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Verräterisch klopfendes Herz

Lisa Jackson

Verräterisch klopfendes Herz

Prolog

Da draußen sitzt er in seinem Schaukelstuhl und fühlt sich wie auf einem Thron.

Slade McCafferty knirschte mit den Zähnen, als er durch die verschmutzte Windschutzscheibe seines Trucks auf die breite Veranda des Hauses blickte. Es war das Haus, in dem er die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Der alte Mann im Schaukelstuhl, John Randall McCafferty, hielt sich kerzengerade. Insgeheim bewunderte Slade ihn dafür, wie hartnäckig er sich an das Leben klammerte. Er bewunderte ihn für seine Sturheit. Und sogar dafür, dass er fest entschlossen gewesen war, den Willen seiner Kinder zu brechen, um seine eigenen Ziele zu erreichen.

Das Problem war nur, dass es nicht funktioniert hatte. Aus Thorne, dem ältesten McCafferty-Sohn, war ein scharfsinniger Anwalt geworden, der ein millionenschweres Unternehmen in Denver leitete. Matt, der Zweitgeborene, hatte sich eine eigene Ranch an der Grenze zu Idaho gekauft. Randi, die Jüngste und Halbschwester der Brüder, lebte in Seattle und schrieb eine Kolumne, die sie an mehrere Zeitungen verkaufen konnte.

Blieb noch er selbst, Slade.

Immer das schwarze Schaf.

Immer der Schurke.

Immer in Schwierigkeiten.

Er stieg aus dem Wagen, und sogleich schoss ihm ein scharfer Schmerz durch die Hüfte. Als er vor Schmerz das Gesicht verzog, spürte er wieder, wie sich die Haut rund um die kaum sichtbare Narbe auf seiner Wange zusammenzog. Die Narbe erinnerte ihn ständig daran, wie tief er auch innerlich verletzt war.

John Randall sagte kein Wort. Bedächtig schaukelte er in seinem Schaukelstuhl, während er seinen jüngsten Sohn mit zusammengezogenen Brauen beobachtete.

Slade musterte den Mann, der ihn gezeugt hatte. „Dad.“ Er stieg die Treppe hoch.

„Ich dachte schon, dass du gar nicht mehr kommst“, begrüßte ihn sein Vater.

„Du hattest gesagt, dass es wichtig ist.“ Du liebe Güte, der alte Herr sah wirklich schlecht aus. Das dünne weiße Haar bedeckte kaum noch die altersfleckige Kopfhaut. Die Augen, die früher einmal stahlblau gewesen waren, schimmerten fahl. Aber trotzdem war John Randalls Lebensfunken noch nicht erloschen. An den harten Kiefermuskeln konnte man deutlich sehen, dass die unbändige Willenskraft der McCaffertys immer noch in ihm steckte.

„Ist es auch. Setz dich.“ Er deutete auf die Bank unter dem Fenster. Aber Slade lehnte sich gegen die Verandabrüstung und schaute seinen Vater aufmerksam an. Die Sonne brannte ihm in den Nacken.

„Was ist so bedeutend, dass es keinen Aufschub duldet?“

„Ich will einen Enkel.“

„Wie bitte?“ Etwas in Slades Brust schien sich zusammenzuziehen, und der vertraute Schmerz pochte ihm in den Schläfen.

„Du hast mich richtig verstanden. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Und wenn ich ins Gras beiße, will ich die Gewissheit haben, dass du dich irgendwo niedergelassen und eine Familie gegründet hast. Ich will, dass der Name McCafferty weiterlebt.“

„Vielleicht solltest du solche Sachen nicht ausgerechnet mit mir besprechen.“ Jedenfalls nicht jetzt. Dazu waren die Erinnerungen zu frisch.

„Ich habe schon mit Thorne und Matt geredet. Jetzt bist du dran.“

„Ich habe keine Lust …“

„Ich weiß, was mit Rebecca passiert ist.“

Slade riss sich zusammen.

