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Verloren sind wir nur allein

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Kapitel 1
  6. Kapitel 2
  7. Kapitel 3
  8. Kapitel 4
    1. Jeff
  9. Kapitel 5
  10. Kapitel 6
  11. Kapitel 7
  12. Kapitel 8
    1. Jeff
  13. Kapitel 9
  14. Kapitel 10
  15. Kapitel 11
  16. Kapitel 12
  17. Kapitel 13
  18. Kapitel 14
    1. Jeff
  19. Kapitel 15
  20. Kapitel 16
  21. Kapitel 17
  22. Kapitel 18
  23. Kapitel 19
    1. Jeff
  24. Kapitel 20
  25. Kapitel 21
  26. Kapitel 22
  27. Kapitel 23
    1. Jeff
  28. Kapitel 24
  29. Kapitel 25
  30. Kapitel 26
    1. Jeff
  31. Kapitel 27
  32. Kapitel 28
  33. Kapitel 29
    1. Jeff
  34. Kapitel 30
  35. Kapitel 31
  36. Kapitel 32
  37. Kapitel 33
    1. Jeff
  38. Kapitel 34
  39. Kapitel 35
    1. Jeff
  40. Kapitel 36
  41. Kapitel 37
    1. Jeff
  42. Kapitel 38
  43. Kapitel 39
  44. Kapitel 40
  45. Epilog
  46. Danksagung

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Für

H

ZOE

D&F

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Kapitel 1

Verunsichert sehe ich mich in dem kahlen Raum um, in dem mich, bis auf ein alter Holzschrank, nur Leere empfängt. Vier weiße Wände starren mich an. Ich starre zurück.

Das ist es nun also. Mein neues Zuhause.

»Oh, Schatz, du bist ja schon in deinem Zimmer! Ist es nicht wunderschön?« Mom rauscht herein, natürlich ohne anzuklopfen, und eilt zu dem breiten Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raums. »Es ist das schönste im ganzen Haus!« Sie öffnet die beiden Flügel und lässt neben dem orangefarbenen Abendlicht auch eine frische Sommerbrise herein. Die Scharniere quietschen. Einzelne weiß lackierte Holzsplitter des Rahmens bröckeln zu Boden, und ich frage mich unweigerlich, ob man den schönsten Raum des Hauses wirklich so verkommen lassen würde.

Ich sage kein Wort. Die ganze Situation überfordert mich völlig. Erst vor wenigen Wochen schleppte Mom Roger an. Ihr neuer Freund ist im Gegensatz zu dem Loser, den sie davor gedatet hat, ein absoluter Glücksgriff. Roger ist Rancher. Sein Anwesen ist so groß wie der gesamte Block, in dem wir in Boston gelebt haben. Die Betonung liegt auf gelebt haben, denn Mom hatte nichts Besseres zu tun, als unsere Zelte vollkommen überstürzt abzubrechen und zu Roger auf seine Ranch nach Lewisville in Texas zu ziehen. Roger züchtet nämlich Rinder und Pferde. Und anscheinend ist er damit so erfolgreich, dass Geld von nun an kein Problem mehr für uns sein wird. Wie praktisch.

»Sky, Liebes, jetzt schau doch nicht so.« Mom kommt zu mir rüber, legt ihren Arm um meine Schulter und zieht mich in eine feste Umarmung.

Ich seufze und sorge für ein wenig Abstand zwischen uns. »Wie schaue ich denn?« Ich kann ihr nicht in die Augen sehen, also wende ich meinen Blick zum Fenster. Auf einer Koppel grasen ein paar Pferde, und das Gras ist so grün wie unser Haus in Boston.

»Du schaust wie damals, als du noch klein warst und Dad dir erklärt hat, dass wir doch nicht ins Disneyland fahren können.«

Ein Stich durchfährt mein Herz, als Mom von Dad spricht. Es sind nun genau zwei Jahre und einundfünfzig Tage, seit er für immer von dieser Welt gegangen ist. Und allein der Gedanke an ihn schmerzt noch immer so qualvoll wie an dem Tag, als er während eines Baseballspiels zusammengebrochen und nicht mehr aufgestanden ist.

Ich winde mich ganz aus ihrer Umarmung. »Lass gut sein, Mom. Ich werde mich mit der Situation schon irgendwie arrangieren.«

So, wie ich mich in den letzten zwei Jahren und einundfünfzig Tagen mit allem abgefunden habe, was sie für richtig hielt und mir gänzlich gegen den Strich ging. Schon knapp ein halbes Jahr nach Dads Tod hat Mom wieder begonnen, Männer zu treffen, ist ausgegangen, hatte Spaß.

Für mich kommt das einem Verrat gleich. Einem Verrat, den sie an allem begeht, was unsere Familie ausgemacht hat. Die feste Einheit, die wir mit Dad gebildet haben, gibt es nicht mehr. Anstatt an einem Strang zu ziehen, scheinen Mom und ich in unterschiedliche Richtungen zu laufen.

Während ich versuche, die Erinnerung an ihn zu bewahren, hat Mom nach Dads Tod schnell damit begonnen, alles, was einmal ihm gehörte, nach und nach in den Keller zu räumen. Außer den Bildern und den Baseballpokalen in der Wohnzimmervitrine erinnerte in unserer alten Wohnung schon bald nichts mehr an ihn. Ganz so, als hätte es ihn nie gegeben.

Dabei steckte so viel von Dad in unserer Wohnung. Immer hatte er irgendwelche Ideen, um unser Heim zu verschönern. Ich sehe ihn vor mir, wie er uns verschwitzt und mit strahlenden Augen sein neuestes Projekt präsentiert. Er war schon immer so. Als Mom ihm erzählte, dass sie mit mir schwanger war, hatte er sofort damit begonnen, aus dem Büro ein Kinderzimmer zu machen. Für die Menschen, die er liebte, hätte er alles getan. Tränen steigen in mir auf, und ich schlucke gegen den Kloß an, der sich in meinem Hals bildet.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Mom mich durchdringend anschaut. »Liebes, keiner erwartet von dir, dass du ihn vergisst. Es ist nur langsam an der Zeit, wieder nach vorne zu blicken und nicht immer nur in der Vergangenheit zu leben. Ich bin auch furchtbar wütend und traurig darüber, dass das Schicksal nichts Besseres auf Lager hatte, als ihn uns wegzunehmen. Aber es ist nun mal nicht zu ändern. Dad wird nicht mehr lebendig, auch wenn du dich mit Händen und Füßen dagegen wehrst, es zu akzeptieren. Er kommt nicht mehr zurück.«

Noch immer sehe ich den Pferden zu, wie sie unbekümmert auf der Wiese stehen und sich kein bisschen darum sorgen, was gewesen ist oder was sein wird. Wie ich sie beneide! Mom und ich haben schon so oft darüber gesprochen. Doch mit dieser Härte hat sie es noch nie auf den Punkt gebracht. Egal, was ich tue, egal, was ich sage, er kommt nicht mehr wieder. Nie mehr.

Stumm nicke ich, senke meinen Blick und starre auf den Fußboden. Das helle Laminat lässt den üppigen fast leeren Raum noch eine Spur größer wirken. »Man kann bestimmt viel aus dem Zimmer machen«, murmele ich und hoffe, dass es wenigstens etwas nach der Begeisterung klingt, von der ich kein bisschen verspüre. Als ich mich zu ihr umdrehe, strahlt Mom mich an. Anscheinend habe ich genau die Worte gefunden, die sie unbedingt hören wollte.

»Das ist mein Mädchen. Du wirst sehen, hier in Lewisville wirst du schnell Anschluss finden. Das letzte Jahr an der Highschool schaffst du spielend, und danach steht dir die Welt offen.«

Stellt sich nur die Frage, ob ich das überhaupt will. Will ich, dass mir die Welt offensteht? Ehrlich gesagt ist mir die Welt gerade ziemlich egal.

Mom strahlt eine gewisse Zuversicht aus, die ich nicht mit ihr teilen kann. Sie sieht der Zukunft positiv entgegen und hat sich damit arrangiert. Den Ballast, den Frust, die Trauer der letzten Jahre – all das hat sie abgelegt, wie ein löchriges T-Shirt, das sie aussortiert hat. Für mich ist das unmöglich.

