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Versperrte Hintertür : Ein Berlin Krimi

Lence Vio

Versperrte Hintertür : Ein Berlin Krimi

Cassiopeiapress Spannung/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

VERSPERRTE HINTERTÜR

von LENCE VIO

Ein Berlin-Krimi

EDITION BÄRENKLAU/Ein EDITION BÄERENKLAU eBook, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius 

www.edition-baerenklau.de

©, 2013 des Romans „Versperrte Hintertür“ by Lence Vio

©, Covervignette 2013 by Lence Vio

Ein CassiopeiaPress E-Book

©, der Digitalausgabe 2013 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.AlfredBekker.de

Kapitel 1

 

Das Ausschütteln der Wolken

 

Unermüdlich hatten die Nornen Klettes schicksalhaften Lebensfaden gesponnen, wodurch er zum unversöhnlichen Krieger wurde. Daher verließ Klette die S-Bahn, die ihn nach Königs Wusterhausen chauffiert hatte, und richtete seinen Intellekt auf die Wegbeschreibung in dem mitgeführten Notizbuch, das sein Bruder angefertigt hatte.

Endlich war er am Ziel und sandte seinen Blick durch eine große Scheibe des Supermarktes. Folglich verglich er jede Verkäuferin mit dem im Notizbuch eingeklebten Foto und als er die hundertprozentige Übereinstimmung der menschlichen Urform mit dem Foto feststellte, jubelte sein Verstand. Erfreulicherweise war alles genau so, wie es in dem Notizbuch geschrieben stand. Nichts hatte sich geändert, obwohl einige Zeit vergangen war, seit sein Bruder die Eintragungen über diese Verkäuferin vorgenommen hatte. Die Stadt stimmte, der Supermarkt war richtig und die Verkäuferin arbeitete noch hier.

Dann betrat er den Supermarkt und seine Beobachtungsgabe richtete sich gegen das leibhaftige Original. Sie sah aber auch geil aus, verinnerlichte er, genau wie die ihr gewidmeten Zeilen sie beschrieben. Damit war es fast unvermeidbar, dass er ihr verfiel.

Schon hallte ihre wohlige Stimme in seinen Ohren, indem sie freundlich fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“

Beinahe wäre er ihrem lächelnden Charme erlegen, aber rasch erkannte er ihre aufgesetzte Höflichkeit. Entsprechend wies er an: „Verpiss dich, du Schlampe!“, wobei er ihr einen verächtlichen Blick zuwarf, bevor er sie wortlos stehen ließ.

Für den heutigen Tag hatte er erreicht, was er wollte. Also machte er sich auf den Weg zum Bahnhof, damit er wieder nach Berlin fahren konnte. Nun ratterte die S-Bahn über die Gleise und bald drückte die eintönige Betonierung der Hauptstadt seinen Blick in das Innere der Bahn, in der er die anwesenden Leute beäugte, woraufhin er sich eingestand, dass keine der sich hier befindlichen Damen mit der Perle aus dem Supermarkt konkurrieren könne. Daraufhin öffnete er das mitgeführte Notizbuch und sah nochmals ihr Foto an. Wie war es seinem Bruder ergangen, als er dieses Bild geknipst hatte, fragte er sich. Sicher war er in jenem Augenblick glücklich gewesen, ahnte er und erinnerte sich an alte Kindheitstage, an denen die beiden Brüder beglückt und unbeschwert gewesen waren.

Schwärmend dachte er über die kameradschaftliche Verbundenheit zu seinem Bruder nach und im Herzen spürte er nochmals diese Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Es war eine herrliche Zeit, in der die beiden aus den Stühlen und Decken der vertrauten Wohnung geräumige Höhlen bauten, während sie bei den Eltern aufwuchsen. Auch die Verwandtschaft kam regelmäßig zu Besuch und sie feierten alle Feste gemeinsam. Jedoch waren inzwischen viele Angehörige dahingeschieden und ihr Verlust konnte nie mehr überwunden werden. Es waren eben aufrechte und idealistische Menschen, wie sie heutzutage immer seltener anzutreffen waren.

