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Verlockung auf Mauritius

1. KAPITEL

„Natürlich weiß ich, wo die Seabreeze Bar ist, Miss. Aber sind Sie wirklich sicher, dass Sie dorthin wollen?“ Der dunkelhäutige Mann in dem Getränkekiosk runzelte die Stirn. „Um ehrlich zu sein, mir fällt kein Grund ein, warum Sie das tun sollten.“

Katie Eliot, die noch immer den dunklen Hosenanzug trug, mit dem sie vor fast vierzehn Stunden am Heathrow Airport ins Flugzeug gestiegen war, stellte ihre Reisetasche im blütenweißen Sand des Strandes ab und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Das schulterlange rotblonde Haar klebte ihr im Nacken und kräuselte sich aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit. Die Hitze hier auf Mauritius war fast unerträglich, und Katie fühlte sich alles andere als wohl – was jedoch nicht allein an den Temperaturen lag.

„Lassen Sie das bitte meine Sorge sein“, erwiderte sie heftiger als beabsichtigt. Sie rang sich ein entschuldigendes Lächeln ab. „Tut mir leid, ich wollte Sie nicht anfahren. Ich bin nur …“ Sie winkte ab. „Aber ich will Sie nicht mit meinen Problemen belästigen. Wenn Sie mir nur bitte sagen würden, wo ich die Seabreeze Bar finden kann. Es ist wirklich wichtig für mich.“

Der Mann zuckte mit den Schultern und entblößte beim Lächeln eine Reihe strahlend weißer Zähne. „Kein Problem, Miss. Sie ist da hinten.“ Er deutete ein Stück den Strand hinunter, und Katie blickte in die Richtung, in die sein Zeigefinger wies.

Was sie sah war blütenweißer Sand, gesäumt von Kokospalmen und türkisblauem Wasser, so weit das Auge reichte.

Sie schüttelte den Kopf. „Wo? Ich kann nichts sehen.“

Er lachte. „Es ist noch ein gutes Stück den Strand hinunter. Sehen Sie die Palmen dort hinten? Laufen Sie einfach geradewegs darauf zu. Sie können es überhaupt nicht verpassen.“

Katie lächelte. „Vielen Dank.“

Sie nahm ihre Tasche auf und ging los. Mit den Absätzen ihrer Stiefeletten versank sie beinahe im herrlich feinkörnigen Sand. Die Landschaft, die sich vor ihr ausbreitete, schien geradewegs aus einem Reisekatalog zu stammen. Das Meer schimmerte in einem fast schon unwirklichen Türkisblau, und die Wellen, die an den Strand rollten, trugen weiße Schaumkronen. Die Wedel der Palmen wiegten sich sanft im warmen Wind. Und vor der brütenden Mittagshitze hatten sich die Touristen wohl in ihre klimatisierten Hotels zurückgezogen.

Was für eine herrliche Umgebung! Sie konnte sich vorstellen, dass es sich hier wunderbar leben ließ. Und eine Strandbar auf diesem Fleckchen musste doch zwangsläufig ein voller Erfolg werden – oder?

Endlich näherte sie sich der Gruppe Palmen, von der der Mann im Getränkekiosk gesprochen hatte. Schon erhaschte sie den ersten Blick auf die Seabreeze Bar. Sie schaute noch einmal hin und stutzte. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Nein, das kann nicht sein“, murmelte sie leise vor sich hin. „Das ist vollkommen unmöglich.“

Sie ließ ihre Tasche einfach in den Sand fallen und lief los. Das musste ein böser Traum sein. Ja, etwas anderes war gar nicht möglich. Undenkbar, dass dieser halb verfallene Schuppen, dem sie sich gerade näherte, tatsächlich die Seabreeze Bar war.

Es handelte sich um eine runde, mit Palmblättern gedeckte Holzhütte, an die sich ein rechteckiger Anbau anschloss. Schon von Weitem konnte man sehen, dass das Gebäude einmal bessere Tage gesehen hatte. Das Dach war an mehreren Stellen eingesunken, und auch die windschiefen Wände machten einen maroden Eindruck.

