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Versprechen eines Sommers

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Susan Wiggs

Versprechen eines Sommers

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Ivonne Senn

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DANKSAGUNG

Meine tiefste Verehrung für Elsa Watson,

Suzanne Selfors, Sheila Rabe und Anjali Banerjee;

außerdem einen großen Dank an Kysteen Seelen,

Susan Plunkett, Rose Marie Harris, Lois Faye Dyer

und Kate Breslin

für ihr enormes Durchhaltevermögen und ihre Geduld

beim Lesen der frühen Manuskriptauszüge.

Dank an Dale Berg und Mike Sack dafür,

dass sie ihre Erinnerungen an die Campingausflüge

in die Catskills mit mir geteilt haben.

Ein besonderer Dank geht an

Meg Ruley und Annelise Robey

von der Jane Rotrosen Agency

und an meine fabelhafte Lektorin

Margaret O’Neill Marbury.

 

Willkommen im Camp Kioga

Franklin Delano Roosevelt sagte einmal: „Amerikas größter Beitrag in der Welt sind die Sommercamps.“ Jeder, der Camp Kioga besucht, kann sich persönlich davon überzeugen. Camp Kioga ist ein Ort, wo Träume lebendig sind und atmen, wo man in das kristallklare Wasser eines Sees eintauchen, auf einen Berg klettern und den Blick gen Himmel erheben, nachts verträumt in die glühende Asche eines Lagerfeuers schauen und sich der Vorstellung hingeben kann, was das Leben noch für einen bereithält.

Regeln im Camp Kioga

Camp Kioga hat drei Flaggen: die offizielle Campflagge, die Flagge des Staates New York und die Fahne der Vereinigten Staaten. Alle drei werden jeden Tag bei Sonnenaufgang gehisst und beim Morgenappell von allen Campern gegrüßt. Wenn die Flaggen am gleichen Mast wie die Fahne der Vereinigten Staaten gehisst werden, so hat die Letztere immer ganz oben zu sein. Wenn die Flaggen an nebeneinanderstehenden Masten wehen, wird die Fahne der Vereinigten Staaten als erste gehisst und als letzte eingeholt. Keine Flagge und kein Wimpel darf oberhalb der Fahne der Vereinigten Staaten oder zu ihrer Rechten gehisst werden. Wenn die Fahnen auf halbmast gesetzt werden, wird die Fahne der Vereinigten Staaten genau auf die Mitte gesenkt. Die anderen beiden Flaggen befinden sich unterhalb von ihr.

PROLOG

O livia Bellamy konnte sich nicht entscheiden, was schlimmer war. Auf der Spitze des Fahnenmastes gefangen zu sein, ohne Hilfe in Sicht, oder mit Hilfe in Form eines Hells Angels im Anmarsch.

Ihr Plan, das erste Mal seit zehn Jahren die Flaggen über Camp Kioga zu hissen, war ihr so einfach vorgekommen. Dann war das Seil von der Rolle gerutscht, aber Olivia hatte sich davon nicht aufhalten lassen. Sie hatte die Aluminiumleiter gegen den Mast gelehnt und war bis ganz nach oben geklettert, nur um dort festzustellen, dass sie den Haken nicht erreichen konnte. Das kleine Stück den Mast hinaufzuklettern konnte ja nicht so schwer sein, hatte sie sich gesagt – bis sie dann aus Versehen mit einem Fuß die Leiter umgestoßen hatte.

Dumme Kuh, schimpfte sie sich und klammerte sich mit aller Kraft an den Fahnenmast. Der Weg nach unten war weit, und das hier war nicht gerade die Rutschstange einer Feuerwache. Der galvanisierte Stahl war alt und rostig, und wenn sie daran herunterrutschte, würde sie sich die Haut an Oberschenkeln und Händen aufreißen.

Sie hatte gerade angefangen, sich ganz langsam in Richtung Boden vorzutasten, als von der Straße her das tiefe Dröhnen eines ungedämpften Auspuffs herüberschallte. Sie war so überrascht, dass sie beinahe ihren Griff gelockert hätte. Instinktiv klammerte sie sich fester an den Fahnenmast und schloss die Augen. Geh weg, dachte sie. Wer auch immer du bist, ich kann mich gerade nicht mit dir beschäftigen.

Das Motorengeräusch wurde lauter, und sie öffnete ihre Augen. Der Eindringling entpuppte sich als Motorradfahrer in schwarzer Lederkluft. Sein Gesicht wurde von einem bedrohlich aussehenden Helm und einer Sonnenbrille verdeckt. Hinter dem in schwarzem Lack und Chrom gehaltenen Motorrad erhob sich eine Staubwolke in die Luft.

Was hab ich nur wieder für ein Glück, dachte Olivia. Hier stecke ich mitten im Niemandsland, und der Easy Rider eilt zu meiner Rettung.

Ihre Arme und Schultern fingen unter der ungewohnten Anstrengung an, zu zittern. So viel zu den vielen Stunden Krafttraining im Fitnesscenter.

Der Motorradfahrer hielt am Fuß des Fahnenmastes an, stieg ab und stellte sein Motorrad auf den Ständer. Dann lehnte er sich zurück, um zu ihr hochzuschauen.

Trotz der widrigen Umstände machte sich Olivia Gedanken, wie ihr Po wohl von da unten aussah. So wie sie aufgewachsen war – als Kind, das sich mit Essen tröstete und sich dadurch in der Schule eine ganze Reihe von wenig schmeichelhaften Spottnamen verdient hatte –, war sie nie ganz darüber hinweggekommen, sich Gedanken über ihre Figur zu machen.

Bleib ganz cool, sprach sie sich Mut zu. Laut sagte sie: „Hey.“

„Hey. Wie steht’s?“ Auch wenn sie sein Gesicht nicht sehen konnte, vermeinte Olivia ein Grinsen in seiner Stimme zu hören. Sicher war sie sich, als er hinzufügte: „Okay, tut mir leid. Das konnte ich mir nicht verkneifen.“

Großartig. Ein Klugscheißer.

Sie musste ihm zugutehalten, dass er sie nicht lange leiden ließ. Er nahm die Leiter und lehnte sie gegen den Fahnenmast. „Machen Sie langsam“, sagte er. „Ich halte hier unten fest.“

Inzwischen schwitzte Olivia schon. Sie hatte das Ende ihrer Ausdauer erreicht. Langsam ließ sie sich Zentimeter für Zentimeter herunter, während ihre Shorts Zentimeter für Zentimeter hochkrabbelten. Sie hoffte, dass er es nicht bemerkte.

„Sie haben es gleich geschafft“, rief der Fremde. „Nur noch ein kleines bisschen.“

Je weiter sie nach unten kam, desto weniger klang er wie ein Fremder. Als sie endlich mit einem Fuß die oberste Sprosse der Leiter erreichte, hatte sie eine ganz fürchterliche Ahnung, um wen es sich bei dem Typen handelte. Sie war seit Jahren nicht mal mehr in der Nähe dieses Ortes gewesen, in diesem Camp, wo sie sowohl ihre wildesten Träume als auch ihre schlimmsten Albträume gefunden hatte. Heutzutage kannte sie doch niemanden mehr hier in der einsamen Wildnis nahe den Bergen … oder doch?

Mit beinahe an Hysterie grenzender Neurotik konnte sie nicht aufhören, daran zu denken, dass sie heute Morgen nichts mit ihren Haaren gemacht hatte. Außerdem trug sie nicht ein Fitzelchen Make-up. Sie konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, ob sie sich die Zähne geputzt hatte. Und die abgeschnittenen Jeans, die sie trug, waren definitiv zu kurz. Ganz zu schweigen von dem viel zu engen Tanktop.

Mit jedem Schritt, den sie die Leiter herunterkletterte, wurde die Gewissheit stärker, dass am Ende eine große Demütigung auf sie wartete. Um wieder sicheren Boden zu erreichen, musste sie direkt in seine wartenden Arme hinabsteigen, die die Leiter auf beiden Seiten festhielten. Er roch nach Leder und noch etwas anderem. Dem Wind vielleicht.

Ihre Muskeln, die noch vor wenigen Augenblicken protestierend aufgeschrien hatten, drohten nun vor Erschöpfung nachzugeben. Sie hatte ihre letzte Kraft darauf verwendet, seine Arme wegzuschieben, damit sie nicht zwischen ihnen gefangen wurde. Er ließ die Leiter los und streckte seine Hand mit der Handfläche nach oben aus, als wolle er zeigen, dass er in Frieden gekommen war. Seine Hände in den schwarzen Lederhandschuhen wirkten riesig. Darth-Vader-Hände. Terminator-Hände.

„Okay, jetzt sind Sie in Sicherheit“, sagte er.

Sie lehnte sich rückwärts gegen die Leiter. Als sie zu ihm aufschaute, fühlte sich der Boden unter ihr nicht mehr allzu sicher an. Nichts fühlte sich sicher an.

Er war groß. Das Leder betonte seine breiten Schultern. Dann sah sie die Chaps. Ein Motorradfahrer mit Chaps über einer ausgeblichenen Levi’s, das Leder an den richtigen Stellen durchs Tragen ganz weich geworden. Durch die halb geöffnete Jacke erspähte sie ein geripptes T-Shirt. Seine abgetragenen Stiefel sahen aus wie von einem Mann, der in ihnen seiner täglichen Arbeit nachgeht. Abgesehen von den Ketten. Sie konnte sich keinen irdischen Grund für diesen Schmuck vorstellen, außer dass sie sexy waren. Und wie!

„Danke“, sagte sie und trat schnell einen Schritt zur Seite, um nicht länger zwischen Leiter und dem Mann gefangen zu sein. „Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn Sie nicht vorbeigekommen wären.“ In den verspiegelten Gläsern seiner Sonnenbrille konnte sie sich selber sehen – gerötete Wangen, windzerzaustes Haar. Sie wischte sich die Hände an ihren Shorts ab. „Was, ähm …“ Sie zögerte. Vielleicht war er es gar nicht. Vielleicht hatten die frische Luft und der Sonnenschein ihr Gehirn aufgeweicht. Sie bemühte sich um einen neutralen Tonfall und entschied sich, die Sache cool anzugehen. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

„Ich denke, anders herum wird ein Schuh draus. Sie haben eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen. Irgendetwas wegen eines Bauprojekts?“ Mit diesen Worten nahm er die Sonnenbrille ab, löste dann den Helm und nahm auch ihn herunter.

Oh Gott, dachte Olivia. Es sollte jeder sein, nur nicht du.

Langsam zog er die Handschuhe aus, wobei er sie nicht aus den Augen ließ. Er blinzelte. „Müsste ich … kennen wir uns irgendwoher?“

Macht er Witze? fragte sich Olivia. Weiß er es wirklich nicht?

Als sie nicht reagierte, drehte er sich um und hisste gekonnt die Fahne. Sofort flatterte sie wie ein Segel im Wind.

Olivia vergaß, sich zu bewegen, während sie ihn beobachtete. Zu atmen. Zu denken. Ein einziger Blick in diese Augen eines Herzensbrechers, und sie wurde in der Zeit zurückgeschleudert. Die Jahre fielen von ihr ab wie die Blätter eines Kalenders. Sie sah nicht Easy Rider. Sie schaute in das Gesicht eines Mannes, aber in diesen eisblauen Augen konnte sie den Jungen erkennen, der er vor so langer Zeit einmal gewesen war.

