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Verschwunden. Kindesfortnahme. Heimerziehung. Tagebuch einer Recherche

Sylvia Kabus

Verschwunden

Kindesfortnahme. Heimerziehung. Tagebuch einer Recherche

Sax-Verlag

Inhalt

Vorbemerkung

Herr K.

Barrieren. Neurasthenie

Frau S.

Hinter Glas. Lachen

Ein unmöglicher Zustand aber ist eingetreten

Frau S.

Brückenbauer

Ins Heim

Bundesjugendplan und Heimkampagne

Verspielter Neuanfang

Die Sekunde ist um

Ehrenamt Denunziation

Lob der Entmutigung

Lesen in Ost und West

Frau S.

In der Wissenschafts-Schmiede

Subjektive Geschichten

Das war der Hass

Der Ort der Werte

Sommerglück. Jugendball und westdeutsche Freunde

Herr K., Frau S.

Perpetuation

Die Tochter

Sieben hoch sieben hoch sieben

Nach-Ruf

Abkürzungsverzeichnis

Danksagung

Zur Autorin

Anmerkungen

Vorbemerkung

Die Gewalt ist dabei nicht verschwunden, wohl aber hat sich die Vorstellung verbreitet, dies sei geschehen.

Teresa Koloma Beck

Die Geschichte der aus vorgeblich sozialen Gründen den Eltern entzogenen, in Heime eingewiesenen und adoptierten Kinder bleibt das am zögerndsten berührte Thema innerhalb der DDR-Aufarbeitung. Auch mit zeitlichem Abstand können Geschädigte nicht damit rechnen, vorurteilslos und mit angemessener Sensibilität ausstehende Gerechtigkeit zu erlangen. Schicksale sind seit 1989 bekannt geworden und haben Erschütterung ausgelöst, anders die Intimität des damaligen Staates. Amtliche Pflichtverletzungen und Vergehen, fälschliche Bezichtigung der »Asozialität«, Strategien der Überwältigung im Umgang mit den leiblichen Eltern, Erpressung zu Unterschriftsleistungen – bei Fallanfragen in Archiven und Behörden ruft der Themenkomplex schnell Zurückweisung und vielgestaltige Verweigerung hervor. Der individuelle Hergang des Kindesentzugs damals und der Blick auf Verantwortliche bleiben weiße Flecken in der Geschichtsschreibung.

Ein toter Punkt ist zu überwinden. Von dieser Bemühung berichtet das vorliegende Buch. Es entstand auf der Grundlage einer mehrjährigen Recherche. Begonnen als Bericht über Eltern, die durch die Fortnahme ihres Kindes in der DDR verwaisten, und als Suche nach unerschlossenen Aktenquellen zu diesem Thema – hierin auch der Hoffnung des Berichtes »Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR« folgend –, konturierte sich durch direktes Herantreten an damals wie auch an heute Verantwortliche unabweisbar ein weiterer Aspekt. Bekanntlich scheitern Anträge auf Einsicht in Adoptions-, aber auch in bestimmte Verwaltungsakten zumeist bereits im Moment des Bemühens darum. Publizisten und Wissenschaftler aus Ost und West sind dadurch gleichermaßen an ihren Nachforschungen gehindert; spätestens hier wird das Fehlen einer nicht zu ersetzenden Dimension von Aufarbeitung und buchstäblicher Aufgeschlossenheit bemerkbar, wie sie nach 1989, in einem »neuen« Deutschland, erwartet werden durfte. Gewalt wohnte mitten im Licht, wird aber bis heute nivelliert, herumgestoßen, ignoriert. Allzu oft – in Behörde, Wissenschaft und Politik – wird mit dem Verweis auf DDR-Gesetzeslagen Auseinandersetzung geopfert. Beklemmende Übervorsicht führt zur gegenseitigen Blockierung gesellschaftlicher Kräfte. Personalkontinuitäten und fehlender gesellschaftlicher Diskurs über Recht und Rechtsmissbrauch in Unrechtssystemen erzeugen ein Maß von Abwehr gegen Aufklärung, das einer Demokratie unangemessen erscheint. Dies erwies sich bei unternommenen Rechercheschritten in Ost und West.

Das Trauma DDR ist Erbe und Leid eines ganzen Volkes und nicht zu trennen vom anderen Deutschland, dessen Entwicklung auf dem Gebiet der Jugendhilfe, neben zahlreichen anderen Facetten, hier ebenfalls Aufmerksamkeit geschenkt wird. Den lange getrennten Landesteilen gemeinsam sind Wurzeln einer partiell dunklen Pädagogik, aus denen sich die heute geltende Priorität der Achtung vor dem Kind und seinem Wohl entwickelte. Dabei wand sich die Geschichte der Anerkennung von Vergehen und rechtsverletzender Machtausübung unter anderem in deutschen Heimen atemstockend langsam durch die Jahre, in der Bundesrepublik bis in die Siebzigerjahre, östlich davon bis nach Systemende. Das Thema Zwangsadoption erregte die Bundesrepublik dank der Freiheit der Medien, ohne dass dies zu einem politisch entschlossenen Einsatz der Regierung dagegen führte.

Durch komplexe gesellschaftliche Verdrängung scheinen manche historischen Gegenstände und menschlichen Geschichten von selbst einen Abschluss zu finden, der in aller Unnatürlichkeit natürlich anmutet. Moderne Gesellschaften, so schreibt Teresa Koloma Beck 2017, scheinen der Gewalt den Rücken gekehrt zu haben, so gelte sie eher als Modernisierungsdefizit. Dies treffe nicht zu. »Diskursive Verschleierung«, die »Blockierung von Beobachtungsinstanzen«, »Ausschluss der Öffentlichkeit« seien Versuche, Gewalt der Aufmerksamkeit zu entziehen. »Wohl reduzieren sich die Horizonte des Handelns, in denen systematisch mit Gewalt gerechnet werden müsste«, dennoch existiere sie als soziale Praxis weiter, sogar mit Potenzialen »zuvor unvorstellbarer Reichweite und Intensität«.

Zu irisch-katholischen Waisenhäusern, in denen hem­mungslos vergewaltigt wurde, Kinder mit kochendem Wasser übergossen oder winters nackt in Schuppen eingesperrt wurden, zu Schweizer Verdingkindern, die der administrativrechtlichen Aufsicht sozial unannehmbar erschienen und teilweise bis 1980 zu schwersten Arbeiten bei Fremden gezwungen und durch Misshandlungen geschunden wurden, zu gequälten Heimkindern in Ost und West Deutschlands, auf die Gesellschaften lange mit angespanntem Schweigen antworteten, treten aktuell sexueller Missbrauch beispielsweise im Sport und in der künstlerischen Ausbildung sowie tief beunruhigende Statistiken, nach denen pro Woche drei Kinder gewalttätig zu Tode gebracht werden und die Opferzahlen häuslicher Übergriffe bis zur Tötung sprunghaft ansteigen. Eine hinlängliche Befragung der Gewaltproblematiken und -wurzeln in bedrängenden Vergangenheiten, als Wahrheitsfindung und Prävention, steht aus.

