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Versprechen in tiefblauen Augen

1. KAPITEL

Das Leben ist wie Eiscreme: Man muss es häppchenweise genießen.

 Rosies Tagebuch

„Lovage Amery?“

Wenn es jemals einen Moment gegeben hat, in dem ich besser mein Spiegelbild hätte kontrollieren sollen, ehe ich die Tür öffne, dann ist es dieser hier, entschied Elle, als es an der Tür klingelte.

Sie steckte grade bis zu den Ellbogen im Putzeimer, mit Gummihandschuhen an den Händen, einem von der Arbeit geröteten, verschwitzen Gesicht und unordentlichen Strähnen, die sich aus ihrem Zopf lösten. Während alle anderen sich irgendwo herumtrieben, hatte sie den Tag damit verbracht, die Hausarbeit zu erledigen, was jetzt darin gipfelte, den Küchenboden zu wischen.

Es war das reinste Aschenputteltraining.

Sie konnte sich keine Mitgliedschaft im Fitnessstudio leisten, aber Hausarbeit, wie sie es auch immer ihren Schwestern nahelegte, war sowieso weit effektiver als jedes Laufband. Natürlich hatte dieses Argument nie dazu geführt, dass sie sich an der Arbeit beteiligten.

Die Glücklichen.

In jedem durchschwitzten Trainingsanzug würde man besser aussehen als sie in ihrem Putzoutfit. Sie trug eine um ihre Beine schlotternde Jeans und ein uraltes Hemd mit Sechziger-Jahre-Muster, das ein ebenso betagter Schal um ihre Taille hielt.

Normalerweise hätte ihr das nichts ausgemacht, zudem der Mann an der Tür sich auch nicht besonders herausgeputzt hatte. Sein dichtes dunkles Haar stand zu allen Seiten ab, als wäre er eben aus dem Bett gekrochen, und die dunklen Stoppeln an seinem Kinn sahen eher nach einer Abneigung aus, sich an arbeitsfreien Samstagen zu rasieren, als nach einem bewusst stehen gelassenen Dreitagebart.

Genau wie sie trug er alte Jeans. Allerdings übertrifft er mich noch durch sein T-Shirt, dachte Elle. Das hätte längst den Weg in die Tonne gefunden haben müssen. Der Unterschied war nur: Bei ihm sah es so gut aus, dass ihr der Mund wässrig wurde. So gut, dass sie nicht einmal bemerkte, dass er sie mit einem Namen ansprach, den sie schon seit dem Kindergarten lieber für sich behielt.

„Lovage Amery?“, wiederholte er nun.

Schnell zog sie die Handschuhe aus und warf sie sich achtlos über die Schulter.

„Und wer sind Sie?“

Ihre Hormone mochten alle Vorsicht in den Wind schlagen – schließlich waren es Amery-Hormone – aber Elle würde nicht zulassen, dass sie für ein kleines Abenteuer mit ihr durchgingen.

„Sean McElroy.“

Die Stimme passte zu seiner Erscheinung. Tief, sexy, sanft, wie irischer Nebel. Als er ihr die Hand reichte, hüpften ihre Hormone herum wie kleine Welpen an einem Tor, aus dem sie hinauswollten, um sich auf ihn zu stürzen. Oje, was für ein Vergleich, dachte Elle.

Seine Hand war kühl, ein bisschen rau und beruhigend groß. Ohne nachzudenken, sagte sie: „Wie geht’s?“ In einem Tonfall, der dem ihrer Großmutter gefährlich ähnlich war, wenn die einen gut aussehenden Mann traf. Ein bisschen atemlos, was nie Gutes verhieß.

„Danke, gut“, erwidert er. Sein Lächeln zauberte kleine Fältchen um seine hypnotisierend blauen Augen und ließ sie ganz und gar vergessen, wie sie aussah … ihr Haar, das fehlende Make-up, die nassen Hosenbeine.

Elle hatte schon geglaubt, sie besäße dieses typische Gen nicht, das alle Amery-Frauen zu Wachs werden ließ, sobald sie einem gut aussehenden Mann begegneten.