Und nicht nur irgendein Junge. Der Junge. Der eine, dem alle ersten Male gehörten, alle wichtigen Meilensteine ihrer aufgewühlten und schmerzhaften Jugend. Der erste Junge, den sie je geliebt hatte. Der erste, den sie geküsst hatte. Der erste, der … Der erste, der ihr das Herz gebrochen hatte.

Eine brennende Hitze ließ sie am ganzen Körper erröten. Vielleicht kam daher der Begriff „alte Flamme“. Irgendjemand wurde von ihr immer verbrannt.

„Connor Davis.“ Das erste Mal seit neun Jahren sprach sie den Namen wieder laut aus. „Interessant, dich hier wiederzutreffen.“ Innerlich will ich sterben, dachte sie. Lieber Gott, lass mich gleich hier auf der Stelle sterben, und ich werde dich nie wieder um etwas bitten, solange ich lebe.

„Ja, das bin ich“, erwiderte er unnötigerweise.

Als wenn sie ihn hätte vergessen können. Das Versprechen des Jungen von damals war in dem vor ihr stehenden Mann erfüllt worden. Er müsste jetzt achtundzwanzig sein, ein Jahr älter als sie. Die etwas schlaksige Größe war mit entsprechender Breite ausgefüllt worden. Sein kokettes Grinsen und die funkelnden Augen waren immer noch gleich, auch wenn die harte Linie seines Kiefers von einem Eintagesbart gemildert wurde. Und er trug – Olivia blinzelte, um sicherzugehen, dass sie es sich nicht nur einbildete –, ja, er trug immer noch den kleinen silbernen Ring im Ohr. Sie selbst hatte das Loch gestochen, das musste dreizehn Jahre her sein.

„Also sind Sie …“ Er studierte eindringlich den Rücken seiner linken Hand, auf den er, wie es aussah, etwas mit rotem Stift notiert hatte. „Sie sind also Olive Bellamy?“

„Olivia.“ Sie betete, dass er sie erkennen würde, so wie sie ihn erkannt hatte, als jemanden aus der Vergangenheit, jemand wichtigen, jemanden, der großen Einfluss auf sein zukünftiges Leben gehabt hatte. Gott, jemand der riskiert hatte, aus dem Camp nach Hause geschickt zu werden, nur um ihm ein Ohrloch zu stechen.

„Ja, tut mir leid. Olivia.“ Er betrachtete sie mit unverhohlenem männlichen Interesse. Ihren entsetzten Gesichtsausdruck hatte er offensichtlich missverstanden. „Ich hatte kein Papier zur Hand, als ich meine Nachrichten abgehört habe“, erklärte er, wobei er auf die rote Schrift auf seinem Handrücken zeigte. Dann runzelte er die Stirn. „Sind wir uns schon mal begegnet?“

Sie gab ein ersticktes Lachen von sich. „Du machst Witze, oder? Das muss ein Scherz sein.“ Hatte sie sich wirklich so sehr verändert? Nun ja, ehrlich gesagt, ja. Es waren beinahe zehn Jahre vergangen. Sie hatte Tonnen an Gewicht verloren. Ihre Haare von Nussbraun zu Honigblond gefärbt. Ihre Brille gegen Kontaktlinsen eingetauscht. Aber trotzdem …

Er starrte sie einfach nur an. Völlig ahnungslos. „Sollte ich Sie kennen?“

Sie verschränkte die Arme, schaute ihm in die Augen und rief sich einen Satz in Erinnerung, an den er sich vielleicht erinnerte, denn er war eine der ersten Lügen, die sie einander erzählt hatten. „Ich bin deine neue beste Freundin“, sagte sie und sah zu, wie alle Farbe aus seinem sonnengebräunten Gesicht wich.

Seine göttlichen blauen Augen verengten sich zu Schlitzen und weiteten sich dann in langsamem Erkennen. Sein Adamsapfel hüpfte, als er schluckte. Dann räusperte er sich.

„Heilige Scheiße“, murmelte er. Seine Hand fuhr in einer unwillkürlichen Geste hoch und berührte den silbernen Ohrring. „Lolly?“

Camp Kioga – Verhaltensregeln

Es wird erwartet, dass jeder an allen Aktivitäten, die auf dem Plan des Camps aufgeführt sind, teilnimmt. Dabei ist auf angemessene Kleidung zu achten. Die Betreuer sind dafür verantwortlich, dass die Camper an allen geplanten Aktivitäten teilnehmen, außer sie können eine Entschuldigung der Camp-Krankenschwester oder des Direktors vorweisen.

1. KAPITEL

Sommer 1991

Lolly.“ Der große, schlaksige Junge, der hinter ihr den schmalen Weg am Berg hinaufkletterte, sprach zum ersten Mal, seitdem sie das Camp verlassen hatten. „Was zum Teufel soll das für ein Name sein? Lolly.“

„Die Art Name, die hinten auf mein Shirt gestickt ist“, antwortete sie und schnippte ihren braunen Zopf über die Schulter. Zu ihrer Bestürzung spürte sie, wie sie errötete. Verdammt, er war nur irgendein Junge, der nicht mehr getan hatte, als ihr eine harmlose Frage zu stellen.

Falsch, dachte sie und hörte förmlich das passende Geräusch eines Gameshow-Buzzers in ihrem Kopf. Er war der vermutlich süßeste Junge von Eagle Lodge, der Gruppe für die Zwölf- bis Vierzehnjährigen. Und es war auch keine Frage, sondern mehr eine Bemerkungen gewesen, die zum Ziel hatte, sie zu verunsichern. Außerdem hatte er „zum Teufel“ gesagt. Lolly würde es niemals zugeben, aber sie mochte es nicht, wenn jemand fluchte. Immer wenn sie selber es versuchte, fing sie an zu stottern und wurde rot, sodass gleich jeder sehen konnte, wie uncool sie war.

„Schon kapiert“, murmelte der Junge. Sobald der Weg nach einer Kurve etwas breiter wurde, drängte er sich mit einem unverständlichen Gemurmel an ihr vorbei, das vermutlich „Entschuldige bitte“ hatte heißen sollen. Er trottete davon, wobei er ein altes Lied von den Talking Heads vor sich hin pfiff.

Sie waren auf der Paar-Wanderung, der ersten Aktivität des Sommers. Sie war dazu gedacht, sich mit der Anlage des Camps und den anderen Mitcampern vertraut zu machen. Gleich nach dem Aussteigen aus dem Bus waren sie zu Paaren zusammengestellt worden, während ihre Seesäcke und anderen Habseligkeiten schon in die zugeteilten Hütten gebracht wurden. Sie war an diesen Jungen geraten, weil sie als Letzte ausgestiegen war. Sie hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt und abschätzig gesagt: „Ich bin deine neue beste Freundin.“

Er hatte einen Blick auf sie geworfen, die Schultern gezuckt und in Imitation der englischen Upperclass erwidert: „Barkis steht zu Ihren Diensten.“

Der Angeber. Lolly hatte so getan, als wäre sie nicht davon beeindruckt, dass er aus David Copperfield zitiert hatte. Außerdem hatte sie vorgegeben, nicht zu bemerken, wie die anderen Jungs ihn piesackten und mit den Ellbogen anstießen, weil er ein Team mit Lolly Bellamy bilden musste.

Er war nicht der typische Kioga-Camper – sie musste es wissen, schließlich kam sie seit ihrem achten Lebensjahr hierher. Diesem Jungen – der zum ersten Mal dabei war – fehlte noch der letzte Schliff. Seine Haare waren ein wenig zu lang, die Cargo-Shorts saßen ein wenig zu tief auf seinen Hüften. Vielleicht sah er sogar ein wenig gefährlich aus, mit diesen blassblauen Augen und den dunklen Haaren; eine Kombination, die zugleich anziehend und beunruhigend war.

Durch die Bäume hindurch sah sie Gruppen von zwei oder vier Leuten laufen, die miteinander quatschten und lachten. Es war erst der erste Tag vom Sommercamp, aber die Kinder fingen schon an, auszutarieren, mit wem sie sich dieses Jahr anfreunden würden. Lolly wusste, dass man sie bereits ausgemustert hatte. Natürlich, das taten sie immer. Wenn sie nicht ihre Cousinen hätte, würde sie ganz schön in der Patsche sitzen, so viel stand mal fest.

Sie schob ihre Brille auf der Nase hoch und spürte einen dumpfen Schlag der Eifersucht in ihrem Magen, als sie die anderen Camper betrachtete, die sich miteinander schon total wohlzufühlen schienen. Sogar die Neuen, wie der schlaksige Junge, gehörten bereits dazu. Gerade mal aus dem Bus ausgestiegen, gingen sie schon nebeneinander her, quasselten in einer Tour und brachten sich gegenseitig zum Lachen. Einige der Mädchen trugen ihre Camp-Hoodies nonchalant um die Schultern geschlungen und schafften es so, selbst der Einheitskleidung des Camps einen modischen Stempel aufzudrücken. Die meisten Jungs hatten sich die Kioga-Bandanas im Rambo-Stil um den Kopf gebunden. Alle stolzierten umher, als gehöre der Ort ihnen.

Was irgendwie lustig war. Denn keinem der Kinder gehörte Kioga. Außer Lolly.

Zumindest auf gewisse Art. Das Sommercamp gehörte ihren Großeltern, Nana und Granddad. Als sie noch bei den Fledglings war, den Acht- bis Elfjährigen, hatte sie vor den anderen Kindern damit angegeben, aber das hatte auch nie richtig funktioniert. Den meisten Kindern war das völlig egal.

Der große Junge fand einen Hickory-Stock und benutzte ihn, um auf das Unterholz einzuschlagen oder sich beim Gehen darauf zu stützen. Sein Blick schweifte aufmerksam umher, als wenn er damit rechnete, dass ihn jederzeit etwas anspringen könnte.

„Ich nehme an, dein Name ist dann wohl Ronnoc“, sagte Lolly schließlich.

Er machte ein finsteres Gesicht und warf ihr über die Schulter einen Blick zu. „Häh?“

„Das steht auf dem Rücken deines T-Shirts.“

„Ich trage es auf links gedreht, du Genie.“

„Das war auch nur ein Witz, Schlauberger.“

„Ha, ha.“ Er steckte den Stock in den Boden.

Ihr Ziel war der Gipfel des Saddle Mountain, der eigentlich kein wirklicher Berg war, mehr ein großer Hügel. Einmal oben angekommen, würde ein Kreis aus Baumstämmen mit einer Feuerstelle in der Mitte sie erwarten. Das war der Ort vieler Camp-Traditionen. Nana hatte erzählt, dass Reisende in den Zeiten der ersten Siedler Signalfeuer auf solchen Erhöhungen anzündeten, um über weitere Strecken miteinander zu kommunizieren. Es lag Lolly schon auf der Zunge, diese Belanglosigkeit mit ihrem Wanderpartner zu teilen, aber dann überlegte sie es sich doch anders und presste die Lippen fest aufeinander.

