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Versöhnung nach tausend Tränen

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Karen Templeton

Versöhnung nach tausend Tränen

Ein einziger Anruf verändert Blakes Leben! Denn am Telefon ist sein Sohn Shaun. Jahrelang hat er den Jungen und dessen Mutter, seine Exfrau Cassandra, nicht gesehen. Jetzt bittet Shaun ihn, Cassandra beizustehen. Nach einem tragischen Unglück braucht sie seine Hilfe. Bereits das nächste Flugzeug bringt Blake zu der Frau, die er über alles geliebt hat, und zu seinem Sohn, den er viel zu wenig kennt. Und als er Cassandra gegenübersteht, fragt er sich: Bin ich gekommen, um für immer zu bleiben?

1. KAPITEL

Unter normalen Umständen hätte Cass bis nach der Entbindung gewartet, bevor sie sich wieder mit den Gliedmaßen jenseits ihres dicken Bauches befasste. Aber leider waren die Umstände alles andere als normal. In knapp zwei Stunden musste sie an einer Beerdigung teilnehmen und zu diesem Anlass ein Kleid tragen. Also hielt sie es für angemessen, sich die Beine zu rasieren.

Durch die Blätter der hohen Yuccapalme, die vor dem Fenster stand, malte die niedrig stehende Frühlingssonne von Albuquerque ein Muster aus Licht und Schatten an die Wände des Badezimmers, während Cass in Gedanken die verschiedenen Möglichkeiten durchging. Wenn sie in die Wanne stieg, kam sie aus eigener Kraft nicht wieder heraus. Wenn sie es unter der Dusche versuchte, rutschte sie womöglich aus und brach sich das Genick. Und wenn sie sich auf einen Stuhl setzte, konnte sie sich weder vorbeugen noch die Beine genügend anheben.

Also kam nur das Waschbecken infrage. Vage erinnerte sie sich, dass sie es vor vielen Jahren so gehandhabt hatte, in den letzten Wochen der Schwangerschaft mit Shaun. Es war machbar. Zumindest hatte sie es mit zwanzig und schmaleren Hüften geschafft.

Sie füllte das Becken mit Wasser, drehte den dicken Bauch zur Seite und klammerte sich an den Handtuchhalter, während sie mühsam einen Fuß hob.

Als das erste Bein rasiert war und wieder sicher auf dem Boden stand, hievte sie den zweiten Fuß hoch und schnitt sich prompt beim ersten Ansetzen der Klinge in den Knöchel. Mit Zornestränen in den Augen riss sie ein Stückchen Toilettenpapier ab und presste es auf den Schnitt.

Wehe dem nächsten Mann, der mich um mein Vertrauen bittet!

Über zehn Jahre hatte sie es tunlichst vermieden, wieder zu heiraten. Als alleinerziehende Mutter in der Endphase ihres Marketingstudiums, die sich mit wechselnden Jobs im Einzelhandel über Wasser hielt, hatte sie keine Zeit für Männer gehabt, geschweige denn Interesse oder gar Begeisterung aufbringen können. Nur gelegentlich hatte sich bei ihr ein Gefühl von Einsamkeit eingeschlichen zwischen der Hetzerei vom Kindergarten zur Arbeit und von der Arbeit zur Universität.

Dann begegnet ihr eines Tages ein charmanter, anständiger, anscheinend vernünftiger Mann; sie verstehen sich gut; sie gehen miteinander aus, werden ein Paar; er bietet ihr die wenigen Dinge, die sie gelegentlich noch zu brauchen glaubt: Geborgenheit, Sicherheit, einen Vollzeitvater für ihren Sohn, der von jugendlichen Ängsten geplagt wird – und die Gelegenheit, ein zweites Kind zu bekommen.

Ungezügelte Leidenschaft war nie im Spiel gewesen, aber das hatte Cass nur begrüßt. Sie besaß nicht mehr die Energie für Leidenschaft, ob nun ungezügelt oder nicht. Ganz zu schweigen von all den Problemen, die dazugehörten.

