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Verräterische Sehnsucht

Lynne Graham

Verräterische Sehnsucht

1. KAPITEL

„Die Verträge sind unter Dach und Fach. Es gehört alles Ihnen … die Firma, das Haus und das Grundstück“, bestätigte der ältere Mann.

Wenn Valente Lorenzatto lächelte, gingen seine Feinde in Deckung. Selbst seine Angestellten hatten gelernt, sich nicht davon täuschen zu lassen. „Ausgezeichnete Arbeit, Umberto.“

„Das ist Ihr Verdienst“, erwiderte Umberto. „Ihr Plan ist aufgegangen.“

Umberto hätte alles dafür gegeben, herauszufinden, weshalb sein überaus vermögender Arbeitgeber so viel Zeit und Energie auf den Kauf einer englischen Transportfirma und ein kleines Stück Land verschwendet hatte – weder die Spedition, noch das Grundstück schienen ihm in finanzieller oder strategischer Hinsicht diesen Aufwand zu rechtfertigen. Umberto bezweifelte die Gerüchte, dass Valente früher einmal, lange vor seinem ersten großen Geschäftsabschluss, dort gearbeitet hatte. Ohnehin konnte sich niemand vorstellen, dass Valente ein einfacher LKW-Fahrer gewesen sein sollte. Aber wie auch immer, das Blatt hatte sich gewendet, als Valente seinen ersten millionenschweren Deal abgeschlossen hatte und die stolze Familie Barbieri sich entschloss, Valente als Count Ettore Barbieris unehelichen Enkelsohn anzuerkennen.

Die Barbieris konnten sich glücklich schätzen, einen derart erfolgreichen Macher wie ihn im Stammbaum zu finden, gerade als das Familienvermögen eine kräftige Finanzspritze gut gebrauchen konnte. Der alte Count war sogar so weit gegangen, seine anderen Verwandten zu enterben. Mit Ausnahme seines Titels hatte er seinen gesamten Besitz Valente hinterlassen.

Im Gegenzug wurde Valente gebeten, den Namen Barbieri anzunehmen. Doch ganz der Rebell, der er war, hatte er verkündet, er sei stolz darauf, den Namen seiner verstorbenen Mutter zu tragen. Ihn abzulegen, sei eine Beleidigung ihres Andenkens.

Nachdem Valente Umberto und die anderen Mitarbeiter aus dem Zimmer geschickt hatte, trat er auf den steinernen Balkon hinaus und ließ den Blick über das muntere Treiben auf dem Canal Grande schweifen.

Er nippte an seinem schwarzen Kaffee und erlaubte sich, den Moment zu genießen, auf den er fünf lange Jahre hingearbeitet hatte. Matthew Baileys fehlerhaftem und inkompetentem Management hatte er es zu verdanken, dass Hales Transport jetzt ihm gehörte. Zusammen mit der Firma war auch ein altes renovierungsbedürftiges Haus namens Winterwood in seinen Besitz übergegangen. In diesem Augenblick verspürte er tiefste Zufriedenheit.

Dabei war Valente weder ein geduldiger, noch ein rachsüchtiger Mensch. Immerhin war er auch nicht auf Rache an seiner eigenen Familie aus gewesen, obschon sie seiner Mutter jede Unterstützung versagt hatte.

Danach gefragt, hätte Valente sicherlich geantwortet, er halte Rache für reine Zeitverschwendung. Es sei immer besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen, weil nur die Zukunft aufregende und lohnenswerte Herausforderungen bereithielt.

Allerdings, um diese Einsicht kam auch er nicht herum, war er in den letzten fünf Jahren keiner Frau begegnet, die ihn auch nur annähernd so fasziniert hatte, wie seine ehemalige englische Verlobte Caroline Hales. Seine Caroline mit den hellen Haaren und den nebelgrauen Augen, die immer weinte, wenn jemand Tiere grausam behandelte – die ihn aber skrupellos vor dem Altar stehen gelassen hatte und stattdessen einem reicheren Mann das Jawort gab.

