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Verrat und Verführung

Helen Dickson

Verrat und Verführung

PROLOG

Am Ufer des breiten Flusses stieg der Reiter ab. Nachdem er sich umgesehen und niemanden entdeckt hatte, zog er seinen Soldatenrock aus. Der Tag war heiß, das Wasser unwiderstehlich. Dann setzte er sich auf einen Baumstumpf und streifte die Stiefel ab. Auch von seinem Hemd und der Kniehose befreite er sich. Alle Kleidungsstücke legte er auf den Boden. Auf dem Weg zum Wasserrand streckte er seine muskulösen Arme empor. Sein kräftig gebauter, wohlgeformter Körper schimmerte goldbraun unter den sengenden Sonnenstrahlen.

Sekunden später versank er im plätschernden Wasser und schwamm zur Mitte des Flusses.

Nur eine halbe Meile entfernt, ritt eine junge Frau auf einer kastanienbraunen Stute einen schmalen, gewundenen Pfad entlang. Zwischen hohen Buchen und Eichen wechselten Licht und Schatten auf ihrem langen blonden Haar. Kleine Tiere suchten im raschelnden Unterholz nach Futter, Eichhörnchen sprangen von einem Ast zum anderen. Am blauen Himmel flogen Vögel umher oder zwitscherten in den Bäumen. Vor der Reiterin erstreckte sich eine Wiese voller rosa-weißer Feuernelken, Margeriten und goldener Butterblumen, von einem Bach begrenzt.

Nackt tauchte der dunkelhaarige Mann aus dem Fluss auf, die Bronzehaut mit glitzernden Tropfen bedeckt.

Währenddessen ritt Christina Atherton im Schatten der Mauer dahin, die ihr Heim Oakbridge Hall umgab. Nun drosselte sie das Tempo. Leise stöhnte sie in der Hitze. Nur der Bach würde ihr Kühlung bieten, und so lenkte sie ihre Stute über die Wiese. Kurz vor dem Ufer stieg sie ab, streichelte den Pferdehals und drehte sich um. Liebevoll betrachtete sie das schöne, stattliche alte Herrschaftshaus. In diesem Moment wollte sie nicht an die Sorgen denken, die sie darin erwarten würden.

Mit anmutigen Schritten und leicht wiegenden Hüften näherte sie sich dem Wasserrand, setzte sich ins Gras und zog ihre Schuhe aus. Dann ließ sie ihren Blick umherschweifen, um sich zu vergewissern, dass sie allein war, bevor sie ihre Röcke ein wenig hob und die Strümpfe nach unten rollte und sie abstreifte. Erleichtert bewegte sie ihre Füße im kalten Wasser und störte die winzigen Elritzen, die unter der Oberfläche hin und her schwirrten.

In ihr Vergnügen versunken, bemerkte sie den Reiter nicht, der im Schatten der Bäume, nicht weit entfernt, anhielt und sie beobachtete. Als er sah, wie sie ihre Röcke raffte, als sie aus dem Bach stieg, sich am Ufer niederließ und die langen, schlanken Beine ausstreckte, um sie trocknen zu lassen, lächelte er.

Christina legte sich ins Gras, Farnwedel streichelten ihre Wangen. Vor vielfältigem Leben schien der Boden unter ihr zu summen und zu surren. Durch gesenkte Wimpern musterte sie einen glänzenden schwarzen Käfer, der hastig davonkrabbelte, bewunderte winzige blaue und weiße Blumen. Nach einer Weile setzte sie sich auf. Nur widerstrebend schlüpfte sie in ihre Strümpfe und Schuhe.

Reglos saß der Beobachter auf seinem Pferd. Von der Schönheit der jungen Frau gefesselt, konnte er seinen Blick nicht von ihr abwenden. Nach seiner langen Enthaltsamkeit empfand er wachsende sinnliche Gefühle. Ihr hellblondes Haar fiel in üppigen Wellen über die Schultern, von der Sonne vergoldet. Plötzlich war er versucht, die Wiese zu überqueren und mit allen Fingern durch diese Locken zu streichen. Sicher würden sie sich seidenweich anfühlen. Nur mit eiserner Willenskraft widerstand er diesem Impuls und begnügte sich mit dem bezaubernden Anblick.

Als Christina auf ihre Stute stieg, hörte sie lautes Gekläff, dem ein schmerzliches Winseln folgte. Ohne lange zu überlegen, ritt sie auf das Geräusch zu und kehrte ins kühlere Dunkel des Waldes zurück. Erstaunt sah sie einen kleinen weißen Hund von unbestimmbarer Rasse, in einem Dornengestrüpp verfangen.

Sie kannte das bedauernswerte Tier. Eilig schwang sie sich aus dem Sattel und lief zu dem Hund, um ihn zu befreien. Da knurrte er verängstigt, fletschte die Zähne und schreckte zurück.

„Toby – braver Hund. Du meine Güte, in welche Schwierigkeiten hast du dich gebracht?“ Sie neigte sich hinab und lächelte ihn an. „Sträub dich nicht so“, murmelte sie. „Wer ich bin, weißt du doch.“ Um ihn zu besänftigen, streckte sie eine Hand aus und atmete erleichtert auf, weil er ihre Stimme wiederkannte.

Sobald er merkte, dass er ihr vertrauen konnte, ging das Knurren in ein Wimmern über. Er kroch auf seinem Bauch zu ihr, soweit es die Dornen zuließen, und leckte ihre Fingerspitzen ab.

„Halt jetzt still, Toby. Gleich werde ich dich befreien. Rutsch nicht so herum! Damit machst du es mir und dir selber nur schwerer.“

Christina kniete nieder. Vorsichtig begann sie die Zweige aus dem Hundefell zu lösen und wünschte, sie würde ihre Reithandschuhe tragen, als die scharfen Dornen sich in ihre Hand bohrten. Blutstropfen fielen auf ihr Kleid. Hinter ihr erklangen schwere Schritte, und ihr Herz pochte schneller. Entschlossen zwang sie sich, den Mann zu ignorieren, den sie für den Besitzer des Hundes hielt. Aber sie konnte ihre Furcht nicht zügeln. Ganz allein mit ihm im Wald – ein beklemmender Gedanke …

„Oft genug habe ich Euch gesagt, Ihr sollt Euren Hund nicht überall herumlaufen lassen, wo es ihm gefällt“, warf sie ihm vor. Ihre schmerzenden Hände und ihr Mitgefühl für die gequälte Kreatur schärften ihre Stimme. „Auf der benachbarten Wiese weiden Schafe. Sollte Toby ihnen Angst einjagen, wird Farmer Leigh wahrscheinlich zu seiner Flinte greifen. Nehmt Euren Hund lieber an die Leine, wenn er Euch etwas bedeutet.“ Unfähig, dem armen im Dornengestrüpp verhedderten Tier zu helfen, kauerte sie sich auf ihre Fersen und seufzte bedrückt. Mit einem Handrücken wischte sie über ihre erhitzte Stirn und befleckte sie mit Blut. „Tut mir leid, ich kann ihn nicht von den Dornen befreien. Also müsst Ihr Euch selber um ihn kümmern.“

Jemand kauerte sich an ihrer Seite nieder. Unter einer engen Kniehose spannten sich harte Muskeln an. Erst als der Mann sprach, erkannte sie, dass er nicht der Besitzer des Hundes war.