Als könnte Mom meine Gedanken lesen, mustert sie mich von Kopf bis Fuß. »Ach, da fällt mir ein: Bevor die Schule anfängt, sollten wir dringend mal einkaufen gehen. Deine Klamotten sind … Ich finde, sie erwecken einen falschen Eindruck von dir.«

Ich schlucke und blicke auf meine verblichene schwarze Jeans und die ausgetretenen Chucks hinunter. »Schämst du dich etwa für mich? Was ist an meinen Klamotten bitte schön falsch?«

Ich hasse es, mich mit Mom zu streiten. Sosehr ich sie für ihr Verhalten verurteile – sie ist alles, was mir auf dieser Welt noch geblieben ist. Aber ich habe das Gefühl, dass wir in letzter Zeit kein einziges richtiges Gespräch mehr miteinander geführt haben. Jeder Versuch endet immer nur in Vorwürfen und enttäuschtem Seufzen.

»Natürlich schäme ich mich nicht für dich.« Mom lächelt mir aufmunternd zu. »Du bist mein einziges Kind und gleichzeitig der wichtigste Mensch in meinem Leben.«

Ich sollte es lassen, aber da ist diese Stimme in mir, die Konter geben will. Sie ist so übermächtig und lässt sich nicht länger unterdrücken. »Ach, tatsächlich?«, bricht es aus mir heraus. »Warum sind wir dann aus Boston weggezogen? Warum sind wir hier in Lewisville gelandet, wo ich nichts und niemanden kenne, wenn ich für dich ja ach so wichtig bin? Warum mussten wir so überstürzt weg, dass ich nicht mal mehr mein letztes Highschooljahr an meiner alten Schule machen kann?«

Alles in mir brodelt, und die Gefühle, die ich die ganze Zeit weggeschoben habe, machen sich jetzt Raum. Ich könnte platzen vor Wut, Trauer und Enttäuschung. Seit sie mir zum ersten Mal mit diesem Leuchten in den Augen von Roger und seiner Ranch im kanadischen Blockhausstil erzählt hat, habe ich mich wirklich bemüht, mich für meine Mom zu freuen. Doch es geht einfach nicht. Sosehr ich auch will, ich kann kein Teil in ihrem Happily-Ever-After sein. Denn ich gehöre hier einfach nicht hin. Ich fühle mich wie ein Schmutzpartikel, der Moms heile Welt befleckt und ihre Idylle mit Roger stört. Schließlich bin ich das Sinnbild für ihre glücklichen Jahre mit Dad.

Wenn ich im nächsten Sommer achtzehn werde, gehe ich weg von hier. Zurück nach Boston. Zurück zu Dad und meinen Erinnerungen an ihn. Beinahe jede Woche bin ich in den vergangenen zwei Jahren auf dem Friedhof gewesen, habe frische Blumen auf Dads Grab gelegt und mit ihm gesprochen. Das war der einzige Ort, an dem ich mich ihm nahe gefühlt habe, an dem ich gespürt habe, dass er mich nicht ganz verlassen hat. Aber nun sind wir hier, Hunderte von Meilen entfernt, und da ist nur noch diese Leere in mir, die sich durch nichts und niemanden füllen lässt. Mom hat mir durch den Umzug die allerletzte Möglichkeit genommen, ihm nah zu sein. Das werde ich ihr nie verzeihen.

Ich funkle Mom wütend an, die einen Schritt zurückweicht. Ihre eben noch so freudige Miene ist wie weggewischt. Sie wirkt verletzt. Unwillkürlich umfasse ich meine Mitte, wie um mir selbst etwas Halt zu geben. Unter meinen Fingern spüre ich kleine Stoffknötchen auf meinem T-Shirt und streiche darüber. Es fühlt sich beruhigend an und irgendwie vertraut. Schließlich habe ich das Shirt schon eine halbe Ewigkeit. Ein Geschenk von Dad …

»Sky, die Welt dreht sich weiter. Dad würde auch nicht wollen, dass wir hier stehen und uns streiten.« Tiefe Falten bilden sich um Moms Augen und auf ihrer Stirn. Ihre blauen Augen glänzen. »Ich kann nicht mehr.« Die erste Träne läuft lautlos über ihre Wange, perlt an ihrer Unterlippe ab und fällt wie in Zeitlupe auf den hellen Laminatboden.

Und dann tut sie etwas, was sie bisher noch nie gemacht hat: Wortlos wendet sie sich von mir ab, überwindet die wenigen Meter bis zur Tür und verlässt das Zimmer. Sie sieht sich nicht mehr nach mir um, als sie die Tür ins Schloss zieht. Offenbar hat sie es satt, sich ständig mit mir über die Vergangenheit zu unterhalten und wendet sich lieber der Gegenwart zu.

Überrumpelt stehe ich da und sehe ihr nach. Meine Füße kleben am Laminat, lassen sich nicht anheben, während meine Hände sich wie von selbst zu Fäusten ballen. Zu dem Potpourri aus Gefühlen, das ich bei meiner Ankunft in Lewisville in meinem Koffer dabeihatte – Trauer, Angst, Wut und Verzweiflung –, gesellen sich Verwunderung … und Hass.

Ich hasse Mom dafür, dass sie mich hier auf diese entlegene Ranch gezerrt hat und von mir erwartet, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich hasse sie dafür, dass sie alles hinter sich lässt – vor allem uns und unsere Familie – und einfach neu anfängt. Ich hasse sie dafür, dass sie mich mir selbst überlässt. Und ich hasse sie so sehr dafür, dass sie einfach aufgibt, wo sie sonst zu kämpfen begonnen hat.

Von draußen weht eine kräftige Böe herein. War das nicht eben noch eine leichte Sommerbrise? Ich umklammere mich weiter mit meinen Armen, meine Hände krallen sich in meine Seiten. Die Kälte fühlt sich bedrohlich an, ebenso wie dieser ganze Neuanfang. Er wird alles verändern. Er wird Mom verändern. Und er wird die Beziehung zwischen uns beiden verändern.

Das Meer aus Tränen, das ich in den letzten Jahren geweint habe, erschien mir irgendwann unendlich. Als mir nun die ersten Tropfen über das Gesicht laufen, weiß ich, dass es weit über die Unendlichkeit hinausgeht.

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Kapitel 2

Zaghafte Sonnenstrahlen schieben sich zwischen den Schlitzen meines nicht ganz geschlossenen Rollos hindurch. Im Dämmerschlaf drehe ich mich auf die andere Seite und versuche wieder einzuschlafen. Nichts, was mich an diesem Tag erwartet, wäre es wert, aufzustehen. Ebenso wie an den vierzehn Tagen zuvor, die ich nun auf dieser Ranch lebe. Also bleibe ich liegen.

Doch es nützt nichts. Jetzt bin ich wach, und die Leere öffnet ihre Türen für Bilder, die sich in mein Bewusstsein schleichen. Meine Gedanken beginnen zu kreisen. Voller Sehnsucht presse ich die Lider aufeinander und denke an die Zeit, als wir noch eine glückliche Familie waren. Dad stand immer als Erster auf und bereitete für Mom und mich das Frühstück zu. Dabei trällerte er einen alten Hit der Stones oder der Beatles. Manchmal auch von beiden gleichzeitig, da machte er keine großen Unterschiede.

Dad hatte auch schon am frühen Morgen immer gute Laune. Viel zu gute. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir am Frühstückstisch nicht gesprochen, sondern einfach nur dagesessen und gegessen. Aber Dad machte mir jeden Morgen einen Strich durch die Rechnung.

Dennoch konnte ich ihm dafür nicht böse sein, schließlich machte er mir die weltbesten Pancakes mit Ahornsirup und Schokostreuseln. Dad wusste eben, wie ich sie am liebsten mochte. Mom brauchte meist länger im Bad. Für sie stand dann immer ihr Lieblingsschälchen mit Porridge und frischen Erdbeeren bereit. Die Schale sah aus wie ein breit grinsendes Mickey-Mouse-Gesicht und hatte einen recht großen Sprung, weshalb ihr auch ein Ohr fehlte. Man musste furchtbar aufpassen, dass man sich nicht daran schnitt. Mickey Mouse selbst schien sich nicht daran zu stören, dass sie kaputt war. Und auch Mom machte das nichts aus. Sie hätte sich nie im Leben von der Schale getrennt. Wir haben sie in unserem Urlaub in Walt Disney World in Orlando gekauft, kurz bevor …

Eine andere Erinnerung drängt sich in mein Bewusstsein. Oh nein, bitte nicht! Bevor die Erkenntnis wie ein Hurrikan über mich hereinbrechen kann, ist der Schmerz schon da. Ein Schmerz, der mir die Luft zum Atmen raubt.