Jetzt musste sie feststellen, dass sie sich nur etwas vorgemacht hatte.

Anscheinend war sie bisher nur aus einem einzigen Grund davon verschont geblieben – offenbar dem, dass sie bisher keinen Mann mit derart intensiv blauen Augen getroffen hatte.

Mit Schultern so breit, dass er die Last der ganzen Welt darauf tragen konnte, und so groß, dass sie sich neben ihm nicht lächerlich vorkam. Denn seit sie im Alter von zwölf einen Wachstumsschub gehabt hatte, haderte sie mit ihrer Größe. Ein Mann mit einer Stimme, die ihr durch und durch ging.

Er verkörperte ganz den lässigen, unbekümmerten Bad-Boy der fahrenden Zunft, der Männer, die seit Jahrzehnten schon in der ersten Juniwoche mit dem Jahrmarkt in den Ort kamen, ein paar Tage später wieder verschwanden und eine ganze Reihe gebrochener Herzen und gelegentlich ein paar vaterlose Kinder zurückließen.

Also Ärger.

Wie sie da wie angewachsen stand, seine Hand immer noch in ihrer, hätte es nur noch die passende Kirmesmusik gebraucht, und sie wäre Walzer tanzend auf einer rosaroten Wolke davongewirbelt, ohne auch nur nachzudenken.

Doch allein der Gedanke daran brachte sie ruckartig zurück in die Realität. Sie ließ seine Hand los und wich einen kleinen Schritt zurück.

„Was wollen Sie, Mr McElroy?“

Bei diesem plötzlichen Wandel von einer fast schwärmerischen Begrüßung zu abweisender Aggression hob er leicht die Augenbrauen.

„Ich habe eine Lieferung für Lovage Amery.“

Oh nein …

Mit einem kräftigen Bums landete sie endgültig wieder auf dem Erdboden.

Sie hatte nichts bestellt – sie konnte sich auch gar nichts leisten, das angeliefert werden musste – aber sie hatte eine Großmutter, die in ihrer eigenen Fantasiewelt lebte. Und die hieß ebenfalls Lovage.

Aber all die Fragen über das Was oder Wie viel verflüchtigten sich, als sein Lächeln breiter wurde und Teile in ihr berührte, die ein herkömmliches Lächeln niemals erreichte. Als da waren ihr Puls, ihre Knie, irgendein Punkt direkt unterhalb ihres Bauchs …

„Wenn Sie das annehmen würden …“

Sie senkte den Blick und sah auf einen großen braunen Umschlag in seinen Händen.

Das letzte Mal, als sie so einen bekommen hatte, auf dem Lovage Amery stand, hatte sie ihn einfach lächelnd angenommen.

Damals war sie noch jünger gewesen, kurz davor, aufs College zu gehen, ihre Zukunft zu beginnen, und hatte nicht damit gerechnet, dass das Leben ihr einen weiteren Schlag mitten ins Gesicht verpasste.

„Was ist das?“, fragte sie, bereute es, ihre Handschuhe ausgezogen zu haben. Bereute es, überhaupt die Tür geöffnet zu haben.

„Rosie“, sagte er, als würde das alles erklären. „Erwarten Sie sie schon?“

Sie musste genauso ahnungslos aussehen, wie sie sich fühlte, denn er drehte sich halb um und deutete mit dem Umschlag neben das Haus.

Sie lehnte sich so weit vor, bis sie die Vorderseite eines großen rosa-weißen Lieferwagens sah, der vor ihrer Garage geparkt war.

Missmutig musterte sie ihn und erwartete, dass irgendein verwahrloster Hund seinen Kopf aus einem der Fenster steckte. Dabei hatte sie ihrer Schwester doch verboten, weitere Streuner aus dem Tierheim mitzubringen, nachdem der letzte nicht nur ihre Herzen gebrochen, sondern auch ihren Kontostand ruiniert hatte.

