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Verlockung unter Italiens Sonne

Rebecca Winters

Verlockung unter Italiens Sonne

1. KAPITEL

Als Vincenzo Antonello die Schlagzeile auf der Titelseite des Corriere della Sera las, blieb ihm fast das Herz stehen.

„Andreas Simonides, der dreiunddreißigjährige Vorstandsvorsitzende der Simonides Corporation, hat völlig überraschend die sechsundzwanzigjährige Amerikanerin Gabriella Turner geheiratet. Die Trauung fand im engsten Familienkreis auf Milos statt“, lautete die Meldung.

„Dad, wann gehen wir endlich?“, fragte in dem Moment sein sechsjähriger Sohn.

„Sobald du den Salat aufgegessen hast und ich meinen Kaffee getrunken habe, Dino.“ Er las konzentriert weiter.

Seitens der Familie Simonides wurde strengstes Stillschweigen gewahrt, aber gerüchteweise war zu erfahren, dass das frischvermählte Paar die Flitterwochen in der Karibik verbringt und weder für Fototermine noch für Interviews zur Verfügung steht.

Lange galt Irena Liapis, die Tochter des griechischen Medienmoguls Giorgios Liapis, als zukünftige Frau des Industriemagnaten Andreas Simonides. Doch seit der überraschenden Hochzeit ihres Exfreunds hat man sie nicht mehr gesehen. Es heißt, sie habe die Leitung des Lifestylemagazins ihres Vaters aufgegeben. Wo sie sich momentan aufhält, ist nicht bekannt.

Vincenzo hatte das Gefühl, eine eisige Hand hätte sich um sein Herz gelegt. Als Irena Anfang Juli nach Griechenland zurückgekehrt war, hatte er ihren Wunsch respektiert und war ihr nicht gefolgt. Seitdem hatte er jeden Tag befürchtet zu erfahren, sie und Andreas Simonides hätten geheiratet.

Als er sie kennenlernte, hatte er die Existenz dieses Konkurrenten verflucht und sich immer wieder wegen ihrer Zuneigung zu dem Mann über Irena lustig gemacht. Jedenfalls haben ihre angeblichen Gefühle sie nicht daran gehindert, mit mir eine heiße Liebesnacht zu verbringen, dachte Vincenzo spöttisch. Er hatte gehofft, es wäre für sie ein genauso unvergessliches Erlebnis gewesen wie für ihn, sodass sie nicht mehr mit seinem Rivalen zusammen sein wollte.

Doch weit gefehlt. Offenbar hatte er sich nur etwas vorgemacht. Irena war eben nicht anders als die Frauen in seinem Bekanntenkreis.

„Irena! Was machst du denn hier?“

„Ich weiß, du bist überrascht, mich zu sehen.“

Deline umarmte sie. „Ja, aber nur weil ich dachte, du seist schon wieder weg. Warum hast du mich nicht angerufen und mir gesagt, dass du noch in Athen bist?“

„Das habe ich nicht gewagt“, gab sie zu.

„Wie bitte?“ Deline zog besorgt die Augenbrauen hoch. „Komm herein, und lass uns reden.“ Sie führte Irena durch die riesige Eingangshalle. „Ich habe gerade die Zwillinge gefüttert und sie in die Babywippen im Spielzimmer gelegt. Leon wird sich ärgern, weil er dich verpasst hat. Er ist vor ein paar Minuten ins Büro gefahren.“

„Ich habe extra gewartet, bis ich ihn im Auto wegfahren sah.“

Deline wirbelte herum und legte ihr die Hand auf den Arm. „Was ist los, Irena? Ich sehe dir doch an, dass etwas Schlimmes passiert ist.“

„Hoffentlich erwähnt keine eurer Hausangestellten Leon gegenüber, dass ich hier war. Er soll es unter keinen Umständen erfahren.“

Was auch immer Irena hergeführt hatte, es musste etwas sehr Ernstes sein, das war Deline klar. „Im Moment ist nur meine Haushälterin Sofia da, alle anderen haben bis heute Nachmittag frei. Aber Sofia ist absolut vertrauenswürdig, ich werde sie bitten, mit niemandem über deinen Besuch zu reden.“