Sie hatte sich bereits entschieden, den Jungen nicht zu mögen. Um ehrlich zu sein, hatte sie sich sogar entschieden, diesen Sommer keines der Kinder zu mögen. Ihre beiden liebsten Cousinen, Frankie – Kurzform für Francine – und Dare begleiteten sie normalerweise, und sie schafften es immer, dass Lolly sich fühlte, als hätte sie echte Freunde. Aber dieses Jahr waren sie mit ihren Eltern Tante Peg und Onkel Clyde nach Kalifornien gefahren. Lollys Eltern machten solche Reisen nicht. Sie kannten nur welche, mit denen sie danach angeben konnten. Ihre Eltern mochten so ziemlich alles, womit es sich angeben ließ – Reisen, Immobilien, Antiquitäten, Kunst. Sie gaben sogar mit Lolly an, aber das fiel ihnen merklich schwer. Vor allem jetzt, nach der sechsten Klasse, wo ihre Noten sanken und ihr Gewicht stieg. Das Jahr der Scheidung.

Na, das ist doch mal was zum Prahlen, dachte sie.

„Wir sollen drei Sachen über den anderen lernen“, sagte der Junge, der keinen Sinn für Humor hatte; der Junge, mit dem sie sich nicht anfreunden wollte. „Wenn wir oben angekommen sind, sollen wir den jeweils anderen der Gruppe vorstellen.“

„Ich will keine drei Dinge über dich wissen“, sagte sie leichthin.

„Tja, also ich auch nicht über dich.“

Das Lagerfeuer zum Kennenlernen war immer langweilig. Was schade war, denn das müsste es nicht sein. Die kleinen Kinder waren besser darin, weil sie noch nicht wussten, was man besser für sich behielt und was man mit anderen teilen konnte. Lolly war ein perfektes Beispiel dafür. Vor einem Jahr war sie herausgeplatzt: „Meine Eltern lassen sich scheiden.“ Danach war sie in Tränen ausgebrochen, und seitdem war ihr Leben ein einziger Albtraum gewesen. Aber zumindest war ihr Geständnis damals echt gewesen. In dieser Altersgruppe, das wusste sie bereits, würden die Vorstellungen entweder total langweilig oder gestellt oder beides werden.

„Ich wünschte, wir könnten das überspringen“, sagte sie. „Das wird total ätzend. Die jüngeren Kinder sind interessanter, die sagen wenigstens was.“

„Wie meinst du das?“

„Na ja, dass die Geschäfte ihres Onkels von der Börsenaufsicht überprüft werden oder ihr Bruder eine dritte Brustwarze hat.“

„Eine was?“

Lolly hätte das Thema vermutlich nicht aufbringen sollen, aber sie wusste, dass er sie so lange löchern würde, bis sie es ihm erklärte. „Du hast mich schon verstanden“, sagte sie.

„Eine dritte Brustwarze. Das ist total bescheuert. So was hat niemand.“

„Doch. Bebe Blackmun hat mal der ganzen Gruppe erzählt, dass ihr Bruder drei Nippel hat.“

„Hast du sie gesehen?“, forderte er sie heraus.

„Als wenn ich das gewollt hätte.“ Sie schüttelte sich. „Igitt.“

„Also ist es doch Schwachsinn.“

Sie schnaubte in dem Versuch, sich von seinem Fluchen nicht beeindrucken zu lassen. „Ich wette, du hast auch eine.“ Sie wusste nicht, warum sie das gesagt hatte. Sie wusste nur, die Chance, dass er ebenfalls drei Brustwarzen hatte, tendierte gen null.

„Ja, genau.“ Er hielt mitten auf dem Weg an und drehte sich um. In einer eleganten Bewegung zog er direkt hier im Wald und vor ihren Augen sein T-Shirt so schnell aus, dass sie keine Zeit hatte, zu reagieren.

„Willst du sie zählen?“, wollte er wissen.

Ihr Gesicht wurde ganz heiß, und sie stapfte mit stur geradeaus gerichtetem Blick an ihm vorbei. Idiot, dachte sie. Ich bin so ein Idiot. Was habe ich mir nur dabei gedacht?

„Vielleicht hast du ja drei Nippel“, zog er sie mit einem leichten Lachen in der Stimme auf. „Soll ich sie mal zählen?“

„Du bist verrückt.“ Sie marschierte weiter.

„Du hast das Thema doch aufgebracht.“

„Ich habe nur versucht, ein wenig Konversation zu betreiben, weil du zu einhundert Prozent total langweilig bist.“

„Hmmh“, bestätigte er. „So bin ich. Langweilig.“ Er marschierte an ihr vorbei und imitierte ihre Art zu gehen. Er hatte sein T-Shirt nicht wieder angezogen, sondern hinten in den Bund seiner Hose gesteckt. Mit dem Bandana und dem aus der Hose hängenden T-Shirt sah er wie ein Barbar aus. Mr Herr der Fliegen.

Er war ein totaler Angeber. Er …

Sie stolperte über eine Baumwurzel und musste nach dem nächsten Ast greifen, um nicht zu fallen. Er drehte sich um, und sie hätte schwören können, dass er ganz kurz den Arm ausgestreckt hatte, um sie aufzufangen, aber dann ging er schnell weiter, ohne sie zu berühren. Sie starrte ihn an, aber nicht, weil sie unhöflich oder neugierig sein wollte, sondern aus Sorge.

„Was ist das da auf deinem Rücken?“, fragte sie frei heraus.

„Was?“ Mr Herr der Fliegen schaute sie grimmig an.

„Erst dachte ich, du hättest vergessen zu baden, aber ich denke, du hast da einen riesigen blauen Fleck.“ Sie zeigte auf seine Rippen.

Er hielt an und drehte sich zu ihr um. Sein Gesicht war beinahe wie bei einer Comicfigur verzerrt. „Ich habe keinen verschissenen blauen Fleck, klar? Mann, du bist echt unheimlich. Erst Extra-Nippel und jetzt Phantom-Prellungen.“

„Ich schau doch genau drauf.“ Obwohl sie so genervt von ihm war, verspürte sie auch einen Hauch Mitgefühl mit ihm. Die Prellung war am Abheilen. Das erkannte sie an der Art, wie die Farbe in der Mitte aufblühte und am Rand verblasste. Aber es musste ziemlich wehgetan haben.

Seine Augen verengten sich, und sein Gesichtsausdruck wurde hart. Eine Sekunde sah er wirklich Furcht einflößend aus. „Es ist nichts“, sagte er. „Ich bin vom Fahrrad gefallen. Aufregend, was?“ Er wirbelte auf dem Absatz herum und ging so schnell weiter, dass Lolly sich beeilen musste, um mit ihm Schritt zu halten.

„Ich wollte dich nicht verärgern.“

„Das hast du auch nicht“, brüllte er sie beinahe an. Dann ging er noch ein bisschen schneller.

Das ging fix, dachte sie. Der erste Feind des Sommers. Es würden gewiss noch eine ganze Menge folgen. Sie hatte ein Händchen dafür, Menschen gegen sich aufzubringen.

Auch wenn Connor sagte, dass er nicht böse auf sie war, war er trotzdem böse auf irgendwas anderes. Da war Wut in seinen angespannten Muskeln zu sehen, in den abgehackten Bewegungen. Er war vom Rad gefallen, na und? Normalerweise verletzte man sich dabei Ellenbogen und Knie, vielleicht den Kopf. Aber auf keinen Fall den Rücken, außer man rollt einen Hügel herunter und schlägt hart auf. Oder man lügt über das, was wirklich geschehen ist.

Sie war sowohl fasziniert als auch enttäuscht von diesem Jungen. Enttäuscht, weil sie ihn verzweifelt nicht mögen wollte, um nicht den ganzen Sommer über an ihn denken zu müssen. Und fasziniert, weil er interessanter war, als ihm zustand. Er war auch ein wenig unangepasst, mit seinen langen Haaren, der tief sitzenden Hose und den mit Klebeband reparierten Turnschuhen. Und in seinen Augen lag etwas anderes als nur der übliche Jungenkram. Diese gleichen Eiswürfel-Augen, die David Copperfield gelesen hatten, hatten vermutlich Dinge gesehen, die sich ein Mädchen wie Lolly gar nicht vorstellen konnte.

Sie bogen um eine Haarnadelkurve und wurden von einem lauten, steten Wasserrauschen empfangen.

„Wow“, rief Connor aus und legte den Kopf in den Nacken, um den dreißig Meter hohen Wasserfall zu bestaunen. Er rauschte aus einer unsichtbaren Quelle hoch über ihnen herunter, stürzte über Steine und ließ einen feinen Nieselregen aufsteigen, der in allen Farben des Regenbogens glitzerte. „Das ist Wahnsinn.“ Seine schlechte Laune schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

„Meerskill Falls“, erklärte Lolly, wobei sie beinahe brüllen musste, um das Rauschen des Wassers zu übertönen. „Einer der höchsten Wasserfälle im ganzen Staat. Komm mit, von der Brücke aus hat man den besten Blick.“

Die Meerskill Bridge war in den 1930er-Jahren von einer staatlichen Baukolonne erbaut worden. Schwindelerregend hoch, spannte sich der Betonbogen über die Schlucht. Unter ihr dröhnte der Wasserfall. „Die Einheimischen nennen das hier die Selbstmordbrücke, weil sich schon einige umgebracht haben, indem sie von hier heruntergesprungen sind.“

„Ja, sicher.“ Er schien von den Kaskaden angezogen zu werden, die den Weg auf beiden Seiten befeuchteten und so einen dicken Teppich aus Moos und Farn hervorgebracht hatten.

„Nein, ernsthaft. Deshalb ist die Brücke mit Maschendraht eingezäunt worden.“ Sie beeilte sich, zu ihm aufzuschließen. „Er wurde angeblich vor über fünfzig Jahren angebracht, nachdem zwei Teenager in den Tod gesprungen waren.“

„Woher weiß man, dass sie gesprungen sind?“

Der Sprühnebel hatte sich über seine dunklen Haare und seine Wimpern gelegt und ließ ihn noch süßer aussehen.

Lolly fragte sich, ob sie auch süßer aussah. Vermutlich nicht. Bei ihr sorgte der Nebel nur dafür, dass ihre Brillengläser beschlugen. „Ich schätze, das wusste man einfach.“ Sie erreichten den Anfang der Brücke und überquerten sie unter dem wie ein Baldachin geformten Maschendrahtzaun.

„Vielleicht sind sie ja auch aus Versehen hinuntergefallen. Oder sie sind geschubst worden. Vielleicht haben sie auch gar nicht existiert.“

„Bist du immer so skeptisch?“, wollte sie wissen.

„Nur wenn jemand mir blödsinnige Geschichten erzählt.“

„Das ist kein Blödsinn, da kannst du jeden fragen.“ Sie reckte ihre Nase in die Höhe und marschierte entschlossen zum Ende der Brücke und um die folgende Wegbiegung, ohne darauf zu achten, ob er hinterherkam. Eine ganze Weile gingen sie in Schweigen. Inzwischen waren sie weit hinter den anderen zurückgefallen, aber ihm schien es nichts auszumachen, und Lolly fand das eine gute Einstellung. Bei der heutigen Wanderung ging es sowieso nicht darum, als Erste ins Ziel zu kommen.