Dann: die Gewissheit. Dad ist tot. Er wird nie wieder Pancakes für mich machen können. Nie wieder wird er Moms Porridge in ihrem geliebten Schälchen vorbereiten, denn Mickey Mouse ist noch in Boston – in tausend Einzelteile zerbrochen. Nie wieder werde ich Dads gute Laune ertragen dürfen. Und nie wieder werde ich mir wünschen, er würde still sein, während ich am Frühstückstisch esse und mein Morgenmuffeldasein auslebe.

Meine Augen sind geschlossen, und einzelne Tränen quellen unter meinen Lidern hervor. Ich hasse diesen Moment, wenn die Trauer mich überfällt und alles in mir mit sich in die Tiefe reißt.

Ihre Sogwirkung ist übermächtig, beinahe schon betäubend. Taumelnd befinde ich mich im freien Fall, ehe ich gegen das Gefühl ankämpfen kann und mich auf das Hier und Jetzt konzentriere.

Seit unserem Umzug sind jetzt zwei Wochen vergangen. Zwei quälende Wochen, in denen ich mich permanent zurück nach Boston gewünscht habe. Jeden Tag denke ich an unser altes Zuhause. Mein altes Zimmer fehlt mir besonders. So viele Erinnerungen hingen an all den Möbelstücken, Flecken im Teppich und den Urlaubsfotos, die eine ganze Wand meines Zimmers bedeckten. Jetzt stapeln sich die Bilder in geschlossenen Kartons.

Einerseits sehne ich mich danach, sie auszupacken und damit die unvertraute Leere mit ein bisschen Boston zu füllen. Andererseits würde ich es nicht ertragen, wenn Dads freudiges Lachen mir hier in Lewisville aus den Bildern entgegenstrahlt. Das wäre nicht richtig.

An meinem jetzigen Aufenthaltsort ist ohnehin nichts richtig. Denn während ich hier auf einer Ranch in Texas festsitze, ist niemand mehr in Boston, der Blumen auf Dads Grab legen könnte. Niemand besucht ihn. Niemand spricht mit ihm. Es ist fast so, als hätte ich ihn ein zweites Mal verloren.

Und was habe ich stattdessen gemacht? Während Mom sich mit Elan und Enthusiasmus daran gemacht hat, hier in Lewisville neue Leute kennenzulernen und sich direkt einen neuen Freundeskreis aufzubauen, bin ich bisher allen Menschen aus dem Weg gegangen und habe versucht, mich möglichst unsichtbar zu machen. Zu Moms Leidwesen habe ich die Wände meines Zimmers dunkelblau gestrichen. Dabei habe ich mir das schwärzeste Dunkelblau ausgesucht, das ich finden konnte. Jetzt verkrieche ich mich in meiner dunklen Höhle und starre stundenlang durchs Fenster hinaus auf das rege Treiben der Ranch.

Ich ziehe mir die Decke bis unters Kinn, während weitere Bilder in meinem Kopf aufsteigen: Rogers Mitarbeiter versorgen die Tiere, reiten die Pferde und misten Ställe aus. Etwas abseits liegt ein See mit Enten und Schwänen. Sie kommen und gehen, wie es ihnen gefällt. Beneidenswert! Ein Wald umschließt das texanische Idyll von allen Seiten. Hohe Tannen spenden Schatten und bilden gleichzeitig einen natürlichen Schutzwall.

Malerische Bilder wie im Fernsehen, nur mit der Gewissheit, dass dieser Film nun meine Realität ist. Solange ich mich jedoch hinter dem schützenden Glas verbarrikadiere, bin ich kein Teil davon. Kein Teil von Moms neuer Heimat.

Wenn ich nicht verhungern und verdursten will, muss ich allerdings ab und an aus meinem Zimmer heraus, und dabei laufe ich jedes Mal unweigerlich Mom und Roger über den Weg. Roger hat zum Glück schnell kapiert, dass wir beide keine Freunde werden. Er akzeptiert, dass ich ihn ignoriere, und schenkt mir ab und an ein zuversichtliches Lächeln, das er sich allerdings auch sparen kann.

Moms neuer Freund ist mir von Grund auf unsympathisch, auch wenn ich bisher kaum ein Wort mit ihm gewechselt habe – was von mir aus auch so bleiben kann. Allein, wie er seinen kleinen Finger abspreizt, während er seinen Espresso trinkt, macht mich wahnsinnig! Außerdem macht er mit seiner protzigen Ranch auf Lebemann, während seine Angestellten sich um das Wohl seiner Tiere kümmern. Ich habe ihn noch kein einziges Mal zu den Rindern in den Stall gehen sehen. Nur für die Pferde scheint er etwas übrig zu haben. Die beehrt er ab und an mit seiner Gesellschaft.

Ich verstehe einfach nicht, was Mom an ihm findet. Er ist so anders als Dad, trägt immer diese rot-schwarz karierten Flanellhemden und dunkle Jeans. Dazu Schuhe, die sicher mehr gekostet haben als unser klappriger alter Van. Mom schwebt auf Wolke Sieben und lächelt wie ein Teenager, wenn Roger mit ihr spricht. Die beiden sind so glücklich, dass ich mich jeden Tag ein Stück weit mehr fehl am Platz fühle. Und ich frage mich, wann es meiner Mom auffallen wird, dass ich hier eigentlich nur störe.

Im Moment scheint sie davon noch nichts zu merken, denn sie tut alles, um meinen Widerstand gegen dieses neue Leben zu brechen. Fast täglich redet sie auf mich ein und fordert mich auf, endlich unter Leute zu gehen. Mal ist es ein Footballspiel, zu dem ich mitsoll, mal stehen Pizza und Kino auf dem Programm. Damit zwingt sie mich dazu, mir immer neue Ausreden einfallen zu lassen. Denn ein einfaches »Nein« reicht ihr nicht. Sie begreift einfach nicht, dass ich keinen Anschluss suche. Ich werde diesen Ort nie mögen.

Sobald ich das letzte Highschooljahr überstanden habe, kehre ich in meine Heimat zurück und studiere dort an der Boston University. Gesetzt dem Fall, ich bekomme ein Stipendium, denn von Mom und ihrem Gönner möchte ich auf keinen Fall abhängig sein. Leider ist die Boston University verdammt teuer. Dabei ist mir das Renommee der Uni eigentlich ziemlich egal …

All diese Gedanken in meinem Kopf wühlen mich immer mehr auf. Dabei habe ich mir vorgenommen, so viel wie möglich zu schlafen. Schlaf ist gut. Schlaf hält lästige Menschen von einem fern. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und versuche meine Atmung in einen möglichst langsamen Rhythmus zu zwingen.

Plötzlich ertönt ein Knarzen hinter mir. Jemand öffnet vorsichtig die Tür meines Zimmers. Ich halte die Luft an, wage nicht, mich zu bewegen. Dann läuft dieser Jemand mit leise schlurfenden Schritten durch den Raum. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, und gleichzeitig bin ich wütend. Furchtbar wütend. Weder Mom noch Roger haben das Recht, ohne anzuklopfen in mein Zimmer zu platzen. Was bilden sich die beiden bloß ein?

Als ich ein Rascheln aus Richtung des Holzschrankes höre, erhält meine Wut einen neuen Schub. Schließlich liegt da drinnen mein Tagebuch. Das gibt es ja wohl nicht! Hastig drehe ich mich um, um nachzusehen, was da los ist. In diesem kleinen ledergebundenen Buch stehen all meine intimsten Gedanken. Allein die Vorstellung, Mom oder Roger könnten darin lesen, lässt meinen Adrenalinspiegel katapultartig in die Höhe schnellen.

Doch kaum habe ich mir die Decke vom Kopf gerissen, sterben die Worte auch schon auf meinen Lippen. Keine drei Meter von mir entfernt steht, mit dem Rücken zu mir, eine große, breitschultrige Gestalt, die absolut keine Ähnlichkeit mit Roger, geschweige denn Mom hat, und macht sich in aller Seelenruhe an meinen Sachen zu schaffen.

»Was wird das denn, wenn es fertig ist?« Ruckartig setze ich mich in meinem Bett auf und beobachte jede Bewegung des unbekannten Eindringlings genau. Mein Herz springt mir beinahe aus der Brust, während ich fieberhaft überlege, was mir zur Not als Waffe dienen könnte.

Leider bleibt da nicht allzu viel übrig. Neben einem leeren Snickerspapier und einem Buch steht nur noch meine Wasserflasche auf dem Nachttisch, die allerdings auch schon fast leer und somit eher ungefährlich ist.

