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Verräterisches Verlangen

PROLOG

„Ein bezauberndes Kind.“ Drakon Xenakis stand am Fenster und sah dem kleinen Mädchen zu, das im Garten der Villa seines Enkelsohnes spielte. „Sie erinnert mich an jemanden, ich weiß nur nicht, an wen.“

Weder Aristandros’ markantes Gesicht noch seine dunklen Augen verrieten etwas. Er hatte die Ähnlichkeit auf den ersten Blick zuordnen können. Dieses helle, fast silberne Haar, die himmelblauen Augen und der rosige volle Mund waren so typisch, dass man es nicht übersehen konnte. Ja, das Schicksal hatte ihm da eine mächtige Waffe in die Hände gespielt, und er hatte nicht die geringsten Skrupel, sie auch einzusetzen, um zu bekommen, was er wollte.

Von seinem Gewissen ließ Aristandros sich keine schlaflosen Nächte bereiten. Niederlagen oder Trostpreise waren nun einmal nicht akzeptabel. Ohne Zweifel würde er triumphieren. Wer gewinnen wollte, musste auch meist die Regeln umgehen.

„Ein kleines Mädchen braucht seine Mutter“, fuhr Drakon fort. Trotz seiner zweiundachtzig Jahre war er noch immer eine imposante Erscheinung. „Du jedoch hast dich spezialisiert auf …“

„Schönheiten und Models“, warf Aristandros ein, bevor sein Großvater einen sehr viel abwertenderen Ausdruck für die Frauen nutzte, die ihn in seinem Schlafzimmer unterhielten. „Timon hat seine Tochter in meine Obhut gegeben, damit ich sie aufziehe, und ich habe die feste Absicht, mich dieser Herausforderung zu stellen.“

„Timon war dein Cousin und Spielkamerad aus Kindertagen, nicht dein Bruder“, bemerkte Drakon besorgt. „Bist du willens, die Partys und die endlose Folge schöner Frauen für ein Kind aufzugeben, das nicht dein eigenes ist?“

„Ich habe fähiges und absolut zuverlässiges Personal. Ich denke nicht, dass Calliope mein Leben nachhaltig verändern wird.“ Aristandros hatte noch nie etwas für jemanden aufgegeben, er konnte sich auch nicht vorstellen, dass er es jemals tun würde. Doch auch wenn er nicht einer Meinung mit seinem Großvater war, so respektierte er dessen Ansichten und Rat.

Nur wenige Männer hatten das Recht, so offen mit Aristandros zu sprechen wie Drakon Xenakis, vor allem, wenn es um die Verantwortung gegenüber der Familie ging. Schon seit Langem bedeutete dieser Familienname praktisch ein Synonym für Disharmonie und explosive Eklats. Drakon gab sich allein die Schuld, dass seine Kinder ihr Leben mit ihren Blitzheiraten, Affären und Drogenskandalen ruiniert hatten. Aristandros’ Vater war der Schlimmste von allen gewesen, und die Mutter, die Erbin einer ebenfalls wohlhabenden Reederfamilie, hatte ihrem Ehemann hinsichtlich Labilität und Leichtfertigkeit in nichts nachgestanden.

„Du unterschätzt die Verantwortung, die du da übernimmst. Ein Kind, das beide Eltern verloren hat, benötigt besondere Fürsorge. Du bist ein Workaholic, genau wie ich es war. Wir sind großartig darin, Geld zu machen, aber wir sind keine guten Väter“, stellte Drakon klar. „Du brauchst eine Ehefrau, die zudem bereit ist, Callie eine Mutter zu sein.“

„Eine Heirat ist nicht unbedingt mein Stil“, erwiderte Aristandros nüchtern.

„Der Vor fall, an den du jetzt denkst, passierte, als du fünfundzwanzig warst.“ Drakon konnte mitverfolgen, wie sich die Miene seines Enkels bei der wenig taktvollen Erinnerung verschloss.

„Das war nichts als eine kurzfristige Verwirrung, von der ich mich sehr bald erholt hatte“, behauptete Aristandros mit einem gleichgültigen Achselzucken.