Hin und wieder warf sie ihm verstohlene Blicke zu. Vielleicht könnte sie ja ein wenig damit experimentieren, diesen Jungen zu mögen. Nur ein kleines bisschen. „Hey, sieh mal da“, flüsterte sie, als der Weg an einer Lichtung vorbeiführte, die von Birken umgeben war und auf der Wildblumen wuchsen. „Zwei Rehkitze und ihre Mutter.“

„Wo?“ Er reckte den Kopf.

„Pst! Du musst ganz still sein.“ Sie ging vor und verließ ganz leise den Weg. Rehe waren in diesem Teil des Waldes nicht gerade selten, aber es war immer wieder ein Ereignis, die Rehkitze mit ihrem weichen, weiß gefleckten Fell und den großen, scheuen Augen zu sehen. Die Rehe standen mitten auf der Wiese; die Kleinen hielten sich nah bei ihrer Mutter, die friedlich und in aller Ruhe äste. Lolly und Connor blieben am Rand der Lichtung stehen und beobachteten die drei.

Lolly bedeutete Connor, sich neben sie auf einen umgestürzten Baumstamm zu setzen. Sie nahm den Feldstecher aus ihrer Gürteltasche und hielt ihn ihm hin.

„Das ist toll“, sagte er, als er durch das Fernglas schaute. „Ich habe noch nie zuvor frei lebende Rehe gesehen.“

Sie fragte sich, wo er herkam. Rehe waren ja nun nicht gerade selten. „Ein Rehkitz isst alle vierundzwanzig Stunden das Äquivalent zu seinem eigenen Körpergewicht“, dozierte sie.

„Woher weißt du das?“

„Aus einem Buch. Ich habe letztes Jahr sechzig Bücher gelesen.“

„Puh“, erwiderte er. „Warum?“

„Weil ich nicht genügend Zeit hatte, um mehr zu lesen.“ Sie gab ein kleines überhebliches Schnauben von sich. „Kaum zu glauben, dass Leute Rehe jagen, oder? Ich finde sie so wunderschön.“ Sie trank einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Das Bild, das sich vor ihren Augen entfaltete, sah aus wie ein altes Gemälde – das neue Gras so zart und grün, die in der leichten Brise wippenden Köpfe der Akeleien und blauen Binsenlilien, die äsenden Rehe.

„Ich kann bis hinunter zum See gucken“, sagte Connor. „Das ist ein echt gutes Fernrohr.“

„Mein Vater hat es mir geschenkt. Ein Schuldgeschenk.“

Er nahm das Fernglas von den Augen. „Was ist ein Schuldgeschenk?“

„Wenn dein Dad es nicht zu deiner Klavieraufführung schafft und sich so schuldig fühlt, dass er dir ein extra teures Geschenk kauft.“

„Oh. Na ja, es gibt Schlimmeres als einen Vater, der deine Klaviervorführung verpasst.“ Connor schaute wieder durch das Fernglas. „Ist das da eine Insel in der Mitte vom See?“

„Ja. Sie heißt Spruce Island. Da wird das Feuerwerk am vierten Juli gezündet. Letztes Jahr habe ich versucht, hinzuschwimmen, aber ich hab’s nicht geschafft.“

„Was ist passiert?“

„Ich musste auf der Hälfte der Strecke nach Hilfe rufen. Als sie mich herausgezogen haben, hab ich so getan, als wäre ich beinahe ertrunken, damit sie nicht denken, ich wolle nur Aufmerksamkeit erregen. Sie haben meine Eltern angerufen.“ Was natürlich genau das war, was Lolly bezweckt hatte. Jetzt wünschte sie, sie hätte den Vorfall gar nicht erst erwähnt, aber da sie nun einmal angefangen hatte, darüber zu sprechen, konnte sie nicht mehr aufhören. „Meine Eltern haben sich letztes Jahr scheiden lassen, und ich dachte, sie müssten beide kommen und mich abholen.“ Dieses Eingeständnis laut auszusprechen schmerzte in ihrer Kehle.

„Hat’s funktioniert?“, wollte er wissen.

„Überhaupt nicht. Die Vorstellung, irgendetwas als Familie zu unternehmen, ist Vergangenheit, futsch, steht überhaupt nicht mehr zur Debatte. Sie haben mich zu diesem Therapeuten geschickt, der mir gesagt hat, ich müsse mein ‚Konzept von Familie und meine Rolle darin neu definieren‘. Also ist es jetzt meine Aufgabe, so zu tun, als hätte ich mich damit abgefunden. Meine Eltern tun ihrerseits so, als wäre eine Scheidung vollkommen in Ordnung und heutzutage keine große Sache mehr.“ Sie zog ihre Knie an die Brust und starrte auf die Rehe, bis ihr Blick verschwamm. „Aber für mich ist es eine riesige Sache. Es ist, als wäre man aufs Meer hinausgeweht worden, und niemand glaubt dir, dass du ertrinkst.“

Erst dachte sie, er hätte ihr gar nicht mehr zugehört, weil er nichts sagte. Er blieb stumm, genau wie Dr. Schneider während der Therapiesitzungen. Dann sagte Connor mit einem Mal: „Wenn du wirklich ertrinkst und niemand dir glaubt, solltest du besser so schnell wie möglich herausfinden, wie man schwimmt.“

Sie schnaubte. „Klar, ich werd’s mir merken.“

Er sah sie nicht an, als wisse er irgendwie, dass sie sich erst einmal sammeln musste. Er schaute weiter durch das Fernglas und pfiff dabei leise durch die Zähne. Lolly erkannte das Lied. „Stop Making Sense“ von den Talking Heads. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich mit einem Mal schwach und zerbrechlich, so wie damals, als man sie aus dem See gezogen hatte. Schlimmer noch, sie weinte sogar. Sie wusste nicht, wann genau sie damit angefangen hatte, aber sie musste jetzt all ihre Kraft einsetzen, um wieder damit aufzuhören.

„Wir sollten weitergehen“, sagte sie endlich. Mit dem Bandana wischte sie sich die Tränen ab und fühlte sich schrecklich dumm. Warum hatte sie diesem Jungen, den sie nicht einmal mochte, all diese Sachen erzählt?

„Okay.“ Er reichte ihr das Fernglas und kehrte auf den Weg zurück. Es war vorher ja schon nicht ganz einfach gewesen zwischen ihnen, aber ihr Zusammenbruch und das Heulen hatten eine Freundschaft zwischen ihnen wohl endgültig unmöglich gemacht.

Verzweifelt versuchte sie, das Thema zu wechseln. „Wusstest du, dass jeder Betreuer hier ein ehemaliger Camp-Teilnehmer ist?“

„Nö.“

Sie würde in der Gerüchteküche noch einiges dazulernen müssen, wenn sie den Jungen beeindrucken wollte. „Die Betreuer haben ein geheimes Leben“, sagte sie. „Nicht jeder weiß das, aber nachts feiern sie diese wilden Partys. Viel Alkohol und Rumgeknutsche und so.“

„Ach ne. Erzähl mir was, was ich noch nicht weiß.“

„Nun, wie wäre es damit, dass die Chefköchin Gertie Romano am Schönheitswettbewerb zur Miss New York State teilnehmen wollte, dann aber schwanger wurde und ihre Kandidatur zurückziehen musste? Und Gina Palumbo – die aus der Schlafbaracke – hat mir erzählt, dass ihr Vater ein echter Mafiaboss ist. Und Terry Davis, der Hausmeister, ist Alkoholiker.“

Connor wirbelte herum und funkelte sie an. Durch die heftige Bewegung fiel sein T-Shirt zu Boden. Sie hob es auf. „Hey, du hast was verloren.“ Auf der Vorderseite hatte es einen kleinen Ketchupfleck, und in den Kragen war ein Schild mit dem Namen Connor Davis eingenäht.

„Davis“, sagte sie leise, und die Erkenntnis überkam sie mit einem heißen Brennen wie ein böser Hautausschlag. „Ist das dein Nachname?“

„Bisschen neugierig, was?“, bemerkte er. Dann schnappte er sich das T-Shirt und zog es sich über den Kopf. „Natürlich ist das mein Nachname, du Genie, sonst hätte ich ja wohl kein Schild mit dem Namen in meinem Shirt, oder?“

Lolly vergaß zu atmen. Oh, verdammt. Davis. Wie in Terry Davis. Verdammter Müllmistdreck aber auch. „Also ist“, stotterte sie. „Steht Mr Davis in irgendeinem, äh, verwandtschaftlichen Verhältnis zu dir?“

Connor ging mit großen Schritten weiter. Seine Ohren waren feuerrot, und die Wut umgab ihn wie eine dunkle Wolke. „Ja, das tut er. Er ist mein Vater. Der Alkoholiker.“

Sie sprang ihm hinterher. „Hey, warte“, rief sie. „Hey, es tut mir leid. Ich wusste nicht … mir war nicht klar … oh, Mann. Ich hätte das nicht sagen sollen. Es ist nur dummer Klatsch, den ich irgendwo aufgeschnappt habe.“

„Ja, du bist ’ne echte Komikerin.“

„Bin ich nicht. Ich bin fürchterlich. Ich fühle mich fürchterlich.“ Sie musste rennen, um mit ihm Schritt zu halten. Wie zäher Schweiß legte sich das Schuldgefühl über ihren ganzen Körper. Man sagt keine bösen Sachen über die Eltern anderer Leute. Das sollte sie doch wissen. Ihre Eltern waren auch ziemlich schrecklich, aber sie würde sich trotzdem angegriffen fühlen, wenn jemand eine entsprechende Bemerkung machte.

Aber wie hätte sie es wissen sollen? Wie standen die Chancen? Alle sagten immer, dass Terry Davis keine Familie hätte. Er bekam auch niemals Besuch, also wäre sie nie auf die Idee gekommen, dass er einen Sohn haben könnte. Trotzdem hätte sie ihren vorlauten Mund halten sollen.

Terry Davis hatte einen Sohn. Erstaunlich. In all den Jahren, die der stille, melancholische Mann schon im Camp arbeitete, hatte sie nichts davon geahnt. Sie wusste nur, dass sein Vater und ihr Großvater gemeinsam im Koreakrieg gekämpft hatten. Granddad sagte, sie hatten sich getroffen, als sie den Fluss Han bombardierten, und dass Mr Davis ein Held gewesen war. Aus diesem Grund würde er immer einen Platz im Camp Kioga haben, komme, was wolle. Sogar wenn er – wie sie so dumm herausposaunt hatte – ein Alkoholproblem hatte. Er gehörte inzwischen zum Inventar des Camps und lebte in einer der Hütten für die Angestellten am Rand des Camps. Diese Hütten boten den Köchen, Gärtnern, Hausmeistern, Fahrern und der Reinigungscrew Unterkunft. All den unsichtbaren Geistern, die rund um die Uhr arbeiteten, um dafür zu sorgen, dass Camp Kioga wie ein Stück unberührter Natur aussah.

