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Verlobung auf spanisch

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1. KAPITEL

Erstaunlich, wie schnell sich ein Leben von Grund auf verändern kann, dachte Carrie, als sie ins Flugzeug stieg und ihren Platz in der Business-Class einnahm. Noch vor Kurzem hätte sie ihre Geschäftsreise nach Paris mit einem gemütlichen Einkaufsbummel auf den Champs-Élysées ausklingen lassen, oder sie hätte sich noch mit einigen Kollegen auf einen Drink getroffen. Jetzt aber beschäftigte sie nur der Gedanke, ob sie wohl früh genug nach Hause kommen würde, um ihre Nichte pünktlich von der Schule abzuholen.

Als sich der Flugkapitän über Lautsprecher für den verspäteten Abflug entschuldigte und mitteilte, dass die Maschine voraussichtlich erst um halb fünf in Barcelona landen würde, warf sie einen nervösen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war sehr fraglich, ob sie es noch rechtzeitig schaffen würde. Normalerweise wäre das kein Problem gewesen, da sie ein Kindermädchen hatte. Aber Silvia hatte sie wegen privater Schwierigkeiten um eine Woche Urlaub gebeten. Das Mädchen hatte so blass und unglücklich ausgesehen, dass Carrie es nicht übers Herz gebracht hatte, ihr die Bitte abzuschlagen. Und irgendwie war es ihr auch gelungen, ihre Termine so umzulegen, dass sie Molly die ganze Woche über selbst von der Schule abholen konnte. Es hatte zwar viel Stress bedeutet, aber wenn die Kleine ihr dann mit fliegenden Locken entgegenlief und sich stürmisch in ihre Arme warf, fühlte sich Carrie für alle Mühen entschädigt.

Als erfolgreiche Werbemanagerin war sie daran gewöhnt, ein Leben auf der Überholspur zu führen, doch seit Molly bei ihr lebte, hatten sich ihre Prioritäten stark verändert. Plötzlich war die Karriere nicht länger das Wichtigste in ihrem Leben. War sie früher morgens die Erste und abends die Letzte im Büro gewesen, konnte sie es nun kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Anstatt ihre Abende mit dem Studium von Geschäftsberichten zu verbringen, saß sie an Mollys Bett und las ihr Gutenachtgeschichten vor.

Die Kollegen im Büro hatten die Veränderung natürlich bemerkt und fingen bereits an, hinter ihrem Rücken zu tuscheln. In ihrem Job stand Carrie unter enormem Erfolgsdruck, wofür sie allerdings auch ein Spitzengehalt bezog. Viele warteten nur darauf, dass sie einen Fehler machte.

Doch Carrie hatte nicht die Absicht, irgendwelche Fehler zu machen. Trotz der Doppelbelastung hatte sie in den letzten Monaten mehrere lukrative Verträge abschließen können und damit bewiesen, dass sie nach wie vor erstklassige Arbeit leistete. Deswegen ließ es sie auch ziemlich kalt, was die anderen über sie redeten. Molly brauchte sie, und nur das zählte.

Es war jetzt drei Monate her, dass Mollys Vater, Carries Halbbruder Tony, bei einem schweren Autounfall ums Leben gekommen war. Die Mutter war an Leukämie gestorben, als Molly noch ein Baby gewesen war. Für Carrie war es keine Frage gewesen, ihre Nichte zu sich zu nehmen, zumal es außer Mollys Großeltern mütterlicherseits, die in Australien lebten und ihre Enkelin kaum kannten, keine weiteren Verwandten gab.

Obwohl Carries Leben dadurch auf allen Ebenen komplizierter geworden war und sie praktisch kein Privatleben mehr besaß, hatte sie ihre Entscheidung keinen Moment bereut. Im Gegenteil. Vor kurzem hatte sie offiziell die Adoption ihrer Nichte beantragt und war noch bis vor wenigen Tagen davon ausgegangen, dass Molly spätestens bis Weihnachten auch per Gesetz zu ihr gehören würde.

Doch dann hatte sie einen Brief von Mollys Großmutter erhalten, in dem diese ihr mitteilte, dass sie von Carries Vorhaben keineswegs angetan sei und beschlossen habe, nach Barcelona zu kommen, um die Angelegenheit persönlich mit ihr zu besprechen.

