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Verspielte Jahre

BASTEI ENTERTAINMENT

In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien.

Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte,

und die andere ist, es zu bekommen.

Oscar Wilde

Theresa wartete in einer Bar, als er anrief. Er saß im Auto und fragte nach dem Weg. Sie bestellte sich einen neuen Wein. Er kam nicht. Er rief wieder an: »Ich hab mich verfahren.« Sie bestellte noch eine Weinschorle und nahm das Glas mit aufs Damenklo. Sie schminkte sich die vor lauter dicker Tusche schon klebrigen Wimpern. Der Wein schwappte ihr über die freie Hand, und es roch säuerlich. Die Finger klebten. Alles musste gleichzeitig passieren. Sie sah, dass es zu viel war, was sie aufgetragen hatte, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Die Augen waren zu schwarz, dann aber auch mehr Puder. Die Haut war jetzt zu braun. Dann aber auch zu viel Lippenstift. Sie hatte nur eine Kleinigkeit reparieren wollen, und nun war alles zu viel.

Sie war sich sicher, wenn sie vom Klo käme, würde er schon dasitzen. Aber da saß keiner. Nur ihre Freunde, die von alledem nichts ahnten und ganz langsam ihre Gläser austranken. Die, die davon ausgingen, ihr Abend ende sowieso in einer halben Stunde – es war ein und derselbe Moment. Die drei wussten, dass nichts mehr kam, während sie darauf wartete, dass etwas kam, vielleicht etwas mehr, vielleicht alles. Die Übelkeit schaukelte sie, aber für nichts in der Welt hätte sie mit ihren Freunden tauschen wollen. Auch wenn sie ihren eigenen enttäuschten Blick fürchtete, der durch nichts zu verstecken, mit keiner Kosmetik zu übermalen war. Es war der Blick, den sie von ihren Geburtstagen kannte, wenn sie Geschenke vor den erwartungsvollen Augen ihrer stolzen Freunde auspacken musste. Der Blick, der darüber nachdenkt, wie Freude aussieht. Diese Überlegung machte ihn zur Fratze. Und selbst wenn sie sich wirklich freute, hatte sie doch Angst, es würde unecht aussehen, sodass auch die echte Freude eine gespielte war und damit überhaupt keine. Und alle konnten es sehen. Und nie würde ihr der richtige Blick gelingen.

Am liebsten nahm sie alle Geschenke eingepackt mit nach Hause und öffnete sie dann allein voller Scham, mit Gewalt, ohne Geduld, riss das schöne Papier auf wie ein Hungriger eine verpackte Schokolade. Und keiner sah zu. Und sie musste keine Freude darstellen.

Genauso war es bei Männern. Sie hatte dann diesen Blick, der versucht, kein Blick zu sein.

Sie erinnerte sich, wie sie ein Mal ihrer Ferienliebe wiederbegegnet war. Vielleicht hätte sie nicht versuchen sollen, ein schönes Ereignis zu wiederholen. Dann hätte sie sich ausmalen können, was aus ihm geworden war – Astronaut, Unfallchirurg, glattes Silberhaar. Sie hingegen wollte die Wirklichkeit, wie die Wiederbelebung einer Ameise, dachte sie. Aber das Glück war nicht wiederzubeleben, trotz Elektroschock. Er war Franzose, und sie war Jungfrau, als sie ihn kennenlernte. Sie verbrachte damals sechs Wochen in Frankreich, um ihr Französisch aufzubessern. Ihr Gastvater in dem pastellfarbenen Ferienort Südfrankreichs siezte sie, obschon sie erst 15 war. »Soyez sage«, gab er ihr abends mit auf den Weg, bevor sie das Haus verließ, was so viel bedeutete wie: »Seien Sie weise.« Ihre Gastmutter stand meist summend am Herd in einer kneifend engen Schürze, durch die sich der Bauch abzeichnete, der vom Naschen an den dampfenden Töpfen gewachsen war, auch wenn ihre Beinchen dünn und lang aus der Schürze herausragten wie bei einem Marienkäfer. Ständig kostete sie, rückte sich ihren samtenen Haarreifen zurecht, schlürfte hölzerne Kochlöffel ab, rührte wild in brodelnden Saucen, in die sie massenhaft Sherry schüttete, den Rest der Flasche trank sie selbst und dazu noch Rotwein zum Würzen und Rotwein zum Ertragen dieser Ehe, die einer ungesalzenen Bolognese glich. Der Wein, den Theresa als Mitbringsel für ein Abendessen gekauft hatte, war von ihrer Gastmutter ausgetrunken, ehe die Sonne untergegangen war. Theresa traute sich nicht, danach zu fragen, und schlich schlechten Gewissens aus dem Haus, weil sie die trinkende Madame allein zurückließ, die langsam anfing, mit ihren Töpfen und Pfannen zu sprechen, und deren Mann seine Weisheit mit einer 24 Jahre jüngeren Tschechin zu teilen schien. Theresa hatte Gregoire kennengelernt. Tagelang hatte sie sich gegen seine aufdringlichen Versuche gewehrt, sein ungeschicktes Kneifen in ihren BH, als suche er seinen Autoschlüssel oder vielleicht ein wenig mehr Weiblichkeit bei ihren damals nur im Ansatz entwickelten Brüsten. Er schleckte und leckte an ihr wie an Speiseeis, sie war sein Minimelk, vor allem an ihrem Kinn, und sie dachte, das gehöre sich so. Spaß machte es wenig. Irgendwann bastelte er an ihrer Unterhose herum. Immer wieder schob er den Flutschfinger hinein, dann zwei, irgendwann die ganze Faust. In von Abschiedsschmerz drängender Ausweglosigkeit gab sie nach und ließ sich entjungfern.

Später ärgerte sie sich, dass sie nicht die ganzen Ferien ausgenutzt hatte. Viele Male mit ihm, ihrem Ersten, hatte sie verpasst, nein, verschenkt! Aber immerhin würde sie etwas zu erzählen haben, wenn sie nach Deutschland zurückkäme. Sie fühlte sich stolz und streckte erwartungsvoll ihren Körper, schaute sich um, als hätte sie sich einer äußerlich wahrnehmbaren Veränderung unterzogen. Aber als sie ihn am nächsten Tag anrief, sagte er nur: »Du trittst ein totes Pferd. Fahr nach Deutschland zurück.« Gregoire hatte sich nie mehr gemeldet. Als sie drei Jahre später in Paris war, musste sie an ihn denken. Sie hatte noch die Nummer von dem Haus seiner Eltern in dem kleinen Ferienort an der Côte d'Azur. Der Ort war inzwischen ein Touristenmagnet mit Taschendieben und brüchigen Crêpesbuden an jeder Ecke. Sie rief Gregoires Eltern an und fand heraus, dass der Franzose, der damals wie ein Panzer ihre Jungfräulichkeit überrollt hatte, jetzt in Paris auf eine Hotelfachschule ging. Sie ließ sich seine Nummer geben und zögerte lang, bis sie wählte. Er freute sich sogar, ihre Stimme zu hören, und so schlug sie ihm ein Treffen vor. Sie saß in der keimigen Metro, in der die Luft mit säuerlichem Urin, bitterem Bier und klebrigem Schweiß getränkt war, und fühlte sich wie sperriger Abfall in einem zu kleinen Müllsack. Sie hielt die Luft an. Als sie bei Place Perreire ausstieg, dachte sie an seine feuchte, eingeölt glänzende Haut, die ausgesehen hatte, als müsse sie jede Sekunde zischend verdampfen. Plötzlich fühlte sie den warmen Schmerz wieder, der sie damals bei seinem Anblick überkommen hatte. Und den anderen Schmerz, den Schmerz in ihrem Unterleib, der sie tagelang begleitet, den sie nach Deutschland mitgenommen hatte. Jedes Mal, wenn sie sich hingesetzt hatte, hatte eine kneifende Hand ihren ganzen Unterleib gepackt und darin herumgewühlt wie in einem festen Kuchenteig. Die Faust hatte gebohrt und gleichzeitig gezogen, drückend und reißend. Am stärksten spürte sie es, wenn sie auf Holz saß. Dann war sie erregt von der Erinnerung und konnte nicht mehr unterscheiden, ob das Brennen von ihm gekommen oder erst durch seine Abwesenheit entstanden war.

Sie traf Gregoire in einem schäbigen Café, das er vorgeschlagen hatte. Es war flimmernd beleuchtet und viel mehr ein Zigaretten- und Zigarrenverkauf, in der alte zahnlose Männer qualmend und antriebslos herumsaßen. Draußen regnete es, und er war noch nicht da, als sie den Laden betrat. Sie wartete. Jeder könnte es sein. Und sie bemühte sich, ihren Blick unter Kontrolle zu halten. Plötzlich kam er hereingeschlurft mit seiner triefenden Regenjacke. Er zog die Kapuze vom Kopf und schüttelte die Haare von links nach rechts wie ein nasser Hund. Er begrüßte sie und setzte sich. Er war ziemlich klein, sein Körper wirkte gedrungen, wie zusammengestaucht, und er hatte langes strähniges Haar. Sie ging aufs Klo, um sich zu sammeln, und übte vor dem Spiegel einen fröhlichen, freundlichen Blick. Als sie wiederkam, streifte er den Anorak ab, und unter dem grauen T-Shirt kamen seine nackten Arme hervor, weißes massiges Gewebe, das vor drei Jahren noch fest war wie eine Traube, die beim Hineinbeißen zerplatzt. Seine eingeölt schimmernde Haut zerfloss in ihrer Erinnerung und schmolz zu einer Pfütze. Er war nichts als ein triefender Fettfleck. Er hatte schon mehrere Ausbildungen abgebrochen, arbeitete inzwischen in einer Kantine als Koch und roch nach feuchtem Handtuch. Irgendwann stellte er sogar kurz die »Weißt du noch?«-Frage. Sie wollte ihm nichts erzählen. Sie sprachen von ein paar alten Bekannten aus Südfrankreich. »Erinnerst du dich an Arnaud?«, fragte er. »Der ist jetzt Vater geworden. Krass, oder? Aber er und das Mädchen leben getrennt. Sie haben sich für ein paar Tage eine schwarze Nanny besorgt. Kannst du dir das vorstellen? Also ich würde keine schwarze Frau auf mein Kind aufpassen lassen, nachher steht mein Kind später nur auf Schwarze. Weißt du, so was setzt sich ja fest in so einem kleinen Kindergehirn!« Sie konnte nicht glauben, was sie hörte. »Erstens ist das Unsinn. Und zweitens: Was wäre daran so schlimm?«, sagte sie. »Na ja, ich hätte keine Lust, dass meine Kinder sich dann nur mit so Farbigen abgeben.« »Ach so«, antwortete sie und dachte entsetzt: »Ich wurde von einem Rassisten entjungfert!« Gleichgültig verabschiedete er sich schließlich, und er und seine Regenjacke tropften aus dem Café. Das war er. Ihr französischer Held.

