner Hand vertiefte. „Warte dann, ob du erwünscht bist und trete erst dann näher.“

Eine Traumviper, die auf dem Felsen in der Sonne gelegen hatte, reckte den Kopf in die Höhe und blickte zischend auf den Druiden am Fuß des Felsens, der mit geneigtem Haupt nähertrat. Sein Opfer war anerkannt worden und die Schlange hatte ihn eingeladen. Langsam und gebeugt, die Hände ausgestreckt, näherte sich Karjan der Viper und blieb kurz vor ihr stehen, dann setzte er sich und präsentierte ihr die blutige Hand. Die Traumviper baute sich kurz auf, dann schnellte sie hervor und biss in die Wunde hinein, bevor sie zischend den Felsen hinab- und durch das Moos hinwegschlängelte. Karjan hingegen sackte zusammen, blieb auf dem Rücken liegen und zuckte am ganzen Leib, bevor er die Bewegung einstellte und mit glasigem Blick in den Himmel starrte.

Die Traumvipern waren die Torhüter zur Welt der Geister und ihr Biss ermöglichte es, hinüberzutreten und dort die Botschaften der großen Geister zu empfangen. Während die Seele auf Wanderschaft war, fiel die fleischliche Hülle in einen ruhigen und entspannten Schlaf, bis der Reisende zurückkehrte und die Botschaft der Geister verkünden konnte. Allerdings kam es auch vor, dass die Seele nicht zurück zu ihrem Körper fand oder die Geister beschieden, dass die Zeit des Übergangs bereits gekommen sei, daher sorgte sich Lilith um Karjan. Was würde sie tun, wenn ihr Meister nicht mehr aufwachte?

Der Gedanke, allein vor den Rat der Ältesten treten zu müssen, machte ihr Angst. Vor allem in einer solchen Krise, wie sie das Dorf jetzt durchlebte, brauchten sie all die Weisheit und Erfahrung Karjans. Die Ältesten waren uneins darüber, was zu tun sei, daher war Karjan mit ihr gemeinsam zum Vipernfelsen gegangen, um den Rat der Geister einzuholen. Seit fast schon zwei Jahren blieb der Regen immer wieder aus und auf den Feldern, die eigentlich das Dorf hätten ernähren sollen, wuchsen in diesem Jahr nur kümmerliche Pflänzchen, die kaum genug Kraft hatten, die Saat für das nächste Jahr zu treiben. Mit dem fehlenden Regen zog auch das Wild weiter und verließ diese Region. Bereits jetzt stießen weitere Stämme in ihr Territorium vor und wetteiferten mit ihren Jägern um die letzte Beute. Sie konnten kaum genug Vorräte sammeln, damit sie den kommenden Winter überstehen würden. Bislang endeten die Begegnungen mit anderen Stämmen glimpflich nur mit dem Austausch von wüsten Beschimpfungen, aber wie lange noch? Wie lange noch konnten sie es sich erlauben, in ihrem Dorf zu verweilen?

Als sie noch ein kleines Mädchen war, führte der Limhar, an dessen Ufern ihr Dorf gebaut war, noch reichlich Wasser und sie war in den Sommern gern von den schilfbewachsenen Flussböschungen aus ins kalte, klare Wasser gesprungen. Dort hatte sie versucht, die dicken silbernen Fische zu fangen, die scheinbar träge am Grund des Flusses in der Strömung schwammen, aber es gelang ihr damals niemals, denn obwohl sie träge zu sein schienen, waren sie erstaunlich schnell. Heute jedoch fehlten diese Fische gänzlich oder waren nur noch so groß wie ihre Handflächen und der einst stolze Limhar war zu einem schmalen Rinnsal verkommen. Die Zeiten des Überflusses, in denen es saftigen Fisch aus dem Fluss, frisches Wild aus den Wäldern und nahrhaftes Korn von Feldern gab, schienen endgültig vorbei, aber was hatten sie getan? Hatten sie die Geister der Flüsse verärgert oder die des Himmels, sodass sie keinen Regen mehr schickten?

Immer wieder hatte Karjan in den vergangenen Jahren den Vipernfelsen aufgesucht und die gleichen Fragen gestellt, doch die Geister antworteten stets auf dieselbe Weise. Sie sollten warten, warten auf ein Zeichen. Karjans Prophezeiungen hatten sie nachdenken lassen, wie groß die Welt wohl sein mochte und was dort jenseits der Wälder wäre. Niemand aus ihrem Dorf hatte je den Wunsch gehabt, einfach fortzugehen und hinter dem Horizont zu suchen, nicht einmal die Quelle des Limhars gedachten sie zu finden, obwohl vielleicht dort auch die Ursache ihrer Probleme liegen könnte.

Gern wäre sie sofort losgezogen, so wie es ihre Vorfahren und Ahnen in den Geschichten taten, bevor sie sich an einem Ort niedergelassen hatten, aber nun wollte es niemand mehr tun. Ihren Vorschlag, zur Quelle des Flusses zu gehen, lehnte ihr Lehrmeister ab, da die Geister etwas anderes planten und die Jäger sagten, es sei zu gefährlich. Selten einmal kamen Reisende aus fremden Stämmen oder Vagabunden, die ohne jeden Stamm allein durch die Welt zogen, zu ihnen und brachten Geschichten aus der Ferne mit. Manche der fantastischen Geschichten handelten von mythischen Wesen, die sie aus der Ferne beobachtet hätten, andere von einer sagenumwobenen Siedlung der Elfen, die irgendwo weit im Norden sein sollte. Hunderte, wenn nicht gar tausende von Elfen sollten dort völlig unabhängig von ihrem Stamm in einem einzigen riesigen Dorf, das man wohl Stadt nannte, leben.

Dort gab es Dinge, die sich hier niemand vorstellen konnte, wie Werkzeuge aus einem glänzenden Stein, der nicht brach. Felder, die bis zum Horizont reichten, und heilige Orte, an denen die Druiden mit Wesen jenseits jeder Vorstellung von Angesicht zu Angesicht sprechen konnten. Natürlich waren dies nur alles Geschichten von Reisenden, die entweder selbst dorthin unterwegs waren oder, wenn sie von Norden kamen, behaupteten dort gewesen zu sein, um sich mit ihren Märchen eine warme Mahlzeit und einen Platz an ihrem Feuer zu verdienen, aber Lilith glaubte daran, dass dieser Ort wirklich existierte.

Doch statt über ihre Träume zu sinnieren, sollte sie sich besser auf ihre Aufgaben konzentrieren und sich Gedanken darüber machen, wie sie all die kommenden Herausforderungen bewältigen konnte, die auf sie zukamen. Die Zeit verrann quälend langsam, die Sonne überschritt ihren Zenit und schon wurden die Schatten länger, doch Karjan war noch immer nicht aufgewacht.

Sollte er nicht bis zur Abenddämmerung zurück sein, hatte er sie angewiesen, allein zum Dorf zu gehen und den Ältesten sein Dahinscheiden zu verkünden. In ihrem Geiste malte sie sich bereits aus, wie sie allein vor den Ältestenrat trat, aber dann hörte sie Karjan scharf einatmen.

Die Augen weit aufgerissen und schreckhaft, völlig desorientiert um sich blickend fuhr ihr Meister hoch und atmete schwer. „Ich … bin … zurück …“

„Meister, geht es euch gut?“, rief sie vom Fuß des Vipernfelsens zu ihm hinauf, während er in die Nachmittagssonne blickte. Sie wäre zu ihm heraufgeklettert und hätte ihm aufgeholfen, aber es war nur einem Druiden und keiner Schülerin erlaubt, das Heiligtum zu berühren. „Lilith, wir müssen gehen, sofort.“

Mit letzter Kraft mühte Karjan sich den Felsen hinab. Sein Körper war schwach, seine Glieder waren noch taub vom Geisterschlaf und seine Augen huschten panisch umher. „Ich habe es gesehen. Ich habe es gesehen. Ich habe es gesehen …“

Sobald er neben ihr stand, stützte sie ihn, während er immer wieder dasselbe murmelte. „Was habt ihr gesehen? Was haben euch die Geister gezeigt?“

Er wandte sich an sie und umklammerte mit seinen dürren, zittrigen Händen ihr Gesicht. Seine Berührung war trotz der warmen Sommersonne kalt und noch nie hatte sie solch eine Furcht in seinen Augen gesehen. „Ödnis, mein Kind. Der Regen wird nicht kommen und unsere Heimat wird karges Land. Das Ende naht, Lilith, doch die Geister zeigten mir ein Land, das wir finden müssen. Endlose Ebenen grünen, fruchtbaren Landes, mächtige Flüsse voller Fische, Wälder, in denen das Wild sich dem Jäger darbietet. Im Norden liegt es, irgendwo dort wird unsere neue Heimat sein, aber nun schnell. Wir dürfen keine Zeit verlieren und müssen dem Rat davon berichten!“

Mit unsicheren Schritten und von Lilith gestützt, schleppte er sich zurück zu dem Pfad am Rande der Lichtung, der durch den Mischwald zu ihrem Dorf zurückführte. „Das Ende, wann wird es kommen?“

„Es hat bereits begonnen. Wie lange, glaubst du, wird das Wasser noch reichen? Der spärliche Regen, der fällt, wird das Korn nicht reifen lassen und selbst die erhabenen Wälder um uns herum zeigen die Spuren der Dürre“, beantwortete Karjan ihre Frage und blickte in den Wald um sie herum. Zwar war das Unterholz dicht und die Bäume grün, doch im warmen Wind, der durch die Baumkronen wehte, tanzten bereits noch grün zu Boden fallende Blätter. An manchen Bäumen war auch die Rinde aufgerissen und wieder andere, die noch im letzten Jahr standhaft den Herbststürmen getrotzt hatten, lagen umgeknickt und vermodernd auf der Erde. „Hörst du es denn nicht, das leise Abschiedslied des Waldes?“

Sie schloss die Augen und lauschte. Ja, da war etwas. Zuerst hatte sie es nur für den Wind gehalten, der durch die Blätter fuhr, aber jetzt wurde sie dem verborgenen Flüstern und seinem traurigen Klang gewahr. Ein kalter Schauer fuhr ihr über den Rücken, als ihr bewusst wurde, wie sehr die vergangenen Jahre des wenigen Regens bereits dem Wald geschadet hatten. Wie lange wohl würde es noch brauchen, bis er verschwand und mit ihm ihr Dorf?

„Aber können wir denn nichts tun?“

„Nein, mein Kind. Wir sind unbedeutend für das Schicksal dieser Welt und haben keinen Einfluss darauf, was mit ihr geschieht, darum habe ich die Geister um Rat gebeten. Nun haben sie endlich gesprochen und uns einen Weg gezeigt. Wir müssen das Land finden, in dem alle Elfen in Frieden leben können“, erklärte Karjan, während sie den schmalen Pfad entlanggingen, an dessen Rändern in regelmäßigen Abständen kleine Steine lagen, in die Zeichen für die heiligen Schlangen eingemeißelt waren. „Vielleicht hatten die Reisenden aus dem Norden sogar Recht, als sie von dieser ‘Stadt’ der Elfen erzählten. Vielleicht haben sie das versprochene Land bereits gesehen. Oh, welch Narren waren wir, dass wir ihnen keinen Glauben schenkten und ihre Berichte als Geschichten abtaten!“

Über sich selbst verärgert schüttelte Karjan den Kopf. „Es braucht den ungetrübten Blick der Jugend, um das Neue willkommen zu heißen. Ich hätte schon früher auf deine Ideen hören sollen und vielleicht hätten wir dann diese Situation verhindern können, darum will ich, dass du heute bei der Versammlung des Rates dabei bist.“

„Ich, ähm, ich weiß nicht, ob das angemessen wäre“, brachte Lilith überrascht hervor. Sie war noch immer ein Lehrling und hatte nicht einmal den Übergangsritus vom Kind zum vollwertigen Stammesmitglied vollzogen, daher verstieß Karjans Vorschlag gegen jede Tradition. Selbst in ihrer Position als seine Nachfolgerin wäre es unangemessen, wenn sie einem solch wichtigen Treffen beiwohnte. „Ich glaube, es wäre besser, wenn …“

„Oh nein, Lilith, du wirst teilnehmen. Wäre ich nicht zurückgekehrt, so wärst du an diesem Abend an meiner statt bei diesem Treffen und du hast alles gelernt, was du brauchst, um meinen Platz einzunehmen, wenn die Zeit gekommen ist. Du kennst alle Riten und Bräuche, weißt, wie man mit den Geistern in Kontakt tritt und zugleich hast du eine Begabung, die ihresgleichen sucht“, unterbrach er sie und blickte sie stolz an. „Du bist so weit, mein Kind.“

Sie schluckte nur und führte ihren Lehrmeister stumm den Weg zu ihrem Dorf entlang. Trotz der wohlwollenden Worte Karjans und seinem Vertrauen in sie, glaubte sie nicht an sich selbst. Hätte er dasselbe im nächsten Jahr gesagt, nachdem sie offiziell das Kindesalter verlassen hätte und eine vollwertige Druidin wäre, möglichweise mochte sie dann bereit sein und sich auch so fühlen.

Der Vipernfelsen lag etwa zweieinhalb Stunden in nordwestlicher Richtung von ihrem Dorf entfernt und war nur über den verbotenen Pfad zu erreichen, der sich einer Viper gleich durch den lichten Mischwald schlängelte. Sie hatten an vielen Stellen kurz gerastet, denn Karjan war noch immer erschöpft von seiner Reise in die Geisterwelt, daher kamen sie erst spät, mit der tiefstehenden Sonne im Rücken, wieder im Dorf an.