Sie sollte am nächsten Abend eintreffen, und Carrie sah dem Besuch mit einiger Beklommenheit entgegen. Um sich von diesem bedrückenden Gedanken abzulenken, öffnete sie ihren Aktenkoffer und holte eine Mappe mit Geschäftsunterlagen heraus.

Morgen stand ihr eine wichtige Besprechung mit dem Management von Santos-Wein bevor, in deren Verlauf sich entscheiden würde, ob man ihr den Auftrag für eine groß angelegte Werbekampagne erteilen würde. Seit den jüngsten Veränderungen in Carries Leben beobachtete José, ihr Chef, mit verschärfter Aufmerksamkeit ihre Leistungen. Carrie wusste, dass sie ihre Feuerprobe erst dann bestanden haben würde, wenn es ihr gelungen war, den Santos-Auftrag unter Dach und Fach zu bringen.

Sie war ganz in ihre Unterlagen vertieft, als sich ein Mann auf den Platz neben ihr setzte. Mit einem höflichen Lächeln sah sie auf und blickte in die schönsten dunklen Augen, die sie jemals gesehen hatte. Himmel!, dachte sie, während ihr Herz unwillkürlich schneller schlug. Der sieht ja umwerfend aus.

Hastig widmete sie sich wieder ihren Papieren, war sich jedoch überdeutlich des schlanken, durchtrainierten Körpers bewusst, der sich nur wenige Zentimeter von ihrem befand. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so auf einen wildfremden Mann reagiert zu haben. Selbst der dezente Duft seines Rasierwassers brachte sie durcheinander.

Von Zeit zu Zeit warf sie ihm einen unauffälligen Blick zu, wobei sie sämtliche Einzelheiten seiner beeindruckenden Erscheinung in sich aufnahm. Das ausdrucksvolle Profil, das volle schwarze Haar, den makellosen Sitz seines eleganten Anzugs, die kräftigen, gepflegten Hände.

Ebenso wenig entgingen ihr die schmachtenden Blicke, die die Stewardessen ihm im Vorbeigehen zuwarfen.

Kein Wunder, dachte Carrie. Dieser Mann ist ein absoluter Frauentraum. Aus einer plötzlichen Trotzreaktion heraus beschloss sie, ihn zu ignorieren. Sie hatte ihre Gefühle gern unter Kontrolle, und es ärgerte sie, dass er sie so nervös machte. Sie spürte, dass er sie ebenfalls beobachtete, und wünschte, sie hätte an diesem Morgen beschlossen, ihr Haar offen zu tragen. Dann hätte sie ihre seidige blonde Mähne einfach nach vorn fallen lassen und sich so geschickt seiner Musterung entziehen können.

„Haben Sie geschäftlich in Barcelona zu tun?“, sprach er sie unvermittelt an. Seine Stimme war tief, ein bisschen rauchig und viel zu sinnlich. Der leichte spanische Akzent verstärkte diese Wirkung noch.

Carrie hob den Kopf und erwiderte höflich: „Nein, ich lebe dort. Ich komme gerade von einer Geschäftsreise zurück. Und Sie?“, hörte sie sich zu ihrem Ärger neugierig fragen. „Haben Sie beruflich in Barcelona zu tun, oder wohnen Sie auch dort?“

Der Fremde lächelte. „Ein bisschen von beidem“, antwortete er rätselhaft.

Carrie hätte sich zu gern nach seinem Beruf erkundigt, verkniff sich jedoch die Frage. Was immer es sein mochte, er war sicher sehr erfolgreich darin. Die Aura von selbstverständlicher Autorität und Weltgewandtheit, die von ihm ausging, verriet es ihr.

Entschlossen senkte sie den Blick und widmete sich wieder ihren Papieren. Doch nach wenigen Minuten wurde ihr klar, dass sie immer wieder dieselbe Textpassage durchlas.

Mit halbem Ohr hörte sie zu, wie er mit einer der Stewardessen plauderte, und stellte dabei fest, dass seine Stimme in seiner Muttersprache sogar noch erotischer klang. Da Carrie fließend Spanisch sprach, konnte sie mühelos dem Geplänkel folgen. Die Stewardess flirtete ziemlich hemmungslos mit ihm, und ihm schien es zu gefallen.

