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Verlockende Verführung

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1. KAPITEL

Später würde Jenessa Strathern sich fragen, warum sie beim Klingeln des Telefons an jenem sonnigen Abend im Mai keine Vorahnung verspürt hatte. Kein Gefühl hatte sie davor gewarnt, den Hörer abzunehmen, oder ihr geraten, nach draußen zu laufen und sich zwischen den Hortensien zu verstecken. So viel also zum Thema „weibliche Intuition“!

Jenessa hatte gerade aufgehört zu arbeiten, denn das Licht wurde schwächer. Sie wollte nicht riskieren, so kurz vor der Vollendung des Bildes einen Fehler zu machen. Während sie sich einen karmesinroten Farbfleck von den Fingern rieb, nahm sie den Hörer ab.

„Hallo?“

„Hallo, Jen“, sagte ihr Bruder. „Hast du gerade eine Minute Zeit?“

Lächelnd sank sie in einen Sessel. „Natürlich, für dich immer!“

Travis Strathern war sechs Jahre älter als sie. Er war ein auf Tropenkrankheiten spezialisierter Arzt, hatte mehrere Doktortitel und lebte mit seiner Frau Julie und ihrer drei Wochen alten gemeinsamen Tochter Samantha in Maine.

„Wie geht es dir?“, fragte Jenessa. „Und vor allem: Wie geht es Samantha?“

„Soll das heißen, dass Samantha dir wichtiger ist als ich?“

„Sie ist zumindest viel niedlicher.“

„Da kann ich nicht widersprechen. Und weißt du was? Sie kann jetzt schon lächeln und sich an meinem Finger festhalten! Ist das nicht großartig?“

Sie stimmte ihm zu.

„Ich rufe dich auch wegen Samantha an. Wir wollen sie nämlich in drei Wochen taufen lassen, und du sollst ihre Patin sein.“

Jenessa war gerührt. „Das ist wirklich lieb von dir, Travis. Aber du weißt doch, wie unbeholfen ich im Umgang mit Babys bin. Damals im Krankenhaus hatte ich die ganze Zeit furchtbare Angst, sie fallen zu lassen.“

„Das lernst du schon noch“, entgegnete Travis.

Zögernd fragte sie: „Wo soll die Taufe denn stattfinden?“

„Auf Manatuck Island, bei Dad und Corinne. Bitte komm trotzdem, Jen. Es ist wirklich Zeit für dich und Dad, das Kriegsbeil zu begraben – jetzt, da schon die nächste Generation unserer Familie heranwächst.“

Jenessa wusste, es würde Travis verletzen, wenn sie die Einladung nicht annahm. Schon als Kind hatte sie ihren älteren Bruder geradezu angebetet. Seine Frau Julie hatte im vierten Monat der Schwangerschaft fast ihr Baby verloren. Deshalb hatten die beiden den Umzug nach Mexiko, wo man Travis eine Stelle angeboten hatte, bis nach der Geburt verschoben. Die kleine Samantha bedeutete ihnen sehr viel.

Vielleicht war es gar nicht so schlimm, dass die Taufe auf Manatuck Island stattfinden sollte. Bestimmt würde sie, Jenessa, in der Lage sein, sich gegenüber ihrem Vater Charles Strathern ein paar Stunden höflich zu verhalten, auch wenn sie ihm sonst nach Möglichkeit aus dem Weg ging.

Als sie die Einladung gerade annehmen wollte, fügte ihr Bruder hinzu: „Wir haben übrigens auch meinen alten Schulfreund Bryce Laribee gebeten, Samanthas Taufpate zu sein.“

Jenessa wurde blass, und ihr Herz begann heftig zu schlagen. Travis, der ihre Reaktion natürlich nicht bemerkte, fuhr fort: „Du hast ihn ja nie kennen gelernt, obwohl wir schon befreundet sind, seit ich zwölf bin – kaum zu glauben! Aber jetzt hast du die Gelegenheit. Und ich bin sicher, Bryce wird dir sehr sympathisch sein. Er ist wirklich ein toller Kerl.“

Er irrte sich: Jenessa war Bryce begegnet – ein einziges Mal vor vielen Jahren. Und „Sympathie“ war wirklich nicht das richtige Wort, um ihre Gefühle für ihn zu beschreiben. Sie wollte ihm auf keinen Fall noch einmal begegnen, konnte ihrem Bruder aber unmöglich davon erzählen.