„Und dem Baby.“

Sein Schädel dröhnte so laut, dass er beinahe wahnsinnig wurde. Die Narbe schien zu pulsieren. „Damit werde ich leben müssen“, sagte er und bedachte den alten Mann mit einem durchdringenden Blick. „Und es wird die Hölle sein.“

„Du hattest keine Schuld. Und du kannst dir nicht dein ganzes Leben lang Vorwürfe machen“, erwiderte sein Vater. „Sie sind tot. Es war ein grauenhafter Unfall. Ein schmerzhafter Verlust. Aber das Leben geht weiter.“

John Randall griff in seine Westentasche und zog eine Uhr hervor. Es war eine Taschenuhr in Gold und Silber, auf die das Wappen der Flying M eingraviert war, das Wappen der Ranch, die sein ganzer Stolz und seine ganze Freude war. „Ich möchte, dass du sie nimmst.“

„Nein, Dad. Behalte sie.“

Der alte Mann lächelte bitter. „Ich kann sie nicht mehr gebrauchen. Nicht dort, wo ich hingehe. Ich will, dass du sie behältst. Zur Erinnerung an mich.“ Er drückte Slade die Uhr in die Hand. „Mein Sohn, du solltest dein Leben nicht sinnlos verschwenden. Es ist kürzer, als du glaubst. Höchste Zeit, dass du die Vergangenheit hinter dir lässt. Such dir ein Zuhause. Gründe eine Familie.“

„Nein, wohl kaum.“

Eine Fliege summte an John Randalls Kopf vorbei, und er schlug mit seiner knochigen Hand nach ihr. „Slade, du musst mir ein Versprechen geben. Hör auf, umherzustreunen. Bleib hier auf der Ranch, bis du herausgefunden hast, was du mit deinem Leben anfangen willst. Ob du es glaubst oder nicht, du brauchst eine gute Frau. Eine Mutter für deine Kinder. Eine Frau, die dir den Glauben an die Liebe zurückgibt.“

Slade straffte den Rücken. „Das solltest du dir besser abschminken.“ Kommentarlos ließ er die Taschenuhr in den Schoß seines Vaters fallen.

1. KAPITEL

Sieben Monate später

Die McCaffertys! Warum um alles in der Welt muss das Meeting ausgerechnet mit den verdammten McCafferty-Brüdern stattfinden?

Janine Parsons bog in die Auffahrt zur kleinen Farm ihrer Großmutter ein. Das altmodische Haus ihrer Großmutter war malerisch in die Landschaft gebaut, aber es hatte dringend ein paar Reparaturen nötig, und ein frischer Anstrich konnte auch nicht schaden.

Janine griff nach ihren Akten. Mit der anderen Hand schnappte sie sich ihre Reisetasche, in die sie die notwendigsten Dinge für die Nacht gepackt hatte, und ging durch den zehn Zentimeter hohen Pulverschnee zur Hintertür. Den Ersatzschlüssel fand sie auf der Fensterbank, wo ihre Großmutter Nita ihn immer versteckt hatte.

Janine war die Kehle wie zugeschnürt, wenn sie an die Frau dachte, die sie vor vielen Jahren als wilden, rebellischen Teenager bei sich aufgenommen hatte. In ihrem Haus und in ihrem Herzen hatte sie ein Mädchen willkommen geheißen, das von ihren Eltern längst aufgegeben worden war.

Eines Tages hatte Janine mit zwei Koffern, einem einäugigen Teddybären und frechen Manieren bei ihr auf der Schwelle gestanden. Ohne mit der Wimper zu zucken hatte die alte Frau erklärt, dass von nun an alles anders werden würde. Von dieser Sekunde an hätte Janine sich ihren Regeln zu fügen – ohne Wenn und Aber.

Natürlich waren sie nicht immer reibungslos klargekommen.

Natürlich hatte Janine hinter dem Rücken der Frau alles Mögliche angestellt.