Starr blickte Carrie auf ihre Unterlagen und befahl sich, nicht länger zuzuhören. Die morgigen Vertragsverhandlungen mit den Geschäftsführern von Santos-Wein waren bedeutend wichtiger. Und je eher sie ihre Hausaufgaben machte, umso mehr Zeit würde ihr bleiben, sich innerlich auf den Besuch von Mollys Großmutter einzustimmen.

Nach einer Weile geriet das Flugzeug in ein Luftloch. Ein Teil von Carries Unterlagen glitt vom Tisch und landete direkt vor den Füßen ihres Sitznachbarn. Er hob sie auf und überreichte sie ihr mit einem charmanten Lächeln.

Als seine Hand dabei unabsichtlich ihre streifte, zuckte Carrie zurück, als hätte sie sich verbrannt. Was war denn nur los mit ihr? Sie war in ihrem Leben schon einigen attraktiven Männer begegnet, aber keiner von ihnen hatte je eine solche Wirkung auf sie gehabt.

„Sie arbeiten für Santos-Wein?“, erkundigte der Fremde sich interessiert. Beim Aufheben der Papiere war sein Blick auf das bekannte Firmenlogo gefallen.

„Nicht direkt“, gab Carrie nach kurzem Zögern Auskunft. „Ich arbeite für eine PR-Agentur und hoffe, von Santos den Auftrag zu bekommen, eine Reihe von Fernsehwerbespots zu konzipieren.“

„Klingt interessant. Die Weine von Santos sind übrigens hervorragend.“

„Wirklich?“ Aus einem unerfindlichen Grund gab Carrie ihre gewohnte Reserviertheit auf und setzte hinzu: „Ehrlich gesagt, habe ich noch nie einen probiert. Obwohl ich das wahrscheinlich nicht zugeben dürfte.“

„Wahrscheinlich nicht.“

Sein jungenhaftes Lächeln trug nicht gerade zur Beruhigung von Carries Nerven bei. „Wie auch immer“, behauptete sie forsch. „Ich werde in jedem Fall in der Lage sein, ihn zu verkaufen, egal, wie er schmeckt. Das ist schließlich mein Job.“

Um die Mundwinkel des Fremden zuckte es unmerklich. „Das glaube ich Ihnen aufs Wort“, bemerkte er trocken. „Aber wäre es nicht trotzdem von Vorteil, wenn Sie an das Produkt glauben würden?“

„Ja, natürlich“, pflichtete Carrie ihm bei. „Aber spätestens morgen werde ich alles über Santos-Weine erfahren. Ich werde nämlich einen ihrer Weinberge besuchen und persönlich mit den Herstellern sprechen.“

Darauf nickte er nur und musterte sie eingehend. Von dem blonden Haar, das sie im Nacken zu einem eleganten Knoten frisiert hatte, bis zu dem schlichten schwarzen Kostüm, unter dem sie eine weiße Bluse trug.

Sein Blick war beinah wie eine körperliche Berührung, und Carrie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen …“ Nur mit Mühe gelang es ihr, den Blick von ihm abzuwenden. „Ich sollte jetzt besser weiterarbeiten.“

Er verzog keine Miene. „Natürlich“, erwiderte er, und Carrie fragte sich, ob sie sich das kurze Aufflackern von erotischem Interesse in seinen Augen nur eingebildet hatte.

Als kurz darauf das Essen serviert wurde, musste sie ihre Papiere beiseitelegen, ohne die sie sich seltsam schutzlos fühlte. Nun war es nicht mehr so einfach, sich der sinnlichen Ausstrahlung dieses Mannes zu entziehen und kühle Distanz vorzutäuschen.

„Kommen Sie gut mit Ihrer Arbeit voran?“, erkundigte er sich freundlich.

„Ja, bestens. Vielen Dank.“ Carrie packte eifrig ihr Besteck aus und tat so, als würde sie sich brennend für ihr Essen interessieren.