„Jen?“, fragte Travis. „Bist du noch da?“

Verzweifelt überlegte Jenessa, wie sie sich aus dem Dilemma befreien konnte, ohne sich zu sehr in Lügen zu verstricken. „Travis“, erwiderte sie schließlich, „ich fürchte, ich kann leider nicht kommen. Die Fahrt nach Maine dauert ziemlich lange, und ich habe Anfang Juli eine Ausstellung in der Morden Gallery in Boston. Du kannst dir sicher vorstellen, was das bedeutet.“

„In der Morden Gallery? Toll!“ Ihr Bruder war beeindruckt. „Du machst ja wirklich Karriere!“

„Ich liege schon hinter meinem ursprünglichen Zeitplan zurück. Bis Ende Juni muss ich zwanzig Bilder fertig gemalt haben. Und wenn ich zur Taufe nach Maine fahre, würde ich drei oder vier Tage verlieren. Das kann ich mir einfach nicht leisten.“

Eine Weile herrschte Schweigen. Dann fragte Travis: „Bist du wirklich ehrlich, Jen? Hat deine Entscheidung nicht mit Charles zu tun? Dafür hätte ich volles Verständnis. Er hat sich ja dir gegenüber nicht gerade wie der perfekte Vater verhalten.“

„Nein, es liegt nicht an ihm“, erwiderte sie wahrheitsgemäß. „Die Ausstellung in Boston ist meine Chance, mir endlich als Künstlerin einen Namen zu machen – nach zwölf Jahren harter Arbeit!“

Unwillkürlich musste sie daran denken, dass sie Bryce vor fast genau zwölf Jahren getroffen hatte. Damals war sie siebzehn Jahre alt gewesen und hatte gerade begonnen, an der Columbia-Kunstakademie in New York Malerei zu studieren. Wie schon so oft verdrängte Jenessa den Gedanken. „Es tut mir wirklich furchtbar Leid“, versicherte sie.

„Julie wird sehr enttäuscht sein. Und ich bin es auch. Immerhin bist du auch nicht zu unserer Hochzeit gekommen.“

Bryce war damals Trauzeuge gewesen. Jenessa verfluchte den Tag, an dem sie vor vielen Jahren das Plakat gesehen hatte, auf dem Bryces Vortrag angekündigt worden war. „Ich verspreche, euch nach der Ausstellung besuchen zu kommen – wenn ihr dann noch mit mir redet.“

„Hör schon auf, Jen. Du weißt, dass wir nicht nachtragend sind“, erwiderte Travis. „Wie wäre es, wenn ich dir Geld für ein Flugticket gebe? Dann würdest du viel weniger Zeit verlieren.“

„Ich schulde dir doch jetzt schon so viel Geld.“

„Es soll ein Geschenk sein. Du brauchst es mir nicht zurückzugeben.“

„Nein, Travis, das kann ich einfach nicht annehmen.“

Wieder schwieg ihr Bruder eine Weile und erwiderte kurz darauf: „Dann wirst du eben Samanthas Taufpatin in Abwesenheit. Wir möchten nämlich niemand anderen.“

Tränen traten Jenessa in die Augen. Als sie noch ein Baby gewesen war, hatte ihre Mutter sich nach Frankreich abgesetzt. Von da an hatte ihr Vater alle Anzeichen von Eigensinn bei seiner einzigen Tochter mit Macht unterdrückt und in allem ihren Zwillingsbruder Brent vorgezogen. Noch immer war das Verhältnis zwischen Brent und Jenessa äußerst distanziert. Während ihrer gesamten Kindheit und Jugend war Travis für sie der Fels in der Brandung gewesen – trotz seiner langen Abwesenheit, als er ein Internat besucht hatte. Dass sie ihn jetzt so enttäuschen musste, tat ihr unendlich weh. Doch Bryce hatte sie damals in seinem Hotelzimmer in Manhattan so sehr gedemütigt, dass sie ihm nicht mehr gegenübertreten konnte.