Dennoch überrollte ihn die vertraute Welle des bitteren Zornes. Ella. Er musste nur an ihren Namen denken, und schon loderte diese Wut in ihm auf. Vor sieben Jahren hatte er Rache gegenüber der Frau geschworen, die er damals gewollt hatte und noch immer nicht vergessen konnte. Rache für das, was sie ihm angetan hatte. Die Verlobung, zu der es nie gekommen war … Eine absolut undenkbare Zurückweisung. Aber hatte Ella ihm nicht eigentlich sogar einen Gefallen getan? Die Enttäuschung und das Gefühl von Erniedrigung hatten Ari gelehrt, nie wieder seine Wachsamkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht aufzugeben. Er hatte sich darauf konzentriert, die Früchte seines sagenhaften Reichtums zu genießen, und war ständig erfolgreicher, unnachgiebiger und ehrgeiziger geworden.

Sein kometenhafter Aufstieg hatte ihn zu einem Mann gemacht, der in der Geschäftswelt gefürchtet und beneidet wurde. Die Offenheit seines Großvaters war eine Erfahrung, die Ari nur selten machte. Niemand wagte es, sich ihm entgegenzustellen. Auch Ella würde schon bald ihre noblen Prinzipien aufgeben und nach seiner Pfeife tanzen müssen. Er freute sich bereits darauf. Er fieberte dem Moment entgegen, wenn ihr klar wurde, dass er hatte, was sie am meisten wollte.

Die Rache würde süßer schmecken als himmlische Ambrosia.

1. KAPITEL

Ella saß reglos wie eine Statue in der modernen Wartezone.

Mit ihren Gedanken beschäftigt, bemerkte sie die bewundernden Blicke nicht, mit denen die Männer sie bedachten, wenn sie an ihr vorbeiliefen. Nun, sie hatte inzwischen längst gelernt, das unwillkommene männliche Interesse, das ihr Äußeres erweckte, zu ignorieren. Ihr silberblondes Haar, das strahlende Blau ihrer Augen und ihre Figur zogen unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich.

„Dr. Smithson?“ Die Sekretärin sah zu ihr herüber. „Sie können jetzt zu Mr. Barnes hineingehen.“

Ella erhob sich. Hinter ihrer äußeren Ruhe verbarg sich eine unglaubliche Wut über die Ungerechtigkeit. Ihre Gebete waren nicht erhört worden, der gesunde Menschenverstand wurde weiterhin komplett ignoriert. Sie fasste noch immer nicht, wie ihr eigen Fleisch und Blut sie in eine solch unmögliche Lage bringen konnte. Wann würde ihre Familie endlich einsehen, dass der Preis, den sie vor sieben Jahren gezahlt hatte, hoch genug gewesen war? Inzwischen glaubte sie, dass die ganze Angelegenheit frühestens mit ihrem Tod zur Ruhe kommen würde.

Mr. Barnes, der Anwalt, den sie vor zwei Wochen zum ersten Mal aufgesucht hatte, begrüßte sie mit Handschlag, dann bedeutete ihr der große, hagere Mann, der als Kapazität in komplizierten Sorgerechtsfragen galt, Platz zu nehmen.

„Ich habe mich mit anderen Experten auf diesem Fachgebiet beratschlagt, und ich fürchte, ich kann Ihnen nicht das Ergebnis mitteilen, das Sie hören wollen“, kam er sofort zum Wesentlichen. „Als Sie Ihrer Schwester Ihre Eizellen spendeten, haben Sie auch einen Vertrag unterzeichnet, in dem Sie auf jegliche Rechte hinsichtlich eines zukünftig geborenen Kindes verzichten.“

„Das ist mir klar“, entgegnete Ella sofort. „Aber jetzt, da meine Schwester und ihr Mann nicht mehr leben, ist die Situation doch eine völlig andere.“

„Nun, aber sie hat sich nicht unbedingt zu Ihrem Vor teil verändert. Zwar sind Sie die biologische Mutter, aber das bedeutet nicht automatisch, dass Sie das Sorgerecht einfordern können. Vor allem, da Sie keinerlei Kontakt zu dem kleinen Mädchen gehalten haben.“