Mr Davis war ein Einzelgänger. Er fuhr einen alten Jeep und sah oft müde aus, Anzeichen dafür, dass er bald wieder einen „freien Tag“ einlegen würde, wie ihr Granddad es nannte.

„Es tut mir wirklich, wirklich leid“, sagte sie zu Connor.

„Du musst kein Mitleid mit mir haben.“

„Das hab ich auch nicht. Es tut mir leid, dass ich das über deinen Vater gesagt habe. Das ist ein Unterschied.“

Connor schüttelte sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. „Gut zu wissen.“

„Er hat nie erwähnt, dass er ein Kind hat.“ In der Sekunde, wo die Worte ausgesprochen waren, fiel ihr auf, dass alles nur noch schlimmer wurde, je öfter sie ihren Mund aufmachte. Ihr Mund war wie ein Bagger, der mit jeder Bewegung tiefer grub. „Ich meine, ich habe nie …“

„Er wollte nicht, dass ich den Sommer über herkomme, aber meine Mutter hat wieder geheiratet, und ihr Mann wollte kein Kind bei sich haben“, unterbrach Connor sie. „Er sagte, drei sind in unserem kleinen Trailer einer zu viel.“

Lolly dachte an die Prellung, die sie gesehen hatte. Dieses Mal erinnerte sie sich rechtzeitig daran, den Mund zu halten.

„Ein Trailer bietet nicht viel Platz für drei Personen, aber ich schätze, von so was hast du keine Ahnung“, fügte er hinzu. „Du lebst sehr wahrscheinlich irgendwo in einer riesigen Villa.“

Zwei Villen, dachte sie. Eine für jedes Elternteil. Was nur bewies, dass man sich in der Fifth Avenue genauso schlecht fühlen konnte wie in einer Baracke. „Seit ich acht war, haben mich meine Eltern jeden Sommer weggeschickt“, sagte sie. „Vielleicht, um mich aus dem Weg zu haben, damit sie streiten konnten. Denn ich habe sie nie streiten gehört.“ Wenn ich es getan hätte, überlegte Lolly, wäre die Scheidung vielleicht nicht so ein Schock für mich gewesen.

„Als meine Mutter herausfand, dass ich wegen meines Vaters kostenlos hierherkommen konnte“, erklärte Connor, „war mein Schicksal besiegelt.“

Lolly setzte die Fakten in ihrem Kopf zusammen, wie ein Detektiv. Wenn er umsonst hier war, hieß das, dass er ein sogenannter Stipendiumscamper war. Jedes Jahr konnten bedürftige Kinder dank eines von ihren Großeltern ins Leben gerufenen Programms kostenlos am Camp teilnehmen. Es waren Kinder, die ein hartes Leben hatten und „gefährdet“ waren, auch wenn sie nicht genau wusste, was das bedeuten sollte.

Im Camp zogen sich alle gleich an, wohnten, schliefen und aßen gleich. Man sollte nicht wissen, ob das Kind neben dir am Tisch ein Crackbaby oder ein saudischer Prinz war. Manchmal war es trotzdem offensichtlich. Die Stipendiumskinder sprachen anders und sahen auch oft anders aus. Einige verrieten ihre schlechten Zähne, andere ihre mangelnden Umgangsformen. Manchmal war auch eines dabei, das wie Connor diesen harten, gefährlichen Ausdruck hatte, der die anderen warnte, dass er keine Almosen brauchte. An ihm war nichts Bedürftiges, kein Anzeichen dafür, dass er „gefährdet“ war. Außer dieser Schmerz in seinen Augen, als sie seinen Vater einen Alkoholiker genannt hatte.

„Ich komme mir total bescheuert vor“, wiederholte sie. „Und ich fühle mich schrecklich. Ich hätte nichts sagen sollen.“

„Stimmt. Das hättest du nicht. Du verrücktes Huhn. Kein Wunder, dass du einen Therapeuten brauchst.“ Er stieß seinen Stock energisch in die Erde und zog das Tempo an. Es sah so aus, als wenn er nicht mehr mit ihr reden würde. Nie wieder.

Na gut, dachte sie. Sie hatte es vermasselt, so wie sie es immer tat, wenn es um andere Kinder ging. Und er würde sehr wahrscheinlich dafür sorgen, dass alle Welt davon erfuhr. Er würde vermutlich erzählen, dass sie wegen der Scheidung ihrer Eltern so sehr ausgeflippt war, dass sie zur Therapie musste. Und bestimmt würde er auch erzählen, dass er sie hatte weinen sehen. Sie hatte sich einen Feind fürs Leben geschaffen.

Sie trottete weiter und fühlte sich mit jedem Schritt verschrobener und verschwitzter. Du bist so eine Idiotin, Lolly Bellamy, verfluchte sie sich innerlich. Jedes Jahr kam sie mit lächerlich hohen Erwartungen ins Camp Kioga. Dieses Jahr wird es anderes sein. Diesen Sommer werde ich Freunde finden, eine Sportart erlernen, mein eigenes Leben leben – nur diese eine Mal.

Aber sobald sie auf dem Weg hierher war, warf sich jedes Mal die Realität dazwischen. Einfach nur die Stadt zu verlassen bedeutete nicht, auch die Unzufriedenheit zurückzulassen. Die folgte ihr wie ein Schatten, der sich je nach Lichteinfall zusammenzog oder ausweitete.

Sie und Connor Davis waren die Letzten, die den Gipfel erreichten. Alle anderen hatten sich schon um die Feuerstelle versammelt, in der allerdings kein Feuer brannte, weil es noch sonnig und heiß war. Die Camper saßen auf den riesigen alten Baumstämmen. Einige davon lagen schon so lange hier, dass sich Sitzmulden in sie hineingesessen hatten.

Die Chefbetreuer der Eagle Lodge waren dieses Jahr Rourke McKnight und Gabby Spaulding, die perfekt ins Camp Kioga passten. Sie waren süß und selbstbewusst, und beide waren ehemalige Camper. Jetzt, wo sie beide aufs College gingen, verkörperten sie das, was Nana und Granddad den „Kioga-Korpsgeist“ nannten. Sie kannten die Regeln des Camps, konnten Erste Hilfe leisten, einige Worte Algonquin sprechen und kannten alle der Menschheit bekannten Lagerfeuerlieder auswendig. Außerdem wussten sie, wie man einen Camper mit Heimweh tröstete. Vor allem unter den Fledglings war Heimweh eine wahre Seuche.

In der guten alten Zeit war Heimweh kein Problem gewesen, weil die Hütten da an Familien vermietet worden waren. So funktionierte das Camp damals. Sobald die Schule im Sommer aus war, zogen die Mütter mit ihren Kindern in die Bungalows, und an den Wochenenden kamen die Daddys mit dem Zug aus der Stadt zu Besuch. Daher stammt der Begriff „Bungalow-Kolonie“. Eine Kolonie bestand aus mehreren, nah beieinanderstehenden Bungalows. Nana hatte erzählt, dass viele Familien jedes Jahr wiedergekommen waren. Zwischen den Campfamilien entstanden teilweise tiefe Freundschaften, auch wenn sie sich nur im Sommer trafen, und man freute sich das ganze Jahr über auf die nächste Saison.

Nana hatte Fotos aus diesen Tagen, und es sah aus, als wäre es eine sehr glückliche Zeit gewesen, die da in schwarzweißen Fotografien mit Büttenrand festgehalten worden waren. Die Bilder klebten in dicken Fotoalben, die bis zum Anfang aller Zeiten zurückreichten. Die Väter rauchten Pfeife und tranken Longdrinks, während sie sich lässig auf ihre Tennisschläger stützten. In der Nähe saßen die Frauen mit ihren Kopftüchern und Matrosenblusen und sonnten sich in den geflochtenen Liegestühlen, während die Kinder alle zusammen spielten.

Lolly wünschte, das echte Leben wäre so. Aber das ging heutzutage natürlich nicht mehr. Frauen hatten eigene Karrieren, und viele von ihnen hatten gar keinen Ehemann mehr.

Daher wohnten nun die Betreuer in den Bungalows. Frisch geschrubbte, enthusiastische Collegekids am Tag, wüste Partymacher in der Nacht. Letzten Sommer hatten Lolly und drei ihrer Cousinen – Ceci, Frankie und Dare – sich nach dem Lichtausschalten noch einmal rausgeschlichen, um die Betreuer zu beobachten. Erst wurde getrunken. Dann kam das Tanzen. Eine ganze Reihe Pärchen fing an, miteinander rumzumachen – auf der Veranda, in den Liegestühlen, sogar mitten auf der Tanzfläche. Ceci, die älteste der Cousinen, hatte einen tiefen Seufzer ausgestoßen und geflüstert: „Ich kann es kaum erwarten, bis ich alt genug bin, um auch Betreuerin zu sein.“

„Igitt“, hatten Lolly und die beiden jüngeren Cousinen gleichzeitig gesagt und ihren Blick abgewandt.

Jetzt war ein Jahr vergangen, und Lolly konnte den Seufzer etwas besser verstehen. Die Luft zwischen Rourke und Gabby schien zu knistern. Es war schwer zu erklären, aber leicht zu erkennen. Sie konnte sie sich gut gemeinsam in den Angestelltenunterkünften vorstellen, wie sie zusammen tanzten und flirteten und herummachten.

Sobald das Durchzählen ergeben hatte, dass alle anwesend waren, holte Rourke seine Gitarre heraus (es gab immer eine Gitarre), und sie sangen gemeinsam Lieder. Lolly war erstaunt, was für eine schöne Stimme Connor hatte. Die meisten Jungs nuschelten so vor sich hin und trafen kaum einen Ton, aber nicht so Connor. Er schmetterte „We Are the World“ nicht gerade angeberisch, aber doch mit dem Selbstbewusstsein eines Popstars. Als einige der Kinder ihn anstarrten, zuckte er nur mit den Schultern und sang weiter.

Einige der Mädchen schauten ihn aus weit aufgerissenen Augen bewundernd an. Okay, also bildete Lolly sich das nicht nur ein. Er war so süß, wie sie dachte. Schade, dass er so ein Idiot war. Und noch mehr schade, dass sie es sich mit ihm so vermasselt hatte.

Dann war es an der Zeit für die Vorstellungen, die genauso langweilig verliefen, wie sie befürchtet hatte. Jeder Partner sollte aufstehen und drei Dinge über die Person sagen, mit der er den Berg hinaufgestiegen war. Die Idee dahinter war, dass Fremde durch ein gemeinsam erlebtes Abenteuer zu Freunden wurden.

Mist, dachte sie. Connor und sie hatten sich gar nicht erst die Mühe gemacht, irgendetwas über den anderen in Erfahrung zu bringen, außer dass sie Feinde waren. Sie wusste nicht, wo er lebte – okay, in einem Trailer, aber wo stand der? – und auch nicht, ob er Geschwister hatte oder welche Eiscremesorte er am liebsten mochte.

In dieser Gruppe gab es keine Überraschungen. Jeder besuchte die exklusivste Schule der Welt, von den Vereinigten Staaten über England bis zur Schweiz. Jeder hatte ein Pferd oder eine Jacht oder ein Haus in den Hamptons.