Menschen gehörten in eine bestimmte Zeit, in eine Geschichte, in ihr Kapitel. Sie konnten nicht mittendrin wieder hineinspringen. So was ging nur in Soap-operas, wenn der verschollene Bruder wieder auftaucht und alle sich lieben. Hurra!

Ihren Blick fürchtete sie auch heute noch.

Benjamin kam erst zwei weitere Weinschorlen später. Ihre Freunde wollten ins Bett, doch sie bat um eine letzte gemütliche Zigarette. »Bitte, nur noch fünf Minuten!« Sie wollte nicht allein warten. »Wir sind so müde, Theresa.« Die Freunde rauchten hastig und verabschiedeten sich. Sie ging wieder aufs Klo, mehr Puder, inzwischen war sie orange. »Was mache ich hier eigentlich?«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild, in das sie hineinstolperte. Beinah stieß sie mit der Scheibe zusammen. Der Wein hatte sie redselig gemacht. »Ich darf mich nicht so freuen. Ich darf mir das nicht alles so ausmalen.« Die Phantasie ist nur eine Sardine, vor die sich das U-Boot der Wirklichkeit schiebt.

Als sie vom Klo kam, war er noch immer nicht da. Doch gerade als sie sich hinsetzen wollte, kam er zur Tür herein. Sie hatte Angst davor, rot zu werden, und ließ sich die Haare weit ins Gesicht fallen. Sie hoffte, ihre Röte würde den Puder nicht durchdringen.

»Tut mir leid, dass ich so spät bin!« Benjamin rückte seinen Stuhl neben ihren und strich ihr vorsichtig eine Strähne hinters Ohr. »Du bist genau richtig.« Sie nahm einen Schluck. Er sah sie an. »Gefall ich dir nicht?«, fragte sie und hielt ihm ihr Weinglas hin. »Du schon! Aber ich hol mir lieber einen Gin Tonic.« Er stand auf und stellte sich an den Tresen. Sie sah ihm hinterher. Er war ein kantiger, gut aussehender Mann, der ihr vor Kurzem auf einer Party im Heart als Liebhaber einer Bekannten vorgestellt worden war. »Kennst du Benjamin? Der bumst zurzeit Josie.« Er sah nicht aus wie jemand, der lange allein ist. Theresa hatte einen Schritt auf ihn zugemacht, war stehen geblieben und hatte ihn angestarrt. »Was kann ich für dich tun?«, hatte er gefragt. »Amüsier mich!« Er hatte ihre Hand genommen und sie an der Tanzfläche vorbei auf die Straße gezogen. Der erste Taxifahrer in der Schlange hatte seine Zigarette ausgetreten und ihnen die Tür geöffnet. »Willst du woanders hin?« Benjamin hatte auf die Autotür gedeutet. »Du riechst gut«, hatte er gesagt, als er auf der Rückbank neben sie gerutscht war. Während der Fahrt hatte er bereits versucht, sie zu küssen. »Komm schon«, hatte er gesagt. »Ich glaube, wir sollten unseren Abend verschieben. Ich steige hier aus.« Der Taxifahrer hatte angehalten, aber sie hatte einen Moment gezögert. »Gib mir wenigstens deine Nummer«, hatte er gebeten. »Die findest du schon heraus, wenn du dich anstrengst.« Sie hatte Benjamin am nächsten Tag bei Google gesucht und eingegeben: »Benjamin Josie Heart Berlin« – aber leider hatte sie keinen Treffer gefunden.

»Ich habe beim Einschlafen und Aufwachen an dich gedacht. Los, sag, triffst du mich? Ich bin so ungeduldig!«, hatte er ihr am nächsten Tag geschrieben. Nun kam er mit seinem Glas an den Tisch zurück. »Gib's zu. Eigentlich hast du dich gefreut, dass ich angerufen habe.« »Ich hab doch damit gerechnet«, erwiderte sie und fasste sich mit der Hand an den Nacken. Er erzählte ihr, dass er Architektur studiere und nebenbei für ein Hochglanzmagazin arbeite, das unbekannte Künstler porträtiere und das niemand las. Er sagte, er fotografiere gern. Am liebsten schöne Frauen. »Meinst du, ich darf dich irgendwann mal fotografieren?« »Zeig mir erst mal was du kannst.« Er holte sein Handy aus der Hosentasche und hielt ihr ein paar Aufnahmen hin. »Die sind unglaublich, Benjamin«, sagte sie. Gott sei Dank gefallen mir die Fotos, dachte sie, das könnte ein aufregender Abend werden. »Was machst du denn am liebsten?«, fragte er. »Ich mache gern Unfug!« Sie lachte. »Und am liebsten würde ich am Theater arbeiten! Zum Beispiel als Regisseurin.« »Hast du denn am Theater schon was gemacht?« »Ich hab am Thalia Theater in Hamburg mal als Regieassistentin gearbeitet und am Deutschen Theater in Berlin hospitiert. Das hab ich geliebt!« »Und warum bist du da nicht geblieben?« »Weil ich doch groß und stark werden und mich jetzt auf meinen Master konzentrieren muss.« »Konzentrier dich doch auch ein bisschen auf mich!«

Nach dem vierten Gin Tonic fragte er: »Darf ich dich jetzt endlich küssen?« »Ich weiß nicht. Du scheinst im Geiste immer ein wenig besetzt«, sagte sie, »von den Frauen. Von deiner Vergangenheit.« »Das stimmt nicht, Theresa, da ist viel Platz. Erschreckend viel Platz.« »Da steht mir zu viel Gerümpel rum. Und das Gerümpel macht mir Angst.« Der Wein wankte durch ihren Körper. »Ich schmeiße das ganze Gerümpel für dich weg!« »Ich hatte schon als Kind immer Angst, dass ein Löwe durchs Fenster in mein Zimmer kommt. Meine Mutter hat dann gesagt: So ein Unsinn, hier gibt es gar keine Löwen. Und dann war es mir peinlich, dass ich so irrational war. Aber die Löwen sind geblieben und immer nachts um mein Bett geschlichen.« »Ich bin kein Löwe«, sagte er. Er beugte sich zu ihr vor, ganz nah, aus der Nähe sah er anders aus, beinah noch besser, sie sah seine zwei Augen, drei Augen, nur ein Auge, das sich in der kurzen Entfernung aus beiden zusammensetzte. »Küssen ist gesund«, sagte er. Jetzt war es so weit. Er kam auf sie zu.

»Küssen verbrennt viele Kalorien, habe ich mal gelesen. 11,8 Minuten verbrauchen einen ganzen Kinderriegel«, sagte sie, um die unangenehme Stille zu durchbrechen, als sich ihre Münder trennten und die Nasen kurz zusammenstießen. »Darf ich eine Pizza Hawaii, eine Currywurst, ein Schnitzel und einen Brownie bestellen, und wir küssen all die Kalorien weg?« »Bestell alles von der Karte. Rauf und runter.« »Du hast einen Magnetmund, Theresa«, sagte er, und sie verküssten zehn Kinderriegel.

Benjamin war ein gescheiter, aber launischer Mensch. Besonders wenn er getrunken hatte und ihm eine Laus und 17 Schnäpse über die Leber gekrochen waren, war er unberechenbar. Er stammte aus einer rheinländischen Familie, von der er sich loszusagen versuchte. Seine Mutter war eine schmale, bescheidene Frau, die Porzellan bemalte, das sie auf Märkten verkaufte. Sein Vater war Filialleiter eines Reisebüros, ein etwas verhärmter knurriger Mann mit knittrigem Gesicht, der an den Wochenenden gern auf Volksfeste ging und Vizepräsident des Schützenvereins war. »Eigentlich habe ich meine Mutter nie leiden können«, sagte Benjamin. »Weil ich so ein mieser Sohn war und ständig ein schlechtes Gewissen hatte.« Deshalb war er mit 20 nach Berlin gezogen, um Fotograf oder Architekt zu werden.

Nachdem sie seinem Kuss nachgegeben hatte, begann eine herrlich unverbindliche Zeit sporadischer Übernachtungen, sie konnten sogar gemeinsam frühstücken, ohne Versprechungen zu erwarten.

Sie waren immer betrunken, wenn sie miteinander schliefen, der Weg im Rausch war eine Abkürzung ohne Zügel, ohne Peinlichkeiten, ohne Scham. Der Wein war eine Notwendigkeit. Zur Begrüßung küssten sie sich nur zaghaft, und erst im Rausch verfielen sie in eine Selbstverständlichkeit. Einmal flüsterte sie ihm im Bett übermütig zu: »Ich will mal wissen, wie es nüchtern ist.« »Besser«, sagte er. »Wieso sind wir dann nicht nüchtern?«, fragte sie. »Feigheit.«

Es dauerte noch ein paar Tage, bis sie sich eines belanglosen Nachmittags nackt und nüchtern voreinander stellten. Sie hatte den ganzen Tag nichts gegessen und fühlte sich einigermaßen wohl mit ihrem frisch rasierten Körper, den sie dennoch hastig mit einer Armbewegung um die eigene Taille wieder bedeckte. Ihr Wohlbefinden hielt nur wenige Sekunden an, vor allem im Stehen, weil die durchgedrückten Oberschenkel vielleicht zu muskulös, zu stramm erschienen. Sie warf sich aufs Bett, zog den Bauch ein, um sich besser zu positionieren, sah kurz unauffällig an sich hinab – wie zur Kontrolle –, während er sie schon am Hals küsste und sich auf sie setzte. Er biss ihr in den Nacken, und sie bemühte sich, entspannt zu sein, nicht zu tief ein- und auszuatmen, nicht zu denken, an gar nichts, aber vielleicht hätte sie vorher noch ins Solarium gehen sollen, dachte sie unzufrieden, bis ihr linker Ohrring sich in seinem Nasenloch verhing. »Aua!«, zuckte er auf. »Oh, Verzeihung!« Sie fummelte den goldenen Draht aus seiner Nase, doch bevor es peinlich wurde, lachten sie beide und konnten von nun an nüchtern miteinander sein, nackt und nüchtern.