Noch immer versuchte Katie sich einzureden, dass der Mann vom Getränkekiosk sich getäuscht haben musste. Dieser Verschlag konnte unmöglich die Strandbar sein, nach der sie suchte. Das Objekt, für das ihre Freundin Louise und damit gezwungenermaßen auch sie selbst ein kleines Vermögen ausgegeben hatten.

Das durfte einfach nicht wahr sein!

Katie wurde regelrecht übel, als sie das Schild erblickte, das, fleckig von Alter und mangelnder Pflege, über der Eingangstür der Hütte hing. SEABREEZE BAR stand dort in fetten Lettern geschrieben.

Sie stöhnte auf. Oh nein! Hatte sie ihr ungutes Gefühl also doch nicht getrogen. Verflixt, manchmal wünschte sie, nicht immer recht zu behalten!

Jetzt gab es keine Möglichkeit mehr, die Realität zu verleugnen. Von einer bösen Vorahnung erfüllt, schloss Katie die Tür mit dem Schlüssel auf, den Louise ihr gegeben hatte. Wenn überhaupt möglich, sah es hier drin sogar noch katastrophaler aus als draußen. Von der Einrichtung ließ sich so gut wie nichts mehr gebrauchen. Der Bartresen war von einer zentimeterdicken Staubschicht bedeckt, und aus den Sitzflächen der Stühle quoll die Polsterung hervor. An der Wand stand eine alte Jukebox, deren Scheibe jedoch zertrümmert auf dem Boden lag. Alles, was sich nicht von selbst in seine Einzelteile zersetzt hatte, schien dem Vandalismus zum Opfer gefallen zu sein.

Ein ähnliches Bild bot sich im Anbau der Bar – dem Fischrestaurant, an dessen anderem Ende sich die Küche befand. Auch hier war kaum etwas heil geblieben. Und dass Katie dies so gut erkennen konnte, obwohl sämtliche Fenster zugenagelt worden waren, lag daran, dass durch die großen Löcher in der Dachkonstruktion mehr als genug Licht einfiel.

Oh nein, oh nein, oh nein!

Auf einmal hielt sie es im Inneren der Hütte nicht mehr aus. Sie hatte das Gefühl, ersticken zu müssen, wenn sie nicht ganz schnell nach draußen kam. Tränen standen ihr in den Augen, als sie ins Freie stolperte, wo sie von gleißendem Sonnenlicht empfangen wurde. Nicht ein Wölkchen stand am strahlend blauen Himmel. Das Meer glitzerte wie Millionen von Diamanten. Ein leichter Wind wehte vom Meer her und fuhr raschelnd durch die Kronen der Palmen.

Ein Traum für jeden Touristen, der hier seine Ferien verbrachte. Für Katie jedoch entwickelte sich dieser Traum mehr und mehr zum Albtraum.

Wie betäubt ging sie durch den Sand zu ihrer Tasche, nahm sie auf und kehrte dann zurück zum Getränkekiosk. Warum mussten solche Dinge eigentlich immer ihr passieren? Schon seit Längerem fragte sie sich, ob auf ihrem Leben vielleicht ein Fluch lag. Alles, was sie anfasste, schien wie von selbst schiefzugehen. Egal, wie sehr sie auch versuchte, ihr Leben in den Griff zu bekommen, es wollte ihr einfach nicht gelingen. Weder auf beruflicher noch auf privater Ebene.

Diese Sache hier war nur ein weiteres Beispiel in einer langen Reihe von Misserfolgen und Fehlschlägen, auf die sie in den vierundzwanzig Jahren seit ihrer Geburt zurückblicken konnte.

Das bislang letzte Beispiel, jedoch nicht einmal das schlimmste.

Doch darüber wollte sie jetzt lieber nicht nachdenken. Ihre Lage war auch so schon deprimierend genug.