Ferner lobte er das handwerkliche Geschick des Bruders, das für die fortan hangelnden Bewegungen auf der angebrachten Stangenkonstruktion sorgte, die sich durch seine gesamte Wohnung zog und ihm den Boden unter den Füßen entriss. Selbst zum Schlafen lag er auf einem Röhrengeflecht und schnell verhalf diese rankende Deckennähe ihm zum Fühlen, wie es in ihm wuchs, wie es sich reagierend ausdehnte und wie es sich selbst übertraf. Folglich wurde er ein sehniger Akrobat, den sie einfach Klette nennen mussten.

 

Einen Tag nach seinem Ausflug nach Königs Wusterhausen betrat Klette ein großes Sporthaus, in dem sich nach einigem Schlendern ein riesiges Sortiment an Armbrüsten präsentierte. So nahm er sie alle in die Hand, um sie anzulegen, und am liebsten wollte er sie gleich an Ort und Stelle ausprobieren. Allerdings konnte sich das Inferno nur in der ländlichen Gegend ereignen, woraufhin er sich unbeirrt der Suche nach der geeigneten Armbrust hingab.

Betreffend war es ihm vergönnt, ein leichtes Modell aus Kunststoff auszulesen, das optimal in den Händen und an der Schulter lag. Dadurch konnte er bestens anvisieren. Außerdem versprach der Glasfiberbogen bei einer Entfernung von sechzig Meter eine normierte Genauigkeit, die ins Schwarze treffen müsse. Überdies kaufte er ein riesiges Arsenal an Munition, wodurch er über zahlreiche Aluminiumpfeile mit Stahlspitzen verfügte, die er zum Üben nutzen wollte.

Es folgten Tage in den dichten Forsten bei Königs Wusterhausen, um eine hundertprozentige Treffsicherheit zu erlangen. Dabei surften die welken Blätter auf den Böen der spätjährlichen Winde und er begriff, dass in jenem Landstrich der Mensch und das Tier im Einklang mit der Natur friedlich nebeneinander lebten. Es war eben die schöne heile Welt und er nahm mittendrin teil. Dennoch verbannte er diese Pracht aus seiner Auffassungsgabe und lebte fortan in einer Schwarz-Weiß-Welt. Demzufolge ignorierte er das bunte Treiben dieser Region sowie ihrer Menschen und Tiere, um seinen geradlinigen Weg zu gehen.

Insofern hatte er nur das Foto und die geschriebenen Zeilen über die Verkäuferin vor Augen, wenn er trainierte, und er fragte sich, warum sich kein Richter dieser Schlampe annehme. Es war einfach nicht hinnehmbar. Also verurteilte er die gesamte hiesige Rechtssprechung, die sich ausnahmslos aus heuchlerischen Frevelzungen zusammensetzte. Darin begründet müsste man sie allesamt in die brandenburgischen Wälder verfrachten, in denen man ihnen mit dauerfeurigen Kalaschnikow-Gewehren die Gliedmaßen abknipsen und sie dem Gesetz der Natur überlassen sollte.

Doch er besann sich wieder und dachte, was kümmerten ihn diese fehlgeleiteten widernatürlichen Hirne mit ihren verschobenen Ansichten. Begegnend verkörperte er die nächst höhere, gerichtliche Instanz, die reine und gesunde Urteile sprechen konnte.