Wie unglaublich originell, dachte sie. Wenn das Interessanteste an einem Kind war, welche Schule es besuchte, musste es sich um eine ziemlich langweilige Person handeln. Es war ein bisschen interessant, dass ein Junge namens Tarik auf eine muslimische Schule ging, und das Mädchen Stormy von ihren Eltern, die Zirkusartisten waren, zu Hause unterrichtet wurde. Aber alles andere war gähnend langweilig.

Die anderen dargebotenen Fakten waren genauso ermüdend oder überheblich, manchmal auch beides. Der Vater eines Kindes war ein Verleger, der sämtliche A-Promis als Kurzwahl in seinem Handy eingespeichert hatte. Ein anderes Mädchen hatte einen Tauchschein. Einige stammten aus Familien, die Preise gewonnen hatten – Pulitzer, Oscar, Clio. Die Kinder zeigten diese Auszeichnungen vor, als wären es Pfadfinderabzeichen. Es war unschwer zu erkennen, dass sie dabei auch gerne etwas dicker auftrugen, um die anderen zu übertrumpfen.

Während Lolly ihnen allen zuhörte, reifte in ihr ein Entschluss – eine Lüge funktionierte besser als die Wahrheit.

Nun war sie an der Reihe. Sie stand auf, und Connor und sie warfen sich durch zusammengekniffene Augen eine stumme Warnung zu. Er wusste genug über sie, um sie zu demütigen, wenn er wollte. Das war das Problem daran, jemandem etwas Privates und Wahres zu erzählen. Genauso gut konnte man ihm eine Waffe reichen und gucken, ob er den Abzug betätigen würde. Sie hatte keine Ahnung, was er der Gruppe erzählen würde. Sie wusste nur, dass sie ihm reichlich Munition geliefert hatte, die er gegen sie verwenden konnte.

Sie war als Erste an der Reihe. Nach einem tiefen Atemzug legte sie einfach los, ohne dass sie überhaupt wusste, was sie sagen wollte.

„Das hier ist Connor, und er ist das erste Mal in Camp Kioga. Er …“ Sie dachte über das nach, was sie wusste. Er war aufgrund eines Stipendiums hier, und sein Vater trank. Seine Mutter hatte gerade neu geheiratet, und sein Stiefvater war gemein, weshalb Connor den Sommer über weggeschickt worden war. Lolly wusste, dass sie mit wenigen Worten die Waffe auf ihn richten könnte. Sie könnte aus ihm vielleicht sogar ein Kind machen, mit dem niemand befreundet sein wollte.

Sie fing seinen Blick auf und wusste, dass er das Gleiche über sie dachte.

„Er tut Ketchup auf alles, was er isst, sogar auf sein Frühstück“, fuhr sie fort. „Seine Lieblingsband sind die Talking Heads. Und beim Basketball Mann gegen Mann gewinnt er immer.“ Das Letzte war geraten, aufgrund seiner Größe und weil er Chuck-Taylor-Turnschuhe trug. Und er schien schnell zu sein und hatte große Hände. Sie riet eigentlich bei allem, wenn sie ehrlich war, aber er widersprach ihr nicht.

Dann war Connor an der Reihe. „Das ist Lolly.“ Er ließ ihren Namen wie eine Beleidigung von seinen Lippen rollen.

Der Moment der Wahrheit, dachte sie und rückte ihre Brille zurecht. Er könnte sie ruinieren. Sie hatte auf dem Weg hier rauf zu viel von sich gezeigt. Er räusperte sich, strich sich das Haar aus den Augen und nahm eine trotzige Pose ein. Sein Blick wanderte über sie – wissend, verächtlich –, und er räusperte sich noch einmal. Die anderen Camper, die die meiste Zeit über unruhig gewesen waren, kamen langsam zur Ruhe. Es gab keinen Zweifel daran, dass der Junge Präsenz hatte und die Aufmerksamkeit einforderte wie ein gebieterischer Lehrer oder ein Schauspieler im Theater.

Ich hasse das Camp, dachte sie mit einer Inbrunst, die ihr die Hitze in die Wangen trieb. Ich hasse es, und ich hasse diesen Jungen, und er steht kurz davor, mich zu zerstören.

Connor räusperte sich zum dritten Mal und ließ seinen Blick über die versammelten Kinder wandern.

„Sie liebt es zu lesen, spielt wirklich gut Klavier und will dieses Jahr besser schwimmen lernen.“

Sie setzten sich wieder und schauten einander nicht mehr an – außer ein Mal. Und als ihre Blicke sich trafen, stellte sie überrascht fest, dass sie beide beinahe lächelten.

Okay, gestand sie sich ein, er hat sich also dafür entschieden, mich dieses Mal nicht zur Schlachtbank zu führen oder für Zielübungen zu missbrauchen. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl, diesen Jungen zu mögen, und dem, ihn nicht leiden zu können. Aber einer Sache war sich Lolly sicher. Sie hasste das Sommercamp, und es war ihr sogar egal, dass es ihren Großeltern gehörte. Sie würde nie wieder hierherkommen, solange sie lebte. Niemals.

Einladung

Um die Ehre Eurer Anwesenheit wird gebeten von

Jane und Charles Bellamy

aus Anlass ihres

50. Hochzeitstages.

Ihr habt unser Leben mit Eurer Freundschaft und Liebe

bereichert.

Und nun möchten wir Euch einladen,

gemeinsam mit uns unsere

goldene Hochzeit zu feiern.

Am Samstag, den 26.August 2006,

Camp Kioga, RR #47, Avalon,

Ulster County, New York

Für rustikale Unterbringung ist gesorgt.

2. KAPITEL

O livia Bellamy legte die geprägte Einladung zur Seite und lächelte ihre Großmutter über den Tisch hinweg an. „Was für eine hübsche Idee“, sagte sie. „Meinen herzlichsten Glückwunsch an dich und Granddad.“

Nana drehte den Teller mit den sorgfältig gestapelten kleinen Sandwiches und Kuchen. Egal was in ihrem Leben sonst los war, einmal im Monat trafen sich Großmutter und Enkeltochter zum Tee im Astor Court des Saint Regis Hotels in der Innenstadt. Sie taten das schon seit Jahren, seit Olivia eine pummelige, mürrische Zwölfjährige gewesen war, die dringend etwas Aufmerksamkeit benötigte. Und auch heute noch hatte es was Beruhigendes, in die luxuriöse Umgebung aus eleganten Möbeln, Topfpalmen und leiser Hafenmusik einzutauchen.

Nana entschied sich für eine Gurkenscheibe, garniert mit einem Röschen aus Lachsmousse. „Danke dir. Es sind noch drei Monate bis zum Hochzeitstag, aber ich bin schon ganz aufgeregt.“

„Warum habt ihr euch für Camp Kioga entschieden?“ Olivia spielte mit dem Tee-Ei. Sie war seit dem letzten Sommer vor dem College nicht mehr dort gewesen. Freiwillig hatte sie die ganzen Ängste und Dramen hinter sich gelassen.

„Camp Kioga ist für Charles und mich ein ganz besonderer Ort.“ Nun griff Nana nach einem klitzekleinen Sandwich mit Trüffelbutter. „Dort haben wir uns zum ersten Mal getroffen, und dort haben wir auch geheiratet, in dem kleinen Pavillon auf Spruce Island mitten im Willow Lake.“

„Du machst Witze. Das wusste ich ja gar nicht. Warum hast du das nie erzählt?“

„Vertrau mir, mit dem, was du alles nicht über diese Familie weißt, könntest du Bände füllen. Charles und ich waren wie Romeo und Julia.“

„Diese Geschichte hast du mir nie erzählt. Was ist damit los, Nana?“

„Nichts ist los. Die meisten jungen Leute interessieren sich doch nicht die Bohne dafür, wie ihre Großeltern sich getroffen und geheiratet haben. Das sollten sie auch gar nicht.“

„Ich interessiere mich jetzt aber die Bohne dafür“, erwiderte Olivia. „Also los, raus damit.“

„Das ist alles schon so lange her und erscheint mir jetzt so trivial. Weißt du, meine Eltern – die Gordons – und die Bellamys kamen aus zwei verschiedenen Welten. Ich wuchs in Avalon auf und habe die Stadt das erste Mal besucht, als ich schon verheiratet war. Die Eltern deines Großvaters haben sogar damit gedroht, die Hochzeit zu boykottieren. Sie waren entschlossen, ihren Sohn eine gute Partie machen zu lassen. Damals bedeutete das, jemanden mit einem gewissen Status zu heiraten. Nicht irgendein Mädchen aus den Bergen.“

Olivia war überrascht, einen Hauch Schmerz in den Augen ihrer Großmutter aufblitzen zu sehen. Wie es aussah, verheilten manche Wunden nie. „Das tut mir leid“, sagte sie.

Nana bemühte sich sichtlich, ihre Stimmung abzuschütteln. „Damals gab es noch ein stark ausgeprägtes Klassenbewusstsein.“

„Das gibt es heute noch“, sagte Olivia sanft.

Nana hob die Augenbrauen, und Olivia wusste, dass sie besser das Thema wechseln sollte, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte zu erklären, was sie mit ihrer Bemerkung gemeint hatte. Sie schaute demonstrativ auf die Teekanne. „Ist er jetzt fertig?“

Sie teilten sich traditionell eine Kanne Lady Grey, der einen Hauch Lavendel und Bergamotte mit sich trug. Olivias Großmutter nickte und schenkte ihnen ein. „Wie auch immer“, fuhr sie dann fort. „Du hast wichtigere Themen als meine uralten Geschichten.“ Hinter den Gläsern ihrer modischen schwarzpinken Brille funkelten ihre Augen, und für einen Moment sah sie um Jahre jünger aus. „Es ist allerdings eine wahrhaft prachtvolle Geschichte. Ich bin mir sicher, dass du sie diesen Sommer zu hören bekommst. Wir hoffen, dass alle kommen und schön lange bleiben. Charles und ich werden unser Gelöbnis in dem Pavillon erneuern, auf genau der gleichen Stelle, wo wir es zum ersten Mal gesprochen haben. Wir werden die Hochzeit so weit es geht nachstellen.“

„Oh Nana. Das ist … so zauberhaft.“ Tief in ihrem Inneren krümmte Olivia sich zusammen. Sie war sicher, dass das idyllische Bild, das ihre Großmutter im Kopf hatte, nicht mehr im Geringsten mit der Realität übereinstimmte. Das Camp hatte seinen Betrieb vor neun Jahren eingestellt und lag seitdem brach. Eine kleine Gruppe Menschen kümmerte sich gerade ausreichend darum, dass es erhalten blieb. Sie mähten den Rasen und sorgten dafür, dass die Gebäude nicht zusammenfielen. Einige der Bellamy-Cousinen nutzten den Ort für Familientreffen oder Ferien, aber Olivia nahm an, dass das Camp selber inzwischen zerfallen war. Ihre Großeltern wären von dem Ort der Feier ihrer goldenen Hochzeit sicherlich enttäuscht.