„Wo ist sie?“, fragte sie, dann wurde ihr bewusst, dass das praktisch wie eine Zustimmung klang. „Nein, egal, was Geli gesagt hat, ich kann auf keinen Fall wieder einen Hund aufnehmen. Die Tierarztrechnungen vom letzten …“

„Rosie ist kein Hund“, sagte er, jetzt seinerseits verwirrt. „Das da ist Rosie.“

Jetzt erst entdeckte sie das Bild eines Eisbechers an der Seite des Wagens und die kleinen künstlichen Eishörnchen auf dem Dach, und plötzlich ging ihr auf, was sie sich da ansah.

„Rosie ist ein Eiswagen?“

„Gratulation.“

Wieder runzelte sie die Stirn. Gratulation? Hatte sie das Ding etwa in einem der Preisausschreiben gewonnen, an denen sie aus lauter Verzweiflung teilgenommen hatte, als die Waschmaschine kaputt gegangen war und kurz darauf auch noch die Stromrechnung ins Haus flatterte?

Wohl kaum.

Auch ohne sich groß mit Autos auszukennen, konnte sie sehen, dass Rosie aus dem vergangenen Jahrhundert stammte.

Sie besaß bereits ein uraltes Auto, das, wegen einer ellenlangen Mängelliste, nicht mehr durch den letzten TÜV gekommen war; sie brauchte nicht noch mehr Schrott.

„Gratulation?“, wiederholte sie.

„Sie haben den Sehtest bestanden“, scherzte er.

„Ein sehr alter Eiswagen“, merkte sie an. Sie gab ihr Bestes, sein breites Grinsen zu ignorieren und das verwaschene schwarze T-Shirt, das sich über seine verführerisch breiten Schultern spannte, und versuchte stattdessen herauszufinden, was hier vor sich ging.

„Genaugenommen ist sie Originalbaujahr 1962, also schon ein echt antikes Schätzchen“, sagte er, ohne dabei irgendwie entschuldigend zu klingen, sondern eher so, als wäre das etwas Tolles.

„Neunzehnhundertzweiundsechzig!“ Das übertraf das alte Wrack in der Garage, das vom Fließband gekommen war, als sie noch die Grundschule besucht hatte, um glatte dreißig Jahre, ein Jungspund also im Vergleich zu Rosie. Die hatte die Straße erobert, als ihre Großmutter selbst noch in der Schule gewesen war.

„Das alte Mädchen ist ein Klassiker“, bekräftigte Sean. „Sie ist der ganze Stolz Ihres Großonkels Basil, aber jetzt braucht sie ein gutes Zuhause.“ Um seine Worte noch zu betonen, warf er einen Blick ins Haus.

Zumindest schreckte er nicht gleich sichtbar zurück, denn der Flur brauchte dringend einen neuen Anstrich und war vollgestopft mit Schuhen, Jacken und dem ganzen anderen Krempel, von dem Teenager dachten, er gehörte auf den Boden.

„Ein Klassiker“, wiederholte sie scharf. „Tja, dann würde sie sicher bestens hierher passen. Da gibt es nur ein kleines Problem.“

Mehr als eins, wenn sie ehrlich war. Zwar bräuchte sie dringend ein neues Transportmittel, aber sie war nicht bereit, eins zu nehmen, das zu wenig Sitze hatte und zu viel Benzin schluckte.

„Nämlich?“, fragte er nach.

Sie belästigte ihn nicht mit ihrer finanziellen Lage, sondern hielt es simpel.

„Ich habe keinen Großonkel Basil.“

Endlich runzelte auch er die Stirn. Es änderte nichts an seiner Attraktivität, ließ ihn nur nachdenklich aussehen. Und noch begehrenswerter.

„Aber Sie sind Lovage Amery, richtig?“, fragte er, als ihm aufging, dass sie es zwar nicht verneint, aber auch nicht bestätigt hatte. „Und das hier ist Gable End, The Common, Longbourne.“

Sie zögerte, Name und Adresse zu bestätigen, doch er schaute zurück zu dem großen hölzernen Tor, das, solange sie denken konnte, immer weit offenstand. Das Wort ‚Gable End‘ war kaum noch zu lesen, die Buchstaben waren völlig verwittert, aber leugnen konnte man es nicht.

