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Vermächtnis des Schweigens

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der

gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Heather Gudenkauf

Vermächtnis des Schweigens

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Ivonne Senn

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ALLISON

Ich stehe auf, als ich Devin Kineally auf mich zukommen sehe. Sie trägt wie üblich ihren grauen Anzug, und die Absätze ihrer Pumps klackern auf dem gefliesten Boden. Ich atme tief ein und nehme meine kleine Tasche mit den wenigen Habseligkeiten in die Hand.

Devin ist hier, um mich zum Resozialisierungszentrum in Linden Falls zu bringen, zu dem ich vom Gericht verdonnert worden bin und wo ich mindestens die nächsten sechs Monate wohnen werde. Ich muss beweisen, dass ich mich um mich selbst kümmern, einem Job nachgehen und mich aus allem Ärger heraushalten kann. Nach fünf Jahren darf ich Cravenville endlich verlassen. Ich schaue hoffnungsvoll über Devins Schulter, halte Ausschau nach meinen Eltern, auch wenn ich weiß, dass sie nicht da sind. „Hallo, Allison“, begrüßt Devin mich warmherzig. „Bist du bereit, das hier hinter dir zu lassen?“

„Ja, das bin ich“, erwidere ich mit mehr Selbstvertrauen, als ich habe. Ich werde an einem Ort leben, an dem ich niemals zuvor war, und mit Menschen zu tun haben, die ich noch nie getroffen habe. Ich habe kein Geld, keine Arbeit, keine Freunde, und meine Familie verleugnet mich, doch ich bin bereit. Ich muss es sein.

Devin greift nach meiner Hand, drückt sie leicht und sieht mir direkt in die Augen. „Alles wird gut, weißt du?“

Ich schlucke schwer und nicke. Zum ersten Mal, seit ich zu zehn Jahren in Cravenville verurteilt worden bin, spüre ich Tränen hinter meinen Lidern brennen.

„Ich sage nicht, dass es einfach wird.“ Devin legt mir einen Arm um die Schultern, was für sie nicht leicht ist, weil ich sie um einige Zentimeter überrage. Sie ist zierlich, sanftmütig, aber zäh wie Leder, was eines der Dinge ist, die ich so an ihr liebe. Devin hat immer gesagt, dass sie ihr Bestes für mich geben wird, und das hat sie auch getan. Sie hat immer klargestellt, dass ich ihre Klientin bin, obwohl Mom und Dad ihre Rechnungen bezahlen. Sie ist die einzige Person, die meine Eltern in die Schranken weisen kann. Während unseres zweiten Treffens mit Devin (das erste fand statt, als ich im Krankenhaus war) saßen wir vier an einem Tisch in einem kleinen Konferenzraum im Gefängnis. Meine Mutter hat versucht, den Ton anzugeben. Sie wollte meine Verhaftung einfach nicht akzeptieren, dachte, dass es sich um einen großen Irrtum handele, wollte, dass ich vor Gericht gehe, auf „nicht schuldig“ plädiere und gegen die Anklage vorgehe, den Familiennamen der Glenns reinwasche.

„Hören Sie zu“, hatte Devin meiner Mutter ruhig, aber bestimmt erklärt. „Die Beweise gegen Allison sind überwältigend. Wenn wir vor Gericht gehen, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie für viele Jahre ins Gefängnis muss, vielleicht sogar für immer.“

„Es kann sich nicht so zugetragen haben, wie die Polizei es behauptet.“ Meine Mutter war mindestens ebenso resolut wie Devin. „Wir müssen das richtigstellen. Allison wird nach Hause kommen, ihren Schulabschluss machen und aufs College gehen.“ Sie war verärgert, und ihre Hände zitterten.

Mein Vater, der sich ausnahmsweise einen Nachmittag von seinem Job als Finanzberater freigenommen hatte, stand plötzlich auf, wobei er ein Glas Wasser umstieß. „Wir haben Sie angeheuert, damit Sie Allison hier rausholen“, stieß er aufgebracht hervor. „Also tun Sie Ihren Job, verdammt noch mal!“

Ich habe mich ganz klein auf meinem Stuhl gemacht und erwartet, dass Devin das Gleiche tun würde.

Doch das tat sie nicht. Ganz ruhig legte sie die flachen Hände auf den Tisch, straffte sich, hob das Kinn und erwiderte: „Mein Job ist es, alle Informationen auszuwerten, alle Möglichkeiten zu bedenken und Allison dabei zu helfen, sich für die beste zu entscheiden.“

„Es gibt nur eine Möglichkeit.“ Mein Vater war sehr aufgebracht und fuchtelte mit dem ausgestreckten Zeigefinger vor Devins Gesicht herum. „Allison muss nach Hause kommen!“

„Richard“, ermahnte ihn da meine Mutter auf ihre gelassene, irritierende Art.

Devin zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Wenn Sie den Finger nicht aus meinem Gesicht nehmen, bekommen Sie ihn vielleicht nicht wieder.“

Langsam ließ mein Vater die Hand sinken; seine breite Brust hob und senkte sich unter schnellen Atemzügen.

„Mein Job“, wiederholte Devin und sah meinem Vater direkt in die Augen, „ist es, die Beweise zu sichten und die beste Verteidigungsstrategie zu wählen. Der Staatsanwalt plant, Allison vom Jugendgericht zum Erwachsenengericht zu überstellen und sie wegen Mordes anzuklagen. Sollten wir vor Gericht gehen, wird sie den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen, das garantierte ich Ihnen.“

Verzweifelt vergrub mein Vater das Gesicht in den Händen und fing an zu weinen. Meine Mutter schaute beschämt auf ihren Schoß.

Obwohl Devin mich auf die Anhörung vorbereitet hatte und ich wusste, was mich erwartete, waren die einzigen Worte, die ich hörte, als ich vor dem Richter stand – einem Mann, der genauso aussah wie mein Physiklehrer –, zehn Jahre. Für mich klang das wie ein ganzes Leben. Ich würde mein letztes Jahr in der Highschool verpassen, die Volleyball-, Basketball-, Schwimm- und Fußballsaisons. Ich würde mein Stipendium für die University of Iowa verlieren, niemals mehr Anwältin werden können. Ich erinnere mich daran, über meine Schulter zu meinen Eltern geschaut zu haben. Tränen liefen mir über die Wangen. Meine Schwester war nicht zu der Anhörung gekommen.

„Mom, bitte“, flehte ich, als der Gerichtsdiener mich wegführte. Sie starrte stur geradeaus. Auf ihrem Gesicht war keinerlei Regung zu erkennen. Mein Vater hatte seine Augen fest geschlossen. Er atmete in tiefen Zügen und rang um Fassung. Sie konnten mich nicht einmal ansehen. Ich wäre siebenundzwanzig Jahre alt, wenn ich wieder freikäme. In dem Moment fragte ich mich, ob sie mich vermissen würden oder das Mädchen, das ich für sie sein sollte. Da mein Fall anfangs dem Jugendgericht zugeteilt worden war, hatte mein Name nicht an die Presse weitergegeben werden dürfen. Am gleichen Tag, an dem er dem Erwachsenengericht überstellt wurde, gab es südlich von Linden Falls eine große Flut. Hunderte von Häusern und Geschäften wurden zerstört. Es gab vier Tote. Dank dieser aufregenden Neuigkeiten und der Verbindungen meines Vaters konnte mein Name auch weiterhin aus der Presse herausgehalten werden. Unnötig, die Begeisterung meiner Eltern darüber zu erwähnen, dass der gute Name Glenn somit nicht völlig befleckt wurde.