Es lag einige hundert Schritte vom Ufer des Limhar entfernt und bestand aus sechzehn Hütten aus Lehm und Holz, deren Dächer mit trockenem Schilf gedeckt waren. Sie alle standen über zwei Reihen hin um einen zentralen Platz aus festgetretener Erde, in dessen Mitte sich ein Totempfahl befand, aus dem zwei hölzerne Vipern, die den Pfahl umschlangen, hervorgearbeitet waren. Neben dem Dutzend Wohnhütten befand sich am östlichen Rand des Dorfplatzes das größte Haus. In dem kreisrunden Gebäude versammelten sich der Rat der vier Ältesten und der Druide, um gemeinsam über die Zukunft der Gemeinschaft zu bestimmen oder den Dorfbewohnern ihre Entscheidungen zu verkünden.

Um ihr Dorf herum waren einige karge Felder angelegt, auf denen die traurigen Überreste ihrer Bestrebungen, Korn für Brot zu ziehen, vertrockneten. Drei ältere Männer - Ambern, Dhergas und Haywir - standen in ein Gespräch vertieft bei den kümmerlichen Pflanzen, doch als sie Karjan und Lilith erblickten, hielten sie inne und Dhergas kam zu ihnen herüber. „Bringt ihr gute Nachrichten, Karjan?“

In ihrem Dorf lebten dreiundsiebzig Elfen, die allesamt zu einer der acht Familien gehörten und hier geboren waren. Nur Lilith selbst stammte nicht von hier und wusste auch nicht, wer ihre Eltern waren, denn eines Tages hatte man sie als kleines Mädchen aus den Strömen des Limhars gezogen. Sie erinnerte sich an ihren Namen und ihr Alter, aber die Erinnerungen an ihre Heimat und ihre ursprüngliche Familie waren diffus und verschwommen. Zwar glaubte sie, sich an ihre Stimmen zu erinnern, doch wie sie aussahen, dass wusste sie nicht mehr. Sie konnte damals nicht einmal sagen, wie sie in den Fluss hineingeraten oder was ihr zugestoßen war. Ihr Leben vor ihrer Zeit hier war verschwunden, als hätte es vor ihrer Ankunft hier nicht existiert und das machte so manchem im Dorf Angst. Nicht jeder war darüber erfreut, dass sie Karjans Nachfolgerin war, denn für manche war sie ein Flussdämon, der sich als Elfe ausgab und Unheil über das Dorf brachte. Die meisten aber hatten sie im Laufe der Zeit akzeptiert und sie war als Kind bei den unterschiedlichen Familien immer für eine gewisse Zeit untergekommen, doch am wohlsten hatte sie sich immer dann gefühlt, wenn sie fern des Dorfes allein am Ufer des Flusses saß.

„Die Geister haben mir die Zukunft offenbart und mir den Weg aufgezeigt, doch die Entscheidung, was getan werden muss, wird der Rat treffen“, antwortete Karjan ausweichend und Dhergas nickte nur, während sein Blick zu Lilith herüberwanderte. Er mochte sie nicht und das hatte er sie in ihrer Zeit in seinem Haus auch deutlich spüren lassen, aber nunmehr lebte sie bei Karjan und würde eines Tages seine Hütte für sich allein haben, daher beließ er es jetzt auch nur bei einem abfälligen Blick. „Die Ältesten haben sich bereits versammelt.“

„Gut, dann werden wir sie nicht warten lassen“, mischte sich Lilith demonstrativ ein und zog ihren Lehrmeister in Richtung des Versammlungshauses. „Ja, du hast Recht, Lilith, wir sollten sie nicht warten lassen, denn unsere Botschaft ist dringlich.“

Dhergas nickte ihnen nochmals kurz zu, dann stapfte er zu seinen zwei Kumpanen zurück und tuschelte leise, während sie dem Weg zum Haus der Ältesten folgten. Einige Kinder spielten auf dem Dorfplatz, lachend, von den Sorgen um die Zukunft unberührt, tollten sie dort herum und spielten unter den wachsamen Augen einiger Erwachsener Fangen. Der Geruch der verschiedenen Gerichte, die über den kleinen Feuern in den Hütten zubereitet wurden, erfüllte die Luft und die meisten Dorfbewohner grüßten Karjan und sie, als sie an ihnen vorbei direkt zum Versammlungshaus gingen. Niemand sprach es aus, aber Lilith konnte die Anspannung fühlen, die sich wie ein unsichtbarer Schleier über das Dorf gelegt hatte, denn sie alle erwarteten besorgt die Worte des Druiden. Anders als Lilith würden sie vielleicht nie von Karjans Prophezeiung erfahren, denn es wäre der Rat der Ältesten, der gemeinsam entschloss, was das Beste für das Dorf wäre und dann seine Entscheidung verkündete. Nur selten kam es vor, dass das ganze Dorf sich gemeinsam auf dem zentralen Platz versammelte und dort gemeinschaftlich einen Entschluss traf.

„Karjan, Lilith, ihr seid zurück und ich hoffe, ihr bringt gute Nachrichten“, empfing sie der Älteste Gilnas, als sie in das Versammlungshaus eintraten und die Tür hinter sich schlossen. Es hatte nur einen einzigen Raum, der gut ein Dutzend Meter breit war und dessen Boden aus festgetretenem Lehm bestand. Im Zentrum des fensterlosen Hauses brannte knisternd ein kleines Feuerchen und tauchte den Raum in orangerotes Licht. Um das Feuer herum lagen Schafsfelle verteilt, auf denen die Ältesten Platz genommen hatten und ihre Schatten tanzten an den mit Jagdszenen bemalten Wänden.

Neben Gilnas, einem kahlköpfigen, alten Greis von vierundfünfzig Jahren mit eingefallenen Wangen, blasser Haut und feinen Äderchen im Gesicht, die deutlich hervorstachen, saß zu seiner Linken Mirian. Sie war eine herzensgute Frau, die einst eine talentierte Jägerin gewesen sein sollte, und ihr drahtiger Körperbau, den sie sogar noch im hohen Alter von dreiundfünfzig Jahren aufwies, ließ erahnen, wie sie in ihren besten Jahren wohl ausgesehen haben musste. In ihrem kurz gehaltenen grauen Haar waren noch immer einige dunklere Strähnen vorhanden und bis vor einigen Wintern hatte sie sogar noch an der einen oder anderen Jagd teilgenommen, doch eine üble Krankheit hatte ihr das Augenlicht geraubt. Seither verbrachte sie den Tag im Dorf, doch ihre Blindheit hatte ihr nicht die Lust am Leben genommen. Sie erzählte gern aus ihrer eigenen Vergangenheit und unterhielt die Kinder des Dorfes mit ihren Geschichten.

Zu Gilnas Rechten saßen die Ältesten Gwendolin und Geron, Zwillinge, die manchmal scherzhaft darum wetteiferten, wer wohl länger von ihnen lebte, wenn sie sich nicht darum zankten, wer von ihnen die schlimmeren Leiden hatte. Mit ihren dreiundsechzig Jahren waren sie die ältesten Bewohner des Dorfes und sie hatten mehr gesehen als jeder andere hier, wenngleich sie immer wieder betonten, sie wären noch lange nicht alt genug, den ‘jungen Leuten im Rat’ die Leitung des Dorfes zu überlassen.

Lilith mochte die zwei gern, denn sie waren sich trotz ihres hohen Alters für keinen Spaß zu fein und hatten früher schon, als sie selbst noch ein Kind war, immer wieder an Streichen und Spielchen der Kinder im Dorf teilgenommen. Allerdings forderte die Zeit ihren Tribut und auch wenn sie es nur ungern offen zugaben, ihre Leiden waren ernst und sie wussten, dass ihr Leben nicht viel länger währen würde. In diesem Jahr waren beide stark abgemagert und ihre faltige Haut hing ihnen vom Körper herab, als sei dieser dafür zu klein geworden. Zugleich ging ihre Kraft mit jedem Tag ein wenig zurück und so genossen sie häufig einfach die warme Sonne und saßen vor dem Versammlungshaus am Dorfplatz auf einem Fell, die Kinder und das Treiben der Erwachsenen beobachtend.

„Lilith wird an unserer Versammlung teilnehmen“, begann Karjan als erstes, während er sich auf den Platz gegenüber von Gilnas setzte. Auf seine Äußerung hin zogen die anderen nur die Augenbrauen hoch und überließen es Gilnas zu sprechen. „Nun denn, ihr werdet eure Gründe haben, Karjan. Sagt, was habt ihr gesehen? Werden uns die Geister wieder den Regen schenken?“

Bevor er zu antworten begann, deutete Karjan Lilith, an seiner Seite Platz zu nehmen und erst als sie saß, erzählte er von seiner Vision. „Die großen Geister haben unsere Bitte um Rat erhört und gesprochen. Die Zeit zu warten und auszuharren ist vorbei. Sie zeigten mir unsere Zukunft und sie ist erschreckend. Unser Land wird verdorren und der Wald wird verschwinden, bis kein Baum mehr steht. Nur karge Ödnis wird von unserer Heimat bleiben.“

„Aber gibt es denn nichts, was wir tun können?“, wollte Mirian wissen, sah zuerst zu Karjan und dann zu Lilith. Wie den anderen Mitgliedern des Rates stand ihr die Sorge ins Gesicht geschrieben, doch Karjan hob beschwichtigend die Hand. „Seid unbesorgt, durch die weise Führung der Geister werden wir bestehen. Unsere Zeit ist knapp und wir werden so viele Vorräte anlegen müssen, wie wir können, denn der Regen wird auch weiter ausbleiben“, fuhr er fort und wandte seinen Blick dann zu Lilith. „Die Reisenden aus dem Norden haben von einem Land erzählt, in dem die Elfen zu Tausenden leben, ohne Hunger zu leiden. Wir taten es als einfache Geschichten ab, aber die Geister der Erde und des Himmels selbst zeigten mir in einer Vision dieses Land. Fruchtbare Felder, soweit das Auge reicht. Endlose Seen und Flüsse voller Fisch, die selbst in den tiefsten Wintern nicht zufrieren und große Siedlungen unseres Volkes, das in Frieden gemeinsam lebt. Irgendwo dort im Norden existiert auch ein Ort für uns und die Geister wollen, dass wir ihn suchen. Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir alle dorthin umsiedeln müssen.“

„Die Geister haben uns zuerst gesagt, wir sollten warten, doch nun sollen wir unsere Heimat, die Erde, in denen wir unsere Ahnen zum Schlaf gebettet haben, verlassen?“, wandte Gwendolin skeptisch ein und Geron fügte noch etwas hinzu. „Was soll mit den Alten, den Schwachen und den jüngsten Kindern geschehen? Wir sind nicht in Lage, eine Reise ins Ungewisse zu überstehen.“

„Es geschehen Dinge, die unser aller Verständnis übersteigen und nur die Geister selbst wissen, was dort draußen in dieser Welt geschieht. Es wäre anmaßend, ihr Urteil in Frage zu stellen“, unterbrach Gilnas die Zwillinge, bevor sie noch weitere Zweifel äußern konnten und Karjan erwiderte: „Fürwahr, ihr Wille ist unergründlich, doch nicht ich fordere, dass wir unsere Heimat aufgeben. Ich verkünde nur, was sie mir gezeigt haben und das ist ein Land im Norden.“

„Sie haben euch nicht gezeigt, wo es ist oder wie wir es erreichen können?“, meldete sich Mirian erneut zu Wort und Karjan schüttelte betrübt den Kopf. Die Geister zeigten den Fragenden nur einen Teil der Lösung auf, denn sie prüften damit, ob derjenige, der ihre Weisheit für sich beanspruchte, ihrer würdig war. Sie waren Wesen von unglaublicher Macht und wussten vermutlich alles, aber in ihrer Größe waren die einzelnen Elfen für sie ohne Belang, daher kam es vor, dass ihre Pläne manchmal zwar dem Wohle aller dienten, aber einige wenige dabei als Tribut an sie geopfert werden mussten.

„Sie versprechen uns eine neue Heimat und verraten uns, wo sie liegt, aber sie verschweigen den Weg dorthin? Es klingt mir nach einer Prüfung, die man uns stellt. Ist dies nicht vielleicht alles eine Prüfung und sie haben nur so lange geschwiegen, um zu sehen, ob wir selbst unsere Probleme lösen könnten?“

Gilnas Worte ergaben für Lilith Sinn, denn genauso verhielten sich Geister nun einmal. Dann plötzlich erwuchs ein Gedanke in ihrem Geiste. „Was wäre, wenn wir nur eine kleine Gruppe unserer besten Späher entsenden, das versprochene Land zu finden? Es kamen schon Reisende aus dem Norden, die davon berichteten. Vielleicht waren sie keine Elfen, sondern Boten der Geister, die uns dorthin führen sollten? Sollten wir nach Norden ziehen, finden wir vielleicht noch weitere Hinweise, wie wir unsere neue Heimat finden könnten.“

Für einen Moment richteten sich die Blicke aller Ältesten verwundert darüber, dass sie sich zu Wort gemeldet hatte, auf sie, dann nickte Gilnas zustimmend. „Ein interessanter Gedanke, Lilith, meint ihr nicht auch, Gwendolin, Geron?“

„Mhm, ja, durchaus. Somit wüssten wir wenigstens, ob dieses Land wirklich existiert und es bliebe genug Zeit, sich auf die lange Reise vorzubereiten“, stellte Gwendolin trocken mit einem Seitenblick auf ihren Bruder fest, der wenig erheitert war von dem Gedanken, seine Heimat verlassen zu müssen. „Was meine Schwester wohl eher sagen will ist, dass wir noch genug Zeit haben, ins Gras zu beißen, um in unserer Heimaterde begraben werden zu können, wo wir bei unseren Ahnen schlafen werden.“