Ansonsten widmete er sich dem leibhaftigen Original, über das das Notizbuch bereits eine ausführliche Auskunft gab. Von daher setzte er im Kirchsteig an, in dem die Verkäuferin wohnhaft war. Genaugenommen erforschte er ihre Tagesstrukturierung. Folglich gebaren seine Erkundungen ein umfassendes Wissen, das die detaillierten Abläufe sämtlicher Tagesphasen offenlegte. Hierzu stand er inmitten der Nacht auf und lauschte unter ihrem Fenster stehend, bis der Wecker klingelte. Dadurch erwachte sie und schaltete den Wecker aus. Kaum war der Klingelton verklungen, beobachtete er, wie sie sich vom Bett erhob und ins Bad ging, um sich frisch zu machen. Im Anschluss sah er, wie sie in der Küche das Frühstück einnahm. Auch auf ihrem Weg zur Arbeit war er anwesend, weil er sie aus sicherer Entfernung verfolgte. Dabei musste er bald schmunzeln, denn es gab jeden Tag ein absolut übereinstimmendes Timing. Er konnte regelrecht die Uhr danach stellen und wusste, wann sie was mache.

Hingegen wichen die Wochenenden stets voneinander ab, denn sie nutzte ihr hübsches Erscheinungsbild, um die Männerwelt in lüsterne Träume eintauchen zu lassen. Und diese triebhaften Ausschweifungen waren in der Regel sehr wechselnd. Daraufhin entschied er sich, das letzte Treffen mit ihr auf einen abgestimmten Arbeitstag zu verlegen.

 

Dann nahte der Stichtag heran und Klette postierte sich im Kirchsteig. Jetzt könne es sich nur noch um wenige Minuten handeln, schmunzelte er, denn es war die Feierabendzeit der Verkäuferin. Also ersehnte er ihre Ankunft.

Unterdessen war es schummerig geworden. Trotzdem erkannte er ihre Gestalt, die an den alten Reichsbahn-Häusern entlanghuschte. Damit war ein Ereignis von großer Tragweite herangereift und er ging am Ende der Häuserfront in Stellung, wo sie auf der anderen Straßenseite an dem angrenzenden Wald vorbeigehen musste.

Effektvoll tarnte er sich in einer abgelegenen Ecke, weshalb keine Straßenlaterne diesen kompetenten Racheengel skizzieren konnte. Lediglich der Vollmond kredenzte die einzige Lichtquelle, die eine schattenhafte Warnung umreißen konnte, aber er wurde immerfort von dunklen Wolken verdeckt.

In jenen Momenten starrten seine aufgesperrten Augen unentwegt auf ihre Person, während seine Hände permanent die Armbrust umklammerten. Schließlich war sie nur noch ein kurzes Stück entfernt, da spannte und bestückte er die Waffe, wonach der erste Pfeil zum Abschuss lagerte.

Ein letztes Mal atmete er ein, bevor er zielte und abdrückte. Daraufhin peste der wuchtig abgefeuerte Pfeil lautlos durch die kühle Luft. Einfädelnd durchschlug er den Kragen ihrer Jacke, alsgleich er sich von hinten zwischen der Wirbelsäule und der Halsschlagader hindurchbohrte, ehe er vorne neben dem Kehlkopf austrat.

Zunächst hoffte sie, das passiere nicht wirklich. Aber kaum sah sie ihre blutbesudelte Hand, die sich von der Austrittstelle entfernte, wusste sie, sie befinde sich mitten in einem erwachenden Alptraum. Entsprechend schmetterten neurotische Erdichtungen durch ihr Gehirn und es war ihr nicht mehr möglich, einen Weg, über den sie aus dieser Situation flüchten könnte, zu finden. Sie erblickte nur ein kunterbuntes Potpourri, wodurch sie ein vermutlich rettendes Ziel verkannte, denn sicherlich hätte man ihr an jeder Tür den schützenden Einlass gewährt. Aber sie hetzte einem Kalkül hinterher, das sie in den angrenzenden Wald lockte, wodurch sie sich die Möglichkeit versprach, den gnadenlosen Jäger in der dämmernden Baumdichte abzuschütteln.