„Überlasst das mir.“ Der Fremde holte ein Messer hervor. Geschickt und methodisch zerschnitt er die Zweige.

Toby war bald erlöst, wedelte mit seinem Stummelschwanz und leckte die Hand seines Retters ab, der ihn untersuchte. Abgesehen von ein paar oberflächlichen Kratzern war der Hund unverletzt.

Erst danach wandte sich der Mann zu der jungen Frau, die weder lächelte noch irgendetwas sagte. Mit Augen, die ein dunkles, mysteriöses Blau aufwiesen, schaute sie ihn an.

„So, das wäre erledigt“, erklärte er. „Wem immer das Tier gehört, sein Halter wird uns für unseren Beistand danken. Selber hätte es sich niemals in dieser schlimmen Lage helfen können. Zweifellos war es hinter Hasen her.“

Drei Eindrücke gewann Christina gleichzeitig – durchdringend blickende Augen in eigenartigem Silbergrau, eine tiefe, kultivierte, wohlklingende Stimme und die Hände, die Toby von den Stacheln befreit hatten. Sie verrieten die Stärke eines Mannes, den es nicht störte, sie zu beschmutzen, aber wiesen auch auf darauf hin, dass sie einem Gentleman gehörten. Diese Kombination sandte einen sonderbaren warmen Schauer über ihren Rücken. Auf die bebende Erregung, die sie erfasste, war sie völlig unvorbereitet. Dieses Gefühl ging von ihrer Brust aus, wo ihr Herz viel zu heftig klopfte, und breitete sich in ihrem ganzen Körper aus.

Unverwandt schaute er sie an. Dann neigte er den Kopf zu ihr. Von diesen betörenden Silberaugen gebannt, die näher und näher zu ihren eigenen gerieten, konnte sie sich nicht bewegen. Das wollte sie auch gar nicht. Außerdem fehlte ihr die Kraft dazu. Der Fremde faszinierte sie und raubte ihr förmlich den Atem.

Mit einer Hand umfasste er ihr Kinn, sein Mund berührte ihren. Ohne sich dessen bewusst zu werden, schmiegte sie ihre Lippen an seine. Der Kuss war sanft und zugleich bezwingend. Ringsum schien alles zu versinken, bis nurmehr sie und dieser Fremde existierten, in einem magischen Kreis verbunden, der die graue Wirklichkeit fernhielt.

Wie bedeutsam diese Begegnung war, ahnte sie. Offenbar stand sie auf der Schwelle einer großen Enthüllung, deren Sinn sie noch nicht verstand. Von überwältigenden Emotionen ergriffen, glaubte sie, ihr Herz würde anschwellen. Es kam ihr so vor, als würde sie in einen dunklen, tiefen Teich voller wirbelnder Wellen hinabgezogen, in die Turbulenzen einer Sehnsucht, die sie nie zuvor gekannt hatte und die dieser Fremde zu stillen vermochte.

Nun ließ er ihr Kinn los und rückte ein wenig von ihr ab. „Wie ich sehe, sollte ich öfter hierher reiten“, sagte er leise.

„Und ich hätte Euch nicht erlauben sollen, mich zu küssen.“

„Gewiss nicht“, bestätigte er lächelnd. „Aber ich hätte es gar nicht erst versuchen dürfen. Macht es Euch sehr viel aus?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht allzu viel.“

„Dann ist kein Schaden entstanden, der nicht wiedergutzumachen wäre.“

Unentwegt schauten sie einander an. Erst jetzt bemerkte Christina, dass sein dichtes dunkles Haar nass war, nach hinten gestrichen, was die ausgeprägten Wangenknochen betonte. In die breite Stirn hing eine feuchte Locke. Ein glatt rasiertes, markantes Kinn, eine gut geformte Nase und sinnliche Lippen vervollständigten den Charakter seines Gesichts, den sie nicht zu ergründen vermochte. Über den wachsam blickenden Augen zogen sich die Brauen ein wenig zusammen und verliehen ihm einen staunenden Ausdruck.

Er war ungewöhnlich attraktiv. Aber eine kämpferische maskuline Intensität in seinem kühnen Blick weckte ihr Unbehagen. Obwohl sie einander nur einige Sekunden lang anstarrten, schien der Moment eine Ewigkeit zu dauern, bevor sie die Lider senkte.

Schließlich standen sie auf. Zufrieden saß der Hund zu ihren Füßen. Jetzt bemerkte Christina die gut gebaute, kraftvolle, hochgewachsene Gestalt des Mannes, seine stolze Haltung. Ohne sein Interesse zu verhehlen, musterte er sie immer noch. Eigentlich müsste mir bange sein, dachte sie, allein im Wald mit einem völlig Fremden …

Aber sie empfand keinerlei Furcht, und das konnte sie sich nicht erklären. Trotz seiner Größe und seiner Arroganz erschien er ihr nicht bedrohlich. Wie sollte sie ihn einschätzen? Vielleicht besaß er ein kompliziertes Wesen, schwer zu fassen, und er würde das Herz der Frau brechen, die ihn liebte.