„Danke, Deline.“

Sie lächelte und drückte Irenas Arm kurz. „Warte bitte einen Augenblick, ja? Ich bin gleich wieder bei dir.“

Während Deline davoneilte, betrat Irena das Spielzimmer. Die fünf Monate alten Zwillinge lagen in den Babywippen und griffen gerade nach den Plastikfiguren an den Spielbügeln. Als sie Irena bemerkten, strampelten sie aufgeregt mit den Beinchen und streckten die Ärmchen aus.

Sie kniete sich neben Kris, der das Krankenhaus erst vor Kurzem nach einer Herzoperation hatte verlassen können. Sie küsste ihn auf die Stirn und begrüßte dann Nikos. Mit dem wunderschönen schwarzen Haar und der leicht gebräunten Haut hätte man sie ohne Weiteres für Delines leibliche Söhne halten können.

Doch alle, die die Familie Simonides kannten, wussten, dass Leons Geliebte, mit der er während der Ehekrise eine einzige Nacht verbracht hatte, die Mutter der Kinder war. Thea Turner lebte jedoch nicht mehr.

Eigentlich war es unvorstellbar, aber Deline, jetzt selbst schwanger, hatte Leon verziehen und war mit ihm zusammengeblieben.

„So, ich habe das Problem gelöst“, verkündete sie, als sie zurückkam, und setzte sich wenig später neben Irena auf das Sofa. „Und nun erzähl mir, was dich bedrückt!“

Wo sollte sie anfangen? Irena sah ihre Freundin an, die beinah ihre Schwägerin geworden wäre, wenn das Schicksal nicht eingegriffen hätte.

Praktisch über Nacht hatte sich alles geändert. Irenas Hochzeit mit Leons Zwillingsbruder Andreas war beschlossene Sache gewesen, bis sie vor zwei Monaten aus beruflichen Gründen nach Italien gereist war und dort einen anderen Mann kennengelernt hatte. Sie empfand so viel für ihn, dass sie sich am liebsten gar nicht von ihm getrennt hätte.

Als sie nach Griechenland zurückgekehrt war, um Andreas alles zu gestehen und die Beziehung zu beenden, hatte sich dazu keine Gelegenheit ergeben. Schon bald hatte Irena erfahren, dass er sich in Theas Halbschwester Gabi Turner verliebt und beschlossen hatte, die blonde Amerikanerin zu heiraten. Jetzt war er mit ihr auf Hochzeitsreise.

„Irena, warum sagst du nichts?“

„Ich weiß nicht, wie ich es dir beibringen soll.“

„Was?“

„Du wirst es nicht glauben. Mir fällt es ja auch schwer.“

„Ist es so schlimm?“

„Noch viel schlimmer.“

„Bist du etwa unheilbar krank?“

„Nein, obwohl das Problem dadurch gelöst wäre.“

„Das kann nie die Lösung sein.“

„Okay.“ Sie atmete tief ein. „Ich bin schwanger.“

Deline wurde blass. „Ist Andreas der Vater?“

„Eventuell“, erwiderte Irena nach kurzem Zögern. „Ich war bei dem Arzt und habe zurückgerechnet. Es könnte Andreas’ Kind sein, aber sicher ist das nicht. Ach, was soll ich bloß machen, wenn Vincenzo der Vater ist?“

„Wer ist das denn?“ Deline spürte, wie aufgewühlt die Freundin war, und drückte ihr die Hand.

„Ich habe ihn kennengelernt, als ich wegen der Reportage in Italien recherchiert habe. Er ist sehr attraktiv. Aber jetzt … Es ist ein einziges Chaos!“ Verzweifelt schlug sie die Hände vors Gesicht.