Schicksalsbeschreibungen, denen der Blick auf den konkreten amtlichen Hergang und agierende Personen rechtlich verweigert bleibt, können nicht länger genügen. Hier mag auch eine Antwort auf die Frage liegen, was an systemischer Gewalt in der DDR noch interessieren kann nach vermeintlich ausreichender Thematisierung. Oftmals meinen Menschen, beinahe unendlich viel von einem Gegenstand aufgenommen zu haben, doch Überdruss stellt sich auch ein, wenn Tiefe, wenn Durchdringung im Interesse fruchtbaren Weiterkommens nicht erreicht wird. Die allergische Gereiztheit ist dann echt, die bereitwillige Aufnahme nicht. Man ermüdet an einem Zuviel, das ein Zuwenig ist.

In der DDR habe es vermutlich Hunderte unfreiwilliger und politisch motivierter Adoptionen gegeben, so wurde im Frühjahr 2018 das Ergebnis diesbezüglicher Vorstudien berichtet. Juristen rechnen mit weit mehr. Ein nicht überraschender Befund, der von den Betroffenen eher still und unbemerkt zu tragen war, die ausreichend Grund hatten, keinen Augenblick an »wissenschaftlich begründete« Angaben von »fünf« oder »sieben« Zwangsadoptionen zu glauben. Heute leben in den westlichen Bundesländern Hunderttausende Ostdeutsche durch Ausbildung, Ortswechsel und andere Aufbrüche, viele davon sozialisiert durch eine Erziehungsdiktatur, die weiterhin ihre Anhänger findet. Aktenerschließung und Erzählung über die Lebensräume von Kindern und Jugendlichen damals im vorliegenden Buch sollen dem eine realitätsbasierte Sicht gegenüberstellen.

Es ist Menschen und einer Jugend gewidmet, die Überforderung, stereotyper Denunziation auch ohne Spitzel, ständiger politischer Mobilisierung und einer besonderen Gnadenlosigkeit ausgesetzt waren. Dies zuweilen, wie die Dichterin Gabriele Eckart schrieb, »so allein wie an dem Rande eines Freitods«.

Sylvia Kabus
München, April 2019

Herr K.

Seit ich vor Jahren fortzog aus Leipzig, blieb eine Ortsbindung hartnäckig bestehen. Trotz der Überfülle an Kontakten von Neunzehnhundertneunundachtzig an, bei der Erstürmung der Staatssicherheit, am Runden Tisch, in mitbegründeten Initiativen,1 erinnerte ich doch meistens eher die endlosen Streifzüge durch die Stadt, die Suche nach Raum für den inneren Zustand von Verlorenheit und Lebenswillen davor. Nach der Hoffnung auf »Gerechtigkeit«, den Kämpfen vor dem Umbruch und mitten in ihm hat alles längst veränderte Farben angenommen. So dunkel die Straßen vor Neunzehnhundertneunundachtzig dalagen, so grell und heiß danach, im Rennen hinter der neuen, unberechenbaren Formung her. Leipzig ist eine von Kreativität gesättigte Stadt geworden, manche sprechen von melancholischen Graustufen früher, wünschen einander inneren Frieden mit der Vergangenheit, distanzieren sich von »Schwarz-Weiß«. Die Vergangenheit sei auch Leben gewesen. Auch hält fest, dass sie zugleich Nicht-Leben war, denke ich dann, und ebenso, dass ich von Schwarz-Weiß nichts erinnere. Die Wahrnehmung vieler Menschen in meiner Umgebung wie auch meine eigene war ganz im Gegenteil so überwach, dass sie einen ständig beschäftigte, eine Art Pointillismus des Lebenkönnens oder nicht, Fülle im Trauma, Überfülle, die sich bis heute von allein nicht löst.

Das Geflecht von Straßen und abgelegenen Winkeln also, etwas Lösendes, außen, das Vergiftungen aufsog wie medizinische Kohle. Kaum bin ich wieder hier, beginnt es erneut. Ich sehe mich gewichtlos aus dem Hotelfenster hinüber zum gegenüberliegenden Dachfirst springen, in die Perspektive hineinlaufen, auf Brachen, verwilderte Parks, Seeufer zu. Orte, nicht Menschen? Lieber Fotografieren, um auf diese Art etwas zu ergründen, durch eine Farbkombination, eine Ansicht, und etwas rätselhaft Bleibendes plötzlich oder doch verstehen. Vielleicht verbirgt dieser Bewegungsdrang auch einen Untergrund an Zweifeln, ob sich ein wirklich freies Verhältnis zur res publica, zwischen Einzelnem und Staat, entwickelt hat, Fragen, Nachsinnen, und beinahe wäre es bei dieser Ortsträumerei geblieben.

Doch es kam anders. Die Topographie füllt sich noch einmal mit Menschen.

Die Wohnblöcke von Leipzig-Volkmarsdorf sind heute frisch wirkende Vierstöcker. In einem von ihnen wohnt Herr K. Noch an der Wohnungstür, vor jeder Frage, mit der ich beginnen könnte, hält mich sein intensiv strahlender Gesichtsausdruck zurück, die glückliche Art, mit der er sagt: »Ich habe mich so gefreut, dass sie wieder da ist!«

Ein älterer Mann, hager, in Jeans und Polohemd. Der Händedruck warm. Eine vielleicht schon tagelange, nervöse Freude ist in ihm, er blickt erregt.

Wir kennen uns nicht. Ich bin auf der Suche nach einem jungen Mädchen, dessen Spur sich im Markkleeberg der Neunzehnhundertsechzigerjahre verliert. Gestoßen bin ich auf sie bei Recherchen zu widerständigem Verhalten auf dem Land in den frühen Jahren der DDR. Im Leipziger Telefonbuch fand sich der seltene Nachname gerade ein Mal, deutschlandweit überhaupt nicht. Ich rief an. Ja. Er habe eine Tochter, mit genau dem Vor- und Nachnamen, bestätigte Herr K. am Apparat. Er sprach langsam. Schwieg. Sagte dann, ich könne kommen.

Eine junge Frau, die ihre Immobilie an den Staat verlor im Zuge der entstehenden Landwirtschaftsausstellung Agra, ohne dass sie davon wusste. Enteignungen für die Gartenbauausstellung trafen auch andere Besitzer, doch hier lag etwas Rätselhaftes, denn niemand aus der Familie antwortete je auf die Suchaktion der Verwaltung. 1961. Die brennende Atmosphäre vor dem Mauerbau. Ein Jahr zuvor werden letzte bäuerliche Betriebe zum Eintritt in die LPG genötigt. In der seelischen Not, nicht länger Herr über die seit Generationen vererbten Höfe zu sein, flüchten viele nach Westen, begehen Selbstmord. Das Ende einzelbäuerlichen Wirtschaftens leitet eine tiefgreifende Veränderung des gesamten Landlebens ein. Großviehanlagen und Offenställe entstehen, Ställe und Scheunen werden abgerissen, Gewerke verlieren ihre Wirkungsfelder. Was war der Familie widerfahren? Ahnten sie den Mauerbau voraus, ließen ihr Grundstück bewusst zurück? Ich wollte ans Licht bringen, was in dem berückenden Parkland südlich von Leipzig versteckt lag.