„Ich weiß.“ Die Anspannung und ein plötzliches seltsames Schuldgefühl ließen Ella erblassen. Noch immer fiel es ihr schwer, damit umzugehen, dass ihre Schwester Susie sie nach der Geburt des Babys komplett aus ihrem Leben verbannt hatte. Nicht einmal ein Foto von der Kleinen hatte Ella bekommen, geschweige denn die Möglichkeit zu Besuchen. „Aber vom rechtlichen Standpunkt her gesehen bin ich immer noch Callies Tante.“

„Richtig. Nur werden Sie nicht als möglicher Vormund im Testament Ihrer Schwester und Ihres Schwagers erwähnt“, erinnerte der Anwalt sie nüchtern. „Dafür jedoch Aristandros Xenakis. Sie dürfen nicht vergessen, dass er und das Kind ebenfalls familiär verbunden sind.“

„Mein Gott!“ Die mühsam kontrollierte Selbstbeherrschung begann zu bröckeln. „Aristandros ist nur ein Cousin ihres Vaters und nicht ihr Onkel!“

„Ein Cousin und lebenslanger Freund, der seine Zustimmung zur Übernahme der Vormundschaft lange vor dem tödlichen Unfall der Eltern schriftlich hinterlegt hat. Ich brauche Sie wohl nicht gesondert darauf hinzuweisen, dass er ein extrem einflussreicher und mächtiger Mann ist. Und das Kind besitzt ebenfalls die griechische Staatsbürgerschaft, so wie er.“

„Aber er ist auch ein Junggeselle mit einem allgemein bekannten, berüchtigten Ruf!“, protestierte Ella hitzig. „Wohl kaum die passende Vaterfigur für ein kleines Mädchen!“

„Sie begeben sich da auf gefährlich dünnes Eis, Dr. Smithson.

Auch Sie sind ledig, und jedes Gericht würde sofort die Frage stellen, warum Ihre Familie in dieser Angelegenheit nicht hinter Ihnen steht.“

Die Erinnerung daran, dass sie in diesem Kampf keinerlei Unterstützung hatte, trieb Ella die Röte ins Gesicht. „Meine Familie wird nichts unternehmen, was Aristandros Xenakis provozieren könnte. Mein Stiefvater und meine beiden Stiefbrüder sind geschäftlich auf ihn angewiesen.“

Der Anwalt stieß leise die Luft aus. Es klang endgültig. „Meiner professionellen Meinung nach bietet Ihnen die rechtliche Sachlage keine Aussicht auf Erfolg, sollte es zu einem Sorgerechtsprozess kommen. Unter diesen Umständen wäre es vielleicht das Klügste, wenn Sie sich persönlich an Aristandros Xenakis wenden. Erklären Sie ihm die Situation und bitten Sie ihn, Ihnen aufgrund der Fakten regelmäßigen Kontakt zu dem Kind zu erlauben“, lautete Simon Barnes’ Rat.

Bei diesem Ratschlag überlief Ella ein eiskalter Schauder. Callie war bei Aristandros. Aristandros, der sie, Ella, verachtete. Welche Chance hatte sie da schon, Verständnis bei ihm zu wecken?

„Eines Tages wirst du dafür bezahlen“, hatte er ihr vor sieben Jahren angedroht. Da war sie einundzwanzig gewesen und mitten im Medizinstudium.

„Bitte, versuch doch zu verstehen“, hatte sie ihn angefleht.

„Nein, du wirst verstehen, was du mir angetan hast.“ Mit dunklen Augen, kalt wie Eiskristalle, hatte Aristandros sie angefunkelt. „Ich habe dich ehrenvoll und mit Respekt behandelt. Und als Gegenleistung bringst du Schande über mich und meine Familie.“

Ella hatte eine Gänsehaut, als sie die Anwaltskanzlei verließ und zu dem großzügigen Loft zurückfuhr, das sie erst kürzlich zusammen mit ihrer Freundin Lily gekauft hatte. Lily praktizierte als Chirurgin. Sie war noch in der Klinik, als Ella zu Hause ankam. Sie und Lily hatten sich während des Studiums kennengelernt und waren zu guten Freundinnen geworden. Eingespannt und überfordert wie jeder junge Arzt, hatte Ella bisher noch nicht die Zeit gefunden, ihrem Zimmer ihre persönliche Note zu verleihen, doch ein Klavier in der Ecke des großen Raumes und ein Stapel Bücher neben dem Bett ließen erkennen, womit sie sich während ihrer knapp bemessenen Freizeit beschäftigte.