Natürlich hatte Janine alles versucht, damit ihre Großmutter sie wieder hinauswarf – aus dem einzigen Zuhause, das sie jemals gehabt hatte.

Nana hatte niemals aufgegeben. Sie war imstande gewesen, ihre Enkelin mit einem einzigen Blick zur Vernunft zu bringen. Ganz anders als all die anderen Menschen in Janines Leben.

Der Schlüssel ließ sich leicht im Schloss herumdrehen. Janine betrat die Küche. Es roch muffig, und auf den schwarzweißen Fliesen lag der Staub. Der alte Resopal-Küchentisch stand immer noch an der gegenüberliegenden Wand. In den karierten Vorhängen hatten Spinnen sich häuslich eingerichtet.

Wenn Nana noch am Leben wäre, sähe es hier anders aus, dachte Janine. Die Küche hatte immer blitzblank gestrahlt. „Sauberkeit ist gottgefällig“, hatte die alte Frau immer gepredigt, während sie mit dem Besen durch das Haus gefegt war, eine Lampe poliert oder ein Waschbecken geschrubbt hatte.

Du liebe Güte, dachte Janine wehmütig, wie ich sie vermisse!

Den Großteil von Nanas Nachlass hatte sie geerbt. Es handelte sich um das alte Farmhaus, ungefähr acht Hektar Land und den Chevrolet aus den 1940er-Jahren, der in der alten Garage stand. Es war Nanas Traum gewesen, dass Janine sich in Grand Hope niederließ, in dem kleinen Cottage lebte, sich verheiratete und ein halbes Dutzend Kinder bekam, die sie als Urgroßmutter dann verwöhnen durfte.

„Entschuldige, Nana“, sagte Janine laut, ließ ihre Taschen auf den Tisch fallen und zeichnete mit dem Finger eine feine Spur in den Staub auf der Tischplatte. „Irgendwie habe ich es nicht hingekriegt.“

Vor ihrem inneren Auge erschien ihre Großmutter, eine kleine rundliche Frau mit grauem dauergewelltem Haar, breiten Hüften und kräftigen Oberarmen. Nita Parsons hätte wie immer ihre verschlissene Lieblingsschürze umgebunden. Um diese Jahreszeit hätte sie bereits mehrere Bleche mit kleinen Weihnachtsplätzchen gebacken.

„Oh, Nana“, wisperte Janine und schaute aus dem Fenster in den schneebedeckten Garten hinaus. Sie hatte sich vorgenommen, gründlich zu putzen und das Haus über einen örtlichen Immobilienmakler zu verkaufen.

Sie schaute auf die Uhr. Für nostalgische Träumereien blieb keine Zeit mehr. Es gab zu viel zu erledigen, das Treffen mit den McCafferty-Brüdern eingeschlossen.

Na, das wird bestimmt ein großartiger Spaß. Janine brachte ihr restliches Gepäck ins Haus. Ihr Schlafzimmer unter dem Dach sah noch genauso aus, wie sie es vor Jahren zurückgelassen hatte. Sogar die handgemachte Patchworkdecke lag immer noch auf dem Bett.

Janine packte aus und verbot sich, dabei ihre Gedanken zu der Zeit zurückschweifen zu lassen, die sie hier mit Nana verbracht hatte … Anderthalb Jahre waren es nur gewesen – zugleich die schönste und die schrecklichste Zeit ihres Lebens.

Zum ersten Mal in ihrem siebzehnjährigen Leben hatte sie erfahren, was es bedeutete, bedingungslos geliebt zu werden. Denn Liebe hatte sie in den goldenen Augen der alten Frau gelesen, wenn die sie über die randlose Brille hinweg angeschaut hatte.

Aber hier hatte Janine auch ihre erste Liebe erlebt, die ersten schmeichelhaften Komplimente gehört, die Slade McCafferty ihr ins Ohr geflüstert hatte … dieser Dreckskerl.

Gemeinsam waren sie über die weite Prärie Montanas galoppiert, und auf Nanas altem Fuchswallach Caesar hatte sie sogar den Fluss durchquert, nur weil Slade McCafferty sie dazu gedrängt hatte.

Nie würde sie das Glücksgefühl vergessen, als sie auf Caesars Rücken mit der Strömung geschwommen war. Slades blaue Augen hatten vor Freude förmlich getanzt, und er hatte ihr den verborgenen Wildwechsel gezeigt, auf dem man manchmal Hirsche beobachten konnte.

Ihr Herz schmerzte, wenn sie daran dachte. Entschlossen drängte sie die Erinnerungen beiseite und richtete sich im Esszimmer ein provisorisches Büro ein, dank Laptop und Modem kein Problem.

Sie schaute auf die Uhr. „Du solltest dich langsam auf den Weg machen, Parsons“, mahnte sie sich, obwohl ihr Magen sich jedes Mal zusammenziehen wollte, wenn sie daran dachte, Slade Auge in Auge gegenüberzustehen. Dabei war es einfach nur lächerlich.

Seit Jahren schon hatte sie mit Slade McCafferty abgeschlossen. Seit Jahren.

Es war also überhaupt kein Problem, ihm wieder zu begegnen. Ein ganz gewöhnlicher Tag im Leben einer Anwältin, ein Kinderspiel.

Aber warum fühlte ihre Brust sich dann an wie zugeschnürt, warum raste ihr Herz wie verrückt, warum standen ihr Schweißperlen auf der Stirn, obwohl es doch ein kalter Wintertag war? Um Himmels willen, du benimmst dich wie ein alberner Teenager, mahnte sie sich.

Sie zog die Jeans und das alte Lieblingssweatshirt aus und tauschte beides gegen ein schwarzes Kostüm mit Seidenbluse und kniehohen Stiefeln. Dann drehte sie sich das Haar zu einem Knoten und steckte ihn hoch, bevor sie sich im Spiegel über der Kommode betrachtete.

Es lag fast fünfzehn Jahre zurück, dass sie Slade McCafferty das letzte Mal gesehen hatte. In diesen fünfzehn Jahren war sie aufgeblüht, war nicht mehr die freche Achtzehnjährige, die es allen beweisen wollte. Nein, sie war eine erwachsene Frau, die in zwei Jobs gearbeitet hatte, um das College zu schaffen, und schließlich ein Examen in Jura abgelegt hatte.

Die Frau im Spiegel war selbstbewusst, zuverlässig und entschlossen: jeder Zoll die erfolgreiche Anwältin. Aber hinter dem Bild schimmerte noch immer eine andere Janine durch, die, die sie früher gewesen war: das wilde Mädchen, das neu in der Stadt aufgetaucht war, mit schlechten Manieren und einem noch schlechteren Ruf.

Schmetterlinge flatterten in ihrem Magen, als sie daran dachte, dass sie Slade gegenübertreten würde. Doch sogleich schalt sie sich dafür. Was fiel ihr ein, sich auf einmal wieder zu benehmen wie der melodramatische Teenager von damals! Wütend streifte sie sich ihre schwarzen Handschuhe über, schlüpfte in den passenden Wollmantel und griff nach ihrer Aktentasche.

Innerhalb weniger Sekunden war sie die Treppe hinuntergeeilt und hatte Nanas Haus durch die Hintertür verlassen. Janine hielt sich die Aktentasche wie ein Schutzschild vor die Brust, als sie durch den Schnee zu ihrem kleinen Wagen stapfte. In kurzer Zeit würde sie also Slade McCafferty wiedersehen.

Na und?

Bis jetzt war es ein grauenhafter Tag gewesen.

Und er konnte nur schlimmer werden.

Slade lehnte sich mit der Schulter gegen den Fensterrahmen und starrte aus dem Esszimmer auf das verschneite Gelände der Flying M und die bewaldeten Hügel. Ein paar Rinder trotteten gemächlich durch die Winterlandschaft. Die grauen Wolken sahen ganz danach aus, als würde noch mehr Schnee fallen. Slades Hüfte schmerzte ein bisschen und erinnerte ihn daran, dass der Skiunfall vom letzten Jahr noch nicht ganz ausgeheilt war.

An dem langen Tisch, an dem die Familie sich an den Feiertagen und zu besonderen Gelegenheiten versammelte, saß Thorne. Er hatte das weihnachtliche Gesteck aus Stechpalme und Misteln beiseitegeschoben und stapelweise Unterlagen vor sich ausgebreitet.

„Bist du sicher, dass du verkaufen willst?“, fragte Thorne zum hundertsten Mal.

Dabei hatten sie wieder und wieder über das Thema gesprochen.

Slade hielt es nicht für nötig, ihm zu antworten.

„Wo willst du nach dem allem hier hingehen?“

„Keine Ahnung.“ Slade zuckte die Schultern. „Erst mal bleibe ich hier. Vielleicht so lange, bis ich den Kerl zwischen die Finger kriege, der Randi ans Leder wollte.“

Thorne presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. „Kann den Tag kaum erwarten, an dem wir den Kerl endlich schnappen.“ Er schob den Stuhl zurück. „Hast du irgendwas von Striker gehört?“, fragte er und meinte den Privatdetektiv, den sie engagiert hatten. Slade kannte Kurt Striker schon seit Jahren und hatte ihn gebeten, wegen der Anschläge zu ermitteln, die auf seine Halbschwester Randi verübt worden waren. Matts Verlobte Kelly Dillinger unterstützte Strikers Ermittlungen. Früher hatte sie bei der Polizei gearbeitet; vor Kurzem hatte sie dort gekündigt und im Büro des Privatdetektivs angeheuert.

„Nein. Hab ihm heute Morgen eine Nachricht hinterlassen.“

Thorne schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, es wäre endlich vorbei.“

„Das wollen wir alle.“

Wie gern würde Slade die ganze Geschichte hinter sich lassen. Seit er sich auf der Flying M aufhielt, fühlte er sich rastlos. Er brannte darauf, endlich ein neues Leben zu beginnen. Wie auch immer das aussehen mochte. Denn seit Rebecca … nein, er wollte nicht daran denken. Es schmerzte immer noch zu sehr.

Es ist höchste Zeit, dass du die Vergangenheit hinter dir lässt. Such dir ein Zuhause. Gründe eine Familie. Die Stimme seines Vaters echote ihm gespenstisch durch den Kopf.

Im Flur waren Schritte zu hören.

„Entschuldigung, ich bin zu spät …“, grüßte Matt und eilte ins Esszimmer. An seiner Schulter lag Randis Baby. In den zwei Monaten seines Lebens hatte J.R. bereits die Herzen seiner Onkel im Sturm erobert – was viele Frauen in der Gegend niemals für möglich gehalten hätten.

Matt rückte sich das Baby auf der Schulter zurecht. J.R. gab ein merkwürdig glucksendes Geräusch von sich, das Slade ein Lächeln entlockte. Die rötlich blonden Haare des kleinen Jungen standen in alle Richtungen ab, ganz egal, wie oft Randi sie kämmte. Mit seinen großen Augen blickte er neugierig in die Welt, reckte das winzige Näschen in die Höhe und tat so, als gehörte das Haus ihm allein. „Mit diesem kleinen Kerlchen hatte ich alle Hände voll zu tun.“

Thorne lachte. „Das soll wohl eine Entschuldigung sein, was?“

„Nein, keine Entschuldigung. Ich will euch nur erklären, warum ich zu spät komme.“

„Okay. Dann zum Geschäftlichen“, sagte Thorne. „Abgesehen von der Sache mit dem Landverkauf möchte ich prüfen lassen, welche Rechte der Vater des Kindes eventuell einklagen kann.“

„Das wird Randi nicht gefallen“, prophezeite Matt.

„Natürlich nicht. Nicht dass ihr in letzter Zeit überhaupt irgendwas gefallen hätte.“

Stimmt, fügte Slade lautlos hinzu. Aber er konnte seiner Schwester nicht vorwerfen, dass sie unruhig und nervös war. Und dass sie es hasste, eingesperrt zu sein. Schließlich kannte er das Gefühl. Es wurde Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen … sobald der Kerl geschnappt war, der ihr das Leben zur Hölle machte.

„Ich will nur das Beste für sie“, fügte Thorne hinzu.

„Das macht es für sie nur noch schlimmer.“ Slade stützte sich mit der Hüfte an der Tischkante ab.

„Leider. Trotzdem, wenn Ms. Parsons endlich eintrifft, werde ich sie auf die Sache mit J.R.s Vater ansprechen.“

Ms. Janine Parsons. Rechtsanwältin.

Unwillkürlich biss Slade die Zähne zusammen, wenn er an sie dachte. Niemals hatte er damit gerechnet, sie wiederzusehen. Und er hatte es auch nicht gewollt. Wollte es immer noch nicht. Eine Zeit lang hatte er sich mit ihr getroffen. Zugegeben, sie hatten sogar ein paar Dates gehabt. Ihre umwerfende Ausstrahlung hatte das Verlangen nach mehr in ihm geweckt. Aber andererseits hatte er schon viele Frauen in seinem Leben kennengelernt, vor Janine Parsons und nach ihr. Warum so viel Wirbel darum machen?

„Wie komme ich bloß darauf, dass ihr gerade über mich gesprochen habt?“, fragte Randi auf der Schwelle zum Esszimmer. Nach dem Unfall, der sie fast das Leben gekostet hätte, humpelte sie immer noch ein bisschen. Aber sie ging kerzengerade aufgerichtet auf Matt zu und nahm ihm das Baby aus den Armen.

„Wann kommt die Anwältin?“, erkundigte sie sich.

Thorne schaute auf die Uhr. „In einer Viertelstunde.“

„Gut.“ Randi küsste ihren Sohn auf die Stirn, und das Baby gab ein zufriedenes Glucksen von sich. Slade spürte einen Stich in der Herzgegend, als der inzwischen vertraute Schmerz wieder einmal erwachte.Nein, er war nicht neidisch auf Randi. Aber trotzdem erinnerte ihn jeder Blick auf seinen Neffen an den Verlust, den er erlitten hatte.

Seine Schwester hatte unendlich viel durchmachen müssen. Mal abgesehen von den Beinverletzungen, die sie immer noch manchmal vor Schmerz zusammenzucken ließen, litt sie unter einem Gedächtnisproblem. Amnesie. Wenn man ihr glauben durfte.

Slade war nicht restlos überzeugt. Weil er sich nicht sicher war, ob seine Halbschwester ihm die ganze Wahrheit aufgetischt hatte. Ihr Gerede von Gedächtnisverlust wirkte einfach vorgeschoben. Er hatte den Verdacht, dass die Amnesie alles viel einfacher für sie machte. Sie musste keinerlei Erklärungen abgeben. Noch nicht einmal zu dem verdammten Unfall, der sie beinahe umgebracht hatte.

Was zum Teufel war auf der vereisten Straße im Glacier Park geschehen? Slade, seine Brüder und die Polizei wussten nur eines: dass Randi mit ihrem Jeep von der Straße abgekommen und eine Böschung hinuntergerutscht war. War die Straße vereist gewesen? Oder hatte jemand sie absichtlich von der Fahrbahn gedrängt?

Der Privatdetektiv Kurt Striker war von der zweiten Möglichkeit überzeugt. Und er glaubte, dass ein brauner Ford in die Sache verwickelt war. Die Polizei ermittelte noch. Nur Randi allein kannte die ganze Wahrheit. Aber sie machte den Mund nicht auf.