Um vom Thema abzulenken, fragte Jenessa: „Wie viel wiegt Samantha denn jetzt? Und kriegt Julie wieder genug Schlaf?“

Travis erzählte begeistert von seiner kleinen Tochter und seiner Frau, die er beide vergötterte. Im Gegenzug berichtete Jenessa von ihrer Gartenarbeit und dem neuen Vertrag, den sie mit ihrer Galerie abgeschlossen hatte. Schließlich verabschiedeten sie sich und beendeten das Gespräch.

Jenessa war sehr erleichtert, als sie den Hörer auflegte. Wieder einmal war sie einem Treffen mit Bryce Laribee erfolgreich aus dem Weg gegangen, doch zu einem sehr hohen Preis. Sie war aufgebracht, wusste jedoch nicht, gegen wen ihr Ärger sich richtete: gegen Bryce oder die überaus verletzliche junge Frau, die sie zwölf Jahre zuvor gewesen war.

Am späten Nachmittag des folgenden Tages kniete Jenessa in ihrem Gemüsebeet. Der Garten hinter ihrem kleinen Haus im Quäker-Stil war ein sehr friedlicher Ort: sonnendurchflutet und voller summender Bienen. Eine leichte Brise ließ die Blätter der hohen Ahornbäume am Rand des Gartens leise rascheln.

Morgens hatte sie das Bild zu Ende gemalt. Wie alle ihre Werke war es technisch perfekt. Sonnenstrahlen hoben die Details hervor und die leicht bedrohliche Atmosphäre ab, die all ihre Bilder kennzeichnete. Jenessa hatte schlecht geschlafen und war in ihren Träumen schreienden Babys begegnet, Travis, der sich in einer leeren Kunstgalerie von ihr abwandte – und natürlich auch Bryce.

Hätte ich doch nie dieses Plakat in der Kunstakademie hängen sehen, dachte sie wieder einmal verzweifelt.

Sein Name war ihr natürlich sofort ins Auge gesprungen: Bryce Laribee. Er war Millionär, Computergenie und der beste Freund ihres geliebten älteren Bruders. Den Titel seines Vortrags verstand Jenessa nicht. Vermutlich hatte es etwas mit Programmieren zu tun. Doch das Foto in der oberen Ecke des Plakats fesselte sie: dichtes blondes Haar, faszinierende graue Augen, markante Züge und breite Wangenknochen. Jenessa verspürte den unwiderstehlichen Drang, dieses Gesicht zu zeichnen.

Sie beschloss, ein Porträt in Öl von ihm zu malen. Plötzlich fiel Jenessa auf, dass sie schon seit geraumer Zeit starr das Foto ansah wie ein verliebter Teenager. Sie riss sich zusammen und besuchte ihren Aquarellkurs.

Am folgenden Abend ging sie zu Bryce Laribees Vortrag und setzte sich ganz nach hinten, wo sie nicht auffiel, ihn jedoch gut sehen konnte. Er war noch wesentlich attraktiver als auf dem Foto. Doch nicht nur sein faszinierendes Äußeres beeindruckte sie. Die tiefe, wohlklingende Stimme ließ Jenessa erschauern, sein Humor und seine anschaulichen Erklärungen zogen sie in seinen Bann.

Nach dem Vortrag gab es einen Sektempfang im Festraum des Instituts. Wieder hielt sie sich im Hintergrund und wartete, bis die meisten Gäste gegangen waren. Jenessa beschloss, Bryce nicht zu erzählen, dass sie Travis’ Schwester war. Denn dann würde er sofort ihr wirkliches Alter wissen – siebzehn Jahre – und sie nicht ernst nehmen.

Bryce ging zur Bar, um sich noch einen Drink zu holen. Ihr Herz schlug wie verrückt, als sie sich ihm näherte und betont gelassen sagte: „Hallo, mein Name ist Jenna Struthers. Ich bin Kunststudentin und würde Sie nach dem Empfang gerne zu einem Drink einladen – und Sie anschließend zeichnen.“

Mit undurchdringlicher Miene ließ er den Blick über sie gleiten. Erschauernd betrachtete Jenessa die markanten Gesichtszüge und die grauen Augen. Ganz ruhig, ermahnte sie sich. Du willst ihn doch gerade wegen seiner maskulinen Ausstrahlung malen. Also mach jetzt keinen Rückzieher! Das wäre feige. Und ein Feigling war sie wirklich nicht.

Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie auf Bryce wirken musste mit der Igelfrisur, den leuchtend orange gefärbten Haarspitzen, dem auffälligen Make-up, den Kontaktlinsen, die ihre Augen fast violett erscheinen ließen – und dem extravaganten, mit Perlen verzierten Lederoutfit. Ihre Aufmachung strahlte mehr Sex-Appeal aus, als angemessen war. Zum ersten Mal bereute Jenessa, dem Gruppenzwang ihrer Kommilitonen nachgegeben zu haben, die sich alle sehr ausgefallen kleideten.

Bryce Laribee schien amüsiert zu sein. „Du bist selbst ein kleines Kunstwerk“, stellte er fest.

Jenessa betrachtete seinen Schlips und den edlen, maßgeschneiderten Anzug. „Sie haben Ihre Uniform, und ich habe meine.“

„Deine gefällt mir besser“, erwiderte er. „Und welchen Teil von mir wolltest du zeichnen, Jenna Struthers?“

Sie errötete und spürte Ärger in sich aufsteigen. Offenbar wollte Bryce Katz und Maus mit ihr spielen. Anstatt ihm einfach zu sagen, dass sie ein Porträt von ihm anfertigen wollte, erwiderte sie: „Eine gute Malerin schränkt sich nie derartig ein, bevor sie ein Werk in Angriff nimmt.“

„Das heißt, sie hält sich alle Optionen offen?“

„Genau.“

Jenessa sah, wie seine Augen funkelten. Wollte Bryce nur mit ihr flirten, oder sollte das ein eindeutiges Angebot sein? Ihr wurde schwindelig, denn im Gegensatz zu den meisten ihrer Kommilitoninnen war sie noch Jungfrau.

„Ich muss mich noch von den Organisatoren der Veranstaltung verabschieden. Würde es dir etwas ausmachen, einen Moment zu warten?“

„Natürlich nicht“, erwiderte sie. „Ich spitze in der Zwischenzeit schon einmal meine Bleistifte an.“

Er lachte. Sein maskuliner Charme ließ Jenessa aufs Neue erschauern. „Ich bin so schnell wie möglich wieder da“, versicherte er und ging zu einer Gruppe Professoren in Tweedanzügen.

Jenessa leerte ihr Glas Wein. Ich werde vorschlagen, dass wir in eine Bar oder ein Restaurant gehen, damit wir unter Menschen sind, beschloss sie. Das wäre auf jeden Fall sicherer.

Sie konnte jedes Detail von Bryces Gesicht vor ihrem geistigen Auge sehen: die dunklen Sprenkel in seinen Augen, den entschlossenen Zug um seinen Mund, die sinnlichen Lippen. Er war ein großer, muskulöser, aber schlanker Mann mit einer überwältigenden Ausstrahlung. In seiner Gegenwart fühlte Jenessa sich klein und verletzlich – und sehr weiblich. Du meine Güte, dachte sie hilflos, was geschieht mit mir?

Als Bryce wieder auf sie zukam, sagte ihr die Vernunft, dass sie sich schleunigst aus dem Staub machen sollte. Jenessa wusste, dass sie in seiner Gegenwart niemals sicher sein würde, und wenn noch so viele andere Menschen anwesend wären.

Sie war erst wenige Monate zuvor von zu Hause weggelaufen. Damals hatte sie auf eine innere Stimme gehört, die ihr geraten hatte, ihren eigenen Weg zu suchen – auch wenn das Risiken in sich barg. Warum sollte sie also jetzt der Gefahr aus dem Weg gehen? In der Kunst musste man bereit sein, Wagnisse einzugehen, und wie sollte sie das auf einer Leinwand zu Wege bringen, wenn sie es noch nicht einmal im wirklichen Leben konnte?

Jenessa gab sich Mühe, gelassen und weltgewandt zu wirken. „Sind Sie fertig?“

„Ja. Mein Mietwagen steht draußen. Lass uns gehen.“

„Macht es Ihnen gar nichts aus, dass man uns zusammen aufbrechen sieht?“

Bryce zog die Augenbrauen hoch. „Es interessiert mich nicht, was andere Leute denken.“ Als er ihren Ellenbogen umfasste, spürte Jenessa die Berührung im ganzen Körper.