Die Wirklichkeit ist nur ein Teil des Möglichen.

Friedrich Dürrenmatt

Nun lag ein Angebot auf dem Tisch, so mühelos erlangt wie eine Milch im Supermarkt. Sie hatte gerade in Berlin ihren Bachelor in Theaterwissenschaften gemacht und wollte mit der Masterarbeit beginnen, als ihr Vater einen Freund vom Goethe-Institut in Hongkong um einen Gefallen gebeten hatte. Sie sollte ein unbezahltes, einjähriges Praktikum in dem Hongkong-Büro machen. »Hongkong! Welch ein Abenteuer!«, jubelten ihr einige Freundinnen zu, andere winkten ab: »Hongkong ist nichts für dich, Theresa. Das ist viel zu weit weg und exotisch. Du gehörst hierher. Oder nach Paris oder London!« Auch die Eltern waren sich uneinig, ihrem Vater gefiel die Aussicht einer internationalen Karriere, ihre Mutter würde sie lieber in der Nähe behalten und bestand mit weiblicher Beharrlichkeit auf dem Master. »Gerade als Frau!«, rief sie immer wieder, als hätte ihre Tochter beschlossen, ein Kopftuch zu tragen.

»In Hongkong bist du mitten im Leben, in einer Wirtschaftsmetropole mit Zukunft!«, argumentierte ihr Vater.

»Sie ist doch auch hier mitten im Leben!«

»Und ich weiß gar nicht, ob ich hier wegwill!«

»Ach! Wenn man jung ist, schafft man das.« Ihr Vater machte eine verächtliche Handbewegung.

»Wenn man jung ist, sollte man leben«, erwiderte Theresa, »und wenn ich da arbeite, verpasse ich hier alles.«

»Irgendwann muss man ja auch mal erwachsen werden!«

»Aber den Master mache ich später bestimmt nicht mehr, jetzt oder nie.«

»Das stimmt, und wir unterstützen dich bei allem, was du machst«, sagte ihr Vater plötzlich gerührt. »Man sollte nur so eine einmalige Möglichkeit nicht verstreichen lassen.«

»Jetzt lass sie doch!«, giftete ihre Mutter. »Sie wird noch unendlich viele Möglichkeiten haben!«

An diesem Abend träumte sie von ihrem ersten Arbeitstag in Hongkong, sie hatte verschlafen und fuhr auf dem Gepäckträger eines klapprigen Fahrrads ins Büro, vorn strampelte ein Chinese, den sie nicht verstand, ihre Haare klebten im Nacken, und die Beine zitterten von der Anstrengung, auf dem Rad sitzen zu bleiben und nicht in die Speichen zu geraten, sie musste die Oberschenkel anspannen, ihr war nicht wohl, sie hatte alle Unterlagen vergessen, und ihr Abschlusszeugnis hatte sich in ein weißes Blatt verwandelt, die Buchstaben waren verschwunden, ausgelöschte Leistungen. Ihr langer rothaariger Chef setzte sie in ein Zimmer, einen ehemaligen Archivraum ohne Fenster, in dem sie den ganzen Tag vor einem Monitor sitzen musste, der einem überdimensionalen Aquarium glich. Sie schrieb verbotene E-Mails an ihre Freundinnen und errechnete aus Langeweile in Kalorientabellen, wie viel sie am Tag zu sich nahm und was sie durch beispielsweise 20 Minuten Staubsaugen oder 40 Minuten Bügeln verbrauchen würde. Am Abend befreite der lange Boss sie aus dem dunklen Arbeitsraum und stand mit einem Stapel ausgedruckter E-Mails vor ihr. »Das haben Sie heute geschrieben!«, schimpfte er und wedelte mit den Blättern. »Hier, Kilogramm, Kilojoule, Fetttabellen – alles private Tätigkeiten!« Es war so peinlich, dass sie aufwachte.

Der Vertrag steckte zwei Tage später in ihrem Briefkasten, wie sperrige Pappe in einer Altpapiertonne, in einem großen DIN-A4-Umschlag. Man traue ihr zu, das Büro in Hongkong zu unterstützen, dort gebe es ein großes neues Projekt, für das sie wie geschaffen sei, man würde sich sehr freuen, sie müsse nur noch die richtige Entscheidung treffen. Das Angebot lag tagelang vorwurfsvoll auf ihrem Schreibtisch wie ein stehen gelassener Teller Nudeln mit eingetrockneter Soße. Zwischendurch überlegte sie, ihn sich einfach einzurahmen und aufzuhängen, aber sie konnte sich nicht durchringen, ihn zu unterzeichnen. Sie hatte Angst vor dem unbekannten Hongkong, sie wollte kein karg möbliertes Business-Apartment, lieblos gerahmte Poster an der Wand, ein eckiges Sofa, benutzte Teller und Löffel, vor denen sie sich ekeln würde trotz Geschirrspülmaschinenwäschen im heißesten Programm, keine endlosen Flüge nach Hause, vier Mal pro Jahr, eine Packung Brezeln, ein Erfrischungstuch, ein Gangplatz (der Fensterplatz engte sie ein, man musste fragen, wenn man hinaus wollte, selbst ein Klobesuch musste erlaubt und angekündigt werden, sie wollte an den Gang, in die Freiheit), Zeitverschiebungen, tagelange Jetlags, nächtelanges Wachliegen. Sie wollte nicht all die Geburtstage ihrer Freunde verpassen, die Ereignisse und Hochzeiten, sie fürchtete, in China hängen zu bleiben, womöglich für immer, sie gruselte sich vor gebratenem Hund und Suppe aus Hühnerfüßen und Schweinehirnen, vor den erdrückenden Menschenmassen in hochmodernen U-Bahnen, der Arbeitswelt der Erwachsenen in einer Stadt der Zukunft, in denen Schwebebahnen Hochhausschluchten durchkreuzten – sie wollte hier bleiben, in der Behaglichkeit. Hier musste sie keine fremdartigen Schriftzeichen entziffern und keine Sagrotantücher zum Sterilisieren der Waschbecken benutzen, hier gab es eine Wohnung ohne fremde Haare auf der Matratze – hier gab es Benjamin. Aber war er ihr wirklich so wichtig? Und war sie ihm überhaupt wichtig?

Wochenlang meldete sie sich nicht auf das Angebot, las immer wieder den Vertrag, versteckte ihn wie eine leer gefressene Haribo-Tüte, um nicht an die Bauchschmerzen erinnert zu werden, übte ihre Unterschrift, telefonierte mit ihren Eltern, chattete mit ihren Freunden, schrieb SMS und E-Mails und fragte nach Rat, jeder musste seinen Senf dazugeben wie bei allen großen und kleinen Fragen: Wo gehen wir essen? Was mache ich am Wochenende? Welcher Duschkopf ist besser? Liebt er mich nicht? Sie wagte es nicht, die Absage zu formulieren, schon Zusagen fielen ihr schwer, und wenn es sich nur um ein Abendessen handelte. Die Dinge würden sich nicht, wie gewohnt, von allein regeln.

Ihre Wankelmütigkeit hetzte sie, ihr Gehirn gab nachts keine Ruhe. »Ich weiß nicht, was ich will!«, sagte sie zu ihrer Freundin Clara. »Du willst immer alles«, entgegnete die. »Aber irgendwie will man doch nichts, wenn man alles will. Also nichts wirklich.« »Und jetzt?« »Ich will kein Durchschnittsleben, aber ich frage mich manchmal, ob ich für das andere Leben einzigartig genug bin. Ich wollte Regisseurin sein und trotzdem finanziell unabhängig, ich will dazugehören, ohne mich zu fügen.« »Dann füg dich nicht und mach was Besonderes«, sagte Clara. »Was denn! Ich habe Angst, zu versagen. Und dann bin ich bloß einer dieser gescheiterten Selbstverwirklicher. Eine drittklassige Regieassistentin.« »Aber wenigstens hast du es dann probiert.« »Erwachsensein bedeutet irgendwie, dass man alle wichtigen Entscheidungen schon getroffen hat, ohne es gemerkt zu haben«, sagte Clara. »Vielleicht hast du recht. Unserer Generation fehlt irgendwie die Demut.« »Genügsamkeit!« »Aber wie soll man genügsam sein, wenn man mit der ganzen Welt konkurriert! Heute reicht es nicht mehr, deinen Nachbarn von der Schulbank zu besiegen. Überall findet sichtbarer Kampf statt. Die Anforderungen erhöhen sich, Karriere, Freunde, Fotos, Facebook, dies und das und mehr und alles!« »Weil das Leben der anderen zugänglich ist, für jedermann.« »Wir sind ja unfreiwillige Teilnehmer. Jeder will der Beste sein, der Allerbeste.« »Vielleicht kommt es uns nur so vor. Wir sind ja selbst schuld, wenn wir dauernd vergleichen.« »Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels.«

Theresa schickte schließlich eine schwülstig-freundliche E-Mail mit der Absage (sie sei »untröstlich«) an das Goethe-Institut in Hongkong und beruhigte sich mit dem Gedanken, dass sie noch jung war, dass ein solches Angebot ja noch mal kommen werde, mindestens! Wie jemand, der durch seine Straße fährt und den Parkplatz 70 Meter vom Haus entfernt nicht nimmt, weil er hofft und glaubt, es komme noch ein besserer, ein näherer, und dann – wenn er wieder um den Block gefahren ist – feststellen muss, dass kein besserer kam und der alte Parkplatz auch fort ist, weggeschnappt von einem grünen Renault Twingo, und nun fluchend eine halbe Stunde im Quadrat fährt, erfolglos, bis er den Wagen im Parkverbot abstellt, den Strafzettel in Kauf nehmend. Aber sie ahnte damals nichts von Strafzetteln für versäumte Entscheidungen, sie glaubte, dass Angebote lebenslang aufrechterhalten bleiben, dies war schließlich kein Sommerschlussverkauf.

An sich ist nichts weder gut noch böse – das Denken macht es erst dazu.

William Shakespeare
Die Tragödie von Hamlet, Prinz von Dänemark

Theresa machte sich Gedanken über ihr Aussehen. Sie glaubte, dass Schönheit und Liebe in einem kalkulierbaren Verhältnis zueinander stünden und dass sie mehr geliebt würde, je hübscher sie wäre. Und sie dachte, dass sie, wie alle Menschen, nicht alles aus sich herausholte, äußerlich und charakterlich. Es gab viel zu tun.