»Hey«, wirft mir der Typ beiläufig über die Schulter zu, während ich Papier rascheln höre. Offenbar sucht er etwas. Erst nach einigen Sekunden, in denen ich nur entgeistert auf das Shirt mit der Rückennummer 12 starren kann, dreht er sich zu mir um und fährt sich dabei durch sein in alle Richtungen wirr abstehendes hellbraunes Haar. Mit schlendernden Schritten kommt er auf mich zu. Ich rutsche unweigerlich bis ans Bettende, um möglichst viel Distanz zwischen uns zu bringen. Für einen verrückten Moment überlege ich, ob ich nach Mom und Roger rufen sollte.

»Ich wollte dich nicht wecken«, sagt der Kerl mit klarer, leicht rauchig klingender Stimme.

»Na, das ist dir ja prima gelungen«, raunze ich ihn an. »Was zur Hölle machst du in meinem Zimmer? Wer bist du überhaupt?« Meine Stimme gewinnt mit jedem Wort an Lautstärke, während er die Ruhe selbst bleibt und mich damit nur noch weiter auf die Palme bringt.

»Was ist denn hier los?«, ruft Mom vom Flur herein und steht wenige Sekunden später in ihrem Morgenmantel, die Hände in die Hüften gestemmt, ebenfalls in meinem Zimmer. So viele Menschen waren noch nie gleichzeitig in diesem Raum. Zumindest nicht, seit er mein Reich ist.

Mom sieht zwischen dem Jungen, der etwas älter als ich zu sein scheint, und mir hin und her. Sie verzieht dabei keine Miene. Ich befürchte schon, dass sie falsche Schlüsse ziehen könnte und will ihr erklären, dass ich keine Ahnung habe, wer der Kerl ist. (Wobei ich mir ganz sicher bin, dass Mom total angetan wäre, wenn ich endlich mal einen Freund mit nach Hause bringen würde. Enttäuscht wäre sie wahrscheinlich nur darüber, dass ich ihn ihr nicht vorgestellt habe.) Doch sie kommt mir zuvor.

»Ach, Jeff, du bist es nur. Warum schreist du denn so laut, Liebes? Es ist gerade mal kurz nach sechs. Roger schläft noch, und es wäre gut, wenn wir ihn so lange wie möglich schlafen lassen könnten. Gestern war ein anstrengender Tag für ihn. Der Rücktransport von der Vieh-Auktion in Texhoma hat wegen eines Unfalls auf der Strecke um einiges länger gedauert, als geplant.«

»Ähm, entschuldige mal, wie würdest du es denn finden, wenn plötzlich ein wildfremder Typ ohne anzuklopfen in deinem Zimmer steht und sich an deinen Sachen zu schaffen macht, während du nichtsahnend in deinem Bett liegst, Mom?« Das letzte Worte presse ich zwischen den Lippen hervor. Wie kann sie nur Rogers Wohl über meins stellen? Das hätte sie früher nie getan. Niemals!

Ich erkenne meine Mom nicht wieder. Was ist aus der fürsorglichen Frau geworden, die sich wie eine Löwenmutter vor mich gestellt hat, wenn größere Kinder mir auf dem Spielplatz den Weg zur Rutsche versperrt haben? In mir tost ein Sturm, der so laut ist, dass es in meinen Ohren zu rauschen beginnt.

»So ganz unrecht hat Sky da nicht, Jeff. Du hättest dich nicht einfach in ihr Zimmer schleichen sollen. Was wolltest du denn überhaupt hier?«

»Hab was gesucht. Sorry, tut mir echt leid. Das war nicht cool«, antwortet er knapp und schielt zu mir herüber.

Mom nickt ihm zu und setzt sich dann auf meine Bettkante. Sie will ihre Hand auf meine legen, aber ich entziehe sie ihr, indem ich sie unter die Decke schiebe. »Aber wo ihr jetzt schon mal hier zusammen seid: Sky, das ist Jeff. Ich hatte dir ja schon in Boston von ihm erzählt«, erklärt sie so, als müsste ich von seiner Existenz wissen.

So langsam frage ich mich, ob ich vielleicht doch noch schlafe. Es kann nicht anders sein. Ich muss träumen. Das hier ist ein beschissener Albtraum.

»Ach, hast du das?«, frage ich, während ich an Mom vorbeilinse und diesen Jeff beäuge.

»Aber ja!« Mom lächelt. Sie will um jeden Preis für Harmonie sorgen – wie immer, seitdem wir hierher gezogen sind. »Jeff ist doch Rogers Neffe.« Mom sagt das wieder so, als hätten wir bei einem der Abendessen in diesem Haus darüber gesprochen. Dummerweise hat Mom offenbar vergessen, dass ich an den gemeinsamen Abendessen nicht teilnehme. Mittlerweile hätte es ihr auffallen können, aber anscheinend setzt sie ihre Prioritäten neuerdings anders.

»Seine Eltern sind getrennt und leben nicht mehr in Lewisville. Er geht auch auf deine Schule und wird zusammen mit dir das letzte Highschooljahr absolvieren. Ist das nicht toll? Dann kennst du bereits einen deiner Mitschüler! Außerdem wird Jeff dir bestimmt dabei helfen, hier Anschluss zu finden.« Sie klatscht so aufgeregt in die Hände, als wäre diese Information ein Meilenstein in der Entwicklung der Menschheit, als wäre Jeff der erhoffte Messias, der diese Welt doch noch vor dem sicheren Untergang bewahren könnte.

Entsetzt starre ich sie an. »Du meinst doch, er ist hier zu Besuch … oder …« Dann dämmert mir, dass meine schlimmsten Befürchtungen wahr werden könnten. »Wann wolltest du mir sagen, dass …«, dabei deute ich in Jeffs Richtung, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, »… noch jemand hier wohnt, Mom?« Wütend werfe ich die Decke zur Seite und springe auf, um möglichst viel Abstand zwischen Mom und mich zu bringen. Plötzlich ist mir furchtbar heiß. Meine Wut lässt mich ganz vergessen, dass ich außer einem weiten schwarzen Shirt, das mir nur knapp über den Po reicht, und einer Unterhose nichts anhabe. Doch auch als ich dieses nicht unerhebliche Detail bemerke, ist es mir scheißegal.

»Jetzt beruhige dich doch erst mal.« Moms harmonische Bemühungen und ihre Zuversicht beginnen allmählich zu bröckeln. Quer über ihre Stirn zieht sich eine tiefe Furche, und ihre Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. »Jeff war den Sommer über bei seiner Mom in Europa, und …«

Ich lasse sie nicht ausreden, falle ihr mitten ins Wort. »Ach, und da dachtest du dir: Kehren wir die klitzekleine Tatsache, dass noch jemand mit uns unter diesem Dach wohnt, kurzerhand unter den Teppich und warten ab, was passiert?«

Jeff vergräbt die Hände in den Hosentaschen und schaut sich den Schlagabtausch zwischen Mom und mir aus sicherer Entfernung an. Das Schmunzeln auf seinen Lippen spricht dafür, dass er sich köstlich amüsiert. So ein Idiot! Was zum Henker glaubt er, wer er ist?

»Sky, beruhige dich endlich!« Die vormals so liebliche Stimme meiner Mutter klingt kalt und streng. Sie ist sauer. Gut so. Mir geht es schließlich nicht anders. »Wenn du mit uns reden würdest, hättest du auch gewusst, dass Jeff heute aus Europa zurückgekommen ist.«

Wir. Seit einigen Tagen spricht Mom nur noch von Wir, wenn sie Roger und sich meint. Früher waren wir beide Wir. Auch das hat sich schlagartig verändert nach unserem Einzug in diese viel zu glamouröse Millionen-Dollar-Ranch.

Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich ihre Worte kränken. Das aufkommende Gefühl der Einsamkeit unterdrücke ich und konzentriere mich auf die Wut in meinem Bauch.