„Seit wann weißt du es?“

„Weil mir seit einer Woche fast ständig übel ist, dachte ich, es seien Grippesymptome. Gestern bin ich dann zum Arzt gegangen. Er hat mich zum Gynäkologen überwiesen, der mir heute Morgen bestätigt hat, dass ich in der sechsten Woche schwanger bin.“

Vor ihrem Aufenthalt in Italien war Andreas der einzige Mann für sie gewesen. Nach ihrer Rückkehr hatten sie heiraten wollen. Aber die Zeit in Italien hatte ihr Leben für immer verändert. Irena hatte sich in Vincenzo verliebt – so heftig, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Deshalb war sie länger geblieben als geplant und wäre am liebsten gar nicht nach Griechenland und zu Andreas zurückgekehrt.

„Irena, egal, wer der Vater ist, du wirst ein bezauberndes Baby bekommen“, sagte Deline tröstend.

„Ja, ich weiß.“ Sie blinzelte die aufsteigenden Tränen fort. „Ich will es ja auch unbedingt bekommen.“ Und ich wünsche mir sehr, dass es Vincenzos ist, fügte sie im Stillen hinzu.

„Natürlich.“ Deline drückte ihr sanft die Hand. „Was machst du jetzt?“

Irena atmete tief durch. „Momentan weiß ich nur eins: Falls Andreas der Vater ist, wird er es nie erfahren. Ich habe mich bei einem anderen Frauenarzt angemeldet, um die Diagnose bestätigen zu lassen. Ich möchte ganz sicher sein.“

„Ja, das wollte ich dir auch gerade vorschlagen. Die Sache ist zu wichtig.“

„O Deline, ich wäre so glücklich, wenn es Vincenzos Baby wäre!“

„Und wenn der andere Arzt zu demselben Rechenergebnis kommt?“

„Dann werde ich Andreas und Gabi keinesfalls verletzen. Ich habe nicht vergessen, wie sehr du gelitten hast, als herauskam, dass Leon der Vater von Theas Zwillingen ist. Andreas und Gabi lieben sich sehr, er konnte sie gar nicht schnell genug heiraten. Ich werde den beiden in jedem Fall ersparen, dass sie dasselbe durchmachen wie du und Leon.“

Ungläubig schüttelte Deline den Kopf.

„Manchmal frage ich mich, wie du das alles überstanden und verkraftet hast“, fuhr Irena fort. „Ich habe mit dir gelitten und konnte kaum fassen, was geschehen war.“ Die Zwillinge waren liebenswerte Kinder, es wäre jedoch für alle Beteiligten besser, wäre Deline ihre leibliche Mutter.

„Du hast mir sehr geholfen und warst für mich da. Das werde ich dir nie vergessen“, antwortete Deline leise.

„Es tut mir leid, dass ich dich an die schlimme Zeit erinnert habe, aber das kann ich den beiden nicht antun.“

Deline stand auf. „Die Wahrheit kommt sowieso immer heraus, manchmal früher, manchmal später. Wenn ich sie erst nach vielen Jahren erfahren und bis dahin geglaubt hätte, zwischen Leon und mir sei alles in bester Ordnung, wäre es noch schwerer zu ertragen gewesen. So haben wir wenigstens schon vor der Geburt unseres Babys reinen Tisch gemacht. Leon ist sehr verständnisvoll und hat viel Geduld mit mir.“

„Das freut mich für dich. Aber ich habe Angst, dass sich das Ganze wiederholt. Immerhin ist nicht auszuschließen, dass Gabi auch schwanger ist“, wandte Irena ein. „Ich kann es den beiden nicht antun. Ihnen nach den Flitterwochen die Neuigkeit sozusagen als verspätetes Hochzeitsgeschenk zu verkünden, das wäre geschmacklos.“

„Natürlich verstehe ich das. Aber wenn Andreas es zufällig herausfindet, wird es schwierig für dich“, entgegnete Deline besorgt. „Ich kenne ihn, er ist fast schon übertrieben großzügig und wird sich dir gegenüber immer anständig verhalten. Solltest du ihm allerdings so etwas Wichtiges verschweigen …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“

„Genau deshalb muss ich dafür sorgen, dass er es nie erfährt.“ Irena räusperte sich. „Und um das mit dir zu besprechen, bin ich hier.“

„Willst du auf einen anderen Planeten ziehen?“, fragte Delina scherzhaft.