Allerdings kam Klette dieses infantile Versteckspiel gerade recht. Deshalb sprang er weit über den märkischen Boden oder hangelte ihr von Ast zu Ast nach, als wäre er ein wildes Tier, das eine Witterung aufgenommen hatte, wobei ihn ihr weinendes Klagen lenkte.

Anfangs machte sie eine gute Figur und selbst die panische Angst, die ihre Gedankenwelt einverleibt hatte, konnte das Flüchten nicht beeinträchtigen. Sie vergrößerte sogar ihren Vorsprung, aber dafür war eine große Kraftanstrengung nötig. So waren ihre Muskeln gespannt und gaben die volle Leistung, weshalb das Blut in Intervallen aus den beiden Durchschlagsstellen am Hals trat und ein ziehender Schmerz aufkam. Folglich wurde aus dem schwungvollen Entgegeneilen ihrer Selbsterhaltung ein sich verlangsamender Abzug, wodurch er sich allmählich näherte.

Schon bereitete er den zweiten Schuss vor und haarscharf zischte der Pfeil an ihrem rechten Ohr vorbei. Dadurch ermittelte sie panisch, ob er nur mit ihr spiele oder einfach nicht treffe.

Mit der seitenverkehrten Wiederholung am linken Ohr vernahm sie ein lautes Knarren der Bäume, das einem bissigen Hundebellen ähnelte. Somit fragte sie sich, warum hier eine Treibjagd im Gang sei, bei der sie das Freiwild darstelle. Keine Antwort geben könnend sammelte sie alle Kraftreserven und hastete weiter.

Plötzlich schien es, als sollte diese Mobilisierung von einem Erfolg gekrönt sein, denn sie erreichte einen kleinen Fanggraben, der zur Spukbrücke führte, über die eine Straße verlief. Gewiss könnte sie dort ein vorbeifahrendes Auto anhalten und um Hilfe bitten. Also wog sie jeder getätigte Schritt immer mehr in Sicherheit, bis sie dieser harte Schlag gegen den Oberschenkel lähmte. Zusammenfassend war die Barschheit so groß, dass sie stürzte.

Im Gestrüpp liegend ließ dieses Ziehen im Muskelfleisch sie das Gesicht vor Leid verziehen und qualvolle Töne drangen aus ihrem Mund. Daher griffen ihre Hände instinktiv nach der schmerzproduzierenden Stelle und noch während sich ihre Aufschreie geräuschvoll in der empfindungslosen Dämmerung stapelten, scheiterte der Versuch, die tief steckenden Qualen aus dem Fleisch und dem Knochen zu entfernen. Es tat einfach zu sehr weh, zumal ihr Versagen brutal unterschrieben wurde, als ein weiterer Pfeil die rechte Handfläche an den schmerzdurchfluteten Oberschenkel nagelte.

Beklemmende Laute entstellten die Herrlichkeit dieses Landstriches und jegliche Kontrolle wich von ihr. Dennoch konnte sie jenen Moment erlangen, in dem sie der Hilflosigkeit widerstand. Demnach ermöglichte ihr die gedeihende Selbstzucht, in die Richtung ihres Verderbens zu sehen. Folglich machte sie aus, wie der unerbittliche Scherge langsam auf sie zukam.

Schon klang seine Stimme in ihren Gehörgängen, aber es blieb ihr verwehrt, welchen inhaltlichen Sinn seine Worte wiedergaben. Gleichwohl verstand sie die Gestiken ihres Hetzers, der einen weiteren Pfeil in die Armbrust spannte, während die Wolken den Mond freigaben. Somit blitzte die Stahlspitze schauderlich in dem einbrechenden Licht, währenddessen die Verkäuferin die anstehende Handlung taxierte, weil sie solch starre Augen und das herzlose Lächeln einzuordnen vermochte.

Doch sie wollte noch nicht sterben und das Hören eines unweit vorbeifahrenden Autos konsultierte ihren Intellekt, der einen glühenden Lebenswillen in ihr Nervensystem pumpte, wodurch sie es schaffte, sich aufzurappeln. Gleichlaufend schoben sich wieder die Wolken vor den Mond, wonach sich die Dunkelheit um die beiden hüllte.