„Wollen wir in eine Bar gehen?“, fragte sie stockend. „Es darf dort allerdings nicht zu dunkel zum Zeichnen sein.“

„Am besten fahren wir in mein Hotel. Dort sind wir ungestört.“

„Ich will Sie nur porträtieren. Sonst nichts!“

„Wirklich, Jenna?“

Sie hatten den Festraum verlassen und gingen durch einen menschenleeren Flur. Bryce blieb vor dem Fahrstuhl stehen und strich ihr langsam mit dem Finger über die Lippen. Jenessa erbebte. Mit klopfendem Herzen blickte sie ihn an.

„Unter dieser ganzen Kriegsbemalung bist du außergewöhnlich hübsch“, sagte Bryce rau.

Er meint es tatsächlich ernst, dachte sie atemlos. Überwältigt stellte sie fest, dass er nicht nur mit ihr flirten wollte. Bryce Laribee, der erfolgreiche Geschäftsmann und Millionär, begehrte sie, Jenessa Strathern – eine siebzehnjährige Jungfrau.

Sie stiegen in den Fahrstuhl. Bryce drückte den Knopf zur Tiefgarage.

„Ich … ich habe meinen Skizzenblock im Atelier vergessen“, sagte Jenessa stockend.

Er lachte. „Ich muss zugeben, das war wirklich eine originelle Anmache!“

Offenbar hatte er also die ganze Zeit geglaubt, ihre Behauptung, sie wolle ihn zeichnen, wäre gelogen gewesen.

„Die Kunstakademie hat einen ausgezeichneten Ruf. Also nehme ich an, dass du talentiert bist. Erzähl mir etwas über dich, Jenna.“

Jenessa erwiderte so leidenschaftlich, dass es sie selbst überraschte: „Ich richte mich nicht nach dem neuesten Trend. Solche Modeerscheinungen sind mir gleichgültig. Mir ist es wichtig, Dinge zu malen, die mir etwas bedeuten, meinen eigenen Gefühlen zu folgen – ganz egal, ob das gerade en vogue ist und sich verkauft oder nicht.“ Sofort wünschte Jenessa, sie hätte nicht so viel von sich preisgegeben.

„Das ist interessant“, stellte Bryce fest. „Gilt das auch für dein Liebesleben?“

So etwas gab es bei Jenessa gar nicht. Es machte sie nervös, wie nahe Bryce neben ihr stand. Hatte sie sich vielleicht selbst etwas vorgemacht, was ihre Motive für dieses Treffen anging? War der Grund wirklich der Wunsch gewesen, ihn zu zeichnen? Hatte es nicht doch mehr mit sexueller Anziehung zu tun gehabt?

Ohne zu überlegen, platzte Jenessa heraus: „Ich habe Sie begehrt, seit ich das Bild von Ihnen auf dem Plakat gesehen habe.“

„Ich bin ja auch sehr wohlhabend“, stellte Bryce ziemlich ironisch fest.

Sie wich einen Schritt zurück, den Rücken an die Wand gepresst. „Ihr Geld ist mir völlig gleichgültig.“

Eine ganze Weile betrachtete er sie prüfend. „Du scheinst es ernst zu meinen.“

„Ja, allerdings.“ Die Fahrstuhltüren gingen auf, doch sie rührte sich nicht von der Stelle.

Wieder umfasste Bryce ihren Ellenbogen und schob den Fuß zwischen die Türen. „Viele Frauen sehen in mir nur den Multimillionär.“

„Dazu gehöre ich nicht“, entgegnete sie.

„Dann entschuldige ich mich.“

„Tatsächlich?“, fragte Jenessa aufgebracht. „Und woher soll ich wissen, dass Sie es auch wirklich so meinen?“

„Wir sollten den Fahrstuhl nicht länger blockieren“, sagte Bryce gelassen. „Außerdem werden wir schließlich nicht heiraten, sondern nur eine Nacht zusammen verbringen.“

Ein One-Night-Stand also. „Auf keinen Fall werde ich mit in Ihr Zimmer kommen“, entgegnete Jenessa. „Ich wollte Sie nur zeichnen, mehr nicht.“

„Ich habe mich bei dir entschuldigt.“ Ungeduldig zog er sie aus dem Fahrstuhl. „Ich glaube dir ja, dass mein Vermögen dich nicht interessiert. Reicht das nicht?“

„Damit werde ich mich wohl zufrieden geben müssen.“ Sie bemühte sich, ruhig zu bleiben.