„Nein, nicht ganz. Als ich aus Italien zurück war, wollte ich eigentlich nur meinen Job kündigen, was ich auch getan habe, und mit Andreas reden. Ich hatte da schon beschlossen, mich von ihm zu trennen. Und jetzt will ich nach Riomaggiore zu Vincenzo reisen … Ich kann nur hoffen, dass er es ernst gemeint hat, als er gesagt hat, er wolle mich heiraten.“

„Wie bitte? Innerhalb von nur zehn Tagen hat er dir einen Heiratsantrag gemacht?“, vergewisserte Deline sich verblüfft. „Du bist natürlich eine sehr schöne und intelligente Frau, ohne Frage. Aber wenn er wüsste, dass du mit Andreas zusammen warst …“

„Das hört sich kompliziert an, ich weiß“, unterbrach Irena sie. „Es war nicht direkt ein Heiratsantrag, sondern hat sich im Gespräch so ergeben. Ich bin aber nicht darauf eingegangen, weil ich erst alles mit Andreas klären wollte. Das war allerdings nicht mehr nötig, denn er war ja schon mit Gabi zusammen.“

Irena seufzte. „Als er mir erzählt hat, was passiert ist, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass Andreas und ich nie ineinander verliebt waren. Sonst hätte er sich nicht in Gabi verliebt und ich mich nicht in Vincenzo. Vincenzo hat mich übrigens gewarnt und meinte, es wäre ein Fehler, Andreas zu heiraten, es würde nicht gut gehen und ich würde es eines Tages bereuen. Tja, und damit hatte er recht.“

„Er muss ein ganz besonderer Mann sein, wenn du dich so schnell und so rettungslos in ihn verliebt hast, dass du ihn heiraten willst und dir wünschst, das Baby wäre von ihm. Wie ist er? Was macht er so?“

„Vincenzo Antonello ist ein typischer Italiener“, begann Irena nach kurzem Zögern zu erzählen und dachte an sein gelocktes, etwas zu langes Haar, das immer irgendwie ungebändigt wirkte. „Er geht meist zu Fuß und benutzt seinen alten Wagen nur für weitere Strecken.“

Der Unterschied zwischen seinem und ihrem Leben hätte kaum größer sein können. Sie musste lächeln, als sie an die Luxusvillen, die eleganten Limousinen und die Hubschrauber ihres Vaters dachte. „Er hat mich und meinen Fotografen durch die Likördestillerie in La Spezia geführt. Als er mich zum Hotel zurückgebracht hat, hat er gesagt, ihm gefalle, dass ich mit meinen eins fünfundsiebzig nicht viel kleiner bin als er. Dann brauche ich mich nicht so weit hinunterbeugen, hat er gesagt.“ Dabei hatte er tief und herzlich gelacht, während seine blauen Augen übermütig gefunkelt hatten.

„Es war eine verrückte Zeit, Deline. Er hat jede freie Minute mit mir verbracht, wir sind zusammen essen gegangen, haben uns unterhalten, viel gelacht … Und er hat mir den reizvollen Ort mit den vielen Cafés, Restaurants und Geschäften gezeigt. Noch nie habe ich in so wenigen Tagen so viel geredet. Zum Schlafen sind wir eher selten gekommen. Er war sehr aufmerksam, hat mir Blumen und immer wieder nette Kleinigkeiten geschenkt. Ich kam mir vor wie in einem wunderschönen Traum und fühlte mich wie verzaubert.“

Groß gewachsen und mit einer athletischen Figur war er ein auffallend attraktiver Mann.