„Erspart uns eure zynischen Bemerkungen, Geron. Wir alle wissen, dass außer Lilith keiner aus diesem Raum jemals das versprochene Land auch nur sehen wird. Auf uns lastet die Verantwortung, über die Zukunft und das Überleben des Stammes zu entscheiden, also verhaltet euch auch so“, ermahnte Mirian die Zwillinge und wandte ihr Haupt in Liliths Richtung. „Entsenden wir einige wenige Späher, so können sie schnell und unbemerkt reisen. Zugleich können sie einen sicheren Weg erkunden, über den wir unsere wichtigste Habe und ausreichend Vorräte mitnehmen können. Ein durchaus weiser Plan.“

Sie machte eine kurze Pause und schüttelte leicht den Kopf, als sich scheinbar eine Erinnerung an die Vergangenheit aufdrängte. „Die Wildnis ist gefährlich und selbst den besten Jägern können Fehler unterlaufen, doch irgendwo in der Ferne ist es schwierig, Hilfe zu finden. Die Gruppe, die wir entsenden, müsste sich selbst aus misslichen Lagen befreien können und im schlimmsten Falle müssen wir ohne ihre Rückkehr aufbrechen, aber bleibt uns genug Zeit dafür?“

„Ich denke, die Geister sind uns wohlgesonnen. Sie haben mir diese Dinge nicht ohne Grund gezeigt und noch finden wir genug Wild, Beeren und Wurzeln im Wald, sodass wir überleben“, brachte Karjan vor, blickte Lilith an und fuhr fort. „Wir müssen daran glauben, dass wir den Winter überstehen werden und wenn der letzte Schnee getaut sein wird, brechen wir auf. Es ist bis dahin noch etwa ein halbes Jahr, genug Zeit für die Späher, den Weg zu finden und zu uns zurückzukehren.“

„Ich vertraue auf euer Urteil, Karjan“, bekundete Gilnas, wandte sich dann Lilith zu und sprach weiter. „Und auf das eurer Schülerin. Niemand steht näher in Kontakt mit den großen Geistern als ihr Druiden, darum will ich mich hinter Liliths Plan stellen. Entsenden wir diese Späher und suchen unsere neue Heimat. Was denkt ihr?“

„Wir alle werden einen hohen Preis zahlen, denn die Wildnis fordert immer einen Tribut, sowohl von den Spähern als auch von uns, die zurückbleiben. Selbst wenn die Späher eine sichere Passage finden sollten, so werden einige im kommenden Winter oder auf dem Weg in das neue Land zu den Ahnen übertreten, allerdings glaube ich, dass dies die einzige Möglichkeit ist, das Überleben des Stammes zu sichern, daher stimme ich zu“, verkündete Mirian, senkte das Haupt und seufzte. Sie war ihr Leben lang durch die Wildnis gestreift, weiter als jeder andere hier und sie wusste, was sie erwarten würde. Für einen jeden hier außer Lilith bedeutete die Aufgabe des Dorfes nicht nur den Abschied von der Heimat, sondern auch das Ende ihres eigenen Weges. Dennoch entschieden sie sich für das Wohl des Stammes, das Land, auf dem sie seit Generationen siedelten und jagten, aufzugeben und ins Ungewisse zu ziehen.

„Ich denke, ich spreche für mich und meine Schwester, wenn ich sage, dass ich es nicht gutheißen kann, all das hier aufzugeben. Die Geister mögen uns prüfen, aber vielleicht führen sie uns nur in Versuchung und wollen, dass wir hierbleiben und uns stellen?“, brachte Geron seine Zweifel vor. Dabei ließ er den Blick über die Runde schweifen und sah einem jeden von ihnen in die Augen, während er sprach. „Wir beiden werden niemanden davon abhalten, das Dorf zu verlassen, und wir werden auch nicht dagegen sein, Späher zu entsenden, doch wir werden nicht gehen. Wir sind hier geboren und werden hier sterben.“

„Wenn dies euer Entschluss ist, werden wir ihn respektieren“, stellte Gilnas kurz fest, bevor er die nächsten Fragen an den Rat vorbrachte. „Nun, da wir uns für die Entsendung einer kleinen Gruppe von Spähern entschlossen haben, würde ich gerne darüber entscheiden, wie viele wir schicken und wen. Ich persönlich bin dafür, eine Gruppe von nicht mehr als vier oder fünf zu entsenden, damit genügend talentierte Jäger und Sammler im Dorf zurückbleiben, um die Gemeinschaft durch den Winter zu bringen.“

„Dann will ich meinen Erstgeborenen als einen von ihnen vorschlagen. Alles was er weiß, habe ich ihm beigebracht und er ist einer unserer erfahrensten Jäger“, schlug Mirian entschlossen vor. Fjangal war nicht nur ihr Erstgeborener, sondern auch ihr einziges Kind, nachdem ihre Tochter noch ohne Namen bei der Geburt verstorben war. An jenem Tag nahmen ihr die Geister auch die Gabe, neues Leben zu schenken, darum hatte sie Fjangal all ihre Kraft gewidmet und all ihr Wissen an ihn weitergegeben. Heute, mit seinen zweiunddreißig Jahren, war Fjangal nicht nur selbst Vater dreier Kinder, sondern auch einer der besten Jäger ihres Dorfes.

Lilith hatte wenig mit ihm zu tun und sah ihn nur selten, da er oftmals tagelang allein in den Wäldern verschwand und erst mit reicher Beute zurückkehrte, allerdings hatte sie gehört, dass er ein überaus geduldiger und besonnener Mann sein sollte. So jemanden mit der Aufgabe zu betrauen, für sie alle eine neue Heimat zu finden, wäre eine kluge Wahl, allerdings überraschte es sie, dass es Mirian selbst war, die ihn ins Gespräch brachte, wusste sie doch um die Gefahren. „Wenn es dieses Land gibt, dann wird er es finden und sein Bestes geben, uns davon zu berichten.“

„Gewiss wird er das tun und so ihr es wünscht, wird er sicherlich auch im Namen des Dorfes reisen“, begann Karjan vorsichtig. „Doch, seid ihr euch sicher, dass ihr ihn entsenden wollt? Er ist euer einziger Sohn.“

„Ich weiß, dass er gut geeignet ist und wenn er dabei ist, wird es ein Erfolg werden“, bekräftigte Mirian nochmals ihren Vorschlag. „Wir haben uns für diesen Plan entschieden, also sollten wir auch die Besten mit dieser Aufgabe betrauen.“

Einen Moment herrschte Schweigen, während Mirians Worte noch nachklangen. Alle, die hier saßen, waren sich wohlbewusst, dass sie nur die Entscheidung trafen, aber die Last auf den Schultern jener Gruppe liegen würde, die sie entsandten.

„Das sollten wir tun. Fjangal ist der erfahrenste Jäger des Dorfes und ich denke, dass wir ihm Tahira zur Seite stellen sollten“, warf Gilnas in den Raum. Bei der Erwähnung von Tahiras Namen lief Lilith ein kalter Schauer über den Rücken, denn sie war ihr unheimlich. Die Jägerin war gut zehn Jahre älter als sie und als sie noch als Kind bei Tahiras Familie gelebt hatte, neigte Tahira dazu, Lilith zu necken, zu erschrecken oder einfach nur aufzuziehen. Lilith war sich bei ihr nie sicher, ob sie böswillig handelte oder ob dies nur ihre Art war, zu jemandem Kontakt aufzunehmen. Sie war wie ein Herbststurm, unvorhersehbar und voller Kraft, doch unterschied sie sich nicht nur darin von dem ruhigen Fjangal, den Lilith eher mit einem Felsen verglichen hätte. Zwar war sie ebenso wie er eine begnadete Jägerin, aber sie schlich lieber dicht an ihre Beute heran und überraschte diese, als dass sie lange auf den richtigen Moment wartete. Vielleicht war es diese Art der Jagd, die ihr den Beinamen ‘Tiger’ eingebracht hatte? Oder war es das Offensichtlichere, das Fell des von ihr erlegten grauen Tigers, das sie als Mantel zu tragen pflegte?

„Wenn ihr Tiger wollt, dann werdet ihr auch Ijago gleich mit dabeihaben“, stellte Gwendolin fest und nutzte Tahiras Beinamen, mit dem fast jeder im Dorf sie ansprach. Einzig die Ältesten und vielleicht noch Ijago, ihr Gefährte, mit dem sie schon seit vielen Jahren zusammenlebte, nutzten ihren eigentlichen Namen. Die zwei waren fast immer gemeinsam zu sehen und mit einer

Mischung aus Geduld und Sturheit ließ Ijago die Ausbrüche seiner Gefährtin über sich ergehen. Selbst, dass er ein beliebtes Thema bei dem üblichen Geschwätz im Dorf war, schien ihn nicht weiter zu stören, allerdings wunderte sich so mancher, dass sie keine Kinder hatten, obwohl sie doch schon seit Jahren zusammenlebten.

„Ich werde meinen Enkel wohl nie verstehen, warum er ihr wie ein Küken der Glucke gleich folgt, aber ich kann euch versichern, dass er nicht von ihrer Seite weichen wird“, fügte Geron noch trocken hinzu und schüttelte über das Verhalten seines Enkels den Kopf.

„Ich bin mir wohlbewusst, dass Ijago nicht von Tahiras Seite weichen wird, allerdings sehe ich darin eher einen Vorteil. Die beiden sind ein eingespieltes Team bei der Jagd und obwohl sie oftmals allein unterwegs sind, bringen sie immer gute Beute. Tahira ist eine ausgezeichnete Jägerin, aber auch Ijago ist mindestens ein guter Jäger und ich glaube, dass er es ist, der Tahira davon abhält, unbedachte Fehler zu begehen.“

„Ich denke, damit habt ihr Recht, Gilnas. Nun da wir drei Namen zusammen haben, lasst mich einen vierten vorschlagen“, ergriff Karjan das Wort, sah kurz in die Runde der Ältesten und dann zu Lilith. „Drei begnadete Jäger entsenden wir, doch dort draußen lauern vielleicht noch andere Gefahren, daher will ich vorschlagen, meine Schülerin Lilith zu entsenden.“

Die Blicke der Ältesten richteten sich überrascht von seinem Vorschlag auf Karjan und auch Lilith wollte protestieren, aber er deutete ihr zu schweigen. „Meine Zeit in dieser Welt wird schon bald ihr Ende finden und ich weiß, dass Lilith meinen Platz einnehmen sollte, aber wenn ich das größere Ganze betrachte, so glaube ich, dass sie besser mit unseren Spähern reisen sollte.“

Sie wollte nicht mitgehen, denn sie müsste doch noch so viel lernen. Was sollte außerdem aus dem Dorf werden, wenn Karjan sterben sollte, während sie auf Reisen war?

Wer würde die Rituale leiten und die Toten zu den Ahnen geleiten oder die Kranken heilen, wenn er nicht mehr da wäre?

„Verzeiht, Meister, aber spricht nicht mehr dagegen, dass ich gehe, als dafür?“

„Es ist eine gefährliche Reise und ihr Ausgang ist ungewiss, aber kann es nicht der Wille der Geister sein? Du warst es, die den Einfall hatte, Späher entsenden und schon zuvor hattest du mich immer wieder darum gebeten, die Quelle des Flusses aufzusuchen. Immer mehr wird mir klar, dass die Geister zu dir sprechen und versuchen, dich zu leiten. Wenn wir unser Schicksal in die Hände einer kleinen Gruppe von Spähern legen, dann sollten wir ihnen bei dieser Aufgabe auch jemanden zur Seite stellen, der den Willen der Geister deuten kann.“

So wie Karjan es formulierte, blieb Lilith kaum die Möglichkeit zu widersprechen, denn im Grunde hatte er Recht. Sollten die Späher scheitern, so hätte dies katastrophale Folgen und auf ihrem Weg nach Norden würden die drei Jäger ohne Zweifel auf weitere Hinweise der Geister stoßen, die versuchten, sie zu leiten. Sie seufzte und neigte ergeben das Haupt.

„Wenn es der Wille des Rates ist, werde ich mich anschließen und unsere Jäger nach Norden begleiten. In den Augen des Stammes mag ich zwar noch ein Kind sein, aber wenn Karjan sagt, ich sei bereit, so bitte ich euch, seinem Urteil zu trauen.“

Lilith fortzuschicken und es somit zu riskieren, dass ihr Dorf ohne eine Druidin dastände, sollte Karjan zu den Ahnen gehen, schien den Ältesten wenig zu gefallen. Mit versteinerten Mienen saßen sie schweigend da, blickten abwechselnd zueinander oder starrten in das leise knisternde Feuer. Die Zeit verging schleppend langsam und erst nach einer gequälten Ewigkeit ergriff Gwendolin das Wort. „Einen Jäger zu verlieren ist ein schmerzhafter Verlust, bedeutet es doch, dass das Dorf Hunger leidet, sobald die reichen Zeiten enden. Keinen Druiden zu haben, bedeutet jedoch, dass die Toten nicht in ihrer Heimaterde begraben werden können, bis jemand ihnen den Weg weist, damit ihre Seelen den Weg ins Jenseits finden. Hinzu kommt noch, dass Dämonen Krankheiten bringen können, ohne dass wir uns ihrer erwehren könnten. Selbst wenn das Schicksal des Dorfes in Gefahr ist, ohne einen Druiden stirbt es auch so. Im schlimmsten Falle geschieht Lilith ein Unglück und wir alle sind verflucht, unfähig die Zeichen der Geisterwelt zu deuten. Somit kann ich bei bestem Willen diesem Vorschlag nicht zustimmen.“

Auf Gwendolins Worte folgte betretenes Schweigen, während Geron sich mit seinen wenigen verbliebenen Zähne auf die Unterlippe biss. Er seufzte und flüsterte kaum hörbar. „Ich bin nicht sicher, ob es weise ist, aber ich muss meiner Schwester widersprechen. Wir haben Angst, denn sollte Karjans Leben enden, bevor Lilith zurück ist, werden unsere Körper unbegraben auf der Erde verrotten und unsere Seelen gefangen sein. Sollte sie nicht zurückkehren, so wäre dies das Ende unseres Stammes, aber ich glaube, dass dies nicht geschehen wird. Wir sollen für das Wohl des Stammes und für dessen Zukunft entscheiden. Um dieses Vorhaben zum Erfolg zu bringen, werden die Jäger auch die Führung der Geister benötigen und da Karjan ebenso wie wir zu alt für ein solches Unterfangen ist, ist es an Lilith, sie zu unserer neuen Heimat zu leiten.“

Verärgert über die gegensätzliche Meinung ihres Zwillingsbruders warf Gwendolin Geron giftige Blicke zu, aber dieser wich ihnen aus.