Herr K. hört zu. Die junge Grundstücksbesitzerin in den Akten von 1961 heißt Petra. Damals war sie achtzehn Jahre alt, der Vater besaß einen Laden, ein Eckgeschäft für Alltagsdinge, über dem verwittert noch »Kolonialwaren« zu lesen ist.

»Meine Tochter ist erst Neunzehnsechzig, Einundsechzig geboren«, sagt er.

»Eine Verwandte? Schwester? Schwägerin? Hat jemand auf dem Grundstück gewohnt, es besessen?«

Er verneint, mit einer langsamen Kopfbewegung.

Woran rühre ich? Ich bin hergerannt, so schnell es ging, um einem Mädchen von damals nachzujagen und mit ihr der Zeit um 1960. Herr K. hat die Namensgleichheit herausgehört, er glaubt, dass es seine Tochter plötzlich »wieder« gäbe. Vor- und Nachname beider Frauen sind identisch. Doch sie selbst?

Wo seine Tochter denn war oder sei. Was heiße »wieder da«?, frage ich.

»Das Jugendamt hat sie mir weggenommen. Damals. Als ich ins Rosental kam, in das Heim, nach der Arbeit, war sie fort.«

Auch er ist erschrocken.

Ein Blindgänger aus der Vergangenheit, den es in die Gegenwart schleudert. Das, worum es hier geht, ist kein Missverständnis, bei dem man sich entschuldigt und wieder geht, um anderswo weiterzusuchen.

Er stimmt zu, dass ich ihm Fragen stelle nach der Geschichte hinter dem gesuchten Namen, aber dann sagen wir wieder nichts. Die Wohnung wird still, weil die Gegenstände zu lärmen aufhören und sich in den Hintergrund zurückziehen. Verschwinden.

Seine Tochter sei die Jüngste von dreien, höre ich ihn sagen. Und sie sei weg. Seit damals.

Er unterbricht sich. Es tue ihm leid, wenn ich umsonst gekommen bin.

»Nein«, sage ich, »nein.«

Da ist es schon anwesend, das zweite Mädchen. Sein Kind.

»Eine kleine, niedliche Person, die mir in die Arme flog.«

Wieder sieht er mich an, lächelt.

Soll ich gehen? Ihm Zeit geben? Ein Stück seines Lebens ist hereingekommen, mit mir.

Er beginnt zu antworten, bejaht, verneint. Sinnt nach, den Blick nach innen gezogen. »Ja, immer in Leipzig, immer hier gelebt. Habe ich. Nur meine Mutter ging fort. Nachdem der Vater aus der Gefangenschaft des Zweiten Weltkrieges zurückkam, wurden die Eltern geschieden. Meine Mutter ließ mich zurück und ging nach Westdeutschland; anfangs schickte sie ein paar Geschenkpäckchen von dort, ließ dann aber nie wieder von sich hören. Später wollte der Vater einmal, dass ich sie ausfindig mache, aber: Weißt du, die Frau hat sich nie um mich gekümmert, warum ich?, habe ich ihm geantwortet.« Er zuckt die Schulter. »Ich hab mich daran gewöhnt. Für sie bin ich höchstwahrscheinlich gestorben.«

Er blieb beim Vater, der erneut heiratete, eine Frau, die er, der Stiefsohn, geliebt habe, wie er sagt. Bis zu dessen Tod 2005 blieben sie verbunden. Ende der Neunzehnhundertfünfzigerjahre absolvierte er eine Landwirtschaftslehre in Markkleeberg, das berühmt war für seine Eriken und Azaleen und deren Exportziffern. Er kam herum, lernte. »Kuhstall, Schweinestall, Feld, Rüben verzogen, alles was anlag, alle Tod und Teufel. Pferdeliebhaber war ich, ich hab ständig die Pferde geritten und rein und raus, jeden Tag. Damals haben wir eine Lehre gekriegt, so wie wir fertig waren mit der Schule. Heute …!«

»Heute?«

»Hören Sie auf.«

Es klingt enttäuscht, wie seit langem. Nicht so sehr von Einzelheiten, eher in etwas Wesentlichem.

Also kennt er die Agra. Ich erzähle ihm, was ich weiß über die junge Grundstücksbesitzerin, die ich suche, welchen Hergang ihrer Geschichte die aufgefundenen Archivdokumente zu Immobilienbewegungen in der Gartenstadt Markkleeberg zusammensetzten. Ihr Aufenthaltsort ist zu dieser Zeit offiziell unbekannt, doch ihr Flurstück inmitten vieler Moorbeetgärtnereien grenzt an die Landwirtschafts- und Gartenbauaustellung. Zu deren 10. Jubiläum soll unter anderem eine große Tierschau veranstaltet und die gesamte Spitze südlich des Tierschaugeländes aufgekauft werden, ihr Flurstück inbegriffen. Doch sie wie auch ihre Eltern bleiben unauffindbar. Ein Pächter zahlt statt der Pacht Grundsteuer an die Stadt. Er weiß nichts. Vermutlich sei die Besitzerin nach Westdeutschland gegangen.

Eine Großmutter soll noch hier leben. Sie wird schriftlich aufgefordert, umgehend eine Vollmacht für den zu erzwingenden Grundstücksverkauf zu beschaffen. Niemand antwortet.

Es eilt. Zum »Abwesenheitspfleger« der Angelegenheit der jungen Petra wird der Sektionsleiter der Ausstellungsverwaltung. In einem durchgesetzten Kaufakt vertritt er gleichzeitig die Interessen der Agra und nunmehr auch die der Gegenpartei, der Besitzerin, gebilligt vom Jugendamt. Notfalls solle das Aufbaugesetz in Anspruch genommen werden, steht vermerkt. Im April 1961 ist der Kauf abgeschlossen und von der Abteilung Volksbildung, der die »Jugendhilfe« unterstellt ist, vormundschaftlich genehmigt. Etwas Geld wird als »Kaufpreis« beim Notariat hinterlegt. Das Grundbuchblatt der Eigentümerin ist geschlossen.

Ein Verwaltungschef, der per Federstrich zum Jugendpfleger wird. Ein Grundstück, mit Genehmigung des Jugendamtes verkauft. Innerhalb von drei Monaten gehört es der Agra.

So fing meine Suche an. Ich wollte die Eigentümerin finden, mit ihr darüber sprechen.

Herr K. hört ausdruckslos zu. Denkt er an seine Lehre zur selben Zeit dort? Er war da, die Vorgänge der frühen Agra-Jahre waren Alltag für ihn.