Infolge des Unfalls hatten die Wehen vorzeitig eingesetzt, und das Baby war zu früh geboren worden. Randi hatte innere Verletzungen davongetragen, eine Gehirnerschütterung, Platzwunden, einen gebrochenen Kiefer und ein gebrochenes Bein. Die meiste Zeit der Genesung hatte sie im Koma gelegen, während ihre Brüder fieberhaft nach der Person gefahndet hatten, die ihr und ihrem Baby solches Leid angetan hatte.

Bis jetzt hatten sie nichts erreicht. Wer auch immer für den Anschlag verantwortlich war, er hatte jedenfalls zum zweiten Mal versucht, Randi umzubringen. Er hatte sich als Arzt verkleidet, war in die Klinik eingedrungen und hatte Insulin in Randis Tropf gespritzt. Randi hatte überlebt, wenn auch nur knapp. Und der Verrückte lief immer noch irgendwo da draußen herum.

Randi setzte sich Thorne gegenüber an den Tisch. „Wenn die Anwältin sowieso vorbeischaut, möchte ich mit ihr darüber sprechen, dass der Name von meinem Kleinen auch offiziell geändert wird. J.R. gefällt mir überhaupt nicht.“

„Wie du willst. Wir brauchen sowieso ein paar Angaben für die Geburtsurkunde.“ Thorne sah zu seinem Neffen hinüber. „Aber ich finde, dass J.R. ganz gut zu ihm passt.“

„Ich auch“, stimmte Slade zu. „Wir haben uns auf die Initialen geeinigt, als du im Koma gelegen hast.“

„Schon gut, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Die Abkürzung mag ja ganz praktisch gewesen sein. Jetzt wird er sowieso nur noch J.R. genannt. Aber ich werde seinen Namen offiziell in Joshua Ray ändern lassen. Joshua Ray McCafferty.“

„Es ist dein Kind. Du kannst es nennen, wie immer du möchtest“, bekräftigte Thorne. „Aber ich habe der Anwältin nichts davon gesagt, dass wir außer dem Verkauf der Ranch noch mehr Dinge zu besprechen haben.“

„Wie heißt sie eigentlich?“ erkundigte sich Randi, während sie ihrem Sohn ein Lätzchen umband.

„Janine Parsons, die Juniorpartnerin von Chuck Jensen. Sie ist hier in der Gegend aufgewachsen.“

„Janine?“ Nachdenklich zog Randi die Brauen zusammen. Slade konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Hirn arbeitete, während sie ihre eigenen Schlüsse zog. Na also. Sie suchte seinen Blick.

„Janine hat bei ihrer Großmutter außerhalb der Stadt gelebt.“ Thorne zuckte zusammen, als er das Gipsbein auf dem Stuhl zurechtrückte.

„Nita Parsons. Ja, ich kann mich an sie erinnern. Mom hat mich Klavierunterricht bei ihr nehmen lassen. Die alte Frau war ziemlich streng.“

Die Männer schwiegen. Es gefiel ihnen nicht, an Randis Mutter erinnert zu werden, denn sie war der Grund für die Scheidung ihrer Eltern gewesen. John Randall hatte sich in Penelope Henley verliebt, sich prompt von Larissa scheiden lassen und die viel jüngere Frau geheiratet.

Schon ein halbes Jahr nach der Hochzeitsnacht war Randi zur Welt gekommen. Slade hatte weder seine Stiefmutter noch das Baby besonders gemocht. Aber mit den Jahren hatte er aufgehört, seine Halbschwester für die gescheiterte Ehe seiner Eltern verantwortlich zu machen.

Slade spürte Randis Blick auf sich ruhen. Jetzt würde sie jeden Augenblick die Frage stellen, die er um keinen Preis hören wollte. „Janine und du, ihr seid doch vor vielen Jahren ein Herz und eine Seele gewesen, nicht wahr?“

„Wohl kaum ein Herz und eine Seele. Wir haben uns ein paar Mal getroffen. Keine große Sache.“ Er stopfte seine Hände in die Jeanstaschen und hoffte, dass es damit genug war. Aber schließlich war seine Schwester Journalistin.

„Bestimmt öfter als nur ein paar Mal.

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