Logo weiterlesen.de
Verlockung in Italien

1. KAPITEL

Fasziniert betrachtete Maisie das Nabelpiercing der jungen Frau, die ihr in der U-Bahn gegenübersaß. Der silberne Ring war rundum mit winzigen bunten Brillanten besetzt und wirkte ebenso extravagant wie seine Besitzerin mit dem rot gesträhnten Haar und dem tiefschwarzen Kajal um die leuchtend blauen Augen. Das Mädchen wollte auffallen, provozieren – nach der Devise: Akzeptiere es oder nicht. Keine Kompromisse.

Maisie rutschte unbehaglich auf ihrem Sitz hin und her, den Blick immer noch auf den kleinen Nabelring und den gebräunten flachen Bauch ihres Gegenübers geheftet. Sie hat gestern Abend sicher keine ganze Pizza und danach noch zwei Karamell-Doughnuts in sich hineingestopft, dachte Maisie reuig. Die ellenlangen Beine in den bewusst heruntergekommen wirkenden Jeans waren schlank wie die eines Models. Und das kurze, ärmellose T-Shirt ließ ebenso schlanke Arme sehen, die mit schweren Armreifen behängt waren.

Das Mädchen wirkte unglaublich grazil, selbstbewusst und voller Lebensenergie.

Von der Aufmachung her das genaue Gegenteil der hochgewachsenen, gertenschlanken Blondine, wegen der Jeff sie gerade verlassen hatte – aber im Geiste waren die beiden Schwestern, das spürte Maisie genau.

Der Gedanke an Jeff und Camellia – allein der Name verhieß bereits Perfektion, wie eine weniger gute Freundin ihr hämisch zugeraunt hatte – trieb Maisie die Tränen in die Augen. Hastig suchte sie nach einem Taschentuch. Mitten in der U-Bahn, und dann noch an ihrem freien Samstagvormittag, einfach loszuheulen! Hastig wandte sie den Kopf in Richtung Fenster.

Aber das war auch keine gute Idee! Das verschwommene Spiegelbild bewies ihr nur einmal mehr, wie wenig bemerkenswert ihr welliges braunes Haar und die haselnussfarbenen Augen waren, und dass ihr Gesicht eine eindeutig runde Form aufwies.

Maisie konzentrierte sich so sehr darauf, nicht wieder das Mädchen mit dem Nabelring anzusehen, dass sie darüber ihre Haltestelle verpasste.

Na großartig! Jetzt würde sie nicht einmal rechtzeitig zu ihrem allwöchentlichen Kaffeetreff mit Sue und Jackie kommen! Und die würden natürlich annehmen, sie sei nur deshalb zu spät dran, weil sie immer noch nicht über die Trennung von Jeff hinweg war.

Arme Maisie.

Sie mochten es nicht laut sagen, aber es sprach aus jedem ihrer Blicke. Und an ihr lag es nun, ihren Freundinnen zu beweisen, wie wenig sie zu bedauern war, da sie keinen einzigen Gedanken mehr an Jeff verschwendete. Das Mädchen ihr gegenüber hätte damit sicher kein Problem. Aber wahrscheinlich wäre die auch nie von ihrem Verlobten kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen worden …

Maisie gab sich einen Ruck, drückte auf den Halteknopf und verließ kurz darauf die U-Bahn. Jetzt stand sie mitten auf der geschäftigen Oxford Street und blinzelte in die strahlende Junisonne. Es war viel wärmer als erwartet, und sie bereute inzwischen bitter, sich nichts Leichteres angezogen zu haben. Der wadenlange Jeansrock war viel zu dick, und in dem langärmeligen Oberteil schwitzte sie jetzt schon.

Warum zwang sie sich überhaupt zu einem Treffen, zu dem sie gar keine Lust hatte? Bei dieser Überlegung verlangsamte Maisie automatisch ihre Schritte. Wenn sie das Café endlich erreicht hätte, würde sie unter Garantie völlig aufgelöst wirken, während Sue und Jackie gewohnt aufgestylt und beneidenswert frisch dort saßen und an ihrem Eiswasser oder einem anderen kalorienlosen Getränk nippten.