Wir sprechen über das Gelände der ehemaligen Landwirtschaftsausstellung. Von ihren Skulpturen und rätselhaften Rudimenten geht eine einnehmende, wenn nicht einsaugende Atmosphäre aus. Verfall und grüner Triumph. Einem Areal unberührter Stellen, die noch immer nicht bis ins Letzte verplant und zweckbestimmt sind, entsprechen ähnlich viele Leerstellen in der historischen Aufarbeitung. Die Geschichte der Agra ist verbunden mit Zwangskollektivierung und Kohleabbau. »Gemeinsam stellten sich alteingesessene Bauern und Neubauern den volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten der Landabgabe für die Braunkohlengewinnung; gemeinsam gingen sie den nicht einfachen Weg der sozialistischen Umgestaltung. So entstand 1952 die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft LPG ›Rosa Luxemburg‹ ...«2 1990 wurde diese Darstellung veröffentlicht. Stellten sie sich oder wurden sie, nachweislich, gezwungen? Im Archiv stieß ich auf wütende Proteste aus der Bevölkerung gegen unmöglich zu erreichende Erntesolle, auf unverblümte Beschimpfungen und Ablehnung der regierenden Kommunisten, anonym und mit Namen und Adresse.

Der Ort selbst, heute: eine ausgeschürfte und inzwischen neugestaltete Landschaft, in der Parks, Kanäle und Wasserarme, barocke Einschlüsse, von der Zeit scheinbar Verschontes, umso stärker berühren.

Herr K. ist bewegt von Bildern seiner Jugend. Eine lebhafte, vielleicht als frei empfundene Zeit. Lebenshoffnung. Körperlich frei, Bewegung, Natur, Tiere. Menschen.

»Und die Menschen damals?«

»Die Menschen?«

»Wie waren sie?«

Er lässt eine der Pausen, nach denen er zurückkehrt zu einem leise wegwerfenden Ton.

»Sie waren ... interessierter! Das!«

»Woran?«

»Interessierter.«

Am Leben? Aneinander? Es scheint eine Erfahrung aus langem Erleben zu sein, die sich irgendwann von selbst versteht.

Aber um all das geht es plötzlich nicht. Nicht um »sozialistisches Eigentum« an Immobilien, sondern an einem Kind. Der weiße Fleck ist hier.

»Sie war weg. Als ich hinkam, war sie weg.«

Das springt hin und her zwischen ihm und mir. Es ist März, doch in den Nachmittag kommt etwas wie verlangsamende Herbstschwere.

Nach der Lehre heiratete er, das Paar bekam drei Töchter, Silke, Steffi, Petra. »Alle ein Jahr auseinander, Petra war die Jüngste.« Doch die Ehe hielt nicht, er und seine Frau ließen sich scheiden, er verlor die Kinder, die zunächst zu ihrer Mutter kamen. Mutter, ja, doch sie war jung, sie schaffte es nicht, nach der Trennung zurechtzukommen. Vorübergehend kamen die beiden älteren Töchter in ein Heim in Altenburg, durften dann zurück zu ihrer Mutter.

»Ich hatte niemanden damals«, sagt er, »die Kinder wurden mir hinterm Rücken abgekapselt, ich lebte drei Jahre lang ganz allein. Nach einer Zeit bekam ich Silke zurück für eine Weile. Heute sind die beiden Großen erwachsen und weggezogen, doch ich bin in Kontakt mit ihnen. Nur die Kleine ... Mit drei Jahren ... Sie kam erst ins Heim, sollte zurückkommen, doch dann war sie plötzlich fort.«

»Was heißt fort?«

»Weg. Ja!«

Irgendwann in der Zeit nach der Scheidung sei er unvermittelt ins Jugendamt bestellt worden. Er wusste nicht weshalb, nein. Bei Nichterscheinen wurde ihm mit der Polizei gedroht.

»Plötzlich? Völlig überraschend?«

»Auf jeden Fall! Das hatte ich mir nicht träumen lassen! Ich weiß nicht, wer das war, wer das in die Wege geleitet hat, bis heute nicht. Es ging alles so schnell, dabei bin ich überhaupt nicht zum Überlegen gekommen. Das Ganze passierte an einem Vormittag. Ich kam in ein Einzelzimmer. Eine Angestellte war da, den Namen kann ich Ihnen sagen, ich habe ihn behalten. Eine sehr Große, Stämmige. Die Frau war eine Strafe. Sobald man etwas sagte, hieß es: Wenn Sie nicht ruhig sind, sperren wir Sie ein. Da gab es kein Gespräch. Sie hat den Zettel hingepackt und gesagt: Ihre Tochter ist zur Adoption freigegeben. Unterschreiben Sie.«

»Und vorher?«

»Nichts. Die haben mir nichts zukommen lassen, denen war das wurscht, was mit mir war.«

Ich frage, was er unterschrieben habe.

»Die Frau vom Jugendamt saß da und legte mir das hin, und ich musste unterschreiben. Es war halb verdeckt. Sie setzen nur den Namen drunter, hier! Entweder Sie unterschreiben oder Sie gehen ins Gefängnis. Das war das Einzige, was ich denken konnte. Gefängnis.«

Methoden von Jugendämtern, die zu Unterschriftsleistungen führten, nicht nur in diesem Fall. »Ich war so fertig und hatte solche Angst, dass ich alles machte, was er wollte. Er legte einen Brief hin, gab mir einen Kugelschreiber und diktierte«, berichtete die Mutter eines angeschossenen und infolgedessen ertrunkenen dreiundzwanzigjährigen Flüchtlings an der Berliner Sektorengrenze, der die Unterschrift sogar unter die Genehmigung einer sofortigen Einäscherung abgepresst wurde.3

»Ich hab gesagt: Ich habe jetzt mein Todesurteil unterschrieben. Das weiß ich noch.«

»Und die Frau?«

»Und die Frau: Ja, Sie können gehen. Das hat sich erledigt.«

Ich bin beschäftigt mit dem, was sich für das Amt »erledigt« hatte. Mit der Eile, der brutalen Selbstverständlichkeit. Der Überrumpelung.

»Das war eine schlaflose Nacht danach, der Kopf wie ein Hubschrauber, es hörte nicht auf. Was heißt eine? Es ging immer so weiter. Danach hat sich keiner mehr Gedanken darum gemacht. Das war die DDR. Nach Neunundachtzig haben sie die Frau rausgeschmissen.

Die Kleine kam zuerst in ein Kinderheim, drei war sie da. Am Straßenbahnende Rosental, dann links, eine Villa. Sie hing mir am Herzen. Ich habe sie noch jeden Tag besucht, nach der Arbeit bin ich hingefahren, die kannten mich dort schon. Es war sauber, sie waren höflich, es war nicht abgeschottet. Soweit. Aber ...«

»Hat Ihnen niemand geholfen? Beigestanden?«

Das Wort, höre ich selbst, mag hinpassen, wo immer es will, doch gewiss nicht zu der damaligen Situation.

Sofort sieht er mich mitleidig an.