Gebranntes Kind scheut das Feuer …

Der Schnitt am Knöchel hatte aufgehört zu bluten. Cass beendete schnell die Rasur, bevor ihre Hüfte dauerhaft in der abgeknickten Stellung verharrte, und stellte stöhnend den Fuß zurück auf den Boden. Das Baby bewegte sich heftig; beruhigend legte sie sich eine Hand auf den Bauch und streichelte es.

Tja, wenigstens habe ich das Kind bekommen.

Heiße Tränen des Zornes stiegen ihr in die Augen. Sie sank auf den Toilettendeckel und hielt sich eine Hand vor den Mund, um ihre Schluchzer zu ersticken. Wie hatte sie ein zweites Mal denselben Fehler begehen können? Andere Frauen konnten hinter die Fassade eines Mannes blicken und durchschauten Charme, Versprechungen und Komplimente. Warum war sie dazu nicht in der Lage?

„Cassie, Sweetheart – ist bei dir alles in Ordnung?“

Cass riss einen langen Streifen Toilettenpapier ab und putzte sich die Nase. Sie liebte Alans flippige, überkandidelte Mutter, die schon seit Jahren unter seinem Dach lebte. Daran konnte auch Alans miese Tour nichts ändern.

Cass wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht und zwang sich zu einer ruhigen Stimme, bevor sie rief: „Ja, Cille, alles klar.“

„Und ich bin eine der Olsen-Zwillinge“, konterte Lucille. „Also mach die Tür auf, bevor ich sie eintrete.“

Mit gut einem Meter fünfzig und höchstens neunzig Pfund nach einer üppigen Mahlzeit wäre es der achtzigjährigen Lucille Stern schon schwergefallen, auch nur die Tür einer Hundehütte einzutreten.

Cass stand mühsam auf, watschelte durch das Badezimmer und öffnete die Tür. Der Anblick, der sich ihr bot, vertrieb garantiert jegliches Selbstmitleid.

In einer Duftwolke aus Mottenkugeln und ihrem Lieblingsparfum Joy stand Lucille da, die Hände in die knochigen Hüften gestemmt, in einem knallroten Satinkleid mit Mandarinkragen und hohen Seitenschlitzen. Riesige Ohrringe aus Bergkristall funkelten in den Sonnenstrahlen, die durch das Flurfenster fielen. Durch stachlige, von Mascara verklumpte Wimpern blinzelte sie Cass an.

„Nimm’s mir bitte nicht übel, Sweetheart, aber du siehst furchtbar aus.“

„Vielen Dank“, murmelte Cass, während sie in ihr Schlafzimmer gingen. „Aber guck mal – meine Beine sind rasiert.“

Die alte Frau nestelte an der roten Satinschleife, die in ihren kurzen, leuchtend roten Locken steckte. „Grandios. Dann sagen wir allen, dass sie auf deine Waden gucken sollen.“ Sie drehte sich um und deutete mit einem Daumen über ihre Schulter. „Dieser blöde Reißverschluss und meine Arthritis sind eine ungünstige Kombination. Sei ein Schätzchen und mach ihn zu, ja?“

„Cille?“ Cass wog sorgfältig ihre Worte ab, während sie den Reißverschluss über dem schwarzen BH aus zarter Spitze schloss. Die Aufmachung war selbst für Lucille etwas extrem. „Meinst du nicht, dieses Kleid ist ein bisschen zu …“ Grell? Extravagant? Billig? „… fröhlich?“

Ein schweres Seufzen folgte. „Weißt du, heute ist nicht gerade der schönste Tag meines Lebens.“ Sie drehte sich um und blickte mit traurigen grünen Augen zu Cass auf. „Also kann ich etwas Aufmunterung gebrauchen. Deshalb trage ich Rot. Was soll schon passieren? Dass ich vom Friedhof geschmissen werde?“

Alan war Lucilles einziges Kind und auf seine Weise pflichtbewusst gewesen, aber ihr Mutterherz hatte er nicht gerade erfreut, zumindest nicht in den letzten Jahren. Wenn sie um etwas trauerte, dann war es eine Beziehung, die lange vor seinem Tod kaputtgegangen war.

Und sie weiß längst nicht alles.