Ich folge Devin zu ihrem Auto, und zum ersten Mal seit fünf Jahren spüre ich die volle Kraft der Sonne, die nicht durch einen mit Stacheldraht bewehrten Maschendrahtzaun scheint. Es ist Ende August, die Luft ist schwer und heiß. Ich atme tief ein und merke, dass Gefängnisluft nicht wirklich anders riecht als die Luft in Freiheit. „Was willst du als Erstes tun?“, fragt Devin mich. Ich denke sorgfältig nach, bevor ich antworte. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll, jetzt, wo ich Cravenville hinter mir lasse. Ich habe es vermisst, Auto zu fahren – ich hatte meinen Führerschein noch nicht mal ein Jahr, als ich verhaftet wurde. Endlich werde ich etwas Privatsphäre haben. Ich werde ins Badezimmer gehen können, eine Dusche nehmen, essen, ohne dass ein Dutzend Leute mir dabei zusieht. Und auch wenn ich in der Resozialisierungseinrichtung wohnen muss, werde ich doch endlich wieder frei sein.

Es ist seltsam. Ich war fünf Jahre in Cravenville, da würde man doch denken, dass ich es kaum erwarten kann, dort rauszukommen. Aber so ist es nicht. Ich habe hier keine Freundschaften geschlossen, habe keine glücklichen Erinnerungen aus dieser Zeit, und doch habe ich etwas, das ich noch nie in meinem Leben hatte: Frieden. Und das ist ein seltenes, kostbares Gefühl. Wie kann ich in Frieden sein mit dem, was ich getan habe? Ich weiß es nicht, aber ich bin es.

Als ich jünger war – bevor ich ins Gefängnis gekommen bin –, haben die Gedanken sich ständig in meinem Kopf gedreht. Die ganze Zeit über hörte ich eine innere Stimme, die mir zurief: Los, los, los. Meine Noten waren perfekt. Ich betrieb fünf Sportarten: Volleyball, Basketball, Leichtathletik, Schwimmen und Fußball. Meine Freundinnen fanden mich hübsch, ich war beliebt und niemals in irgendwelchen Ärger verwickelt. Aber unter der Oberfläche brodelte es gewaltig. Ich konnte nicht still sitzen, mich nicht ausruhen. Jeden Morgen bin ich um sechs Uhr aufgewacht, um mein Pensum zu laufen oder im Kraftraum der Schule Gewichte zu stemmen. Dann bin ich kurz unter die Dusche gesprungen und habe danach den Müsliriegel und die Banane gegessen, die ich in meinem Rucksack hatte, bevor ein ganzer Tag voller Unterricht begann. Nach der Schule hatte ich Training oder ein Spiel, dann ging ich nach Hause zum Abendessen mit meinen Eltern und Brynn, dann machte ich drei bis vier Stunden Hausaufgaben und lernte. Endlich, endlich, gegen Mitternacht versuchte ich zu schlafen. Aber in der Nacht war es am schlimmsten. Ich lag im Bett, und mein Gehirn konnte nicht abschalten. Ich konnte nicht aufhören, mir darüber Gedanken zu machen, was meine Eltern von mir dachten, was andere von mir hielten, was der nächste Test, das nächste Spiel, das College, meine Zukunft bringen würden.

Ich hatte einen Trick, mit dem ich versucht habe, mich nachts zur Ruhe zu bringen. Ich legte mich auf den Rücken, steckte die Decke um mich herum ganz fest und stellte mir vor, in einem kleinen Boot zu sein. Vor meinem inneren Auge erschien ein See, der so groß war, dass ich das Ufer nicht erkennen konnte. Der Himmel über mir war wie eine umgedrehte Schüssel, schwarz, mondlos und voller blinkender Feenlichter als Sterne. Kein Lüftchen regte sich, aber mein Boot trug mich trotzdem über das glatte, dunkle Wasser. Das einzige Geräusch kam von den träge an den Rumpf schlagenden Wellen. Das beruhigte mich immer, und ich konnte meine Augen schließen und mich ausruhen. Da ich erst sechzehn war, als ich ins Gefängnis kam, wurde ich so lange von den anderen Insassen abgeschottet, bis ich achtzehn wurde.

Nach den ersten fürchterlichen Wochen merkte ich plötzlich, dass ich mein Boot nicht mehr brauchte, und schlief ganz großartig.

Devin schaut mich erwartungsvoll an und wartet darauf, dass ich ihr sage, was ich als Erstes tun möchte, nun, da ich in Freiheit bin. „Ich möchte meine Mom, meinen Dad und meine Schwester sehen“, sage ich und unterdrücke ein Schluchzen. „Ich will nach Hause.“

Ich fühle mich wegen vieler Dinge, die passiert sind, schlecht. Vor allem wegen der Dinge, die ich mit meiner Tat meiner Schwester angetan habe. Ich habe versucht, mich zu entschuldigen, alles wiedergutzumachen, aber das war nicht genug gewesen. Brynn will nichts mehr mit mir zu tun haben.

Zu dem Zeitpunkt, als ich verhaftet wurde, war Brynn fünfzehn und, nun ja, ziemlich unkompliziert. Zumindest dachte ich das. Brynn wurde nie böse, niemals. Es war, als könnte sie ihren Ärger in einer kleinen Kiste verstauen, bis die so voll war, dass nichts mehr hineinpasste und sich alles in ihr in Traurigkeit verwandelte.

Als wir Kinder waren und mit unseren Puppen spielten, habe ich immer die mit dem cremefarbenen, makellosen Gesicht und den weichen, gekämmten Haaren genommen und Brynn die Puppe überlassen, die einen mit wasserfestem Stift aufgemalten Schnurrbart und verfilztes Haar hatte, das mit einer stumpfen Schere schlecht geschnitten worden war. Brynn schien es nie etwas auszumachen. Ich hätte ihr die neue Puppe direkt aus den Händen schnappen können, und ihr Gesichtsausdruck hätte sich nicht verändert. Sie nahm einfach die traurige, zerbrochen aussehende Puppe und nahm sie in den Arm, als wäre sie schon immer ihre erste Wahl gewesen. Ich konnte Brynn dazu bringen, alles für mich zu tun – den Müll rausbringen, staubsaugen. Auch wenn ich eigentlich dran war.

Im Rückblick gab es Zeichen, kleine Risse in Brynns unbeschwerter Persönlichkeit, die kaum zu bemerken waren. Doch wenn ich sehr still beobachtete, konnte ich sie sehen. Und ich entschied mich, sie zu ignorieren.

Mit ihren Fingern zupfte sie die feinen, dunklen Haare einzeln von ihrem Arm, bis die Haut ganz rot und rau war. Sie tat das völlig gedankenverloren, war sich überhaupt nicht bewusst, wie seltsam sie aussah. Nachdem ihre Arme keine Haare mehr hatten, fing sie mit ihren Augenbrauen an. Zog und zupfte sich die Haare aus. Auf mich wirkte es, als versuche sie, sich zu häuten. Unserer Mutter fiel auf, dass Brynns Augenbrauen immer dünner und dünner wurden, und sie versuchte alles, um dem Einhalt zu gebieten. Wann immer Brynn die Hand zu ihrem Gesicht wandern ließ, schlug meine Mutter sie fort. „Willst du seltsam aussehen, Brynn?“, fragte sie. „Ist es das, was du willst? Dass alle anderen Mädchen über dich lachen?“

Brynn hörte auf, ihre Augenbrauen auszuzupfen, aber sie fand andere Wege, sich zu bestrafen. Sie knabberte ihre Fingernägel bis aufs Fleisch herunter, biss sich auf die Innenseiten ihrer Wangen, kratzte und pulte an Wunden und Schorf, bis es eiterte.