Es sind deine besten Freundinnen, erinnerte Maisie sich streng. Und sie gehen sicher viel weniger kritisch mit dir um als du selbst.

Seit der Grundschulzeit waren sie unzertrennlich. Sue arbeitete inzwischen sehr erfolgreich als Modeeinkäuferin und Jackie als Kosmetikerin mit eigenem Schönheitssalon, der sich seit der Eröffnung vor drei Jahren stetig vergrößerte.

Maisie war ihrem Herzen gefolgt, anstatt sich über voraussichtliche Verdienstmöglichkeiten oder Karriereleitern den Kopf zu zerbrechen. Mit achtzehn verließ sie die Schule und konnte recht gute Abschlüsse in Chemie, Mathematik und Biologie vorweisen. Doch leider reichten sie nicht für das Studium, von dem sie ihr Leben lang geträumt hatte. Tiermedizin wurde nur an sechs Universitäten in ganz England gelehrt, und bei fünf Mitbewerbern auf jeden der knapp dreihundert Plätze hatte sie keine Chance.

Maisie näherte sich dem Café. Schuldbewusst beschleunigte sie ihre Schritte, während sie in Gedanken weiter der Vergangenheit nachhing.

Anstatt damals dem Rat ihrer Lehrer oder dem Drängen ihrer Mutter zu folgen und auf ein Studium der Biochemie oder Tierpsychologie auszuweichen, entschied Maisie sich dafür, Tierpflegerin zu werden. Das bedeutete: null Aufstiegschancen, wenig Geld, lange Arbeitszeiten und keinerlei Anerkennung, wie sie etwa Krankenschwestern in der Humanmedizin zuteil wurde – aber sie liebte jede Minute ihrer Arbeit.

Oder hatte es zumindest bis vor zwei Wochen getan.

„Puh …“ Hastig bog Maisie von der Oxford Street in die kleine Nebenstraße ein, in der ihr Stammcafé lag. Mit einer Hand strich sie das Haar aus dem erhitzten Gesicht, mit der anderen zog sie das T-Shirt nach unten und wünschte sich, sie würde nicht so schrecklich schwitzen. Nachdem sie vergeblich versuchte, sich mit einer Broschüre für Vitaminpillen, die sie in ihrer Tasche fand, Frischluft zuzufächeln, stellte Maisie fest, dass sie damit eigentlich genau das Gegenteil erreichte.

Sie schaute auf ihre Uhr. Es war nicht die kostbare silberne, die Jeff ihr zu Weihnachten geschenkt hatte … Oh nein! Die war längst in der Wohltätigkeitstombola gelandet, mit all seinen anderen Geschenken aus den letzten zwei Jahren. Der Verlobungsring flog mitten in Jeffs Gesicht, nachdem sie ihn mühsam vom Finger gezogen hatte.

Ihre jetzige Uhr war ein preisgünstiges Plastikteil von einem Marktstand – das passende Synonym für mein derzeitiges Leben, dachte Maisie voller Selbstironie.

Würziger Kaffeeduft hüllte sie ein, als sie das Café betrat und suchend um sich schaute. Sie entdeckte Sue und Jackie im gleichen Moment, in dem beide Frauen ihr zuwinkten, doch was Maisie kurz zurückweichen ließ, war der Umstand, dass sie offenbar nicht allein waren.

Direkt neben Jackie saß mit lässig übereinandergeschlagenen Beinen ein Mann. Und was für ein Mann!

Rabenschwarzes Haar, gebräunter Teint, markante Gesichtszüge – selbst aus der Entfernung von sechs, sieben Metern wirkte er einfach umwerfend attraktiv. Nicht, dass Maisie dafür momentan einen Blick hatte! Mein Leben liegt immerhin in Trümmern, erinnerte sie sich selbst, während sie langsam auf die kleine Gesellschaft zusteuerte.

„Du bist zwanzig Minuten zu spät.“

Das kam von Sue, der Pünktlichkeitsfanatikerin, die schon in ihrer Schulzeit dafür sorgte, dass sie nie zu spät dran waren.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Maisie mit strahlendem Lächeln. „Ich habe meine Haltestelle verpasst.“

„Schon gut, kein Problem“, versicherte Jackie und warf Sue einen Blick zu, der genau das besagte, was Maisie befürchtete: Lass sie in Ruhe, vergiss nicht, was dieser Mistkerl „der armen Maisie“ angetan hat.