„Natürlich habt Ihr recht, Sir“, brach sie das Schweigen und lächelte unsicher. „Ohne Eure Hilfe würde Toby nach wie vor in diesem Dornengestrüpp festsitzen. Er ist ein bisschen zerkratzt, der arme kleine Kerl. Aber wäre er in die Falle eines Wilddiebs geraten, hätte es ihn viel schlimmer getroffen. Vielen Dank für Euren Beistand. Verzeiht mir, dass ich anfangs so unfreundlich mit Euch sprach. Ich hielt Euch für Tobys Besitzer.“

„Wenn Ihr ihn nächstes Mal trefft, werdet Ihr ihm ganz gehörig die Leviten lesen, nicht wahr? Kennt Ihr den Hundehalter gut?“

„Eh … ich … nein“, stammelte sie, verärgert über ihre Unsicherheit. „Nicht besonders gut.“

„Wenn Ihr mir verratet, wo er wohnt, bringe ich ihm den Hund.“ In ihren Augen flackerte etwas auf, das ihm wie Angst vorkam. So schnell, wie es erschienen war, verschwand es wieder. Aber es erregte seine Neugier. „Das würde mir keine Mühe machen.“

„Nein, danke“, entgegnete sie. Etwas zu schnell, fand er. Nur sekundenlang wich sie seinem Blick aus. „Darum kümmere ich mich selber.“

„Wie Ihr wollt.“

Während er ihr Gesicht betrachtete, fühlte er sich versucht, die zarten, makellosen, leicht geröteten Wangen zu liebkosen. Einfach vollkommen, ihre Züge … Weich und rosig, schön geschwungen und leicht geöffnet, forderten ihre Lippen ihn zu einem weiteren Kuss heraus. Die fein gezeichneten Brauen wölbten sich über diesen herrlich geheimnisvollen dunkelblauen Augen, die zwischen dichten schwarzen Wimpern leuchteten, offen und arglos – und trotzdem so unergründlich wie das Meer.

Ihre Schönheit entfachte ein Feuer in seiner Brust, genau dort, wo sich sein Herz befand, und das verblüffte ihn. Diese Emotion konnte er nicht beschreiben. Dafür fehlten ihm die Worte. In ihren Wangen verdunkelte sich die Röte. Spürte auch sie die Lockung einer starken Anziehungskraft, die der Kuss verursacht hatte?

„Wohnt Ihr weit von hier entfernt?“, fragte er, verwundert über sein Interesse. Warum sorgte er sich um eine Frau, die allein durch den Wald ritt? Wegen ihrer verletzlichen Weiblichkeit? Oder weil sie nicht im Mindesten um ihre Sicherheit zu fürchten schien? Woran immer es liegen mochte, es irritierte ihn, denn er hatte weder Zeit noch Geduld, sich wegen einer Person zu sorgen, die er gar nicht kannte. Aber sie faszinierte ihn und weckte den Wunsch, sie näher kennenzulernen.

„O nein, ganz in der Nähe.“

„Und wo genau ist das?“

Sein Lächeln beschleunigte ihren Puls erneut. „Wie gesagt, nicht weit …“

Unerwartet ergriff er ihre blutbefleckten Hände. Die Stirn gerunzelt, inspizierte er die Kratzer. „Wie ich sehe, habt Ihr den Zwischenfall nicht so gut überstanden wie der Hund. Reitet möglichst schnell heim und lasst Euch verarzten. Obwohl – ich glaube, Ihr könntet Euer Hände auch drüben im Bach waschen.“

Irgendetwas am Klang seiner Stimme beunruhigte Christina. Langsam entzog sie ihm ihre Hände. „So schlimm sind die Kratzer nicht. Bald werden sie heilen, aber … Oh! Vorhin habt Ihr mich beobachtet, nicht wahr? Als ich …“

„Ja, ich sah, wie Ihr Eure Füße ins Wasser getaucht habt, falls Ihr das meint.“ Seine funkelnden Augen schienen sie auszulachen, und er genoss ganz offensichtlich ihre Verwirrung. „Dabei fiel mir auf, was für hübsche Füße Ihr habt.“

Was für eine plumpe Vertraulichkeit, dachte Christina, zutiefst verlegen. Dass er sich Zeit genommen hatte, um sie zu beobachten – nein, um ihr nachzuspionieren, so musste man es bezeichnen –, wies sie auf seine mangelnden Manieren hin. „Und wie lange habt Ihr mich angestarrt?“

Nun, er hatte ihre Schönheit ausgiebig bewundert, und seine offenkundige Belustigung ließ sie wieder erröten. „Lange genug, um die bezaubernde Szene nicht zu vergessen. Übrigens, Ihr habt auch sehr ansehnliche Beine.“

„Oh!“ Entrüstet rang sie nach Luft. „Ihr hättet nicht hinschauen dürfen, Sir! Oder Ihr hättet Euch bemerkbar machen müssen. Dann wäre ich nicht in diese peinliche Situation geraten und hätte mich bedeckt.“

„Nun, ich wollte Euch nicht stören und mir diesen reizvollen Anblick nicht missgönnen. Andererseits, wenn ich es recht bedenke …“ Er kniff die Augen leicht zusammen. „Hätte ich geglaubt, Ihr würdet meine Anwesenheit begrüßen und mir vielleicht sogar erlauben, Euer Fußbad zu teilen, wäre ich zu Euch gegangen.“

„Und zum Lohn für Eure Frechheit in den Bach geworfen worden!“, konterte sie erbost. Unwillkürlich fühlte sie sich wie ein wehrloses Huhn, mit einem listigen Fuchs konfrontiert, der es zu verschlingen drohte. Unfassbar, wie dreist er sie behandelte! Jetzt verlor die Erinnerung an den Kuss alle Magie. Auch die Freundlichkeit, die er Toby erwiesen hatte, bedeutete nichts mehr.

„Das hätte ich riskiert, um festzustellen, dass ich eine sterbliche Schönheit betrachtet habe, keine überirdische Vision.“

„Das hätte Euch ein Tritt gegen das Schienbein genauso gut klargemacht“, fauchte Christina.

Er lachte leise. „Wäre mir früher bewusst gewesen, was für eine hinreißende Schönheit sich in meiner Nähe aufhielt, hätte ich Euch gebeten, mit mir im nahegelegenen Fluss zu baden. Das war an diesem heißen Nachmittag sehr erfrischend.“

„Ach, Ihr benehmt Euch wirklich schamlos“, fuhr sie ihn an. Verächtlich hob sie ihre von der Sonne leicht gebräunte Nase. „Und da Ihr zudem ein Fremder seid und ich eine Dame bin, dürft Ihr wohl kaum erwarten, ich würde Eure kühnen Avancen willkommen heißen.“

Provozierend legte er den Kopf schief. „So abweisend wart Ihr vorhin nicht.“

Diese Bemerkung überhörte sie geflissentlich. „Könntet Ihr mir endlich verraten, wer Ihr seid?“

„Ich heiße Simon. Bis vor Kurzem war ich Soldat.“

„Und jetzt?“

„Das habe ich noch nicht beschlossen“, erwiderte er und zuckte nonchalant die Achseln. „Außerdem wollt Ihr gar nicht hören, was ich mache.“

Christina zog eine schön geschwungene Braue hoch. „Warum will ich das nicht hören? Ich interessiere mich für alle Lebewesen, sogar für ehemalige Soldaten und Männer, die noch nicht wissen, was sie tun möchten.“ Mit ihrem frostigen Ton hoffte sie, ihn zu einer Antwort herauszufordern.