»Das war so. Margot Honecker. Das werden Sie doch wissen. Die war die Schlimmste. Damals brauchte bloß einer sagen, gucken Sie mal dorthin, und die kamen vom Jugendamt, so war das.«

»Die gnadenlose Staatsgouvernante« und ihr Ministerium für Volksbildung waren für das System von zentraler Bedeutung und rangierten gleich hinter der Staatssicherheit, urteilte Uwe Hillmer.4 Der Schrecken, den ihr Wirken verbreitete, führte dazu, dass fast jeder ihren Namen kannte. Zusammen mit dem Zentralen Jugendhilfeausschuss beherrschte sie die Volksbildung von 1963 bis 1989: zehn Personen, die sie jeweils persönlich berief, mit denen auch die rechtsverbindlichen Richtlinien für die Jugend»hilfe« geschmiedet wurden. Unter ihnen Eberhard Mannschatz, Leiter der zentralen Abteilung Jugendhilfe und Heimerziehung, von dem zu sprechen sein wird.

»Wie sie aussah? Ich weiß, wie: Eine kleine, niedliche Person. Ganz kurze Haare, braun, wie meine. Wenn ich kam, war das Erste, die Arme vor – und gedrückt.

Sie war glücklich, wenn ich kam. Auszustehen hatte sie soweit erst mal nichts, es waren viele dort. Ich ging hin, immer wieder. Aber auf einmal war sie fort.«

Hinbestellt, gezwungen. Unterschrieben.

Ein kleiner Plastikhund mit Wackelkopf steht auf dem Tisch. Ich tippe ihn an. Aus einem Billigladen in Reudnitz, sagt Herr K.

Angeblich »nicht ausreichende Sozialität« oder »Asozialität« Einzelner war für den Staat unter Umständen schnell zur Hand. Eine Dunkelzone, bei der es um anderes ging als es scheint: nicht um Überforderung von Eltern durch Haushalt und ihre Beziehungen im Alltag, nicht um Schwäche von Menschen, die Unterstützung brauchten und nicht erhielten. Dem Staat ermöglichte dieser Vorwurf, Grundrechte und Pflichten zu verletzen, unliebsame Personen einzuschüchtern, ohne rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Zwang, Erpressung, Anschnauzen, Belügen, dabei Gleichgültigkeit, kalt. Versagen praktizierte der Staat.

Er hinterließ Menschen, deren Lebensbeschädigung und Beraubung keinen Lärm hervorruft, die auf Menschenrechte nicht hoffen konnten, auch wenn diese offenkundig auf ihrer Seite waren. Ein Merkmal von Sozialismus: Die schwer überwindliche Entfernung des Einzelnen zu dem, was einem Menschen zustand.

Jahrzehntelang ist Herr K. damit allein geblieben. Ist niemals, fünf, zehn, fünfzehn Jahre nach Ende der DDR, jemand zu ihm gekommen?

»Nein.«

Ein schlechter Lebensstart, problematische, doch nicht unbedingt »asoziale« familiäre Bedingungen, die schmerzliche Benachteiligung, nicht bei den eigenen Eltern oder einem Teil von beiden aufgewachsen zu sein, diese Not ist vom sozialistischen Staat weit seltener als behauptet durchbrochen worden. Paul Ingendaay schreibt von »sogenannten Asozialen«, die in die Mühlen des Terrors nach 1933 gerieten und die »für die Historiker und Gedenkverbände ohnehin selten eine Rolle gespielt« haben.5 Was er für die Epoche des Nationalsozialismus konstatierte, fand in der DDR eine Fortsetzung in autoritären Vertretern von Staat oder Verwaltung, deren Macht, anstelle des vom Volk beauftragten Dienstes, lähmte und in chronische Beunruhigung versetzte.

»Ich hatte Angst vor der Polizei. Das war das Einzige, was ich denken konnte. Die Frau kam mir vor wie von der Stasi. Ich habe mir das hinterher überlegt. Sie war sich sicher, dass ich unterschreiben würde, ihr Gehabe war genau so. Abfällig bis zum Letzten, die ganze Zeit über. Ich fühlte mich wie ein Stück Müll.«

Eine Diktatur, die jene verschreckte, für die sie angeblich arbeitete und »kämpfte«. Trotzdem. Seine Unterschrift. Unterschrieben, und ein Kind dahin und weg?

»Das Gefängnis«, wiederholt er nach einer Weile.

Unruhe ist ihm anzumerken. Vielleicht sehen wir uns wieder, denke ich, vielleicht kann ich später noch einmal danach fragen.

»Es tut mir leid, dass ich Ihnen bei dem, was Sie suchen, nun nicht helfen kann«, sagt er noch einmal freundlich.

Es spiele keine Rolle, verglichen mit dem, was ihm geschehen ist, erwidere ich. Ihm geschehen, seiner Tochter.

»Das Jugendamt hätte Ihnen helfen müssen.«

»Die haben gar nicht gewartet«, antwortet er, »ob sich das mal wieder ändert und wir einen Weg finden mit den Kindern. Weg! Ich hab dann viel getrunken, bin abgerutscht, weil ich so eine Wut auf das Jugendamt hatte, das war schlimm. Später erst habe ich mir langsam wieder eine Familie aufgebaut.«

Die Tür zum Balkon steht auf. Draußen die breite Straße zwischen sanierten Wohnblöcken, licht, hier und da alte, belassene Laubbäume. Hinterher werde ich das fotografieren. Ich muss. Ich darf es nicht vergessen, denke ich, und: Warum? Warum muss ich ewig fotografieren, was ich doch kenne?

Das früher düstere Areal des Rabet-Volksparks zwischen den Leipziger Stadtteilen Neuschönefeld und Volkmarsdorf ist umgestaltet. Grundstücke und Straßen wurden entwidmet, Tausende Bäume angepflanzt. Kletterschiffe, Treffpunkte mit grellbunt gesprayten Fassaden. Im Wind zittern junge Baumkronen. In den Neunzehnhundertachtzigerjahren lief ich regelmäßig durch das Viertel, zu alleinstehenden Rentnern und Sterbenden und betreute sie nebenberuflich im Wechsel mit der Gemeindeschwester. Beharrliche, widersprüchliche Erfahrungen. Erschrockene Anspannung, ständige Sorge, dazu etwas Unbestimmtes, vielleicht weil es eine Arbeit fast ohne institutionellen Rahmen war. Mensch. Und Mensch. Sonst nichts. Mein Roman darüber durfte nicht erscheinen, erst 2009.6 Manchmal, wenn ich von den »Betreute« genannten Alten in ihren halbdunklen Wohnungen kam, war ich grundlos froh. Sie waren nur für den Moment versorgt, sie konnten morgen sterben oder in derselben Nacht, das Zusammensein hatte aber dennoch die Kraft, dass ich stärker durch die Straßen ging. Durch diese Straßen. Da draußen. Vor dem Fenster.

Herr K. arbeitete nach der Anstellung im Gartenbau fast das ganze Leben in der Leipziger Wollkämmerei, sagt er, bis er nach Neunzehnhundertneunundachtzig erfuhr, dass er nicht mehr gebraucht würde. Heute fährt er Werbung aus, um etwas dazu zu verdienen. Das Austragen mit dem schweren Wagen war eine Umstellung, manchmal steckte er die Werbung bei jedem Mieter ein, ohne zu wissen, wer inzwischen ausgezogen war, dann fehlte das am Ende. Er muss ziemlich weite Strecken abfahren. Vor kurzem ist er bei einem Zusammenstoß voll über das Fahrrad gestürzt und hat sich dabei das Knie zerstört.