„Da sind Sie ja wieder, Miss.“ Der Barmann lächelte so strahlend, dass man annehmen konnte, er stand einer lang vermissten Freundin gegenüber anstatt einer wildfremden Frau. „Haben Sie schon genug von der Bar gesehen?“

„Ich habe mehr gesehen, als mir lieb ist“, erwiderte Katie wahrheitsgemäß. „Sagen Sie, wissen Sie zufällig, wo ich jemanden finden kann, der für den Verkauf der Bar zuständig war?“

Er nickte. „Ja, ich kenne den Mann. Und ich kann Ihnen sagen, wo Sie ihn finden.“

„Wirklich?“ So etwas wie Hoffnung keimte in Katie auf. Vielleicht hatte Chris ja nicht allein gearbeitet, und es gab doch noch eine Chance, die ganze Sache rückgängig zu machen.

„Sein Büro befindet sich ganz in der Nähe. Ich kann Ihrem Taxifahrer erklären, wo es ist.“

Katie zögerte. „Ich … Also, ich denke, ich werde kein Taxi benötigen. Sie sagten doch, dass es nicht weit weg ist, oder?“

„Natürlich, wenn Sie lieber zu Fuß gehen wollen“, sagte der Mann und versuchte gar nicht erst, seine Überraschung zu verbergen. Wahrscheinlich traf er nicht allzu oft auf englische Touristinnen, die bereit waren, einen Fußmarsch von mehr als hundert Metern in Kauf zu nehmen. Und dass sie eine Touristin war, sah man ihr zweifellos sofort an, mit ihrer blassen Haut und der für die herrschenden Temperaturen völlig unangebrachten Kleidung.

Sie ließ sich von dem Mann erklären, wie man auf schnellstem Wege zum Büro des Maklers kam, der sich um den Verkauf der Seabreeze Bar gekümmert hatte, nahm ihre Reisetasche auf und ging los.

Knapp eine halbe Stunde später erreichte sie die Straße, in er sich das Maklerbüro befinden sollte. Katie blieb vor dem Schaufenster eines Gemüseladens stehen und betrachtete ihr Spiegelbild in der Scheibe. Wenig überrascht stellte sie fest, dass sie genauso müde und erschlagen aussah, wie sie sich fühlte. Der lange Flug und die Wanderung mit Gepäck in der brütenden Mittagshitze hatten ihre Spuren hinterlassen. Lieber hätte sie sich zuerst ein Zimmer gesucht und eine ausgiebige Dusche genossen, ehe sie sich mit dem Makler auseinandersetzte, von dem sie annahm, dass er mit Chris Kavanaugh zusammenarbeitete. Doch leider war sie bislang nicht dazu gekommen, sich um eine Unterkunft zu kümmern. Und ehe sie das in Angriff nahm, musste sie zuerst einmal wissen, ob sie überhaupt noch genug Geld besaß, um sich ein Hotelzimmer leisten zu können.

Sie atmete tief durch, dann ging sie weiter. Schon nach wenigen Schritten stand sie vor einem einstöckigen weiß getünchten Haus, neben dessen Eingangstür ein Messingschild hing. Geschafft – endlich.

Sie trat näher und wollte das Haus gerade betreten, als ihr Blick auf das Schild fiel.

Carrigan Estate Agency.

Katie stutzte. Der Name der Maklerfirma gefiel ihr nicht. Ohne dass sie etwas dagegen unternehmen konnte, wanderten ihre Gedanken zurück in die Vergangenheit. Sie zuckte zusammen, als für den Bruchteil einer Sekunde sein Gesicht vor ihrem inneren Auge auftauchte.

Max …

Wie lange verdrängte sie nun schon die Erinnerung an ihn? Vier Jahre mussten es mittlerweile sein. Und entgegen all ihrer Versuche, sich das Gegenteil einzureden – der Schmerz war noch immer da. Ob sie ihn jemals vergessen konnte?

Sie schüttelte den Kopf und verscheuchte die unliebsamen Erinnerungen. Jetzt war nicht der Zeitpunkt, sich in der Vergangenheit zu ergehen. Vorher galt es zunächst einmal die Gegenwart in den Griff bekommen. Und dazu musste sie mit dem Makler sprechen.