„Weißt du“, Olivia beschloss, diplomatisch vorzugehen. „Einige eurer Freunde sind nicht mehr die Jüngsten. So weit ich mich erinnere, ist das Camp nicht für Rollstuhlfahrer ausgelegt. Ich denke, es würden mehr Menschen zusagen, wenn ihr im Waldorf-Astoria oder hier im Saint Regis feiern würdet.“

Nana nippte an ihrem Tee. „Darüber haben Charles und ich auch schon gesprochen, und wir sind zu dem Entschluss gekommen, es so zu machen, wie wir es gerne möchten. So sehr wir unsere Familie und Freunde lieben, unsere goldene Hochzeit soll so sein, wie wir sie uns vorstellen. So war unsere Hochzeit, und genau so wird es auch fünfzig Jahre später sein. Wir haben uns für Camp Kioga entschieden. Auf diese Weise wollen wir feiern, was wir in der Vergangenheit waren und was wir hoffentlich für den Rest unseres Lebens sein werden: ein glückliches Paar.“ Ihre Tasse klirrte leicht, als sie sie auf die Untertasse stellte. „Es wird unser Abschied vom Camp sein.“

„Wie meinst du das?“

„Unsere goldene Hochzeit wird die letzte Veranstaltung im Camp Kioga. Danach müssen wir entscheiden, was mit dem Grundstück geschehen soll.“

Olivia runzelte die Stirn. „Nana? Habe ich das gerade richtig verstanden?“

„Ich schätze ja. Es ist an der Zeit. Wir müssen uns etwas überlegen. Es handelt sich um vierzig Hektar erstklassiges Land, das sich seit 1932 im Besitz meiner Familie befindet. Wir hoffen, dass wir es irgendwie für die Familien unserer Kinder bewahren können.“ Sie schaute Olivia demonstrativ an. „Oder unserer Enkel. In diesem Leben ist nichts sicher, aber wir hoffen, dass das Grundstück nicht an einen Bauunternehmer verkauft wird, der darauf Straßen und Parkplätze baut und reihenweise diese grauenhaften Fertighäuser hinstellt.“

Olivia wusste nicht, warum der Gedanke, dass ihre Großeltern sich von dem Land trennen wollten, sie so wehmütig stimmte. Sie mochte die Gegend noch nicht einmal. Sie mochte die Vorstellung vom Camp, aber nicht die Realität. Nanas Vater hatte das Grundstück während der Großen Depression als Bezahlung für eine Schuld erhalten und selber ausgebaut. Den Namen Kioga hatte er gewählt, weil er dachte, es wäre das Wort der Algonquin für „Ruhe“, doch später erfuhr er, dass es gar keine Bedeutung hatte. Nachdem das Camp 1997 geschlossen worden war, war niemand der Bellamys mit dem Wunsch vorgetreten, es weiterführen zu wollen.

Ihre Großmutter nahm sich ein mit Schokoladencreme gefülltes Hörnchen. „Wir werden nach der Feier ausführlich darüber sprechen. Es ist besser, wenn wir alles rechtzeitig klären, damit niemand eine Entscheidung treffen muss, wenn wir mal nicht mehr sind.“

„Ich hasse es, wenn du so redest. Du bist achtundsechzig Jahre alt und hast gerade an einem Senioren-Triathlon teilgenommen …“

„Den ich nicht geschafft hätte, wenn du nicht gemeinsam mit mir trainiert hättest.“ Jane tätschelte die Hand ihrer Enkeltochter. Dann wurde ihr Blick mit einem Mal nachdenklich. „So viele wichtige Ereignisse meines Lebens haben dort stattgefunden. Das Camp hat meine Familie während der Großen Depression gerade so über Wasser gehalten. Nachdem Charles und ich geheiratet haben und das Camp übernahmen, wurde es ein Teil dessen, was wir waren.“

Das ist so typisch für Nana, überlegte Olivia. Sie sieht immer zu, wie sie an Dingen festhalten kann, selbst wenn sie besser daran täte, loszulassen.

„Nun ja, das ist alles Zukunftsmusik.“ Nana schüttelte die düstere Stimmung ab und zog mit neuem Elan einige Seiten Papier hervor, die sie offensichtlich von Olivias Website ausgedruckt hatte. „Wir haben Geschäftliches zu besprechen. Ich möchte, dass du das Camp für die große Feier vorbereitest.“

Olivia stieß ein kurzes Lachen aus. „Das kann ich nicht, Nana.“

„Unsinn. Hier steht, dass du sämtliche Dienstleistungen anbietest, die man benötigt, um eine Immobilie für den optimalen Marktauftritt vorzubereiten.“

„Das heißt doch nur, dass ich Häuser aufhübsche, damit man sie besser verkaufen kann“, erwiderte Olivia. Einige der Designer in ihrem Betätigungsfeld sträubten sich gegen den Ausdruck, der tatsächlich ein wenig Würde vermissen ließ. Sie bevorzugten die Begriffe „Dekorateur“ oder „Immobilienaufwerter“. Aufhübscher klang … nun, ein wenig puffig.

Aber der Begriff erklärte ziemlich gut, was sie tat. Auf einem Gebiet, auf dem die Menschen versuchten, ihre Immobilien so gut wie möglich aussehen zu lassen, war Olivia die Meisterin der Illusion. Eine wahre Künstlerin der Täuschung. Eine Immobilie unwiderstehlich aussehen zu lassen war normalerweise eine einfache, wenig Kosten verursachende Angelegenheit. Sie nutzte dafür die Dinge, die der Verkäufer schon besaß, und stellte sie auf neue Art zusammen.

Sie liebte ihren Job und war gut darin. Langsam hatte sie sich einen Ruf aufgebaut, und in einigen Teilen Manhattans dachten Makler gar nicht mehr daran, eine Wohnung anzubieten, bevor sie nicht von Olivia Bellamy aufgehübscht worden war. Doch die Arbeit bot auch gewisse Herausforderungen. Seitdem Olivia ihre eigene Firma Transformations gegründet hatte, hatte sie gelernt, dass zu dem Job mehr gehörte als nur die Blumen zu gießen, alles weiß zu streichen und die Brotbackmaschine anzuwerfen, um einen heimeligen Duft zu verbreiten.

Ein Projekt in der Größe von Camp Kioga jedoch gehörte bisher nicht zu ihrem Erfahrungsschatz.

„Du sprichst von Hunderten Quadratmetern Wildnis, die einhundertfünfzig Meilen von hier entfernt liegen. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte.“

„Ich schon.“ Jane schob ihr ein altmodisches, ledergebundenes Fotoalbum über den Tisch zu. „Jeder hat eine Vorstellung von einem Sommercamp im Kopf, egal, ob er früher selber eines besucht hat oder nicht. Du musst diese Illusion einfach nur zum Leben erwecken. Hier sind für den Anfang einige Bilder, die im Laufe der Jahre aufgenommen wurden.“

Die meisten Fotos zeigten rustikale Hütten, die sich am Rande eines Sees inmitten eines unberührten Waldes drängten. Olivia musste zugeben, dass sie eine friedvolle Atmosphäre ausstrahlten. Nana hatte recht mit der Illusion – oder vielleicht handelte es sich eher um eine Irreführung. Olivia hatte schreckliche Zeiten im Sommercamp erlebt. Und doch steckte irgendwo in ihrem Hinterkopf das Bild eines idealisierten Sommers, ohne spottende Kinder, Sonnenbrände und Mücken.

Ihre Vorstellungskraft setzte ein, wie immer, wenn sie sich eine Immobilie ansah. Trotz ihrer anfänglichen Abneigung stiegen vor ihren Augen sofort Bilder auf, wie sie das Camp in Schuss bringen könnte.

Hör auf, schalt sie sich.

„Ich habe nicht gerade die besten Erinnerungen an meine Sommer dort“, rief sie ihrer Großmutter in Erinnerung.

„Ich weiß, meine Liebe. Aber dieser Sommer könnte die Gelegenheit für dich sein, deine Dämonen auszutreiben. Schaffe dir neue Erinnerungen.“

Interessant. Olivia hatte nie geahnt, dass ihre Großmutter von ihrem Leiden gewusst hatte. Warum hast du ihm nicht Einhalt geboten? wollte sie fragen.

„Dieses Projekt würde vermutlich den ganzen Sommer über dauern. Ich bin nicht sicher, ob ich so lange fort sein möchte.“

Nana hob eine Augenbraue hoch über den Rand ihrer Brille. „Warum?“

Olivia konnte es nicht länger für sich behalten. Die nächsten Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. „Weil ich glaube, dass ich einen Grund habe, zu bleiben.“

„Könnte es sich bei diesem Grund um einen Brad-Pitt-Doppelgänger mit Harvarddiplom handeln?“

Tief einatmen, Olivia, ermahnte sie sich. Du hast das schon einmal erlebt, und du bist auch schon einmal enttäuscht worden. Geh es langsam an. Aber das konnte sie natürlich nicht. Sie rutschte vor Aufregung beinahe vom Stuhl, als sie sagte: „Ich denke, Rand Whitney wird mich fragen, ob ich ihn heiraten will.“

Nana setzte ihre Brille ab und legte sie auf den Tisch. „Oh, meine liebste Olivia.“ Sie tupfte sich mit der Serviette die Augenwinkel.

Olivia war froh, es Nana erzählt zu haben. Es gab einige Familienmitglieder, die skeptischer reagieren würden. Ihre Mutter hätte sie zum Bespiel bestimmt schnell daran erinnert, dass Olivia in ihrem reifen Alter von siebenundzwanzig bereits zwei geplatzte Verlobungen vorweisen konnte.

Als wenn sie das je vergessen würde.

Sie schob den Gedanken beiseite und fügte hinzu: „Er verkauft sein Apartment in der Innenstadt. Das ist auch mein aktuellstes Projekt. Ich muss heute Nachmittag alles noch ein letztes Mal überprüfen, weil es morgen auf den Markt kommt. Wenn er vom Flughafen heimkommt, werde ich da sein und auf ihn warten. Er war die ganze Woche in der Zweigstelle seiner Firma in L.A. Er sagte, wenn er zurückkommt, wird er mich fragen.“

„Ob du ihn heiraten willst.“

„Das nehme ich an.“ Olivia spürte ein leichtes Unbehagen in ihrem Magen aufflackern. So genau hatte er es nicht gesagt.

„Dann ist es gut, dass er seine Wohnung verkaufen will?“

Olivia strahlte über das ganze Gesicht. „Er sucht nach etwas Passendem auf Long Island.“

„Oh. Das klingt ganz so, als wäre er bereit, sesshaft zu werden.“

Olivias Lächeln wurde noch breiter. „Du verstehst jetzt sicherlich, warum ich über dein Angebot nachdenken muss?“

„Natürlich, meine Liebe.“ Jane bedeutete dem Ober mit einer eleganten Geste, die jeden Kellner eilen ließ, dass sie zahlen wollte. „Ich hoffe, dass sich für dich alles perfekt entwickelt.“

Als sie die Stufen zu Rands Apartment in der Nähe des Gramercy Parks hinaufeilte, fühlte Olivia sich wie das glücklichste Mädchen der Welt. Hier war sie nun und genoss das seltene Privileg, die Szenerie ihrer eigenen Verlobung bis ins kleinste Detail herzurichten. Wenn Randall Whitney sie fragen würde, ob sie ihn heiraten wolle, würde er das an einem Ort tun, den ihre Vorstellungskraft und harte Arbeit erschaffen hatten. Oft war es in diesen Situationen Aufgabe des Mannes, für den rechten Rahmen zu sorgen, und genauso oft versagte er darin.