Eisern hielt Maisie an ihrem Lächeln fest. „Ich hole mir nur schnell einen Kaffee.“

„Bitte lassen Sie mich das tun. Was möchten Sie haben?“ Der dunkle Adonis hatte sich von der Bank erhoben und schaute sie fragend an.

„Oh, entschuldige, Maisie. Ich hätte dich längst vorstellen sollen“, sagte Jackie schnell. „Das ist mein Onkel, Blaine Morosini. Blaine, meine andere beste Freundin, Maisie.“

Onkel? Dieser Mann war doch auf keinen Fall alt genug, um Jackies Onkel zu sein, oder? Während Maisie in seinen faszinierenden blaugrünen Augen zu versinken schien, gingen ihre Gedanken noch ganz andere, verbotene Wege. Obwohl sie selbst mit ihren ein Meter siebzig nicht gerade klein war, musste sie zu ihm hochschauen. Irritiert beantwortete sie sein formelles „Wie geht es Ihnen?“ mit einem Lächeln und einem kurzen Nicken.

Soweit sie sehen konnte, verunzierte nicht ein Gramm Fett seinen durchtrainierten Körper, dafür war er mit weit mehr Muskeln ausgestattet als die meisten Männer. Zusammen mit seiner Größe machte das einen ziemlich überwältigenden Eindruck – zumindest auf Maisie. Sie blinzelte verlegen und konnte sich dennoch nicht aus seinem intensiven Blick lösen.

„Ich weiß ganz genau, was du denkst, Maisie.“ Rasch wandte sie sich um und sah Jackie unverwandt an. Sag es nicht, vermittelten ihre aufgerissenen Augen. „Du überlegst, wie es möglich sein kann, dass Blaine mein Onkel ist, stimmt’s?“

Fast hätte Maisie vor Erleichterung aufgeseufzt. „Etwas in der Art …“

„Ich bin Jackies Halbonkel, um genau zu sein.“

Erneut schaute sie ihn an, und diesmal waren es seine breiten Schultern, die bei ihr ein seltsames Ziehen im Magen verursachten. Und natürlich seine dunkle, volle Stimme mit dem leichten italienischen Akzent.

„Unser verwandtschaftliches Verhältnis ist ganz einfach. Mein Bruder, Jackies Vater, stammt aus der ersten Ehe unseres gemeinsamen Vaters. Der heiratete viele Jahre später erneut, und ich bin das Resultat dieser Beziehung.“

„Ich verstehe.“ Maisie nickte kurz, als wolle sie sagen, dass diese näheren Umstände sie eigentlich nichts angingen. Denn sie wusste, dass Jackies Vater mit seinem Vater gebrochen hatte, bevor er als junger Mann von Italien nach England gekommen war. Schon vor Jahren hatte Jackies Mutter sie alle gebeten, auf keinen Fall Fragen über die Heimat ihres Mannes zu stellen. Doch offensichtlich war irgendetwas geschehen, das dieses Tabu verletzt hatte.

Wieder schien Jackie ihre Gedanken gelesen zu haben. „Mein Großvater ist sehr krank“, erklärte sie ruhig. „Aber das erzähle ich dir alles später. Komm, setz dich zu uns, während Blaine dir einen Kaffee holt. Wie immer?“

Wie immer, hieß: Caffè Latte – gern in Begleitung eines Stückchens von dem himmlischen Käsekuchen, für den das Café berühmt war. Maisie schluckte trocken. Als sie gestern Abend nach der Pizza und den Doughnuts im Bett lag, fühlte sie sich wie ein gestrandeter Wal und hatte sich vor dem Einschlafen geschworen, gleich ab heute Morgen eine Diät zu starten. Keine süßen Trostpflaster mehr für ihr angeschlagenes Selbstbewusstsein. Keinen Selbstbetrug mit der Ausrede, sie sei schon immer etwas rundlicher gewesen, und es gäbe genügend Männer, die kurvige Frauen mochten.

Das hatte Jeff auch behauptet, und jetzt war er mit einer Bohnenstange liiert!