Gilnas wandte sich Lilith zu und richtete das Wort direkt an sie.

„Ich denke, dass ich mich Gerons Worten anschließen kann. Du magst Recht haben, wenn du sagst, du bist in den Augen des Stammes noch ein Kind, Lilith, aber ich glaube, dass wir uns in einer solchen Lage nicht von Traditionen fesseln lassen sollten. Wenn Karjan sagt, die großen Geister hätten dich erwählt, ist es nicht an uns, ihre Entscheidung in Frage zu stellen, daher stimme ich dafür, dass du unsere Jäger begleitest und zugleich möchte ich noch hinzufügen, dass ich glaube, dass diese Gruppe ihre Aufgabe erfüllen und unseren Stamm retten wird“, führte Gilnas ruhig und wohlüberlegt aus. Seine Zustimmung zu geben, fiel ihm sichtbar schwer, aber mehr als so manch anderer vermochte Gilnas zwischen seinen eigenen Interessen und dem Wohl aller zu unterscheiden. „Seht ihr es genauso, Mirian?“

„Ich bin mir nicht sicher. Wie Gwendolin bereits sagte, einen Jäger zu verlieren ist eine Tragödie, aber der Tod eines Druiden, noch dazu ohne einen Nachfolger, ist eine unbeschreibliche Katastrophe. Ich kann in diesem Fall keine Entscheidung treffen, denn ich glaube, dass mein Urteilsvermögen von meinen Sorgen verzerrt wird, daher werde ich mich meiner Stimme enthalten“, antworte die blinde Jägerin nach einiger Zeit des Überlegens. Während Gwendolin verärgert das faltige Gesicht verzog, nickte Gilnas zufrieden. „Gut, so ist es beschlossen. Wir werden Fjangal, Tahira, Ijago und Lilith entsenden. Auf ihren Schultern wird die Last aller liegen, aber die großen Geister werden mit ihnen sein.“

„Ihr macht einen Fehler, doch ihr ahnt noch nicht, was euch bevorsteht“, erhob Gwendolin warnend die Stimme, bevor sie sich langsam und mühevoll erhob. „Ich werde im Dorf Bescheid geben, dass alle sich versammeln sollen. Sie alle sollen erfahren, was heute hier beschlossen wurde.“

„Genau darum wollte ich euch bitten, Gwendolin. Ich glaube nicht, dass wir lange zögern sollten. Lilith, kehr zu eurer Hütte zurück und bereite dich auf die Reise vor. Ruh dich aus, pack deine Sachen und so alle dazu bereit sind, wirst du schon im Morgengrauen den langen Weg nach Norden antreten.“

Sie blickte kurz zu Karjan herüber, der ein Nicken andeutete und ihr erlaubte, sich zu erheben. „Ihr Ältesten, ich werde sofort mit den Vorbereitungen beginnen.“

Lilith folgte Gwendolin nach draußen. Es war ruhig im Dorf und Gwendolin sah sie verbittert an, als sie an ihr vorbeiging. „Ich hoffe du bereust es nicht, mein Kind.“

„Das werde ich schon nicht“, erwiderte sie kurz angebunden und lief den kurzen, festgetretenen Weg vom Dorfplatz zur nördlichsten Hütte hin. Wie die anderen war sie fensterlos und aus Lehm und Holz gebaut, mit einem Rauchabzug in der Mitte, wo im Inneren die Feuerstelle lag. Sobald sie die hölzerne Tür öffnete und in den dunklen Raum eintrat, schlug ihr der intensive Geruch unzähliger Kräuter entgegen, die in Bündeln zusammengebunden und getrocknet von der Decke herabhingen. Zur linken und rechten Seite der Feuerstelle fanden sich ihre Schlafstätten auf den Fellen von Waldschafen, während ihre Kleider in geflochtenen Körben aus Schilf aufbewahrt wurden. Des Weiteren gab es einige Tonkrüge mit Getreide, Nüssen und getrockneten Beeren. Neben ihnen, auf einem flachen Stein, lagen ihre wichtigsten Werkzeuge, verschiedene, verzierte Messer mit Griffen aus Horn und Klingen aus Feuerstein und Obsidian. Ihr wichtigster Besitz und ein Relikt unglaublicher Macht war jedoch der Schlangenstab, der sich in einer Halterung an der Wand befand. Auf den ersten Blick hin schien es sich nur um einen kunstvoll geschnitzten Holzstab zu handeln, an dessen oberen Ende sich ein stilisierter Schlangenkopf befand. Er war von den Geistern gesegnet und konnte, wenn die richtigen Worte gesprochen wurden und der Zeitpunkt korrekt war, Wunder vollbringen. Seit nunmehr drei Generationen wurde er von einem Druiden an den nächsten weitergegeben und eines Tages würde auch Lilith ihn ihr Eigen nennen, aber im Moment wagte sie nicht einmal, ihn zu berühren.

Um sich für die Reise zu rüsten, nahm sie sich ihren Rucksack aus robustem Fischleder, der neben ihrer Schlafstätte an die Wand gelehnt stand, und überlegte, was sie wohl für eine solch lange Reise benötigen würde. Neben warmer Kleidung aus Pelz und Leder würde sie auch Proviant benötigen, damit sie rasch einige Distanz zwischen sich und das Dorf bringen konnten. Zudem würden heilende Kräuter sicherlich nicht schaden, denn wer wusste schon, was auf der Reise alles geschehen würde?

Am Ende war ihr Rucksack so voll gepackt mit warmer Winterkleidung und Kräutern, dass sie nur schwerlich den Laib dunklen Brotes noch hineinstopfen konnte, aber letztlich gelang es ihr dann doch mit einiger Anstrengung und der Hoffnung, dass der Rucksack ihr dabei nicht einreißen würde. „Oh Meister, warum nur schickt ihr mich fort?“

Natürlich kannte sie die Antwort auf ihre leise vor sich hin gemurmelte Frage, denn er hatte seine Entscheidung vor dem Rat begründet, allerdings fühlte sich Lilith nicht wirklich von den Geistern auserwählt. Wenn sie doch nur etwas mehr Zeit hätte, sich vorbereiten zu können, wäre ihr ungleich wohler gewesen, aber nun sollte sie schon im Morgengrauen des nächsten Tages mit den älteren und weitaus erfahreneren Jägern nach Norden ziehen.

Ihr oblag es als Druidin, den richtigen Weg vorzuschlagen und die Zeichen zu deuten, die die Geister ihnen auf ihrer Reise zeigten. Sollte sie jedoch nur ein einziges Mal falsch liegen, so gefährdete sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das der Jäger und des gesamten Stammes. „Wenn ihr hier seid, dann antwortet doch bitte. Warum habt ihr mich auserwählt? Was ist an mir so besonders, dass ich nach dem versprochenen Land suchen soll und warum habt ihr nicht Karjan früher davon berichtet?“

Zwar hatte sie nicht erwartet, dass die Geister ihr sogleich antworten würden, allerdings war Lilith doch ein wenig enttäuscht, dass sie sich in Schweigen hüllten. Wenn sie ihr einflüsterten, eine Gruppe von Spähern zu entsenden, dann könnten sie ihr doch wenigstens antworten, oder nicht?

Sie seufzte, ging aus der Hütte hinaus und setzte sich ins trockene Gras vor dem Eingang. Es war ausgedorrt und fühlte sich kratzig auf ihrer Haut an, aber die abendliche, versinkende Sonne war angenehm und von hier aus hatte sie einen guten Blick auf das Geschehen auf dem Dorfplatz, wo die Ältesten ihren Beschluss kundgaben. Den Gesprächsfetzen angeregt diskutierender Dorfbewohner nach zu urteilen, gab es noch so manchen Zweifel im Stamm, allerdings sahen die meisten vor allem besorgt und verängstigt aus. Karjans Prophezeiung kam zu einer Zeit, in der die meisten noch die vage Hoffnung hatten, dass bald schon alles wieder gut werden würde. Schon am Morgen, als sie und ihr Lehrmeister vom Dorf aufbrachen, um den Rat der Geister einzuholen, hatten sie manche sehnsuchtsvoll angesehen und auf gute Nachrichten gehofft. Jetzt allerdings musste Karjan ihnen die bittere Gewissheit verkünden, dass sie ihre Heimat verlieren würden.

Die Vorstellung, dass im Norden eine riesige Siedlung existierte, war aufregend, wenngleich sich Lilith mit all ihrer Fantasie nicht einmal im Ansatz ausmalen konnte, wie ein solcher Ort aussehen könnte.

„Was wird nun bloß aus uns allen werden“, flüsterte sie leise, während ihr Blick über die verunsicherten Gesichter ihrer Stammesmitglieder schweifte. Unter ihnen konnte sie Tiger, Fjangal und Ijago ausmachen und da sie alle anwesend waren, konnte sie davon ausgehen, dass sie wirklich im Morgengrauen aufbrechen würden. Ijago und die Tigerin würden sich garantiert und ohne zu zögern auf ein solches Abenteuer einlassen, denn wenn sie dem glaubte, was Tiger so erzählte, zogen sie weiter als jeder andere Jäger. Fjangal hingegen könnte Bedenken haben, seine Familie zu verlassen, aber er würde auf seine Mutter Mirian hören und sich noch an diesem Abend auf die Reise vorbereiten. Somit wäre es vielleicht auch weise, wenn sie selbst versuchen würde, etwas zu schlafen, denn der morgige Tag würde sich anstrengend werden.

Kapitel 2

Spärlich fiel das erste Sonnenlicht durch die angelehnte Tür hinein in das Halbdunkel der viel zu großen Hütte, an deren Seitenwand Ijago saß und nachdenklich zu Tahira hinüberblickte. Sie lag nackt bäuchlings auf ihrer gemeinsamen Schlafstätte, die leichte Leinendecke über dem Unterkörper und den linken Arm über die Stelle gelegt, wo er noch vor kurzem selbst gelegen hatte. Ihr wildes rotbraunes Haar, in das sich einige dunklere Strähnen mischten, fiel ihr über die rechte Schulter und verbarg einige der alten Narben, die sie von ihrem Kampf mit dem Tiger davongetragen hatte. Am linken Arm, den sie im Todeskampf vor das Gesicht gehalten hatte, zeugten sie noch immer davon, an welchen Stellen die Krallen der Raubkatze ihr Fleisch zerrissen hatten, während die Narben ihres Halses davon Zeugnis ablegten, wie knapp sie dem Tode entronnen war.

Letztlich hatte sie triumphiert und dem Tiger wieder und wieder ein Messer zwischen die Rippen gestoßen, bis dieser entkräftet über ihr zusammengebrochen war und dieses Kampfes wegen oder vielleicht auch nur wegen des Mantels aus dem Fell eben jenes Tigers, den sie zu jeder Jahreszeit zu tragen pflegte, nannten die meisten im Dorf sie nicht beim Namen, sondern einfach nur Tiger. Vielleicht mochten sie dadurch ihren Respekt für die launische Jägerin ausdrücken, über die so manches Gerücht im Dorf kursierte, aber jedes Mal, wenn er hörte, wie jemand Tahira nur Tiger nannte, fuhr ihm ein stechender Schmerz in die Brust und erinnerte ihn an jenen schicksalshaften Tag vor sieben Jahren.

Damals - es war ein kühler grauer Morgen im Herbst und dichter Nebel kroch aus den Niederungen empor, legte sich über ihr kleines Lager am Ufer des Flusses. Gerade einmal drei Tage war es her gewesen, dass er sein sechzehntes Lebensjahr erreicht und nach einem rituellen Kampf zum Mann erklärt worden war. Noch am selben Tag hatte Tahira ihn, ausgerechnet ihn, dazu eingeladen, sie auf die Jagd zu begleiten und in jenem Moment hatte sein Herz so laut geschlagen, dass er geglaubt hatte, das ganze Dorf könnte es hören.

Im Geheimen hatte er schon seit langem von Tahira geschwärmt und er wusste, dass er nicht allein damit war. Was prahlten sie Jünglinge voreinander, was sie gesehen hatten oder tun würden, wenn die jungen Frauen mehr Zeit mit ihnen verbrächten. So manches Mal schlichen sie sich heimlich zum Fluss, wenn die Frauen dort badeten und beobachteten sie verstohlen, versteckt im dichten Schilf.

Dass nun eben Tahira, die für sie alle so unnahbar und unerreichbar fern erschien, die schon seit ihren ersten Jagden als Fjangals Nachfolgerin geheißen wurde, am Tag seiner Mannwerdung auf ihn zukam und zur gemeinsamen Jagd zu zweit einlud, war die Erfüllung all seiner Träume. In jenen jedoch hatte er immer gewusst, was zu tun war und sie hatte ihn bewundert, ihm geschmeichelt und letztlich landete sie gemeinsam mit ihm in seinem Zelt.

Die Wirklichkeit war jedoch deutlich anders als in seiner Vorstellung und als sie ihn einlud, kamen ihm einfach keine Worte in den Sinn, sodass er nur ein gestammeltes ‘Ja’ hervorbringen konnte. Selbst als sie stundenlang allein durch die Wälder streiften, sich immer weiter vom Dorf entfernten, fiel ihm nichts ein, wie er Tahira von seinen Qualitäten überzeugen könnte, sodass sie schweigend und sich sonst nur über die Spuren des Wildes unterhaltend weiterzogen. Am Abend des zweiten Tages, der ebenso erfolglos wie der erste verlief, geschah jedoch etwas, was er sich nie hätte vorstellen können.