Damit war für Klette der Zeitpunkt des Überdenkens seiner Sanktion gekommen. Schließlich war er nicht gewillt, ihr Leben zu opfern. Stattdessen hatte er sie therapiert, womit er sich zufriedengeben konnte.

Ergänzend ergötzte er sich noch an ihrem tränenreichen Jammern, denn dieses fortwährende Weinen unter dem bedeckten Himmel deutete ihm, er schüttle das Wasser aus den Wolken.

Letztendlich erreichte ihr gebücktes Humpeln, das durch die am Oberschenkel angeheftete rechte Hand erzwungen wurde, die Spukbrücke. Vollendend hinkte sie auf die Straße und riss im Scheinwerferlicht eines herannahenden Fahrzeuges den linken Arm hoch, wodurch der Fahrer bremste. Insofern war es ihr vergönnt, der Marter zu entschlüpfen, wenngleich die Wunden blieben.

Für Klette war nun die Feuertaufe bestanden und er verließ die Stadt der Ehre.

 

In der S-Bahn verarbeitete Klettes Hirn diesen erfolgreichen Feldzug, wodurch seine Stimmung zu einem wahren Höhenflug abhob. Er sei vorwärts geschritten und nichts habe ihn aufhalten können, beklatschten seine Gedanken die vollstreckte Auseinandersetzung. Es schien ihm einfach alles zu gelingen.

Doch diese Euphorie hatte keinen dauerhaften Bestand, denn er widmete sich wieder den Zeilen des Notizbuches seines Bruders. Resultierend machten ihn diese Aufzeichnungen traurig und appetitlos. Hinzu wich die Konzentration von ihm und er fühlte sich zeitweise mitverantwortlich für das unfassbare Verhalten seines Bruders. Allerdings lenkten die brüderlichen Anmerkungen ihn direkt auf ein weiteres Weibsstück, das ganz unverschämt das Leben genoss. Demnach konnte er sich nicht auf seinem jüngst erlangten Lorbeer ausruhen. Im Gegenteil, er musste seine neuerliche Wut sättigen.

 

Indes die Jahreszeit auf winterliche Temperaturen abstieg, hangelte Klette über die Stangenkonstruktion in seiner Wohnung und kuschelte sich mit dem täglich früheren Einbruch der Dunkelheit in sein Röhrengeflecht ein, in dem er die Tagesereignisse auswertete. Folglich verdaute er dieses Speisen an dem Imbiss, der in einer Verbindung mit dem im Notizbuch des Bruders beschriebenen Weibsstückes stand. Entsprechend hatte ihn ein Bus der Berliner Stadtlinie nach Grünau an das Ufer der Dahme chauffiert und kaum bog er um die Ecke, vernahmen seine Augen diese ansprechende Dekoration eines Speisewagens, der sich mit bunten Lichterketten und glitzernden Werbeplakaten schmückte.

Beim Eintreffen an der Öffnungstheke verriet ihm der Vergleich zwischen der Verkäuferin in seinem Sichtfeld und dem Foto, das sein Bruder geknipst und in das Notizbuch eingeklebt hatte, dass er fündig geworden war. Also ging er umgarnend auf Tuchfühlung, derweil sie die Würstchen brutzelte. Demnach schwärmte er in den höchsten Tönen: „Ach, es riecht so lecker. Ich weiß gar nicht, was ich nehmen soll. Am liebsten würde ich alles probieren.“

„Lassen Sie sich ruhig Zeit!“, griente sie.

