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Verschlüsselt Geheimnisse einer Stadt

»Alle Dinge unter dem Himmel

haben ihr Sichtbares und Unsichtbares.

Das Sichtbare ist das Aussehen,

das Äußerliche, das Yang.

Das Unsichtbare ist

das innere Bild, das Yin.

Ein Yin, ein Yang:

Das ist das Tao.«

- Pu Yen-t‘u

(18. Jh., chinesischer Kunsthistoriker)

Ich habe die Corona-Pandemie genutzt, um endlich meinen Wunsch zu erfüllen, dieses Buch zu schreiben. Da mir nun die Gelegenheit gegeben wurde, nutzte ich diese aktiv. Mein Gefühl sagte mir, dass sie jetzt gekommen war. Hinter jeder Krise verbirgt sich eine Chance.

Vielen Dank an meine Familie, die mich unterstützt und inspiriert hat, an meine Kollegen, mit denen ich meine Gedanken teilen konnte und die mir Mut machten, die Geschichte zu schreiben.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.

Die Personen und Handlungen sind frei erfunden, potenzielle Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig. Genannte Gebäude und Sehenswürdigkeiten sind real.

27.12. Drei Tage nach Heiligabend.

Sie leerte den Briefkasten und fand einen Brief, der ihre Welt mit einem Ruck zerstören sollte. Er war von ihrem langjährigen Partner, ihrer ersten großen Liebe, den sie seit einigen Monaten nicht mehr gesehen hatte. Seit Beginn seiner Marineausbildung bestand kaum noch Kontakt und sie hoffte, er würde sie am ersten Weihnachtsfeiertag besuchen. Aber er kam nicht und sie traute sich auch nicht, nachzufragen. Das Verhältnis zwischen ihr und seinen Eltern war ohnehin nicht gut, sodass sie beschloss zu warten; auf den Brief, der nun im Briefkasten lag:

 

Meine Liebe!

Ich kann so nicht weitermachen. Wir sehen uns kaum noch, ich bin viel unterwegs.

Es tut mir weh, dich weinen zu sehen, wenn wir uns verabschieden. Deswegen beende ich hiermit unsere Beziehung und wünsche dir ein schönes Leben.

Gruß

Tom

Der Schock saß tief. Ihr liefen die Tränen über die Wangen und sie fragte sich, wie er ihr das nur antun konnte. Sie machte sich Vorwürfe, suchte die Gründe bei sich. »Warum hat er nicht nochmal mit mir gesprochen? Es war nur eine Frage der Zeit, dass es kommen musste!« Instinktiv spürte sie beim letzten Mal bereits, dass sich etwas verändert hat.

Auf diese Weise wollte sie es auf keinen Fall beendet wissen. Sie nahm allen Mut zusammen und ging rüber zu seiner Wohnung, hoffte, ihn noch ein letztes Mal sprechen und ein letztes Mal umarmen zu können. Sie klingelte.

Sein Vater kam ans Sprachrohr.

»Ist Tom da?«, fragte sie.

Er brummte: »Nein. Er ist heute Morgen gefahren und kommt dieses Jahr auch nicht zurück.« Sie sah sich um, wusste nicht, was sie machen sollte. Sie wollte jetzt nicht nach Hause. Ihre Eltern hatten kein Verständnis für ihren Schmerz. Sie lief zum Haus ihrer Freundin Susi, doch sie war nicht zu Hause. Auch Anna war nicht da. Voller Schmerz und Wut lief sie durch die Stadt und weinte, Passanten schauten sie voller Mitleid an.

Es wurde bereits dunkel, doch nach Hause wollte sie immer noch nicht. Also ging sie dorthin, wo sie und Tom immer gewesen waren. Es war ein abgeschiedener Platz im Park, wo sie sich gern aufhielten und über verschiedene Dinge sprachen. Sie saß auf der Bank und schloss die Augen. Der Park war nur dürftig beleuchtet. Sie dachte an ihre Gespräche. Er wollte mit ihr zwei Kinder, ein Haus und an der See wohnen. Wieder kamen ihr die Tränen. Das Herz tat ihr weh. Das Atmen fiel ihr schwer. Sie kann nicht sagen, wie lange sie mit geschlossenen Augen auf der Bank saß. Sie vergaß völlig die Zeit. Am liebsten wäre sie dort sitzengeblieben und hätte alles um sich vergessen. Doch sie musste nach Hause. Es gab immer Ärger, wenn sie zu spät zu Hause war. Schweren Schrittes begab sie sich auf den Heimweg.