„Das freut mich zu hören.“ Die Stewardess brachte ihm eine Flasche Wein, woraufhin er sich mit einem schalkhaften Lächeln an Carrie wandte. „Sie können es auf keinen Fall ablehnen, ein Glas hiervon zu trinken.“

Carrie warf einen Blick auf das Etikett und sah, dass es ein Weißwein von Santos war.

Bevor sie etwas sagen konnte, fuhr ihr Nachbar unbeirrt fort: „Dies ist nämlich eine einzigartige Gelegenheit, Geschäft und Vergnügen zu verbinden und ein wenig Produktforschung zu betreiben.“

Carrie zögerte. „Das ist sehr nett von Ihnen, aber …“

„Bitte tun Sie mir den Gefallen“, bat er sie und schenkte bereits zwei Gläser ein, von denen er ihr eins reichte. „Ich würde wirklich gern wissen, wie Ihnen das Zeug schmeckt.“

Widerstrebend nahm Carrie das Glas entgegen, wobei sie sorgfältig vermied, seine Hand zu berühren.

Aufmerksam beobachtete er, wie sie einen kleinen Schluck probierte. Dabei ließ er langsam den Blick über ihr fein geschnittenes, herzförmiges Gesicht gleiten. Die hohen Wangenknochen, die vollen, geschwungenen Lippen. Ihm fiel auf, dass sie kaum Make-up trug, worauf sie mit ihrem zarten Teint und den großen himmelblauen Augen auch leicht verzichten konnte.

„Und?“

Carrie wartete einen Moment, bis der Geschmack sich in ihrem Mund entfaltet hatte. „Mhm … sehr erfrischend. Leicht fruchtig, nicht zu trocken …“ Sie nahm noch einen Schluck. „Er ist gut“, stellte sie endlich fest. „Nicht, dass ich eine wirkliche Weinkennerin wäre, aber ich würde ihn Freunden empfehlen. Mit anderen Worten – ich werde ihn ohne Gewissenskonflikte verkaufen können. Vorausgesetzt natürlich, ich bekomme den Auftrag“, fügte sie schnell hinzu, da sie insgeheim abergläubisch war und das Schicksal nicht herausfordern wollte. „Noch ist nichts entschieden.“

Der Fremde lehnte sich zurück und trank ebenfalls einen Schluck Wein. „Erzählen Sie mir etwas über Ihre Agentur“, forderte er sie auf.

Carrie zuckte die Schultern. „Was soll ich Ihnen erzählen? Sie heißt Images und hat ihren Hauptsitz in London mit Büros in New York, Paris und Madrid. Vor einem Jahr ist die Niederlassung in Barcelona eröffnet worden, die ich zusammen mit meinem Chef aufgebaut habe. Anfangs war es eine ziemliche Herausforderung, aber dann sind einige große Aufträge hereingekommen, sodass wir schon bald unser Team vergrößern mussten.“ Sie begegnete seinem forschenden Blick und spürte, wie ihr heiß wurde. Um ihre Verlegenheit zu überspielen, fügte sie betont locker hinzu: „Falls Sie also je die Dienste einer Werbeagentur benötigen, sollten Sie an Images denken.“

Was rede ich da für einen Blödsinn?, fragte sie sich verärgert. Normalerweise hatte sie sich im Umgang mit Männern ausgesprochen gut unter Kontrolle. So gut, dass einige ihrer Exfreunde sich sogar darüber beschwert hatten.

„Das werde ich definitiv tun“, versicherte er und lächelte unergründlich. Dann fragte er unvermittelt: „Was für eine Werbestrategie haben Sie sich denn für Santos-Wein ausgedacht?“ Als er ihr Zögern bemerkte, setzte er belustigt hinzu: „Keine Sorge, ich arbeite nicht für die Konkurrenz.“

„Was tun Sie denn dann?“, erkundigte sie sich argwöhnisch, da ihr auf einmal bewusst wurde, dass er ihr reichlich viele Fragen stellte.