Ohne Bemalungen auf dem Gesicht fühlte sie sich ertappt und verlegen, als wäre sie beim Nasebohren erwischt worden. Einmal war sie nach dem Sport mit rotem Kopf und blauer Trainingshose in den Supermarkt gegangen, um nur schnell eine Sojamilch zu kaufen, und hatte an der Wursttheke ihren damaligen Schwarm entdeckt, also stahl sie sich erschrocken durch die Supermarktgänge davon wie ein Dieb, versteckte sich bei der Margarine, hoffte, er würde zur Kasse gehen und verschwinden, aber er stand inzwischen bei der Butter, und so ließ sie irgendwann vor lauter Angst, in ungeschminktem Zustand auf ihn zu stoßen, die Sojamilch bei den Tiefkühlpizzen stehen und huschte gebückt aus dem Supermarkt.

Theresas Eltern baten sie, sich neben der Masterarbeit einen bezahlten Job zu suchen, und so bewarb sie sich ein wenig ängstlich und widerwillig um einen Platz in einer Beratungsfirma. Man lud sie zum Lunch mit Partnern und Geschäftsführern ein, der sich zu einem zähen Mittagessen mit drei Gängen ausdehnte. Bereits vor der Hauptspeise gingen Theresa all ihre Fragen aus, Geschäftsgerede strengte sie an, sie war kein förmliches Mädchen, der Hosenanzug kam ihr wie ein Clownskostüm vor, aber niemand lachte; etwas Dummes zu sagen war ebenso unangenehm, wie gar nichts zu sagen.

»Unser junger Kollege hier ist gerade Vater geworden!« Dabei klopfte ein älterer Partner dem Berater mit Milchgesicht auf die Schulter. »Sie sehen also, Familie und Karriere lassen sich durchaus vereinbaren! Auch für Sie als Frau.« Der Partner verkündete diese Botschaft mit dem gleichen Stolz, als würde er steigende Umsätze melden.

»Ach, bei mir dauert das noch ein Weilchen.« Theresa kaute auf einem sehnigen Stück Carpaccio herum, dessen Fettstränge sich zwischen ihren beiden Vorderzähnen verhakten. »Vielleicht ändert sich das ja, wenn ich bei Ihnen arbeite. Sie haben sicher nette junge Kollegen.« Sie hatte etwas Charmantes sagen wollen, aber die Herren waren verdutzt. »Zwei junge Exemplare sitzen direkt vor Ihnen«, sagte der ältere Partner ein wenig gekränkt, als habe sie die Jugendlichkeit der Kollegen nicht bemerkt. »Oh, ja. Sehr schöne Exemplare!« Auch dieser Satz schien unangebracht. Theresa schnalzte mit der Zunge und fuhr sich über die Zähne, um die Fäden des rohen Fleisches aus den Zahnzwischenräumen zu saugen, dabei wölbte sich ihre Oberlippe. Für die Männer sah es aus, als machte sie eine obszöne Geste, die etwas anderes andeutete. Sie musste lachen, aber das sollte sie besser nicht. Ihr fiel ein, wie sie während eines Klavierkonzerts in der Oper als Teenager versucht hatte, einen Hustenanfall zu unterdrücken, was ihr nicht gelungen war. Sie hatte das komplette Allegro mit ihrem Husten begleitet, allerdings immerhin bemüht, im Takt zu bleiben, wenigstens rhythmisch zu husten, um das Publikum nicht zu verärgern, eine Kulturbanausin, die Beethoven verhustete und beinah daran erstickte. Seitdem saß sie im Konzert, im Flugzeug und in der Uni immer am Gang.

Das Lachen war ebenso wenig unterdrückbar wie das Husten. Sie grinste, ihr Mund ließ sich nicht verbiegen, schnell nahm sie einen Schluck Sprudelwasser, um die unkontrollierten Mundbewegungen hinunterzugurgeln. Sie mochte kein Sprudelwasser, aber sie traute sich nicht, etwas zu sagen, und wartete angespannt auf den nächsten Gang. Eigentlich liebte sie die Männerwelt, in der sie als Mädchen immer von ihrem Lächeln und ihrer Unbeholfenheit profitiert hatte, aber hier stieß sie auf Granit, die vier Anzüge waren gegen all ihre Koketterie immun, gebügelt, so glatt, dass alles an ihnen abperlte, was Rundungen hatte. Die jüngeren Kollegen waren den älteren mit lichterem Haar offensichtlich hörig, das Gespräch drehte sich ausschließlich um Themen wie Frankfurter Kindergärten, Fußballvereine, Reiseziele, Wein aus dem Rheingau, Stromanbieter, Golfschläger. Sie konnte sich nur zum Thema Wein und Reiseziele äußern und kaute zwischen dem Trainerwechsel bei Eintracht Frankfurt und den Sonderkonditionen bei Solarenergie für Einfamilienhäuser auf ihrem Wolfsbarsch herum, dessen Gräten sich ihr in den Gaumen rammten. Sie lutschte auf einem Eiswürfel, um ihren wunden Mund zu kühlen. »Wir Nordlichter mussten natürlich den Fisch bestellen! Ich bin damals auch von Bremen hierhergezogen«, sagte der eine Partner. Sie lächelte krampfhaft, das Wort Nordlichter hatte ihr noch nie gefallen. »Oh ja, ich liebe Fisch!«, sagte sie bedeutungsvoll. »Haben Sie mal Hai gekostet?« »Leider nein«, antwortete sie. »Meine Frau und ich waren letztes Jahr in Tokio. Dort gab es köstlichen Hai!«, sagte der Partner aus dem Norden. »Waren Sie mal in Tokio?« »Leider nein«, erwiderte sie. »Tokio ist eine lustige Stadt. Wirklich witzig. Das muss man mal gesehen haben.« Er schüttelte den Kopf, als fiele ihm eine amüsante Situation ein. »Wir haben dort so irre Sachen erlebt!« »Ach, wirklich?«, fragte sie. »Oh ja!« »Ich werde mal hinfahren.«

Das Gespräch hatte für Theresa die Nulllinie erreicht. »Erzählen Sie uns doch noch etwas von sich«, sagte der Chef. »Was ist Ihre größte Schwäche?« »Zigaretten und Vollmilchschokolade.« Theresa hasste diese Selbstbewertungsfragen. Sie lächelte den ältesten Partner an, der sich seine dünnen Haare in Einzelsträhnen von links nach rechts über die Geheimratsecken gelegt hatte. Er zupfte das Einstecktuch heraus und tupfte sich die Stirn.

Mit großer Geste wurde eine Crème brûlée serviert, als handele es sich um ein seltenes Juwel, das man mit einem hörbaren Staunen in Empfang zu nehmen hat, der Kellner verbeugte sich. »Köstlich! Crème Caramel!«, rief der junge Berater, dessen Nase einer Ingwerwurzel glich. Theresa mochte keine Crème brûlée, sie hatte den Aufstand um dieses Dessert nie verstanden, ein süßlicher Karamelpudding mit einer festen Zuckerkruste, na gut. »Sie essen ja gar nichts!«, sagte der eine Partner in hanseatischem Dialekt. »Doch, doch.« Sie schob sich den Löffel genießerisch in den Mund. Es ging inzwischen um Golfkurse und -turniere. Sie hielt sich mit aller Kraft aufrecht. »Nehmen Sie einen Espresso?« »Nein, danke!«, antwortete Theresa in der Hoffnung, die Mahlzeit möge nun ein Ende nehmen. »Dann werden Sie bei uns kaum überleben!«, scherzte der älteste Partner, und die anderen Herren brachen in Gelächter aus. »Wir sind alle bei den anonymen Koffeinoholikern!« »Oh«, sagte sie, weil sie irgendeinen Laut von sich geben musste, der Erstaunen suggerierte. »Da kommen Sie auch noch hin. Wir treffen uns täglich zur Therapie.« Sein Kinn schob sich in dem engen Hemdkragen auf und nieder. »Wenn das so ist, her mit dem Gift!«, rief sie aufgesetzt. Der Espresso schmeckte bitter, sie trank eigentlich nur Kaffee mit Milch, viel Milch.

Nach dem zweistündigen Mittagessen nahm man sie in die hohen Bürotürme mit, sie wusste nicht, neben wem sie gehen sollte, der Bürgersteig war zu eng für alle fünf, sie wollte nicht hinterhertrotten, aber sie wollte auch nicht in einem Einzelgespräch stranden. »Müsst ihr denn sehr viel arbeiten?«, fragte sie einen der Jüngeren vorsichtig, nachdem sie etwas langsamer gelaufen war und sich von ihm hatte einholen lassen. »Wir arbeiten viel, aber ich finde das auch in Ordnung. Man ist schließlich Dienstleister.« Sie erreichten das Bürogebäude, und man stellte ihr zahlreiche Mitarbeiter vor, überall dieselben Fragen. »Sind Sie zeitlich und örtlich flexibel? Warum würden Sie sich für uns entscheiden? Sind Sie ehrgeizig? Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?« Sie sah sich noch nicht mal übermorgen. Ihrer gläsernen Zukunftskugel schienen die Batterien zu fehlen.

Die Niederlage erreichte sie zehn Tage nach dem Bewerbungsgespräch per elektronischer Nachricht. Tagelang hatte sie die Rhythmen bekannter Lieder mit dem Zeigefinger auf die »Refresh Page«-Taste geklopft in dem Aberglauben, eine gewisse Kunst des Wartens würde den Inhalt der Nachricht beeinflussen, eine Absage mit dem Zauberzeigefinger in eine Zusage umwandeln, wenn man nur häufig genug den Takt wechselte, tick, tick, klack, klack. Sie war bereits beim Ententanz angelangt, als sie nach neun Tagen wunden Wartens eine E-Mail mit dem Betreff »Ihre Bewerbung« erreichte. Sie trommelte noch ihr Lied zu Ende und ließ dann ihren Zeigefinger auf den Öffnungsknopf wandern. »Liebe Frau Pipapo … Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Ihnen kein Angebot für eine Zusammenarbeit machen können. Für Ihre private und berufliche Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute und weiterhin viel Erfolg.«

Die Zurückweisung kniff sie wie Liebeskummer, spitz und mit langen Fingernägeln, mitten in den Bauch, in die Eingeweide, selbst in die Nieren, obwohl sie nicht mal sicher war, wo ihre Nieren überhaupt lagen. »Die wollen mich nicht«, sagte sie laut und löschte die E-Mail, um sich vor der Wiederholung der Worte zu schützen.