Es war eine klare Nacht, in der ein silberner Halbmond am Himmel über ihnen stand und das Feuer neben ihren zwei Schlafstätten war fast niedergebrannt, als Tahira zu ihm kam. Sie hatte ihre Kleider abgelegt, als sie unter seine Decke kroch und ihn zu Boden drückte. Das, wovon er immer wieder geträumt hatte, was er sich so ersehnte, geschah in jenem Moment.

„Das ist es doch, was du willst, oder nicht, kleiner Jäger?“, hatte sie ihm begierig ins Ohr geflüstert, während sie seine Hände auf ihre vollen Brüste legte. „Du starrst schließlich seit zwei Tagen unablässig darauf.“

Als er zaghaft begann, sie zu berühren, ihren Leib zu ertasten, stöhnte sie lustvoll auf und küsste ihn. Ihre Zunge schob sich durch seine Lippen und umspielte die seine, während ihre Hände seine Hose aufschnürten und ihn umfassten. Während sein Leib genussvoll erwartete, was als nächstes geschah, war sein Geist in Aufruhr und er fühlte sich wie eine Maus vor der Schlange. In seiner Fantasie hatte er stets gewusst, was zu tun war, aber jetzt, wo Tahira auf ihm thronte, ihn in sich aufnahm und ihn zu Boden drückte, während sie sich rhythmisch bewegte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich ihren Händen und seinen Gefühlen zu überlassen.

Nach ihrem Liebesspiel lag er noch lange wach und während Tahira an seiner Seite schlief, versuchte er zu verstehen, was ihm geschehen war. Am Morgen danach saß sie bereits voll angezogen neben dem Feuer und bereit zur Weiterreise, als er aufwachte. Verwirrt sah er sie an und rang sich einige Worte ab. „Was war das in der letzten Nacht? Ich meine, du und ich, also …“

„Ich habe mit dir geschlafen und ganz anscheinend hat dir gefallen, was ich getan habe“, antworte sie amüsiert und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Wenn du möchtest, können wir es nochmal tun. Dafür wär’ wohl Zeit.“

Er spürte die aufsteigende Röte in seinem Gesicht, wich ihrem belustigten Blick aus und sah zu seinen Füßen. „Nein, ich, ähm, jetzt, äh, vielleicht nicht. Also ich, äh, ja, ähm, ich meine, was heißt das jetzt für uns?“

„Kommt drauf an, was du meinst“, antwortete sie süffisant und ihre Selbstsicherheit verunsicherte ihn. „Falls du das zwischen uns meinst, so bin ich dein und du bist mein. Du magst mich doch wohl und du begehrst mich, oder? Schließlich beobachtest du mich auch nicht erst seit heute oder hast du dich neulich an der Flussbiegung im Schilf nur einfach so bei meinem Anblick erfreut?“

Er war ihr gefolgt, in der Hoffnung einen Blick auf sie erhaschen zu können und als er sie vom Ufer aus beobachtete, da dachte er wirklich, dass er sie in einem unachtsamen Moment erwischt hatte, wo sie sich im Glauben allein zu sein, in ihrer vollen Pracht am sandigen Strand auf der anderen Seite präsentierte. Seine Lust hatte er befriedigt und sich dabei vorgestellt, sie auf dem Sand liegend zu liebkosen, aber nie hätte er gedacht, dass sie genau wusste, dass jemand da war.

„Ach komm, sieh mich nicht an, als wolle ich dich fressen. Ich mag dich und es hat mir gefallen. Um jedoch zu deiner Frage zurückzukommen, so ist es gut möglich, dass nun dank dir ein neues Leben in mir keimt und wir dann schon bald eine kleine Familie werden. Wenn dein ‘was heißt das jetzt für uns’ sich auf den heutigen Tag bezieht, so würde ich sagen, wir genießen noch in vollen Zügen unsere Abgeschiedenheit vor neugierigen Blicken und jagen dann einen Hirsch, einen Hasen oder was auch immer gerade da ist und gehen dann zum Dorf zurück.“

Erst vor Tagen war er zum Mann geworden und nun sprach die Frau, die er seit Jahren begehrte, nach der er sich sosehr sehnte, davon, eine Familie zu werden und ihn als Gefährten zu erwählen. Dies alles war wie ein Wunschtraum, wenngleich auch ein sehr lebhafter und überaus realistischer. „Bitte, schlag mich einmal.“

„Seltsame Vorliebe, aber wem’s gefällt“, kommentierte Tahira achselzuckend und verpasste ihm einen Hieb in die Magengrube, woraufhin er nach Luft ringend vornüberfiel. „Ich hoffe, es war nicht zu viel?“

Sie klang ein wenig besorgt und er hatte vollends ihre Kraft vergessen, aber immerhin, so sehr wie es wehtat, konnte dies kein Traum sein. „Neneinein, alles gut.“

„Bist du dir sicher?“, fragte sie, reichte ihm die Hand und zog ihn schwungvoll hoch, wo er leicht gekrümmt stehenblieb. „Es ist kein Traum.“

„Das hätte ich dir auch so sagen können. Nun, also, soll ich es nochmal tun?“

„Mich schlagen?“, fragte er vorsichtig und sie verdrehte die Augen, bevor sie sich vor ihm hinkniete. „Das, was ich letzte Nacht auch getan habe.“

„Also, ähm, ja, äh, nein. Ich, ähm, ich denke, wir sollten lieber erst einmal etwas erjagen“, brachte er stammelnd hervor, obwohl allein der Gedanke an sie seine Lust aufs Neue weckte, allerdings wollte er sich erst einmal vor ihr beweisen. Warum sie ausgerechnet ihn wollte, der weder der beste Jäger, noch der Schönste war, verstand er nicht, aber darum wollte er ihr umso mehr zeigen, dass er es wert wäre. Wenn sie ihn als ihren Gefährten und den Vater ihrer Kinder erwählte, so musste er sich seines Stolzes wegen zumindest in etwas bewähren. Darum, so sagte er sich in seinen Gedanken selbst, würde er erst nach einer erfolgreichen Jagd sie wieder tun lassen, was sie da andeutete.

„Wie du meinst“, bemerkte Tahira nur und erhob sich wieder, ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen. „Ich kenne dich gut genug, daher musst du mir nichts beweisen.“

„Ja, aber lass uns trotzdem etwas Großes jagen“, erwiderte er und wich ihrem Blick aus, doch sie packte sein Gesicht, zog ihn zu sich heran und küsste ihn innig. „Dann werde ich die beste Beute für uns aufspüren, aber bis dahin kann ich dich wenigstens küssen, nicht?“

„Kannst du“, brachte er überrascht hervor und musste sich beherrschen, sie nicht an sich zu pressen, aber er wusste, dass es dann wohl nicht bei einem Kuss bliebe und er wollte zumindest bei der Jagd mitwirken. „Sehr schön, nun, dann wollen wir los. Ich habe bei der letzten Jagd die Spuren eines Mooselches entdeckt. Die sieht man normalerweise nur im tiefen Winter und selbst da sind die selten, aber wenn ich dir dessen Geweih bringe, dann wirst du mich als deine Gefährtin annehmen, ja?“

Anders als normale Elche warfen Mooselche ihr Geweih nicht ab, sondern es wuchs langsam und ein Leben lang. Zudem waren die Elche ein gutes Stück größer und wurden bedeutsam älter, dabei wurden ihre Körper im Laufe der Zeit von einem grünen Moos überwuchert, woher auch ihr Name stammte. Allerdings nannten viele der Jäger die Mooselche ihrer Größe und ihres Alters wegen auch die Herren des Waldes, doch die Jagd auf sie war anspruchsvoll, denn sie hinterließen im Boden keine Spuren und sie aufzuspüren erschien nahezu unmöglich. „Du willst den Herren des Waldes finden? Wie willst du das denn schaffen?“

„Ein Geheimnis von mir, aber ich will es mit dir teilen. Alle glauben, Mooselche hinterließen keine Spuren, aber in Wirklichkeit gibt es welche. An der Rinde der Bäume oder an den Zweigen der Büsche, die sie streifen, schabt sich immer etwas Moos ab und da die Mooselche selten den Standort wechseln und oftmals tagelang nur herumstehen, kann man sie schnell und einfach finden“, offenbarte sie ihm und lächelte triumphierend. „Und wie das Schicksal es will, weiß ich, wo zuletzt einer rumstand und vielleicht noch immer steht.“

Sie packte ihre Sachen zusammen. „Sieh es als Geschenk meiner Zuneigung an.“

Allein das Geheimnis der Jagd auf diese seltenen und mythischen Tiere war unschätzbar wertvoll, waren Mooselche doch eine Beute, deren Fleisch nicht nur wohlschmeckend war, sondern deren Bewuchs auch von den Druiden wegen seiner übernatürlichen Eigenschaften geschätzt wurde. Dass sie ihn an der Jagd teilnehmen ließ und ihm einen Herren des Waldes als Geschenk darreichen wollte, zeugte davon, wie ernst sie es mit ihm meinte.

„Du bist unglaublich“, antwortete er und schulterte seinen Rucksack, um ihr zu folgen. Tahira lächelte und lief in anmutigem Laufschritt voraus. „Dann komm und hoffe, dass er noch da ist, wo ich ihn das letzte Mal gesehen habe.“

Stundenlang waren sie an diesem Tag durch die Wälder gestreift, waren über Wildpfade gewandelt und immer wieder hatte Tahira ihn auf einen unscheinbaren Moosbewuchs auf den umstehenden Bäumen aufmerksam gemacht. Es waren nur kleine Plakate eines unauffälligen hellgrünen Mooses, dem er sonst wohl keine Beachtung geschenkt hätte, allerdings fand es sich nahezu ausschließlich auf dem Wildpfad. „Siehst du, was ich meine? Unter all diesen offensichtlichen Spuren übersieht man leicht jene unscheinbaren und wer denkt schon daran, das Moos an den Bäumen genauer in Augenschein zu nehmen.“

Ganz anscheinend hatte Tahira daran gedacht, wenngleich sie ihm nicht offenbarte, ob sie aus einer Laune heraus einer Spur aus Moos gefolgt war oder lange darüber nachgedacht hatte, aber am Ende war sie wohl die erste Jägerin, zumindest die erste, die er kannte, die in der Lage war, einen Mooselch aufzuspüren.

„Ja, darauf ist wohl noch keiner gekommen“, bemerkte er bewundernd, während er gedankenverloren hinter ihr herlief. Obwohl er sich eigentlich auf die Jagd konzentrieren wollte, wanderte sein Geist immer wieder zum vergangenen Abend zurück und sein Blick ruhte eher auf Tahiras Leib als auf den Spuren an den Rändern des Wildpfades. Als sie sich dann jedoch zu ihm umwandte, sah er verlegen zur Seite und sie bedachte ihn mit einem vielsagenden Lächeln. Sie war für ihn ein Rätsel, so wie sie es schon immer gewesen war. Ob sie einem geheimen Plan folgte oder impulsiv handelte, dem war er sich selbst nicht sicher, aber eines wusste er, sie bekam immer, was sie wollte und momentan wollte sie aus einem unerfindlichen Grund ihn.

„Warte! Das hier sieht nicht gut aus“, flüsterte sie. Sie waren einige Dutzend Schritte gelaufen, als Tahira plötzlich stoppte und prüfend einige frische Spuren im feuchten Waldboden untersuchte. „Verdammt und wir waren so nah dran. Tut mir leid, I-jago, aber wir sollten besser umkehren. Ich hoffe, du verzeihst es mir.“

„Was ist los?“, fragte er sie leise. Mit einem unzufriedenen und zugleich besorgten Ausdruck im Gesicht deutete Tahira auf die Spuren am Boden. Sie sahen nach den frischen Tatzenabrücken eines Tigers aus - eines überaus großen Tigers. Eigentlich gab es in diesen Wäldern keine Tiger und nur in manchen sehr harten Wintern verirrten sie sich und zogen aus ihren weiter im Norden liegenden Revieren hierher, aber es noch nie vorgekommen, dass im Herbst eine der Raubkatzen nach Süden zog. Sollte sich jedoch ein Tiger in ihrer Nähe herumtreiben, so wäre es weiser, sich zurückzuziehen und ihre Beute aufzugeben. „Ja, du hast vermutlich Recht, aber wie weit wäre es noch bis zur Lichtung?“

Er wusste, dass es keine gute Idee war, weiterzuziehen und einer Beute nachzustellen, an der auch der Tiger ein großes Interesse haben dürfte, waren die Herren des Waldes anders als normale Elche doch eine leichte Beute, wenn man sie erst einmal aufgespürt hatte. Allerdings wollte Ijago diese Jagd beenden, denn es galt als schlechtes Omen unter ihnen Jägern, wenn die erste gemeinsame Jagd fehlschlug. Es hieß, der große Geist des Waldes blickte auf die Jäger, sah in ihre Herzen und sowie sie im Einklang schlugen, gewährte er das Jagdglück, auf dass die Jäger wussten, dass sie sich stets aufeinander verlassen könnten. Daher konnte dies nur eine Prüfung sein, der sie sich stellen mussten. Allerdings kam noch hinzu, dass er sich Tahira gegenüber als würdig erweisen wollte und wenn nicht als Fährtenleser, dann wenigstens als Bogenschütze. Zudem würden die Leute aus dem Dorf staunen, wenn sie gemeinsam, Seite an Seite, zurückkehrten und nicht nur ihre neu eingegangene Verbindung verkündeten, sondern auch den Kopf des erlegten Mooselches mit sich bringen würden. Die neidvollen Blicke der anderen Jünglinge wären ihm gewiss. Alle würden sie nach einem solchen Jagdglück davon sprechen, dass die Geister selbst wohl ihre Verbindung gesegnet hätten.