Aber sie waren hart im Nehmen, alle beide. „Niemand wirft dich irgendwo raus, Cille. Nicht, ohne sich zuerst mit mir anzulegen …“

„Mom?“

Cass blickte zu ihrem Sohn, der in der Tür stand und sich sichtlich unwohl fühlte in der ungewohnten Kleidung – Sportsakko und Khakihose, ausgeliehen von einem Freund und ein gewaltiger Kontrast zu seiner normalen Uniform aus ausgefransten, löchrigen Jeans und übergroßen T-Shirts.

Welche Augenweide er als Erwachsener sein wird – wenn ich ihn nicht vorher erwürge.

Ihre Mutter-Sohn-Beziehung war vermutlich nicht problematischer als die zwischen anderen Müttern und ihren pubertierenden Söhnen, vielleicht sogar besser, aber manchmal …

„Mein Gott!“ Cille reckte den Hals, um zu ihm aufzublicken, während sie an ihm vorbei aus dem Zimmer ging. „Der Junge hat ja Ohren!“

Mit einem verlegenen Grinsen fasste er sich an das rechte Ohr, das ausnahmsweise zu sehen war, weil er die schulterlangen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden hatte. Seine Freunde trugen die Haare allesamt kurz, aber er hatte seinen eigenen Kopf. In diese Rubrik fielen auch die drei Ohrringe, die ihm eine Bekannte freundlicherweise vor einigen Monaten verpasst hatte – mit einer heißen Nadel und einem Eiswürfel. Das Einzige, was Cass damals davon abgehalten hatte, ihn umzubringen, war die schwere Infektion, die es beinahe für sie übernommen hätte. „Cool, was?“

„Wortwörtlich“, pflichtete sie ihm bei. Eigentlich musste sie froh sein, dass er keinen Drang verspürte, sich andere Körperteile zu piercen oder die Haare grün zu färben. „Jetzt, wo sie ausnahmsweise mal an die Luft kommen … Was ist denn?“

Shaun hielt eine Hand hoch und neigte den Kopf zum Flur. Als sich die Tür zu Lucilles Zimmer mit einem Klicken schloss, drehte er sich zu Cass um und nestelte an einer Taschenklappe des Sakkos. Sein Grinsen war einer bangen Sorge gewichen. „Wie geht’s dir?“

Das hatte er sie seit Alans Tod schon hundert Mal gefragt. Noch hatte sie ihm nicht die ganze Wahrheit gesagt. „Ich komme ganz gut …“

„Dad ist hier.“

Was?“ Sie ließ sich auf die Bettkante fallen. „Warum?“

In seinen Augen konnte sie Trotz und Schuld gleichermaßen sehen. „Ich habe ihn angerufen. Gestern Morgen.“

Ihr schwindelte ein wenig. „Du hast ihn gebeten herzukommen?“

„Ich … ähm …“ Verlegen zuckte er mit den Schultern, steckte die Hände in die Taschen und zog sie wieder heraus. „Ich hab ihm nur erzählt, was passiert ist. Ich wusste nicht, dass er kommt.“

Blake hat doch mit alldem nichts zu tun! Warum zum Teufel dringt er in meine Privatsphäre ein?

Cass verdrängte ihre ursprünglich ablehnende Reaktion, als sie sich bewusst machte, dass Shaun sich sein Leben lang die Aufmerksamkeit seines Vaters gewünscht hatte. Es war nicht verwunderlich, dass er Blake nun bei sich haben wollte. Vor allem, da sich das vergangene Jahr als kolossale Enttäuschung für ihn erwiesen hatte.

„Mom?“

Sie verspürte Mitgefühl für das Kind, das noch immer hinter der zerbrechlichen Fassade des Erwachsenseins lauerte. Sie hatte auch für ihn nur das Beste gewollt, als sie Alan heiratete. Dass sich ihre Ehe nicht wie erhofft entwickelt hatte, war niemandes Schuld, und dennoch hatte ihr Sohn – wieder einmal – den Kürzeren dabei gezogen.