Bella war 20 Jahre alt. Sie und Tom wurden ein Paar, als sie 16 war. Sie war unscheinbar, wenig auffällig. Für die Schule tat sie sehr viel. Daher wurde sie auch oft Streberin genannt und war eher ungern gesehen. Doch wenn ihre Mitschüler Hilfe brauchten, unterstützte Bella sie. Bella war nicht nachtragend und bald erkannten auch die anderen, dass sie umgänglich war.

Kurz bevor sie den Park verließ, hörte sie ein leises Rascheln in einem Gebüsch. Sie blieb stehen. Da war es wieder – in der Dunkelheit konnte sie jedoch nichts erkennen. Eine Taschenlampe hatte sie nicht dabei, um zu leuchten. Langsam bewegte sie sich auf die raschelnde Stelle zu. Es wurde still. Sie hockte sich hin, um zwischen das Gebüsch schauen zu können. Sie sah etwas schimmern. »Was ist das?«, fragte sie sich und beugte sich nach vorne. Es sah aus wie ein leuchtender Schlüssel mit einer besonderen Verzierung. Sie schaute genauer hin: Es war tatsächlich ein Schlüssel. Sie streckte ihren Arm aus, doch kam nicht wirklich ran, das Gebüsch war zu dicht. In ihrer Nähe lag ein Stock, den sie nutzen wollte, um an den Schlüssel zu kommen. Das Rascheln war gänzlich verschwunden. Von einem Menschen oder Tier war nichts zu sehen. Sie streckte ihren Arm mit dem Stock aus und gelangte so an den Schlüssel. Sie schob die Spitze des Stocks durch die Öse und zog ihn mit dem Stock heraus. Als sie den Schlüssel berührte, hörte er auf zu leuchten. Sie steckte ihn ein und machte sich auf den Heimweg. Sie ging schnellen Schrittes, denn sie hatte nach Hause noch gut zu laufen und die Zeit wurde langsam knapp. Auf die letzte Minute schaffte sie es. Es war Punkt 18 Uhr. Zeit fürs Abendessen.

Als sie mit dem Abendessen und dem Abwasch fertig war, ging sie in ihr Zimmer. Ihre Gedanken kreisten nur um den Schlüssel und ließen sie ihren Schmerz kurz vergessen. »Du bist kein gewöhnlicher Schlüssel. Das spüre ich«, sagte sie und drehte ihn in ihrer Hand. Plötzlich hielt sie inne, sie erkannte eine Gravur auf dem Schlüsselhals, bestehend aus Zahlen und Buchstaben. Sie hielt ihn unter das Licht, da die Gravur kaum erkennbar war:

W1166-D08-D20

Sie las die Gravur mehrmals, aber konnte nichts damit anfangen. Vielleicht waren es Koordinaten. Doch wofür sollten sie stehen? Bedeuteten die Buchstaben Städte, Länder oder Himmelsrichtungen? Und die Zahlen? Sind es logische Zahlenfolgen aus der höheren Mathematik? Sie legte sich auf ihr Bett und dachte nach. Kurz darauf schlief sie ein.

Es war ein trauriger Tag für sie. Sie träumte von Tom, wie sie ihn umarmte und dankbar war, dass er sie nicht verlassen hatte. Doch auf einmal löste er sich und lief fort. Er drehte sich einfach weg und ging, ohne ein Wort zu sagen. Sie stand allein da. Sie weinte wieder. Von den Tränen, die ihr über die Wangen liefen, und dem Schluchzen wurde sie wach. Jetzt kam alles wieder hoch. Sie rollte sich in ihrem Bett zusammen, weinte und schlief wieder ein.

28.12. 9: 00 Uhr.

Frühstück.

Obwohl es verlockend riechende aufgebackene Brötchen gab, wollte sie nicht aufstehen. Draußen war es schön, die Sonne schien ein wenig und machte die Umgebung zu einem klaren Wintertag. Sie wollte liegenbleiben, nichts hören und nichts sehen, nur allein sein. Sie verstand immer noch nicht, warum er ihr nicht die Möglichkeit gegeben hatte, sich wenigstens von ihm zu verabschieden und ihm für sein Leben alles Gute zu wünschen. Aus der Küche rief ihre Mutter: »Frühstück! Aufstehen!« Damit sie keinen Ärger bekam, stand sie auf, zog sich an und ging zum Frühstück.