„Nicht weit, vielleicht fünf, sechs Minuten Lauf entfernt“, antwortete Tahira und ihre selbstsichere, lockere Art war verschwunden. Obwohl er es nie für möglich gehalten hatte, schien sie ängstlich zu sein und spähte aufmerksam in das dichte Unterholz, auf das kleinste Geräusch lauschend. Für sich selbst konnte er nicht behaupten, frei von Furcht zu sein und sein Herz pochte laut in seiner Brust, aber wo sie schwach war, da sollte er stark sein.

„Die Spuren sind zwar frisch, aber sie führen in eine andere Richtung“, drängte er Tahira und versuchte dabei selbstsicher zu klingen. „Ich bin sicher, die Ahnen wachen über uns und die Geister segnen unsere Jagd. Wenn er nicht da ist, dann ist es halt so, aber du hast dann dein Bestes gegeben und das reicht vollkommen aus.“

Tahira willigte nickend ein. „Ich tue es für dich, aber dafür erfüllst du mir später auch einen Wunsch, in Ordnung?“

„Ganz sicher. Alles, was du willst.“

„Also gut, dann folge mir“, flüsterte sie, blickte noch einmal auf die Spuren, die den Weg kreuzten und führte sie zielstrebig weiter in den Wald. Das sattgrüne Gras stand hoch und in der Mitte der Lichtung lag der Elch verborgen. Vom Rand aus konnten sie seinen Körper nicht sehen, aber sein riesiges, mit Moos überwuchertes Geweih ragte empor.

Ijago deutete zufrieden auf den Elch. Tahira hingegen schüttelte abwehrend den Kopf.

„Warum? Er ist doch genau dort“, wisperte er und wollte schon mit dem Bogen in der Hand durch das hohe Gras näher heranschleichen, doch sie hielt ihn zurück. „Aber er steht nicht und Mooselche stehen sonst immer.“

„Irgendwann müssen sie wohl auch schlafen, oder? Außerdem hat man sie so selten gesehen, dass bisher wohl niemand je einen hat liegen sehen“, hielt Ijago ihren Zweifeln entgegen und schlich weiter. Dicht hinter ihm folgte Tahira. Immer näher und näher kamen sie dem schlafenden Tier und Ijago legte einen Pfeil auf die Sehne, während Tahira ihren Speer umklammerte, doch dann geschah das, womit sie nicht gerechnet hatten.

Aus den Augenwinkeln heraus sah er etwas Gestreiftes auf sie zustürmen und kurz bevor der Tiger ihn erreichte, sprang Tahira zwischen ihn und die Bestie. Mit ihrem Speer versuchte sie den Tiger zu pfählen, aber es gelang ihr nicht und sie ging zu Boden. Den Pfeil noch immer auf der Sehne stand er nur wenige Meter von ihr und dem Tiger entfernt, der versuchte, sie mit den Zähnen zu packen und ihr Genick mit seinen kräftigen Kiefern zu zertrümmern, aber er schoss nicht. Er war wie gelähmt vor Angst und während Tahira vor Schmerz aufschrie, als die Krallen des Tigers das Fleisch ihres linken Armes zerrissen, den sie schützend vor ihren Kopf hielt, tat er nichts. Wie gelähmt sah er zu, beobachtete, wie sie im Todeskampf ein Messer zog und dem Tiger in die Seite rammte. Wieder und wieder tat sie es, doch so wie die Kraft der Katze schwand, vermochte sie es selbst kaum noch, sich zu wehren und der Tiger grub seine Fänge tief in ihre Schulter und ihren Halsbereich, bevor er aufhörte sich zu bewegen. Zitternd und gurgelnd nach Luft ringend lag Tahira da und der Tiger dicht neben ihr, doch Ijago stand fassungslos wie festgewurzelt da. Selbst als sie ihn in ihren Todesqualen hilfesuchend anblickte, tat er nichts. Sie versuchte ihre Hand zu heben und Worte zu formen, aber es gelang ihr nicht.

„Sssie sstirbt, wenn du nichtss tusst“, säuselte eine Stimme und im Gras entdeckte er eine dunkelgraue lange Viper, die in seine Richtung schlängelte. Die Traumvipern genannten Schlangen waren nicht nur als Sendboten der Geister bekannt, sondern auch äußerst giftig und ihr Biss riss ihren Opfern die Seele aus dem Leib und brachte sie auf die andere Seite. Nur die Druiden vermochten es, sicher zu ihrem Körper zurückzufinden, aber was machte eine solche Schlange ausgerechnet hier?

„Ssso jung, ssso mutig, ssso bald tot“, zischte die Schlange und richtete sich vor ihm auf. „Träge, feige, lebendig, bissst du …“

Fassungslos starrte er die sprechende Traumviper an. „Bin der Meissster dess Ortess hier. Bin ein Geisssst, wie ihr unsss nennt. Ich kann dir helfen, aber allesss hat ssseinen Preisss …“

Es dauerte einige Augenblicke, bis er begriff, dass die Schlange zu ihm sprach. Nie hatte er gehört, dass ein Geist sich jemand anderem als einem Druiden offenbarte, die als einzige den Willen der Geister erfuhren und vermittelten. Ein solch mächtiges Wesen, das über diesen Ort gebot und über Leben und Tod herrschte, stand nun vor ihm und bot seine Hilfe an.

Verzweifelt sah er zu Tahira hinüber und musste sehen, dass sich ihre Brust immer langsamer hob und senkte. Ihr kostbares Blut versickerte im Boden und ihr Leben schwand dahin. „Was ist dein Preis? Was willst du von mir?“

„Nichtsss von dir, von ihr. Kein neuesss Leben wird von ihr geborn’, esss sssoll in ihrem Leib verdorrn’. Ssssie wird nie deine Kinder tragen, nie ssselbssst einesss haben“, zischte die Schlange und fixierte ihn mit ihrem Blick. Wenn der Geist nichts von ihm wollte, sondern der Preis von Tahira gezahlt werden musste, wie nur konnte er darüber entscheiden? „Sssie hat ihr Leben in deine Hände gelegt und esss dir anvertraut. Du darfssst entscheiden.“

Es war ihm, als sähe der Geist in seine Gedanken, aber hatte er wirklich eine Wahl? Sie würde sterben, wenn er nicht einwilligte. „Wir werden dir alles geben, was du verlangst, nur rette sie bitte.“

Die Schlange gab ein zischendes Geräusch von sich, als lache sie bösartig, bevor sie zu Tahira herüberglitt und ihre Fänge in ihre Hand grub. So wie sie es tat, stoppte die Blutung und die Wunden schlossen sich. Die Schlange wandte sich zu ihm um. „Nun nimm dasss Messsser, schneide dasss Herz desss Tigersss herausss. Sssie mussss esss esssen. Ssseine Kraft wird die ihre sssein.“

Unter den wachsamen Augen der aufgerichteten Schlange beugte er sich zum Leichnam des Tigers herab, zog Tahiras Messer aus dem Leib der Bestie und machte sich daran, das Herz herauszuschneiden. Als seine Hände kurz das Herz umfassten, schreckte er zurück, denn es schlug noch immer. „Nimm esss.“

Unsicher blickte er zuerst zu Tahira, die kreidebleich im Gras lag, dann zu dem Herrn dieses Ortes. Die Schlange bewegte sich kein bisschen und nur manchmal fuhr ihre gespaltene Zunge aus ihrem Maul heraus. Er durfte nicht erneut zögern. Es war einzig seine Schuld, dass sie nun dalag, denn weder hatte er auf sie gehört, noch hatte er ihr geholfen. Darum holte Ijago tief Luft, griff erneut in den Leib der Bestie, durchtrennte die Arterien und zog das noch immer in seiner Hand weiterschlagende Herz heraus. „Ssssie mussss esss esssen…“

Ijago wusste nicht, wie Tahira in ihrem jetzigen Zustand essen könnte, dann jedoch kam ihm eine Idee. Er selbst grub seine Zähne in das zähe, sich seinem Angriff widersetzende Herz, riss ein kleines Stück des Fleisches heraus und kaute es klein. Dann beugte er sich zu Tahira herab, hielt ihren Kopf und flößte ihr den vorgekauten Fleischbrei ein. „Schluck das, bitte. Du musst es schlucken.“

Seine Worte klangen verzweifelt und die Welt verschwamm hinter dem Schleier seiner Tränen, die ihm über die Wangen rannen, als es Tahira nicht gelang. Sie drohte in seinen Armen zu sterben, weil er zu stolz gewesen war. „Bitte, so tut doch etwas!“

Der Geist blickte ihn nur ungerührt an und reagierte nicht auf sein Flehen. Endlich schluckte Tahira das wenige Fleisch herunter. Neue Kraft erwachte in ihr und für einen Moment glaubte er in ihren Augen etwas Katzenhaftes schimmern zu sehen. „Tahira?“

Sie reagierte nicht sogleich auf ihn, sondern entriss ihm nur das noch schlagende Herz aus seinen Händen und schlang es hinab, als sei sie am Verhungern. „Tahira, geht es dir gut?“

„Ssssie wird wieder. Lassss sie esssen und ruhen. Nimm dasss Fell desss Tigerss, fertige darausss einen Mantel für sssie und er sssoll ihr eine zweite Haut sssein. Ssolange er bei ihr issst, wird sssie leben …“

Mit diesen Worten verschwand die Schlange im hohen Gras, ließ ihn allein mit Tahira zurück, die nach dem Verzehr des Herzens wieder das Bewusstsein verloren hatte. Er wusste nicht, was er sonst hätte tun können, daher begann er stumm und monoton damit, dem Tiger die Haut abzuziehen, einzig daran denkend, was er noch zu tun hatte. Die Sonne zog über ihn am Himmel hinweg und als fertig war, setzte er sich neben Tahira und wartete. Erst als die Sonne schon versunken war, erwachte sie erneut und blickte sich verwirrt um. „Ijago? Was ist passiert, ich dachte, ich wäre …“

„Das warst du auch fast. Der Tiger hat dich übel erwischt, aber du hast überlebt“, antwortete er hastig und nahm sie in den Arm. „Es tut mir so leid. Es ist alles meine Schuld und es tut mir so leid.“

„Was tut dir leid?“, fragte sie benommen, drückte ihn sanft von sich, kniff die Augen zu und rieb sich mit den Händen durchs Gesicht. „Ich erinnere mich nicht, was passiert ist.“

Als sie ihren vernarbten linken Arm sah, hielt sie inne und fuhr vorsichtig mit der rechten Hand darüber, bevor sie die Stelle, an der der Tiger seine Fänge in ihren Hals gebohrt hatte, betastete. „Was ist das Ijago? Bitte, sag mir, was passiert ist!“

Er war sich selbst nicht einmal sicher, was geschehen war, denn zu vieles war so fern von dem, was er kannte, dass er selbst nicht sicher sagen konnte, dass es wirklich so geschehen war, wenn er zurückblickte. „Ein Waldgeist hat uns geholfen und dich gerettet. Du erinnerst dich an gar nichts mehr?“

„Alles seit heute Morgen ist verschwommen und es ist mir, als wäre ich aus einem Traum erwacht. Zwar weiß ich noch, dass ich gegen einen Tiger gekämpft habe, aber ich weiß nicht mehr warum. Was tun wir hier?“

„Wir wollten einen Mooselch jagen, aber der Tiger hatte ihn bereits erlegt. Es kam zum Kampf und du hast den Tiger bezwungen, aber du wurdest schwer verletzt. Ein mächtiger Geist jedoch hat dir das Leben gerettet und mich angewiesen, aus dem Fell des Tigers einen Mantel für dich zu fertigen“, erzählte Ijago und verschwieg dabei, dass sie seinetwegen nicht zurückgegangen waren, als sie die Spuren der Raubkatze entdeckten. Er schämte sich dafür, dass er sie anlog, aber diese Worte sollten verschwiegen werden. „Ich habe das Fell und ich will tun, was der Geist mir aufgetragen hat, aber dafür müssen wir jetzt gehen.“

„Bist du sicher, dass wir den Mooselch hierlassen sollen?“, fragte Tahira ihn und ließ sich von ihm aufhelfen. Sie war noch etwas unsicher auf den Beinen, daher ergriff sie seinen Arm. „Ja, sollten wir. Er ist ein Tribut an den Geist des Waldes als Dank für seine Hilfe.“

Es war eine wohlklingende Lüge, hatte der Schlangengeist doch keinerlei Interesse an dem Elch gezeigt, aber Ijago konnte nicht auch noch diese Beute für sich beanspruchen. „Wie du meinst, dann lass uns aber lieber schnell gehen, denn dieser Ort ist mir unheimlich und ich habe das Gefühl, als sollten wir hier nicht verweilen.“

Im Dorf verbreitete sich damals die Geschichte ihrer ersten Jagd rasch und schon bald erhielt Tahira ihren Beinamen, doch jener verhängnisvolle Tag war nur der Anfang gewesen. Es war, als forderten die Geister einen weiteren Tribut dafür, dass jene, die hätten tot sein sollen, noch immer unter den Lebenden weilten, denn während Tahiras Vater im selben Herbst bei der Jagd umkam, raffte eine Krankheit im Winter ihre drei jüngeren Schwestern dahin. Als dann noch im nächsten Jahr ihre Mutter und ihr noch namenloser Bruder im Kindbett starben, begann man sie und Ijago für eine lange Zeit zu meiden. Es gab Gerüchte, sie seien verflucht gewesen und stünden mit Dämonen im Bunde, was zwar zum Teil der Wahrheit entsprach, aber Ijago glaubte nicht daran, dass jene Schlange, die ihnen geholfen hatte, hinter all dem Unheil steckte. Dennoch zweifelte er selbst immer wieder, ob es nicht die Ahnen waren, die ihn ob seiner Feigheit straften und er nicht das Unglück in das Haus von Tahiras Familie getragen hatte. Immer wieder hatte er Tahira angeboten, sie und das Dorf zu verlassen, in der Hoffnung, das Unheil würde mit ihm gehen, aber sie hielt ihn fest.