„Da muss ein Irrtum vorliegen“, sagte sie, beinahe überzeugt. Aber nur beinahe. Ihre Großmutter könnte jemanden kennen, der Basil hieß und der seinen Eiswagen irgendwo abstellen musste. Aber er war nicht ihr Onkel, weder Groß-, noch sonstiger Onkel. Und selbst wenn sie gewollt hätte – und sie wollte nicht –, sie hatte keine Zeit, auch noch Runden mit einem Eiswagen zu fahren. „Nehmen Sie ihn bitte wieder mit.“

„Das werde ich.“ Ihr erleichtertes Lächeln kam etwas zu früh. „Wenn Sie mir helfen würden, Licht ins Dunkel zu bringen.“

„Es wird irgendetwas durcheinandergebracht worden sein“, vermutete sie. „Klären Sie das doch mit Basil.“

„Das ist kein gewöhnlicher Name. Lovage, wie ‚Liebstöckel‘“, meinte er, ihren Vorschlag ignorierend.

„Aus gutem Grund“, murmelte sie.

Unbewusst warf sie einen Blick auf seine Hand, auf der Suche nach einem Ehering. Er trug keinen, aber das musste nichts heißen. Ziemlich unwahrscheinlich, dass ein derart attraktiver Mann ungebunden war.

Doch selbst wenn, sie war es nicht. Sie war sogar ganz gewaltig gebunden, an jede Menge Dinge, für die sie die Verantwortung trug.

Zwei Schwestern, die noch in der Ausbildung waren, eine Großmutter, die in ihrer eigenen Welt lebte, und ein Haus, das jeden Penny schluckte, den sie in einem chancenlosen Job verdiente, um sie alle über die Runden zu bringen.

Er hob eine Augenbraue. „Mögen Sie ihn nicht?“

„Nein … ja …“ Es war nicht so, dass sie ihren Namen nicht mochte. „Leider ruft er in allen Männern den infantilen Jungen hervor, egal, wie alt sie sind.“

„Männer können sich selbst die schlimmsten Feinde sein“, gab er zu, dann sagte er es noch einmal: „Lovage …“

Wie er den Namen aussprach, ihn auf der Zunge zergehen ließ und ihm einen so erwachsenen, sanften Klang gab … Er musste gar nicht lächeln, damit sie weiche Knie bekam.

Halt suchend griff sie nach der Tür.

„Alles in Ordnung?“

„Bestens“, erwiderte sie barsch. Sie sollte sich langsam wieder einkriegen.

Der Kerl versuchte, ihr einen Berg uralten Schrott anzudrehen, wobei er so mühelos flirtete, wie er atmete. Und sie ließ sich gerade einwickeln.

„Ist das dann alles?“, fragte sie.

„Nein, halt!“

Sie zögerte eine Sekunde zu lang.

„Richtiger Name. Häkchen. Richtige Adresse. Häkchen …“

„Lästiger Mann. Häkchen“, entgegnete sie bissig, fest entschlossen, das hier sofort zu beenden. Was immer das hier auch genau war.

„Da mögen Sie recht haben“, stimmte er ihr mehr amüsiert als verärgert zu. „Aber auch wenn Sie Ihren Großonkel Basil nicht kennen, werden Sie wohl akzeptieren müssen, dass er Sie kennt.“ Er sah auf den Umschlag in seiner Hand, dann zu Elle auf. „Sind in Ihrer Familie alle nach Gartenkräutern benannt?“

Sie öffnete den Mund, entschied dann aber, sich nicht darauf einzulassen, und sagte stattdessen: „Sagen Sie, Mr McElroy, fährt sie … er?“ Sie korrigierte sich, um nicht das Gefühl zu vermitteln, sie würde den Eiswagen für irgendetwas anderes als ein lebloses Ding halten.