Dann besang er schmeichelhaft die Lobeshymnen erdachter Freunde: „All meine Bekannten haben mir Ihren Imbiss betont empfohlen. Die angebotenen Snacks übertreffen jeden anderen Imbiss an Köstlichkeit.“

Gewiss freute sich die Verkäuferin über den guten Ruf des Imbisses und während er die inserierenden Aushänge überflog, plauderte sie über ihren Bekanntheitsgrad: „Ich freue mich sehr, wenn die Gäste meinen Imbiss weiterempfehlen. Es steckt auch ein hartes Stück Arbeit drin, meine Kundschaft zu halten.“

Nebenher konkretisierte sich seine Absicht, denn seine Pupillen stoppten auf einem hinweisenden Schild, das den Namen der Besitzerin offenlegte. Damit verfügte er neben dem Foto über einen weiteren Vergleich hinsichtlich ihrer Identität. Insofern hatte er, was er benötigte. Also genehmigte er sich eine Curry-Bulette, ehe er den Platz der Auskunft verließ.

Unterdessen aktivierten sich seine grauen Zellen. Demgemäß interviewte ein störrischer Zorn seinen Intellekt, was er nun machen solle. Wie musste er sich verhalten?

Zuletzt entschloss er sich, erst einmal ihre täglichen Abläufe und ihre Gewohnheiten zu beobachten. Dadurch solle sich die passende Ahndung ergeben, verinnerlichte er und positionierte sich an einer nahe gelegenen Hausecke. Hier wollte er warten, bis sie Feierabend hatte.

Es folgten Stunden, in denen er frostigen Temperaturen ausgesetzt war, aber er verharrte in seiner lauernden Stellung. Auch die einfallende Dunkelheit, die sich über die Stadt legte, konnte seinen Entschluss nicht beeinträchtigen. Stattdessen bediente er sich des eingeschalteten Lichts im Innenraum des Imbisses, um die Verkäuferin vollends anzupeilen.

Endlich änderte sich dieses anhaltende Standardschema, denn Punkt achtzehn Uhr trat sie vor den Wagen und zog die Klappe über der Verkaufsöffnung herunter, bevor sie wieder hineinging. Damit hatte sie sich seinem Augenmerk entzogen, wodurch er sich minutenlang in einer optimistischen Zuversicht geduldete. Sie säubere wohl die Inneneinrichtung, vermutete er, bevor sie endlich den Seiteneingang von außen verriegelte und sich entfernte.

Dementsprechend gab es keine Veranlassung mehr, weiterhin an der Ecke zu verweilen. Also nahm er ohne jegliches Zögern die Verfolgung auf.

Ihr gemeinsamer Schicksalspfad führte sie am Ufer der Dahme entlang. Nachher verließen sie das Flussufer und liefen über belebte Straßen, was es ihm leicht machte, ihr unentdeckt zu folgen. Später musste er den Abstand zu ihr erhöhen, wonach sich ihr Schatten im Schein der Straßenlaternen eifrig von ihm entfernte. Trotzdem gelang es ihm, an ihr dranzubleiben. Deshalb führte sie ihn in einen kleinen Park, der eine Insel der Finsternis war. Jedoch waren sie nicht allein, denn überall lungerten die Stimmen düsterer Gestalten herum.

Nach einer halben Stunde der Hast verschwand sie in einem prachtvollen Mehrfamilienhaus, wodurch er gezwungen wurde, abzuwarten in welcher Wohnung gleich das Licht anging. Binnen Sekunden erhellte die Deckenbeleuchtung ein Zimmer im ersten Obergeschoss, weshalb er sich an der Klingelanlage überzeugte, ob das eingeschaltete Licht das Daheim dieses Weibsstückes oder nur einer möglichen Bekannten bestrahlte. Mit dem Lesen ihres Namens erlangte er eine krönende Genugtuung für diesen aufschlussreichen Tag.

Nach Hause schlendernd verinnerlichte er, dass er bereits genug beobachtet habe. Längst verfügte er über eine ausgewogene Rezeptur, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Demnach sollte die Imbissfiliale zum Symbol ihres Untergangs werden. Ebenso sah er keine Veranlassung, die Vergeltung unnötig hinauszuzögern.