„Ist es okay für dich? Dass ich Dad angerufen habe?“

Seine Miene verriet ihr, wie wichtig ihm die Anerkennung seiner Mom war. Sie drückte sich vom Bett hoch, ging zu ihm und nahm seine Hand. Wie seltsam, dachte sie, mit meinem zweiten Kind schwanger zu sein, während mein erstes so groß ist, dass es mich schon um mehrere Zentimeter überragt! „Natürlich, Honey. Du … Er … Es hat mich nur überrascht.“

Unter seiner ungewohnten Kleidung entspannte sich sein ganzer Körper vor Erleichterung. „Okay. Ich glaube, er will mit dir reden.“

Gerade wenn man glaubt, dass es nicht schlimmer kommen kann …

„Sag ihm, dass ich gleich komme.“

Man sagt, dass es Größe braucht, um einen Fehler einzugestehen.

Demnach müsste ich inzwischen drei Meter groß sein, dachte Blake, als er Cass eintreten hörte. Sein vorgetäuschtes Interesse an dem riesigen impressionistischen Landschaftsgemälde über dem Kamin war sofort vergessen. Er drehte sich um, und ihm stockte der Atem.

Sie sah schlecht aus. So erschöpft hatte er sie noch nie gesehen.

Ihre rotgoldenen Ponyfransen verfingen sich mit jedem Augenaufschlag in den Wimpern. Sie stand auf der Stufe, die hinunter in das geflieste Wohnzimmer führte, und hielt eine Hand in das Kreuz gestemmt. Obwohl sie überdurchschnittlich groß war, wirkte sie winzig vor der kalkweißen Wand, die sich fünf Meter hoch bis zur Balkendecke erstreckte. Eine Fensterreihe hoch oben an der Wand überflutete das Zimmer mit Sonnenschein; dennoch wirkte es kalt und ungastlich.

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sei sie nicht sicher, ob es unter den gegebenen Umständen angemessen war. „Welche Überraschung.“

Sein Puls beschleunigte sich beim samtenen Klang ihrer Stimme. Er hatte ihr früher einmal gesagt, dass aus ihrem Munde sogar eine Bestellung in einem Schnellimbiss wie eine Verführung klinge, und sie hatte ihm daraufhin ein Lächeln geschenkt, das ihre erotische Stimme im Vergleich kindlich und unschuldig wirken ließ.

Nun lächelte sie nicht. Offensichtlich hatte sie geweint. Hatte er etwas anderes erwartet? Schließlich hatte sie gerade ihren Ehemann verloren.

Er konnte nichts sagen oder tun, was die Situation erleichtert hätte. Er wusste nicht genau, mit welchem Ziel er aus Denver hergekommen war. Eigentlich wollte er sie nur in die Arme schließen. „Wie hältst du dich?“

Vorsichtig betrat sie den Raum. „Ich lasse es dich wissen, sobald das Antidepressivum nachlässt.“

Einen Moment lang war er verärgert. Sie hatte schon immer sarkastisch reagiert, wenn sie verstecken wollte, was wirklich in ihr vorging. Er war sich immer noch nicht sicher, woran ihre Ehe letztendlich gescheitert war; zu oft hatte Cass auf Witzeleien statt auf Offenheit gesetzt.

Nun, zwölf Jahre später, war ihre Beziehung undefiniert, verschwommen. Weder Freundschaft noch Feindschaft, weder Liebe noch Hass, nicht einmal Desinteresse kennzeichnete ihre gezwungenen Gespräche.

Mit einer Grimasse sank Cass auf einen Stuhl vor dem nackten Fenster, neben einem geschnitzten Tisch mit sorgfältig arrangierten Nippsachen. Blake kannte ihre Sitzposition gut –die Beine gespreizt, eine Hand auf dem Kreuz, die andere auf dem Bauch. Die Erinnerung rührte ihn. Er ließ es sich nicht anmerken. „Ich dachte, Shaun hätte gesagt, dass die Beerdigung um elf ist?“

„Stimmt.“

„Aber du bist noch nicht angezogen.“

Sie blickte ihn eher müde als traurig an, wie er hoffte. „Ich habe so früh am Tag der Beerdigung meines Mannes keinen Besuch erwartet.“ Sie strich sich über den Bauch, als streichelte sie das Kind darin.

Das Kind eines anderen Mannes. Es versetzte ihm einen Stich, so irrational und kleinlich es auch sein mochte.