»Unterstützt ihr mich noch während der Masterarbeit?«, fragte Theresa ihre Mutter vorsichtig am Telefon. »Wir helfen dir natürlich, wenn das Stipendium nicht reicht!« »Ich hab den Job nicht bekommen.« Theresa war bemüht, ihre Stimme möglichst unberührt klingen zu lassen, aber ihre Mutter hörte, dass sie trösten musste. »Das war doch ohnehin nichts, was du machen wolltest«, sagte sie. »Das ärgert mich ja besonders! Mich wollen nicht einmal die, die ich auch nicht will! Und die sagen mir ab.« »Eine Niederlage tut dir mal ganz gut. Das Leben besteht nicht nur aus Zusagen. Eine Niederlage ist wichtig für den Charakter.« »Aber warum wollen die mich denn nicht?« »Ach, Resi. Das weiß man nie so genau. Vielleicht passt du nicht ins Team, vielleicht wollen sie lieber eine ganze Stelle besetzen oder weniger zahlen.« »Es tut trotzdem weh!« »Mach dir keine Sorgen, denk doch an deine Freundinnen, die wirklich fertig sind mit der Ausbildung, ein Doppelstudium hingelegt und schon Arbeitserfahrung haben. Und die trotzdem über ein Jahr suchen. Ihr habt's gar nicht so leicht.« »Ja, aber ich wusste nicht, dass ich zu den Unvermittelbaren gehöre!« »Jetzt mach doch erst mal deinen Master. Der Rest findet sich. Sonst frag mal beim Berliner Ensemble oder an der Schaubühne, ob die jemanden brauchen.« »Ja, aber da bin ich dann vierte Regieassistenz und darf das Blumenwasser der Hauptdarstellerin auswechseln. Und die zahlen mir bestimmt kein Geld.« »Aber es ist ein Anfang! Denkst du, dein Vater und ich haben uns nicht mühsam hocharbeiten müssen? Man fängt nicht als Intendant der Staatsoper an.« Das hier war kein Anfang, das war das Ende. Aber Theresa nickte in den Telefonhörer und blies ein paar Kringel mit ihrer Zigarette. »Rauchst du etwa?« Ihre Mutter hörte den Nikotinatem. »Ich atme nur.« »Du bist wie dein Vater«, sagte ihre Mutter.

Ihr Vater war ein herzhafter Aufsteiger, der sich in den Siebzigerjahren in einer Kanzlei zum Partner hochgearbeitet und als Jurist und Medienberater in der Gesellschaft einen Namen gemacht hatte. Man schätzte seine Grobheit, er war ein gescheiter und brutaler Verhandlungsstratege, der eigentlich gern Opernsänger geworden wäre, hätte es ihm nicht so maßlos an Geld und an Musikalität gefehlt. Seine Eltern waren einfache, bescheidene Leute mit Geldsorgen und vielen Kindern, so hatte er sich mit 18 in eine bessere Welt aufgemacht, ein Jurastipendium ergattert, nebenher zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften veröffentlicht, Nachhilfe gegeben, Supermarktregale ein- und ausgeräumt und seine Jugend hinter sich gelassen. Er sprach nie darüber. In Bayreuth hatten sich ihre Eltern dann getroffen, als ihr Vater schon beinah das zweite Staatsexamen hinter sich und ihre Mutter gerade mit ihrem Psychologiestudium begonnen hatte. Bereits vor ihrer Geburt hatte die Mutter eine Stelle bei einem großen Verlag als Lektorin angetreten, später arbeitete sie als Pressesprecherin für einen Medienkonzern. Die Eltern wollten ihren Kindern alles ermöglichen. Und doch saß ihnen ständig die Verlustangst im Nacken.

Theresa war ein zartes Mädchen, das sich hinter einem lauten Lachen und vielen Zigaretten versteckte. Sie sah sich durch die Augen der anderen. Auf vielen Fotos fand sie sich entstellt, es überfiel sie eine Unzufriedenheit, wenn sie sich auf Bildern betrachtete, weil sie in ihrem Kopf so anders aussah. Sie konnte sich vor Selbstwut auf ein Mindestmaß herunterhungern, dann wieder fraß sie sich an einem Tag Hunderte von Gramm an, wenn sie den Kühlschrank durchsuchte und von Schinken über Käse zu Marmelade, Quark und Joghurts bis zu Müsliriegeln wechselte in maßloser Gier, nur um sich schließlich mit Bauchschmerzen auf dem Sofa wiederzufinden, stöhnend und voller Selbsthass, als hätte sie sich eine gerechte Strafe verabreicht. Aber Theresa hatte ständig Futterneid, sie wollte nie zu kurz kommen.

Wenn sie mit ihren Eltern in die Oper ging und ein Opernsänger schlecht sang, bat sie ihren Vater, für den Sänger, der vom Publikum ausgebuht wurde, besonders laut »Bravo« zu rufen. »Bitte, Papi, klatsch für ihn!« Die Mädchen, die in der Schule gehänselt wurden, taten ihr leid, und manchmal fragte sie sich, ob sie nicht selbst zu diesen Mädchen gehört hatte. Sie fing nur an zu rauchen, weil man sie in der neunten Klasse wegen des Nichtrauchens aufzog.

Als sie noch ein Kind war, hatten ihre Eltern immer begonnen, miteinander englisch zu sprechen, sobald es um Geldsorgen, Eheprobleme oder gesundheitliche Schwierigkeiten ging. Sie hatten die Wirklichkeit lange Zeit von ihr ferngehalten, sie sollte eine unbeschwerte Kindheit haben. Sie hatte viel Glück gehabt. Auch heute bekam Theresa in der Apotheke selbst ohne Rezept jedes Medikament, der Mann von der Telekom hatte ihr trotz fehlender Kundennummer ein Kabel verlegt. Sie hatte einen Polizisten überredet, ihr das Ordnungsgeld zu erlassen, als sie unangeschnallt am Steuer ihr Mobiltelefon benutzte.

Aber die Gesundheit ließ sich nicht herbeilächeln. Theresa litt seit ihrem zwölften Lebensjahr an einer Netzhautdegeneration, Rethinopathia pigmentosa. Man sagte ihr immer, sie könne erblinden, wenn sie nicht auf sich Acht gebe.

Doch sie hasste Augentropfen, Salben, Fastenkuren, Rückenübungen, Mineralschlammpackungen. Selbst Kontaktlinsen und Druckerpatronen bestellte sie im Internet. Nur bei Männern erschien ihr keine Pirouette zu üppig, zu aufwendig, zu pompös.

Erst am Ende der Pubertät war Theresa aufgefallen, dass ihre Mutter sich mehr und mehr bemühte, das Geld der Familie beisammenzuhalten, das ihr Vater so gern in Rotweinflaschen und andere Vergänglichkeiten investierte, Autos, Golfschläger, Käse, sein Rugbyteam. Er besaß keine Immobilien, keinen Bausparvertrag oder Aktienfonds, er kaufte sich lieber teure Anzüge, die er auf Geschäftsreisen immer wieder in Hotelzimmern liegen ließ, oder die neuesten Handys mit Kamera, die er nie benutzte, bis er die Telefone auf Zugfahrten verlor; er trank die Minibars leer und fuhr mit dem Taxi zum Einkaufen, zum Tennisspielen oder ins Büro. Er war ein Lebemann, dem das Leben nicht genügte. Theresa bewunderte seinen Lebenshunger und seinen Stil. Er war großzügig und schüttete seinen Kindern schon in der Grundschule guten Wein in die Gläser. Sie sollten alles haben und alles probieren, während ihre Mutter mit einem Trichter den Wein zurück in die Flasche goss und ihn ermahnte, er solle den Kindern keine Flausen in den Kopf setzen. Ihre Mutter hob alles auf, Käse wurde in Alufolie gewickelt, Marmelade aus den Schälchen zurück in die Konfitüregläser gelöffelt, Pullover wurden den Cousinen vermacht.

Theresa war damals noch von der Gleichberechtigung ihrer Eltern überzeugt, eine Ehe aus Liebe, intellektueller Austausch, gemeinsame Kinder. Sie wusste von dem Scheitern anderer, sie kannte Liebeskummer und Zurückweisungen, aber sie glaubte gedankenlos an die Beziehung ihrer Eltern, eine Beziehung ohne für sie wahrnehmbare Höhen und Tiefen.

Eines Samstagsmorgens war sie aufgewacht und hatte ihre Mutter, eine sonst stets beherrschte, gefasste Frau, im Badezimmer weinen gehört. Es war ein hemmungsloses Weinen, das die Entdeckung nicht fürchtete, vielleicht sogar suchte. Zunächst hatte Theresa vor Scham und Schreck keine Bewegung gemacht, aber irgendwann presste sich ihre Blase in den Magen und sie musste am Bad vorbei zum Klo. Ihre Mutter stand mit geröteten Augen im Flur, es war Theresa peinlich, sie so zu sehen, und sie wusste sich nicht zu helfen. Aus Höflichkeit entschied sie, die Tränen ihrer Mutter zu überspielen. »Guten Morgen«, sagte sie, als ob nichts wäre. Ihre Mutter reagierte nicht. Das Weinen ist für das Gegenüber beklemmender als für den Weinenden, dachte Theresa, als sie unbeholfen vor ihr stand. »Willst du einen Tee? Ich habe Tee gemacht«, fragte ihre Mutter. »Gern.«

Sie tranken zusammen Tee in der Küche, Theresas Vater war am Telefon in seinem Arbeitszimmer und schien zu flüstern. Er war verschwitzt, als er die Küche betrat, die Haare klebten ihm an der Stirn, und er fragte, ob er auch einen Tee haben könne. Die Frühstücksmischung hieß »Glücksmomente«. Theresa las nun schon zum fünften Mal die Inhaltsstoffe auf der Packung durch, Süßholzwurzel, Orangenschalen, Bockshornklee, um nicht nach oben zu schauen. Alle rührten in ihren Teetassen, sie sahen einander nicht an. »Ich gehe einkaufen«, sagte ihre Mutter und stand auf. Ihr Gesicht war vom Weinen mit kleinen roten Flecken gesprenkelt, wie eine Kinderkrankheit. Aber hier, hier handelte es sich um eine Erwachsenenkrankheit.