Bevor der Mut sie verließ, rief sie in der Zentrale von Xenakis Shipping an und bat um einen Termin bei Aristandros. Der Angestellte versprach, sie zurückzurufen, und Ella wusste, dass sie jetzt überprüft werden würde, schließlich war sie kein Geschäftskunde. Ob er einem Treffen überhaupt zustimmen würde? Vielleicht aus reiner Neugier … Ihr Magen zog sich zusammen bei der Vorstellung, ihn wiederzusehen.

Sie konnte sich selbst kaum an die junge Frau erinnern, deren Herz vor sieben Jahren zerbrochen war. Unerfahren und naiv, war sie verletzlicher gewesen, als sie geglaubt hatte. Ihr festes Ver trauen in sich selbst hatte sie damals die Entscheidung fällen lassen, doch wie sich herausstellte, war es viel schwieriger als erwartet, dann auch damit zu leben. Sie hatte nie wieder einen Mann getroffen, der sie wirklich interessierte, auch wenn sie damals davon ausgegangen war.

Ob das mit ein Grund gewesen war, weshalb sie zugestimmt hatte, ihrer Schwester die eigenen Eizellen zu spenden? Susie war zwei Jahre älter als sie gewesen, hatte jedoch schon mit zwanzig ein viel zu frühes Klimakterium durchlaufen, und ihre einzige Hoffnung auf eine Schwangerschaft waren Spenderzellen. Susie war damals extra von Griechenland nach London geflogen, um ihre Schwester um Hilfe zu bitten. Ella war zutiefst gerührt gewesen, dass ihre Schwester sich an sie wandte, hatte Susie doch bis dahin die gleiche kritische Distanz zu Ella gewahrt wie der Rest der Familie. Es war ein gutes Gefühl gewesen, gebraucht zu werden, und ein noch besseres, von Susie zu hören, dass es ihr viel mehr bedeuten würde, wenn ein Baby aus den Eizellen der Schwester als aus denen einer unbekannten Spenderin geboren werden würde. Natürlich bestand dann auch die Chance, dass das Kind eine viel größere Ähnlichkeit mit Susie haben würde.

Ella hatte sofort ihre Zustimmung gegeben, es wäre undenkbar für sie gewesen, es nicht zu tun. Susie hatte Aris Cousin Timon geheiratet, und die beiden führten eine gute Ehe. Ella war fest davon überzeugt, dass ein Kind in dieser Beziehung glücklich und sicher aufwachsen würde. Während der umfangreichen Untersuchungen zur Vorbereitung des medizinischen Eingriffs wurde sie auch psychologisch darauf vorbereitet, die Dokumente zu unterzeichnen, mit denen sie auf jegliche Ansprüche verzichtete, sollte aus ihren Eizellen ein Kind geboren werden.

„Du hast das alles nicht zu Ende durchdacht“, hatte Lily damals versucht, auf sie einzuwirken. „Das Ganze wird nicht so reibungslos ablaufen, wie du dir das vorstellst. Was ist mit möglichen emotionalen Nachwehen bei dir? Du bist die biologische Mutter, aber du hast keine Rechte hinsichtlich deines Kindes. Wirst du deine Schwester beneiden, weil sie dein Kind großzieht?“

Doch Ella hatte sich sämtlichen kritischen Anmerkungen verschlossen. Für sie stand fest, dass die Spende ihrer Eizellen alle Beteiligten glücklich machen würde. Susie hatte so oft davon geschwärmt, was für eine großartige Tante Ella dem Baby sein würde.

Aber dann kam Callies Geburt und mit ihr der Schock für Ella. Susie wollte nichts mehr mit ihrer Schwester zu tun haben. Sie rief Ella noch vom Krankenhaus aus an, um ihr zu sagen, dass sie nicht zu Besuch kommen und die neue kleine Familie in Ruhe lassen solle.

Ella war maßlos verletzt gewesen, doch sie versuchte zu verstehen, dass Susie sich durch die Umstände bedroht fühlen musste. Sie schrieb der Schwester, mehrere Male sogar, um ihr erneut zu versichern, dass sie keinerlei Ansprüche auf Callie stellen würde, doch sie erhielt nie eine Antwort auf ihre Briefe. Ver zweifelt über die tiefe Kluft, die sich aufgetan hatte, war Ella an Timon herangetreten, als dieser geschäftlich in London zu tun hatte. Zerknirscht hatte ihr Schwager eingestanden, dass seine Frau innerlich aufgefressen wurde von der Tatsache, welche Rolle Ella bei der Empfängnis ihrer Tochter gespielt hatte. Ella hatte darauf gehofft, dass sich Susies Unsicherheit mit der Zeit legen und somit ein Neuanfang möglich würde, doch siebzehn Monate nach Callies Geburt verunglückte das junge Ehepaar tödlich bei einem Autounfall. Und um das Ganze noch schrecklicher zu machen, erfuhr Ella erst zwei Wochen danach von der Tragödie, sodass sie nicht einmal zur Beerdigung hatte gehen können.

Als sie dann schließlich wusste, dass ihre einzige Schwester tot war, fühlte Ella sich schrecklich allein – nicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Ihr Vater war kurz nach ihrer Geburt verstorben, sie hatte ihn nie kennengelernt. Sechs Jahre später heiratete ihre Mutter Jane Theo Sardelos. Mit ihrem Stiefvater war Ella nie sonderlich gut zurechtgekommen. Theo, ein griechischer Geschäftsmann, zog es vor, wenn man Frauen sah, aber nicht hörte, und wütend hatte er Ella den Rücken gekehrt, als sie sich weigerte, Aristandros Xenakis zu heiraten. Die zart besaitete Jane hatte nie die Energie besessen, sich ihrem despotischen Ehemann zu widersetzen, also hätte es auch gar keinen Sinn gehabt, dass Ella sich an ihre Mutter um Hilfe wandte. Die Zwillinge, Ellas Halbbrüder, hatten für den Vater Partei ergriffen, und Susie hatte sich immer strikt geweigert, sich mit in die Diskussion hineinziehen zu lassen.

Um auf andere Gedanken zu kommen, setzte Ella sich jetzt an das Klavier und stellte den Deckel auf. Wann immer die Emotionen in ihr die Oberhand zu gewinnen drohten, wandte sie sich der Musik zu, um ihre innere Ruhe wiederzufinden. Sie hatte gerade die ersten Akkorde einer Etüde von Liszt angeschlagen, als das Telefon klingelte.

Sie stand auf, nahm den Hörer zur Hand und verharrte regungslos, als ihr klar wurde, dass dies der versprochene Rückruf aus der Xenakis-Zentrale war. Ein persönlicher Mitarbeiter von Aristandros teilte ihr mit, dass sie nächste Woche bitte nach Southampton reisen solle, um Mr. Xenakis an Bord seiner Jacht Hellenic Lady zu treffen. Ella war so erleichtert, dass Ari tatsächlich einem Treffen mit ihr zugestimmt hatte, dass sie nicht den geringsten Einwand erhob.

Doch als Lily aus der Klinik nach Hause kam, machte sie Ella sehr schnell klar, was diese im Begriff stand zu tun.

„Wozu soll das gut sein, dass du dich dem aussetzt?“ Ihr sonst

immer so lebhaftes und freundliches Gesicht, umrahmt von braunen Locken, wirkte ungewöhnlich ernst.

„Ich möchte einfach nur Callie sehen“, behauptete Ella.

„Oh, hör doch auf, dich selbst zu belügen. Du willst ihre Mutter sein, und wie hoch, meinst du, sind die Chancen dafür, dass Aristandros Xenakis dem zustimmt?“

„Und warum sollte er nicht? Mit einem achtzehn Monate alten Kleinkind kann man schlecht auf ausschweifende Partys gehen“, konterte Ella hitzig.

„Er wird Leute einstellen, die sich um sie kümmern. Schließlich ist er reich wie der sagenhafte Krösus. Alles, was er anfasst, wird zu Geld“, erinnerte Lily die Freundin. „Das Erste, was er dich fragen wird, ist, was dich die ganze Sache überhaupt angeht.“

Ella wurde blass. Der Zweckoptimismus hatte sie einige Realitäten übersehen lassen. „Jemand muss aber Callies Interessen vertreten.“

„Natürlich, und wer hätte mehr Recht dazu als ihre Eltern? Und die haben ihn als Vormund bestimmt. Willst du jetzt deren Entscheidung infrage stellen?“ Lily biss sich auf die Lippe. „Entschuldige, ich spiele hier des Teufels Advokat.“

„Susie hat sich vom Reichtum der Xenakis-Familie beeindrucken lassen“, hielt Ella dagegen. „Aber Geld sollte niemals ausschlaggebend sein, wenn es darum geht, ein Kind aufzuziehen.“

„Das ist ja ein Kreuzfahrtschiff!“

Der Taxifahrer, der Ella zum Hafen brachte, starrte aus dem Wagenfenster auf die große, leuchtend weiße Jacht, die Hellenic Lady.

„Ja, riesig“, stimmte Ella atemlos zu. Sie zahlte für die Fahrt und stieg aus. Ihre Handflächen waren feucht vor Nervosität, sie wischte sie unauffällig an dem eleganten Hosenanzug ab, den sie für das Treffen gewählt hatte.

Ein junger Mann kam auf sie zu. „Dr. Smithson?“ Mit nur mühsam kaschierter Neugier musterte er sie. „Ich heiße Philip und arbeite für Mr. Xenakis. Bitte, kommen Sie doch mit.“

Philip war mitteilsam wie ein Reiseleiter, als er Ella an Bord der Luxusjacht führte, zählte Fakten über die Hellenic Lady auf und vergaß auch nicht, den Hubschrauber und das Mini-U-Boot zu erwähnen, die an Bord zur Verfügung standen. Die Mitglieder der Crew, an denen sie vorbeikamen, grüßten freundlich. Trotzig weigerte Ella sich, beeindruckt zu sein. Doch ihr stand der Mund offen, als Philip sie in die Lounge an Deck führte. Die Größe, die luxuriöse Eleganz und der Blick aus den Panoramafenstern waren atemberaubend.

„Mr. Xenakis wird in wenigen Minuten bei Ihnen sein.“ Philip führte sie weiter zu einer schattigen Sitzecke auf dem Oberdeck mit wunderschönen Korbmöbeln.

Ella versuchte sich zu entspannen und nahm in einem der Sessel Platz. Ein Steward bot ihr eine Erfrischung an, und sie bat um eine TasseTee. Dann hatte sie auch etwas, womit sie ihre zitternden Finger beschäftigen konnte. Unerwünschte Erinnerungen drängten sich ihr auf, die sie jetzt am wenigsten gebrauchen konnte. Erinnerungen, wie sie sich damals Hals über Kopf in Aristandros Xenakis verliebt hatte. Sie hatte Weihnachten mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in Griechenland verbracht und innerhalb eines kurzen stürmischen Monats ihr Herz verloren.

Was sicherlich kein Wunder war. Aristandros hatte schließlich alles – er sah umwerfend gut aus, war intelligent und besaß Geld im Überfluss. Ella dagegen war ein Bücherwurm gewesen, voll auf ihr Studium konzentriert, während die gleichaltrigen Mädchen auf Partys gingen und ihre Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sammelten. Doch innerhalb weniger Tage hatte sie alle Vernunft in den Wind geschlagen und nur noch für Aris Stimme und seine Blicke gelebt. Nichts anderes mehr war wichtig gewesen, nicht die Warnungen ihrer Familie wegen seines berüchtigten Rufs, auch nicht ihr Studium, für das sie bisher alles gegeben hatte. Und dann, im unpassendsten Moment überhaupt, hatte ihr Ver stand wieder eingesetzt, und ihr war klar geworden, wie dumm es war, sich eine rosige Zukunft mit einem Mann auszumalen, der von ihr erwartete, dass ihre ganze Welt sich nur um ihn zu drehen hatte.

Ihr Tee wurde serviert, und als sie aufschaute, sah sie Aristandros keine zehn Meter entfernt vor sich stehen. Ihr Magen zog sich zusammen, der Atem stockte ihr. In einem schwarzen, maßgeschneiderten Designeranzug, mit seinem dunklen Haar und den dunklen Augen, die in der Sonne golden funkelten, war er ein atemberaubend attraktiver Mann. Mit der Geschmeidigkeit eines Raubtieres kam er auf sie zu, und sofort wurde Ella eine andere, unerwünschte und höchst peinliche Reaktion ihres Körpers bewusst – Hitze floss in ihrem Schoß zusammen, ihre Wangen begannen zu brennen.

„Ella“, murmelte Aristandros, als sie zur Begrüßung aufstand. Er musterte sie – die blauen Augen, die rosigen, einladenden Lippen, das streng zurückgebundene helle Haar. Sie war eine schöne Frau, die ihre Wirkung jedoch nie bewusst einsetzte. Ihr völliger Mangel an Eitelkeit war das Erste, was ihm an ihr aufgefallen war. Er hatte sie dafür bewundert.

Er griff nach ihrer Hand, und der unerwartete Körperkontakt überrumpelte Ella. Ihr Herz begann heftig zu pochen, unterminierte ihren festen Vorsatz, kühl und gelassen zu wirken. Sie nahm Aris Duft war, und ihre Nervenenden vibrierten. Scham und Entsetzen über die eigene Reaktion nagten an ihr.

„Ich danke dir, dass du einem Treffen zugestimmt hast“, brachte sie hastig hervor.

„Bescheidenheit steht dir nicht, Ella“, erwiderte er betont nüchtern.

„Ich wollte nur höflich sein!“, fauchte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte.

„Du bist nervös.“ Sein Blick glitt abschätzend von ihren vollen Lippen hinunter an ihrer Figur entlang, um schließlich kurz an den festen Rundungen, die sich unter der weißen Baumwollbluse abzeichneten, hängen zu bleiben. Er würde Ella in Seide kleiden, in Spitze und Satin … Allein bei dem Gedanken meldete sich ein Ziehen in seinen Lenden.

Ella bemerkte das Funkeln in seinen Augen. Sie zog ihre Hand zurück und versuchte abzulenken. „Eine schöne Jacht. Sie gefällt mir.“

Aristandros lächelte dünn. „Nein, tut sie nicht. Für dich ist sie nur ein weiterer Beleg meines verachtungswürdigen Konsumverhaltens. Deiner Ansicht nach hätte ich mit dem Geld in Afrika Brunnen graben lassen sollen.“

Sie lief bis in die Haarspitzen rot an. „Mit einundzwanzig war ich schrecklich dogmatisch, nicht wahr? Heute bin ich nicht mehr so engstirnig.“

„Die Xenakis-Stiftung, die ich eingerichtet habe, unterstützt inzwischen viele Wohltätigkeitsorganisationen. Heute wäre ich deiner Anerkennung wohl wert.“

Dieses Treffen lief beleibe nicht wie erhofft. Jedes Wort von ihm war eine Anspielung auf die Vergangenheit, die Ella lieber begraben gelassen hätte. „Wir haben uns vermutlich beide verändert.“

Aristandros neigte nur den Kopf zur Seite, weder bestritt er es noch stimmte er zu. Stattdessen forderte er sie auf, wieder Platz zu nehmen. Kaffee wurde für ihn serviert. „Ich war überrascht, dich nicht bei der Beerdigung deiner Schwester zu sehen“, hob er an.

Ella setzte ihre Teetasse heftiger als nötig ab. „Ich habe erst später von dem Unfall erfahren.“ Er zog perplex die Augenbrauen hoch. „Deine Familie hat dich nicht informiert?“

„Niemand aus dem engsten Kreis, nein. Die Schwester meiner Mutter erwähnte es beiläufig, aber da war es bereits zu spät – eine unangenehme Situation, sie hatte angenommen, ich wüsste davon. Es war ein Schock für mich, es auf diese Wei se zu erfahren. Timon und Susie waren doch so jung. Es ist ein schrecklicher Verlust, vor allem für ihre Tochter.“

„Und jetzt machst du dir Sorgen um Calliope?“, fragte er mit ernster Miene.

„Ich bin sicher, beide Familien sind um die Kleine besorgt.“

Er lachte hart auf. „Hat der Umgang mit deinen Patienten dich

Taktgefühl gelehrt? Ich bezweifle, dass irgendjemand sich so viele Gedanken macht, wie du es zu tun scheinst.“

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