„Ich bin mit ihr hergefahren“, antwortete er mit einem umwerfend verführerischen Lächeln. „Wenn Sie wollen, machen wir eine Rundfahrt, und ich erkläre Ihnen ihre kleinen Macken“, fuhr er fort, ehe sie ihm sagen konnte, dass er ja dann mit ihr … ihm wieder nach Hause fahren könne. „Sie ist eine liebenswerte alte Lady, aber sie hat ihre Launen.“

„Oh, alles klar. Sie wollen mir erzählen, sie ist ein schrulliger alter Eiswagen?“

„Das klingt ein bisschen harsch.“ Er lehnte sich gegen den Türrahmen, völlig entspannt, ohne zu bemerken, dass ihm Blütenblätter von der Rosenranke über seinem Kopf auf das dunkle Haar und seine breiten Schultern rieselten. „Sollten wir nicht lieber sagen, sie ist ein alter Eiswagen mit eigenem Charakter?“

„Sollten wir nicht“, erwiderte sie, in dem Versuch, ihre Zunge wieder in den Griff zu bekommen. Ebenso ihre Hormone, ihre Sinne, die sie allesamt dazu drängten, all ihre Probleme zu vergessen, die Vorsicht in den Wind zu schlagen und einmal in ihrem Leben Ja anstatt Nein zu sagen. „Es tut mir leid, Mr McElroy …“

„Sean …“

„Es tut mir Leid, Mr McElroy“, beharrte sie unbeirrt, „aber meine Mutter hat mir verboten, mit Fremden mitzufahren.“

Ein klarer Fall von ‚tu, was ich dir sage‘, anstatt ‚tu, was ich auch tue‘. Ihre Mutter hätte unter den gleichen Umständen wohl kaum gezögert. Sie hätte sich einfach in das Abenteuer gestürzt und in der Nachbarschaft für einen weiteren Skandal gesorgt.

Aber so hinreißend Sean McElroy auch war, sie würde nicht den gleichen Fehler machen wie ihre Mutter. Und während er sich noch mit der Tatsache herumschlug, dass sie ihm gerade einen Korb gegeben hatte, trat sie einen großen Schritt zurück und machte die Tür zu. Dann legte sie auch noch die Sicherheitskette vor. Ob es ihn am Herein- oder sie am Hinauskommen hindern sollte, konnte sie selbst nicht sagen.

Er bewegte sich nicht. Sie konnte seine Silhouette hinter dem bunten Türglas deutlich sehen. Als ihr bewusst wurde, dass er sie vielleicht ebenso, wie an Ort und Stelle festgenagelt, sehen konnte, rettete sie sich in die Küche.

Dann würde die heute eben noch einmal geschrubbt. Wieder begann sie, den Boden zu wischen, mit noch mehr Elan als zuvor, und wartete mit heftig klopfendem Puls darauf, dass es erneut an der Tür klingelte.

Tat es aber nicht.

Sie schwankte zwischen Reue und Erleichterung. Es war ein herrlicher Maitag, und der Gedanke an eine Rundfahrt im Eiswagen mit einem gut aussehenden Mann rief alles Junge und Ungestüme hervor, das sie in sich verschlossen hatte. Alles, was sie niemals gewesen war. Selbst der Fliederduft, der durch die Küchentür hereindrang, schien sie verführen zu wollen, ihre Verpflichtungen eine Stunde hinter sich zu lassen und ein bisschen Spaß zu haben.

Sie schüttelte den Kopf. Zu gefährlich, Spaß. Sie attackierte den Boden förmlich mit dem Schrubber, um ihre Frustration an irgendetwas Leblosem auszulassen, während sie sich bemühte, Sean McElroys blaue Augen zu vergessen und sich wieder ihrem eigentlichen Problem zuzuwenden. Zum Beispiel, wie sie zweihundertfünfzig Pfund zusammenkriegen sollte, um Geli die Klassenfahrt nach Frankreich finanzieren zu können.