Aber nicht dieses Mal, dachte Olivia und genoss das freudige Prickeln der Aufregung. Dieses Mal wäre alles genau richtig.

Anders als bei den anderen Malen. Die Verlobung mit Pierce hatte von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden. Eine Tatsache, die Olivia so lange ignoriert hatte, bis sie ihn mit einem fremden Mädchen unter der Dusche vorfand. Mit Richard war der Moment der Demütigung gekommen, als sie ihn dabei erwischte, wie er mit ihrer Kreditkarte Geld von ihrem Konto stahl. Diese zwei Fehlschläge hatten sie an ihrem Urteilsvermögen zweifeln lassen … bis Rand gekommen war. Dieses Mal würde es nicht schiefgehen.

Sie öffnete die Eingangstür, drehte sich um und stellte sich vor, wie das Apartment durch Rands Augen betrachtet aussehen würde. Perfekt, dachte sie. Die Wohnung war der Inbegriff von Luxus, schlicht, aber nicht steril (auch wenn sie hier so gründlich sauber gemacht hatte, dass man ohne Bedenken eine Herztransplantation durchführen könnte), geschmackvoll, aber nicht zu offensichtlich dekoriert (obwohl sie Tage damit verbracht hatte, es genau so aussehen zu lassen).

Auf der Taxifahrt hierher war Olivia das Szenario in ihrem Kopf wieder und wieder durchgegangen, bis sie vor Erwartung ganz aufgeregt war. In weniger als einer Stunde würde Rand durch die Tür kommen und die ideale Kulisse betreten. Er würde sich vielleicht nicht auf ein Knie hinunterlassen, das war nicht sein Stil. Stattdessen würde er dieses verwegene „Ich hab ein Angebot für dich“-Grinsen tragen, in die Tasche seines Jacketts greifen und eine glänzend schwarze Schachtel mit dem smaragdförmigen Logo von Harry Winston hervorholen. Rand war immerhin ein Whitney.

Sie zwang sich, sich so würdevoll wie möglich zu bewegen und ging zum Sideboard hinüber, um den Winkel der in einem mit Eis gefüllten Kühler steckenden Champagnerflasche zu überprüfen. Das Label musste man nicht zur Gänze sehen. Jedes geübte Auge erkannte die Marke Dom Perignon allein an der Silhouette.

Sie schenkte sich nur einen Blick – einen halben – in dem Spiegel über dem Sideboard, das eigentlich eine japanische Tansu-Kommode war, die sie von einem Möbelhaus geliehen hatte. Spiegel waren in ihrem Arbeitsgebiet wichtig. Nicht um sich selber darin zu betrachten, sondern um Licht, Weite und Ambiente in Räumen zu schaffen – und zwischendurch kurz zu überprüfen, ob man auch keinen Lippenstift auf den Zähnen hatte. Alles, was darüber hinausging, war reine Zeitverschwendung.

Dann sah sie es – den Hauch einer Bewegung im Spiegel. Noch während der Schrei sich in ihrer Kehle aufbaute, schnappte sie sich die Champagnerflasche und wirbelte herum, bereit, zuzuschlagen.

„Ich wollte schon immer mal eine Flasche Blubberwasser mit dir teilen, Darling“, sagte Freddy Delago. „Aber vielleicht überlässt du das Öffnen lieber mir.“

Ihr bester Freund, unglaublich gut aussehend, auch wenn er eine Schürze und einen Staubwedel trug, kam von der anderen Seite des Raumes auf sie zu und nahm ihr die Flasche ab.

Sie entriss sie ihm wieder und steckte sie zurück in den Eiskühler. „Was tust du hier?“

„Ich erledige nur die letzten Kleinigkeiten. Ich habe den Schlüssel aus deinem Büro und bin direkt hierhergekommen.“

Ihr „Büro“ war eine Ecke ihres Wohnzimmers in ihrer Wohnung in Downtown Manhattan. Freddy hatte einen Schlüssel, aber das hier war das erste Mal, dass er dieses Privileg missbraucht hatte. Er nahm die Schürze ab. Darunter trug er eine Cargohose, Arbeitsstiefel und ein enges Spamalot-T-Shirt. Seine Haare hatten weißblonde Spitzen und einen stylischen Schnitt. Freddy war Bühnenbildner und angehender Schauspieler. Er war außerdem Single, wohl erzogen, und er hatte einen ausgezeichneten Geschmack, was Kleidung anging. Alles Gründe, um anzunehmen, dass er schwul war. Aber das war er nicht. Er war nur einsam.

„Ich verstehe. Du hast mal wieder deinen Job verloren.“ Sie schnappte sich das Tuch aus seiner hinteren Hosentasche und trocknete die Wassertropfen von dem verschütteten Eis.

„Woher weißt du das?“

„Du arbeitest für mich. Das machst du nur, wenn du nichts Besseres zu tun hast.“ Mit einem Blick durch das Apartment stellte sie fest, dass er einen fabelhaften Job gemacht hatte, ihrem Design den letzten Schliff zu verpassen. Das war immer so. Sie fragte sich, ob ihre Freundschaft sich verändern würde, sobald sie verheiratet wäre. Rand hatte Freddy von Anfang an nicht gemocht; ein Gefühl, das auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie hasste es, dass ihre Loyalität zu dem einen sich wie ein Verrat an dem anderen anfühlte.

„Die Finanzierung der Show, an der ich gearbeitet habe, ist zusammengebrochen. Ich hasse es, wenn das passiert.“ Auch wenn er ein talentierter Bühnenbildner war, neigte Freddy dazu, sich von Shows anwerben zu lassen, die nur ein geringes bis gar kein Budget hatten. Das führte dazu, dass er oft von jetzt auf gleich ohne Arbeit dastand. Was wiederum Glück für Olivia war, denn er war ein Weltklasse-Tischler, Maler und überhaupt rundum kreatives Talent. „Bevor ich es vergesse“, sagte er mit einem charmanten Lächeln. „Du hast dich mit dieser Wohnung selbst übertroffen. Sie sieht nach einer Million Dollar aus.“

„Eins Komma zwei Millionen, um genau zu sein.“

Er stieß einen leisen Pfiff aus. „Ambitioniert. Hups, ein Spinnenweben.“ Er ging zu dem eingebauten Mediaregal hinüber und strich mit seinem Staubwedel über eine der oberen Ecken. „Und noch mal hups“, fügte er hinzu. „Das hätte ich beinahe vergessen.“

„Was?“

„Die DVD-Sammlung.“

Die schmalen Hüllen und Boxen standen hübsch aufgereiht auf dem Regal. „Was ist damit?“, wollte sie wissen.

„Du machst wohl Witze. Du wirst dieses Apartment niemals verkaufen, wenn man einen direkten Blick auf Moulin Rouge hat.“

„Hey, ich mochte den Film. Er hat vielen Leuten gefallen.“

Freddy war ein Filmnarr. Seine Begeisterung für und sein Wissen um Kinofilme grenzte schon an nervtötenden Snobismus. Er hatte alles, was je auf Zelluloid gebannt worden war, gesehen. Und es vermutlich auch auswendig gelernt. Er machte kurzen Prozess mit dem DVD-Regal, verbannte Moulin Rouge in eine Schublade, zusammen mit Phantom der Oper und Prêt-à-Porter. „Die machen nicht an“, sagte er. „Niemand will ein Geschäft mit einem Kerl abschließen, der sich so einen Müll anschaut.“ Er ging in die Hocke und schaute in das untere Regal, wo die restlichen Filme standen. „Aha, das ist schon besser.“

Die Nachtschwestern von Vegas?“, fragte Olivia. „Flug des Penis? Auf keinen Fall. Du wirst keine Pornos dahin stellen, wo die Leute sie sehen können.“

„Doch“, beharrte Freddy. „Auf sehr subtile Weise sagt das, dass hier ein ganz normaler Typ wohnt, der keine große Show macht. Wieso triffst du dich überhaupt mit einem Mann, der Pornos guckt?“

Die DVDs waren Überbleibsel einer Junggesellenparty, aber sie hatte keine Lust, Freddy das zu erklären. Also lächelte sie nur mysteriös und sagte: „Wer sagt denn, dass Rand der Einzige ist, der hier Pornos guckt?“

„Oh, gönn mir mal ’ne Pause.“

„Das tue ich“, sagte sie. „Ob es mir nun gefällt oder nicht. Wenn du dich das nächste Mal entschließt, wieder für mich zu arbeiten, kläre es doch bitte vorher mit mir ab.“

„Du hättest sowieso Ja gesagt.“ Er steckte den Stiel des Staubwedels in seine hintere Hosentasche. „Du sagst immer Ja. Das ist der andere Grund, warum ich hier bin.“

„Wie soll ich das denn verstehen?“

Sein normalerweise sonniges Lächeln verschwand. Er richtete seinen ernsten Blick aus braunen Augen auf Olivia und sank vor ihr auf ein Knie. Dann griff er in seine Hosentasche und holte eine kleine schwarze Schachtel hervor. „Olivia, ich muss dich etwas fragen.“

„Oh bitte. Soll das ein Witz sein?“ Sie lachte, aber die Ernsthaftigkeit in seinem Blick verstörte sie.

„Ich meine es todernst.“

„Dann steh auf. Ich kann dich nicht ernst nehmen, wenn du so auf dem Boden hockst.“

„Gut. Was immer du willst.“ Mit einem tiefen Seufzer stand er auf und öffnete die Schmuckschachtel. Darin lag ein Paar silberner Ohrringe. An einem hing der Buchstabe N und an dem anderen ein O. „Eine freundliche Erinnerung daran, einfach Nein zu sagen.“

„Komm schon, Freddy.“ Sie gab ihm einen spielerischen Schubs. „Du hast seit dem ersten Tag ein Problem mit Rand. Ich wünschte, du würdest darüber hinwegkommen.“

„Ich bitte dich Livvy. Heirate ihn nicht.“ Er zog sie dramatisch in seine Arme. „Brenn stattdessen mit mir durch.“

„Du bist arbeitslos.“ Sie schob ihn von sich.

„Überhaupt nicht. Ich habe den besten Arbeitgeber der Stadt – dich. Und er ist zu spät, oder? Dieser Halunke. Was für ein Mann kommt zu spät, wenn er die Frage aller Fragen stellen will?“

„Ein Mann, der im Berufsverkehr vom Flughafen in die Stadt steckt.“ Olivia trat ans Fenster und schaute viele Stockwerke hinunter auf die Straße, auf der sich die Taxen so eng drängten, dass es aussah wie ein Fluss voller gelbem Schlamm. „Und niemand sagt heutzutage noch Halunke. Schreib ihn noch nicht ab, Freddy.“

„Entschuldige, du hast recht. Böser Freddy.“ Er tat so, als wolle er sich geißeln. „Ich will nur nicht, dass man dir wehtut.“

Wieder einmal. Er sprach es nicht aus, aber die Worte hingen in dem Schweigen zwischen ihnen.

„Mir geht es gut“, sagte Olivia. „Rand ist nicht wie …“

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