„Einen schwarzen Kaffee, bitte.“

„Schwarzen Kaffee?“, echote Sue, die noch nie besonders taktvoll war. „Du hasst doch Kaffee ohne Milch.“

„Ich entdeckte erst kürzlich meine Vorliebe dafür“, behauptete Maisie geziert. Vor ein paar Stunden, um genau zu sein. „Und nichts dazu, ich habe gerade erst gefrühstückt“, fuhr sie rasch fort, ehe Sue sie noch weiter bloßstellen konnte.

„Also einen schwarzen Kaffee.“

Blaines Stimme war nichts anzuhören, aber Maisie hatte das untrügliche Gefühl, er wisse genau, wie sehr es sie gerade nach einem Stück saftigen Käsekuchen verlangte. Was bedeutete, dass Jackie ihm unter Garantie von ihrer geplatzten Verlobung erzählt hatte, und er sich seinen eigenen Reim darauf machte.

Maisie setzte sich, und sofort rückte Sue vertraulich an sie heran. „Na, was hältst du von Jackies Onkel? Ein echt italienischer Traumtyp, oder?“

Maisie lächelte. Sie hatte sich weder auf dieses Treffen noch auf ihre Freundinnen gefreut. Eigentlich gab es gar nichts mehr, das sie momentan begeistern konnte, doch jetzt war sie wirklich froh, dass sie sich heute Morgen aufgerafft hatte. Hier zu sitzen und mit Sue und Jackie zu plaudern, fühlte sich bei Weitem besser an, als sich im eigenen Elend zu suhlen und sich wie die unattraktivste und ungeliebteste Frau Londons zu fühlen.

„Er sieht wirklich sehr gut aus.“

Sehr gut? Das ist so, als würdest du sagen, das Tadsch Mahal sei eigentlich ganz nett. Wenn irgendjemand perfekt ist, dann doch wohl er! Ich konnte es nicht fassen, als ich ins Café kam und ihn bei Jackie sitzen sah. Zuerst hielt ich ihn für ihren neuen Freund und hätte ihr am liebsten die Augen ausgekratzt. Warum hast du mir nicht vorher gesagt, dass du ihn mitbringst?“, wandte sie sich vorwurfsvoll an Jackie. „Dann hätte ich mich etwas mehr stylen können.“

„Sue, du siehst doch immer makellos aus, außerdem ist er nichts für dich“, gab Jackie wenig ermutigend zurück. „Du kennst doch unsere Familiengeschichte. Das Ganze ist ziemlich verfahren. Blaine ist gestern erst aus Italien gekommen. Obwohl er bei uns wohnt, und mein Vater ihn morgen begleiten wird, um meinen Großvater zu sehen, ändert das nichts an dem eigentlichen Problem.“

Sie seufzte. „Ich habe das Gefühl, Blaine gibt meinem Vater die alleinige Schuld für das, was in der Vergangenheit geschehen ist, obwohl er es nicht direkt gesagt hat. Wie auch immer … Ich habe ihn heute Morgen überredet mitzukommen, um meinem Vater zwischendurch etwas Luft zu verschaffen, das ist alles.“

„Blaine ist kein Italiener, oder?“, fragte Maisie hastig in die entstehende Pause hinein, denn Sue vertrug Kritik nur sehr schwer. „Ich meine wegen seines Namens.“

„Seine Mutter ist Amerikanerin.“ Jackies Blick flog zu dem hochgewachsenen Mann hinüber, der gerade den Kaffee bezahlte. „Eine ziemliche Ironie, wenn ich daran denke, was meine Mutter mir gerade erst anvertraut hat. Denn Mum selbst soll der Hauptstreitpunkt zwischen meinem Vater und meinem Großvater gewesen sein. Dad lernte sie kennen, als sie in Italien Urlaub machte. Die beiden schrieben sich danach regelmäßig, und später besuchte er sie einige Male in England. Als Großvater merkte, dass es ernst zwischen ihnen wurde, verlangte er von Dad, ein nettes italienisches Mädchen zu heiraten und drohte ansonsten mit Enterbung.“

Sie lächelte schwach, als sie die gespannten Gesichter ihrer Freundinnen sah. „Na ja, der Rest ist Geschichte. Dad hat sein Heimatland verlassen, ist nach England gekommen und hat Mum geheiratet.“

Drei Augenpaare wandten sich dem Tresen zu, an dem die Bedienung, ein hübscher Rotschopf, Blaine mit ihren Blicken nahezu verschlang. Als sie ihm mit klappernden Wimpern etwas zuraunte, beugte er sich herab, um sie besser verstehen zu können. Maisie kräuselte verächtlich die Lippen. Typisch Mann! Er provozierte diese Art der Aufmerksamkeit nicht nur, sondern genoss sie auch in vollen Zügen. Das taten sie alle, so auch Jeff!