Wir waren komplett gegensätzlich. Yin und Yang. Ich bin groß und robust, Brynn ist kleiner und empfindlich. Ich bin eine große, unbeugsame Sonnenblume, ich wende mein Gesicht immer der Sonne zu. Brynn ist wie Schleierkraut, zart und fein, mit gesenktem Kopf in der Brise nickend. Auch wenn ich es ihr nie gesagt habe, liebe ich sie mehr als alles und jeden auf der Welt. Ich habe ihre Liebe als selbstverständlich vorausgesetzt und angenommen, meine Schwester wäre immer auf Abruf da, würde immer zu mir aufsehen. Aber ich scheine für sie nicht mehr zu existieren. Und ich kann ihr daraus noch nicht mal einen Vorwurf machen.

Einen Brief nach dem anderen habe ich an Brynn geschrieben, aber sie hat mir nie geantwortet. Das war das Schlimmste am Gefängnis. Jetzt, wo ich frei bin, kann ich zu Brynn gehen, dafür sorgen, dass sie mich sieht, dass sie mir zuhört. Das ist alles, was ich will. Zehn Minuten mit ihr, und alles wird wieder gut.

Als wir ins Auto steigen und von Cravenville wegfahren, scheint mein Magen vor Aufregung und Angst Purzelbäume zu schlagen. Ich sehe, dass Devin zögert. „Vielleicht sollten wir erst mal irgendwo anhalten und etwas essen, bevor ich dich ins Gertrude House bringe. Danach kannst du deine Eltern anrufen“, sagt sie.

Ich will nicht ins Gertrude House. Da werde ich vermutlich die sein, die wegen des schlimmsten Verbrechens verurteilt worden ist. Sogar eine heroinabhängige Prostituierte, die wegen bewaffneten Raubüberfalls und Mordes verurteilt wurde, würde mehr Mitgefühl ernten als ich. Es ist viel sinnvoller, wenn ich bei meinen Eltern bleibe, in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, an das ich wenigstens ein paar gute Erinnerungen habe. Auch wenn dort etwas Fürchterliches passiert ist, sollte ich dort sein – zumindest für den Moment.

Aber auf Devins Gesicht kann ich ganz klar ablesen, dass meine Eltern mich nicht sehen und nichts mit mir zu tun haben wollen. Sie wollen nicht, dass ich nach Hause komme.

BRYNN

Ich bekomme Allisons Briefe. Manchmal wünsche ich mir, ihr zurückschreiben zu können, sie zu besuchen, mich ihr gegenüber wie eine Schwester zu benehmen. Aber irgendetwas hält mich immer zurück. Grandma sagt, ich soll mit Allison reden, versuchen, ihr zu vergeben. Aber das kann ich nicht. Es ist, als wenn in jener Nacht vor fünf Jahren etwas in mir zerbrochen ist. Es gab eine Zeit, da hätte ich alles gegeben, um Allison eine echte Schwester zu sein, ihr so nah zu sein wie damals, als wir noch Kinder waren. In meinen Augen hat sie immer alles gekonnt. Ich war so stolz auf sie; nicht eifersüchtig, wie einige Leute dachten. Ich wollte nie Allison sein; ich wollte nur ich selbst sein, was niemand verstehen konnte, vor allem meine Eltern nicht.

Allison war die erstaunlichste Person, die ich kannte. Sie war klug, sportlich, beliebt und schön. Jeder liebte sie, auch wenn sie gar nicht so nett war. Sie war nie wirklich gemein zu irgendwem, aber sie musste sich nie anstrengen, damit die Leute sie mochten. Sie taten es einfach. Allison bewegte sich so einfach durchs Leben, dass ich nur danebenstehen und zusehen konnte.

Bevor Allison der Stolz von Linden Falls wurde, bevor meine Eltern all ihre Hoffnungen in sie setzten, bevor sie aufhörte, mir die Hand hinzuhalten, um mir zu versichern, dass alles gut würde, waren Allison und ich unzertrennlich. Wir wuchsen auf wie Zwillinge, auch wenn wir uns überhaupt nicht ähnlich sahen. Allison war – ist – vierzehn Monate älter als ich, groß und hat langes, glattes weißblondes Haar. Sie hat silbrig blaue Augen, die sowohl direkt durch einen hindurchschauen als einem auch das Gefühl geben konnten, der einzige Mensch zu sein, der ihr etwas bedeutete. Das hing ganz von ihrer Stimmung ab. Ich war klein und gewöhnlich, hatte Haare in der Farbe von vertrocknetem Eichenlaub.

Aber es hat eine Zeit gegeben, in der wir beide das Gleiche gedacht haben. Als Allison fünf und ich vier war, haben wir unsere Eltern angebettelt, uns ein Zimmer teilen zu dürfen, auch wenn unser Haus fünf Schlafzimmer hatte und wir uns jeder eines hätten aussuchen können. Aber wir wollten zusammen sein. Als unsere Mutter schließlich zustimmte, schoben wir unsere zueinanderpassenden Zwillingsbetten zusammen, und unser Vater hängte meterweise pinkfarbenen Stoff darüber, den wir zuziehen konnten. In diesem Zelt verbrachten wir Stunden damit, zusammen zu spielen oder uns gemeinsam Bücher anzusehen.

Die Freundinnen unserer Mutter bekamen sich wegen unserer engen Beziehung gar nicht mehr ein. „Ich weiß nicht, wie du das machst“, sagten sie zu ihr. „Wie hast du es nur geschafft, dass deine Mädchen sich so gut verstehen?“

Unsere Mutter lächelte dann immer stolz. „Man muss ihnen nur beibringen, was Respekt bedeutet“, erklärte sie auf ihre leicht hochmütige Art. „Wir erwarten, dass sie einander gut behandeln, und deshalb tun sie das auch. Und wir finden es wichtig, viel Zeit gemeinsam als Familie zu verbringen.“

Wenn meine Mutter so redete, verdrehte Allison immer nur die Augen, und ich hielt mir die Hand vor den Mund, um mein Grinsen zu verstecken. Wir verbrachten zwar viel Zeit gemeinsam als Familie – will heißen, wir befanden uns oft im gleichen Raum –, sprachen aber nie wirklich miteinander.

Allison war zwölf, als sie entschied, aus unserem gemeinsamen Zimmer in ein eigenes zu ziehen. Ich war am Boden zerstört. „Warum?“, fragte ich. „Warum willst du ein eigenes Zimmer?“

„Ich will es einfach“, gab sie zurück und drängte sich mit einem Arm voller Klamotten an mir vorbei.

„Du bist böse. Was hab ich getan?“ Ich folgte ihr in ihr neues Zimmer, das direkt neben dem lag, das wir uns geteilt hatten.

„Nichts, Brynn. Du hast nichts getan. Ich will nur etwas Privatsphäre“, erklärte sie, während sie die Kleidung in ihren neuen Schrank sortierte. „Ich bin doch gleich nebenan. Es ist nicht so, als würden wir uns nie wiedersehen. Meine Güte, Brynn, du fängst doch jetzt nicht etwa an zu weinen, oder?“

„Ich weine nicht“, erwiderte ich und blinzelte die Tränen fort.