Am nächsten Morgen hörte Theresa in der Küche ihre Mutter keifen: »Ich bin nicht bereit, dieser Frau irgendwelches Geld in den Rachen zu werfen. Soll sie doch selbst arbeiten!« Inzwischen wurde nicht mehr Englisch gesprochen, die Kinder waren aller Sprachen ihrer Eltern mächtig. »Mach endlich einen Vaterschaftstest.« Theresa stellte sich schlafend, obwohl niemand da war, der sie hätte sehen können. Es kam ihr vor, als hätte sie ihre Eltern in flagranti erwischt, beim Liebesakt. »Das war eine völlig harmlose Geschichte!«, hörte sie ihren Vater rufen. »Wie lange will uns diese Frau noch terrorisieren? Du gibst ihr doch Geld. Und dem Kind. Sie soll nicht dauernd hier anrufen, auf unserem Festnetz, unserem Haustelefon!« »Sie ist einsam. Und verzweifelt.« »Wirst du mich jetzt wieder allein lassen mit den Kindern, wie damals an Silvester vor fünf Jahren?«, fragte ihre Mutter. »Sie hat mich erpresst. Ich war doch damals Weihnachten schon bei euch.« »Wie großzügig von dir!« »Ich kann nichts dafür, dass sie uns nicht in Ruhe lässt.« »Och, du Armer! Willst du jetzt etwa Mitleid von mir?« »Das war dann ja schnell vorbei. Ich hatte damals Torschlusspanik. Ich wurde alt. Ich dachte, das ändert jetzt eh nichts mehr«, hörte Theresa ihren Vater sagen. »Es ändert aber alles«, dachte sie, sie wollte ihm wehtun, sehr wehtun. »Alle Männer sind gleich. Auch ich«, sagte ihr Vater resigniert. »Für mich nicht«, dachte Theresa, warum war er nicht anders. Meine arme Mutter!

Theresa hörte nichts mehr, nur ihre Mutter, die die Geschirrspülmaschine ausräumte, Gläser klirrten. Sie wartete noch eine Stunde, dann stand sie auf und schlurfte in die Küche. Ihre Mutter hatte ihr Muttergesicht wieder angeknipst, sie trank einen Tee. Ihr Vater kam mit einem Sektglas in der Hand in die Küche, seine Lider hingen herab, er sah bedrückt aus und alt. Sie hatte Mitleid mit ihm. Melodramatische Szenen gefielen Theresa nur mit fremden Männern, hier war es pathetisch und kitschig. Sollten sie sich in die Arme fallen, anschreien, schweigen? Alles kam ihr unangebracht vor. Ihre Mutter fing an, Kirschen, die auf dem Küchentisch in einer Schale lagen, zu sortieren, ihnen die Stiele auszurupfen und die verbeulten herauszupicken. Theresa wollte sie in den Arm nehmen, aber sie konnte sich nicht überwinden, etwas zu tun oder zu sagen.

Damals war Theresa 18. Manchmal kam es ihr später so vor, als habe sie diese Szene nur geträumt, wie sie im Halbschlaf aus der Ferne eine verschwommene Wahrheit vernommen hatte. So wie ihr vieles in der Erinnerung unwirklich, hinzugedichtet, verzerrt vorkam, als hätte sie sich von der Vergangenheit gehäutet, das Ich von damals abgestreift. Ihr Vater war also ein ganz gewöhnlicher Betrüger, er hatte irgendwo eine uneheliche Tochter oder ein Kuckucksei, hoffentlich war es ein hässliches Kind, ein dummes Mädchen. Sie schämte sich für ihre Missgunst, aber sie schämte sich noch mehr für ihren Vater, für dessen Triebe und Schwächen. Aber am meisten schämte sie sich, dass sie ihre Mutter nicht trösten konnte, dass sie nicht fragte und schwieg, dass sie ihrer Mutter nicht vergeben konnte, was sie mit sich machen ließ. Vielleicht war ihre Mutter selbst schuld, dass ihr Vater sich so aufführte, vielleicht hätte sie sich nicht alles gefallen lassen sollen. »Der eine kann sich immer alles erlauben«, dachte sie. »Und der andere nichts.«

Ideal und Wirklichkeit

In stiller Nacht und monogamen Betten

denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.

Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,

was uns, weil es nicht da ist, leise quält.

Du präparierst dir im Gedankengange

das, was du willst – und nachher kriegst dus nie …

Man möchte immer eine große Lange,

und dann bekommt man eine kleine Dicke –

C'est la vie –!

Sie muß sich wie in einem Kugellager

in ihren Hüften biegen, groß und blond.

Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,

wer je in diesen Haaren sich gesonnt …

Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,

der Eile und der Phantasie.

Man möchte immer eine große Lange,

und dann bekommt man eine kleine Dicke –

Ssälawih – !

Man möchte eine helle Pfeife kaufen

und kauft die dunkle – andere sind nicht da.

Man möchte jeden Morgen dauerlaufen

und tut es nicht. Beinah … beinah …

Wir dachten unter kaiserlichem Zwange

an eine Republik … und nun ists die!

Man möchte immer eine große Lange,

und dann bekommt man eine kleine Dicke –

Ssälawih – !

Kurt Tucholsky

Ihr Vater war damals oft betrunken, er saß alleine in Kneipen und sang mit, wenn ein Barpianist einen Evergreen spielte. Manchmal setzte Theresa sich zu ihm, wenn er nach Hause kam und in der lichtlosen Küche noch mit den Weingläsern klimperte oder sich an dem Schnapsregal seines Sohnes bediente, heimlich, während dieser bei Freunden zum Risiko-Spielen war. Einmal hatte sie ihn im Zimmer ihres Bruders erwischt, als er mit verschränkten Armen ums Regal kreiste und immer wieder murmelte: »Ich habe nichts gemacht!« Sie hörte die Eltern oft in der Küche flüstern, und sie sah die verquollenen Augen ihrer Mutter und die hängenden Wangen ihres Vaters, die Kränkung im Gesicht ihrer Mutter, ein welkes Gesicht ohne Schlaf. Ihr Vater fragte sie damals sogar nach einem Joint oder »was ihr Kinder heutzutage so raucht. Gib mir doch was! Irgendwas!« Er wurde mit dem Älterwerden nicht fertig, aber wer wurde das schon? »Das Leben ist scheußlich«, verkündete er und goss sich noch einen doppelten Fernet Branca ein. »Die Ehe funktioniert nicht!«, fuhr er ungefragt fort. »Ich würde mich manchmal am liebsten vor einen Zug werfen. Das Alter ist grässlich. Ich wünschte, ich wäre tot.« Er klagte über Zahnweh und Sodbrennen und üble Träume, in denen er Züge verpasste und durch Prüfungen fiel oder mit einem Fahrstuhl in endlose Tiefen raste. »Und was ist mit mir? Bleib doch, bleib für mich«, sagte Theresa und nahm seine Hand. »Ach, für dich! Du kannst auch alleine auf der Welt sein. Ohne mich.« »Und wer führt mich später zum Altar? Ich will doch, dass meine Kinder ihren Großvater kennenlernen.« Sie wollte, dass er sich an ihr freute, dass es sich für sie lohnte. »Mich sollte man besser nicht mehr kennenlernen.« Nicht einmal für sie wollte er bleiben, sie war es nicht wert, das Leben auszuhalten. »Trink nicht so viel.« Sie machte sich Sorgen, wenn sie ihm zusah, wie er sich die Wange hielt vor Schmerzen, wie er aggressiv wurde und traurig, wie er von früher berichtete und vom Betrügen. Sie wollte doch nur, dass er glücklich war.

»Ich habe Torschlusspanik. Ich werde bald 70.« Das hatte er damals gesagt, zur Zeit dieser Affäre, als er sich aufspielte und darüber sprach, dass Männer alle fremdgehen, alle, ausnahmslos, und wenn sie es nicht täten, dann seien sie Perverslinge oder hätten bloß keine Gelegenheit.

Einmal waren sie in einem guten Hamburger Restaurant am Hafen, sie feierten den Geburtstag ihrer Mutter, die ihre Gesichtszüge inzwischen wieder unter Kontrolle hatte, nur ihre Tränensäcke verrieten, wie müde und traurig sie war, da half auch keine exklusive Kosmetik, keine Augenmaske und kein Traubenkernextrakt. Theresas Vater hatte bereits so viele Kir Royals getrunken, dass er plötzlich einen freudigen Schrei ausstieß. Als die Kellnerin fragte, ob die »Herrschaften schon etwas ausgewählt hätten«, antwortete er: »Die Herrschaften essen nichts. Wir haben Durst. Bringen Sie uns noch eine Flasche Champagner! Wir wollen auf meine Ehefrau anstoßen.« Ihre Mutter stand leise auf und ging Richtung Damenklo. Damals hatte Theresa gedacht: »Ich will niemals trinken, ich werde meinen Kindern niemals so etwas antun, und ich werde mir niemals von einem Mann auf der Nase herumtanzen lassen.«

Theresa lebte inzwischen in Berlin. Eines Morgens, als sie mit Benjamin in ihrem Bett lag, fragte er mit der Ruhe eines Samstags: »Was ist denn jetzt eigentlich mit uns?« Eine Frage, die sie niemals zu stellen gewagt hätte. »Mit uns ist alles gut«, antwortete sie heiter. »Und?«, bohrte er weiter. »Ich weiß nicht. So ist doch alles am besten«, antwortete sie, sie wusste nicht, ob aus Mutlosigkeit oder aus Überzeugung. »So?« »Ja, so ohne Einschränkung.« »Was willst du denn?«, fragte er. »Ich will einfach nicht, dass sich etwas verändert.« Er wirkte gekränkt, und nachdem er das Haus verlassen hatte, fragte sie sich, ob er jemals wiederkommen würde. »In der Freundschaft verliebt sich meist der Mann, in der Affäre das Mädchen«, dachte sie.

Sie schrieb ihm eine Nachricht: »Vergib mir.« An diesem Tag antwortete er nicht mehr, sie schien ihn mit ihren vagen Aussagen vergrault zu haben. Aber je länger er nicht antwortete, desto entschlossener wurde sie, dass sie ihn doch für sich haben wollte. Sie hatte sich eben alles offenlassen wollen, als gäbe es noch hundert andere Optionen. Als es dunkel wurde, scheuchte ihre Nervosität sie durch die Zimmer ihrer Wohnung und trieb sie dazu, fluchend mit sich selbst zu reden. Sie wollte ihn anrufen und war aufgeregt, als sie den Hörer in die Hand nahm. Seine Mailbox sprang an, und sie wurde noch wütender, als habe die automatische Ansage eine schlechte Nachricht verkündet – Flug verpasst. Sie versuchte es wieder und wieder, anfangs schämte sie sich noch, irgendwann wanderten ihre Finger wie von selbst zum Wahlwiederholungsknopf, sie konnte die Ansage schon mitsprechen. Am liebsten hätte sie die letzten Stunden wiederholt, auf einmal war sie sich ganz sicher, was sie wollte, und das, was sie sagen wollte, lag verschlossen in seiner Mailbox, die er nicht öffnete, für sie war er unerreichbar.