Nur bei ihm hatte sie den Fehler gemacht, zu glauben, er sei irgendwie anders. Ein grober Fehler, der ihr nicht noch einmal passieren würde.

Als Blaine sich plötzlich umwandte und in ihre Richtung schaute, blieb Maisie keine Zeit, ihre Gesichtszüge zu entspannen. Sie konnte sehen, wie sich seine dunklen Brauen irritiert zusammenschoben, angesichts ihrer finsteren Miene, und senkte rasch den Blick. Dann fragte sie Sue so unbefangen wie möglich nach ihrer Arbeit. Ein geschickter Schachzug, zu dem sich Maisie innerlich gratulierte, denn Sue brauchte nur einen minimalen Anstoß, um sich weitschweifig über ihr Lieblingsthema auszulassen. Neben Männern und Schokolade, war das ihr Job.

So waren sie beide in ein lebhaftes Gespräch verwickelt, als Blaine mit dem Kaffee an den Tisch zurückkehrte.

„Danke“, sagte Maisie mit einem schnellen Lächeln und heuchelte dann wieder Interesse für die angesagtesten Trends auf dem Modemarkt.

„Gern geschehen“, kam es kühl und ziemlich reserviert zurück.

Maisie spürte ein unangenehmes Ziehen im Magen. Er hatte es gesehen! Doch irgendwie erwartete oder hoffte sie zumindest, Blaine würde wenigstens vorgeben, ihren abschätzigen Blick nicht registriert zu haben.

Sobald er sich wieder gesetzt hatte, schien Sues Interesse an Topdesignern, mondänen Handtaschen und anderen Accessoires verflogen zu sein. Fasziniert beobachtete Maisie, wie ihre Freundin mit spielerischer Leichtigkeit in den Femmefatale-Modus wechselte. Das letzte Mal hatte Maisie es vor zwei Jahren anlässlich eines Barbecues erlebt, bei dem sie Jeff als ihren neuen Freund vorstellte, und Sue einen Mann, der ihren Jagdinstinkt geweckt hatte, zur Strecke brachte, noch bevor die Steaks auf dem Grill lagen.

Doch bei Blaine Morosini schien ihre Masche nicht zu ziehen. Er blieb Sue gegenüber höflich und charmant, wirkte ob ihrer dreisten Flirttaktik zwischendurch leicht amüsiert, aber das war auch schon alles.

Irgendwann schien Jackie es nicht länger auszuhalten und stand so abrupt auf, dass die anderen sie erstaunt anschauten. „Wir sollten langsam aufbrechen. Mum erwartet uns zum Essen.“

„Okay“, sagte Maisie sofort und erhob sich ebenfalls. Dann folgten Blaine und, sichtbar widerstrebend, schließlich auch Sue.

„Himmel! Wo ist nur die Zeit geblieben?“ Innerhalb eines Wimpernschlags mutierte Sue von Mata Hari zur Businessfrau. „Ich müsste schon längst auf der anderen Seite des Regent Parks sein. Dort soll es einen neuen, vielversprechenden Designer geben. Wenn er nur halb so gut ist, wie eine meiner Mitarbeiterinnen behauptet, werden die anderen Modehäuser schnell auf seiner Spur sein. Ich muss ihnen unbedingt zuvorkommen! Blaine …?“ Sie bedachte den Angesprochenen mit einem zuckersüßen Lächeln. „Es war mir ein ausgesprochenes Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben! Bye alle zusammen …“

In der nächsten Sekunde verschwand sie in einer Wolke von Chiffon und einem exklusiven Parfum.