Vor fünf Jahren hatte Valente noch als LKW-Fahrer seinen Lebensunterhalt verdient und in seiner spärlichen Freizeit versucht, den Abschluss als Diplomkaufmann zu machen. Das Leben war hart, aber gut … bis er den Fehler beging, sich Hals über Kopf in die Tochter des Besitzers von Hales Transport zu verlieben. Doch Caro, wie ihre Familie sie rief, hatte ihn von Anfang an zum Narren gehalten. Zwar hatte sie ihn und Matthew Bailey gleichzeitig zappeln lassen, letzten Endes aber, trotz heftiger Liebesbeteuerungen, ihre Sandkastenliebe in einer protzigen Zeremonie geheiratet.

Mittlerweile war er, Valente, nicht mehr arm. Tatsächlich war es die Vorstellung, dass die Frau, die er liebte, nackt und willig in den Armen eines anderen lag, die ihn zum Erfolg getrieben hatte. Bald wird Caroline sich nackt und willig in meinen Armen winden, dachte er mit einem finsteren Lächeln. Er konnte nur hoffen, die trauernde Witwe war Zeit und Aufwand wert, die er bereits in sie investiert hatte.

Zumindest konnte er sicherstellen, dass die Witwe unter ihren schwarzen Kleidern seinem Geschmack entsprach. Er klappte sein Handy auf und wählte die Nummer des besten Dessousgeschäfts in Italien, um eine ganz besondere Bestellung aufzugeben: ein pastellfarbenes Wäscheensemble in Carolines Größe, das ihre helle Haut und die sinnlichen Kurven auf äußerst verführerische Weise betonen würde. Schon der Gedanke an ihren perfekten Körper in der zarten Spitzenwäsche entzündete ein Feuer in seinen Lenden.

Offenbar war er sexuell ziemlich ausgehungert. Valente beschloss, vor dem Flug nach England seiner momentanen Gespielin Agnese einen kleinen Besuch abzustatten. Danach würde er in aller Ruhe seine neue Geliebte und alles, was ihr lieb und teuer war, in Besitz nehmen.

Es war an der Zeit.

Der Augenblick seines Triumphs stand unmittelbar bevor.

Valente drückte einige Tasten auf seinem Handy und konzentrierte sich auf den Anruf, auf den er sich bereits seit fünf Jahren freute …

Vierundzwanzig Stunden bevor Valente seinen Anruf tätigte, führte Caroline Bailey, vormals Hales, ein zunehmend beunruhigender werdendes Gespräch mit ihren Eltern. „Ja, natürlich weiß ich, dass die Firma vergangenes Jahr in Schwierigkeiten steckte! Aber wann habt ihr noch eine Hypothek auf das Haus aufgenommen?“

„Im Herbst. Die Firma brauchte Kapital. Das Haus als Sicherheit einzutragen, war die einzige Möglichkeit, einen Kredit zu bekommen.“ Schwerfällig ließ Joe Hales sich in einen Sessel sinken. „Es gibt nichts, was wir jetzt noch tun können, Caro. Wir haben alles verloren, weil wir mit den Zahlungen in Rückstand geraten sind. Das Haus ist bereits verkauft …“

„Warum hast du mir nicht rechtzeitig davon erzählt?“, fragte Caroline ungläubig.

„Es ist doch erst ein paar Monate her, dass du deinen Ehemann verloren hast“, erinnerte ihr Vater sie. „Du musstest genug eigene Probleme meistern.“

„Man hat uns nur zwei Wochen gegeben um auszuziehen!“, rief Isabel Hales dazwischen – eine kleine Frau Ende sechzig, deren fehlende Mimik von etlichen kosmetischen Operationen kündete. „Ich kann es einfach nicht fassen! Ich wusste, dass wir die Firma verloren haben … aber auch das Haus? Alles ist ein einziger Albtraum.“

Tröstend klopfte Caroline ihrem Vater auf die Schulter und widerstand dem Wunsch, ihre in Tränen aufgelöste Mutter in die Arme zu schließen.

Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, war sie ein sehr gefühlsbetonter Mensch. Während ihr Vater in sehr gesicherten Verhältnissen aufgewachsen war – als Sohn des größten Arbeitgebers der Region –, stammte ihre Mutter aus einem sehr ehrgeizigen Elternhaus, im dem Geldmangel und der eigene, niedrige soziale Status ständige Themen waren. Isabel hatte die Lebenseinstellung ihrer Eltern unhinterfragt übernommen, Wohlstand bedeutete ihr alles.

Obwohl Joe und Isabel anfangs überhaupt nicht zusammenzupassen schienen, blieb der einzige Wermutstropfen in ihrer Ehe ihre Kinderlosigkeit. Erst mit Mitte vierzig hatten sie die damals dreijährige Caroline adoptiert. Als das einzige Kind der stolzen Eltern hatte sie eine exzellente Schulbildung und ein stabiles häusliches Umfeld genießen dürfen. Niemals hätte sie sich eingestanden, dass sie sich ihrem herzensguten Vater enger verbunden fühlte, als ihrer oftmals scharfzüngigen und kritischen Mutter. In Wahrheit teilte sie nämlich Isabels Ansichten und Interessen in Bezug auf materielle Dinge ganz und gar nicht.

„Wie sollen wir in nur zwei Wochen ausziehen?“, fragte Caroline mit schwacher Stimme.

Müde schüttelte Joe den Kopf. „Wir können von Glück reden, dass man uns überhaupt diese Frist eingeräumt hat. Letzte Woche hat sich ein Gutachter das Haus angesehen und unserem Kreditgeber eine Schätzung unterbreitet. Es war kein berauschendes Ergebnis, doch die Bankleute haben es trotzdem angenommen. Sie sind nur an der Rückzahlung der Schulden und der Erhaltung von Arbeitsplätzen interessiert. Ich empfinde große Erleichterung, dass es ihnen gelungen ist, einen Käufer für Hales Transport zu finden.“

„Aber uns hilft das auch nicht mehr“, fuhr Isabel wütend dazwischen.

„Ich habe die Firma verloren, die mein Vater aufgebaut hat“, erwiderte ihr Ehemann finster. „Hast du eine Ahnung, wie sehr mich das beschämt? Alles, wofür mein Vater so hart gearbeitet hat, habe ich vermasselt.“ Seine Augen füllten sich mit Tränen.

Joe hatte Hales Transport von seinem Vater geerbt. Bis vor Kurzem war ihm die Sorge um Geld völlig fremd gewesen. Die snobistische Überzeugung seiner Frau, die aktive Leitung eines Transportunternehmens würde ihren sozialen Status mindern, hatte zur Folge, dass er die Geschäftsleitung schon früh abgegeben hatte. Ein gewisser Giles Sweetman wurde als Manager eingestellt, während Joe lernte, wie man Golf spielt und angelt. Viele Jahre war alles gut gegangen, das Unternehmen hatte saftige Gewinne abgeworfen.

Doch zwei Unglücksfälle hatten gereicht, um die Firma in ihre momentane Krise zu steuern.

Zunächst war Giles Sweetman ein anderer Job angeboten worden, und er hatte Hales Transport innerhalb weniger Wochen verlassen. Danach hatte Carolines verstorbener Ehemann Matthew Bailey diese Position übernommen. Bislang hatte es ihr noch niemand ins Gesicht gesagt, aber das hatte sich als katastrophale Fehlentscheidung erwiesen.

Dann war auch noch ein neuer aggressiver Konkurrent aufgetaucht. Hales Transport verlor einen Auftrag nach dem nächsten an Bomark Logistics. Selbst die Entlassung von Mitarbeitern hatte den Niedergang nicht aufhalten können.