In diesem ersten Jahr mit ihr war er so blind gewesen, geblendet von ihrer Schönheit, ihrer Wildheit und ihrem Willen, dass er dabei verkannte, wie sehr auch Tahira in all ihrer Stärke verletzbar war. Obwohl sie es selten zeigte, hatte der Verlust ihrer Familie tiefe Wunden gerissen und auch jener Tag im Wald hatte mehr als nur sichtbare Narben hinterlassen.

An dem ersten Jahrestag der Begegnung mit dem Tiger legte er vor ihr und sich selbst einen Schwur ab, den er seither erfüllte. Egal was geschehen würde und ganz gleich, wohin Tahira auch ginge, er wiche nicht mehr von ihrer Seite ab und täte alles, was in seiner Macht stand, sie zu unterstützen. Hinter ihrem Rücken tuschelten die Leute über sie beide und flüsterten leise, erdachten sich die wildesten Geschichten über ihr Zusammenleben und ihre Beziehung, aber Ijago war dies alles einerlei. Er liebte sie von ganzem Herzen und jeden Tag, den er an ihrer Seite verbrachte, erinnerten ihre Narben ihn schmerzlich daran, was er ihr alles genommen hatte, daher war es nur fair, wenn er ihr allein sein Leben verschrieb, denn sie hatte es gerettet.

Eines jedoch beunruhigte Ijago, denn mit den Jahren begann Tahira sich mehr und mehr zu verändern, wenngleich diese Änderungen noch niemandem aufzufallen schienen. Nicht nur ihre Sinne waren viel schärfer, als sie es hätten sein dürfen, sie war auch bedeutsam stärker, als sie den Anschein machte. Zwar hatte der Geist gesagt, die Stärke des Tigers ginge auf sie über, allerdings hatte Ijago nicht damit gerechnet, dass es auch so geschähe. Was ihn jedoch wirklich beunruhigte, waren andere Dinge, wie Tahiras mit den Jahren wachsender Drang, sich immer weiter vom Dorf zu entfernen und nach Norden zu ziehen. Zwar konnte er sie bisher davon abhalten, das Dorf zu verlassen und er glaubte auch nicht, dass sie ohne ihn ginge, aber schon jetzt zogen sie auf ihren gemeinsamen Jagden weiter fort als jeder andere Jäger. Zudem hatte er manchmal das Gefühl, dass sie sich veränderte, wenn sie überaus zornig oder erregt war. So manches Mal glaubte er, wenn er mit ihr schlief, nicht in die Augen einer Elfe zu blicken, sondern in die einer Raubkatze und mit seinen Händen meinte er einen feinen Flaum, dem Ansatz eines Felles gleich, zu fühlen.

Ijago mochte sich irren und es waren nur kurze Augenblicke in Momenten, wo er selbst nicht immer klar denken konnte, aber es besorgte ihn. Dem Druiden gegenüber hatte er einige Dinge angedeutet, aber der greise Karjan hatte nicht den geringsten Eindruck gemacht, als wäre er je selbst einem der großen Geister leibhaftig begegnet oder wüsste, was mit Tahira geschah, daher unterließ Ijago es, sich hilfesuchend weiter an ihn zu wenden. So blieb er mit seinen Zweifeln allein und er konnte nicht mehr tun, als zu versuchen, Tahira glücklich zu machen und auf ihrem Weg, wohin er auch führen mochte, zu begleiten.

„Was sitzt du da so gedankenverloren? Machst du dir Sorgen wegen gestern?“

Tahiras Frage riss ihn aus seinen Gedanken zurück in das halbdunkle Haus. Einer Katze gleich streckte sie sich auf ihrer Schlafstätte und warf ihm einen lockenden Blick zu. „Denk nicht immer so viel nach und komm her. Noch haben wir etwas Zeit nur für uns.“

„Nein, jetzt nicht. Wir sollten uns lieber bereit machen, denn wir wollten uns bei Sonnenaufgang am Rand des Dorfes treffen. Und wegen gestern - du hast entschieden, also werden wir gehen“, erwiderte er ruhig und Tahira setzte sich schulterzuckend enttäuscht hin. „Wie du meinst.“

Die Ältesten hatten am vergangenen Abend die Prophezeiung des Druiden verkündet und laut Karjan würde das Land ihrer Ahnen schon bald verdorren. Sie alle müssten eine neue Heimat finden, wenn sie überleben wollten. Viel bedeutender als die vage Vorhersage des Druiden jedoch, an der zumindest er seine Zweifel hatte, war der Plan des Rates der Ältesten, eine Gruppe von Spähern zu entsenden, um den Weg dorthin auszukundschaften. Es wäre ihm einerlei gewesen, wenn irgendjemand freiwillig sich auf eine solch gefährliche Reise gemacht hätte, allerdings fielen Tahiras und sein Name, als die Späher verkündet wurden. Zwar klang es in ihrer Rede vor dem Dorf so, als hätten die Geister selbst sie für diese Aufgabe erwählt, aber wäre er in der Position der Ältesten gewesen, so hätte er vermutlich selbst dieselben Namen genannt.

Fjangal und Tahira waren die besten ihrer Jäger, wohingegen er wohl mitgeschickt wurde, weil er ohnehin nicht von Tahiras Seite weichen würde. Dass die kleine Flusshexe jedoch mitkäme, hätte er nicht erwartet, denn sie war Karjans persönlicher Liebling und dass sie auf eine solch gefährliche Reise entsandt wurde, zeigte, wie ernst dieses Anliegen dem Rat sein musste. Denn sie alle wussten, dass die Suche nach einem geheimnisvollen Land irgendwo im Norden durchaus Opfer fordern könnte.

Nach ihrer Rede hatte der Rat sie zu sich gerufen und sie erstmals gefragt, ob sie überhaupt bereit wären, diese Reise anzutreten. Es war nicht gerecht, diese Frage zu stellen, nachdem man bereits vor dem gesamten Dorf ihre Zustimmung verkündet hatte und es war zumindest Fjangal anzusehen, dass er nur widerwillig seine Familie verlassen würde. Dennoch war er der Erste, der sich ‘zum Wohle aller’ dazu bereit erklärte, die gefährliche Reise auch anzutreten. Ohne zu zögern hatte sich dann auch Tahira angeschlossen und somit blieb ihm keine andere Wahl, als ihr zu folgen, selbst wenn er nicht daran glaubte, dass sie irgendetwas finden würden oder dass das Dorf wirklich in Gefahr war.

„Solltest du dich nicht auch für unser großes Abenteuer bereit machen, anstatt wieder in deinen Gedanken zu versinken?“, fragte Tahira neckisch, während sie ihre wenige Habe in einen ledernen Rucksack stopfte. Sie beide besaßen nicht viel und ihre Hütte war weitestgehend leer, da sie den Großteil des Jahres außerhalb des Dorfes in den Wäldern verbrachten. Was sie auf diese Expedition mitnähmen, unterschied sich somit kaum von ihren langen Streifzügen und er hatte die Zeit nach seinem Aufstehen bereits genutzt, alles Nötige zu packen, daher deutete er auf seinen Rucksack, der neben ihm an der Wand lehnte. „Hab‘ ich schon, also kann ich es mir erlauben, in Gedanken zu versinken.“

„Dann lohnen sie sich hoffentlich“, bemerkte sie und er nickte stumm, während er sie dabei beobachtete, wie sie ihre Habe zusammensuchte. Tahira neigte dazu, sie in ihrem Haus unordentlich zu verstreuen, wann immer sie da waren. Nur ihren Tigerfellmantel hatte sie stets in ihrer Nähe und er war ihr wirklich wie eine zweite Haut, denn einerseits trug sie nie etwas unter ihm, andererseits schmiegte er sich sosehr an ihren Körper, dass Ijago kaum glauben konnte, dass er diesen Mantel gefertigt hatte. „So, nun habe ich alles. Von mir aus können wir jetzt gehen, wenn du willst.“

„Ja“, antwortete er knapp, ergriff ihre ausgestreckte Hand und ließ sich von ihr hochziehen. In ihren Augen loderte ein wildes Feuer und mit jeder Faser ihres Seins schien sie voll Freude der Expedition entgegenzublicken, aber Ijago fürchtete, dass es für sie beide nicht gut ausgehen würde. Irgendetwas sagte ihm, dass Tahira sich zunehmend verändern würde, sollte sie noch weiter nach Norden ziehen, als sie es schon ohnehin taten. Doch er verdrängte er seine Sorgen, ergriff ihre Hand und zog Tahira dicht an sich heran. „Die Ältesten mögen vielleicht sagen, dass die kleine Flusshexe die Wichtigste ist und wir sie, komme was wolle, schützen sollen, aber für mich gibt es nur dich, Tahira.“

Sie legte ihre Hände um seine Hüfte, schmiegte sich an ihn, legte den Kopf auf seine linke Schulter und flüsterte ihm leise ins Ohr. „Ich weiß. Du bist mein und ich bin dein, wo immer unser Weg auch hinführen mag - wir werden zusammen sein. Ich denke, du verstehst es nicht, aber etwas zwingt mich dazu. Ich muss dorthin. Immer, wenn wir zum Jagen in die Wälder im Norden ziehen, dann fühle ich mich so frei und es drängt mich, immer weiter zu laufen und jedes Mal, wenn wir dann umdrehen, um in diese Hütte zurückzukehren, fühle ich mich erneut gefangen. Also bitte vergib mir und mach dir keine Sorgen, denn es wird gut sein.“

Tahira klang unsicher und es war ihm, als beunruhige ihr Drang stets weiter nach Norden zu ziehen sie selbst ebenso wie ihn. Als sie sich ein wenig von ihm löste und er sie anblickte, sah sie so verwundbar aus, dass er sie nur widerwillig freigab. Es gab nur wenige Augenblicke wie diese, aber er kannte Tahira lange genug, um zu wissen, dass auch ihre Stärke Grenzen hatte, selbst wenn sie versuchte, ihre Verletzlichkeit zu verbergen. Umso mehr ärgerte es ihn, dass ausgerechnet sie, die doch schon so viel verloren hatte, auch die Last für das Dorf tragen sollte. Die Entscheidung war jedoch bereits getroffen und nichts, was er hätte tun oder sagen können, würde jetzt noch etwas daran ändern. „Ganz gleich was kommen mag, ich werde bei dir sein. Bis ans bittere Ende.“

„Sehr pathetisch. Da bin ich aber froh, dass du da bist“, erwiderte sie mit einem Lächeln auf den Lippen, tänzelte einige Schritte weg von ihm und schwang sich den Rucksack über die Schulter. „Dann komm, mein hehrer Beschützer, wir wollen doch nicht die Letzten sein, oder?“

„Nein, werden wir auch nicht“, stellte er klar, nahm sich seinerseits sein Gepäck, ging zur Tür hinüber und wandte sich, nachdem er sich hineingestellt hatte, zu Tahira um. „Wollen wir sehen, wer von uns zuerst da ist? Oh, vergiss nicht, die Tür zu schließen!“

Aus dem Augenwinkel noch sah er ihr überraschtes Gesicht, bevor er hinter sich die Tür zufallen hörte und sie ihm hinterhersprintete. Sie liebte die Herausforderung und den Wettstreit, aber er konnte sich kaum mit ihr messen, daher genehmigte er sich einen kleinen Vorsprung. Während er zum nördlichen Waldrand über den festgetretenen Pfad rannte, verabschiedete er sich innerlich vom Dorf. Sein Gefühl sagte ihm, dass er nicht wieder zurückkehren würde, doch wenn er ehrlich war, so war dieser Ort schon lange nicht mehr seine Heimat, denn weder hatte er noch viel Kontakt mit seiner eigenen Familie, die einfach nicht verstehen wollte, warum er bei Tahira blieb, noch verbrachte er viel Zeit hier. Vielleicht mochte Tahira Recht behalten und es wäre gut, wenn sie fortzögen, in der Ferne ihr Glück zu suchen. Sollte dieses versprochene Land wirklich existieren und sie eine sichere Passage dorthin finden, so kämen Fjangal und die kleine Wasserhexe auch gut ohne sie zurück.

Außer Atem erreichte er den Dorfrand, dicht gefolgt von Tahira. Karjan und Lilith warteten dort bereits. Während Karjan barfuß und nur in schlichten Gewändern am Wegesrand stand, war seine Schülerin mehr als gut für diese Reise gerüstet. Neben ihrer robusten Reisekleidung war ihr Rucksack derart prall gefüllt, dass Ijago sich fragte, ob sie ihren gesamten Besitz versuchte mitzunehmen. Seltsamerweise hielt sie den Schlangenstab in Händen, den Karjan bei manchen seiner Rituale trug und dessen Schlangenkopf an der Spitze ihn an den Geist von damals erinnerte.

„Jagt eure Geliebte euch aus ihrem Haus oder weshalb veranstaltet ihr ein solches Spektakel?“, wollte Karjan von ihm wissen. Der Druide bedachte sie mit mahnenden Blicken und Lilith tat es ihm gleich, als hätten Tahira und er etwas Unangemessenes getan. „Die Augen des ganzen Dorfes sind auf uns gerichtet und ihr tollt wie wilde Tiere herum, während unser aller Leben in Gefahr ist. Ihr solltet euch eurer Aufgabe angemessen verhalten, denn ihr seid hier nicht auf einer eurer Jagden.“

Bis auf einige wenige, die bereits mit der Sonne aus ihren Häusern hervorkamen, war niemand im Dorf gewesen und selbst jene, die sie gesehen hatten, winkten ihnen eher zum Abschied, als dass sie sich an ihrem Verhalten störten.