»Klar, jetzt bin ich also schuld.« Ich halte kurz inne. »Gibt es noch mehr davon?«

Jeff lacht kurz auf, verstummt aber, als ich ihm einen vernichtenden Blick zuwerfe. Mom läuft rot an und sieht aus, als würde sie am liebsten im Erdboden versinken. »Wie redest du denn über Jeff? Was ist nur los mit dir? Warum bist du ständig so auf Krawall aus? Man kann machen, was man will. Du scheinst einfach alles in den falschen Hals zu bekommen.«

Ich schnaube verächtlich. »Ich bin auf Krawall aus? Wer zerrt mich denn von Zuhause weg, verschleppt mich quer durchs Land in diese Kleinstadt, setzt mir einen neuen Stiefvater und jetzt auch noch diesen Typen hier vor die Nase, der in meinen Sachen rumschnüffelt, Mom?«

Die Stimmung in meinem Zimmer ist eisig. Als die Stille zwischen uns beiden kaum noch auszuhalten ist, stößt Jeff plötzlich ein lautes »Ha!« aus. Dann schnappt er sich den Locher, den ich bei meinem halbherzigen Auspacken vor einigen Tagen ins nächste Regal gestellt hatte. »Ich will gar nicht länger stören!«, ruft er und will sich vom Acker machen.

»Moment mal!« Er hält in der Bewegung inne, starrt mich fragend an. »Du bist in mein Zimmer eingebrochen, weil du einen Locher brauchst? Ist das dein verdammter Ernst?«

Jeff verzieht keine Miene. »Ich muss eben etwas lochen.« Gelassen zuckt er mit den Schultern. Anscheinend ist er der Meinung, das wäre schon Grund genug, um gefühlt mitten in der Nacht in fremde Zimmer einzubrechen und Schreibtische zu durchwühlen. Mit einem undurchdringlichen Pokerface sieht er mich an, und meine Wut kocht erneut hoch. Am liebsten würde ich den Kerl zum Mond schießen – und zwar mit all den anderen siebeneinhalb Milliarden Menschen dieses Planeten.

»Also so kommen wir nicht weiter«, versucht Mom zwischen uns zu schlichten. Dabei sieht sie Jeff mit einer Wärme im Blick an, die mich erschauern lässt.

»Sehe ich ganz genau so, Mom«, erwidere ich trocken.

Daraufhin atmet sie aus und schaut mich erleichtert an.

»Ich fahre zu Tante Audrey«, lasse ich die Bombe platzen und verschränke dabei eingeschnappt die Arme vor der Brust wie ein Kleinkind, das seinen Willen nicht bekommen hat. Diese Idee habe ich in den letzten Tagen immer wieder durchgespielt, und jetzt scheint mir der passende Moment, um meine Mom damit zu konfrontieren.

»Wenn ich hier nicht mehr gebraucht werde, gehe ich mal meine Unterlagen für die Schule ordnen.« Damit trollt sich Jeff aus meinem Zimmer. Unfassbar, der Typ!

»Sky, jetzt sei nicht albern. Tante Audrey ist halb blind und taub und lebt seit Jahren in einem Seniorenheim unten an den Keys. Sie kennt dich kaum. Außerdem würde sie nicht mal ihre eigene Mutter wiedererkennen, wenn die von den Toten auferstehen würde.«

»Na, und?«, erwidere ich trotzig. Auch wenn ich mir dessen bewusst bin, dass Moms Geduldsfaden jeden Moment reißen könnte, sehe ich es nicht ein, klein beizugeben.

Sie seufzt und erhebt sich langsam von meinem Bett. »Langsam wird das ganz schön anstrengend mit dir und deinen Zickereien. Das war doch jetzt alles halb so wild, und Jeff hat sich entschuldigt, Schatz.« Sie macht einen Schritt auf mich zu, streckt die Hand aus, um mir über mein langes blondes Haar zu streichen.

Für einen Moment bin ich versucht, die Augen zu schließen und ihre Nähe zu genießen. Wenn ich früher traurig war oder Kummer hatte, habe ich mich oft mit Mom auf die alte geblümte Couch im Wohnzimmer gesetzt, und sie ist mit ihren Händen eine Ewigkeit durch mein Haar gefahren, hat sich angehört, was vorgefallen ist, und mir dann mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Doch das liegt weit zurück. Fast schon, als wäre es ein ganz anderes Leben gewesen. Seither ist so viel passiert. Das, was wir mal waren, werden wir wohl nie mehr sein.

Aber statt mich von ihr berühren zu lassen, weiche ich zurück. »Bitte? Der Kerl ist einfach in mein Zimmer eingedrungen und hat sich an meinen Sachen zu schaffen gemacht. Und jetzt tust du so, als wäre das nichts Schlimmes und ich würde mich völlig grundlos aufregen?«

Moms Hand fällt an ihre Seite, und sie verdreht genervt die Augen. »Das war nicht die feine englische Art von ihm. Das habe ich ja gerne zugegeben. Aber deshalb muss man doch nicht gleich so ausrasten.« Sie schaut mich für einen Augenblick mit schiefgelegtem Kopf an. »Ich habe das Gefühl, du ergreifst im Moment jede noch so kleine Gelegenheit, um dich aufzuregen.« Dabei klingt ihre Stimme so leise und erschöpft, als wäre ich für sie nur noch eine Last, etwas, was sie permanent anstrengt.

Ich schlucke. »Du willst mich nicht verstehen.« Als ich spüre, wie die Tränen in mir aufsteigen, wende ich meinen Blick von ihr ab und krieche zurück ins Bett, unter meine Decke.

Ich dachte eigentlich, dass ich mich nicht noch einsamer fühlen könnte. Aber jetzt merke ich, dass ich damit unendlich falsch lag.

»Dad hätte mich verstanden«, murmele ich, und versuche mit aller Kraft das Wehklagen zurückzuhalten, das in meinem Hals drückt.

Im nächsten Moment höre ich, wie die Tür ins Schloss fällt und der Raum sich mit Leere füllt. Ich schaue mich in meinem Zimmer um, atme tief durch und betrachte die dunkelblauen Wände. Ich hätte sie doch schwarz streichen sollen. Schwarz ist so viel mehr für mich als bloß eine Farbe. Es spiegelt die Trauer und die Einsamkeit tief in mir wider, die jede Faser meines Körpers in Beschlag genommen haben.

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Kapitel 3

»Isst du das noch?«

Für den Bruchteil einer Sekunde schließe ich die Augen und lausche meiner inneren Stimme, die beruhigend auf mich einredet, obwohl ich viel lieber explodieren möchte. Jeff entwickelt sich zur Plage. Egal, was ich tue, egal, wo ich mich im Haus aufhalte, er ist immer in meiner unmittelbaren Nähe. So langsam habe ich das Gefühl, dass er das mit Absicht macht, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Oder vielleicht hat meine Mutter ihn auch auf mich angesetzt. Zutrauen würde ich es ihr mittlerweile.

Mein eben erst mit Erdnussbutter bestrichenes Sandwich reiche ich kommentarlos an ihn weiter. Je weniger ich mich mit ihm beschäftige, umso eher wird er mich in Ruhe lassen, versuche ich mir einzureden. Mit Roger klappt das mittlerweile ganz gut. Dumm nur, dass meine Taktik bei Jeff bisher nicht aufgeht.

»Danke.« Ausgehungert beißt er in das Brot, ehe er sich eine kalte Coke aus dem Kühlschrank holt und auf dem Barhocker neben mir am Küchentresen Platz nimmt.

»Was?«, frage ich genervt, als er mich von der Seite regelrecht anstarrt.

»Gib’s zu, Sky! Du findest es super, dass ich auch hier wohne.«

Ich verdrehe die Augen, greife nach meinem Wasserglas und steige so elegant wie möglich vom Hocker. »Du erwartest hoffentlich keine Antwort von mir.« Seit der Typ vor fast einer Woche ohne Vorwarnung in mein Zimmer geplatzt ist, habe ich eine solche Wut auf ihn, als wäre er für die miese Stimmung zwischen Mom und mir verantwortlich.

Es reicht schon, wenn ich Jeff nur ansehe. Seine T-Shirts, die immer irgendwo das Logo der Houston Texans haben. Die dämlichen Schweißbänder, die er in tausend Farben zu besitzen scheint und immer um sein Handgelenk trägt – als würde er ständig damit rechnen, einen 8000-Meter-Lauf machen zu müssen. Seine permanent gute Laune – er ist weder ein Morgenmuffel noch lässt er sich von der schlechten Laune seiner Mitmenschen anstecken. Und dann diese karamellfarbenen Augen, die mich ständig anstarren, als wäre ich ein exotisches Tier im Zoo. Seine bloße Anwesenheit bringt meinen Puls zum Rasen und weckt in mir den Wunsch, ihn zu verscheuchen oder selbst abzuhauen.