»Ich musste mich da erst reingewöhnen«, sagt er.

Auf die Frage, ob er und seine erste Frau es hätten schaffen können mit den Kindern, schweigt er eine Weile.

»Man hätte es versuchen können. Wir wollten sie nicht weggeben ins Heim.«

Er ist gefasst und dennoch angespannt, als könnte das Kind, das Mädchen, im nächsten Moment zur Tür hereinkommen.

»Eine Chance hätte es gegeben, aber wir hatten ja gar keine. Die haben gesagt: Weg. Und weg ist weg.«

»Und heute? Nach so vielen Jahren, was wäre möglich?«

Er muss lachen, leise.

»Das waren schlechte Zeiten, die muss man untern Teppich kehren. Manchmal kommt noch ein kurzer Blitz, aber mehr ist es nicht. Wenn ich es mir überlege, wollten die mit uns keine Arbeit haben. Sie haben uns weggetan, wie ... Abfall. Für die waren wir Abfall.«

Barrieren. Neurasthenie

Im Archiv

Kindesentzug. Zwangsadoptionen, sage ich am Archivschalter des Sächsischen Staatsarchivs in Leipzig-Paunsdorf und bitte um Findbücher und Karteien. Kindeswegnahme, wiederhole ich, sobald ich für eine Woche oder länger nach Leipzig fahre, und frage nach Akten im Zusammenhang mit Heimen in der DDR. Am Telefon, im persönlichen Gespräch.

Herr K. hat mir eine Vollmacht für Recherchen gegeben. Die Aussicht, Klarheit in ein solches Gewebe aus Schmerz und gesellschaftlicher Verursachung zu bringen, ist gering, der Antrag, Heimeinweisungs- und Adoptionsakten einsehen zu können, wird in jedem oder beinahe jedem Fall zurückgewiesen. Andere Bereiche sind einzubeziehen. Welche? Und bei all dem: Habe ich etwas aufgerissen, das erneut zu verfolgen Herr K. innerlich womöglich nicht die Kraft, den Willen hat?

Zögern bei den Archivarinnen. Man muss sehen. Weiß es nicht. Sofort überhaupt nicht. Ich dränge. Auch bestellte Akten zum Thema politischer Widerstand auf dem Land kommen nicht, bereits eingesehene gehen zu schnell zurück. Schließlich kommen einige Stapel auf einem Wagen angerollt, den ich in den kühlgrauen Lesesaal fahre.

»Adoptionssachen« könne ich nicht einsehen, teilt mir eine Archivarin später mit. Aber das habe Zeit, entscheidet sie, überlegt es sich jedoch sofort darauf anders. Sie wolle das klären, sagt sie und wählt eine Nummer am Diensttelefon. Die Worte, die sie durchgibt, klingen kryptisch: »Sie ist jetzt da!« »Sie« bin ich? Der Angerufene erscheint umgehend, tritt nah an mich heran. Ein hochaufgeschossener Mann, der seinen Namen nicht nennt.

»Ja?«, fragt er in übertrieben straffem Ton.

Ich reiche ihm die Recherchevollmacht von Herrn K. Die bleibe gleich da, sagt er und legt sie in ein Fach. Er solle sie kopieren, verlange ich, weil ich sie weiterhin brauche. Erneut beugt er sich über den Text, wiederholt, er werde sie dabehalten.

Alle blicken mich an. Ich blicke zurück.

Bevor ich abends gehe, wird die Vollmacht kopiert.

Ob mir Aktenkopien zum Thema Widerstand auf dem Land erlaubt werden, sei ungewiss, erfahre ich zwischendurch, wahrscheinlich nicht. Weshalb? Achselzucken. Es versetzt mich in Spannung. Ich schreibe mit, bis das Handgelenk taub wird, dreißig A4-Seiten, will gehen, fange wieder an. Über Menschen, die in der Nachkriegszeit abgeholt wurden, weil sie ein angeblich gefährliches Buch ihrer kleinen Leihbücherei nicht gemeldet hatten, über die Angst von Neubauern um die unberechenbare Ölfrucht und vor unerreichbarem Abgabesoll. Über ihr Scheitern, den Hass auf die, die kurz nach dem Krieg schon wieder alles hatten. Ich lese, vergesse die Querelen, ärgere mich, dass das Archiv nicht bis in die Nacht geöffnet hat.

Bevor ich gehe, gebe ich eine Bestellliste für Kopien ab. Ob sie genehmigt wird, kann niemand sagen.

Die Abendsonne färbt die alten Fassaden im Nordosten der Stadt warmgelb. Ich fahre über brüchige Straßenbahngleise auf Schönefeld zu, einen von Gärten und Grünanlagen durchsetzten Stadtteil, in dem ich lange gelebt habe. Er erinnert mich wieder an die Landwirtschaftsausstellung in Markkleeberg. Vor Jahren begegnete ich dort einer Frau, Ingeborg Wegener, die wie Herr K. eine Gärtnerlehre in der Agra absolviert hatte. Sie kam aus Schleswig zu Besuch in ihre Heimatstadt Markkleeberg und erzählte aufgewühlt. Ihr Vater, ein gefragter Sprengmeister, hatte sich nach 1945 selbstständig gemacht, als »Kind eines Kapitalistenschweins« durfte sie deshalb trotz bester Zeugnisse nicht das Abitur ablegen. Im Alter von dreizehn Jahren blieb ihr die Wahl zwischen Schmiedelehre und Gartenbauschule. Mit anderen Lehrlingen schleppte sie Erde in Tragen, Gießkannen, die nicht abgesetzt werden durften, und wenn doch, taten sie es hinter einer Biegung, in Angst vor dem Chef. Er ließ sie im Akkord sechs Wochen lang Kies auf Pferdewagen laden, bis zum Umfallen, er ließ sie bei zwanzig Grad minus Komposthaufen umsetzen, damit keiner von ihnen herumstand. Sie wechselten die Scheiben der Gewächshäuser aus und schnitten aus alten Fenstern Wasserschenkel zurecht. Im Akkord gruben sie mehrjährigen Rasen um, damit sie ein paar Pfennige verdienten. Es war so anstrengend, dass sie sich fragte, wieso sie überhaupt noch lebe.

Weitere Gespräche im Archiv über Kindesentzug und Adoptionen. Ich sage, an welche Quellen ich denke, darf Findbücher zu Bezirks- und Kreistagen einsehen. Erste Akten kommen, »wo etwas sein könnte«.

Erneut bittet mich der hochgewachsene Unbekannte zu einem Gespräch. Die Tochter von Herrn K. befinde sich nicht unter den Adoptierten in der Findkartei, teilt er mit, ich selbst dürfe diese, wie auch die Korrespondenz des Amtes, jedoch nicht lesen, weil mir dann auch andere Namen Adoptierter bekannt würden. Inzwischen allerdings habe ich das Findbuch mit den Namen selbst durchgesehen, eine Mitarbeiterin hat es vor kurzem herausgesucht und mir kurz überlassen.