„Er ist weltgewandt, vielseitig interessiert und scheut sich nicht, seine Meinung zu sagen, egal zu welchem Thema.“

Dass er keinen Wert darauf legte, Reichtum anzuhäufen, sondern damit zufrieden war, von seinem Einkommen gut leben zu können, erwähnte sie nicht. Sie selbst kam aus einer der reichsten Familien Griechenlands und war von Luxus umgeben. „Es hat ihm großen Spaß gemacht, mir seinen Heimatort zu zeigen. Wir sind stundenlang spazieren gegangen und sogar einen ganzen Tag durch Wälder und Weinberge gewandert, von denen man einen großartigen Blick aufs Meer hat.“

Sie lächelte wehmütig. „Den letzten Abend haben wir in seinem kleinen und schlicht möblierten Apartment in Riomaggiore verbracht, wo er mir ein typisch italienisches Gericht zubereitet hat. Es war köstlich! Danach haben wir auf dem Balkon gesessen und Wein getrunken. Als es dunkel wurde, hat er mich wie selbstverständlich in das Schlafzimmer getragen. Ich war völlig überwältigt von meinen Gefühlen und konnte an nichts anderes mehr denken. Kurz vor meinem Rückflug nach Griechenland hat er dann etwas ganz Verblüffendes gesagt.“

„Und was war das?“, fragte Deline, die wie gebannt zugehört hatte.

„‚Wir sind so verschieden, dass wir heiraten sollten.‘ So hat er es ausgedrückt.“

„Was für ein Satz!“

„Ich war genauso schockiert wie du. Er liebte es geradezu, mich immer wieder zu verblüffen.“

„Was hast du geantwortet?“

„Ich war so sprachlos, dass mir nichts eingefallen ist. Allerdings habe ich meine Beziehung mit Andreas nicht verschwiegen. Er hat von Anfang an gewusst, dass ich Andreas gernhabe und seine Frau werden wollte.“

„Wie hat er darauf reagiert?“

„Er hat mich ausgelacht und erklärt, wenn Andreas und ich uns wirklich liebten, wären wir längst verheiratet und ich hätte kein Interesse daran, meine Zeit mit einem anderen Mann zu verbringen.“ Irena schüttelte den Kopf. „Das hat mich wachgerüttelt, und mir wurde bewusst, dass er recht hatte. Andreas und ich hatten uns aneinander gewöhnt. Wenn ich ihn wirklich geliebt hätte, wäre mir meine Karriere nicht wichtiger gewesen als er. Dann hätte ich so viel Zeit wie möglich mit ihm verbracht.“

Irena seufzte wieder. „Immer wieder hat Vincenzo mich mit der Wahrheit konfrontiert. ‚Liebe ist doch nur ein Wort, in das man alles Mögliche hineininterpretieren kann – so wie man es gerade braucht. Oft genug bedeutet es gar nichts‘, hat er einmal gesagt. Auf meine Frage, ob er nicht daran glaube, hat er mit den Schultern gezuckt und gemeint, in gewisser Weise glaube er schon an tiefe Gefühle. Als Beispiel hat er die Liebe der Eltern zu ihren Kindern angeführt.“

Während Deline aufmerksam zuhörte, fuhr Irena fort: „Auf meinen Einwand, ich fände es schwierig, mit ihm über bestimmte Dinge zu reden, hat er entgegnet: ‚Wieso? Nur weil ich deine unsinnige Vorstellung von Perfektionismus nicht teile und eine ganz andere Meinung vertrete als die Menschen, mit denen du dich normalerweise umgibst? Hast du je innegehalten und darüber nachgedacht, wie oberflächlich das alles ist?‘“

„Das hat er gewagt?“ Deline schüttelte den Kopf.