Es war Samstag, und sie ging lustlos mit ein paar Freunden in einen Club. Sie bemühte sich, fröhlich zu erscheinen, und versuchte, sich in Gleichgültigkeit zu trinken, aber der Wodka spülte nur eine noch größere Welle der Wut in ihr hoch, und so küsste sie in einer dunklen Ecke neben den Klos am Notausgang einen Engländer, der für irgendeine Band in Berlin war und sie an der Bar auf ein paar Schnäpse eingeladen hatte. Danach rannte sie bestürzt zum nächsten Spiegel und wühlte in der Handtasche so ungeduldig nach ihrem Handy, dass Lippenstifte und Wimperntusche, EC-Karten und einzelne Zigaretten herausfielen und über den verkrusteten Boden kullerten. In der Tasche war nur noch das Handy. Ein einziger Blick genügte – keine Nachricht. »Ich muss gehen«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild, bückte sich zu der Tasche und sammelte ihre Habseligkeiten ein.

Als sie im Bett lag, konnte sie vor Zorn nicht schlafen und schaute bis zum Morgengrauen abwechselnd Wiederholungen von Nachmittagstalkshows und dann wieder fassungslos auf ihr Handy.

Am nächsten Tag brachte Benjamin ihr einen großen Strauß Lilien und sagte: »Ich will dich für mich allein.« Sie nahm die raschelnden Blumen entgegen, und er blieb. Sie verbrachten ein paar selige erste Wochen.

Sie gingen viel miteinander aus, verließen aber sonntags nie das Haus, sprachen angeregt über Filme, lasen dieselben Bücher (meist von Franzosen oder Russen) und diskutierten darüber. Sie machten einander spielerisch scharf, er brachte ihr vieles bei, er war ungeniert nackt und schämte sich nie für seine Bedürfnisse und seine ungeschützte Körperlichkeit. Sie gingen in Fotoausstellungen, schauten gemeinsam Tierdokumentationen an und waren Teil eines riesigen, wild durchwachsenen Freundeskreises. »Ich will, dass alles immer so bleibt wie jetzt. Oder meinetwegen die letzten zehn Jahre einfach noch mal!«, sagte Theresa.

Vielleicht war sie wirklich wie Obelix als Kind in einen Zaubertrunk gefallen, aber nicht in einen Kessel voller Kraft, sondern in einen Eintopf voller Gefühle, wie ein Freund ihr einmal gesagt hatte. Aber es fiel ihr schwer, lange glücklich zu sein. Sie saßen im Auto und fuhren auf einen Bauernhof zwei Stunden von Berlin entfernt, und eigentlich freute sie sich, aber abends knarzte das Holz unter ihren Schritten, und sie betrank sich mit Rotwein. »Warum bist du so hibbelig?«, fragte er, als sie beim Scrabble dauernd aufsprang, nachschenkte, überprüfte, ob die Tür abgeschlossen war, auf ihr Handy schaute, das keinen Empfang hatte. »Ich müsste einfach weniger Interesse an Vergnügen haben«, sagte sie. »Wie scheiße wäre das denn! Wir müssen alle viel mehr Vergnügen haben.« Er grinste ein wenig unverschämt. »Aber ich interessiere mich so stark für Vergnügen«, sagte sie, als gestehe sie einen Makel. »Mehr Vergnügen, keine Grenzen. Und dann den Himmel sprengen.« »Männer können sich immer ohne schlechtes Gewissen vergnügen. Du kannst wunderbar den ganzen Sonntag Serien schauen und zweitklassige Filme, ohne dich dabei schlecht zu fühlen.« »Warum sollte ich mich dafür schlecht fühlen?«, fragte er. »Weil du deine Zeit verschwendest!«, rief sie. »Gerade nicht«, widersprach er, »ich mache mir eine schöne Zeit!« Und er legte Skögul auf das Scrabblebrett. »Das ist kein Wort!«, rief sie. »Doch, das ist eine der Walküren aus der nordischen Mythologie«, erklärte er. »Es klingt wie ein Ikea-Schrank«, sagte sie und trank das Weinglas aus. »Du klingst wie ein Weinschrank«, sagte er. Aber hier hatte sie Angst, ihn nüchtern zu küssen, es war so lautlos, von draußen kam kein Motorengeräusch, kein gleißendes Scheinwerferlicht, nur die einsamen Rufe einer Eule.

Über ein Glück, das du flüchtig besessen,

Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,

Tröstet die alles heilende Zeit.

Aber die Träume, die nie errungnen,

Nie vergeßnen und nie bezwungnen,

Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.

Isolde Kurz

Theresa ging jeden Tag mit ihren Freunden, die Diplomarbeiten schrieben oder für Klausuren lernten, in die Bibliothek. Schon bald hatte sie das Exposé ihrer Masterarbeit eingereicht, und ihr Professor verkündete überschwänglich: »Das klingt fabelhaft! Wenn Sie fleißig sind, könnte die Arbeit in zwölf Monaten fertig sein.« Er lächelte Theresa an. »Ich kann Ihnen sogar ein Stipendium ermöglichen – mit solch einem Exposé. Aber von Ihnen hatte ich auch nichts anderes erwartet!« »Das freut mich.« »Wenn das Ding erst einmal fertig ist, können Sie sich den Job aussuchen!« Sie stand aufrecht im Professorenzimmer der Universität. »Triumph ist Triumph«, dachte sie, »wenn ich mir nur bloß etwas daraus machen würde!« Wenigstens war sie nicht in Hongkong vereinsamt. Sie hatte sich gegen das Richtige entschieden – aber wofür eigentlich?

Theresa erhielt ein großzügiges Stipendium, und nachdem das Exposé so erfolgreich fertiggestellt war, wollte sie jeden Tag mit der Masterarbeit beginnen, aber am Mittwoch schien die Sonne, am Donnerstag hatte sie Bauchweh, und Freitag war Freitag, und da lohnte es sich ja vor dem Wochenende kaum noch, mit der Arbeit anzufangen. Montag war dann Montag, sie hatte lange geschlafen und übers Wochenende ihre Stimme verloren, Dienstag hatte sie einen Friseurtermin und wollte die Geschirrspülmaschine ausräumen, Mittwoch regnete es so stark, dass sie das Haus nicht verlassen mochte und stattdessen eine ganze Staffel »Friends« schaute. Donnerstag traf sie ihre Freundin Carlotta zum Mittagessen, und davor lohnte es sich gar nicht, das Dokument auf dem Laptop überhaupt nur zu öffnen. »Nach dem Mittagessen öffne ich die Datei«, sagte sie sich, obwohl sie gerade erst gefrühstückt hatte, es war zwanzig nach elf.

Sie traf Carlotta in einem überfüllten Café in der Auguststraße in Mitte. Junge Menschen pressten sich an den Selbstbedienungstresen, und Carlotta warf ihre Worte in das Gewusel hinein: »Mein Chef will, dass ich ihn für zwei Jahre nach Kapstadt begleite.« »Zwei Jahre? Wer geht denn heutzutage noch solche Bindungen ein?«, fragte Theresa. »Es ist ja schon unmöglich, mein Fitnessstudio zu kündigen, obwohl ich seit einem Jahr nicht mehr dort war!«, rief sie über den Kopf eines hageren Jungen hinweg, der seinen strähnigen Scheitel zwischen Carlotta und sie geworfen hatte. »Ich komme nicht einmal aus meinem Handyvertrag raus, der verlängert sich automatisch um 24 Monate. Ich habe schon hundert Mal mit der Hotline telefoniert, für 79 Cent die Minute. Bei solchen Warteschleifen ist es kein Wunder, dass alle Angst vor Verbindlichkeiten haben.« »Was magst du?«, fragte der junge Mann hinter dem Tresen. »Ich weiß nicht«, Carlotta überlegte und drehte sich zu Theresa. »Was nimmst du?« »Habt ihr frische Zitronenlimonade?«, fragte Theresa den Mann am Tresen. »Nein, aber Rhabarberminzschorle«, schlug dieser vor. »Ja«, antwortete Theresa, »die nehm ich.« »Ich auch!«, rief Carlotta. »Und einen großen Fetasalat mit Couscous. Oder, stopp, doch lieber einen Ingwertee statt der Rhabarbergeschichte.« »Und was machst du jetzt mit Kapstadt?« »Ich glaube, ich bleibe hier. Und suche mir was in Bielefeld oder Berlin oder so.« Theresa wusste, dass Bielefeld keinen Flughafen hatte, keinen direkten Weg nach Kapstadt, aber einen Technologiekonzern, für den Carlottas Freund Nico arbeitete. Carlotta nahm zwei Rhabarberschorlen entgegen, der Mann am Tresen hatte ihre Umbestellung nicht gehört. »Wolltest du nicht einen Ingwertee?«, fragte Theresa. »Ach, egal«, sagte Carlotta feige, als sei sie froh, dass sie überhaupt etwas serviert bekam. »Aber du bleibst nicht wegen Nico hier?«, fragte Theresa. »Nein, nein. Ich will einfach gerade nicht so weit weg.« »Aber irgendwann gehe ich bestimmt noch mal ins Ausland.«

»Ich auch, Argentinien wäre cool.«

»Ich bin so gespannt, was aus uns allen wird!«

»Was wäre dir denn am liebsten?«, fragte Carlotta.

»Macht. Oder Spannung, Spiel und Schokolade.«

»Geht's auch etwas konkreter?«

»Ich weiß nicht«, sagte Theresa und pulte an ihrem Daumen. »Irgendwie hat man immer das gemacht, was alle so ungefähr gemacht haben.«

»Ja, unsere Leben liefen parallel, alle waren in der Schule, keiner hatte mehr oder weniger. Und auf einmal hat der eine ein Kind und der andere keins. Und einer einen Job und ein anderer keinen Abschluss.« Theresa rupfte sich einen Hautfetzen am Daumen ab. Es fing an zu bluten. Sie lutschte an ihrem Finger.

»Niemand will zu den Versagern gehören«, sagte Carlotta.

»Niemand will zu den Üblichen gehören«, erwiderte Theresa.