„Du hättest nicht extra herkommen müssen.“

„Ich hatte den Eindruck, dass Shaun mich darum bittet.“

Sie nickte und wandte den Blick ab. Zwischen ihnen entstand ein tiefes Schweigen, das sehr unangenehm wirkte.

Blake musterte sie genauer. Offensichtlich hatte sie die Haare eine Spur aufgehellt. Wuschelige rotgold glänzende Fransen umrahmten ihr Gesicht und ihren schlanken Hals. Ihre Haut spannte sich straff über die hohen Wangenknochen und das eckige Kinn; dennoch waren feine Sorgenlinien um Mund und Augen zu sehen. Sie wirkte auch dünner, trotz der Schwangerschaft. Das gefiel ihm gar nicht. Ihre Essgewohnheiten waren schon immer grauenhaft gewesen. Während der Schwangerschaft mit Shaun war es zwischen ihnen häufig zu Streit gekommen wegen ihrer Ernährung. Ihr Frühstück hatte aus Oliven bestanden und aus Pommes frites – aber nur von Burger King, von nirgendwo sonst. Das eine Mal, als er versucht hatte, ihr Pommes von McDonald’s unterzujubeln …

Blake zwang sich, seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu lenken. Erneut kämpfte er mit dem Drang, sie in die Arme zu schließen, sie zu trösten – zumindest als Freund.

„Bist du hierher gefahren?“ Die Frage hallte durch den riesigen Raum.

„Ja. Ich habe lieber mein eigenes Auto dabei.“

Sie nickte und verfiel wieder in Schweigen.

Momentan erinnerte sie sehr an die schüchterne Studienanfängerin, in die er sich vor achtzehn Jahren Hals über Kopf verliebt hatte. Er war damals schon am Ende seines Studiums gewesen und hatte nebenbei in der Buchhandlung der Universität gearbeitet – in die sie plötzlich hereingeschneit kam, mit großen Augen und einem zittrigen Lächeln. Deutlich erinnerte er sich, wie sehr sie bemüht gewesen war, ihre Unsicherheit vor ihm und allen anderen zu verbergen. Genau diesen Gesichtsausdruck zeigte sie auch jetzt, gepaart mit einer Erschöpfung, die sofort seinen Beschützerinstinkt weckte.

Mit den Händen in den Taschen musterte Blake ihr Wohnzimmer, das er bis zu diesem Tag nie gesehen hatte. Shaun hatte ihn nach Cass’ Heirat einige Male in Denver besucht, aber Blake war nie nach Albuquerque zurückgekehrt. Sein Geschäft hatte ihm eine geeignete Ausrede geliefert.

Sie hat es gut getroffen. Das Haus, gelegen im Stadtviertel Far Heights, hoch oben in den Gebirgsausläufern im Osten von Albuquerque, roch förmlich nach Geld. Neureich, dachte Blake, mit gutem Geschmack gepaart. Elegante, moderne Möbel in Schwarz und Grau, handgeknüpfte Teppiche, qualitativ hochwertige Kunstwerke. Beeindruckend. Und ohne jede Spur von der Cass, die er einmal gekannt hatte – oder zu kennen geglaubt hatte.

„Ein hübsches Häuschen“, bemerkte er.

Sie zuckte ein wenig zusammen, als sie eine bequemere Sitzposition suchte. Sie hatte schmale Hüften; die letzten Schwangerschaftsmonate waren nicht leicht für sie. Es war irrational, wieder einmal, aber Blake hasste Alan dafür, dass er ihr Ehemann gewesen war, dass er sie geschwängert hatte, ja sogar dass er ihr weggestorben war und sie mit diesem verängstigten Blick eines kleinen Mädchens zurückgelassen hatte.

Nicht mal ich habe ihr das angetan. Oder vielleicht doch?