„O ja, und noch viel mehr. Er hat mein Verhalten mit dem von Wildgänsen verglichen, die in einer auffälligen V-Formation fliegen. Kühl und durch nichts aus der Fassung zu bringen, würde ich über den Dingen schweben. So wie es mir beigebracht worden sei, würde ich sorgsam vermeiden, mit anderen als meinesgleichen zu verkehren. Und es sei sicher faszinierend zu beobachten, was geschehen würde, wenn ich ein einziges Mal aus der Formation ausscheren und ganz allein unterwegs sein würde, hat er hinzugefügt.“

„Ich fasse es nicht!“

„Ja, diese Bemerkungen haben mir jedes Mal einen Stich versetzt. Aber ich wollte unbedingt mehr über ihn erfahren und ihn besser kennenlernen. Und wenn wir miteinander geschlafen haben, habe ich mir gewünscht, es würde nie aufhören. Obwohl er eigentlich ein Fremder war, war er mir so nah … und so vertraut. Es hat sich richtig angefühlt, mit ihm zusammen zu sein. So als wären wir seelenverwandt.“

Irena stand auf. „Nach dem Arzttermin heute Nachmittag fliege ich nach Italien zu Vincenzo und sage ihm, dass er recht hat. Ich hoffe, ich kann ihm mit meiner Rückkehr beweisen, dass ich mich geändert habe und bei ihm bleiben will. Über unsere gegenseitige Zuneigung zu sprechen wird hoffentlich befreiend sein. Wenn er es ernst gemeint hat und mich tatsächlich immer noch heiraten will, bin ich dazu bereit.“

„Und wie willst du ihm deine Schwangerschaft erklären?“

„So wie es ist. Wenn er kein Verständnis dafür hat, dass ich erst mit Andreas reden und die Beziehung beenden wollte, ist Vincenzo nicht der Mann, für den ich ihn gehalten habe. Und wenn er es mit der Heirat nicht ernst gemeint hat, wandere ich aus und gehe nach Übersee.“

„Und wohin genau?“

„Keine Ahnung.“

„Irena, das klingt gar nicht gut. Ich mache mir große Sorgen um dich.“

Sie seufzte abermals. „Was meinst du, wie ich mich fühle?“

„Mach schon, Dino. Du schaffst es!“

„Nein!“

Vincenzo sah die Angst in den Augen seines Sohnes, der am Rand des Swimmingpools stand und nicht wagte, ins Wasser zu springen und sich von ihm fangen zu lassen. Da half auch kein gutes Zureden. „Was möchtest du denn sonst machen, solange du noch hier bist?“

„Ich will bei dir bleiben und nicht wieder weg.“ Es klang so traurig und verzweifelt, dass Vincenzo sich ganz elend fühlte.

„Du weißt doch, dass das unmöglich ist, Dino. Komm, wir gehen zum Strand und beobachten die Schiffe“, schlug er vor.

„Okay“, antwortete Dino wenig begeistert.

„Hast du Lust, hinauszufahren und zu angeln?“

„Nein, ich möchte nur den Schiffen zusehen.“

Vincenzo hatte gehofft, Dino würde die Scheu vor dem Wasser eines Tages überwinden. Doch seit seine Exfrau Mila vor sechs Monaten wieder geheiratet und von Florenz nach Mailand gezogen war, schienen sich Dinos Ängste verschlimmert zu haben. „Gut, dann machen wir uns auf den Weg.“ Vincenzo stieg aus dem Swimmingpool.

Nachdem sie sich umgezogen hatten, nahm er seinen Sohn an die Hand. Wenig später gingen sie die Stufen zum Strand hinunter.

In zwei Tagen würde er Dino nach dem einwöchigen Sommeraufenthalt zurück nach Mailand bringen und ihn dann bis Dezember nur noch für je ein Wochenende im Monat sehen. Vincenzo bemühte sich, es seinen Sohn nicht spüren zu lassen, wie krank es ihn machte, nicht mehr Zeit mit ihm verbringen zu können.

Seit der Scheidung hatte Mila mit Dino bei ihrer Familie in Florenz gelebt. Einmal im Monat nahm sich Vincenzo ein Hotelzimmer in der Nähe des Boboli-Gartens, von dem aus er einen traumhaften Blick über die wunderschöne Stadt hatte. Die gemütliche Pension war für ihn und Dino so etwas wie ein zweites Zuhause geworden – was Vincenzo von dem Hotel in Mailand nicht behaupten konnte. In dieser Stadt fühlte er sich nicht heimisch. Aber er musste sich an die Regeln halten. Sein Sohn durfte nur in den Sommerferien und im Dezember für eine Woche zu ihm nach Riomaggiore kommen.