„Ich bin Anwalt.“

„Wirklich?“ Damit hatte Carrie nicht gerechnet. Mit seiner Sonnenbräune und dem durchtrainierten Körper wirkte er überhaupt nicht wie jemand, der den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch verbrachte. Einen Moment lang war sie versucht, ihn zu fragen, ob er sich mit Adoptionsrecht auskenne, doch dann ließ sie den Gedanken wieder fallen. Über ihre Arbeit zu reden war eine Sache, eine ganz andere war es jedoch, mit einem völlig Fremden über Molly zu sprechen.

„Ja, ich bin auf Unternehmensrecht spezialisiert.“

„Ich verstehe.“ Carrie war froh, dass sie nichts von ihren derzeitigen Problemen erwähnt hatte. Wahrscheinlich würde sie sowieso keine anwaltliche Hilfe benötigen. Sobald sie sich mit Mollys Großmutter ausgesprochen und deren Befürchtungen zerstreut hatte, würde die Adoption sicher ohne große Komplikationen über die Bühne gehen.

„Wir haben uns übrigens noch gar nicht miteinander bekannt gemacht“, stellte er unvermittelt fest und schenkte Carrie ein hinreißendes Lächeln. „Ich bin Max.“

„Carrie Michaels.“

„Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Carrie.“

In dem Moment kam die Stewardess und räumte die Tabletts ab. Sobald sie wieder allein waren und nur noch die Flasche Wein zwischen ihnen stand, nahm er den Gesprächsfaden wieder auf. „Sie waren gerade dabei, mir von ihren Ideen für Santos-Wein zu erzählen.“

Da er sich wirklich dafür zu interessieren schien, begann Carrie, ihm ihr Konzept zu erläutern. „Ich habe mir überlegt, dass man sich den Umstand zunutze machen könnte, dass es sich um einen Familienbetrieb handelt …“ Sie unterbrach sich, um ein Blatt Papier hervorzuholen, das sie ihm reichte. „Das hier hat mich auf die Idee gebracht.“

Verdutzt betrachtete Max die Zeichnung, die darauf zu sehen war. Einige Strichmännchen tanzten um ein Etwas herum, das entfernt an Weinreben erinnerte. Über ihren Köpfen prangte eine große gelbe Sonne. Er zog eine Braue hoch und blickte zu Carrie auf. „Ausgesprochen künstlerisch“, bemerkte er trocken. „Haben Sie das ganz allein gemacht?“

Carrie lachte. „Meine vierjährige Nichte hat es letzte Woche gemalt. Als ich es sah, dachte ich sofort: Das ist es! Santos-Wein sollte sein konservatives Image ändern und sich als junges, dynamisches Familienunternehmen präsentieren. So etwas liegt gerade absolut im Trend.“

In der nächsten Stunde entspann sich zwischen ihnen eine angeregte Diskussion über dieses Thema. Max war ein ausgesprochen interessanter Gesprächspartner und stellte genau die Fragen, die vermutlich auch die Geschäftsführer von Santos-Wein stellen würden. Erst als der Pilot über Lautsprecher mitteilte, dass er mit dem Landeanflug auf Barcelona begonnen habe, wurde Carrie bewusst, wie viel sie geredet hatte. „Hoffentlich habe ich Sie mit meiner Fachsimpelei nicht allzu sehr gelangweilt“, bemerkte sie leicht verlegen.

„Ganz im Gegenteil“, versicherte Max ihr. „Ich fand es überaus interessant.“

Sicher will er nur höflich sein, sagte Carrie sich im Stillen. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum sich ein Anwalt ernsthaft für Weinwerbung interessieren sollte.

Als die Maschine auf der Landebahn aufsetzte, spürte Carrie ein leises Bedauern, dass sie kaum etwas über ihn erfahren hatte. Im Nachhinein wurde ihr klar, dass er sie zwar geschickt ausgefragt, von sich selbst jedoch so gut wie nichts preisgegeben hatte.

Als er aufstand, fiel ihr auf, wie groß er war. Er musste mindestens einen Kopf größer sein als sie. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und zwang sich, ihm gegenüber eine gleichgültige Haltung einzunehmen. Das Ganze war nichts weiter als eine flüchtige Begegnung mit einem Fremden gewesen, den sie vermutlich nie wiedersehen würde. Viel wichtiger war jetzt die Tatsache, dass sie sich extrem beeilen musste, wenn sie es noch halbwegs pünktlich bis zu Mollys Schule schaffen wollte.

„Also dann Auf Wiedersehen und danke für die interessante Gesellschaft“, verabschiedete sie sich förmlich.

Max lächelte. „Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite.“ Höflich trat er beiseite, um ihr den Vortritt zu lassen.

Als Carrie die Maschine verließ, strahlte die Sonne von einem wolkenlos blauen Himmel, und die Brise, die an ihrem Haar zerrte, war heiß und trocken vom Staub, der über die Rollbahn wehte.

Da sie außer ihrem Handgepäck nichts mitgenommen hatte, konnte sie das Flughafengebäude sofort verlassen. Normalerweise warteten immer lange Schlangen von Taxis vor dem Terminal, doch ausgerechnet jetzt stand nur ein einziges da. Zielstrebig eilte sie darauf zu, doch dann sah sie, dass bereits ein Fahrgast auf dem Rücksitz saß.

Es war Max.

Wie in aller Welt hat er es bloß geschafft, so schnell hier herauszukommen?, fragte sie sich verblüfft. Sie wollte sich gerade wieder abwenden, als er die Tür öffnete.

„Sie sehen aus, als hätten Sie es ziemlich eilig“, rief er ihr zu. „Wollen Sie sich nicht das Taxi mit mir teilen?“

Carrie begegnete dem entwaffnenden Blick seiner faszinierenden dunklen Augen und zögerte kurz. Sie wollte schon ablehnen, doch dann dachte sie an Molly, die auf sie wartete. „Ja, gerne“, sagte sie stattdessen und stieg ein. Nachdem sie sich mit einem Seufzer der Erleichterung zurückgelehnt hatte, wandte sie sich Max zu. „Sagen Sie, würde es Ihnen etwas ausmachen, mich zuerst hinauszulassen? Ich bin nämlich tatsächlich sehr in Eile. Ich muss meine Nichte von der Schule abholen und bin schon viel zu spät dran.“

„Kein Problem“, stimmte er sofort zu. Nachdem Carrie dem Fahrer die Adresse genannt hatte, erkundigte er sich neugierig: „Warum müssen Sie denn Ihre Nichte von der Schule abholen? Was ist mit ihren Eltern?“

„Sie sind beide tot“, antwortete Carrie leise. „Mollys Mutter starb bereits vor einigen Jahren. Ihr Vater kam vor drei Monaten bei einem Autounfall ums Leben.“

Betroffen sah er sie an. „Meine Güte, das tut mir leid.“ In seinen dunklen Augen stand echtes Mitgefühl. „Das arme kleine Mädchen.“

„Ja …“ Für einen Moment drohte Carrie wieder der Kummer zu überwältigen. Obwohl Tony nur ihr Halbbruder gewesen war, hatten sie sich sehr nahe gestanden. Das war auch einer der Gründe gewesen, warum sie so gern nach Barcelona gezogen war, da er ganz in der Nähe gelebt hatte.

„Wir kommen gut zurecht.“ Hastig blinzelte sie die aufsteigenden Tränen weg und rang sich ein Lächeln ab. „Leider hat unser Kindermädchen diese Woche frei. Dadurch ist im Moment alles etwas komplizierter als sonst.“

Als das Taxi in die Straße einbog, in der Mollys Schule lag, warf sie einen Blick aufs Taxameter. „Was bin ich Ihnen schuldig?“, fragte sie und öffnete ihre Handtasche.

Max winkte ab. „Vergessen Sie es. Ich wäre sowieso hier entlanggefahren.“

Carrie wollte gerade protestieren, da entdeckte sie Molly auf der Straße. Eine ältere Frau stand neben ihr und hielt sie fest an der Hand. Erschrocken beugte Carrie sich vor. Als sie Mollys Großmutter erkannte, deren grimmiger Gesichtsausdruck nichts Gutes verhieß, verkrampfte sich ihr ganzer Körper vor Anspannung.

„Stimmt etwas nicht?“, erkundigte sich Max, dem Carries Reaktion nicht entgangen war.