»Was ziehst du denn für ein Gesicht?«, fragte ihr Vater. Sie schaute ihn an und dachte, dass er es sowieso nicht verstehen würde. Ihren Eltern fiel es schwer, Gefühle und Verständnis zu zeigen, geschweige denn aufzubringen. Sie wurden so erzogen, dass Gefühle nur etwas für Schwache seien. Sie aß ihr Frühstück und dachte die ganze Zeit an Tom und den Schlüssel, der noch unter ihrem Kopfkissen lag. Sie hatte sich vorgenommen, erneut an den Ort zurückzukehren, an dem sie den Schlüssel gefunden hatte; vielleicht würde sie einen weiteren Gegenstand finden, zu dem der Schlüssel gehörte oder einen Hinweis, der ihr half, dessen Bedeutung zu ergründen.

Ihre Eltern und ihre Schwester wollte sie nicht fragen. Im Moment wollte sie nur allein sein und ihre Ruhe haben. Nachdem sie die Arbeit im Haushalt erledigt hatte, ging sie mit dem Hund Tapsie in den Park und suchte die Stelle, an dem sie den Schlüssel gefunden hatte, der sich in ihrer rechten Jackentasche befand. Sie hielt ihn fest. Als sie sich der Fundstelle näherte, wurde der Schlüssel wärmer und begann zu glühen; für sie war es ein Zeichen, dass noch etwas dort sein musste, also kniete sie sich vor das Gebüsch und schob mit ihren Handschuhen die verwelkten Blätter beiseite. Tapsie war neugierig und lief zu der Stelle; zum Vorschein kam ein Kästchen. Sie nahm es und schüttelte den Gegenstand leicht. Aus ihm erklang ein Geräusch wie von gefaltetem Papier, welches sich hin und her bewegte. Doch das Kästchen hatte kein Loch, in das der Schlüssel gesteckt werden konnte. Es hatte ein vierstelliges Zahlenschloss – noch ein Rätsel. Sie schaute das Kästchen genauer an und fand eine Inschrift:

In diesem Jahr wurde der Name deiner Stadt
das erste Mal urkundlich erwähnt.

Es sind 4 Ziffern, aber nur zwei Zahlen.

Kann damit wirklich »Delitzsch« gemeint sein? Sie wusste nicht, wann diese das erste Mal urkundlich erwähnt wurde. Sie beschloss, dieser Fragestellung nachzugehen und wurde von Heiterkeit gepackt. Sie würde in die Bibliothek gehen, die glücklicherweise geöffnet war. Den Bibliotheksausweis hatte sie auch dabei, und bevor sie sich auf den Weg machte, sah sie nochmal im Gebüsch nach, ob noch etwas anderes dort lag. Es schien alles gewesen zu sein, sodass sie zur Bibliothek aufbrach.

Es war gegen 11: 30 Uhr, als ihr einfiel, dass es in 30 Minuten Mittag geben würde; sie musste pünktlich zurück sein, sonst würde es eine Strafe geben. Also rannte sie in die Bibliothek und wollte sich das Buch über ihre Stadt ausleihen. Sie rannte den ganzen Weg durch, Tapsie hielt ihr Tempo. Es glich einem Ausdauerlauf im Sport, sie brauchte zehn Minuten. Total abgehetzt betrat sie die Bibliothek, Tapsie band sie außerhalb am Gebäude an.

»Oh, hallo Bella. Mach’ langsam. Wir haben noch bis 16 Uhr geöffnet!«, sprach die Mitarbeiterin sie freundlich an.

»Hallo Frau Müller. Ich suche ein Buch über die Geschichte von Delitzsch. Ich muss einen Vortrag für Geschichte vorbereiten. Können Sie mir helfen?« Sie log, da sie glaubte, ihr würde ihre Version ohnehin niemand glauben.

Frau Müller lächelte und antwortete: »Fleißig wie immer, Bella. Komm, ich zeige dir verschiedene Bücher!«

Sie sah auf die Uhr, ihr blieb nicht viel Zeit. »Okay. Ja, zeigen Sie mir, wo die Bücher stehen.« Sie folgte ihr. Es waren drei Bücher, die sie am Ende mitnahm. Erst in vier Wochen musste sie sie zurückbringen; genug Zeit also, um das Rätsel zu lösen. Ihr Blick auf die Uhr verriet, dass sie nur noch zehn Minuten hatte, um pünktlich zu Hause zu sein. Das schaffte sie nicht. Sie beeilte sich dennoch. Als sie ankam, war es 5 Minuten nach 12.