„Danke“, erwiderte sie schließlich. „Die Aussicht bei Nacht …“, er folgte ihrem Blick zu der Glaswand, die auf eine große Terrasse führte, „… ist wirklich beachtlich. Von hier oben kann man die ganze Stadt sehen.“

Ihre Stimme klang brüchig. Er störte, wie er wusste. Aber zu gehen kam nicht infrage. Nicht bevor … Ihm wurde bewusst, dass sie ihn beobachtete. „Was ist?“

„Kommt es mir nur so vor, oder ist die Situation unwahrscheinlich peinlich?“

Seine Lippen verzogen sich ein wenig, als er für sie zu lächeln versuchte. „Wahrscheinlich ist sie gar nicht so unüblich, bei all den Patchwork-Familien heutzutage.“ Sein Herzschlag beschleunigte sich, als ihre Augenbrauen unter den Ponyfransen verschwanden. „Ich bin immer noch der Vater unseres Sohnes. Daran hat deine Wiederheirat nichts geändert.“

Sie stützte sich mit einer Hand auf den Tisch und stand auf. „Der Wagen holt uns um halb elf ab. Jetzt muss ich mich anziehen.“ Sie zögerte, drehte den atemberaubenden Solitär an ihrem Finger. Er fragte sich, was sie mit dem schlichten Goldreif von ihm getan hatte. „Du kannst mit uns fahren, wenn du willst.“

„Nein, danke.“ Er lächelte ein wenig. „Das wäre wirklich peinlich.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Sie schickte sich an, den Raum zu verlassen, drehte sich aber noch mal um. „Ich habe dir gar nicht gedankt, dass du gekommen bist.“

„Vergiss es. Du hast schließlich andere Sorgen.“

„Ich hoffe, dass ich nie an einen Punkt komme, an dem ich meine Manieren vergesse. Egal, unter welchen Umständen. Außerdem weiß ich, wie beschäftigt du bist, mit deiner Firma und allem …“

„Die Familie hat immer Vorrang.“

Vorwurf blitzte aus ihren Augen und rief ihm in Erinnerung, dass er diesbezüglich alles andere als ein gutes Gewissen haben konnte, bevor sie schließlich hinausging. Wie so oft seit der Scheidung wurde ihm bewusst, wie sehr er sie im Stich gelassen hatte.

„Dad?“

Und dass er seinen Sohn noch mehr im Stich gelassen hatte.

Schuldgefühle überfielen ihn, als er das unschuldige Opfer seines Verhaltens auf der anderen Seite des Raumes stehen sah.

Shauns Grinsen wirkte schüchtern. „Du siehst komisch aus in den Klamotten.“

Kein Wunder, dachte Blake. Shaun hatte ihn nie in einem Anzug gesehen, immer nur in Jeans. Mit einem Grinsen, das vermutlich ebenso scheu wirkte, konterte er: „Längst nicht so komisch wie du.“

„Total vertrottelt, oder?“

„Nein. Nur anders. Aber positiv anders.“

In dem leicht unbehaglichen Schweigen, das folgte, dachte Blake daran, wie sehr er seinen Sohn an den Tagen vermisste, die sie getrennt waren – viel zu viele für seinen Geschmack. Aber es kam ständig etwas dazwischen. Wenn doch nur …

Ihm stockte der Atem. Er war kein besonders religiöser Mensch, aber in diesem Moment kam es ihm wie eine Erleuchtung: Er wollte seine Familie zurückhaben.

Als ob er irgendwie die weit verstreuten Scherben der letzten zwölf Jahre einsammeln und zusammenkleben könnte! Als ob Shaun – und Cass – es zulassen würden!

„Na ja, jedenfalls will Towanda wissen, ob du einen Kaffee trinken möchtest.“

Blake ging zu ihm, legte ihm einen Arm um die Schultern, die fast auf derselben Höhe wie seine eigenen waren, und drückte ihn flüchtig an sich. „Kaffee klingt großartig. Aber wer ist Towanda?“

„Das wirst du schon sehen.“

Shauns pikierte, misstrauische Miene veranlasste Blake, den Arm sinken zu lassen. Nachdem beide am Saum ihrer Jacketts gezupft hatten, wussten sie nicht, was sie mit ihren Händen tun und wohin sie gucken sollten.

Es ist nicht zu spät.

Das dachte Blake, während er Shaun durch einen kurzen Flur zur Küche folgte. Vielleicht blieb ihm noch Zeit, um zumindest eine Beziehung zu seinem Sohn zu knüpfen, um den unbeabsichtigten, durch Ratlosigkeit verursachten Schaden wieder gutzumachen.

Aber bei seiner ‚Erleuchtung‘ war es nicht nur um seinen Sohn gegangen, sondern um die Familie, also auch um Cass.