„Zwei Wochen ist eine lächerlich kurze Frist“, protestierte Caroline. „Wer ist der Käufer? Ich bitte ihn, uns ein bisschen mehr Zeit einzuräumen.“

„Wir sind nicht in der Position, um irgendetwas zu bitten. Das Haus gehört uns nicht mehr“, warf Joe ein. „Ich hoffe nur, dass der Käufer nicht auch noch die restlichen Angestellten entlässt und Hales Transport in Einzelteilen weiterverscherbelt.“

Verstohlen musterte Caroline ihre Eltern. Aufgrund ihres Alters und ihres schlechten Gesundheitszustands waren sie keine guten Kandidaten, den Stress und die Aufregung der nächsten Wochen durchzustehen. Joe Hales litt unter Herzbeschwerden, Isabel unter Arthritis. Wo sollten die beiden in Zukunft wohnen? Wie würden sie es verkraften, ohne den behaglichen Kokon der finanziellen Sicherheit zu leben?

Erbaut im vorletzten Jahrhundert, war Winterwood ein zauberhaftes, wenn auch ein wenig renovierungsbedürftiges Haus. Vielleicht würde der neue Besitzer Winterwood einfach abreißen und durch ein moderneres Haus ersetzen. Bei dem Gedanken, dass das Haus ihrer Kindheit dem Erdboden gleichgemacht würde, verspürte Caroline einen heftigen Stich.

„Du hättest nie bei Matthew ausziehen dürfen und zurück zu uns ziehen sollen“, beschwerte Isabel sich. „Jetzt musst du mit uns kommen, und nur der Himmel weiß, wo wir landen werden.“

„Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass Matthew dir außer Schulden nichts hinterlassen hat“, sagte Joe kopfschüttelnd. „Es ist die Aufgabe eines Mannes, dafür zu sorgen, dass seine Ehefrau ein Auskommen hat, wenn er einmal nicht mehr ist.“

„Matthew konnte wohl kaum damit rechnen, so früh von uns zu gehen“, entgegnete Caroline. Es war ihre übliche beruhigende Antwort auf Kommentare dieser Art. Mittlerweile wusste sie nur zu genau, wie sie das Geheimnis ihrer unglücklichen Ehe bewahrte. „Aber ich wünschte, er hätte ein Haus gekauft, dann hätten wir drei nun wenigstens ein Heim.“

„Die Baileys hätten dir wirklich mehr helfen können“, mischte Isabel sich verbittert ein. „Natürlich hast du nicht die Geistesgegenwart besessen, sie um finanzielle Unterstützung zu bitten.“

„Es war nicht ihre Schuld, dass Matthew keine ausreichenden Versicherungen abgeschlossen hat. Und sie haben seine Schulden bezahlt … Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass sie ebenfalls Anteile an Hales Transport besitzen. Auch sie haben viel Geld verloren.“

„Was spielt das jetzt für eine Rolle? Wir haben unseren gesamten Besitz verloren!“, rief Isabel mit schriller Stimme. „Sie haben ihre Villa noch und ihre Haushaltshilfen und Gärtner. Wir haben nichts mehr! Meine Freunde rufen mich nicht mehr an. Niemand will mehr etwas mit mir zu tun haben!“

Caroline presste die Lippen zusammen und erwiderte nichts. Es war überaus bedauerlich, dass die Freundschaften ihrer Mutter zu der oberflächlichen Sorte zählten, die auf Status und Geld beruhten. Ohne die materiellen Güter, die sie bislang als selbstverständlich angenommen hatte, war sie rasch von den Gästelisten der Besserverdienenden gestrichen worden. Für ihre Mutter musste es sehr erschütternd sein herauszufinden, dass sie zu einer Unperson geworden war. Aber daran konnte Caroline nichts ändern. Die Tage des großen Geldausgebens, der Designerkleider und Luxusferien waren für immer vorüber.