Sie holte tief Luft und betrat das Büro.

Im Inneren des Gebäudes war es angenehm kühl. Katie stellte ihre Reisetasche ab und schaute sich um. Sie befand sich in einem kleinen hell und stilvoll eingerichteten Empfangsraum, der jedoch unbesetzt war. Bilder von der Umgebung und einheimisches Kunsthandwerk hingen an den Wänden. So hatte sich Katie eine Makleragentur, die Bruchbuden wie die Seabreeze Bar vermittelte, gar nicht vorgestellt, doch vielleicht trog ja auch der äußere Anschein. Das kam nicht gerade selten vor in dieser Branche.

„Mein Name ist Jill. Kann ich Ihnen helfen?“

Katie schrak zusammen. Sie hatte die attraktive Blondine nicht kommen hören, die jetzt hinter dem Empfangsschalter stand. „Ich … Ja, das können Sie in der Tat. Ich würde gern den Geschäftsführer sprechen. Es geht um den Verkauf der Seabreeze Bar.“

Die blonde Frau – Jill – lächelte geschäftsmäßig. „Folgen Sie mir bitte. Mr. Carrigan wird in ein paar Minuten für Sie da sein.“

„Vielen Dank“, sagte Katie und nahm ihre Reisetasche. Sie war so erleichtert, dass sie ganz weiche Knie hatte, während die Empfangsdame sie in das Büro des Maklers führte.

Das war leichter gegangen, als sie angenommen hatte. Vielleicht ließ sich die Katastrophe nun doch noch abwenden. Wenn dieser Mr. Carrigan ein anständiger Mann war, dann bekam Louise ihr Geld zurück, und die Sache war erledigt. Mit ein bisschen Glück kann ich heute Abend noch im nächsten Flieger zurück nach England sitzen, dachte Katie. Und genau das bereitete ihr Sorgen, denn ihr Glück ließ sie in letzter Zeit nur allzu häufig im Stich. Auch eines der Dinge, über die sie lieber nicht weiter nachdenken wollte.

„Bitte setzen Sie sich doch.“ Jill deutete auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch. „Ich werde Mr. Carrigan sofort von Ihrer Ankunft in Kenntnis setzen.“

Katie stellte ihre Tasche neben dem Stuhl ab und nahm Platz, stand jedoch gleich wieder auf, nachdem die Blondine den Raum verlassen hatte. Sie war einfach viel zu nervös, um still dasitzen zu können. Alles hing davon ab, wie ihr Gespräch mit dem Makler verlief. Seine Bereitschaft zu einem Entgegenkommen entschied über Louises und ihre weitere Zukunft.

Um sich abzulenken, schaute sie sich ein wenig in dem nicht gerade kleinen Büro um. Der Raum wirkte hell und freundlich, die Möbel aus edlem Holz hatten mit Sicherheit ein halbes Vermögen gekostet. Hinter dem Schreibtisch bot ein riesiges Rundbogenfenster einen fantastischen Ausblick aufs unendlich weite Meer. Für einen Makler, der ein Büro in dieser Lage betreiben konnte, stellte der Verkauf einer kleinen Strandbar sicher nur Peanuts dar. Noch ein Punkt, der Katie auf sein Entgegenkommen hoffen ließ.

Sie sah sich weiter um. An der Wand, die der Tür gegenüberlag, hing ein Gemälde, das ihre Aufmerksamkeit fesselte. Es zeigte einen Mann in den Fünfzigern, dessen Gesicht von einem buschigen Schnauzbart bedeckt wurde. Katie war sich sicher, den Mann noch nie zuvor gesehen zu haben – und doch hatte er etwas an sich, das ihr seltsam bekannt vorkam. Wenn sie doch bloß wüsste …

Stirnrunzelnd betrachtete sie das Bild. Wenn man sich den Schnauzbart wegdachte … Versuchshalber hob sie die Hand und legte sie über die Mundpartie des Gesichts. Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die strahlend blauen Augen, das markante Kinn und die kühn geschwungene Nase. Die Ähnlichkeit war wirklich mehr als verblüffend. Es war, als würde er direkt vor ihr stehen. Aber das war doch unmöglich!