„Dann komm und hilf mir, das Bett rüberzubringen.“ Sie packte mich am Arm und führte mich zurück in unser Zimmer. Mein Zimmer. Als wir die Matratze durch die Tür und über den Flur zogen und zerrten, wusste ich, dass es nie wieder so sein würde wie vorher. Ich sah zu, wie sie ihre Schul- und Sportmedaillen, Trophäen und Abzeichen in ihrem neuen Zimmer arrangierte, und merkte, dass wir uns nicht länger ähnlich waren. Allison war mehr und mehr mit ihren Freundinnen und außerschulischen Aktivitäten beschäftigt. Sie war gebeten worden, Mitglied eines sehr wettbewerbsorientierten Volleyballteams zu werden, das viel reiste. Beinah jede freie Minute verbrachte sie damit, zu trainieren, zu lernen oder zu lesen. Und alles, was ich wollte, war, mit Allison zusammen zu sein.

Meine Eltern hatten kein Mitleid mit mir. „Brynn“, sagte meine Mutter. „Werd erwachsen. Natürlich will Allison ein eigenes Zimmer haben. Es wäre seltsam, wenn dem nicht so wäre.“

Ich wusste immer, dass ich ein wenig anders war als die anderen Kinder, aber ich hatte mich nie als seltsam empfunden – bis meine Mutter diesen Satz sagte. Ich fing an, mich im Spiegel zu betrachten, um zu prüfen, ob man sehen konnte, dass ich anders war als die anderen. Meine braunen, lockigen Haare sprangen wild um meinen Kopf, wenn ich sie nicht mit der Bürste bändigte. Was von meinen Augenbrauen übrig geblieben war, bildete zwei kurze, dünne Kommata über meinen braunen Augen, die mir einen ständig fragenden Ausdruck verliehen. Meine Nase war durchschnittlich – nicht zu groß, nicht zu klein. Ich wusste, dass ich eines Tages sehr schöne Zähne haben würde, aber als ich elf war, waren sie in einer festen Zahnspange gefangen, die sie in Reih und Glied zwang – wie kleine, aufrechte Soldaten, die sich zum Appell meldeten. Abgesehen von meinen Augenbrauen fand ich nicht, dass ich komisch aussah. Ich entschied, dass es etwas in meinem Inneren sein musste, das so seltsam war. Ich schwor, diesen Teil von mir im Verborgenen zu halten. Ich blieb stets im Hintergrund, beobachtete, äußerte nie eine Meinung oder Idee. Nicht, dass mich jemals jemand darum gebeten hätte. Mit Allison in der Nähe war es einfach, nicht weiter aufzufallen.

In der ersten Nacht allein in meinem Zimmer weinte ich. Der Raum fühlte sich viel zu groß für eine Person an. Er sah nackt aus, nur mit meinem schmalen Bücherregal, einer Kommode und einigen verstreuten Stofftieren. Ich weinte, weil die Schwester, die ich liebte, mich offensichtlich nicht mehr um sich haben wollte. Einfach so hatte sie mich zurückgelassen.

Bis sie sechzehn war und mich endlich wieder brauchte.

Ich hätte an dem Abend gar nicht zu Hause sein sollen. Ich wollte mit Freunden ins Kino gehen – bis meine Mutter herausfand, dass Nathan Canfield auch dabei wäre. Davon wollte sie nichts wissen. Er war mal mit Alkohol oder so erwischt worden und nicht die Art Freund, mit der ich in Verbindung gebracht werden sollte, sagte sie. Also wurde mir verboten, an dem Abend auszugehen.

Ich frage mich oft, wie anders mein Leben verlaufen wäre – unser aller Leben –, wenn ich an dem Abend in irgendeinem Kinosaal gesessen und mit Nathan Canfield Popcorn gegessen hätte, anstatt zu Hause zu sein.

Ich weiß nicht, wie Allison jetzt aussieht. Ich stelle mir vor, dass das Gefängnis nicht gerade dazu beiträgt, dass man sein gutes Aussehen behält. Ihre einst hohen Wangenknochen könnten jetzt unter Bergen von Fett begraben sein, ihr langes, glänzendes Haar könnte sich in eine krause Matte verwandelt haben und kurz geschnitten sein. Ich weiß es nicht. Ich habe Allison nicht mehr gesehen, seitdem die Polizei sie abgeholt hat.

Ich vermisse meine Schwester, die Schwester, die meine Hand gehalten halt, als ich an meinem ersten Vorschultag den ganzen Weg bis zu meinem Klassenzimmer geweint habe. Die, die mir geholfen hat, Wörter zu buchstabieren, bis ich sie in- und auswendig kannte. Die versucht hat, mir beizubringen, wie man Fußball spielt. Diese Allison vermisse ich. Die andere … überhaupt nicht. Ich könnte meine Schwester für den Rest meines Lebens nie wiedersehen und hätte keinerlei Probleme damit. Nachdem sie ins Gefängnis gekommen war, bin ich durch die Hölle gegangen. Jetzt endlich habe ich das Gefühl, im Haus meiner Großmutter ein Heim gefunden zu haben. Ich habe meine Freunde, meine Schule, meine Oma, meine Tiere, und das reicht mir.

Ich habe Angst, herauszufinden, wie die fünf Jahre im Gefängnis Allison verändert haben. Sie war immer so schön und selbstsicher. Was, wenn sie nicht mehr das gleiche Mädchen ist, das Jimmy Warren, den Rüpel aus der Nachbarschaft, mit einem Blick zum Schweigen bringen konnte? Was, wenn sie nicht mehr das gleiche Mädchen ist, das acht Meilen laufen und dann einhundert Sit-ups machen konnte, ohne auch nur schwerer zu atmen?

Oder schlimmer noch, was, wenn sie noch die Gleiche ist? Was, wenn sie sich überhaupt nicht verändert hat?

ALLISON

Ich denke, meine Schwester weiß nicht mal, dass ich aus dem Gefängnis entlassen werde. Zwei Jahre nach meiner Verurteilung hat sie ihren Highschool-Abschluss gemacht und ist nach New Amery gezogen, einem Städtchen zweieinhalb Stunden nördlich von Linden Falls, wo mein Vater aufgewachsen ist. Sie lebt bei unserer Grandma. Das Letzte, was ich gehört habe, ist, dass sie auf dem Community College etwas studiert, das sich Haustierwissenschaft nennt. Brynn hat Tiere schon immer geliebt. Ich bin froh, dass sie sich ein Studium ausgewählt hat, das zu ihr passt. Wenn es nach dem Willen meiner Eltern gegangen wäre, hätte Brynn an meiner Stelle Jura studieren müssen.

Brynn antwortet immer noch nicht auf meine Briefe und will auch nicht am Telefon mit mir sprechen, wenn ich sie bei Grandma anrufe. Ich meine, ich versteh das. Ich verstehe, warum sie nichts mit mir zu tun haben will. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, hätte ich vermutlich das Gleiche getan. Aber ich hätte nie so lange von ihr fernbleiben können. Fünf ganze Jahre hat sie mich ignoriert. Ich weiß, ich habe sie als selbstverständlich angesehen, aber ich war noch ein Kind. Dafür, dass ich so klug war, wusste ich überhaupt nichts. Heute sehe ich die Fehler, die ich damals gemacht habe. Ich weiß nur nicht, wie ich meine Schwester zurückgewinnen, wie ich sie dazu bringen kann, mir zu verzeihen.

Während der Fahrt nach Linden Falls sprechen Devin und ich nicht viel, und das ist auch in Ordnung. Devin war nicht viel älter, als ich jetzt bin, als meine Eltern sie angeheuert haben, um mich zu vertreten. Frisch aus der Law School kam sie nach Linden Falls, weil ihr Sweetheart vom College hier aufgewachsen ist und sie heiraten und eine gemeinsame Kanzlei eröffnen wollten. Die Hochzeit hat nie stattgefunden. Er ist weggezogen, sie ist geblieben. Ohne Devin hätte ich vermutlich viel, viel länger im Gefängnis gesessen. Ich schulde ihr eine Menge.

„Du musst ein ganz neues Leben anfangen, Allison“, sagt Devin mir, während sie auf den Highway fährt, der den Druid River passiert und dann nach Linden Falls führt. Ich nicke, sage aber nichts. Ich will mich freuen, aber hauptsächlich verspüre ich Angst. In die Stadt zu fahren, in der ich geboren und aufgewachsen bin, macht mich schwindelig. Ich presse die Hände gegeneinander, um das Zittern unter Kontrolle zu bringen. Erinnerungen stürmen auf mich ein, als wir an der Kirche vorbeifahren, die ich jeden Sonntag besucht habe, an meiner Grundschule und der Highschool, wo ich nie einen Abschluss gemacht habe. „Alles in Ordnung mit dir?“, will Devin wissen.

„Ich weiß nicht“, antworte ich ehrlich und lehne meinen Kopf gegen die kühle Seitenscheibe. Wir fahren schweigend weiter, am St. Anne’s College vorbei, wo ich Christopher das erste Mal gesehen habe, vorbei an der Straße, an der wir abbiegen würden, wollten wir zu dem Haus fahren, in dem ich aufgewachsen bin. Am Fußballplatz vorbei, auf dem mein Team drei Mal in Folge die Stadtmeisterschaft gewonnen hat. „Halt“, sage ich plötzlich. „Bitte fahr hier mal rechts ran.“ Devin lenkt den Wagen auf das Grundstück des Fußballplatzes und stellt ihn neben einem Spielfeld ab, auf dem eine Gruppe jugendlicher Mädchen einen Fußball herumkickt. Ich steige aus dem Auto und schaue ein paar Minuten von der Seitenlinie aus zu. Die Mädchen sind total in ihr Spiel vertieft. Von der Anstrengung haben sie rote Gesichter, und ihre Haare sind nass geschwitzt.

„Kann ich mitspielen?“, frage ich schüchtern. Ich klinge überhaupt nicht wie ich. Die Mädchen bemerken mich nicht mal und spielen einfach weiter. „Kann ich mitspielen?“, versuche ich es erneut, dieses Mal lauter, und ein kleines, stämmiges Mädchen, das die braunen Haare mit einem Band zurückhält, bleibt stehen und beäugt mich skeptisch. „Nur eine Minute“, sage ich.

„Sicher“, erwidert sie und läuft wieder dem Ball hinterher.

Vorsichtig betrete ich das Spielfeld. Das Gras hat eine tiefe smaragdgrüne Farbe, und ich beuge mich vor, um es zu berühren. Es ist weich und nass von dem kürzlichen Regenschauer. Ich fange an zu laufen. Erst langsam, dann immer schneller. Ich habe versucht, im Gefängnis in Form zu bleiben, bin auf dem eingezäunten Innenhof Runden gelaufen, habe in meiner Zelle Liegestütze und Sit-ups gemacht. Aber das Fußballfeld ist mindestens neunzig Meter lang, und sehr schnell komme ich außer Atem und muss anhalten. Ich beuge mich vor, stütze mich mit den Händen auf den Knien ab. Meine Muskeln schmerzen bereits.

Die Mädchen kommen in meine Richtung. Ihre Haut ist gebräunt und gesund im Vergleich zu meiner eigenen weißen Haut, die so wenig Sonne abbekommen hat. Jemand passt den Ball zu mir herüber, und alles ist plötzlich wieder da. Das vertraute Gefühl des Balles zwischen meinen Füßen, der Instinkt, zu wissen, wohin ich mich bewegen muss. Ich flitze zwischen den Mädchen hindurch und dribble und passe den Ball über das Spielfeld. Eine Minute lang kann ich vergessen, dass ich ein einundzwanzigjähriger Exhäftling bin, an dem das Leben bereits vorbeigezogen ist. Ein Mädchen schießt den Ball zu mir, und ich spiele mich frei und ziehe davon. In meinen billigen Turnschuhen ohne Stollen rutsche ich, fange mich aber schnell wieder. Die Mittelfeldspielerin nähert sich mir, ich täusche links an, lasse sie hinter mir zurück und schicke einen Querpass zu dem Mädchen mit dem Haarband. Es schießt den Ball über die Schulter der Torhüterin ins Tor, und die Mädchen brechen in lauten Jubel aus. Eine Minute lang kann ich mir vorstellen, wieder dreizehn zu sein und mit meinen Freundinnen zu spielen, und ich lächle und lache und wische mir den Schweiß von der Stirn.

Dann schaue ich zum Spielfeldrand und sehe Devin, die dort mit einem amüsierten Gesichtsausdruck geduldig auf mich wartet. Ich muss albern aussehen, eine erwachsene Frau in Kakihosen und Poloshirt, die mit einer Gruppe Kinder Fußball spielt.

„Du bist ein Naturtalent“, sagt Devin, als wir gemeinsam zurück zu ihrem Auto gehen.

„Ja, was mir im Moment ja auch unglaublich viel nützt“, erwidere ich leicht beschämt. Ich bin froh, dass mein Gesicht bereits von der Anstrengung rot ist.

„Man kann nie wissen. Komm, wir haben noch ein wenig Zeit, bevor sie uns im Gertrude House erwarten. Lass uns was essen gehen.“

Als Devin vor dem Resozialisierungszentrum vorfährt, in dem ich die nächsten sechs Monate wohnen werde, fängt es wieder an zu regnen. Es ist ein altes Haus im viktorianischen Stil mit abblätternder weißer Farbe, schwarzen Fensterläden und einer umlaufenden Veranda mit weißen Schindeln. „Ich hatte es mir nicht so groß vorgestellt.“ Ich schaue an der Fassade hoch. Es wäre Furcht einflößend, wenn es nicht den schönen Vorgarten hätte.

„Es hat sechs Zimmer für jeweils zwei bis drei Frauen“, erklärt Devin. „Du wirst Olene mögen. Sie hat das Gertrude House vor ungefähr fünfzehn Jahren gegründet. Ihre Tochter ist gestorben, nachdem sie aus dem Gefängnis entlassen wurde. Olene dachte, wenn Trudy nach ihrer Entlassung einen Ort gehabt hätte, an den sie hätte gehen können, eine dem Gericht unterstellte Einrichtung, würde sie heute noch leben. Also hat sie Gertrude House eröffnet, um Frauen nach dem Gefängnis darauf vorzubereiten, sich wieder erfolgreich in die Gesellschaft zu integrieren und ein eigenständiges Leben zu führen.“

„Wie ist sie gestorben?“, will ich wissen. Wir steigen aus dem Auto aus und gehen zur Vordertür.