„Und Sie?“, fragte Blaine in die entstandene Pause hinein und lächelte Maisie zu. „Haben Sie auch eine wichtige geschäftliche Verabredung?“

Vielleicht hatte ihm Jackie ja doch nichts erzählt … oder zumindest nicht die ganze traurige Geschichte. Denn so grausam war er bestimmt nicht, sich über sie lustig zu machen, weil sie nicht nur ihren Verlobten, sondern damit auch gleichzeitig ihren Job verlor, da Jeff die Tierarztpraxis gehörte, in der Maisie die letzten drei Jahre gearbeitet hatte.

An jenem Abend, als sie Jeff den Verlobungsring ins Gesicht schleuderte, und er ihr mitteilte, dass er die Praxis für einige Wochen zumachen wolle, um „alles ein wenig abkühlen zu lassen“, schrieb Maisie ihre Kündigung und händigte sie seiner Sekretärin gleich am nächsten Morgen aus. Und wie gut ihre Instinkte tatsächlich waren, erfuhr Maisie, nachdem Jeff zurückgekehrt war und offen darüber gemunkelt wurde, wie er seine Cool-Down-Phase genutzt hatte – nämlich als heißen Liebesurlaub mit Camellia, der Bohnenstange!

Maisie hatte ihre letzten beiden Arbeitswochen mit gebrochenem Herzen, aber beharrlich fröhlichem Gesicht durchgestanden – zumindest am Arbeitsplatz sollte keiner merken, wie sie sich wirklich fühlte. Gestern Abend kehrte sie der Praxis endgültig den Rücken, ohne sich noch einmal umzuschauen.

In der nächsten Woche standen bereits zwei Bewerbungsgespräche an. Tierarztassistentinnen schienen ziemlich rar zu sein. Die meisten Mädchen hielten nach interessanteren und besser bezahlten Jobs Ausschau. Deshalb hatte Maisie, was ihre Arbeit betraf, auch keine Zukunftsängste … höchstens, ob das zu erwartende Gehalt auch für ihre Miete und die Lebenshaltungskosten reichte.

Jeff mochte ja ein Mistkerl sein, was Frauen betraf, aber in der Tierarztriege war er eine rühmliche Ausnahme, was Gehaltszahlungen anging. Selbst das Mädchen, das die stationären Tierpatienten versorgte, verdiente bei ihm mehr als eine ausgebildete Assistentin bei einem seiner Kollegen.

Erst jetzt wurde Maisie bewusst, dass Blaine immer noch auf eine Antwort von ihr wartete.

„Nein, nein“, wehrte sie verspätet ab. „Nichts halb so Aufregendes.“ Dann wandte sie sich Jackie zu. „Grüße bitte deine Eltern ganz lieb von mir.“

„Warum kommst du nicht mit zum Essen und sagst es ihnen selbst?“, schlug ihre Freundin vor. „Mum hat sich letztens erst darüber beschwert, dass sie dich seit Ewigkeiten nicht zu Gesicht bekommen hat.“

Unter Garantie eine weitere Diskussion um die „arme Maisie“! Als sie ihre Hochzeit, die für Ende August geplant gewesen war, mit einer offiziellen Karte für jeden ihrer Bekannten abgesagt hatte, wusste Maisie genau, was für eine Welle von Sympathie und Mitleid ihr entgegenschwappen würde. Sie hatte nur nicht geahnt, wie hart es in der Realität sein würde, das auszuhalten.

„Oh, das kann ich leider nicht …“

„Und ob du kannst!“, bestimmte Jackie. „Wir machen ein Barbecue. Es wird ganz entspannt zugehen, jeder sitzt irgendwo im Garten herum, lauscht der Musik oder genießt die Sonne. Leichte Konversation … Wer will, döst auf einem der Liegestühle mit einem Glas Wein in der Hand.“

Maisie hatte das Gefühl, Jackie wollte ihr nicht nur vermitteln, dass geplatzte Verlobungen kein Gesprächsthema sein würden, sondern noch irgendetwas anderes. Vielleicht, dass sie Blaine ein wenig von seinem Bruder ablenken sollte? Das wäre immerhin schon besser, als mit einem Buch auf einer Bank im Park zu sitzen, wie sie es vorgehabt hatte. Und sehr viel verlockender, als sich in dem schäbigen kleinen Apartment zu vergraben, das sie seit drei Jahren bewohnte, und einen verspäteten Frühjahrsputz zu starten.