„Ich … nein, es ist nur so, dass Mollys Großmutter hier ist, obwohl ich sie eigentlich erst morgen erwartet hatte. Außerdem scheint sie ziemlich verärgert zu sein. Vermutlich, weil ich zu spät dran bin.“

„Sie sind nicht zu spät dran“, stellte er ruhig fest. „Die Kinder kommen gerade erst heraus.“

Carrie schnitt ein Gesicht. „Vermutlich wären selbst fünf Minuten für Carmel unverzeihlich.“ Als sie Max’ fragendem Blick begegnete, fügte sie erklärend hinzu: „Sie ist der Meinung, Molly wäre bedeutend besser bei ihr und ihrem Mann in Australien aufgehoben, da die beiden viel mehr Zeit für sie hätten als eine allein stehende, berufstätige Frau wie ich.“

Max zuckte die Schultern. „Das mag ja sein. Andererseits gibt es heutzutage viele allein erziehende Mütter, die einen Beruf haben. Solange Ihre Nichte glücklich bei Ihnen ist, sehe ich nicht, wo das Problem liegt.“

„Wem sagen Sie das?“ Carrie seufzte. „Hoffentlich kann ich auch Carmel davon überzeugen.“ Sie öffnete die Wagentür und drehte sich noch einmal zu ihm um. „Also dann, nochmals danke fürs Mitnehmen.“

Max beobachtete, wie Mollys Gesicht vor Freude aufleuchtete, als sie ihre Tante entdeckte. Energisch befreite sie sich aus dem Griff ihrer Großmutter und rannte auf Carrie zu, die das Kind liebevoll in die Arme nahm und hochhob. Das Taxi fuhr gerade wieder an, als Max das Handy auf dem Rücksitz entdeckte. Er bat den Fahrer, noch einmal anzuhalten, und kurbelte das Wagenfenster herunter. „Carrie!“, rief er ihr nach und hielt das Handy hoch. „Sie haben etwas vergessen.“

Sie drehte sich um und kam zum Taxi zurück. „Danke“, sagte sie und nahm das Handy mit einem verlegenen Lächeln entgegen. „Es muss mir vorhin aus der Handtasche gerutscht sein. Anscheinend habe ich zurzeit meine fünf Sinne nicht so richtig beisammen.“

Max erwiderte ihr Lächeln. „Was in Anbetracht der Umstände nur verständlich ist.“ Sein Blick ging von dem kleinen Mädchen, das die Arme fest um Carries Nacken geschlungen hatte, zu der grauhaarigen Frau im geblümten Sommerkleid, die ihn argwöhnisch beäugte. „Ich hoffe, alles geht gut aus, Carrie. Bis dann.“

Verwirrt sah Carrie dem davonfahrenden Taxi nach. Bis dann? Was hatte er damit wohl gemeint? Vermutlich würde sie diesen Mann nie wiedersehen. Sie kannte ja nicht einmal seinen Nachnamen. Bei dem Gedanken verspürte sie plötzlich Bedauern. Er war so nett und verständnisvoll gewesen. Und es war so unglaublich entspannt gewesen, mit ihm zu reden. Noch nie hatte sie sich in Gegenwart eines Fremden so wohl gefühlt …

Carmels strenger Blick brachte sie umgehend in die Wirklichkeit zurück. Sie hatte schon genug Probleme, auch ohne dass ein Mann alles noch mehr verkomplizierte.

„Du bist ziemlich spät dran“, bemerkte Carmel in scharfem Ton.

„Es waren doch nur fünf Minuten“, versuchte Carrie sie zu beschwichtigen. „Übrigens – schön, dich zu sehen, Carmel. Ich hatte dich allerdings erst morgen erwartet.“

„Ich habe einen früheren Flug genommen. Bob wird morgen nachkommen.“

Carrie nickte nur und fragte sich, ob Carmel wohl gehofft hatte, sie bei irgendeiner Untat zu ertappen. „Wie geht es Bob?“, erkundigte sie sich freundlich. Sie wusste, dass er Anfang des Jahres einen Herzanfall gehabt hatte.

„Leider nicht so gut.“ Für einen Moment wurden Carmels Züge weicher. „Sonst wäre ich schon viel eher gekommen.“

„Das tut mir leid, Carmel“, sagte Carrie sanft.

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