„Trudy hat sich geweigert, wieder bei ihrer Mutter einzuziehen. Stattdessen ist sie bei ihrem Freund eingezogen, durch den sie überhaupt erst drogenabhängig geworden war. Drei Tage nach ihrer Entlassung ist sie an einer Überdosis gestorben. Olene hat sie gefunden.“

Ich weiß nicht, was ich sagen soll, also eilen wir schweigend aus dem Regen auf die überdachte Veranda. Devin klopft an die Tür, und eine Frau um die sechzig in einer formlosen Kittelschürze erscheint. Sie ist dünn, hat kurz geschnittenes silberfarbenes Haar und gebräunte, ledrige Haut. Sie sieht aus wie eine Karotte, die man zu lange im Gemüsefach gelagert hat.

„Devin!“, ruft sie und schließt meine Anwältin in die Arme, wobei die silbernen Armreifen an ihren dünnen Handgelenken klimpern.

„Hallo, Olene“, sagt Devin lachend. „Es ist immer schön, dich zu sehen.“

„Du musst Allison sein.“ Olene lässt Devin los und nimmt meine Hand. Ihre Hand ist warm, und die alte Frau hat einen erstaunlich festen Händedruck. „Es ist so schön, dich kennenzulernen“, sagt sie leise, und ihre Stimme klingt rau. Es ist die Stimme einer Raucherin. „Willkommen in Gertrude House.“ Aus ihren grünen Augen schaut sie mich unverwandt an.

„Es ist auch schön, Sie kennenzulernen“, gebe ich zurück.

„Oh“, erwidert Olene, „wir duzen uns hier alle. Komm rein, dann erhältst du die große Führung.“ Sie betritt das Foyer. Ich schaue Devin an, in mir regt sich leichte Panik. Devin nickt mir ermutigend zu.

„Ich muss zurück ins Büro, Allison. Ich rufe dich morgen an, okay?“ Sie sieht die Sorgenfalten in meinem Gesicht und beugt sich vor, um mich zu umarmen. Auch wenn mein Körper steif und angespannt ist, bin ich dankbar für die Berührung. „Bye, Olene, und danke“, sagt Devin. An mich gewandt fügt sie hinzu: „Sei tapfer. Alles wird gut. Ruf mich an, wenn du was brauchst.“

„Mir geht es gut.“ Ich sage das mehr zu meiner als zu Devins Beruhigung. „Mach dir keine Sorgen.“ Ich sehe ihr hinterher, wie sie schnell die Verandastufen hinunter- und zu ihrem Wagen läuft, zurück in ihr eigenes Leben. Das könnte ich sein, denke ich. Ich könnte einen grauen Hosenanzug anhaben und Klienten in meinem teuren Auto herumfahren. Stattdessen trage ich einen Rucksack, in dem sich alles befindet, was ich besitze, und ziehe in ein Haus mit Leuten, denen ich in meinem anderen Leben keinen zweiten Blick gegönnt hätte. Ich drehe mich wieder zu Olene um. Sie mustert mich eindringlich und hat einen Ausdruck im Gesicht, den ich nicht ganz deuten kann. Mitleid? Traurigkeit? Erinnerungen an ihre Tochter? Ich weiß es nicht.

Sie räuspert sich und fängt mit der Führung an. „Im Moment haben wir hier zehn Bewohner – beziehungsweise elf, jetzt, wo du da bist. Du teilst dir ein Zimmer mit Bea. Nette Frau. Sie war mal Bibliothekarin.“ Olene nickt in Richtung eines langen, quadratischen Raums zu ihrer Linken. „Das ist unser Raum für Meetings. Hier treffen wir uns jeden Abend um sieben. Das da ist das Esszimmer. Abendessen ist pünktlich um sechs. Um Frühstück und Mittagessen musst du dich selber kümmern. Die Küche ist da gerade durch – ich zeige sie dir am Ende der Tour. Wie so oft ist auch im Gertrude House die Küche das Herz des Ganzen.“

Olene geht jetzt schneller, und ich muss mich konzentrieren, mit ihr mitzuhalten, anstatt stehen zu bleiben und jeden Raum einzeln auf mich wirken zu lassen. Nach meiner schlichten Gefängniszelle ist Gertrude House wie ein Angriff auf alle Sinne. Es gibt hell gestrichene Wände, Bilder und Fotos, Möbel, und überall steht Krimskrams herum. In einer Ecke des Hauses spielt Musik, und ich denke, ich höre ein Baby weinen. Auf meinen fragenden Blick hin erklärt Olene: „Familienmitglieder dürfen zu Besuch kommen. Das Weinen kommt von Kaseys Baby. Kasey verlässt uns nächste Woche, um zu ihrem Mann und den Kindern zurückzuziehen.“

„Warum ist sie hier?“, frage ich, während Olene mich zu einem Raum führt, der offensichtlich als Familienzimmer dient.

„Im Gertrude House konzentrieren wir uns nicht auf unsere Verbrechen. Wir versuchen, unser Augenmerk darauf zu richten, wie wir das Leben jedes Einzelnen hier besser machen und den anderen Bewohnern helfen können, ihre Ziele zu erreichen. Abgesehen davon“, Olene schüttelt kurz den Kopf, „machen Neuigkeiten hier schnell die Runde, und du wirst die anderen bald schon gut kennenlernen.“

Ich bin mit einem Mal sehr müde und frage mich, ob Olene mich bald zu meinem Zimmer bringt. Ich will einfach nur unter die Decke krabbeln und schlafen. Wir kommen an einer kleinen, untersetzten Frau vorbei. Sie hat schwarze Haare, die ihr bis zur Taille reichen, und mehrere Piercings in Nase und Lippen. „Allison, das ist Tabatha. Tabatha, das ist Allison Glenn. Sie teilt sich ein Zimmer mit Bea.“

„Ich weiß, wer du bist“, feixt Tabatha und wirft ihr Haar zurück, um einen großen Eimer mit Reinigungsutensilien in die Hand zu nehmen. Ich habe nie wirklich gedacht, dass ich den Grund, warum ich im Gefängnis war, verheimlichen könnte, aber ich wäre viel lieber als das Mädchen bekannt, das Autos gestohlen oder Kokain geschnupft oder sogar seinen Ehemann erschlagen hat, als als das, das ich nun mal bin.“

„Nett, dich kennenzulernen“, sage ich, und Tabatha stößt einen derart verächtlichen Laut aus, dass ich fürchte, eines ihrer Nasenpiercings fliegt gleich raus und trifft mich an der Brust. Ich denke an meine Freundin Katie und muss beinahe lachen. Als wir vierzehn waren, hat sie sich ohne Wissen ihrer Eltern den Nabel piercen lassen. Als sie mir das Piercing zeigte, war es ganz eitrig und infiziert. Ich habe versucht, ihr zu helfen, aber sie war kitzelig und hat sich jedes Mal gewunden, wenn ich auch nur in die Nähe ihres Bauchs kam. Brynn war hereingekommen, während ich Katie half, die Wunde zu reinigen, und wir konnten nicht aufhören zu lachen. Jedes Mal, wenn Brynn und ich jemanden mit einem ungewöhnlichen Piercing sahen, brachen wir in lautes Gekicher aus.

Ich entscheide mich, Tabatha zu ignorieren, und wende mich an Olene. „Dürfen wir hier das Telefon benutzen? Kann ich meine Schwester anrufen?“

BRYNN

Ich höre das Telefon klingeln, und meine Grandma ruft: „Ich geh schon!“ Eine Minute später kommt sie in die Küche, wo ich mir gerade ein Sandwich mache. Ich sehe den Ausdruck auf ihrem Gesicht und weiß, dass es etwas mit Allison zu tun hat. „Es ist deine Schwester“, sagt sie, doch ich schüttle bereits den Kopf. „Brynn, ich denke, du solltest mit ihr sprechen.“

Meine Großmutter versucht, ernst zu klingen, aber ich weiß, dass sie mich nie zwingen würde, mit Allison zu reden. „Nein“, sage ich und fahre fort, Erdnussbutter auf meiner Brotscheibe zu verstreichen.

„Früher oder später wirst du dich mit ihr unterhalten müssen“, erklärt sie geduldig. „Ich denke, dann wirst du dich besser fühlen.“

„Ich will nicht mit ihr reden“, erwidere ich entschieden. Ich kann meiner Grandma gegenüber nicht böse werden. Ich weiß, dass sie zwischen den Stühlen sitzt. Sie will nur das Beste für uns beide.

„Brynn, wenn du weder am Telefon mit ihr sprichst noch ihre Briefe beantwortest, wird Allison einen anderen Weg finden.“

Plötzlich ist es klar. Ich schaue in ihre alten, freundlichen blauen Augen. Allison kommt aus dem Gefängnis. Nach allem, was ich weiß, ist sie vielleicht sogar schon draußen.

Meine Hände fangen an zu zittern, und ein Klecks Erdnussbutter fällt vom Messer auf den Boden. Ich habe Angst, dass sie hier unerwartet auftaucht. Dass ich hinten im Garten bin, meinen Schäferhund-Chowchow-Mischling Milo trainiere, an einem Leckerchen vorbeizugehen, ohne es zu fressen, mich umdrehe und sie dasteht und mich ansieht. Auf die Worte wartet, von denen ich weiß, dass sie nicht kommen werden. Was hätte ich ihr auch zu erzählen? Was könnte sie mir noch mehr sagen als das, was sie in all ihren Briefen geschrieben hat? Auf wie viele Arten kann jemand sagen, dass es ihm leidtut?

Ich bücke mich, um die Erdnussbutter mit einem Papiertuch aufzuwischen, aber Milo ist schneller. „Ich kann nicht mit ihr reden.“

Meine Großmutter presst die Lippen aufeinander und schüttelt geschlagen den Kopf. „Gut, ich werde es ihr sagen. Aber, Brynn, du musst dich ihr irgendwann stellen.“ Ich antworte nicht, folge ihr aber ins Wohnzimmer und sehe zu, wie sie den Telefonhörer wieder in die Hand nimmt.

„Allison?“ Die Stimme von Grandma zittert leicht, so aufgewühlt ist meine Großmutter. „Brynn kann nicht ans Telefon kommen.“ Es entsteht eine kleine Pause, in der sie zuhört. „Ihr geht es gut … sehr gut …“

Ich ertrage es nicht mehr. Schnell gehe ich zurück in die Küche, schnappe mir mein Sandwich und gehe durch die Hintertür zu meinem Auto. Tiere sind so viel einfacher als Menschen. Das habe ich schon vor langer Zeit gelernt. Meine Eltern haben mir nie erlaubt, ein Haustier zu haben – zu haarig, zu schmutzig, zu arbeitsintensiv. Jedes Mal, wenn ich einen Streuner mit nach Hause gebracht habe, habe ich gehofft und gebetet, dass sie mir dieses Mal erlauben würden, ihn zu behalten. Nur dieses eine Mal. Ich habe versucht, sie aufzuhübschen – habe ihnen das Fell gekämmt, sie mit Körperspray eingesprüht, ihre Zähne mit einer alten Zahnbürste geschrubbt. Uralte, arthritische Hunde … einäugige Katzen mit eingerissenen Ohren. Ich habe sie stolz meinen Eltern vorgeführt. Seht ihr, wie gut sie ist? Seht ihr, wie weich das Fell ist? Wie zahm, süß, klug sie ist? Seht ihr, wie einsam ich bin? Seht ihr das? Aber nein. Keine Haustiere. Mein Dad hat mich mit dem Streuner zur Abgabestelle im Tierheim gefahren, und jedes Mal habe ich geweint und das Tier so fest gehalten, dass es sich zappelnd und schnappend zu befreien versuchte.

Meine Großmutter erlaubt mir Tiere im Haus, auch wenn sie die Grenze bei fünf gezogen hat. Wir haben zwei Katzen, einen Beo, ein Meerschweinchen und Milo. Grandma sagt, genug ist genug, sie will nicht zu einer dieser verschrobenen alten Katzenladies werden, zu der der Tierschutz ausrücken muss.

Ich trainiere Milo, damit er ein Therapiehund wird. Er lernt, Sitz-Bleib und Platz-Bleib für dreißig Sekunden zu halten und dann auf Zuruf zu kommen. Grandma hilft mir, ihm beizubringen, ruhig sitzen zu bleiben, wenn zwei Leute sich streiten. Wir denken uns dumme Streite darüber aus, wer dran ist, den Müll rauszubringen oder das Abendessen zu kochen. Ich denke, Milo weiß, dass wir es nicht ernst meinen. Er gähnt einfach nur und legt sich hin und schaut von einem zum anderen, bis wir beide anfangen zu lachen. Ich hoffe, dass ich Milo, wenn wir mit dem Training fertig sind, mit in Pflegeheime und Krankenhäuser nehmen kann. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Tiere helfen können, Schmerzen und Ängste der Kranken und Alten zu lindern. Eines Tages möchte ich meine eigene Firma aufmachen und Therapietiere trainieren. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen Plan. Und noch dazu einen guten. Ich will nicht, dass mich irgendjemand oder irgendetwas davon abhält, mein Ziel zu erreichen. Nicht meine Eltern und schon gar nicht meine Schwester.

Wenn Allison nur das getan hätte, was sie immer getan hat – die richtige Wahl treffen –, dann könnte alles so anders sein. Sie hätte nicht weggehen müssen. Unsere Eltern wären glücklich, und ich hätte einfach mit dem Hintergrund verschmelzen können, wo ich hingehöre. Aber das hat sie nicht getan. Sie hat es im großen Stil vermasselt und mich allein mit unseren Eltern in dem Haus zurückgelassen.

Ich war nicht das perfekte Mädchen wie sie, und das werde ich auch niemals sein. Oh, aber ich habe es versucht. Die ganze Highschool hindurch gab es nur Druck, Druck, Druck. In dem Haus konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, konnte keine Entscheidung treffen, konnte nicht atmen. Ich habe versucht, aufs St. Anne’s College zu gehen. Freundschaften zu schließen. Aber immer wenn ich einen Unterrichtsraum betreten habe, bekam ich einen Panikanfall. Es fing immer damit an, dass ich ein seltsames Summen hörte. Dann begannen meine Fingerspitzen zu kribbeln. Mir wurde die Brust eng, ich bekam keine Luft mehr. Die Dozenten und Studenten gafften mich an, und ich starrte zurück, bis sie vor meinen Augen dahinzuschmelzen schienen. Die Ohren rutschten an ihren Wangen herunter, ihre Lippen tropften ihnen übers Kinn, bis sie nichts weiter waren als fleischige Lachen.

Erst nachdem ich eine Packung Schlaftabletten genommen hatte, die ich in dem Medizinschrank meiner Mutter gefunden hatte, haben meine Eltern beschlossen, mich in Frieden zu lassen. Mit Erleichterung haben sie mich über den Fluss und durch die Wälder zu Großmutters Haus geschickt, nur mit einem Koffer und einem Rezept für Antidepressiva in der Hand.

Hier fühlte es sich richtig an. Grandma hat mich dazu gebracht, einen Arzt aufzusuchen. Ich habe meine Medikamente genommen, die mich wieder in die Spur gebracht haben. Mir geht es gut. Aber ich werde nicht mit Allison reden. Ich kann nicht mit ihr sprechen. Es ist besser so. Besser für sie und besser für mich.

Zum ersten Mal in ihrem Leben bekommt Allison, was sie verdient.

ALLISON

Ich lege den Hörer zurück auf die Gabel, wobei ich mir sehr bewusst bin, dass mich Olene mit ihren schnellen, vogelähnlichen Augen aufmerksam beobachtet. Sobald ich mich eingerichtet und eine Arbeit gefunden habe, werde ich mir ein Handy kaufen, damit ich während meiner Telefongespräche ein wenig Privatsphäre habe. Ich bin sicher, dass meine Eltern mir ein Telefon kaufen würden, aber ich will nicht, dass es bei meiner ersten Konfrontation mit ihnen gleich um Geld geht. Außerdem möchte ich ihnen zeigen, dass ich zurechtkomme und mich um mich selbst kümmern kann. Ich frage mich, was sie im Moment über mich denken. Insgeheim hatte ich gehofft, dass sie vor dem Gertrude House warten würden, um mich bei meiner Ankunft zu begrüßen.

Olene muss hellseherische Fähigkeiten haben, denn sie sagt: „Viele der Bewohner besitzen Handys, aber wir haben hier die Regel, dass die Telefone während der Hausarbeit und unserer Gruppensitzungen ausgeschaltet sein müssen. Wir wollen das Bedürfnis der anderen nach Ruhe respektieren.“

Olene fährt mit der Führung fort, wo wir sie unterbrochen haben. Sie bringt mich in die Küche, in der alle Bewohner abwechselnd das Abendessen zubereiten. Dann geht es weiter in einen achteckigen Raum mit hoher Decke. Eine grauhaarige Frau in der Uniform einer Kellnerin döst auf einem Sofa, und eine junge, zierliche, dunkelhäutige Frau hält ein Kleinkind auf ihrem Schoß und singt ihm leise etwas auf Spanisch vor. Im Fernseher läuft eine Seifenoper, der Ton ist ausgestellt.

„Das sind Flora und ihr Sohn Manalo“, flüstert Olene. „Und das ist Martha.“ Olene deutet auf die schlummernde Frau. Floras Augen verengen sich misstrauisch. Sie zieht Manalo enger an sich. Der kleine Junge winkt uns zu und grinst.

„Nett, dich kennenzulernen“, sage ich.

Flora redet in schnellem Spanisch auf Olene ein, ihre Stimme klingt angespannt und feindselig. Olene antwortet auf Spanisch. Ich habe das Gefühl, dass Olene einiges an Überzeugungsarbeit leisten muss, um die anderen Bewohnerinnen vom Gertrude House zu beruhigen, wenn es um mich geht.

„Komm, wir gehen nach oben, und ich zeige dir dein Zimmer.“ Olene nimmt mich am Ellbogen und führt mich vom Fernsehraum zu der Wendeltreppe, die zu den Schlafzimmern führt. Ich spüre Floras Blicke im Rücken, als ich Olene die Treppe hinauf folge. Ich bin noch keine zwanzig Minuten hier, und schon scheint jeder zu wissen, wer ich bin und was ich getan habe. Ich weiß, ich sollte das nicht so an mich heranlassen, im Gefängnis hatte ich schon das gleiche Problem, aber irgendwie kommt es mir hier anders vor.

„Wir erwarten, dass jeder hier eine aktive Rolle im Haushalt übernimmt“, sagt Olene, und ich sehe, dass das stimmt. Nirgendwo liegt ein Staubkörnchen, und die Fußböden glänzen. Olene klopft leise an eine geschlossene Tür, bevor sie sie öffnet. Dahinter kommt ein kleines Zimmer mit einem Etagenbett und zwei kleinen Kommoden zum Vorschein. Auf den Betten liegen Decken mit blau-weißem Blumenmuster und dicke Kissen. Eine neue Welle der Erschöpfung überfällt mich, und ich will mich einfach nur hinlegen. Die Wände sind hellblau gestrichen, und gestärkte weiße Gardinen hängen vor dem Fenster. Es ist ein sehr friedvoller Raum.

„Deine Zimmergenossin Bea ist gerade bei der Arbeit. Sie wird in ein paar Stunden heimkommen. Warum packst du nicht schon mal aus und richtest dich ein? Ich komme in einer Weile wieder, dann können wir weitermachen.“ Ich schaue zu den Betten und zögere, frage mich, welches meines ist. Olene sagt: „Bea schläft lieber im oberen Bett – sie sagt, dass sie unten klaustrophobisch wird.“

Dann tätschelt Olene meinen Arm und will das Zimmer verlassen. „Olene“, sage ich. Sie dreht sich zu mir um, und ich bin überrascht, wie freundlich ihr erschöpftes Gesicht aussieht. „Danke.“

„Gern geschehen.“ Sie lächelt. „Ruh dich ein wenig aus, und ruf mich, wenn du was brauchst.“

Meine wenigen Habseligkeiten passen bequem in eine Schublade meiner Kommode. Auf eine Art erinnert mich Gertrude House an das Sommercamp, das ich mit elf Jahren besucht habe. Ich teile mir ein Zimmer mit einem Etagenbett, und nach dem, was Olene gesagt hat, folgen wir hier auch einem speziellen Stundenplan, der im Gemeinschaftsraum ausgehängt wird. Von dem Moment, wenn wir um halb sechs Uhr morgens aufwachen, bis zum Ausschalten des Lichts um halb elf abends ist unser Tag mit Aufgaben und Gruppensitzungen angefüllt, deren Themen vom Umgang mit Finanzen über Aggressionskontrolle bis zur Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche reichen.

Ich setze mich auf das untere Bett und hüpfe ein wenig. Die Federn sind fest, aber nachgiebig. Es fühlt sich wie ein echtes Bett an, nicht wie die harten Pritschen in Cravenville mit ihren groben, kratzigen Laken, die nach Bleiche rochen. Ich nehme mir ein weiches Kissen und vergrabe meine Nase darin. Es riecht nach Lavendel, und ich spüre, wie die Tränen in meinen Augen brennen. Vielleicht wird es hier gar nicht so schlimm. Auf keinen Fall kann es schlimmer sein als das Gefängnis. Vielleicht werden die anderen Frauen lernen, mich zu mögen. Vielleicht werden meine Eltern nichts mehr darauf geben, was die Nachbarn denken, und mich wieder als ihre Tochter willkommen heißen. Und vielleicht, ganz vielleicht, wird Brynn mir vergeben.

Ich atme noch einmal tief ein und lasse dann das Kissen sinken. In dem Moment sehe ich es. Ausdruckslose Augen starren mich an, und das verschmierte Plastikgesicht ist in einem halben Lächeln eingefroren. Ich hebe die Babypuppe auf. Sie ist alt und ramponiert und sieht aus, als wenn sie aus dem Müll kommt. Mit schwarzem Permanent Marker hat man ihr ein Wort quer über die Brust geschrieben, von dem ich weiß, dass es mich überallhin verfolgen wird, egal wohin ich gehe. Mörderin.

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