„Ich sehe schon, das Bild meines Vaters gefällt Ihnen. Es gibt Leute, die behaupten, wir würden uns sehr ähnlich sehen.“

Katie hätte die Stimme des Mannes, der von ihr unbemerkt das Büro betreten hatte, unter einer Millionen anderer Stimmen erkannt. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, und doch wusste sie genau, dass er es war. Aber wie konnte das sein?

Mit zitternden Knien drehte sie sich um. Obwohl sie sich aufgrund der Stimme längst sicher war, zuckte sie doch zusammen, als sie ihn erblickte.

„Hallo Max“, brachte sie heiser hervor. „Es ist lange her.“

Katie rang um Fassung.

Einfach unglaublich, dass ein Mensch so viel Pech haben konnte! Da befand sie sich knapp zehntausend Kilometer von London entfernt, auf einer Insel im Indischen Ozean, und wen traf sie? Ausgerechnet Max Carrigan – den Mann, der auf der ganzen Welt wahrscheinlich das geringste Interesse hatte, ihr in irgendeiner Form zu helfen.

„Katie Eliot“, sagte er, nachdem er den ersten Schreck überwunden zu haben schien. „Das ist in der Tat eine Überraschung.“ Er sagte nicht, ob er dies im positiven oder negativen Sinne meinte, aber sein Gesichtsausdruck ließ wenig Spielraum für Interpretationen. Er musterte sie kühl. „Was verschafft mir die unerwartete Ehre?“, fragte er spöttisch.

Katie seufzte. Es war jetzt vier Jahre her, aber er sah noch immer genauso umwerfend gut aus wie damals. Sein schwarzbraunes Haar trug er vielleicht ein wenig länger als früher, und sein ehemals glatt rasiertes Gesicht zierte inzwischen ein Dreitagebart. Aber seine Augen besaßen noch immer dasselbe strahlende Blau, das sie einst schon so fasziniert hatte, und er besaß nach wie vor die gleiche verheerende Wirkung auf sie. Für einen Moment verspürte sie das schier überwältigende Verlangen, sich in seine starken Arme sinken zu lassen, doch sie zwang sich, der Versuchung zu widerstehen.

Mach dich nicht lächerlich, rief sie sich selbst zur Ordnung. Die Zeiten, in denen sie sich Max gegenüber solche Intimitäten hatte herausnehmen können, waren längst vorbei. Sie hatte damals eine Entscheidung getroffen und ihn damit zutiefst verletzt. Und selbst wenn die Umstände ihrer Trennung andere gewesen wären – sie wusste nur zu genau, dass es für sie mit keinem Mann auf der Welt eine gemeinsame Zukunft gab.

Nicht mit dem Wissen um ihre eigene Unzulänglichkeit, das sie Tag für Tag aufs Neue quälte.

Sie atmete tief durch. „Es geht um die Seabreeze Bar“, sagte sie. „Deine Sekretärin hat dich bereits darüber informiert?“

„Allerdings.“ Er nickte. „Und was kann ich für dich tun?“

„Louise Flanders, eine gute Freundin von mir, hat die Bar gekauft“, erklärte Katie. „Sie liegt nach einem Autounfall im Krankenhaus, daher bin ich nach Mauritius gereist, um ihre Interessen zu vertreten. Ich habe auch eine entsprechende Vollmacht dabei.“

Sie bemerkte, dass Max die Stirn runzelte. Er schien ihr nicht so recht zu glauben.