Aber so einfach ist das leider nicht. Wir haben keine weiteren lebenden Verwandten mehr außer Tante Audrey – und die ist leider, wie ich mir zähneknirschend eingestehen muss, wirklich keine Option. In Boston wiederum wäre ich komplett auf mich allein gestellt. Und so gerne ich mich hier auch zurückziehe und mich von den anderen abschotte, alleine in Boston wäre ich aufgeschmissen. Ohne einen Penny in der Tasche würde ich eh nicht weit kommen. Und wo sollte ich wohnen? Bei Ruth, mit der ich seit Monaten kaum ein Wort gesprochen habe? Nein, das ist eine bescheuerte Idee. In der viel zu kleinen Wohnung der Heatkes wäre ohnehin kein Platz für mich.

Nein, ich muss dieses eine Jahr bis zu meinem Abschluss durchstehen. Komme, was wolle. Komme, wer wolle.

»Hast du Lust, heute Abend mit mir und ein paar Freunden ins Kino zu gehen?«

»Eher friert es in der Hölle.« Ich wende mich zum Gehen, als Jeff mich am Arm packt und vom Weiterlaufen abhält.

Ich blicke eisig zwischen Jeffs Hand und seinen hellbraunen Augen hin und her, bis er endlich loslässt. »Hey, Sky, es tut mir leid, dass unser Start so bescheiden verlaufen ist.« Er kratzt sich verlegen am Hinterkopf. Offenbar weiß er nicht so recht, wie er weitermachen soll. »Roger meinte, dass …«

Es interessiert mich kein Stück, was Roger meint – oder über mich zu wissen glaubt. »Jeff, ich komme ganz gut allein klar. Ich brauche niemanden. Es ist nur noch dieses eine Highschooljahr, und danach bin ich ganz schnell von hier verschwunden – so schnell kannst du gar nicht gucken. Du verschwendest also nur unnötig deine Zeit, wenn du versuchst, hier so was wie eine Freundschaft zwischen uns aufzubauen.« Ich lege so viel Ruhe und Gelassenheit in meine Worte, wie nur möglich. Jeff soll spüren, dass ich keinen Wert darauf lege, bei ihm oder irgendwem sonst Anschluss zu finden.

Jeff sieht erleichtert aus. »Passt mir ganz gut. Ich hänge nämlich nicht gerne mit Goths ab.«

Ich blicke an meinen schwarzen Klamotten hinunter. »Ich bin doch kein Goth, du Freak«, blaffe ich ihn an. So viel zu Ruhe und Gelassenheit. Was glaubt der Kerl eigentlich, wer er ist?

»Nicht?«, fragt er verwundert. Seine Augen verengen sich für einen Moment kaum merklich.

»Ich trage Trauer, du Idiot.«

»Shit … Das tut mir leid. Wer ist gestorben?« Jetzt sieht er ehrlich bestürzt aus.

»Mein Dad«, antworte ich knapp und kann nicht glauben, dass ich das ernsthaft sagen muss. Der Typ nimmt mich doch auf den Arm. Schließlich weiß er, dass mein Vater gestorben ist. Er muss es wissen.

In Jeffs Gesicht wandelt sich in diesem Moment Bestürzung zu Verwunderung. Er überlegt kurz. »Aber das ist doch schon Jahre her.«

»Und?« In mir beginnt es zu kochen. Jeffs arrogante Art bringt mich in Sekunden auf die Palme. Was gibt ihm das Recht, mir vorzuschreiben, wie lange ich zu trauern habe? Ich hasse Menschen wie ihn, die mich irritiert anstarren und nicht verstehen können, dass für mich das Leben nicht einfach so weitergeht.

»Na, wäre es nicht langsam an der Zeit … weiterzumachen?«

Der hat sie ja nicht mehr alle! Ich verschränke demonstrativ die Arme vor der Brust und erwidere mit bebender Stimme: »Ich denke, ich möchte nicht mit dir darüber sprechen.«

Dann drehe ich mich um und laufe in Richtung der Treppe, um im ersten Obergeschoss in meinem Zimmer zu verschwinden. Der Hunger, der mich vor zehn Minuten runtergetrieben hat, ist mir gerade ohnehin vergangen.

»Du machst das übrigens klasse«, höre ich Jeff hinter mir sagen. Eigentlich will ich nicht stehen bleiben, aber ein kleiner Teil in mir will wissen, was er damit meint.

Also wende ich mich doch wieder zu ihm um. Ich ziehe die weite Strickjacke enger um meinen Körper, als wäre sie ein Schutzanzug.

»Du hältst jeden dermaßen auf Abstand, dass niemand auch nur entfernt Lust darauf bekommt, sich mit dir abzugeben. Dein Plan, im nächsten Jahr in Lewisville keine Freundschaften zu schließen, könnte also echt aufgehen. Glückwunsch! Danach kannst du dann wieder zurück zu deinen Freunden in Boston und die Episode hier problemlos aus deinem Leben streichen. Alles wird dann sein wie bisher.«

Ich werfe ihm ein gequältes Lächeln zu. Wenn er nur wüsste. In Boston wartet nichts und niemand auf mich. Nur die Nähe zu Dad zieht mich dorthin zurück. Seit seinem Tod habe ich mich komplett eingeigelt, bin nicht mehr mit meinen Freunden ausgegangen. Manchmal habe ich es nicht mal geschafft, mit meiner besten Freundin Ruth zu telefonieren.

In Ruthies freudigem hellen Leben, in dem das größte Fiasko ihre sich ab und an streitenden Eltern war, fühlte ich mich plötzlich furchtbar falsch. In ihrer Nähe erinnerte mich alles daran, wie schön das Leben vor Dads Tod war. Ruth bemühte sich zwar immer wieder um mich, bot mir an, mich zu besuchen, mit mir Cookies zu backen oder einfach in den Park zu gehen. Doch es fiel mir immer schwerer ihre Gesellschaft zu ertragen. Und plötzlich stand ich allein da.

Die Sinnkrisen meiner Freunde erschienen mir so lächerlich, und ich konnte mich einfach nicht mehr über Outfits, Schulpartys und Jungs unterhalten. Ich schämte mich so sehr dafür, dass ich mich vor Dads Tod wegen genau dieser Dinge ebenso verrückt gemacht habe. Anstatt die Zeit, die ich mit Dad hatte, richtig zu nutzen, lief ich lieber stundenlang durch Shoppingmalls, um den perfekten Nagellack zu einem neuen Shirt zu finden oder Ballerinas in demselben schimmernden Rot wie mein Lippenstift aufzutreiben.

Ich konnte meine Freunde und ihre winzigen Probleme nicht mehr ertragen, also zog ich mich von ihnen zurück. Die grausame Wahrheit ist also, dass es niemanden da draußen gibt, der auf mich wartet, sich auf mich freut oder mich vermisst.

Alles wird dann sein wie bisher, wiederhole ich in Gedanken.

Als ich auf seine Worte nichts erwidere, räuspert Jeff sich. »Dann wünsche ich dir ein schönes Jahr an der Lewisville Highschool.«

Seine Worte triefen vor Sarkasmus, aber das ist es nicht, was mir plötzlich einen Schauder über den Rücken jagt. Morgen schon ist es so weit! Mein erster Schultag … Ich kann nicht leugnen, dass die letzten Wochen seit meiner Ankunft in Lewisville, die ich mit Nichtstun, sinnlos im Internet surfen, an die Decke starren oder den Pferden und Rindern beim Grasen zuzusehen, nicht unbedingt zu den besten oder interessantesten meines Lebens gehören. Aber ich war bis zu diesem Moment sehr erfolgreich darin, dieses anstehende Ereignis weitestgehend auszublenden. Aber das brauche ich Jeff ja nicht unbedingt auf die Nase zu binden.

»Übrigens hat mich Roger dazu verdonnert, dich morgens in meinem Jeep mit zur Schule und am Nachmittag wieder mit nach Hause zu nehmen.«

Ich verdrehe genervt die Augen.

»Schau mich nicht so an! Mir wäre es auch lieber, ich müsste nicht den Babysitter für dich spielen. Meiner Freundin wird es bestimmt nicht gefallen, dass du uns beim Knutschen zuschaust.«

»Hättest du wohl gerne«, erwidere ich so harsch, dass meine Worte mehr dem Fauchen einer Wildkatze ähneln, als denen einer siebzehnjährigen Highschoolschülerin.

Jeff hebt abwehrend die Hände, als hätte er Angst, ich könnte meine Krallen ausfahren.

In diesem Moment schlägt draußen eine Autotür zu, und kurz darauf rauscht Mom in die Küche. Als sie mich und Jeff zusammen in einem Raum sieht, breitet sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus. Oh Mann.