„Nur ein kleiner Wettstreit, zu sehen, wer schneller ist, aber Ijago schummelt dabei immer, weil er weiß, dass ich sonst schneller bin“, entgegnete Tahira noch etwas außer Atem und stieß Ijago mit dem Ellenbogen in die Seite. „Nicht wahr?“

„Ja, bist du“, gestand er und wandte den Blick zu Karjan, der sie missmutig ansah. „Wir schaden niemandem und noch ist Fjangal nicht da.“

Die kleine Flusshexe, die ihren Stab so sacht in Händen hielt, als fürchte sie, er können jeden Moment zerbrechen, schien etwas sagen zu wollen, doch Karjan schüttelte nur den Kopf, woraufhin sie weiter schwieg. Tahira jedoch fixierte sie mit ihrem Blick und sah sie fordernd an. „Wenn du etwas sagen willst, spuck’s aus.“

„Nichts, ich wollte nichts sagen“, erklärte Lilith und wich Tahiras Blick aus. Sie verstand sich nicht allzu gut mit seiner Gefährtin und Ijago zweifelte daran, dass die kleine Flusshexe eine hohe Meinung von ihm hatte. Allerdings war er sich nicht sicher, ob es außer Karjan und vielleicht noch den Ältesten überhaupt jemanden gab, den Lilith schätzte. Denn wie auch ihr Lehrmeister war sie in allen Gesprächen distanziert und hielt sich im Allgemeinen ebenso aus den Spielereien der Jungen heraus wie auch aus den Feiern des Dorfes, denen sie fernblieb. Vermutlich lag es daran, dass sie fast ihre gesamte Zeit mit ihrem Meister verbrachte und von ihm nicht nur lernte, ihre seltsame Gabe zu nutzen, Rituale und Bräuche auszuüben, sondern auch Karjans persönliche Sicht auf die Dinge übernahm.

„Na dann. Ich sag’s dir also lieber jetzt, bevor wir losgehen. Wenn du etwas willst, dann sag es. Wenn du ein Problem hast, schweig nicht“, belehrte Tahira die junge Druidin kopfschüttelnd, bevor sie sich an Ijago wandte und trocken noch hinzufügte: „Das wird eine interessante Reise werden.“

„Mir wäre es lieber, wenn sie nicht interessant wäre, sondern sicher und ohne Zwischenfälle“, rief ihnen Fjangal zu, der ihr Gespräch gehört haben musste, während er auf sie zukam. „Verzeiht, dass ich zu spät bin, aber ich musste mich verabschieden.“

Der erfahrene Jäger war kräftig gebaut und etwas kleiner als die meisten anderen Elfen, sodass Ijago ihn um fast eine Kopflänge überragte. Er hatte dunkles, gekräuseltes kurzes Haar, ein wettergegerbtes Gesicht, in das sich die ersten Falten eingruben, sowie eine überaus ruhige Ausstrahlung. Bis jetzt hatte er seinen Ruf als der beste Jäger des Dorfes nicht verloren, wenngleich Tahira sich alle Mühe gab, ihm den Rang abzulaufen. Wie auch Ijago und Tahira es vorzogen, unter sich zu bleiben, neigte Fjangal dazu, allein auf die Jagd zu gehen, allerdings unterschied sich seine Art der Jagd doch sehr von der ihren. Es hieß, er würde seine Beute auswählen und ausdauernd teils über Tage hinweg beobachten und dann, wenn seine Chance gekommen war, zur Strecke bringen. Seiner Geduld war es wohl auch zu verdanken, dass er trotz teils gefährlicher Jagden stets unverletzt zurück ins Dorf kam. Warum er es vorzog, allein zu jagen, würde wohl sein Geheimnis bleiben. Vielleicht schätzte er die Ruhe der Einsamkeit, war er doch selbst ein Mann weniger Worte, der gern anderen das Reden überließ und lieber schweigend im Hintergrund stand.

„Ihr seid nicht zu spät, Fjangal“, begann Karjan und sah in die Runde der Anwesenden. „Nun, wo ihr alle hier seid, lasst mich noch einige Worte an euch richten, bevor ihr diese beschwerliche Reise antretet.“

Bevor er mit seiner Abschiedsrede begann, hielt er noch kurz inne, richtete seinen Blick auf Lilith und seufzte. „Ich weiß, es wird eine gefährliche Reise werden und ich kann euch nicht oftmals genug danken, dass ihr euch bereit erklärt habt, sie anzutreten.“

Ijago musste sich beherrschen, nicht missmutig seine Miene zu verziehen ob Karjans Worten, hatten sie doch keine wirkliche Wahl gehabt.

„Ihr seid die Besten unseres Dorfes und wenn es euch nicht gelingt, jenes versprochene Land zu finden, so sind wir alle wahrhaftig verloren. Ihr mögt einander noch nicht gut kennen und vielleicht zweifeln, ob ihr euch einander euer Leben anvertrauen könnt, aber ich bitte euch, dass ihr keine Zweifel und Zwietracht zwischen euch entstehen lasst. Helft einander, denn nur gemeinsam könnt ihr diese Prüfung bestehen.“

Dass sein Blick während seiner Worte auf ihm und Tahira lag, ärgerte ihn ein wenig, aber Karjan wusste wohl darum, dass seine Schülerin mit Tahiras Art ihre Probleme haben würde. Die beiden waren einfach zu verschieden, als dass sie sich verstehen könnten, lebten sie doch in unterschiedlichen Welten. Während seine Gefährtin dazu neigte, stets das zu tun, was sie wollte und recht deutlich kundgab, was sie dachte, war Lilith wie ein dunkler, tiefer Fluss, der ruhig und still dahinfloss. Sie war zurückhaltend und teilte selten ihre Gedanken mit.

„Zuletzt hätte ich noch eine Bitte an euch drei Jäger. Gebt Acht auf Lilith, denn sie ist nicht nur die Jüngste von euch, sondern auch die Einzige, die den Willen der Geister zu deuten vermag und die letzte Druidin unseres Dorfes. Auf eurem Weg wird sie euch leiten, aber in all ihrem Wissen um die Geheimnisse der anderen Seite wäre sie ohne eure Hilfe in der Wildnis verloren, so wie ihr es ohne ihre Kenntnisse wärt. Stellt sicher, dass ihr nichts geschehen wird, auf dass unser Dorf auch nach eurer Rückkehr, wenn meine Zeit endet, einen Druiden hat, der sich um das Wohlergehen aller sorgt.“

Ob der Worte ihres Lehrmeisters, der ihnen bereits am vergangenen Abend eingeschärft hatte, dass Lilith nichts geschehen dürfte, blickte die kleine Flusshexe zu Boden auf die Spitzen ihrer Schuhe. Der Gedanke, dass sie alle ihr Leben für sie geben sollten, wäre sie in Gefahr, schien ihr nicht zu behagen, was hoffentlich dazu führte, dass Lilith jedwede Gefahr mied und die Führung ihrer Reise besser Fjangal oder Tahira überließ. Allerdings hatte Ijago seine Zweifel daran, dass sie nicht früher oder später genug Selbstvertrauen fand, um ihre Gruppe zu führen und dabei etwas von Zeichen der Geister oder dergleichen zu faseln. Sie und Karjan mochten seltsame Fähigkeiten aufweisen und mit ihren Ritualen Krankheiten und Wunden heilen können, aber er glaubte nicht, dass sie wirklich mit Geistern sprechen konnten. Warum sonst hätte Karjan ihn so ratlos angestarrt, als er sich wegen Tahiras Veränderungen hilfesuchend an ihn gewandte hatte.

„Ich gebe euch mein Wort, Karjan, dass ich eure Schülerin sicher nach Hause geleiten werde“, versicherte Fjangal dem alten Druiden und wandte sich an Lilith. „Ein Land zu finden, von dessen Existenz niemand gewusst hat und das irgendwo in der Ferne liegt, ist nichts, was ich zu erreichen vermag, doch wo ich versage, wirst du uns führen. Sei unbesorgt, Lilith, ich werde dich mit all meiner Kraft beschützen, nur verspreche mir, dass du uns mit der Hilfe der Geister zu jenem Land führst.“

Ob sie dieses Versprechen einhalten könnte, das würde sich zeigen und vielleicht mochte sich Ijago auch täuschen, aber vorerst traute er Liliths Fähigkeit mit den Geistern zu sprechen nicht. Fjangal hingegen hatte keine Zweifel an Karjans Worten oder denen seiner Schülerin und er würde vermutlich jeden noch so gefährlichen Weg einschlagen, sofern Lilith nur behauptete, sie habe die Zeichen der Geister gesehen. Ihm jedoch wäre es gleich, denn er folgte einzig Tahira und wenn seine Gefährtin entschied, dass sie denselben Pfad wie Lilith gehen sollten, so würde er es tun. Sollten sich ihre Wege jedoch trennen, so hatte er seine Wahl schon jetzt getroffen, wenngleich er dies auch niemals gegenüber Fjangal oder Lilith aussprechen würde.

„Ich glaube die Geister prüfen uns, aber ich werde mein Bestes geben, ihre Zeichen zu deuten und so die Ahnen wachend ihre Hand über uns halten, werden wir eine neue Heimat für uns finden“, versprach Lilith nach einer kurzen Pause und Fjangal nickte scheinbar zufrieden mit ihrer sehr vagen Antwort. Mit einem Anflug neu gefassten Mutes wandte sich Lilith dann auch an Tahira, obwohl ihr anzusehen war, dass seine Gefährtin ihr unheimlich war. „Ich weiß, dass wir nicht immer einander gut verstehen, aber ich will, dass du mich respektierst. Wir werden zusammenarbeiten müssen, daher will ich dir vertrauen und mich auf dich verlassen können, daher frage ich dich jetzt, kann ich das?“

Tahira musterte die Druidin, die nunmehr ihren Stab fest umklammerte, als gäbe er ihr Kraft und Halt, bevor sie mit einem amüsierten Ausdruck im Gesicht nickte. „Aber natürlich. Sag einfach, was du willst und wir werden sicherlich gut miteinander auskommen.“

„Ich sehe, ihr seid zu einer Art gegenseitigem Verständnis gekommen. Gut“, befand Karjan und wirkte zufrieden. „Fjangal, ich vertraue darauf, dass ihr als ältester und erfahrenster Jäger die Verantwortung für das Miteinander in der Gruppe übernehmt. Es mag sicherlich Zeiten geben, da ihr vier, die ihr doch so unterschiedlich seid, glaubt, einander nicht ertragen zu können, aber vergesst niemals, welche Verantwortung auf euren Schultern ruht. Nun denn, mit diesen letzten Worten will ich mich von euch verabschieden und bitte die Geister über euren Weg zu wachen, auf dass ihr das versprochene Land findet und wohlbehalten zu uns zurückkehren werdet.“

Bevor er ging, flüsterte er Lilith noch etwas zu, dann verneigte er sich und schritt geruhsam den Weg zurück ins Dorf. Eine Weile noch blickten sie ihm schweigend hinterher, bevor Tahira das Wort ergriff. „Der alte Druide ist fort und unser Ziel steht fest. Stets nach Norden hin zum Land, von dem die Geister sprachen. Bleibt nur die Frage nach dem Weg, den wir einschlagen werden.“

Ihr Blick richtete sich dabei auf Fjangal, der in diesen Wäldern nahe ihres Dorfes besonders häufig unterwegs war. „Ich schlage vor, dass wir zuerst zu Jägers Rast reisen und von dort aus weiter zum schlafenden Wächter. Von da an musst du uns führen, Tiger, denn weiter war ich nie vom Dorf entfernt, aber deine Neugierde hat dich sicherlich weitergetrieben, oder?“

Jägers Rast war eine hundert Schritt im Durchmesser große Lichtung, in deren Mitte auf einem kleinen Hügel eine uralte Buche Schatten spendete. Der Ort war gut zu überblicken, weshalb die Jäger, die in die Wälder zogen, oftmals dort ihr Nachtlager aufschlugen. Der schlafende Wächter hingegen war ein Wegpunkt, ein gewaltiger Fels, in den von irgendjemandem Runen eingeschlagen worden waren, deren Bedeutungen nicht mehr bekannt waren. Der Fels und die Runen waren schon seit Elfengedenken dort und die Druiden sagten, es handle sich um ein altes Heiligtum, die Ruhestätte eines alten Geistes.

„Von mir aus können wir diesen Weg einschlagen. Nach dem schlafenden Wächter erwarten uns dichte Wälder und einige kleinere Moore, aber da es in diesem Jahr nicht allzu viel geregnet hat, sollten wir dort ohne weiteres hindurchreisen können. Danach, vielleicht vier Tagesmärsche hinter dem schlafenden Wächter jedoch liegt ein reißender Strom, der den Weg versperrt.“

Das letzte Mal, dass sie sich so weit vom Dorf entfernt hatten, war im Herbst des vergangenen Jahres gewesen und Ijago hatte dem Fluss dafür gedankt, dass er unüberwindbar erschien, denn sonst wäre Tahira vermutlich noch weitergezogen und nur widerwillig war sie damals überhaupt ins Dorf zurückgekehrt.

„Vielleicht mag der Fluss in diesem Jahr wenig Wasser führen, dann könnte er passierbar sein, andernfalls werden wir wohl an seinen Ufern entlangreisen und eine Furt suchen müssen. Das Land hinter dem Fluss haben jedoch nicht einmal Ijago und ich gesehen, daher werden wir wohl die Geister um Rat bitten müssen.“

Lilith nickte stumm, als Tahira sich an sie wandte. Eine Furt zu finden würde vielleicht Tage oder Wochen benötigen und allein um den Fluss zu erreichen, wären sie fast anderthalb Wochen unterwegs, wenn Ijago berücksichtigte, dass Lilith wohl nicht in derselben Geschwindigkeit wie er und Tahira zu reisen pflegte.

„Dann geht voran, Tiger“, erklärte Fjangal ruhig.

Als sie losgingen, wandte sich Tahira an Ijago und flüsterte ihm zu: „Lass uns gehen, weiter als je zuvor, stets nach Norden.“

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