Sein Ton bleibt unmotiviert verweisend, entmutigt mich aber nicht. Nach 1989 sind Dokumentenfluten und Archivalien durcheinandergestürzt, -geflattert, an andere Orte getragen worden, doch auch oder gerade solche Konvolute können ergiebig sein, unverhofft, weniger kontrolliert als streng bewachte Sammlungen vorher, die einzusehen keine Chance bestand. Bestellen, bestellen, bestellen. Ich verlasse mich auf meine lebenslange Erfahrung mit dem Alltag in der DDR, eine flexible, nicht leicht zu erschütternde Kraft. Ausdauer. Langer Atem.

Akten kommen. Nachlässe aus dem Alltag von SED und Jugendhilfe. Protokolle, Einschätzungen von Personen und Berufsgruppen, Heimkindern, Eltern, alles außerhalb der Staatssicherheit – »alle Macht«, die vom »Volke« ausgehen sollte.

Nach München, wo ich seit Jahren lebe, wird mir brieflich mitgeteilt, dass ich keine Aktenkopien erhalte. Ich protestiere, nenne meine Buchveröffentlichungen. Sie seien ihnen bekannt, wird mir lapidar mitgeteilt, oder vielsagend? Es zieht sich hin. Schließlich soll ich schriftlich versichern, dass ich die Gebühr für Kopien, falls ich welche erhalten sollte, auch zahlen werde. Das ist an den Haaren herbeigezogen, diffamierend, doch ich gebe sie.

Die Verantwortliche für den Datenschutz legt mir nahe, von Anfang an alle Namen zu anonymisieren im Hinblick auf spätere Veröffentlichungen.

»Sie sagten, Funktionsträger können genannt werden.«

Sie atmet unterdrückt.

»Es könnte jemand fragen. Hinterher.« Sie wollen doch kein Risiko, sagt ihr Blick.

Ohne Risiko geht gar nichts, sagt meiner.

Tags zuvor gab mir die Archivleiterin hilfreiche Hinweise zu den Stichworten Jugendamt und Adoption, doch auch sie vibrierte vor Unruhe. Weshalb? Kommt hierher denn nie jemand mit Themen der Aufarbeitung?

»Wir wollen Sie doch nicht behindern.«

»Die eine Akte müsste ich noch mal durchsehen«, sage ich.

»Die kriegen Sie nicht!«

»Aber ich hatte sie bereits, warum dann nicht?«

»Eben. Deshalb!«

»Ich brauche sie noch einmal.«

»Die kriegen Sie nicht.«

Ebenso das Findbuch Notariate.

»Das bekommen Sie nicht!«, bekräftigt eine Mitarbeiterin, »das gehört auch nicht zu Ihrem Thema!«

Bei Grundstücken, Haus, Hof, Geld reagiert man wie auf Stromstöße. Alle sind übernervös. Eine Archivarin erzählt mir auf der Treppe, dass Entlassungen bevorstünden, »Einsparungen«. Sie ist erregt. Wenn sie als Absolventin im Westen angefangen hätte, wäre sie jetzt, nach siebzehn Jahren, schon unkündbar. Hier zittere sie.

»Das haben wir aber gar nicht gern.«

Der Hochgewachsene beugt sich von hinten über meine Schulter, blickt auf meine Notizen.

Ich fahre herum, fragend. Er wird verlegen.

»Einzelne Karteikarten sollten nicht aus dem Kasten herausgenommen werden. Das alles ... Wir möchten ...« Mitten im Satz geht er aus dem Raum.

Sind alle überfordert, wenn jemand nicht von einer Institution kommt oder nicht nur seinen Familienstammbaum komplettieren will?

Draußen auf dem Parkplatz ist es heiß und hell. Aus dem Auto schlägt mir Gluthitze entgegen. Das Mineralwasser hat die Stunden über nahe an der Kochstufe gesimmert. Ich verbrenne mir den Mund.

Dann wieder der meistens leere Leseraum, die Fläche der zusammengerückten Tische, Konzentrationsmöglichkeit. Die Archivbenutzung ist kostenlos. Das Stadtarchiv erhebt Benutzungsgebühren von zwanzig Euro am ersten und für jeden folgenden Tag erneut fünf. Das ist viel, wie könnte beispielsweise ein Arbeitsloser dabei seinem Diktaturschicksal auf den Grund gehen? Von Barrieren psychischer Art ganz zu schweigen.

Bevor ich gehe, frage ich eine Mitarbeiterin nach dem damaligen Kinderheim am Rosental, von dem Herr K. sprach. Sie kannte es, stellt sich heraus. Ecke Leibnizstraße, Richtung Zoo. Mit der Straßenbahn durchs Rosental, nahe der katholischen Kirche, rechts eine Verkehrsinsel, dann die Villa. Dort, erzählt sie lebhaft, ging es streng zu, manchmal hart, oder brutal, unterkühlt jedenfalls. Die Insassen mussten anziehen, was es gab, keine Herzlichkeit, strenge Arbeitserziehung. Sie selbst ging mit Kindern dieses Heims in eine Klasse in der 143. Schule »Walter Ulbricht«. Tischtennisspielen war erlaubt. Jeder Klassenlehrer stellte seine Schülerinnen und Schüler selbst zusammen, er wechselte nicht bis zur achten Klasse. »Da haben sie sich Mühe gegeben. Schlimm war, dass sie das Sozialistische so sehr durchgedrückt haben.«

In diesem Heim ist Petra, die Kleine von Herrn K., wahrscheinlich gewesen. Kurz bevor sie »weg« war.

»Die Heimkinder treffen sich heute noch. Niemand von ihnen ist arbeitslos.«

Frau S.

Frau S. kann nur schwer laufen. Wegen dem Stock hat sie nicht gleich eine Hand frei für die Blumen, die ich mitbringe. Licht flutet durch die Wohnung, in die sie mich einlässt. Es geht auf Ostern zu und sie lächelt.

Auch ihr begegne ich zum ersten Mal. Nach achtundzwanzig Jahren habe sie ihre Tochter wiedergefunden, sagt sie sofort, als wir ins Zimmer treten, und zeigt auf eine Gruppe gerahmter Fotos. Eine dunkelhaarige junge Frau ist darauf zu sehen, allein, im Hochzeitskleid, mit Bräutigam.

»Jeder sagt, sie ist mir wie aus dem Gesicht geschnitten.«

Gefunden. Triumphierend und einschränkend zugleich klingt das. Frau S. hat vier Kinder. Susanne, die jüngste Tochter, lebt noch zu Hause, sie schaut fern und wirft uns Blicke zu.

»Und sie ist gut in der Schule!«, sagt Frau S.

Susanne schaut weiter und lässt sich Zeit, als ich sie frage, was sie werden will. Tierpflegerin vielleicht, sie habe einen Platz als Praktikantin im Leipziger Zoo in Aussicht. Es könnte klappen. Ihre Schwestern Manuela und Bianca seien bereits aus dem Haus, erzählt Frau S. Nur die Älteste, Annett ... Sie verschwand 1977 aus der Kindertagesstätte, sie verschwand, und auch jetzt hat Frau S. sie nicht wiedergesehen. Sie weiß nur von ihr. Sie kann sie ansehen auf den Fotos im Schrankfach, zwei davon von ihrer Hochzeit.