Als Carlotta drei Monate später einen Job bei einem Lebensmittelunternehmen in Bielefeld zusagte, weil sie angeblich weder in Berlin noch anderswo eine Stelle bekommen habe, zerrissen ihre Freundinnen sich das Maul, wie man freiwillig nach Bielefeld und dann noch einem Mann hinterherlaufen könne. Abhängigkeit war verpönt, obwohl alle für sich selbst eine Ausnahme machten. »Bist du sicher, dass du erst mal zu Nico in die Wohnung ziehen willst?«, fragte Theresa so neutral wie möglich. »Ja, bis ich was Eigenes gefunden habe«, erklärte Carlotta. Aber sie würde nie wieder ausziehen. Aus der provisorischen Übergangslösung wurde ein Dauerzustand.

Theresa wunderte sich über diese Mädchen, ihre eigenen Freundinnen mit großartigen Aussichten, mit denen sie, schon als sie 15 waren, davon geträumt hatte, einmal ein gutes Leben zu führen – mindestens so wie die Eltern, aber ganz anders und noch toller und noch mehr von allem, und ohne dass sie gewusst hätte, wie sich das gute Leben erreichen ließe, wie es sich definierte, wer es bestimmte – und dass diese Freundinnen und Begleiterinnen sich inzwischen das Leben von einem Mann oder mittelmäßigen Aussichten verbiegen ließen. Das Leben wurde geknickt, gebogen und gefaltet, je nach Belieben, wie die knautschigen Ballonfiguren in Vergnügungsparks. Die Definition vom guten Leben hatte sie im Lexikon, auch bei Google, vergeblich gesucht, und dennoch schien jeder seine Bedeutung zu kennen.

Carlotta zog also nach Bielefeld zu Nico. Theresa konnte nicht fassen, dass sie bereits so jung die erste Freundin an einen Mann verloren hatte. Aber weitere würden im Laufe der Zeit von der Penisplage dahingerafft werden, und sie erinnerte sich an gewisse Abende, Abende vor Benjamin, mal ein Samstag, mal ein Dienstag, an denen sie für einen Mann von ihren Freundinnen sitzengelassen worden war. »Ich kann nicht mit dir ausgehen, Max hat angerufen!« »Ich mach's mir heute Abend gemütlich mit Philipp.« Es hagelte Absagen auf sie ein, nur weil eine Kussaussicht, eine mittelmäßige Liebesoption mit einem Langzeitstudenten mit lichtem Haar, mit einem Langweiler mit Vaterkomplexen bestand, die feigen Freundinnen nahmen nicht einmal mehr den Hörer ab, sie kletterte die Kontakte in ihrem Handy alphabetisch auf und ab, man hätte genauso gut eine Shuffle-Funktion wie beim iPod einstellen können, die Anrufe wurden immer willkürlicher, Zufallsplaylisten. »Hallo? Hallo … du bist heute in Wien! Ach, schade … Hallo? Hallo, ach … du schläfst schon. Hallo? Hallo. Und wer tanzt mit mir?« An diesen Abenden war das Alleinsein unerträglicher, als mit dem lästigsten aller Kollegen unterwegs zu sein, als mit selbstbezogener Schrillheit in einer Bar zu sitzen, als mit einem Taubstummen und einem Analphabeten Karaoke zu singen. Allein war das unterste Glied in der Kette, und keine Telefonliste, keine 789 Freunde bei Facebook, keine 30 E-Mails am Tag, keine fünf offenen Skype-Fenster mit Chats, keine 23 SMS voller Hoffnung, die dann doch im Nichts versandeten – »Vielleicht heute, wahrscheinlich später, lieber morgen, eher nachher, heute nicht, aber nächste Woche, bin nicht da, bin verreist, bin krank, mag nicht, aber mag dich.« –, halfen darüber hinweg, dass sie zu Hause saß und keiner mit ihr spielte. Sie zog allein an ihren Zigaretten, ohne Unterhaltung raucht es sich schneller, der Aschenbecher quoll über, und bei jedem Fiepen ihres Handys schreckte sie hoffnungsfroh hoch, blieb bis spät in die Nacht geschminkt, lief auf Stöckelschuhen durch die Wohnung, stets auf Abruf bereit, es war erst halb zwei Uhr nachts, noch war alles offen, die Schuhe drückten und machten Lärm, aber sie stakste gut gelaunt an den Kühlschrank, öffnete schon mal eine Flasche Wein, gut, nun war es zwanzig nach zwei, aber vielleicht meldete sich noch ein betrunkener Freund, eine verlassene Freundin, noch nicht die Zähne putzen, noch nicht das Gesicht abwaschen, noch einmal Wimperntusche nachziehen, noch einmal die Frisur ändern, das Beste kommt immer unerwartet, aber um Viertel nach drei gab sie auf. Verkleidet und nicht abgeholt. Sie ging schlafen und ließ das Licht im Flur an.

Erstaunt musste sie zur Kenntnis nehmen, dass es in ihrem Alter schon Frauen gab, die ihren Alltag im Vorübergehen mit der Leichtigkeit und Erfahrenheit einer Sekretärin erledigten. Frauen, bei denen man sogar an einem Sonntagvormittag unangemeldet klingeln konnte und eine herausgeputzte Person und eine aufgeräumte Wohnung vorfand. Sie hingegen brauchte Vorlauf, ohne Ankündigung war weder sie noch ihre Wohnung präsentierbar. Sie war eines dieser Mädchen, die schon von einem Arzttermin gestresst waren, die sich für alles Listen machten, sogar Listen für Aufgaben, die noch gar nicht zu erledigen waren, fiktive Probleme der Zukunft: nicht vergessen, im nächsten Jahr ein neues Sommerkleid kaufen, irgendwann einmal zum Schuster gehen, das Auto waschen, das Kleid bei der Reinigung abholen. Manchmal wachte sie nachts auf, knipste das Licht an und schrieb einen neuen Spiegelstrich auf ihre Liste, eine Aufgabe, die sie jagte und ihr den Schlaf raubte. Fehlende Batterien in der Fernbedienung oder ungekaufte Glühbirnen machten sie nervös wie ein brennender Ofen. Die Glühbirnen rannten im Traum hinter ihr her, von wegen Energiesparlampe, hetzten sie durch ihren Pflichtenkatalog, und aus lauter Angst, die Glühbirnen zu vergessen, stand sie auf und schrieb das Wort »Glühbirnen« mit einem Ausrufezeichen auf ihre Liste.

Wenn sie wach lag und nicht an den Tod oder einen Mann dachte, durchkämmte sie alle Gebiete der Alltagsbewältigung nach neuen Aufgaben für ihre Liste, Rasterfahndung für die Haushaltsführung, ihr wuchs beizeiten ein Wäscheberg über den Kopf. »Hab ich denn auch an alles gedacht?« Sie fühlte sich Versicherungsunterlagen nicht gewachsen, bei Schadenfreiheitsrabatten und Überschussbeteiligung ebenso wie bei Kolbenfressern oder Bolzen nickte sie nur ratlos – sie verstand die Begriffe, aber sie konnte sich unter ihnen absolut nichts vorstellen. Wenn sie nach großer Überwindung etwas erledigt hatte, überkam sie eine neue Unruhe, weil sie glaubte, einen Haken hinter einen ihrer Spiegelstriche machen zu können, und feststellte, dass man nichts, nicht mal einen Gang zur Post, endgültig – für sein Leben – abhaken konnte. Sie würde immer wieder zur Post gehen müssen, zur Bank, zur Apotheke, zum Finanzamt, auf die Einwohnermeldestelle, Entkalker kaufen, Wäscheweiß, Geschirrspülsalz, das Auto betanken, vielleicht mal einen Fensterputzer bestellen. In ihrem inneren Notizblock würde es niemals leere Seiten geben. Diese Tatsache rief in ihr chronische Ruhelosigkeit, ja fast Verzweiflung hervor.

Siebenmal mein Körper

Mein Körper ist ein schutzlos Ding,

wie gut, dass er mich hat.

Ich hülle ihn in Tuch und Garn

und mach ihn täglich satt.

Mein Körper hat es gut bei mir,

ich geb' ihm Brot und Wein.

Er kriegt von beidem nie genug,

und nachher muß er spein.

Mein Körper hält sich nicht an mich,

er tut, was ich nicht darf.

Ich wärme mich an Bild, Wort, Klang,

ihn machen Körper scharf.

Mein Körper macht nur, was er will,

macht Schmutz, Schweiß, Haar und Horn.

Ich wasche und beschneide ihn

von hinten und von vorn.

Mein Körper ist voll Unvernunft,

ist gierig, faul und geil.

Tagtäglich geht er mehr kaputt,

ich mach ihn wieder heil.

Mein Körper kennt nicht Maß noch Dank,

er tut mir manchmal weh.

Ich bring ihn trotzdem über'n Berg

und fahr ihn an die See.

Mein Körper ist so unsozial.

Ich rede, er bleibt stumm.

Ich leb ein Leben lang für ihn.

Er bringt mich langsam um.

Robert Gernhardt

Mittlerweile lebte Benjamin seit sechs Monaten an ihrer Seite, und hin und wieder vermisste sie die Sonntage ohne Überwachung: unrasierte Beine, erdige Gesichtsmasken und Ketchup auf Scheiblettenkäse in Plastikpapier.

Theresa und Benjamin kamen gemeinsam von einer Hochzeit auf dem Land und fuhren mit dem Auto zurück nach Berlin, es war ihr Auto, aber er lenkte und rauchte dabei, während die Wiesen hinter ihm vorbeiwischten. »Mein Kopf tut so weh«, sagte er. »Willst du nicht mal fahren?« »Ich bin so müde, Benjamin. Bitte fahr du.« Die Sonne knallte auf das schwarze Autodach, und ihr blonder Schopf wurde heiß und heißer. »Mir wird ganz schlecht von der Zigarette«, sagte Theresa und wedelte mit der Hand seinen Rauch weg. »Mann, bist du spießig heute.« »Können wir mal anhalten, ich muss aufs Klo.« »Hier ist aber kein Klo, Theresa.« »Ich geh in den Wald.« »Kannst du nicht noch ein wenig durchhalten?« »Ich muss aber jetzt!« »Dann kannst du danach ja übernehmen und fahren.« »Ich fahr doch so schlecht!« »Ist mir egal. Ich fahre jedenfalls nicht mehr.« Er lenkte den Wagen wütend an den Straßenrand und bremste abrupt, ihre Körper wackelten vor und zurück wie Pudding. Sie standen auf einer kleinen Allee. »Bist du verrückt? Musst du so ruppig anhalten!« »Du wolltest doch pinkeln!«

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