„Soweit ich mich erinnere, gehörte Uneigennützigkeit nie zu deinen besonderen Stärken“, entgegnete er kühl. „Und mein Instinkt sagt mir, dass deine Anwesenheit hier kein reiner Freundschaftsdienst ist. Also noch einmal: Was willst du von mir?“

Jedes seiner Worte traf sie wie der Stich einer glühenden Nadel. Sie kämpfte darum, die Fassung zu bewahren. „Louise hat sich Geld von mir geliehen“, erklärte sie mit leicht bebender Stimme. „Sie hat mir nicht gesagt, wozu sie es braucht. Erst vor zwei Tagen habe ich erfahren, dass sie es auf Anraten ihres neuen Freunds in eine Immobilie auf Mauritius investiert hat.“

„Die Seabreeze Bar“, folgerte Max. „Und was willst du jetzt von mir?“

„Louise wurde über den Tisch gezogen. Sie hat Geld in ein Objekt investiert, das sie lediglich von ein paar Fotografien kannte. Und weil sie selbst nicht in der Lage war, die volle Kaufsumme aufzubringen, drängte ihr Freund Chris Kavanaugh sie, es sich anderweitig zu beschaffen. Deshalb borgte sie sich den fehlenden Betrag von mir.“

„Eine wirklich rührende Geschichte – aber was hat das alles mit mir zu tun?“

„Dieser Chris ist, wie ich inzwischen weiß, ebenfalls Immobilienmakler. Auf Provisionsbasis vermittelt er Käufer für Grundstücke und Häuser auch an ausländische Partner.“

„Solche Geschäftsbeziehungen sind in meiner Branche durchaus üblich, ja.“

„Aber ist es auch üblich, die potenziellen Käufer unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zur Unterzeichnung eines Vertrags zu überreden?“, empörte Katie sich. „Chris Kavanaugh hat Louise vorgemacht, dass er mit ihr nach Mauritius auswandern wolle. Er hat ihr diese Bar aufgeschwatzt, und sie hat sich darauf verlassen, dass sie seinen Aussagen vertrauen kann. Übrigens hat sie seit dem Tag der Vertragsunterzeichnung nichts mehr von ihm gehört.“

Ungeduldig schnippte Max mit den Fingern. „Natürlich ist ein solches Geschäftsgebaren moralisch unvertretbar. Allerdings verstehe ich noch immer nicht, was ich nun für Miss Flanders und dich tun soll. Ich habe mit dem Verkauf der Seabreeze Bar nämlich nicht das Geringste zu tun. Es stimmt zwar, dass der ehemalige Besitzer mir ursprünglich den Auftrag gegeben hat, mich nach einem Käufer umzusehen. Da ich jedoch keinen Erfolg damit hatte, kam mit Mr. Kavanaugh noch ein zweiter Makler ins Spiel. Wie du weißt, war er es, der das Geschäft am Ende abwickelte. Die Konditionen sind mir nicht bekannt.“

„Das heißt dann wohl, dass du nicht mit Chris zusammengearbeitet hast.“ Verzweifelt schüttelte Katie den Kopf. „Und ich habe gehofft, dass du uns irgendwie helfen könntest. Dieser Schuft hat meine Freundin arglistig getäuscht. Er hat ihr nicht nur die große Liebe vorgespielt, er hat sie außerdem noch um sämtliche Ersparnisse gebracht.“

„Das bedaure ich wirklich sehr, jedoch bin ich dafür nicht verantwortlich. Deine Freundin hätte sich informieren sollen, ehe sie etwas unterzeichnet.“

Katie schluckte. Sie wusste sehr wohl, dass Max recht hatte. Die Nachricht, dass Chris allein den Verkauf abgewickelt hatte, stellte einen erneuten Rückschlag für sie dar, denn er war schon seit dem Tag, an dem er von Louise das Geld für die Bar erhalten hatte, spurlos verschwunden. Aber vielleicht konnte sie Max ja irgendwie dazu bringen, ihr zu helfen. Fragte sich nur, wie sie das anstellen sollte.