»Ach, schön, dass ihr beiden da seid. Ich habe eingekauft. Der Van ist voll. Ich könnte eure Hilfe gebrauchen.«

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Kapitel 4

Jeff

Der Kies knirscht unter meinen Füßen als ich mich der Koppel nähere. Schon aus einiger Entfernung ist Teardrops Wiehern zu hören. Der dunkelbraune junge Araber hat seinen Namen wegen des weißen Flecks direkt unterhalb seines rechten Auges bekommen. Ein schwieriger Neuzugang, der sich an seine neue Umgebung nicht so recht gewöhnen will. Aber Roger hat darauf bestanden, dass wir ihn zu uns holen.

Eine frische Brise weht mir um die Nase, und einzelne Blätter tanzen um meine Füße. Der Herbst zieht allmählich ein. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich sonderlich darüber freuen würde. Bisher hat er mir kaum etwas Gutes gebracht. Vor drei Jahren bin ich während eines Herbststurms vom Pferd gefallen und habe mir dabei das Schulterblatt gebrochen. Vor zwei Jahren hat meine erste richtige Freundin pünktlich zum Herbstanfang mit mir Schluss gemacht, weil sie einen anderen Typen cooler fand als mich. Drei Jahre zuvor trennten sich meine Eltern, als die Blätter fielen. Das war kurz nachdem … Ich streiche mir mit der Hand über die Stirn, als könne ich damit die Gedanken dahinter wegschieben. Weit, weit weg …

Teardrop scheint heute noch viel aufgebrachter zu sein als sonst. Sein wildes Mähnenschütteln und jeder Hufschlag zeugen von seinem Widerwillen, hier auf der Ranch zu sein. Irgendwie erinnert er mich an Sky. Wie so oft in den letzten Tagen muss ich an sie denken. Sie wirkt auf mich so … traurig. Einfach traurig. Ich wünschte, ich wüsste, wie ich ihr helfen kann.

Als ich näher komme, entdecke ich Skys schmale Gestalt einige Meter von Teardrop entfernt. Sie lehnt am Gatter, und ihr langes blondes Haar weht mit den Blättern im Wind. Ihre Augen sind fest auf das aufgebrachte Pferd fixiert.

Leise setze ich meinen Weg fort, darum bemüht, das Knirschen des Kieses unter meinen Schuhen zu minimieren. Auf halber Strecke zwischen Sky und mir steht ein Verschlag, in dem getrocknete Heuballen für die Pferde lagern. Unschlüssig, ob ich zu ihr gehen soll, bleibe ich im Schutz des Verschlags stehen und blicke zu ihr hinüber.

Skys Blick wirkt abwesend. Wahrscheinlich hätte sie mich nicht einmal wahrgenommen, wenn ich laut stapfend auf sie zugelaufen wäre, so vertieft scheint sie in ihre Gedanken.

Plötzlich galoppiert Teardrop auf sie zu, doch Sky weicht nicht zurück. Entweder ihr Vertrauen in unsere Koppelzäune ist unglaublich groß oder sie weiß einfach nicht, was für eine Gefahr ein aufgebrachtes Pferd darstellt. Ich halte den Atem an, als Teardrop nur wenige Meter von Sky entfernt innehält, bevor er einige Sekunden später weiter auf sie zu läuft – diesmal jedoch um einiges langsamer. Ich beobachte jede seiner Bewegungen genauestens, immer sprungbereit, um im Notfall eingreifen zu können.

Das aufgestapelte Heu zu meiner Linken pikst mich in den Arm, doch ich bewege mich keinen Zentimeter, um die Aufmerksamkeit der beiden nicht auf mich zu ziehen. Die Szene wirkt auf eigenartige Weise innig. Sky sieht dem Pferd entgegen, das unschlüssig mit dem Kopf nickt, bevor es zu ihr ans Gatter läuft. Teardrops Nüstern blähen sich. Ich bin schon kurz davor, aus meinem Versteck zu springen und Sky eine Warnung zuzurufen … doch dann hält Teardrop inne. Er verharrt an Ort und Stelle, direkt vor dem Zaun, den Blick weiterhin fest auf Sky gerichtet.

Sie streckt ihren Arm aus und bewegt sich ganz langsam auf das Pferd zu. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich überlege fieberhaft, was ich tun soll. Einschreiten oder lieber doch einfach abwarten?

Als Skys Fingerspitzen ganz sanft Teardrops Nasenrücken entlangfahren, entscheide ich mich dafür, langsam auf die beiden zuzulaufen, um für den Ernstfall parat zu stehen. Sicher ist sicher.

Sky schaut nicht zu mir, obwohl sie meine Schritte auf dem Kies gehört haben muss. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt dem Hengst. Sie scheint überhaupt keine Angst zu haben. Sanft gleitet ihre Hand immer wieder über die gleiche Stelle oberhalb seiner Nüstern, während sie ruhig auf ihn einredet. Was sie ihm sagt, kann ich leider nicht verstehen, aber ich erkenne deutlich, wie das Pferd sich entspannt.

Als ich neben Sky ankomme, schenkt sie mir einen mürrischen Blick.

»Was?«, fragt sie mich eine Spur zu harsch. »Hast du Hunger und kannst dir dein Sandwich nicht selbst machen? Oder was ist der Grund, dass du mir hier draußen auflauerst?«

Der Araber weicht alarmiert einen Schritt zurück, doch als Sky ihm weiter beruhigend zuredet, entspannt er sich wieder und genießt ihre Streicheleinheiten.

Ich grinse über Skys gewohnt direkte Art. Sie ist so anders, als die Mädchen, mit denen ich bisher zu tun hatte. Sky sagt, was ihr auf der Seele brennt. Immer. Ob man will oder nicht. Ich bewundere sie in gewisser Hinsicht dafür, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt, sich nicht verstellt.

»Ich wollte nur sichergehen, dass Teardrop dich nicht zertrampelt. So ein ausgewachsener Araber hat nämlich verdammt viel Kraft, musst du wissen.«

Auf meine fürsorglichen Worte ernte ich wie immer Skys genervtes Schnauben.

»Teardrop und ich kommen wunderbar miteinander klar. Nicht wahr, Kleiner?«

Fasziniert beobachte ich, wie problemlos Teardrop sich von Sky berühren lässt. Wer hätte gedacht, dass in der Stadtpflanze Sky ein Pferdemensch steckt und dass Teardrop ausgerechnet auf sie so positiv reagiert? Ich sicher nicht. Wieder stiehlt sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Es ist schön, dass die beiden einander offensichtlich guttun.

»Na, dann möchte ich eure traute Zweisamkeit nicht länger stören. Aber versprich mir auf dich aufzupassen! Okay?«

Meine Stimme klingt viel ernster, als ich es eigentlich beabsichtigt habe. Ich weiß, dass ich mich aus Skys Leben heraushalten sollte. Aber irgendwie mache ich mir Sorgen um sie. Ich möchte nicht, dass ihr etwas passiert.

»Ja, Mom.« Sky macht keinen Hehl daraus, wie sehr es ihr gegen den Strich geht, dass ich ihren Aufpasser spiele. Ein Job, um den sie mich nicht gebeten hat und den ich vor wenigen Tagen nie und nimmer freiwillig übernommen hätte.

Doch irgendetwas hat sich verändert. Wenn Sky sich einem Pferd gegenüber öffnen kann, dann klappt das irgendwann auch wieder mit Menschen, da bin ich mir ganz sicher. Und genauso sicher weiß ich plötzlich, dass ich ihr dabei helfen will.

Ich hoffe nur, sie lässt mich.

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Kapitel 5

Es ist ungewöhnlich warm an diesem Septembermorgen. Während ich in Boston sicher bereits eine Jacke tragen müsste, ist es mir fast schon zu heiß in meinem langärmeligen Shirt und der Jeans. Als Jeffs Freundin ins Auto steigt, weht eine Parfümwolke mit ihr herein. Sie füllt sofort jeden Kubikzentimeter des Wagens aus und lässt uns kaum noch ausreichend Sauerstoff zum Atmen. Ich möchte am liebsten würgen, so angewidert bin ich.

Genervt blicke ich durch die verdreckte Fensterscheibe nach draußen. Ich habe noch nie ein Auto gesehen, das dermaßen verschmutzt ist. Der olivfarbene Jeep sieht aus, als wäre Jeff damit stundenlang durch sämtliche Schlammlöcher im Umkreis von hundert Kilometern rund um Lewisville gefahren. Der eingetrocknete Matsch hat sich wie eine zweite Haut über den Lack gelegt, und die ursprüngliche Farbe kann man stellenweise nur noch erahnen.

»Hey«, piepst das Mädchen in unerträglich hoher Stimmlage und reißt mich damit aus meinen Gedanken. Jeff schenkt ihr zur Begrüßung ein schiefes Lächeln. Aufgeregt wie ein Kleinkind kurz vor der Bescherung hopst sie auf dem Beifahrersitz hin und her, ehe sie sich schließlich zu ihm rüber beugt, um ihm einen Kuss zu geben. Sie hat dabei nur Augen für Jeff, sodass ihr meine Anwesenheit gänzlich entgeht.

Neben ihren ebenmäßigen Gesichtszügen, soweit ich sie im Profil erkennen kann, stechen besonders ihre übergroßen goldenen Kreolen hervor, die schwer an ihren Ohren hängen. Ihr Haar ist lang, dunkelbraun und glänzt dermaßen, dass ich beschämt auf meine stumpfen blonden Spitzen blicke, die dringend mal wieder einen Friseurbesuch nötig hätten.

Während ich in meinen dunklen Jeans und dem schwarzen Shirt eher schäbig daherkomme, sieht sie wie eines der Mädchen aus gutem Hause aus, das sich keine Gedanken machen muss, ob Daddys Kreditkartenlimit dem nächsten Shoppingexzess standhalten wird. Zumindest erwecken das große Haus, vor dem wir sie abgeholt haben, und ihre teure Designertasche diesen Anschein. Die ist sicher mehr wert, als Mom in drei Monaten als Kellnerin verdienen könnte. Nahezu billig wirkt hingegen das einfache weiße Shirt, das sich so weit nach oben geschoben hat, dass ich ein glitzerndes Bauchnabelpiercing aufblitzen sehe.

Ich schäme mich ein wenig für meine Gedanken. Schließlich kenne ich sie gar nicht – und trotzdem habe ich bereits ein Urteil über sie gefällt. Aber diese Art Mädchen gibt es überall, auch an meiner alten Schule. Und egal ob in Boston, New York, Hongkong oder Lewisville: Ich erkenne eine eingebildete Cheerleader-Tussi, wenn ich ihr gegenüberstehe oder wenn ich sie, wie in diesem Fall, vom Rücksitz eines Jeeps aus beobachten kann.

Nach diesem ersten kurzen Kuss zieht Jeff seine Freundin zu sich, und die beiden legen erst so richtig los. Jeff findet es bestimmt wahnsinnig witzig, wie ich den beiden beim Knutschen zusehen muss. Was für ein Idiot! Am liebsten würde ich aus dem Wagen springen und zur Schule laufen.

Doch leider gestaltet sich dieses Unterfangen mehr als schwierig, weil ich in der Aufregung mein Handy zu Hause vergessen und absolut keinen blassen Schimmer habe, wo ich mich gerade befinde. War wohl doch nicht besonders klug von mir, mich nicht mit meiner neuen Umgebung zu befassen ...

Ich will es mir nicht eingestehen, aber Mom hat recht behalten. Ich hätte die letzten Tage dazu nutzen sollen, mich in der Stadt umzusehen und mir wenigstens einen groben Überblick zu verschaffen. Allein schon deshalb, um jetzt nicht mit Jeff und seiner Freundin in diesem viel zu engen Jeep festzusitzen und den beiden dabei zusehen zu müssen, wie sie Körperflüssigkeiten austauschen. Bäh!

Irgendwann reicht es mir, und ich räuspere mich. Laut. Der verträumte Ausdruck auf dem Gesicht von Jeffs Freundin verschwindet, und sie öffnet abrupt die Augen. Sie hält in der Bewegung inne und schielt dann nach hinten auf den Rücksitz, wo ich sitze. Für den Bruchteil einer Sekunde halte ich die Luft an.

Sie starrt mich entsetzt an, während ich mein ganzes Gewicht in den Sitz presse, als könnte ich dadurch den Notfallschalter aktivieren, der mich aus diesem Albtraum herauskatapultiert. Mir wird heiß. Am liebsten würde ich einfach abhauen. Dabei gibt es überhaupt keinen Grund, dermaßen heftig zu reagieren. Schließlich habe ich nichts falsch gemacht. Das einzige, was man mir zur Last legen kann, ist die Tatsache, in Jeffs verdammtes Auto eingestiegen zu sein. Nie im Leben hätte ich einwilligen dürfen, mit ihm zur Schule zu fahren. Eins steht fest: Ab morgen fahre ich mit dem Schulbus. Soviel ist sicher! Ich muss nur noch herausfinden, ob es einen gibt.

»Wer ist das?« Angewidert blickt Jeffs Freundin mich an, als wäre ich ein ekliger Kaugummi, der am Boden ihrer teuren Designerhandtasche klebt.

»Kathleen, das ist die Tochter von Rogers neuer Freundin«, erklärt Jeff gelassen. Dass er meinen Namen dabei nicht nennt, geht nicht unbemerkt an mir vorbei.

»Oh«, entfährt es Kathleen wenig eloquent, während sie mich weiterhin abschätzig mustert.

Ich versuche die plötzliche Wut in meinem Bauch nach außen hin zu kaschieren. Die beiden sind nicht wichtig für mich, weil das Leben hier in Lewisville nicht wichtig für mich ist. Je mehr mich die Leute wie Luft behandeln, desto dankbarer sollte ich ihnen sein.

Jeff schenkt mir keine weitere Beachtung, packt seine Freundin, zieht sie erneut schwungvoll an sich und verpasst ihr einen oscarreifen Filmkuss.

Perplex starre ich die beiden an. »Wir … ähm, wir müssen weiter. Sonst kommen wir noch zu spät«, gebe ich zu bedenken, als sie nach einer gefühlten Ewigkeit noch immer aneinander kleben.

Anstatt auf meine Worte zu reagieren, schiebt Jeff seine Hand ins perfekt gestylte Haar seiner Freundin, zieht sie noch eine Spur enger an sich und knutscht so wild mit ihr herum, dass ich ihnen zurufen möchte, sie sollten sich doch ein Zimmer nehmen. Am besten weit weg von der Ranch.

Irgendwann lassen sie endlich voneinander ab. Mit Freude höre ich den Motor des verdreckten Wagens aufheulen.

***

An der Schule angekommen, kann ich das Auto nicht schnell genug verlassen. Ich schnalle mich ab, greife nach meinem Rucksack im Fußraum und öffne bereits die Tür, noch ehe Jeffs Wagen vollends zum Stehen gekommen ist.

»Sitzenbleiben! In meinem Wagen bleibt man angeschnallt, bis der Motor aus ist!«, brüllt er so laut, dass Kathleen neben ihm erschrocken zusammenzuckt und ich die Finger so schnell vom Türöffner nehme, als hätte ich mich daran verbrannt. Sein Gesicht wirkt angespannt und wütend. Unter seinem mahnenden Blick wage ich es nicht, mich zu bewegen, geschweige denn den Wagen zu verlassen. Für einen furchtbar langen Augenblick sagt keiner ein Wort.

Dann streicht Kathleen einfühlsam über seinen Arm, woraufhin er wie aus einer Trance zu erwachen scheint. Er blickt zwischen Kathleen und mir hin und her, schluckt einmal schwer. Schließlich fragt er mit beinahe normaler Stimme: »Wo willst du denn überhaupt so schnell hin? Wir können doch zusammen gehen. Schließlich haben wir denselben Weg und können dir an deinem ersten Schultag alles zeigen.«

Sein Tonfall klingt versöhnlich, und ich zögere tatsächlich für einen Moment.

»Lass sie doch, wenn sie gehen will«, kommt Unterstützung aus gänzlich unerwarteter Richtung. Zunächst bin ich Kathleen dankbar für ihre Hilfe, doch dann wird mir klar, warum sie das gesagt hat. Sie will mich nicht in der Nähe ihres Freundes wissen. Und schon gar nicht will sie mit mir zusammen auf dem Schulgelände gesehen werden. Wahrscheinlich ist es für sie schon schlimm genug, dass ich mit Jeff unter einem Dach wohne.

Während die beiden Blicke austauschen, nutze ich die Gelegenheit und steige ohne ein weiteres Wort aus dem Jeep. Ich lasse die Tür so heftig zufallen, dass einige der verkrusteten Schlammbrocken abfallen und auf dem Boden zerbersten.

So schnell ich kann – jedenfalls ohne dabei die Aufmerksamkeit der anderen Schüler auf mich zu ziehen –, laufe ich in Richtung Schulhof.

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