Daran würde sich bis zu Dinos achtzehntem Geburtstag nichts ändern, es sei denn, Vincenzo heiratete wieder. Doch nachdem er sich von seinem Vater zu der ersten Ehe hatte drängen lassen, die von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden hatte, betrachtete er das Thema als erledigt. Seine einzige Chance war, dass Dino, sobald er alt genug dazu war, ausdrücklich wünschte, öfter bei ihm zu sein. Dann würde er, das hatte Vincenzo beschlossen, gerichtlich eine neue Vereinbarung erzwingen.

Als sie später über die Via dell’Amore, die sich an den steilen Felsenabhängen entlangschlängelte, von Riomaggiore nach Manarola wanderten, rief Dino plötzlich: „Dad, sieh dir das an! Die Sonne fällt ins Meer!“

„Was meinst du, bekommen die Fische jetzt Angst?“

Zum ersten Mal an diesem Nachmittag musste Dino lächeln. „Nein. Du bist ein Scherzkeks!“

Auf dem Rückweg sah Vincenzo den Jungen an, der sein ganzer Stolz war und den er sehr liebte. „Bist du noch nicht müde? Soll ich dich auf den Schultern die Treppen hinauftragen? Es ist ziemlich steil.“

„So steil sind die doch gar nicht.“ Dino trottete neben ihm her. „Was bedeutet überhaupt steil?“

„Wenn etwas fast gerade hinauf- oder hinunterführt“, erklärte Vincenzo lachend.

„Manchmal habe ich das Gefühl, ich würde rückwärts hinunterkippen.“

„Geh einfach vor mir, dann kann ich dich auffangen, wenn du fällst.“

„Ach, ich schaffe das auch so. Pass auf.“ Er lief die Stufen bis zu der schmalen kurvenreichen Straße hinauf, an der sich das Haus mit Vincenzos Appartement befand. Wie seine Mutter hatte er glattes dunkelbraunes Haar und braune Augen, während er die Statur, die stolze Nase und das energische Kinn von ihm hatte. Vincenzo hielt seinen Sohn für perfekt.

„Ich bin schneller als du!“, rief Dino und rannte das letzte Stück des Wegs bis zum Haus, das über die Klippe hinauszuragen schien. Vom Balkon aus hatte man einen herrlichen Blick auf das Ligurische Meer, und sie saßen oft stundenlang da und beobachteten die Menschen am Strand und die Schiffe. Viel Spaß machte es ihnen auch, nachts bei klarem Wetter den Sternenhimmel zu betrachten.

Vor der Haustür hörte Vincenzo, der seinem Sohn langsamer folgte, ihn zu seiner Überraschung sagen: „Buonasera, Signorina.“

Hatten sie etwa Besuch bekommen? Als er um die dunkelrot blühenden Bougainvilleen herumgegangen war, die ihm die Sicht versperrt hatten, stockte Vincenzo der Atem. Seine Gedanken rasten. Vor ihm stand die Frau, die er niemals wiederzusehen geglaubt hatte.

Das lange dunkle Haar fiel ihr über die Schultern, und ihre schönen langen Beine waren halb unter dem weißen Rock verborgen, zu dem sie ein lavendelfarbenes ärmelloses Top trug. Irena Liapis sah einfach umwerfend aus.

Buonasera“, antwortete sie mit griechischem Akzent.

„Wer sind Sie?“, fragte Dino neugierig.

Mit ihren dunklen Augen sah sie Vincenzo bittend an.

„Das ist Irena Spiros aus Griechenland, Dino“, erklärte er. „Da sie unsere Sprache nicht so gut versteht, sollten wir Englisch sprechen.“ Er wählte die Worte mit Bedacht, weil ihm klar war, dass Dino alles seiner Mutter berichten würde.

„Aber so gut kann ich das doch noch gar nicht.“

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