„Besteht denn nicht vielleicht die Möglichkeit, noch vom Kaufvertrag zurückzutreten? Wie ich bereits sagte: Louise war sich über den wahren Zustand der Seabreeze Bar nicht im Klaren. Das Objekt ist eine Bruchbude, kaum das Papier wert, auf dem dieser sogenannte Vertrag gedruckt ist.“

Max’ Miene blieb vollkommen ungerührt. „Ich glaube, du verstehst die Spielregeln nicht so ganz. Deine Freundin hat einen bindenden Vertrag unterzeichnet. Der Verkäufer der Seabreeze Bar hat bereits sein Geld erhalten, ebenso wie Mr. Kavanaugh vermutlich seine Provision. Ich nehme nicht an, dass einer von beiden freiwillig von diesem Geschäft zurücktreten wird. Und offen gesagt sehe ich auch gar keine Veranlassung dazu. Jeder ist selbst für sein Handeln verantwortlich, und Torheit schützt vor Strafe nicht.“ Er lächelte kühl. „Wer wüsste das besser als ich?“

Sein geschickt platzierter Giftpfeil verfehlte sein Ziel bei Katie keineswegs, doch das sollte Max ihr auf keinen Fall anmerken. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um mit ihm über die Vergangenheit zu diskutieren. Vielleicht bekam sie eines Tages die Gelegenheit, ihm zu sagen, wie sehr sie ihr Verhalten bereute und wie oft sie daran gedacht hatte, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Bis zu jenem schrecklichen Tag vor zwei Jahren, an dem ihr Leben vollends aus den Fugen geriet …

Tränen stiegen ihr in die Augen, doch sie blinzelte sie fort. „Bitte, Max, was soll ich tun? Louise hat sowohl ihre als auch meine gesamten Ersparnisse in den Kauf dieser Strandbar investiert. Für eine Renovierung haben wir beim besten Willen keine Mittel.“

„Es tut mir leid, aber Vertrag ist nun einmal Vertrag. Deine Freundin könnte höchstens zur Polizei gehen und Anzeige gegen ihren feinen Freund erstatten. Er hat sie schließlich, wie es aussieht, bewusst hinters Licht geführt. Ich sehe jedenfalls nicht, wie ich dir in dieser Angelegenheit behilflich sein könnte. Es sei denn …“ Er überlegte kurz.

„Ja?“, fragte Katie hoffnungsvoll.

„Nun, ich kann dir lediglich anbieten, mich in deinem Auftrag nach einem neuen Interessenten für die Seabreeze Bar umzuhören.“

„Unter den gegebenen Umständen sollte ich dir wahrscheinlich danken“, brachte Katie heiser hervor. Ihr war, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Sie musste sich setzen.

„Geht es dir nicht gut?“ Max war von hinten an sie herangetreten, und sie nahm nur allzu deutlich den herben Duft seines Aftershaves wahr. Es ist immer noch dasselbe wie vor vier Jahren, stellte sie fest. Seine Hand ruhte nur wenige Zentimeter von ihrer Schulter entfernt auf der Stuhllehne. Und da war es wieder, dieses Prickeln, wie jedes Mal, wenn sie sich in seiner Nähe aufhielt. Im Laufe der Zeit war es einfacher geworden, sich einzureden, dass es dieses Kribbeln niemals gegeben hatte. Ein Irrtum, wie sie nun feststellte. Sie musste sich zusammenreißen, um dem Impuls zu widerstehen, ihren Kopf an seine breite Brust zu legen.

Sie schloss die Augen und …

Entsetzt sprang Katie auf. „Ich … Es ist schon in Ordnung“, sagte sie hastig. „Danke, dass du dir Zeit für mich genommen hast.“

Max runzelte die Stirn. „Was ist mit der Bar?“

„Welche Bar?“ Verwirrt fuhr sie sich durchs Haar. „Ach so, die Bar! Würdest du dich bitte … Ich muss jetzt gehen.“

Mit diesen Worten stürmte sie aus dem Büro. Ihr war klar, dass ihr Abgang einer überstürzten Flucht gleichkam, aber sie konnte nicht anders. Hastig lief sie an der blonden Jill vorbei und stürmte ins Freie.

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