Eine Zeit lang schwieg er. Sie sah ihm an, dass er überlegte, ob er ihre Neugier befriedigen sollte. Schließlich entschied er sich dagegen. Damit enttäuschte er sie, was Christina sofort albern fand. Natürlich hatte er keinen Grund, ihr irgendetwas über sich selbst zu erzählen, und es ging sie auch gar nichts an.

„Was ich tue – oder vielleicht tun werde –, kann eine kultivierte junge Dame wohl kaum ernsthaft interessieren.“ Erneut funkelte jenes teuflische Amüsement in seinen Augen, trotzdem schenkte er ihr ein sanftes Lächeln. „Bitte, verzeiht mir meine Kühnheit. Ihr seid eine so entzückende Augenweide. Nur deshalb ließ ich mich hinreißen. Seid barmherzig.“

Langsam musterte er Christina von oben bis unten. Sein Blick erschien ihr beinahe wie eine Berührung. Trotz der Hitze des Tages erschauerte sie. Dann versuchte sie ihr Kinn möglichst würdevoll zu heben. In der Kopfhaltung dieses unverschämten Mannes erkannte sie eine gewisse Überheblichkeit, die ihr ebenso missfiel wie die zielstrebige Entschlossenheit, auf die sein markantes Kinn hindeutete. Und sie gewann den unangenehmen Eindruck, ihr Tadel würde den attraktiven Fremden keineswegs entmutigen, sondern zu neuen Frechheiten anspornen.

„Warum sollte ich Gnade vor Recht ergehen lassen?“, fragte sie kühl. „Leider muss ich befürchten, dass Ihr ein Leichtfuß seid.“

„Da würden Euch viele Leute zustimmen. Aber glaubt mir, wenn ich Euch versichere – eine so schöne und charmante junge Dame, wie Ihr es seid, ist mir noch nie begegnet.“

Verwirrt vom warmherzigen Klang seines Kompliments, fand sie keine passende Antwort. In ihrer Unschuld vermochte sie nicht festzustellen, ob er sie verspottete oder die Wahrheit sagte. Er glich keinem der Männer, die sie jemals gekannt hatte. Plötzlich wurde ihr der beengte Raum zwischen den Bäumen bewusst, die Nähe dieses Fremden und der Gefahr, die er womöglich darstellte. Vielleicht war er ein Dieb, ein Frauenschänder oder sogar ein Mörder. Teils von Vernunft, teils von wachsender Angst bewegt, wandte sie sich von ihm ab und ging zu ihrem Pferd.

Der Fremde schaute ihr erheitert nach und bewunderte den anmutigen Schwung ihrer Hüften, den stolz erhobenen Kopf. Also war die junge Frau eine Dame, zumindest bildete sie sich das ein.

Jedenfalls brauchte sie, was ihre Manieren betraf, eine Lektion. Und er war genau der Richtige, der sie ihr geben würde.

Mit schnellen Schritten folgte er ihr, legte ihr beide Hände um die schmale Taille und hob sie in den Damensattel, als wäre sie federleicht. Ihr stockte der Atem. Nachdem sie die Zügel ergriffen und die unruhige Stute unter Kontrolle gebracht hatte, rief sie Toby zu sich. Voller Verachtung schaute sie auf den Mann hinab. „Darf ich fragen, was Ihr hier macht? Der Wald ist Privatbesitz.“

Boshaft grinste er sie an. „In dieser Gegend halte ich mich zum ersten Mal auf, und ich versuche mich nur zurechtzufinden.“

„Dann schlage ich vor, Ihr finden Euch woanders zurecht. Hier seid Ihr nicht willkommen.“ Ohne ein weiteres Wort drückte sie ihre Ferse in die Flanke der Stute und ritt davon. Gehorsam rannte der Hund hinterher.

„Da wir ein so erfreuliches Zwischenspiel genossen haben“, rief der Fremde ihr nach, „würde ich es eigentlich verdienen, den Namen meiner verführerischen Gefährtin zu erfahren!“

Christina ignorierte ihn.

Aber sein spöttisches Gelächter gellte ihr noch immer in den Ohren, als sie Oakbridge erreichte.

Als Christina in den Stallhof ritt, eilte ihr Tom Bradshaw entgegen, um ihr zu helfen. Missbilligend starrte er den Hund an, der sie begleitete.

Ein Mann in mittleren Jahren, arbeitete Tom seit seiner Jugend für die Familie Atherton. Er war ein Mann weniger Worte, anständig und diskret, und Christina konnte sich stets auf ihn verlassen. Rückhaltlos vertraute sie ihm. Außerdem besaß er ein bemerkenswertes Geschick im Umgang mit Pferden. Ebenso wie ihrem älteren Bruder William hatte er ihr das Reiten beigebracht, sobald sie alt genug gewesen waren, um im Sattel zu sitzen.

Auf Oakbridge war Tom der einzige Bedienstete, der wusste, was hier vorging. Nämlich, dass der junge Master sich in eine äußerst schwierige Situation gebracht hatte, aus der er nicht so leicht herauskommen würde …

„Bitte, Tom, kümmere dich um den Hund.“ Christina stieg ab und übergab dem Oberreitknecht die Zügel. „Ich fand ihn im Wald, in einem Dornengestrüpp gefangen. Allzu schlimm ist er nicht verletzt. Aber vielleicht solltest du ihn ein bisschen sauber machen, bevor du ihn zu seinem Besitzer bringst.“ Sarkastisch verzog sie die Lippen. „Wo du den findest, weißt du sicher. Um diese Stunde liegt er vermutlich noch im Bett.“

Dann ging sie ins Haus, fest entschlossen, den Fremden zu vergessen. Inständig hoffte sie, ein Wiedersehen mit diesem zugleich so faszinierenden wie unausstehlichen Menschen würde ihr erspart bleiben. Und doch … Das stimmt nicht ganz, gestand sie sich bei der Erinnerung an den zärtlichen Kuss ein, beim Gedanken an die Sanftmut, die seine Augen wie silbergrauen Samt schimmern ließ. Jener Moment war ihre erste Begegnung mit der machtvollen Anziehungskraft zwischen Mann und Frau gewesen – mit einer Sehnsucht, die den Körper zu entflammen und alle zusammenhängenden Gedanken zu verscheuchen schien.

1. KAPITEL

Im Jahr 1708, unter Königin Annes Regentschaft, sorgten Verschwörungen und Gerüchte für politische Unruhen. Die Jakobiten – die Anhänger des 1688 nach Frankreich vertriebenen katholischen Stuartkönigs Jakob II – kämpften im Untergrund gegen die nationalen englischen Interessen, um seine protestantische Tochter Anna zu entmachten und seinem Sohn aus zweiter Ehe, dem Katholiken Jakob Eduard, die Thronbesteigung zu ermöglichen. Dafür mussten sie Waffen und die Rekrutierung von Soldaten finanzieren. Einige großzügige englische Katholiken schickten Geld nach Frankreich, an den jungen Jakob Eduard; andere Katholiken, nicht so prinzipientreu und oftmals skrupellos, nutzten hinterhältige, sogar mörderische Mittel, um der jakobitischen Sache zum Sieg zu verhelfen.

Christina Atherton, die zu einer Abendgesellschaft auf Oakbridge Hall geladen hatte, lag nichts ferner als irgendwelche Gedanken an die Jakobiten oder die Aufstände. In der Galerie neben dem Festsaal würden Musiker zum Tanz aufspielen, ein reichhaltiges Buffet und Kartenpartien waren vorgesehen, schließlich ein Feuerwerk auf dem ausgedehnten Anwesen. In einer halben Stunde sollten die Gäste eintreffen. Gewissenhaft überprüfte sie die letzten Vorbereitungen.

Während sie in der Eingangshalle stand und frische Blumen in einer großen Vase arrangierte, erklang eine Männerstimme, und sie drehte sich zu ihrem Bruder um.

„Wo zum Teufel steckst du, Christina?“

„Hier, William. Bereit, unsere Gäste zu empfangen.“

Erst jetzt sah er sie vor dem Blumenstrauß stehen. Eine Gloriole aus goldblonden Locken umrahmte ihr herzförmiges Gesicht und verlieh ihr eine ätherische Aura, die ihr zartblaues Kleid noch betonte.

„Nie bist du da, wenn ich dich brauche!“, klagte er gereizt und zupfte an seinem Spitzenjabot.

„Allzu weit bin ich niemals entfernt, wie du sehr wohl weißt. Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“

Mit großen Augen starrte er sie an, als würde ihn die Frage maßlos überraschen. „Natürlich nicht! Gar nichts ist in Ordnung.“

Allein schon der Unterton in seiner Stimme warnte sie vor ernsthaften Schwierigkeiten. Und seine gerunzelte Stirn bestätigte die böse Ahnung. Seufzend ging sie zu ihm und rückte sein Jabot zurecht. „Was beunruhigt dich denn? Die Musiker sind angekommen, die Tische gedeckt, das Buffet ist angerichtet, das Feuerwerk …“

„Zur Hölle mit dem Feuerwerk!“, stieß William in wildem Zorn hervor. „Das meine ich nicht.“

„Was ist denn geschehen?“, fragte sie erschrocken.

Nun schämte er sich für seinen Temperamentsausbruch. „Verzeih mir, Christina. Ich befinde mich in einer grauenhaften Lage. Verdammt will ich sein, wenn ich wüsste, was ich dagegen unternehmen soll.“

„Du hast doch nicht wieder gespielt – und verloren? O William, hoffentlich nicht!“

„Nein, es ist noch schlimmer.“

„Erzähl es mir!“

„Heute Abend erwarten wir einen zusätzlichen Gast, Lord Rockley. Und was noch furchtbarer ist – er wird hier übernachten.“

„Lord Rockley? Ich glaube, von diesem Mann habe ich noch nie gehört. Wer ist er?“

„Ein Unruhestifter von der grässlichsten Sorte, Christina.“ Stöhnend strich er sein Haar aus der Stirn. „Warum muss er ausgerechnet heute auftauchen? Wo gerade alles so gut ging …“

„Wenn er dich dermaßen stört – wieso hast du ihn eingeladen?“

„Eingeladen?“ William musterte seine Schwester prüfend, als zweifelte er an ihrem Verstand. „Das tat ich keineswegs, er lud sich selber ein. Ich war in Middleton Lodge, um mir den Hengst anzuschauen, den Sir Gilbert Rosing neulich gekauft hat. Da kreuzte Rockley auf, und Gilbert erwähnte, er würde uns heute Abend besuchen. In ruhiger, entwaffnender Art teilte Rockley mir mit, er sei eben erst in unserer Gegend angekommen. Wegen der immer häufigeren Überfälle auf Reisende, die dem Lord Lieutenant große Sorgen bereite, sei er hierher geschickt worden, mit dem Auftrag, gegen die Aktivitäten der Straßenräuber vorzugehen. Und wo könne er den ortsansässigen Landadel besser kennenlernen als bei einer Zusammenkunft in Oakbridge Hall? Falls es mir nichts ausmache, wenn er meine Gastfreundschaft beanspruchen würde …“

Bestürzt hielt Christina den Atem an. „Oh! Was hast du geantwortet?“

„Was konnte ich schon sagen? Ich beteuerte, selbstverständlich würde ich mich geehrt fühlen und ihm nur zu gern eine Gästesuite zur Verfügung stellen. Da er bei seinem Bruder wohnt, dessen Haus fünf Meilen entfernt liegt, kann er so spät in der Nacht nicht zurückkehren.“

Mühsam versuchte Christina, ihre Angst zu bekämpfen und Ruhe zu bewahren. „Aber – das sind schreckliche Neuigkeiten. Meinst du, er hegt einen Verdacht? Ahnt er, was in Oakbridge vorgeht?“

„Nein, das glaube ich nicht. Wenigstens hoffe ich darauf. Was er denkt oder was er herausfinden will, weiß ich nicht.“ Unglücklich schüttelte William den Kopf. „Bei all diesen arglistigen Machenschaften stelle ich mich ziemlich ungeschickt an.“

„Darüber freue ich mich beinahe …“

„Dauernd habe ich das Gefühl, das schlechte Gewissen steht mir ins Gesicht geschrieben.“

„Das stimmt nicht, du musst nur versuchen, ruhig zu bleiben“, entgegnete Christina in besänftigendem Ton. „Wie ist er denn, dieser Lord Rockley?“

„Sehr kühl und gelassen. Früher war er beim Militär, in ranghoher Position. Und jetzt eilt ihm der Ruf voraus, er könnte sogar die tapfersten Herzen mit Angst und Schrecken erfüllen.“

„Sogar Mark Buckleys Herz?“, fragte sie leise und wünschte inbrünstig, es wäre so.

„Nun, das müssen wir abwarten. Bei seinen Feinden gilt er als einer der meistgehassten, meistgefürchteten Kommandanten, die jemals unter dem Duke of Marlborough dienten, dem Oberbefehlshaber des englischen Heeres. Sie halten Rockley für ein Monstrum, einen Barbaren, für den Teufel höchstpersönlich – noch gefährlicher, denn der Satan ist eine Geistergestalt. Und dieser Mann besteht aus Fleisch und Blut.“

Plötzlich herrschte in der Atmosphäre eine fast greifbare, beklemmende Ahnung von Gewalt und Tod. Von wachsendem Entsetzen ergriffen, starrte Christina ihren Bruder an. Dann sagte sie sich, kein Mensch könne so abgrundtief böse sein. Sie hoffte, was William ihr mitgeteilt hatte, würde nur auf übertriebenen Gerüchten beruhen, von Lord Rockleys Gegnern in Umlauf gesetzt. Als wollten sie ein Zeichen setzen, glitten in diesem Moment dunkle Wolken über das Haus hinweg und verdüsterten den Raum. Christina erschauerte.

Spürte sogar die Natur den Einfluss des Grauens, das soeben erwähnt worden war?

„O Gott, was du mir über Lord Rockley erzählt hast, klingt wirklich beunruhigend“, seufzte sie. „Und dieser Mann soll in Oakbridge übernachten?“

William nickte. „Während er mit mir sprach, schaute er mir direkt in die Augen. Das erschien mir wie eine Herausforderung. Vielleicht wollte er feststellen, wie er auf mich wirkt. Solchen Männern sollte man wohlüberlegt begegnen, nicht mit jugendlichem Wagemut. Natürlich musste ich ihm zustimmen und betonen, es sei höchste Zeit, dass man den Verbrechern, die unschuldige Reisende überfallen, das Handwerk legt. Endlich würde man sie der gerechten Strafe zuführen.“

„Aber – ausgerechnet heute Nacht! Was werden wir tun? Mark Buckley hat alles geplant. Wenn Lord Rockley ihm in die Quere kommt …“

„Nein, das wird er nicht tun!“, fiel William ihr aufgebracht ins Wort. Rastlos wanderte er in dem schmalen Raum zwischen Christina und der Blumenvase hin und her. „Irgendwie müssen wir ihn daran hindern, Verdacht zu schöpfen.“

„Oh, ich wünschte, wir könnten den Ball absagen und die Leute benachrichtigen, damit sie nicht hierherkommen!“

„Dafür ist es zu spät. Außerdem würde Mark das nicht gestatten. Du kennst die Regeln“, fügte William in bitterer Ironie hinzu. Nicht zum ersten Mal verfluchte er den Tag, an dem er Mark Buckley kennengelernt hatte und in dessen Klauen geraten war. „Heute Abend wird sich der Landadel in Oakbridge amüsieren. Aus den Fenstern dringt helles Licht, die Getränke fließen in Strömen – reichlich genug, um die Sinne der Gäste bis zur Heimfahrt zu betäuben. Tun wir, was Mark sagt. Dann wird alles gut. Beim Himmel, Christina, wenn du etwas ausplauderst, wird er uns beide vernichten.“

Um das Zittern ihrer Hände zu verbergen, schlang sie die Finger fest ineinander. „Das verstehe ich, William. Noch nie im Leben habe ich getratscht. Für mich spielt es keine Rolle, was Mark Buckley macht oder in welcher Gesellschaft er sich herumtreibt. Was immer er beschließt, ich befolge seine Befehle, und er wird keinen Grund zur Klage haben. Aber wenn er dich auf irgendeine Weise verletzt, hole ich einen Richter hierher und hetze dem elenden Kerl das Gesetz auf den Hals. Dann soll er nur versuchen, mich zu vernichten!“

Mit dieser leidenschaftlichen Drohung entlockte Christina ihrem Bruder ein grimmiges Lächeln. „Was für eine imposante Ansprache, meine Liebe! Wenn man dich kratzt, zeigst du deine Krallen. Aber Mark ist schlauer als das Gesetz, das wissen wir beide. Und die eingeschüchterten Konstabler wagen es nicht, ihre Nasen in seine Angelegenheiten zu stecken.“

Dem konnte sie nicht widersprechen. Stets hatte sie sich in der ruhigen, komfortablen Existenz glücklich und zufrieden gefühlt, in die sie hineingeboren worden war – bis zu Williams Begegnung mit Mark Buckley. Da hatten sich die Räder des Schicksals in Bewegung gesetzt, sie aus ihrer angenehmen, vertrauten Welt gerissen und in eine ungewisse Zukunft katapultiert, in der Furchterregendes lauerte.

Sie kannte keinen Mann, der ihr größere Angst einjagte als Mark Buckley. In seiner Bruderschaft gab es viele Leute, die vor ihm katzbuckelten oder ihn gar fürchteten. Mit eiserner Hand regierte er die Diebesbande. Die Versammlungen der Gruppe fanden in einem Labyrinth aus alten Tunnels unterhalb von Oakbridge Hall statt.

Am Ausgang eines dieser Gänge lag der Raum, den der Befehlshaber benutzte, ein perfekter Schlupfwinkel – für seine Organisation so günstig gelegen, dass alle Mitglieder und er selbst nach Belieben kommen und gehen konnten. Oakbridge befand sich im Zentrum seiner Domäne, in einem Gebiet, das die Konstabler mieden. Hier in der Gegend kannte Mark jede Straße und jeden Pfad, alle Häuser, alle Verstecke, alle Fluchtwege. Die Schurken, die für ihn arbeiteten, schuldeten ihm beträchtliche Anteile an ihrer Beute. Wer es wagte, das Diebesgut an einen anderen Ort zu befördern, wurde vom Fluss hinweggespült, noch bevor der Tag zu Ende ging.

Nur abgebrühte, hart gesottene Halunken begehrten gegen Mark Buckley auf. Und so tapfer der junge Herr von Oakbridge sich auch verhalten wollte – er gehörte nicht dazu. Der Anführer hatte erklärt, wenn William sich seinen Wünschen widersetzte, würde er sterben.

Gewiss war das keine leere Drohung. William wusste es. Mit gutem Grund bangte er nicht nur um sein eigenes Leben. Auch seine Schwester schwebte in tödlicher Gefahr.

Schon seit langer Zeit gab Christina sich keinen Illusionen über ihren Bruder hin. Immer wieder verbannte sie alle bedrückenden Fantasiegebilde, die eventuelle Konsequenzen seiner verhängnisvollen Beziehung zu Buckley betrafen, aus ihren Gedanken. Sonst würde sie vor lauter Sorge in ein frühes Grab sinken. So innig sie ihn auch liebte – dass er zur Faulheit und Leichtfertigkeit neigte, konnte sie nicht übersehen.

Der Vater hatte ihn auf das Balliol College an der Oxford University geschickt. Dort sollte William Rechtswissenschaften studieren.

Während er sich in der Universitätsstadt aufhielt, starb der Vater und hinterließ einen gut situierten jungen Erben. Im Vollgefühl seiner neuen bedeutsamen Position brach William das Studium ab, um die zweifelhaften Vergnügungen zu suchen, die London zu bieten hatte. Bald geriet er in einen Freundeskreis, der ihn zu übermütigen Eskapaden und wilden Ausschweifungen verleitete. Hellauf begeistert von seinem Geld, führten ihn seine neuen Kumpane in elitäre Privatklubs ein, wo man um enorme Einsätze spielte. Dieser schwindelerregenden Lockung vermochte er nicht zu widerstehen. Niemand wirkte mäßigend auf ihn ein, leichtfertig genoss er sein zügelloses Leben.

Zwei Jahre später hatte er sein ganzes Vermögen vergeudet – und in dieser unglückseligen Zeit Mark Buckleys Bekanntschaft gemacht. Betört von Verheißungen fabelhaften Reichtums, nahm William das Geld an, das der Mann ihm offerierte, bezahlte seine hartnäckigsten Gläubiger und versprach die Summe zurückzuzahlen, wenn es die Umstände gestatteten. In der festen Überzeugung, er befände sich bereits auf dem Weg nach Eldorado, fiel er auf die berauschenden Prophezeiungen herein, die von der seidigen Zunge des Gauners tropften. Frohen Mutes sah er sich als Herrn seines eigenen Schicksals und glaubte, er würde alles erringen, wovon er träumte.

Wie gewaltig hatte er sich getäuscht …

„So kann es nicht bis in alle Ewigkeit weitergehen“, meinte Christina. „Natürlich schätzt Buckley den gesellschaftlichen Umgang mit wohlhabenden Leuten. Und es gefällt ihm, Geld einzuheimsen, ohne sich selber darum zu bemühen. Aber das wird ihm nichts nützen, wenn er erwischt wird.“

„Ich glaube, an der gesellschaftlichen Anerkennung liegt ihm nichts. Keine Ahnung, was er mit dem Geld macht, das er durch die Raubzüge einnimmt … Nur eins steht fest, für mich fällt nichts davon ab.“ Verbittert schüttelte William den Kopf. „Im Grunde weiß ich so gut wie nichts über Mark. Nur eins habe ich herausgefunden: Wenn er sich nicht in London aufhält, scheint er seine Geschäfte in einem Gasthof zu erledigen.“

„Wie hast du das erfahren?“

„Nun, ich halte Augen und Ohren offen. Er trifft sich mit irgendwelchen Männern im Black Swan, drüben in Wakeham. Da geht es sehr geheimnisvoll zu. Nach diesen Versammlungen entfernen sich alle in verschiedene Richtungen.“

Neugierig runzelte Christina die Stirn. In welche unlauteren Machenschaften mochte Buckley, abgesehen vom Straßenraub, sonst noch verstrickt sein? „Was immer er treibt, hoffentlich hältst du dich da heraus. Du steckst schon tief genug in Schwierigkeiten. Oh, ich wünschte, du wärst diesem Schurken niemals über den Weg gelaufen! Wie viele Menschen er ermordet hat, will ich gar nicht wissen. Aber warum er an dich herantrat, errate ich mühelos. Er ist raffiniert und tückisch. Deshalb richtete er sein Augenmerk auf Oakbridge Hall, ein Haus in einer abgeschiedenen Gegend, voller geheimer Schlupfwinkel. Einen besseren Ort für die Organisation seiner Verbrechen konnte er gar nicht finden. Und mit deiner leeren Geldbörse hast du ihm eine großartige Gelegenheit geboten.“

Qualvolle Verlegenheit trieb William das Blut in die Wangen. „Das weiß ich. Oft genug habe ich dir versichert, wie leid es mir tut.“

„Auch mir tut es leid, so schrecklich leid.“ Christinas Herz flog ihm entgegen. Im Grunde war er kein schlechter Mensch, nur schwach und rückgratlos. „Aber ich finde es besser, in Armut zu leben als in dieser beklemmenden Situation.“

„Was kann ich denn tun? Für mich gibt es kein Entrinnen – obwohl ich in all den Monaten, seit er mir Geld für die Begleichung meiner Schulden vorstreckte, keinen einzigen Penny sah.“

„Darüber bin ich froh. Sonst wärst auch du ein Verbrecher. Nur er allein zieht seinen Vorteil aus diesem Arrangement, so wie er es geplant hat. Und ich muss mich daran beteiligen, das schmerzt mich in tiefster Seele. Ich hasse es, William. Was wir tun, verabscheue ich – die Angst, die ständige Sorge. Und heute Abend müssen wir diesen Ball geben, weil Buckley uns dazu zwingt. Tausend Tode werde ich sterben, sollten die Missetaten seiner Spießgesellen, wenn sie unsere Gäste bei ihrer Heimfahrt überfallen, hierher zurückverfolgt werden.“

„Solange wir schweigen, sind wir in Sicherheit. Immerhin genießen wir auf Oakbridge einen gewissen Komfort. Würdest du den Schmutz einer Gefängniszelle vorziehen, während du auf die Schlinge des Henkers oder die Abschiebung in ein fernes Land wartest?“

Was für grausame Worte … In ihren Augen brannten Tränen. Hastig wandte sie sich ab. „Bitte, sprich nicht so! Wenn du meine Angst noch schürst, werde ich verzweifeln. Unentwegt stelle ich mir vor, wie hilflos wir Buckley ausgeliefert sind. Eine falsche Bewegung oder Bemerkung, die dir oder mir unterlaufen könnte – und er wird nicht zögern, uns zu töten.“

„Das weiß ich“, gab William zerknirscht zu. In sanfterem Ton fuhr er fort: „Und deshalb müssen wir tun, was er sagt. In diesen vier Wänden bist du sicher, Christina.“

„So sehnlich wünsche ich mir inneren Frieden, ein Leben ohne Mark Buckley. Als du auf seine Forderungen eingegangen bist, habe ich dich gewarnt. Ich bat dich, gründlich zu bedenken, was du anstrebst. Vielleicht würdest du es bekommen – aber zu einem sehr hohen Preis. Deine Beziehung zu diesem Mann könnte uns eine ganze Menge kosten.“ Eindringlich schaute sie in ihren Bruder an. „Meinst du, Mr Kershaw wird deine Heirat mit Miranda immer noch so freudig befürworten, wenn er herausfindet, mit wem du dich eingelassen hast?“

Aus Williams Gesicht wich alle Farbe. Die Verlobung mit Miranda war das einzige Glück, das ihm in den letzten Monaten widerfahren war, und er hoffte auf eine baldige Hochzeit. So schön und sanftmütig war sie, und er liebte sie von ganzem Herzen. Ihr Vater hatte ihn als künftigen Schwiegersohn willkommen geheißen. Doch er würde seine Einwilligung zur Eheschließung sofort zurücknehmen, wenn sich herausstellte, dass nichtswürdiges Diebesgesindel das Haus Oakbridge als Stützpunkt benutzte, mit der Erlaubnis des Besitzers.

Vor einer Weile war Mr Kershaw mit seiner Tochter nach London gefahren, um Verwandte zu besuchen. Bald wurden sie auf ihrem Landsitz in Cirencester zurückerwartet. Auf der Heimreise wollten sie in Oakbridge Station machen.

„Gewiss, ich kenne die Situation, Christina“, erwiderte William ungehalten. Dass sie dieses Thema immer wieder anschnitt, erzürnte ihn. „Musst du denn alles zu einer Tragödie aufbauschen? Ich kann nur inständig hoffen, der Squire wird nichts merken.“

„Dir zuliebe hoffe ich das auch. Wenn Buckley sich bereichert, indem er leichtgläubige Leute überlistet, dann ist das seine Sache. Aber falls etwas schiefgeht, wirst du den Preis dafür zahlen, nicht er. Wie man so schön sagt – der Teufel sorgt für die Seinen. Und den stelle ich mir kaum schlimmer vor als Buckley. Ich kenne ihn gut genug, um ihn zu verabscheuen – ebenso, wie ich diesen Lord Rockley verachte, der sich selber nach Oakbridge eingeladen hat und mir Angst einjagt.“

Beklommen malte sie sich aus, wie Seine Lordschaft aussehen mochte. In ihrer Fantasie erschien ein hässliches Gesicht mit einer Hakennase, eng zusammenstehenden Augen und gelben Zähnen. Einen solchen Mann würde es kaum kümmern, was er seinen Gegnern – und meiner Seele antut, dachte sie.

Wie konnte er es wagen, die Gastfreundschaft ihres Bruders so dreist zu verlangen? Am liebsten würde sie seine Selbstgefälligkeit mit einer scharfzüngigen Lektion niederschmettern. Dann würde er sich sicher nicht mehr in dieses Haus wagen.

„Was immer geschehen mag, wir müssen klug und besonnen vorgehen“, erwiderte William. „Was die Ereignisse in Oakbridge betrifft, darf er nicht den leisesten Verdacht hegen. Mark wird sich wohl kaum die Gelegenheit entgehen lassen, Diebesgut im Wert von mehreren Tausend Pfund zu erbeuten. Aber wir müssen ihn auf die Gefahr, die Lord Rockley darstellt, hinweisen. Wenn die Gäste angekommen sind, wirst du davonschleichen und ihn warnen. Du findest ihn am üblichen Ort. Dort plant er die Überfälle in dieser Nacht. Wenn er Bescheid weiß, liegt alles Weitere bei ihm.“

„Aber …“ Christina wurde blass. „Wie sehr ich mich in diesem Tunnel fürchte, habe ich oft genug erwähnt. Bitte, William, ich kann unmöglich …“

„Doch, du kannst es“, unterbrach er sie ärgerlich. „Das musst du tun. Wenn du während des Feuerwerks verschwindest, wird deine Abwesenheit niemandem auffallen.“

Einige Sekunden lang zögerte sie noch, dann hob sie entschlossen das Kinn. „Also gut“, stimmte sie in fast aufsässigem Ton zu. „Aber hoffentlich ist dir klar, wie elend ich mich fühle, wenn ich Buckley und seiner Schurkenbande gegenübertreten muss.“

Auf diesen Vorwurf ging William nicht ein. „Und lass Gemächer für unseren unwillkommen Gast herrichten. Wahrscheinlich wird ihn sein Kammerdiener begleiten. Am besten eignet sich die Blaue Suite im Westflügel, die liegt weit genug vom Eingang entfernt, den Mark benutzen würde, falls er später hierher zurückkommen muss. Wenn wir Glück haben, wird Rockley morgen nach dem Frühstück ahnungslos abreisen. Und sollte er uns verdächtigen, müssen wir dafür sorgen, dass er nichts Genaues herausfindet. Hoffentlich wird er verschwinden, und wir sehen ihn nie wieder.“

Von William allein gelassen, dachte Christina an den Abend, der sich so bedrohlich vor ihr erstreckte. Sie versuchte sich auf die Begegnung mit Lord Rockley vorzubereiten. Von wachsender Angst erfüllt, spürte sie, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte. Ihr Bruder hatte erwähnt, der Mann sei klug. Wie klug? Prüfend spähte sie in den Spiegel über ihrem Toilettentisch. Würden ihre Augen und ihre Miene irgendetwas verraten, das ihren Bruder und sie selbst ins Verderben stürzen mochte?

Sie erblickt ein attraktives Gesicht mit fein gezeichneten Zügen und ausdrucksvollen Augen. Sie musste an den Fremden im Wald denken. Hastig riss sie sich zusammen. Jetzt ging es um das schiere Überleben, nicht um mädchenhafte Fantasien und Sehnsüchte. Weil ihr nichts anderes übrig blieb, plante sie ihr Täuschungsmanöver mit eiserner Willenskraft. Entschlossen verdrängte sie alle Gedanken an einen Moment, wo dieselben Züge einen Mann veranlassen mochten, alle seine anderen Ziele zu vergessen, nur noch einen einzigen Wunsch zu empfinden – diese Frau zu erobern.

Langsam fuhren die Kutschen die kurze Zufahrt zwischen den Pappeln hinauf, eine nach der anderen. Vom Erdgeschoss bis zum Dach hell erleuchtet, erhellte fröhlich flackerndes Kerzenlicht die Dunkelheit.

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