Es half nichts. Sie würde in den sauren Apfel beißen und ihren Boss um eine Extraschicht bitten müssen.

Sean holte tief Luft.

Er hatte sie förmlich angehalten, seit Lovage Amery ihm die Tür geöffnet hatte. Mit geröteten Wangen, wildem dunklen Haar, das sich aus dem Haarband gelöst hatte und ihr über die großen haselnussbraunen Augen fiel.

Sie hatte eine Stufe höher als er gestanden, genau auf Augenhöhe, sodass er ihre vollen weichen Lippen und ihre verführerischen Rundungen direkt vor sich hatte.

Dass sie sich der Wirkung dieser geballten Weiblichkeit nicht einmal bewusst war, machte es noch verführerischer. Noch gefährlicher.

So wütend er auch auf Basil war, jetzt genoss er das unerwartete Geplänkel, und auch wenn er sich nicht für unwiderstehlich hielt, glaubte er doch, sie genoss es ebenfalls. Jedenfalls hatte sie ihm ganz schön Kontra gegeben.

Seit wie lange war es keiner Frau mehr gelungen, bei ihm genau die richtigen Knöpfe zu drücken? Und das noch dazu unbeabsichtigt.

Vermutlich machte gerade das sie so anziehend.

Er hatte sie unvorbereitet erwischt. Im Gegensatz zu seinen sonstigen weiblichen Bekannten hatte sie keine Maske aufgesetzt, um ihm zu zeigen, was er vielleicht sehen wollte.

Ja, genau das machte sie anziehend. Und gefährlich.

Er hatte fast schon vergessen, weshalb er eigentlich hier war, als sie ihm, völlig überraschend, die Tür vor der Nase zuschlug.

Er wusste nicht, wann er das letzte Mal dermaßen abgefertigt worden war, aber das Geräusch, als sie die Sicherheitskette einhängte, ließ es so endgültig klingen, dass es reine Zeitverschwendung wäre, noch einmal die Türklingel zu betätigen.

Sean betrachtete den Umschlag, den Basil Amery ihm, während er selbst in London war, zusammen mit einer Notiz, er möge das und Rosie bei Lovage Amery abliefern, in den Briefkasten geworfen hatte.

Er war so wütend gewesen. Als hätte er nichts Besseres zu tun. Aber es war so typisch für den Mann, andere auszunutzen. Genauso typisch, wie einfach zu verschwinden, ohne jegliche Erklärung.

Zugegeben, sein Ärger war verflogen, als sie die Tür geöffnet hatte. Doch auch wenn das Seitentor verführerisch weit offen stand und er somit hinten herum ins Haus gelangen könnte, entschied er, dass die andere Richtung die bessere Wahl war.

Es brauchte mehr als ein Paar hübscher Augen, um sich in das Familiendrama anderer Leute hineinziehen zu lassen. Davon hatte er selbst genug an den Hacken.

Ein Jammer, aber immerhin – er hatte Rosie überbracht. Auftrag erledigt.

2. KAPITEL

Treib viel Sport. Lauf immer hinter dem Eiswagen her.

– Rosies Tagebuch

Elle war es ganz heiß, sie war nervös und reichlich verwirrt nach ihrem Zusammentreffen mit Sean McElroy. Immer wieder drifteten ihre Gedanken ab, und sie ertappte sich, wie sie nach draußen auf das Geräusch eines anspringenden Motors lauschte oder von Reifen auf Kies, wenn der Eiswagen darüberfuhr.

Das ist doch alles Blödsinn, sagte sie sich selbst. Sie hatte noch nie von einem Basil Amery gehört. Das musste ein Irrtum sein. Dennoch störte sie diese Stille. Als der Wagen hergebracht wurde, hatte sie ihn nicht gehört, weil sie nicht darauf geachtet hatte, jetzt aber wartete sie darauf, ihn wegfahren zu hören.

Als plötzlich etwas durch den Briefschlitz geworfen wurde, zuckte sie erschreckt zusammen. Nur deshalb schlägt mein Herz plötzlich schneller, redete sie sich ein, während sie aufstand. Für gewöhnlich hatte sie es nicht eilig, nach der Post zu sehen, es kamen ohnehin bloß Rechnungen, aber in diesem Fall war es eine gute Ausrede, um nachzusehen, ob Sean weg war.

Zwei Dinge lagen auf der Fußmatte. Der braune Umschlag, den Sean McElroy in der Hand gehalten hatte, und ein Schlüsselbund. Er kann doch nicht …, dachte sie, er hat doch nicht … Aber es war eindeutig. Der Schlüsselanhänger hatte die Form eines Eishörnchens. Ruckartig riss sie die Tür auf.

Rosie stand noch immer genau dort, wo er sie geparkt hatte.

„Sean McElroy!“, rief sie, schon darauf gefasst, dass er sie vom Fahrersitz aus angrinste, weil er sie ausgetrickst hatte.

Von plötzlicher Panik erfasst, lief sie zum Tor und sah die Straße auf und ab. Wenn ihm niemand mit einem zweiten Wagen gefolgt war, musste er zu Fuß gehen oder auf den Bus warten.

Nichts.

Er konnte …

Und er hatte …

Rosie vor ihrer Haustür ausgesetzt.

„Wenn du nach dem Fahrer suchst, Elle, der ist in diese Richtung gefahren.“

Elle stöhnte lautlos auf. Mrs Fisher, ihre direkte Nachbarin, kam mit vor Aufregung leuchtenden Augen näher, um sich Rosie genauer anzusehen.

„Gefahren?“

„Ja, er hatte so ein Klapprad dabei. Hast du vor, demnächst Eis zu verkaufen?“

Ihr Stöhnen wurde etwas lauter. Für die Klatschtanten des Dorfes war die Amery-Familie wie ihre ganz persönliche Soap Opera, und egal, was sie sagte, es würde im Dorfladen von vorne bis hinten durchgekaut werden.

„Entschuldigen Sie, Mrs Fisher, ich glaube, mein Telefon klingelt“, sagte Elle, lief ins Haus und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Sie offenzulassen, wäre für die Frau einer Einladung gleichgekommen.

Sie setzte sich auf die unterste Treppenstufe, hob den Umschlag auf und betrachtete den Namen und die Anschrift, die ganz zweifellos ihre war. Dann riss sie ihn auf und zog den Inhalt hervor. Ein dunkelrosa-farbenes Notizbuch mit der Aufschrift ‚Termine‘. Ein Handy, ausgestattet mit dem ganzen Schnickschnack, der ihre Schwester zum Schwärmen gebracht hätte. Ein paar offiziell aussehende Papiere, Fahrzeugpapiere und Versicherungsscheine.

Außerdem war noch ein cremefarbener Umschlag darin.

Sie drehte ihn um, aber es stand nichts darauf. Sie öffnete ihn und zog einen Brief hervor.

Liebe Lally, begann er, und ihr wurde ganz schwer ums Herz, als sie den Kosenamen ihrer Großmutter las.

Erinnerst Du dich noch, wie Du mich vor all den Jahren gefunden hast? Am Dorfteich sitzend, verwirrt, verängstigt, bereit, allem ein Ende zu setzen?

Du hast mich gerettet, mein Leben, meinen Verstand. Was danach passierte, war nicht Deine Schuld. Auch nicht Bernards. Mein Bruder und ich sind wie Tag und Nacht, aber wir sind nun einmal, wie wir sind, und das wird sich auch nicht ändern. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn unsere Mutter noch gelebt hätte, aber es ist müßig, darüber zu grübeln. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern.

Ich habe mein Versprechen gehalten und bin der Familie fern geblieben.

Ich habe genug Herzschmerz verursacht, und Du und Lavenders Mädchen mussten ohnehin reichlich davon ertragen, auch ohne dass ich auftauche und die Vergangenheit und alte Skandale wieder hervorbringe.

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