Vater stand auf und sah sie grimmig an.

Sie zeigte die Bücher und sagte, dass sie in der Bibliothek gewesen sei und dabei die Zeit vergessen hatte. Außerdem wollte Tapsie nicht so schnell laufen. Trotzdem bekam sie nichts zu essen, was ihr recht sein sollte; sie hatte sowieso keinen Hunger.

Nachdem sie ihre Jacke ausgezogen hatte, ging sie in ihr Zimmer und stellte das Kästchen auf ihren Schreibtisch, den Schlüssel legte sie daneben. Da ihre Eltern selten in ihr Zimmer kamen, hatte sie keine Angst, dass sie es mitbekamen. Sie las sich erneut den Text auf dem Kästchen durch und schrieb sich die Kombination vom Schlüsselhals ab. Dann legte sie beides unter ihr Kopfkissen und blätterte in den Büchern. Es war interessant, was sie über Delitzsch erfuhr. Sie stieß auf eine Tabelle mit Namen, welche Delitzsch bereits trug. Der erste Stadtname lautete Dieliz und wurde 1207 erwähnt. Sie war ganz aufgeregt. Bella nahm sich das Kästchen und gab die Zahlen eine nach der anderen ein. Doch als sie zum Schluss die Zahl 7 gestellt hatte, regte sich nichts. Sie versuchte es ein weiteres Mal, doch das Kästchen blieb verschlossen. Sie blätterte wiederholt in dem Buch. Doch sie fand keinen anderen Hinweis. Also nahm sie sich das nächste Buch vor. Es war etwas anders aufgebaut. Viele Zahlen sprangen ihr entgegen. Sie las den Text des Kästchens erneut. Erst jetzt fiel ihr der Hinweis auf, dass es zwar vier Ziffern sind, aber nur zwei Zahlen. Also müssten die Zahlen doppelt vorkommen. Sie schaute, ob sie eine solche Zahl finden konnte. Ja, da war sie, 1166. Erst jetzt fiel ihr auf, dass diese Zahl auf dem Schlüssel graviert war. Sie fasste sich an den Kopf und musste grinsen.

Sie gab die Zahl vorsichtig ein und der Deckel des Kästchens öffnete sich leicht. Sie hatte es geschafft, das erste Rätsel war gelöst! Sie hob den Deckel an und entnahm den gefalteten Zettel. Auf diesem stand:

Geh’ an den Ort, der Hoffnung gibt.

Es ist ein Ort der Harmonie und Vollkommenheit.

Es ist der Ort des Alpha und des Omega.

Ein weiterer Hinweis, doch … wo sollte dieser Ort sein? Was bedeutete Alpha und Omega? Sie war überfragt, ihr Kopf pochte. Sie wollte sich ausruhen, legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Vor ihr erschien Tom, wieder spürte sie den Stich in ihrem Herzen. Sie hatte es Susi und Anna noch nicht erzählt, doch jetzt mochte sie auch nicht mit ihnen reden. Ihr Bauch knurrte. Sie ignorierte das Knurren und schlief ein.

Nachdem sie wiedererwachte, kam ihr eine Idee: Vielleicht war eine der Kirchen gemeint, die es in Delitzsch gab? Kirchen gaben den Menschen in schweren Zeiten Hoffnung und Ruhe. Sie sahen in Jesus die Vollkommenheit. Doch welche war es? Sie musste unbedingt die Bedeutung von Alpha und Omega herausbekommen. Deswegen ging sie erneut in die Bibliothek. Sie nahm zwei der drei geliehenen Bücher mit, um sie zurückzugeben. »Frau Müller, können Sie mir sagen, was Alpha und Omega bedeuten?«, fragte Bella.

Frau Müller verzog die Stirn. Sie dachte nach. »Alpha und Omega sind Zeichen aus dem griechischen Alphabet«, meinte sie, »… außerdem steht Alpha für den Anfang und Omega für das Ende.« Sie zog ein Tafelwerk aus dem Regal, zeigte Bella die Zeichen für Alpha und für Omega und schrieb die Zeichen ab.

»Danke, Frau Müller.« Bella traute sich nicht, sie zu fragen, was dieses Rätsel bedeuteten könnte, denn sie hatte Angst, dass Frau Müller wissen wollte, woher sie es hatte. Sie verabschiedete sich und ging in den Park. Sie setzte sich auf die besagte Bank und schloss die Augen. Sie holte sich den Moment zurück, als Tom sie das erste Mal richtig küsste. Sie trafen sich im Kellerflur, denn Tom wohnte im Nebeneingang. Das war praktisch; sie standen sich schüchtern gegenüber. Inzwischen waren es bestimmt vier Monate, die sie beide zusammen waren. Doch körperlich wurden sie noch lange nicht. Sie hatte Angst, etwas falsch zu machen und war deswegen sehr zögerlich. Ihm schien es genauso zu gehen. Bella begriff nie, warum sich ein so hübscher Junge mit ihr abgab. Umso glücklicher war sie. Ihr Herz wurde warm. Sie fühlte sich wie damals.

Für einen kurzen Moment spürte sie wieder Wärme in sich. Ein Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. Sie war zurück im Hier und Jetzt. Traurigkeit erfüllte ihr Herz. Es wird sicher eine Weile dauern, bis dieser Schmerz vorbei ging und sie sich wieder auf einen Jungen einlassen würde. Doch darüber wollte sie nicht weiter nachdenken. Sie nahm den Zettel mit dem Spruch und überlegte.

Geh an den Ort, der Hoffnung gibt.

Es ist ein Ort der Harmonie und Vollkommenheit.

Es ist der Ort des Alpha und des Omega.

Bella dachte laut nach. »Ein Ort, der Hoffnung gibt. Was könnte das sein?« Sie überlegte, dass sie das Kästchen mit einer historischen Zahl öffnen konnte. Also könnte dieser Ort auch in der Geschichte etwas Bedeutendes gewesen sein. »Ja, eine Kirche. Es kann eine Kirche sein. Doch welche? Hier in Delitzsch hatten wir drei. Doch war die Kirche wirklich ein Ort der Harmonie und Vollkommenheit? Steht sie für den Anfang und das Ende?« Bella rieb sich das Gesicht. Es könnte auch ein Friedhof gemeint sein. Auf dem Friedhof stand ebenfalls eine Kapelle, in der die Trauerfeiern gehalten wurden. Doch woher würde sie wissen, dass sie an dem richtigen Ort war? Was sollte sie dort finden? Sie wünschte sich, sie hätte jemanden, mit dem sie ihre Gedanken austauschen konnte. Doch sie musste allein überlegen.

Tom wusste viel. Er war ihre Inspiration. Er beschäftigte sich neben der Schule viel mit Fachliteratur und verfügte über ein großes Allgemeinwissen. Sie lernte viel von ihm. Doch er war nicht hier.

Sie fing erneut an zu weinen und dachte daran zurück, mit welcher Ausrede er sie zu sich gelockt hatte. Angeblich brauchte er Hilfe in Musik, in der Notenlehre. Sie musste lächeln. Es war eine schöne Erinnerung. Sie wischte sich die Tränen weg und stand auf. »Laufen hilft beim Nachdenken«, sagte sie sich. Sie lief in Richtung Tierpark. Von außen sah sie die Trampeltiere und beobachtete sie. Es gab ihr innere Ruhe und ein Stück Frieden. »Gut«, sagte sie. »Ich werde jeden Ort ablaufen, der in Frage kommt. Vielleicht habe ich Glück und es fällt mir spontan etwas ins Auge.«

Voller Entschlossenheit lief sie los. Es war Donnerstagnachmittag, in der Nähe des Tierparks lag die Kirche St. Peter und Paul. Sie hatte keinerlei Bezug zur Religion, bewunderte aber die kunstvollen Gotteshäuser. Es war beachtlich, was Menschen erschaffen konnten. Sie erreichte die Kirche, die geöffnet war. Am Eingang befand sich ein Spendenkästchen und sie konnte eine Kerze anzünden. Sie wollte eine für ihre Oma anbrennen. Sie fehlte ihr sehr. Oma Rosi erlitt einen Schlaganfall und wurde nun von ihrem Sohn, Bellas Onkel, gepflegt. Leider wohnte sie einige hundert Kilometer entfernt, sodass sie Oma Rosi nur selten besuchen konnte, was sie sehr schmerzte. Nachdem Bella die Kerze angezündet hatte, lief sie in die Kirche hinein. Es war leise in dem großen und überwältigenden Saal. Wenige Menschen saßen verteilt auf den Holzbänken und hielten Andacht. Bella war noch nie in dieser Kirche gewesen, es hieß, dass sie den Einwohnern von Delitzsch in schwierigen Zeiten Hoffnung gegeben hat. Die Menschen kratzten Staub von der Mauer der Kirche und aßen ihn, in der Hoffnung, dass Gott dann in ihnen war und sie beschützte.

Sie lief in Richtung Altar und schaute sich um. Sie konnte an den Wänden viele Figuren erkennen, doch keine trug ein Zeichen, das wie ein Alpha oder Omega aussah. Sie stand mit einigem Abstand vor dem Altar und sah zu Jesus, doch auch dort konnte sie nichts erkennen. Sie lief außen an der rechten Bankreihe entlang und schaute, ob an der Bank etwas zu finden war. Das Gleiche tat sie auf der linken Seite, es war nichts zu finden. »Mmh. Mir fehlt absolut der Anhaltspunkt.« Sie sah den Pfarrer und wollte ihn fragen, ob er hier in der Kirche schon mal ein Alpha- oder Omega-Zeichen gesehen hat. Sie ging zu ihm. »Hallo Pfarrer. Kann ich Sie etwas fragen?«

Er schaute zu ihr und antwortete: »Ja, gern. Was möchtest du wissen?«

Sie sah ihn an und fragte: »Haben Alpha und Omega eine Bedeutung in Bezug auf die Kirche oder den Glauben? Haben Sie solche Zeichen hier in der Kirche gesehen?«

Der Pfarrer schaute sie verwundert an. Mit solch einer Frage hatte er nicht gerechnet. »Mein liebes Kind, ich weiß, was Alpha und Omega bedeutet. Es ist die Vollkommenheit des Ganzen. Die dafür stehenden Zeichen gibt es allerdings in dieser Kirche nicht. Es tut mir leid.«

Sie dankte und entschuldigte sich für die Störung.

Er drehte sich um und wollte schon gehen, als er noch einmal stehenblieb. »Warten Sie. Aller Anfang eines Lebens ist der Tod. Wenn jemand stirbt, wird die Seele freigegeben. Diese findet sich in einem Neugeborenen wieder. Ich würde es mit Alpha und Omega gleichsetzen.«

Sie dachte nach und fand, dass seine Erklärung ganz schlüssig klang. »Was meinen Sie, welcher Ort passt dafür besser? Das Krankenhaus oder der Friedhof?«

Er schaute sie irritiert an. »Mädchen, warum möchtest du das alles wissen?«

Sie überlegte, ob sie ihm von dem Schlüssel und dem Kästchen erzählen sollte, doch sie dachte sich etwas aus. »Ich habe in Ethik eine Hausaufgabe bekommen und soll ein wenig über die Bedeutung von Alpha und Omega herausfinden.« Sie hoffte, er würde ihr glauben.

»Nun gut«, sagte er und überlegte. »Ich denke, dass es der Friedhof ist. Zuerst steht das Leben, dann der Tod.«

Sie dankte ihm, ihr Herz hüpfte vor Freude, dass sie einen neuen Hinweis bekommen hatte. Wenn sie länger darüber nachdachte, kam ihr der Friedhof logisch vor. Es ist ein Ort der Harmonie und Vollkommenheit. Doch ob es ein Ort war, der Hoffnung gab, bezweifelte sie. Zumindest konnte sie es sich nicht vorstellen. Bislang war sie auf keiner Beerdigung gewesen. Sie machte sich auf den Weg zum Friedhof. Er lag auf der anderen Seite der Stadt. Sie wusste, dass es auf dem Platz auch eine Kapelle gab, wo sich die Familien und Freunde von ihren Lieben verabschieden konnten. Sie hoffte, dass sie dort etwas finden würde. Sie blickte auf die Uhr, es war bereits 16 Uhr. Der Friedhof schloss im Winter um diese Zeit, da es schnell dunkel wurde. Nun gut, sie würde morgen früh direkt hinfahren. Sie würde das Fahrrad nehmen, da es von ihrer Wohnung ein ganzes Stück entfernt war. Sie machte sich auf den Heimweg. Das Abendessen wollte sie nicht verpassen, denn sie hatte schon großen Hunger. Ihr fehlte das Mittagessen.

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