Dann kreisten seine Gedanken um die Uhrzeit, in der er zuschlage. Dabei entschied er gönnerhaft, er wolle sie das lohnende Tagesgeschäft kassieren lassen und im Anschluss die Vergeltung einläuten. Somit war diese Mission perfekt organisiert und er gab sich dem nächtlichen Schlaf hin.

 

Als das emporragende Tageslicht das rachsüchtige Datum erquickte, erwachte Klette. Natürlich musste er ständig an sie denken, aber ihr gemeinsamer Termin stand noch nicht an. Demnach peinigte ihn die Ungeduld, bis er gegen siebzehn Uhr auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Imbisswagens eintraf.

Sein Ziel vor Augen habend erlebte er eine innere Ruhe. Schließlich könne er bald in seinem Element sein, schmunzelte er und starrte die bezichtigte Verkäuferin an. Dabei schmeckte er kein Mitleid, zumal sie das gleich Anstehende provoziert hatte.

Dem Vortag ebenbürtig zog sie um achtzehn Uhr die Klappe herunter, um die Verkaufsöffnung zu verschließen. Danach betrat sie wieder den Imbiss, dessen Innenausstattung sie säubern wollte.

Während sie alles so verrichtete, wie sie es täglich tat, ballte er beide Hände zur Faust und überquerte die Straße. Vor dem Speisewagen schwenkte er die letzten Kontrollblicke in alle Richtungen, währenddessen ein starker Schneefall einsetzte, der verabscheute Zeugen ausrangierte.

Nun wurde aus dem Späher ein Angreifer und er hämmerte die Fäuste gegen die Seitentür des Imbisses. Daraufhin rief die Stimme der Verkäuferin: „Die Öffnungszeit ist vorbei. Heute gibt es nichts mehr.“

Zu einer weiteren Reaktion kam es nicht. Aber so billig ließ er sich nicht abspeisen, weshalb er erneut polterte. Diesmal empfand sie dieses trommelnde Pochen als derart nervend, dass sie der Verdammnis die Tür öffnete.

Zunächst keifte sie: „Ich habe Feierabend.“ Ihm tief in die Augen sehend hing sie lautstark an: „Es gibt nichts mehr.“

Doch schon verstummte sie und die Analität fraß sich durch ihr Erkenntnisvermögen. Nun stotterte ihre irritierte Tonlage: „Womit darf ich Ihnen dienen?“

Es lag an seinen geballten Fäusten, die drohten, sie zusammenzuschlagen. Zweifelsohne war ihr klar, dass dieser ungebetene Herr kein gewöhnlicher Konsument war. Dennoch hoffte sie, ihn mit spendierten Fleischwaren und köstlichen Soßen zufriedenstellen zu können. Also klangen ihre Worte freundlich und zuvorkommend, als sie wissen wollte: „Was möchten Sie haben?“

Hinweisend vernahm sie diese gefühllose Stimme, die forderte: „Schalte die Friteuse ein!“

Da sie mit diesem Kerl jeglichen Ärger vermeiden wollte, gehorchte sie. Insofern erhitzte sich das Fett, unterdessen sie sich bemühte, geschmeidig zu bleiben. Allerdings fiel es ihr angesichts der Tatsache, dass er ihr unaufhörlich in die Augen stierte, schwer. Demzufolge sank ihr verwirrter Blick zu Boden.

Endlich war die Friteuse auf die richtige Temperatur erhitzt, um jegliches Fleisch zubereiten zu können. Deshalb fragte sie erneut: „Was wollen Sie essen?“

Aber er blieb stumm. Infolgedessen ergriff ihr Hirn die Initiative und entschied, ihm eine Currywurst zu bereiten. Diesbezüglich streckte sie ihre rechte Hand aus, um einen solchen Bissen in das heiße Fett zu packen.

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