Frau S. spricht ohne Zögern, mit einem Ausdruck, der offen und erwartungsvoll ist wie der von Herrn K., als er glaubte, ich hätte seine Tochter gefunden. Sie hält noch die Narzissen in der Hand. Die Stimmen draußen vor den geöffneten Fenstern, die beiden Frauen hier, das hat etwas sehr Unmittelbares. Wie eine Garantie, dass das Leben nicht auf einmal abbricht.

Was für ein Gedanke.

Ihr Mann kommt zurück vom Wochenmarkt in der Bor­naischen Straße, der ständig größer werde und ein Angebot habe, das den Weg durch die ganze Stadt lohne. Er kaufe dort besser und preiswerter ein als anderswo, außerdem sei er bekannt, weil er regelmäßig komme. »Die Straßenbahn geht von hier durch bis ans Ende«, sagt er, und mit einem Blick zu Frau S.: »Sie will immer mit, aber sie kann nicht laufen, in der Zeit bin ich schon dreimal wieder da.«

»Er sagt, du bleibst da«, kommentiert sie, »und da muss ich bleiben.«

»Manchmal geht sie doch mit, dann wird sie gleich überall begrüßt«, sagt er, und sie tauschen ein Lächeln. In dem Fall holt er zu Hause erst die Einkäufe nach oben und dann sie. Manchmal zieht sie sich auch allein, Stufe für Stufe am Geländer hoch. Frau S. sollte zur Operation, aber dann haben sie ihr doch keine neue Kniescheibe eingesetzt. Sie lacht jetzt bitter, oder als könne sie nur lachen.

Die Treppe im Haus ist aus Fertigbeton und halb so breit wie in umliegenden Bürgerhäusern. Da wo sie an die Wände stoßen soll, ist ein Schlitz, durch den man die Etagen hinab­blicken kann bis ins Erdgeschoss. Was Halt geben soll, sieht aus wie bloß aneinandergestellt. Das Geländer wirkte zerbrechlich wie eine Attrappe. Schwer vorzustellen, wie Frau S. die Stufen bewältigt.

Ich bin gekommen, um sie nach der 1977 verschwundenen Tochter zu fragen. Ihre Spannung überträgt sich auf mich, der schnell wechselnde Ausdruck fällt mir auf, eine humorvolle Leichtigkeit. Dazwischen ausdauernde, nicht ablenkbare Blicke. Eine scharfe Aufmerksamkeit für das, was vorgeht. Die, habe ich das Gefühl, setzt keine Sekunde aus.

Sie hat Hausaufgaben von Susanne vor sich liegen, als wir uns gegenübersitzen. Dass ich ihre Erzählung auf Band aufnehme, möchte sie nicht, aber mitschreiben kann ich. So haben wir beide ein Heft auf den Knien.

Die Mutter von Frau S. arbeitete in einem Krankenhaus. Sie gab die Tochter im Babyalter, wie damals nicht unüblich bei Schichtarbeit, in eine Wochenkrippe. Doch ehe das Kind eine bewusste Beziehung zu ihr finden konnte, wurde es ihr nach einer Denunziation weggenommen. Frau S. wächst beim Vater und seiner neuen Frau auf, die leibliche Mutter verschweigt er ihr lebenslang. Erst 2004, als diese stirbt, erfährt sie von ihr durch einen Verwandten, der im Internet lange nach ihr gesucht hat.

»Ich habe immer gekämpft«, sagt sie mit blitzenden Augen. »Gekämpft gegen die Verunglimpfung meiner Mutter und gekämpft um meine Tochter.«

Die Stiefmutter, Ruth, ist damals Stallarbeiterin in einer LPG im Landkreis Leipzig, wie auch der Vater. Es scheint ein Angstverhältnis für Frau S. gewesen und geblieben zu sein. Für die Stiefmutter und deren Kinder ist sie die Stiefputze, die ausgegrenzt wird bei den Mahlzeiten, die aus dem Zimmer muss, wenn Gäste kommen, die als dumm hingestellt wird. Eine Kindheit der von Erwachsenen ausgekosteten Demütigung.

»Ich bin mit Prügel aufgewachsen«, sagt sie.

Sie hätte zu einer eingeschüchterten Haussklavin werden können. Nach der Schule lernt sie Köchin. Die Stiefmutter holt ihren Lohn ab. Als sie erwachsen wird und auszieht, sagt sie: »Ich komme nicht mehr zu dir.«

»Und warum?« fragt die Stiefmutter zurück und schlägt ihr ins Gesicht.

Woanders ist es besser. Sie arbeitet in der Mensa der Karl-Marx-Universität in Leipzig. »Es war wunderschön«, sagt sie, »wir haben gutes Essen gekocht, gelacht, wir haben Witze gerissen. Ich war so klein, ich kam immer nicht hoch an die Regale und brauchte einen Hocker. Ich besaß jetzt eigene Sachen, mein Chef hat für mich ein eigenes Konto angelegt, er hat mir sozial viel geholfen. Auch bei der Suche nach einer Wohnung.«

Er ist es, der sie unterstützt, bis ihr Monatslohn auf ein eigenes Konto überwiesen wird und ihr gehört.

»›Damit du mal zur Ruhe kommst‹, sagte er. Er hatte … etwas Feines.«

Sie erhält Auszeichnungen, lernt Wärme und Unterstützung kennen. »Fein« nennt sie auch die Eltern ihres Mannes, der bei diesen Worten lächelt. »Wie die mich umarmt haben. So eine große Zuneigung, mein Mann hat nur gestaunt.«

Man kann sich vorstellen, dass sie schnell Sympathie findet, so herzlich und spontan. Überhaupt. Sklavin. Alles andere als das.

1977 wird Annett geboren. Frau S. lebt im Aufgebot, steht vor der Verheiratung. Sie und ihr Verlobter sind glücklich über das Kind. Sie haben eine Wohnung eingerichtet, das Kind ist gut versorgt. Leben, nach einer Kindheit und Jugend, in der ihr Freude und Integrität weggeschlagen wurden.

Trotz all dem verschwindet Annett im selben Jahr aus der Kindereinrichtung.

»Ich komme in die Krippe in Taucha und frage, wo ist mein Kind?«

»Das ist abgeholt.«

»Von wem?«

»Regen Sie sich nicht auf.«

»Ich hole die Polizei.«

»Machen Sie das nicht, wir haben einen guten Ruf.«

»Sie haben keinen guten Ruf. Wo ist mein Kind?«

Die Stiefmutter habe es »abgeholt«, mit drei Polizisten, erfährt sie schließlich. Sie verlangt ihre schriftliche Einwilligung als Mutter zu sehen. Es existiert keine.

Sie geht erneut hin, und wieder. Sie kann gar nicht anders, angesichts der betäubenden Leere, die sich auftut.

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