Vergiss es.

Wie sollte er die Kluft zu einer Person überwinden, die ihn für eine Plage hielt und ihren zweiten Mann, vom dem sie schwanger war, noch nicht einmal begraben hatte? Das Timing war alles andere als ideal.

Außerdem hatte er absolut keine Ahnung, wie er etwas kitten sollte, das einmal so stabil gewirkt hatte und trotzdem in die Brüche gegangen war.

Als sie die Küche erreichten, erhob sich eine füllige schwarze Frau in geometrisch gemusterter Bluse und einer Hose mit eingenähten Bügelfalten von einem Hocker hinter der Kochinsel. Sie trat zu Blake und legte ihm eine Hand auf den Arm. Aus ihren dunklen Augen musterte sie ihn warm und furchtlos; unverfroren schätzte sie ihn ab. „Ich nehme an, Sie sind der Daddy dieses Jungen?“

Blake erwiderte ihr selbstsicheres Lächeln mit einem etwas unsicheren Grinsen. „Soweit ich weiß.“

„Tja, ich bin Towanda, und die Regel hier lautet: Widersprechen Sie mir nicht, und wir kommen prächtig miteinander aus.“ Damit kehrte sie hinter die Kochinsel zurück. „Kaffee steht da drüben“, sagte sie mit einer Kopfbewegung, wobei ihre dunkelblonden Locken verdächtig starr blieben. „Bedienen Sie sich.“

Während Blake sich nun eine Tasse einschenkte, ging ihm durch den Kopf, dass er in beruflicher Hinsicht brilliert, aber im Privatleben kläglich versagt hatte. Nach der Scheidung war er zwar gelegentlich mit Frauen ausgegangen, aber aus keiner der aufkeimenden Beziehungen war wirklich etwas geworden. Keine Frau hatte ihn emotional so berührt wie Cass, und er vermutete, dass sich daran nichts ändern würde, auch wenn es übertrieben sentimental klang. Er hatte sich der Liebe nicht vorsätzlich verschlossen; sie hatte sich einfach nicht eingestellt.

Er nahm einen Schluck von dem besten Kaffee, den er je getrunken hatte.

Viel zu lange hatte er darüber gegrübelt, was in seiner Ehe schiefgegangen war. Es hatte ihm nichts weiter eingebracht als das dumpfe Gefühl, dass er zu leicht aufgegeben hatte. Nun, vielleicht war jetzt der Moment gekommen, um sich an all das zu erinnern, was gut gelaufen war. Und mit der Zeit – mit viel Zeit angesichts der Tatsache, dass Cass gerade ihren Ehemann verloren hatte – und viel Geduld würde er vielleicht erreichen, dass auch sie sich an das Positive erinnerte.

Allerdings bestand auch die Möglichkeit, dass er sich total zum Narren machte, womit er sich nicht gerade auf unbekanntes Terrain begeben würde.

Am späten Nachmittag begann sich die Menschenmenge zu lichten, als mehr und mehr Gäste das Haus verließen, um wieder in ihren Alltag zurückzukehren. Die Bestattung und die unzähligen Kondolenzbesucher, die sie zum größten Teil nicht mal mit Namen kannte, waren für Cass zu einem wirren Durcheinander verschwommen.

Abgesehen von Blake.

Sie saß auf einem Sofa im Wohnzimmer, neben Lucille, die ihr hin und wieder die Hand drückte, sofern sie nicht gerade angeregt mit jemandem plauderte, der zu ihnen trat, um sein Beileid zu bekunden. Etwa neunzig Prozent dieser Leute waren Cass unbekannt, was es ihr erleichterte, emotional unbeteiligt zu bleiben.

Abgesehen von Blake.

Seine Nähe, sowohl während der Trauerfeier wie auch jetzt in ihrem Haus, quälte sie nicht weniger als die Mittagssonne, die für Anfang März und das Umstandskleid aus schwarzer Seide zu heiß vom Himmel brannte. Hatte sie sich in den letzten zwölf Jahren getäuscht? Sie hatte wirklich geglaubt, dass sie Blakes beinahe magische Macht über ihr Herz und ihren Verstand ...

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