Plötzlich zog Bryce Jenessa an sich und küsste sie. Seine ungezügelte Leidenschaft ließ sie ihren Ärger vergessen. Stattdessen verspürte sie ein ungekanntes heftiges Verlangen. Sie schmiegte sich an ihn und erwiderte seine Liebkosungen. Hin und her gerissen zwischen Begehren und Erschrecken stellte sie fest, dass Bryce mehr wollte, als sie zu geben bereit war.

Mit einem Mal ließ er sie los und sagte kühl: „Lass uns zum Auto gehen.“

Wie benommen folgte Jenessa ihm. Durch einen einzigen Kuss hatte sie erfahren, welche körperliche Macht er auf sie ausübte. Sie war überwältigt von ihren Gefühlen, die stärker waren, als sie es sich je erträumt hätte.

Ungeduldig schob Bryce sie auf den Beifahrersitz eines silberfarbenen Mercedes. Ohne ein Wort zu sagen, fuhr er den Wagen aus dem Parkdeck und lenkte ihn geschickt durch den dichten Verkehr. „Etwas solltest du noch wissen: Ich will mich nicht binden. Und ich verhüte immer“, sagte er dann plötzlich.

Sein kühler, fast sachlicher Tonfall kränkte Jenessa. „Sind Sie absichtlich so unromantisch?“

„Du sollst nur wissen, worauf du dich einlässt. Wenn dir das nicht gefällt, ist es nicht zu spät, einen Rückzieher zu machen. Dann lade ich dich zu einem Drink ein, und jeder geht seiner Wege.“

Er hatte ihr die Möglichkeit gegeben, sich aus einer Situation zu retten, der sie sich nicht gewachsen fühlte. Ich sollte die Gelegenheit nutzen, dachte Jenessa. Doch dann musste sie an Bryces Kuss denken – und daran, was er in ihr ausgelöst hatte. Sie hatte das Gefühl, sich erst in jenem Moment ihrer Weiblichkeit völlig bewusst geworden zu sein.

Jenessa bemühte sich, ruhig zu bleiben. Mit leicht bebender Stimme behauptete sie: „Meine erste Priorität ist Verhütung.“

„Sehr gut. Und die zweite?“

Diesmal sagte sie die Wahrheit. „Dass niemand anders über mein Leben bestimmt.“

„Dann sind wir auf einer Wellenlänge“, stellte Bryce fest.

Jenessa lehnte sich zurück und unterdrückte das Zittern, das sie durchlief.

2. KAPITEL

Jenessa zuckte erschrocken zusammen, als ein Taxifahrer hinter ihnen laut hupte. Beim Malen im Atelier verließ sie sich immer auf ihre Intuition. Und jetzt sagte diese klar und deutlich, dass die kommenden Stunden ihr Leben für immer grundlegend verändern würden.

Ich werde mit dem besten Freund meines Bruders ins Bett gehen, das ist einfach verrückt! dachte sie. Doch nie zuvor hatte sie ein so heftiges Begehren verspürt. Sie würde sich von Bryce verführen lassen und dann gehen. Sollte er je ihren wirklichen Namen herausfinden, würde er Travis sicher niemals davon erzählen. Zumindest was das betraf, war sie in Sicherheit.

„Ich werde danach ein Taxi nehmen“, kündigte sie betont gelassen an.

Ohne den Blick von der Straße zu wenden, fragte Bryce: „Wie alt bist du, Jenna?“

Unmerklich zuckte sie zusammen. „Einundzwanzig.“

„Schließt du nächstes Frühjahr dein Studium ab?“

„Nein, ich … ich habe mich etwas später eingeschrieben als üblich.“

„Normalerweise sind Frauen für mich wie ein offenes Buch“, sagte er ein wenig gereizt. „Aber aus dir werde ich einfach nicht schlau.“

„Vielleicht lohnt es sich gar nicht wirklich, offene Bücher zu lesen.“ Jenessa musste lachen. „Das klingt ja wie eine Zen-Weisheit.“

„Du bist geheimnisvoll“, stellte Bryce fest. „Das gefällt mir. In ein paar Monaten bin ich wieder in New York. Gibst du mir deine Telefonnummer?“

„Nein.“

„Du lässt dir wirklich nichts vorschreiben“, stellte Bryce fest.