Während Maisie noch nach einer plausiblen Ausrede suchte, um sich aus der Affäre zu ziehen, hakte Jackie sie energisch unter und zog sie mit sich. „Bitte, Maisie …“, wisperte sie ihr dabei zu. „Komm einfach mit. Die Luft zu Hause ist zum Schneiden dick, und wenn du da bist, müssen sich wenigstens alle zusammenreißen.“

Wenn diese Begründung auch nicht unbedingt dazu angetan war, ihre Vorbehalte zu zerstreuen, konnte sich Maisie doch nicht ihrer Freundespflicht entziehen, an die Jackie so dringlich appellierte.

„Okay“, stimmte sie widerstrebend zu und schnappte förmlich nach Luft, als sie aus dem klimatisierten Café in die Bruthitze auf die Straße hinaustraten.

„Prima!“, rief Jackie fröhlich aus und wandte sich zu Blaine um. „Maisie begleitet uns. Ich habe sie überreden können.“

Wenn Blaine Jackies offensichtliche Erleichterung zu deuten wusste, ließ er es sich wenigstens nicht anmerken. „Wie schön.“ Er lächelte. „Wir hatten bisher wenig Gelegenheit, uns zu unterhalten, nicht wahr, Maisie?“

Sie musterte ihn voller Misstrauen und überlegte, ob das amüsierte Funkeln in seinen Augen noch Sues vergeblichen Flirtversuchen zuzuordnen war, oder seiner Vermutung, dass sie – mit oder ohne Sue – ihn niemals auf diese Art und Weise herausfordern würde. Egal was der Grund war, Blaine Morosini war viel zu attraktiv, aalglatt und selbstbewusst für ihren Geschmack … zumal sie momentan ohnehin nichts für Männer übrighatte.

Was für ein Segen! Keine Kopfschmerzen mehr wegen ihres Aussehens, Gelassenheit, wenn er sich eine halbe Stunde verspätete, und nie wieder geheucheltes Interesse an Football …

Aber warum habe ich mir dann vorgenommen, eine Diät zu machen?

Ganz allein für mich, für meine Gesundheit und mein Selbstwertgefühl, versicherte sich Maisie.

Als sie die Oxford Street entlanggingen, und auf Blaines Handzeichen sofort ein Taxi hielt, war sie nicht überrascht. Genau die Sorte Mann war er nämlich. Blaine half beiden Frauen ins Taxi und nahm dann zu Maisies Entsetzen neben ihr Platz. Mach dich nicht lächerlich, ermahnte sie sich, aber sie wollte ihm nicht so nahe sein. Standhaft versuchte sie, zu ignorieren, dass ihre Hüfte die seine berührte und dass er den Arm hinter ihrem Rücken auf der Lehne ablegte.

Blaine trug ein blaues Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln und eine leichte Baumwollhose. Sein herbes Rasierwasser unterstrich seine männliche Ausstrahlung, und unwillkürlich fragte Maisie sich, ob sie selbst heute Morgen überhaupt Parfum benutzt hatte. Sie konnte sich nicht erinnern.

Ihr Magen zog sich zusammen, als Blaine die langen Beine ausstreckte und sich ihr halb zuwandte, um über ihren Kopf hinweg Jackie anzusprechen. „Ich würde deiner Mutter gern einen Strauß Blumen schenken, um mich für ihre Gastfreundschaft zu bedanken. Kannst du den Fahrer bitten, kurz an einem Blumenladen zu halten?“

„Ja, natürlich. Es gibt ein sehr schönes Geschäft im Außenbezirk von Bethnal Green. Wir kommen gleich daran vorbei. Von dort sind es auch nur noch ein paar Minuten bis nach Hause.“

Obwohl Jackie ganz normal gesprochen hatte, spürte Maisie ihre unterschwellige Nervosität. Wie mochten die Dinge tatsächlich zwischen ihrem Vater und seinem jüngeren Halbbruder stehen?

„Also, Maisie, wenn ich Sie recht verstanden habe, müssen Sie samstags nicht arbeiten?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Verlockung in Italien" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen