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Verspielte Liebe

Verspielte Liebe

Acht Geschichten zwölfmal verfolgt von Gedichten

Hans Jürgen Kolvenbach

Inhalt

Unbestimmtes Verlangen

Volljährig ins Cabrio, nur weg hier, weg hier

Ein junger Mann mit Zukunft auf der Suche nach einer Begegnung

Eine Frau, frei in der Großstadt, kann eine Begegnung nicht vermeiden

Er und sie begegnen sich

Sie kommt ihm entgegen

Gerne wäre er mit ihr weitergegangen

Sie geht weiter, er will folgen

Die Koffertexte

Aschenputtel, ich bin so frei

Gebrauchsanweisung zu einer Vollzweckautomaticküche

Verlocken

Verschwiegenes trotzdem Liebesgedicht

Beschimpfung

Nach Hause kommen

Dienstlich zu Michael Ende - Amore in più

Auf einer beliebigen Kreuzung zweier Hauptstraßen in Rom

Absage

Lass mich in deinen Schlaf

Im Seitensprung annähern

Ampelgedicht 1

Unentschlossen aufeinander zu

Unerkannt Romy Schneider chauffieren

Aufbruch ohne Wiederkehr?

In unbekannten Umarmungen erwachen

3 Uhr nachts - die Wachlinie ein Grand Lit durchtrennend

Vergangenheit mit der Zukunft drohen

Heiratsanzeige für alle Gelegenheiten

Das Ende von

Im 7. Jahr kennenlernen

Unbestimmtes Verlangen

Ein kleines Mädchen ununterbrochen hüpfend

zu einem etwas größeren Jungen,

unbeholfen um sie herumstehend:

»Wenn du die Augen zumachst,

was du dann siehst,

das gehört alles dir.«

Volljährig ins Cabrio, nur weg hier, weg hier

Die Zurückgebliebenen mussten sie für ein Sonntagskind halten. In keinem ihrer Briefe fehlte der Hinweis auf den Sonntag. Von Werktagen berichtete sie nie. »Morgen ist wieder Sonntag, dann gehe ich in die Stadt tanzen.« »Heute ist wieder Sonntag, ich werde in die Stadt gehen zum Tanzen.« »Leider ist erst Montag, aber wenn wieder Sonntag ist, werde ich in die Stadt gehen, um zu tanzen.« »Heute ist Freitag. Freitag ist ein schöner Tag, da ist nicht mehr lange bis Sonntag, ich denke nur noch ans Tanzen.«

Nichts hatte sie halten können. Ihr Abgang war leichter gewesen als erhofft. Sie hatte sich am ersten Tag ihrer Volljährigkeit aufgemacht, war in das einzige Bankgebäude des Luftkurortes eingedrungen, Volksbank im Fachwerkhaus. Nichts hatte sie mitgenommen, nur ihr kleines Köfferchen im roten Lack der Kindheit. 7.000 hatte sie verlangt. DMark in großen Scheinen. Sie hätte gar nicht nervös sein brauchen. Der Filialleiter hatte ihr das Geld von der Kassiererin vorzählen lassen - »Das Beste, was wir in Deutschland haben. Überall von gleicher Qualität. Wie der Espresso in Italien, die DeMaak« - Nachdem sie sich über seinen Schreibtisch gebeugt und unterschrieben hatte, den Kreditvertrag in dreifacher Ausfertigung, hatte er es sich nicht nehmen lassen, die Kassiererin an ihren Arbeitsplatz zurückzuschicken, überdicht an sie heranzutreten und ihr das Geld eigenhändig in das aufgeklappte Köfferchen zu stapeln.

Er nahm ihre Unterschriften an sich, ohne Fragen zu stellen. Im Luftkurort kannte man sich. Drei Unterschriften hatte sie gegeben. Die nahm er. Das war´s schon.

An der einzigen Tankstelle hatte sie den billigsten Gebrauchten gekauft, aus dem rotlackierten Köfferchen bar bezahlt. Ein Cabrio. Sie hatte das Verdeck zurückgeschlagen. Sie war eingestiegen und ohne sich umzudrehen weggefahren, ab in die Zukunft, erst mal in eine Stadt und dann weitersehen.

Im Rückspiegel schrumpfte nach jeder Kurve, was sie hinter sich ließ, ihren Blick warf sie nicht zurück.

Ein junger Mann mit Zukunft auf der Suche nach einer Begegnung

Sein Vater konnte sich nichts anderes vorstellen, als auf den Sohn zu warten. Der Vater war sicher, dass sein Sohn auch an diesem Wochenende Urlaub bekommen würde.

Als er den Wasserhahn aufdrehte, fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, Polytanol zu kaufen, um die Maulwürfe zu vergasen. Weil es noch nicht dunkel war, legte er die Trauben, die er für seinen Sohn eigens im Hauptbahnhof geholt hatte, im Spülbecken ab, ging in den Garten, nahm einen Spaten und stellte sich zwischen zwei Erdhaufen auf, die ihm der Maulwurf am frühen Morgen durch seinen akkurat geschnittenen Rasen gestoßen hatte. Er hoffte, dass das Tier am Abend erneut aus der Tiefe hervorstoßen würde. Nach kurzer Überlegung trat er dichter an einen der beiden Haufen, drückte beide Arme gegen den Körper. Den Spaten hielt er mit beiden Händen gefasst, versuchte entspannt zu stehen, bereit, zuzustoßen. Er musste immer wieder daran denken, dass sein Sohn in diesem Augenblick volljährig wurde.

Unaufhörlich ließ er die Augen zwischen den zwei frischen Erdhaufen kreisen, bemühte sich, mit den Füßen kein Geräusch in den Boden zu leiten, konnte nicht verhindern, dass die weite Rasenfläche an immer anderen Stellen ins Tanzen zu geraten schien, ließ sich nicht ablenken, lauerte auf die Bewegung des Maulwurfs, hielt unverändert die scharfe Spatenkante über die Erde, braunbröcklige, wartete auf das Auftauchen des Maulwurfs und auf seinen Sohn.

Seine Freundin konnte sich nichts anderes vorstellen, als auf den Freund zu warten. Die Freundin war sicher, dass ihr Freund über das Wochenende Urlaub bekommen würde. Ihr Vater würde sie trotz ihrer endlich erreichten Volljährigkeit in seiner Familie einsperren wollen, selbstherrlich entscheiden, wann sie ihren Freund würde treffen dürfen. Sie wartete auf einen Anlass, aus dem üblichen Familienkaffee abgehen zu können und nahm ihrem Vater übel, dass er diesen Grund nicht liefern wollte. Als sie endlich ihre Chance bekam, erregte ihr wortloser Abgang nicht die gewünschte Bestürzung, die etwas früher mit weniger Aufwand zu erzielen gewesen wäre. Sie warf sich in grenzenloser Verzweiflung über ihr Bett hin, als wäre sie immer noch nicht volljährig. Niemand klopfte gegen ihre verriegelte Türe, auf dem Bett wusste sie nichts mit sich anzufangen, sie setzte sich hoch auf die Fensterbank, stellte das Bild ihres Freundes zu ihren Füßen in die gegenüberliegende Ecke, warf ihren Blick abwechselnd erst auf das Bild und dann in die Tiefe der Straße, die ihren Freund zu ihrem Haus heraufführen musste. Endlich waren sie beide volljährig.

»Er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihm fort.« Die Uniform hatte bisher nicht gebracht, was er sich erhofft hatte, obwohl seine Tage beim Bund gezählt waren. Die Ausgehuniform war grau, selten benutzt, zeigte Kniff, faltenfrei. Seine Jeans waren grau, früher viel herumgekommen, sie waren vom Staub gebleicht und von der Luft, lange nicht gewaschen. Er stand zwischen der Uniform und seinen Jeans und konnte sich nicht entscheiden.

Er legte sich auf sein Bett, blätterte auf dem Kopfkissen aufgestützt in den Magazinen, die er vor den anderen Wehrpflichtigen versteckt hielt. Alles war so still; endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Tür zu der Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuss. Wie er es mit dem Kuss berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn, nur ihn an, aus tiefster Zuneigung.

Er lag auf dem Bett. Die Zeit stand still um seine Bewegung herum. »Liebst du mich nicht am meisten von allen?«, schienen die Augen der kleinen Seejungfrau zu fragen, wenn er sie in seine Arme nahm und ihre schöne Stirn küsste. Immer wenn das Licht nicht senkrecht auf das Hochglanzpapier fallen konnte, schimmerte ihre schöne Stirn in einen unkörperlichen Glanz hinüber. Er drückte dann das Papier fester auf das Bettlaken, und ihr Körper kehrte zurück.

Wenn er die glatten Seiten hochglänzend hin und her blätterte, erhob die kleine Seejungfrau ihre schönen weißen Arme, stieg auf die Fußspitzen und schwebte über den Fußboden hin, tanzte, wie noch keine getanzt hatte; bei jeder Bewegung erregte ihre Schönheit ihn heftiger und ihre Augen sprachen tiefer zum Herzen als der Gesang aller anderen Sklavinnen. Aber auch ihr prall und rund über ihren Fersen sich auswölbender birnensüßer Po sprach wie aus uralten Zeiten zu ihm. Ihre schöne Gestalt, ihr kriechender Gang, ihre sprechenden Augen und der tiefe Spalt, der zwischen den Brüsten und in dem schamlos ausgebreiteten Po so gleichförmig sich dahinzog, damit konnte sie schon ein Menschenherz betören.

»Liebst du mich nicht am meisten von allen?«, schienen die Augen der kleinen Seejungfrau zu fragen, wenn er sie in seine Arme nahm und ihre schöne Stirn küsste.

»Sollte ich einst eine Braut wählen, so würdest du es sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!« Und er küsste ihren roten Mund, spielte mit ihrem lange Haar und legte sein Haupt an ihr Herz, so dass es von Menschenglück und einer unsterblichen Seele zu träumen begann. Als er sich beruhigt, die Zeit aber ihren Gang wieder aufgenommen hatte, sah er, dass er nur am Vierfarbdruck seine Wangen abgerieben hatte, und wusste nicht, was es sollte bedeuten, dass er so traurig war.

Die Uniform hatte bisher nicht gebracht, was er sich erhofft hatte, obwohl seine Tage beim Bund gezählt waren. Die Ausgehuniform war grau, selten benutzt, zeigte Kniff, faltenfrei. Seine Jeans waren grau, früher viel herumgekommen, doch nirgends hängengeblieben, sie waren vom Staub gebleicht und von der Luft, lange nicht gewaschen. Er stand zwischen der Uniform und seinen Jeans und konnte sich nicht entscheiden.

Fuhr er zu seiner Freundin, musste er sofort seinen Vater anrufen, um ihm zu sagen, warum er an diesem Wochenende nicht nach Hause kam. Wenn er zu seinem Vater fuhr, musste er sofort seine Freundin anrufen, um ihr zu sagen, warum er an diesem Wochenende nicht zu ihr nach Hause kam. Beide mochten ihn nur in Zivil sehen. Er entschied sich, gleich gerecht beide zu versetzen, seinen Vater, seine Freundin, es noch einmal mit der Ausgehuniform zu probieren und tanzen zu gehen.

Eine Frau, frei in der Großstadt, kann eine Begegnung nicht vermeiden

Sieben unüberschaubar lange Monate waren vergangen seit ihrem Abgang aus dem täglichen Einerlei ihres Dorfes, da gänzlich unerwartet trat ihr der Kredit aus der Volksbank im Fachwerkstil an einem Samstagnachmittag in menschlicher Gestalt gegenüber. Plötzlich in der 5. Etage bei ihrem Aufstieg durchs Treppenhaus baute sich ein Mann so vor ihr auf, dass sie nicht vorwärts, nicht rückwärts konnte, vor allem aber keine Chance hatte, sich durch einen Sprung über das Treppengeländer ihren Zahlungsverpflichtungen zu entziehen. Der Mann, über unauffälliger grauer Lederkleidung neutral parfümiert, wies sich diplomatisch sachlich als Kollektenboy aus. Sie erinnerte sich. Sie hatte schon häufiger warnende Ratschläge überhört, in denen Kollektenboys nicht unerwähnt geblieben waren. »Und nicht zu vergessen, es gibt ja diese sogenannten Kollekten-Boys, menschliche Schränke, die also an der Tür klingeln und sagen: 'So ich komme vom Inkassobüro soundso oder von der Bank XV und ich sammle jetzt mal Geld ein.' Obwohl sie unerbittlich klingeln, hört sich der Klingelton normal an, statt schrill aufzuschreien.« Der Mann, der ihr den Aufstieg verstellte, bedrohte sie nicht. Er verzichtete sogar darauf, im Treppenhaus größeres Aufsehen zu erregen, und ließ sich darauf ein, sie in ihre Wohnung zu begleiten.

Er nahm keinen Kaffee und keinen Kurzen und warnte sie, ohne irgendeinen Unterton in seine Stimme zu legen, auf keinen Fall Schritte zu unternehmen, die er als Entfernung ohne Abschied hätte interpretieren müssen. Er legitimierte sich durch den Dienstausweis seines Inkassobüros und machte ihr eindringlich klar, dass er und sie, sie und er von jetzt ab kollegial zusammenarbeiten müssten, private Anmache unerwünscht sei und sie beide sich gänzlich in den Dienst der Sache zu stellen hätten. Nach diesem Auftakt, teilte er mit, dass sie von ihm kein intimes Verhör zu befürchten habe, er noch zu anderen Klientinnen müsse und ihr an diesem Tag nur in Kürze die wichtigsten Stationen ihrer Kreditkarriere nach Aktenlage vortragen wolle, außerdem die sich zwangsläufig ergebenden Schlussfolgerungen. Er forderte sie auf, nur dazwischenzureden, wenn ihr eine Angabe falsch erscheine.

Er erinnerte sie daran, dass der Kredit, den sie aus dem Luftkurort mitgebracht habe, ihr eine gute Zeit in der neuen Stadt bereitet habe, sie hingegen nur zögerlich der Verpflichtung nachgekommen sei, ihrerseits den Kredit vertragsgemäß zu bedienen. Der routinemäßig, diplomatisch sachlich hinter seinem Parfumduft vortragende Mann ersparte es sich an dieser Stelle nicht, ausführlich mit genauem Datum aufzulisten, wie sie schon zu Beginn ihrer Kreditkarriere geliehenes Geld nicht fristgerecht in den Luftkurort rücküberwiesen hatte, obwohl die Höhe der Raten hätte leicht zu bedienen gewesen sein müssen. Der Kredit war in dieser Aufbauphase nicht gerade notleidend geworden, aber seine Ansprüche hatte sie auch nicht verkleinern können.

Der Kollektenboy, der inzwischen den Reißverschluss seiner grauen Ledersportjacke fast bis zum Ende aufgezogen hatte, zeigte Verständnis dafür, dass sie nicht vorausgesehen hatte, wie schnell ein himmlisches Großstadtgefühl sich halbieren und eine weltliche Zahl sich verdoppeln kann.

Für unentschuldbar allerdings musste der Kollektenboy halten, dass sie sich auch nach dem Vertrautwerden mit dem Leben in einer Großstadt nicht genötigt gefühlt hatte, sich ihrem Kredit zuzuwenden, selbst zu der Zeit nicht, als dieser so hingebungsbereite Kredit unübersehbar notleidend geworden war. Von Bankcomputern ließ der nur ihr gehörige Kredit sich seit Wochen schon einer unpersönlichen, mechanisierten, automatischen Verwaltung unterziehen.

Sie hatte sich nicht zu ihrem Kredit bekannt, als eine erste Mahnung den ihr durchaus bekannten Zahlungsverzug mitteilte. Sie hatte nicht reagiert, als der fortdauernde Zahlungsverzug durch eine zweite Mahnung bestätigt wurde, sich nicht einmal zur Umkehr bewegen lassen, als beim unverändert fortgeführten Zahlungsverzug das Computerprogramm automatisch die dritte Mahnung und beim nicht endenwollenden Zahlungsverzug die vierte und letzte Mahnung in einer zunehmend bedrängenderen Sprache abgefasst und ihr per Einschreiben zugestellt hatte. Der Mann, der immer noch keinen Kaffee akzeptierte, hatte trotz aller Geschäftsmäßigkeit in Haltung, Duft und Tonfall nicht verhindern können, dass seine Stimme eine Klangvibration angenommen hatte, die ihn gereizt erscheinen ließ. Sie versuchte ihn mit der Erklärung zu besänftigen, dass sie sich nicht böswillig habe betragen wollen, sondern manches einfach deshalb übersehen und unterlassen habe, weil sie damit beschäftigt gewesen sei, an Werktagen irgendwie Geld zu verdienen und an den Wochenenden tanzen zu gehen, so dass sie die Pflege des notleidenden Kredites ganz ihrem Sparkasseninstitut zu treuen Händen habe überlassen müssen. Über die treuen Hände vermochte ihr Gegenüber nicht einmal zu schmunzeln. Der Inkassoboy sah sich genötigt, sie zu ermahnen, seine kostbare Zeit nicht mit Einlassungen zu vergeuden, die nichts zur Sache beitrugen – psychologische Recherche war nicht sein Auftrag. Tatsächlich war sie, wie er ganz persönlich meinte, zu ihrem Glück, bei seinem Inkassobüro an ein Institut geraten, dem persönliche Kundenpflege über alles ging. Die Sparkasse hatte mehr Geld von ihr bekommen als selbst gegeben. Hatte sich von ihrem Kredit getrennt, hatte ihn als Verlust ausgebucht, beim Finanzamt zu 70 % mit Erfolg abgeschrieben und obendrein zu sechs Prozent des Schuldbetrages an sein Inkassobüro verkauft. Sein Büro aber und er würden nichtsdestotrotz ihren Kredit 100prozentig ernstnehmen, darauf könne sie sich verlassen. Zum Abschluss seiner Ausführungen riet der inzwischen riesenhaft über sie hinausgewachsene Mann ihr, die Vergangenheit zu vergessen und nur noch in die Zukunft zu blicken.

Er kam zur eigentlichen Botschaft und rechnete ihr vor, dass sie innerhalb der nächsten 10 Jahre neben der Schuld von 24.000 DMark Zinsrückstände von 30.000 DMark ansammeln werde, wenn sie nicht schleunigst damit anfange, ihr ganzes Leben in den Dienst ihres Kredites zu stellen. Kooperation, Kooperation, Kooperation, das durfte er ohne jede Einschränkung von ihr erwarten.

Er war über ihre Einkünfte aus unregelmäßiger Arbeit informiert, exakter als sie selbst, und nannte ihr den Betrag, den sie vom Ersten an wöchentlich zu überweisen hatte. Zum Abschluss seines Beratungsgesprächs gab er ihr die Chance, sich trotz ihrer ausweglosen Lage seiner Großzügigkeit ebenbürtig zu zeigen. Er forderte sie auf, ihm erst die Handtasche, dann das Portemonnaie und noch nicht zu guter Letzt die Brieftasche zu zeigen, die Porzellandose im Küchenregal vergaß er nicht, ehe er sich die Geldscheine aushändigen ließ, ihr im Gegenzug eine ordnungsgemäß gestempelte Quittung überreichend. Münzgeld durfte sie behalten. Ihr Kollektenboy versprach, immer wieder einmal unvorhersehbar und doch regelmäßig vorbeizukommen.

Nach dieser gänzlich unerwarteten Begegnung mit ihrem bedauernswerten Kredit richtete sie sich nicht darauf ein, alleine in ihrer Wohnung auf den Sonntag zu warten, sie machte sich zurecht, zog die Schuhe an, mit denen sie vor langer Zeit die wehrlose Stadt betreten hatte, und ging erst einmal abtanzen.

Er und sie begegnen sich

Mit seiner Ausgehuniform wirkte er in dem Lokal eher exotisch als unpassend. Die Uniform schien ihm nicht zu schaden.

Ihr roter Stretchrock konnte nicht enger sein. Er konnte nicht kürzer sein. Ihre Beine wären auch ohne die goldenen Hochhackigen lang und länger erschienen. Zwei Seidenschmetterlinge wippten schwarz auf ihrer Strumpfnaht, als wollten sie sich gerade auf den Kappen der Fersen niederlassen. Gegen ihre Brust hielt sie einen roten Lackkoffer wie aus der Kindheit gepresst. Ihre Lippen blieben trotz des geschlossenen Mundes weit aufgeworfen. Zwischen den geöffneten Zähnen lockten die Versprechungen tiefer Brombeerhecken.

Kaum, dass die Tanzfläche sie zusammengeführt hatte, klammerten beide aneinander. Sperrig und verrutscht hielt sie den roten Lackkoffer gegen seinen Uniformrücken gepresst. So eng umschlungen zu tanzen wirkte an diesem Ort zu brav, zu lieb, zu innig. In diesem Lokal hatte man allein zu bleiben, auch wenn man sich kannte, auch wenn man beim Tanzen nah aneinander geriet. Man hatte sich nicht zu begrüßen. Man hatte sich nicht zu verstehen. Man hatte kein Mitgefühl, keine Höflichkeit und keine Einfühlung zu zeigen. Man hatte verdammt alleine zu sein, selbst wenn man die wichtigsten Darsteller »I`m just a lonely boy« dieses Lokales schon eine Ewigkeit kannte oder sogar mit dem einen oder anderen zwischen Morgen und Mittag in irgendeiner Wohnung beigeschlafen hatte. In diesem Lokal hatte jeder zu bleiben, was er war, der Andere. Wer Kontakt aufnahm, hatte in diesem Lokal ausgespielt.

Vielleicht hätte es lediglich einen Abend mit ihr gedauert, wenn sie nicht diesen kurzen Satz gesprochen hätte. »Hätten wir uns doch nur ein Jahre früher kennengelernt!« Diesen Satz wollte er ihr nicht abnehmen. Diesen Satz konnte er nicht auf sich sitzen lassen.

»Hätten wir uns doch nur ein Jahre früher kennengelernt!« Diesen Satz wollte er nicht gelten lassen. Ein Jahr konnte ihn nicht einschüchtern.

Aus ihrer Stimme hatte er Versprechungen gehört, die zu dem Satz nicht passen wollten. Die Aussage ihres Satzes war klar und endgültig, aber ihr Körper hielt sich so übernah an ihm, als hätte ihr Mund diesen schwer herabhängenden Satz nie gesprochen. Nichts reizte ihn in diesem Augenblick mehr, als diesen Satz zu widerlegen. Unter den Leuten hielt es ihn nicht länger, obwohl die in diesem Lokal angesagte Ignoranz sie beide ohnehin unsichtbar hatte werden lassen. Er brauchte mit ihr nichts abzusprechen, sie gingen Hand in Hand aus der Tanzecke, zogen, ohne sich loszulassen, zwischen den Wochenendgästen hindurch, die sich in ihren Bewegungen einbunkerten, hielten einander, wenn auch gelockert, fest, als sie den Thekenbereich abschritten, kamen Hand in Hand durch die Türe ins Freie, ließen erst los, als sie sich auf den dunklen Treppenstufen, die zu der Zeit noch zum Rhein hinunterführten, niedersetzten, um sogleich dichter aneinander zu rücken. Das rote Lackköfferchen stellte sie unbeachtet neben sich ab.

Seine unausgesprochenen Befürchtungen, er müsse sich interessante Sätze einfallen lassen, widerlegte sie schweigend. Sie durfte alles. Er lauerte ihrem Körper an den Stellen auf, die sie freigab.

Danach liefen sie lange durch die Nacht. Irgendwann behauptete sie, da zu sein, drückte sich mit ihm eine lange Weile gegen die Klingelanlage, nannte ihm aber keinen Namen, ließ ihn nicht in das Treppenhaus eintreten.

Er verfolgte ihre Bewegungen durch das beleuchtete Treppenhaus und musste mit ansehen, dass sie sich etwa in Höhe der 5. Etage in einen größeren Schatten schmiegte. Er war unsicher, ob sie sich wirklich mit einem Menschen zusammengetan hatte oder ob ihn der anstrengende Blick nach oben getäuscht hatte.

Er hatte vorgehabt, bis zum vollen Morgen alleine, nur begleitet von seinem neuen Glück, durch die Stadt zu laufen, am Fluss entlang und wieder in die Straßen der Stadt hinein. Er blieb bei diesem Entschluss, obwohl er verunsichert war. Er lief im gleichen Schritt mit ihren Düften, die aus seiner Uniform aufstiegen. In seinem ausgetrockneten Mund schmeckte er ihren Puder, ihre kreischenden Haare, ihren verrauchten Speichel, den Lippenstift und den abweisenden Geschmack ihrer Achselhöhlen. Dies alles zeigte er dem Mond, noch ehe der vom neuen Tagesdämmern weggebleicht wurde und ihn alleine in den Straßen zurücklassen musste.

Obwohl ihm kein Ausgang bewilligt wurde, stand er am späten Montagabend in der Nähe des Eingangs, in dem sie verschwunden war. Er war sicher, sie wiedererkennen zu können, aber sie war nicht unter den vielen Leuten, die ein- und ausgingen. Das Gucken war anstrengender, als er gedacht hatte. Er war nicht sicher, ob er alles gesehen hatte.

Am Dienstagabend hielt er sich dichter bei dem Eingang. Zweimal meinte er, sie zu erkennen, aber es gab keine Frau, die ihn beachtet hätte.

Am Mittwochabend hielt er auch einige andere Häuser, die ganz genauso aussahen, im Blick. Er war unsicher geworden, zu welchem Haus er sie überhaupt gebracht hatte.

Am Donnerstagabend konzentrierte er sich wieder auf das erste Haus. Er begnügte sich damit, das rote Lackköfferchen wiedererkennen zu wollen.

Auch am Freitagabend sah er viele Leute ein- und ausgehen, sie sah er nicht. Er war sich nicht mehr sicher, ob er sie überhaupt wiedererkannt hätte.

Sie kommt ihm entgegen

Sein Vater konnte sich nichts anderes vorstellen, als auf den Sohn zu warten. Der Vater war sicher, dass sein Sohn auch an diesem Wochenende Urlaub bekommen würde.

Seine Freundin konnte sich nichts anderes vorstellen, als auf den Freund zu warten. Die Freundin war sicher, dass ihr Freund über das Wochenende Urlaub bekommen würde. Sie wartete auf einen Anlass, aus dem üblichen Familienkaffee abgehen zu können.

Er stand zwischen der Uniform und seinen Jeans und konnte sich nicht entscheiden. In der Uniform würde sie ihn eher wiedererkennen, oder er würde, wenn er wieder soviel Glück hatte, noch etwas ganz anderes erleben; man konnte nie wissen, was noch alles möglich war. Vielleicht musste er aber doch erst einmal zu seiner Freundin fahren oder wenigstens nach Hause zu seinem Vater.

Während er zwischen der Uniform und seinen Jeans stand und sich nicht entscheiden konnte, wurde er ans Kasernentor beordert. Er zog die Jeans über. Er erkannte sie sofort an dem rotlackierten Köfferchen und den Hochhackigen. Fremd und viel zu mächtig sprang ihn ihre Nase an, obwohl sie versuchte hatte, das große Ding unter blassem Puder klein zu schrumpfen. Sie schien ihm im Tageslicht ein Stück älter auszusehen, als er sich fühlte. Es ärgerte ihn, dass ihr Parfum zu viele Menschen im weiteren Umkreis einbezog.

Ohne Plan führte er sie erst einmal auf seinen Kasernentrakt zu. Die Blicke der Wachhabenden verrieten ihm, dass er eine gute Figur mit ihr machte, obwohl sie etwas größer wirkte als er. Er nahm sie mit auf seine Stube, gegen die Vorschrift. Er erklärte ihr, dass er sich das als Funktioner leisten konnte, dass die anderen Leute aus der Stube erst Sonntagnacht oder Montagmorgen zurückkehren würden. Er beruhigte sich damit, dass der Diensthabende unterstützend weggeguckt hatte.

Er fand sie schön und schämte sich für die Bundeswehr, wie sie an dem nackten Tisch zwischen den Doppelbetten und den Holzspinden herumstehen musste. Sechs Spinde umstanden sie, eckig aufgerichtete Sockel für Feldtornister, Feldspaten und Stahlhelme, die zum Sprung bereit auf ihren Einsatz warteten, auf Natoalarm. Sie bat ihn, die Stubentüre abzuschließen. Er wunderte sich, dass sie es aushielt bei ihm. Er hatte nichts zu essen und lediglich eine angebrochene Flasche mit schal gewordenem Mineralwasser.

Die Stube lag zu ebener Erde, jederzeit konnte jemand durch die drei Fenster von außen in die Stube gucken, was aber am Wochenende nie einer machte. Sie breiteten eine der rauhaarigen Decken aus, ließen sie vom oberen Bett braun herunterhängen, beschwerten sie mit zwei Feldspaten. Ohne die Schuhe auszuziehen, stiegen sie auf sein Bett, hielten sich versteckt hinter der tief herabhängenden Decke. Als sie ihn fragte, ob er sich über ihr Kommen nicht gefreut habe, merkte er, wie sehr er sich immer noch freute. Er hatte nichts, was er ihr hätte reichen können. Sie hatte ihm ein Geschenk mitgebracht. Vom Bahnhofsautomaten einen Schlüsselanhänger, noch frei für seinen Schlüssel, aber schon daran baumelnd ihr Gesicht schwarz weiß vor einem gewellten dunklen Vorhang hinter einer Kunststoffscheibe eingepresst. Er blickte auf die Nase, die fotografiert in Schwarz Weiß so klein war und ihr in Farbe so mächtig aus dem Gesicht sprang. Die längere Nase mochte er lieber.

Er begann, ihre Nase von Puder freizuschlecken. Sie hielt eine Weile still, verschloss ihm dann die Ohren mit ihrer Zunge, feucht und weich.

Dann küsste sie sich aus den Ohren um die Stirn herum zu seinen verschlossenen Augen vor und stieß mit der Zungenspitze seine Augenlider behutsam wund.

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