Am Abend widmete Caroline sich endlich wieder ihrer eigenen Arbeit. Dazu zog sie sich in ihre kleine Werkstatt zurück, eine umgebaute Scheune hinter dem Haus ihrer Eltern. Dort hämmerte und lötete sie Metalle in Form, verzierte sie mit Edelsteinen und verkaufte die Schmuckstücke anschließend über ihre Website. Es war eine mühsame und anspruchsvolle Arbeit, die ein gutes Auge und höchste Konzentration erforderte.

Während sie arbeitete, saß ihre Siamkatze Koko wie ein stiller Wächter auf der Bank neben ihr. Nach ein paar Stunden verspürte sie einen bekannten stechenden Schmerz hinter den Augen – eine heftige Migräneattacke kündigte sich an. Hastig räumte sie den Werktisch auf und ging zu Bett.

Natürlich war sie, obwohl sie ihre Tabletten genommen hatte, durch die Anspannung und den Stress des Tages viel zu aufgedreht, um schlafen zu können. Morgen würde sie nach einer neuen Unterkunft Ausschau halten, beschloss sie, das beständige Gefühl von Panik verdrängend. Eine passende Wohnung zu finden, würde nicht leicht werden. Abgesehen von ihrer kleinen staatlichen Witwenrente bestanden die gesamten Einkünfte der Familie aus dem Erlös ihres Schmuckverkaufs.

„Caro?“ Isabel Hales kam am nächsten Morgen mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Küche gehumpelt, als Caroline gerade das Frühstück zubereitete. „Glaubst du, Matthews Eltern würden uns einen Kredit gewähren?“, fragte sie hoffnungsvoll.

Caroline erblasste. „Nein, das denke ich nicht“, erwiderte sie steif. „Matthews Schulden zu begleichen, war für sie eine Frage der Ehre. Aber sie gehören nicht zu den Menschen, die großzügige Spenden verteilen, von denen sie nichts haben.“

„Wenn du ihnen doch nur ein Enkelkind geschenkt hättest! Dann wäre jetzt alles anders.“

„Ich weiß.“ Tränen brannten hinter ihren gesenkten Lidern. Die Baileys hatten ihr oft genug denselben Vorwurf gemacht. Offensichtlich war ihre Unfähigkeit, ein Kind zu bekommen, ihr schwerwiegendster Fehler als Schwiegertochter. Darüber hinaus jedoch hatten die Baileys ihr auch zu verstehen gegeben, dass Matthew bestimmt mehr Zeit zu Hause verbracht hätte, wenn sie ihm eine bessere Ehefrau gewesen wäre.

Mit jedem neuen Angriff wuchs in Caroline das wilde Verlangen, ihren Schwiegereltern die Wahrheit über ihre Ehe zu erzählen. Doch sie hielt sich zurück. Sie konnte es nicht einfach ertragen, an die vielen Lebensjahre zu denken, die sie durch ihre unglückliche Ehe verloren hatte. Außerdem nützte es niemand, wenn sie heute anfing, die Dinge hinauszuposaunen, die sie so lange für sich behalten hatte.

„Ich nehme an, du hast nie an die Zukunft gedacht.“ Isabel seufzte. „Du warst noch nie sonderlich praktisch veranlagt.“

Caroline ließ ihren Blick auf der zierlichen Gestalt ihrer Mutter ruhen, die, sich schwer auf ihren Gehstock stützend, umwandte und ging. Auf einmal kam sie ihr sehr klein und verletzlich vor.

Wegen ihrer gesundheitlichen Probleme schliefen ihre Eltern bereits in einem Zimmer im Erdgeschoss. Joe stand auf der Warteliste für eine Bypassoperation. Das baufällige Winterwood war wirklich nicht mehr das geeignete Zuhause für sie, schoss es Caroline durch den Kopf. Doch nach über vierzig Jahren aus ihrem Haus vertrieben zu werden, war eine gänzlich andere Ausgangssituation, als die Entscheidung über einen Umzug aufgrund rationaler Überlegungen zu treffen.

Koko strich um Carolines Knöchel und maunzte um Aufmerksamkeit. Flüchtig streichelte sie die Katze, dann machte sie sich daran, eine Liste mit den dringendsten Erledigungen zu erstellen. Zeit, Kosten und eine Unterkunft schienen ihr am wichtigsten zu sein.

Aus der Gegend würden ihre Eltern nicht wegziehen wollen, was die Suche nach einem neuen Haus zwar eingrenzte, gleichzeitig aber auch verkomplizierte.

Während sie das Geschirr abwusch, klingelte das Telefon. „Kannst du rangehen?“, rief sie ihrem Vater zu, der im Nebenzimmer die Zeitung las.

Joe Hales nahm den Hörer ab und meldete sich. Einen Augenblick später hörte Caroline einen geflüsterten Wortwechsel zwischen ihren Eltern, dem sie nicht ganz folgen konnte. Aber ihre Stimmen klangen besorgt.

„Caro“, sagte dann ihre Mutter. „Könntest du kurz kommen?“ Isabel reichte ihr den Telefonhörer als sei er eine geladene Waffe. „Valente Lorenzatto“, murmelte sie steif.

Caroline erstarrte. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Dann überlief sie ein eiskalter Schauer. Valente, den sie einst geliebt hatte. Valente, den sie einst so falsch eingeschätzt hatte. Ihr wollte kein Grund einfallen, warum er sie anrufen sollte.

Mit zitternden Händen griff sie nach dem Hörer. Dann ging sie in den Flur hinaus. „Hallo?“, fragte sie, ihre Stimme kaum lauter als ein Flüstern.

„Ich möchte ein Treffen mit dir arrangieren“, sagte Valente in seiner tiefen samtigen Stimme. „Als neuer Besitzer von Hales Transport und Winterwood gibt es einiges zu besprechen.“

Caroline konnte nicht glauben, was sie da hörte. „Dir gehört Hales … und das Haus auch?“, fragte sie.

„Erstaunlich, nicht wahr? Wie versprochen, habe ich mein Vermögen gemacht“, erwiderte er kühl. „Wie traurig, dass du vor fünf Jahren aufs falsche Pferd gesetzt hast.“

Beinahe hätte Caroline laut aufgelacht – zu dieser Erkenntnis war sie schon kurz nach ihrer Hochzeit gekommen, wenn auch aus Gründen, die er niemals nachvollziehen würde können. Was sie jedoch letztlich aus ihrer Erstarrung riss, war der Anblick ihrer Eltern, die sie mit ungläubigen und entsetzten Mienen von der Türschwelle her anstarrten. Offenbar hatten sie jedes Wort gehört.

„Das kann doch nicht wahr sein!“, rief Isabel.

Und auch Caroline hoffte, dass es nicht stimmte. Doch schon vor Jahren hatte sie in einer Zeitung über Valentes ersten großen und millionenschweren Erfolg gelesen. Für dieses Wissen hatte sie allerdings einen hohen Preis bezahlen müssen, als Matthew herausfand, dass sie nach Valentes Namen im Internet gesucht hatte. Seither hatte sie ihre Neugier im Zaum gehalten – selbst nachdem sie Witwe geworden war, hatte sie sich jede Recherche verboten. Die Vergangenheit ließ man am besten ruhen.

„Er war doch nur ein Fahrer … Es ist völlig unmöglich, dass er so reich geworden ist!“, warf nun auch Joe ein.

„Zumindest sollte es unmöglich sein“, pflichtete seine Frau ihm bei.

Caroline drückte den Telefonhörer fester gegen ihr Ohr, damit Valente nichts von dem Gespräch mitbekam. Die Tatsache, dass ihr Großvater ebenfalls als LKW-Fahrer angefangen und die Firma kraft seiner Hände Arbeit aufgebaut hatte, wurde in ihrem Elternhaus nie erwähnt. Ihre Eltern schienen sich der bescheidenen Anfänge des Familienunternehmens zu schämen und bewunderten daher die Baileys umso mehr, die selbstverständlich alle eine Privatschule besucht hatten und entfernt mit Adeligen verwandt waren.

Joe und Isabel sind Snobs und werden es immer bleiben, dachte Caroline traurig. Für ihre Eltern war Valente nur ein armer Schlucker, der ihnen niemals das Wasser reichen konnte.

Caroline zog sich in eines der Nebenzimmer zurück, um wenigstens ein bisschen Privatsphäre zu bekommen. „Warum willst du mich treffen?“, fragte sie.

„Das wirst du dann schon erfahren“, entgegnete Valente ungeduldig. „Morgen, elf Uhr. Im ehemaligen Büro deines Mannes.“

„Aber warum, um alles in der Welt …?“ Sie verstummte, als die Leitung abrupt unterbrochen wurde.

„Gib mir bitte das Telefon“, drängte Joe seine Tochter. Schweigend hörte sie zu, wie er mit seinem Anwalt telefonierte und darauf bestand, den Namen des Käufers von Hales Transport zu erfahren.

„Dieser italienische Junge …“ Isabels Miene zeigte wütende Verachtung. „Wahrscheinlich hat er irgendwie erfahren, dass du verwitwet bist. Das ist so typisch für ihn … warum kann er dich nicht in Ruhe lassen?“

„Ich weiß es nicht.“ Selbst dass ihre Mutter einen über einsneunzig großen Mann von sechsunddreißig Jahren als Jungen bezeichnete, fand sie im Moment alles andere als lustig.

Mit einem erstaunten Gesichtsausdruck beendete ihr Vater das Telefonat. „Die Spedition und Winterwood wurden von einem italienischen Firmenkonglomerat namens Zatto Group gekauft“, murmelte er schließlich.

Valente hatte den Spieß und die natürliche Ordnung der Dinge – wie ihre Mutter es ausdrücken würde – umgedreht. Im Gegensatz zu ihren Eltern war Caroline davon nur mäßig überrascht.

2. KAPITEL

Für das Treffen mit Valente entschied Caroline sich für ihr einziges Kostüm, einem maßgeschneiderten Rock mit passendem Jackett, dazu eine cremefarbene Seidenbluse. Gekauft hatte sie es für ihre erstes Gespräch bei einem Londoner Edeljuwelier, der ihren Schmuck seit nunmehr einem Jahr verkaufte. Seit damals hatte sie Gewicht verloren, deshalb saß es ein bisschen zu locker. Und so wirkte sie trotz der hochgesteckten Haare und dem Hauch Make-up, den sie eigentlich aufgetragen hatte, um eine schlaflose Nacht zu kaschieren, gehetzt und fahrig.

„Hallo, Mrs. Bailey“, begrüßte Jill, eine der Rezeptionistinnen, sie am nächsten Morgen im Foyer von Hales Transport. Für eine Angestellte, die sich seit Wochen Sorgen um die Zukunft ihres Arbeitsplatzes machen musste, schien sie überraschend fröhlich. „Ist heute nicht ein aufregender Tag?“

Verwirrt strich Caroline eine vorwitzige blonde Strähne aus dem Gesicht. „Ist es?“

„Der neue Chef kommt. Wir werden Teil einer großen Unternehmensgruppe, die Milliarden wert ist. Ich halte das für tolle Neuigkeiten“, flötete Jill.

„Sei dir da mal nicht so sicher“, mischte die ältere Rezeptionistin Laura sich ein. „Es gibt keine Garantie, dass wir alle unseren Job behalten, geschweige denn, dass die Firma in sechs Monaten noch existiert.“

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