Plötzlich machten seine Nähe und der verbale Schlagabtausch Jenessa übermütig. „Warum sollte ich?“, fragte sie provozierend.

Er nahm die Hand vom Lenkrad und ließ sie über ihr Bein gleiten, das unterhalb des Minirocks nur von Seidenstrümpfen bedeckt war. „Ich hoffe, niemand von uns wird das nachher bereuen.“

„Ich wüsste nicht, warum“, entgegnete sie und versuchte diesmal nicht, ihre Erregung zu verbergen.

Bryce ließ die Hand auf ihrem Schenkel liegen. Sie spürte seine Wärme durch die feinen Strümpfe hindurch. „Es sind nur noch zwei Häuserblocks bis zum Hotel.“

Zehn Minuten später führte er sie durch die Doppeltüren einer luxuriösen Penthouse-Suite im vornehmsten Hotel der Stadt. Jenessa ließ den Blick bewundernd über edle chinesische Teppiche und glänzendes Parkett gleiten, als Bryce fragte: „Möchtest du etwas essen oder trinken?“ Seine Ungeduld war deutlich zu spüren.

Plötzlich war Jenessa wieder von jenem Mut erfüllt, der in ihrer Kindheit so typisch für sie gewesen war. Sie streifte die Schuhe ab, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Bryce. „Ich will nur dich“, flüsterte sie. Erst später wurde ihr bewusst, dass sie in diesem Moment zur vertrauten Anredeform übergegangen war.

Scheinbar mühelos hob Bryce sie hoch und trug sie durch das elegant eingerichtete Wohnzimmer. Aus den hohen Fenstern hatte man einen beeindruckenden Blick auf die Lichter der Stadt. Jenessa spürte seinen muskulösen Körper an ihrem und hörte sein Herz schlagen. Die Nähe zu Bryce machte ihr Verlangen beinah unerträglich. Er stieß die Tür zum Schlafzimmer auf, ging über den dicken, weichen Teppich und ließ sie aufs Bett gleiten. Dann richtete er sich auf. Atemlos sah Jenessa zu, wie er Krawatte, Jackett und Hemd ablegte. Dann streifte er sich Schuhe, Socken und Hose ab, ebenso die Uhr, deren Preis vermutlich so hoch gewesen war wie ihre Studiengebühren für ein ganzes Jahr. Schließlich stand er in schwarzen Boxershorts vor ihr. „Zieh dich aus, Jenna“, sagte er sanft.

Jenna, dachte Jenessa. Sie hatte sich für eine andere, erfundene Frau ausgegeben und wollte doch eigentlich nur sie selbst sein. Sie zog die schwarze Jacke aus, das enge Miederoberteil und den kurzen Rock. Dann streifte sie sich langsam die Strümpfe ab. Als sie nur noch den schwarzen BH und einen dazu passenden Slip trug, flüsterte sie: „Ich möchte, dass du mir den Rest ausziehst.“

Bryce ließ den Blick über ihre samtweiche Haut gleiten. „Du bist wunderschön“, sagte er rau.

Jenessa breitete die Arme aus. Er zog sie an sich, streifte ihr den BH ab und ließ ihn auf den Boden fallen. Ihre Brüste waren rund und fest. Als Bryce ihre Brustspitze in den Mund nahm, erschauerte sie und presste sich an ihn. Er umfasste ihre Hüften und zog sie noch enger an sich, so dass sie seine Erregung spürte. Dann küsste er sie, während er die Hände über ihren Körper gleiten ließ. Sie strich durch die feinen Härchen auf seiner starken Brust. Seine Liebkosungen brachten sie fast um den Verstand, und sie konnte es kaum erwarten, endlich eins mit ihm zu sein.

Er streifte ihr den Slip ab und küsste ihre Brüste. Dann ließ er die Zunge über ihren flachen, festen Bauch gleiten und schließlich zwischen ihre Schenkel. Halb verrückt vor Verlangen, rief Jenessa seinen Namen.

Bryce holte schnell ein Kondom aus der Nachttischschublade. „Warte“, sagte er. „Ich möchte, dass wir zusammen kommen.“

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