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Verlobung auf Italienisch

Sarah Morgan

Verlobung auf Italienisch

1. KAPITEL

„Ich hätte nie gedacht, dass dieser Moment einmal kommen würde. Los, Pietro, lass uns feiern.“ Rio Zaccarelli lehnte sich zurück, während der Ober ihm den Champagner einschenkte.

Sein Anwalt, der ihm gegenübersaß, öffnete seine Aktentasche und reichte ihm einen Stapel Unterlagen. „Ich stoße erst an, wenn der Vertrag unter Dach und Fach ist. Wie hast du es eigentlich geschafft, hier einen Tisch zu bekommen? Ich habe noch nie so viele vermögende, einflussreiche Leute auf einem Haufen gesehen.“ Beeindruckt schaute Pietro sich um und erschrak beim Anblick eines Mannes in einem anthrazitfarbenen Anzug. „Ist das nicht …?“

„Ja. Starr ihn nicht an, sonst hast du gleich sein Sicherheitsteam am Hals.“ Rio blätterte die Papiere durch. Als er nach seinem Glas griff, zitterte seine Hand leicht. Er riss sich zusammen und zwang sich, dies als ein Geschäft wie jedes andere auch zu betrachten. „Hast du noch nie hier gegessen?“

„Ich stehe schon seit einem Jahr auf der Warteliste, und du brauchst nur einmal hier anzurufen. Manchmal wünschte ich, ich hätte so viel Einfluss wie du.“

„Zieh das hier erfolgreich durch, und ich besorge dir einen Tisch. Versprochen.“ Zieh es erfolgreich durch, und ich kaufe dir das Restaurant.

„Ich nehme dich beim Wort. Du musst auf der Rückseite unterschreiben.“ Pietro gab ihm seinen Füller, schwungvoll unterzeichnete Rio.

„Wie immer schulde ich dir etwas – für deine Diskretion und deinen Sachverstand. Bestell den Hummer.“

„Danke mir erst, wenn alles in trockenen Tüchern ist“, erwiderte sein Anwalt und packte die Dokumente zurück in seine Tasche. „Es steht eine Menge auf dem Spiel, und sie haben noch nicht aufgegeben. Sie wollen nicht, dass du gewinnst.“

„Das ist mir klar.“ Rio musste einen Anflug von Zorn unterdrücken, und unwillkürlich umfasste er sein Champagnerglas fester. „Halt mich bitte auf dem Laufenden. Wenn es etwas Neues gibt, ruf mich unter meiner Privatnummer an.“

„In Ordnung.“ Leise ließ Pietro das Schloss seiner Aktentasche zuschnappen. „Es kann immer noch schiefgehen. Das Wichtigste ist, dass du dir bis Weihnachten nichts zuschulden kommen lässt. Du darfst nicht einmal einen Strafzettel kassieren. Willst du meinen Ratschlag als guter Freund hören? Such dir eine einsame Skihütte, und zieh dich dorthin zurück. Keine Frauengeschichten – Sex kannst du vorerst vergessen.“

Rio, der seit seinem ersten Mal keine zehn Tage ohne Sex hatte auskommen müssen, verzog keine Miene. „Ich werde ganz diskret vorgehen.“

„Nein.“ Nun ganz der Anwalt, beugte Pietro sich zu ihm hinüber. „Diskretion reicht nicht. Kein Sex, es sei denn, du bist verheiratet. Falls du dich zufällig in eine anständige Frau verliebst, deren einziges Ziel ist, dich zu lieben und dir Kinder zu schenken, könnte es sogar hilfreich sein.“ Er lächelte schwach und zuckte resigniert mit den Schultern. „Aber wie ich dich kenne, stehen die Chancen schlecht.“

„Richtig. Es gibt keine anständigen Frauen, und selbst wenn ich eine fände, würde sie sich sofort verändern und an einen Ehevertrag sowie an eine hohe Abfindung im Fall einer Scheidung denken“, bemerkte Rio bitter.

„Ich kann dir deinen Zynismus nicht verdenken, aber …“, sagte Pietro und nahm die Speisekarte in die Hand.

„Verstanden. Kein Sex. Das wird ja ein aufregendes Weihnachten.“ Augenblicklich sah Rio das Bild der russischen Ballerina vor sich, die gerade in seinem Apartment auf ihn wartete.

Er würde ihr Diamanten schicken und ihr seinen Privatjet für den Rückflug nach Moskau zur Verfügung stellen. Sie konnten ihre Beziehung im neuen Jahr fortsetzen. Oder auch nicht. Als ihm klar wurde, dass es ihm eigentlich egal war, runzelte er die Stirn.

Starr blickte er durch die Fensterfront, von der aus man eine herrliche Aussicht auf Rom hatte. Um die Sache durchzufechten, würde er alles tun. Selbst eine Weile enthaltsam leben.

Pietro legte die Speisekarte beiseite. Wieder umspielte ein kleines Lächeln seine Lippen. „Es scheint so, als wäre dir noch nie etwas so schwergefallen. Geh irgendwohin, wo es keine Frauen gibt, zum Beispiel in die Antarktis.“

„Ich muss geschäftlich nach London fliegen.“

„Du willst Carlos zur Rede stellen?“

„Ich entlasse ihn“, erklärte Rio kühl. „Es war ein Fehler, ihn überhaupt einzustellen. Ich muss es regeln, bevor die ganze Hotelkette durch sein Missmanagement in Verruf gerät.“

„Kannst du nicht warten, bis der Vertrag unterzeichnet ist?“

„Die Sache mit Carlos wird das Geschäft nicht gefährden.“

„Trotzdem habe ich kein gutes Gefühl dabei.“

„Darum zahle ich dir ja so viel. Damit du dir Sorgen machst und ich schlafen kann.“

Ironisch zog Pietro eine Braue hoch. „Seit wann schläfst du denn? Du arbeitest doch mehr als ich. Ich schätze, du nimmst dir nicht einmal über die Festtage frei.“ Er griff nach einem Stück Brot und brach es durch. „Warum hasst du Weihnachten eigentlich so sehr?“

Rios Magen krampfte sich zusammen. Da er aber wie immer im Mittelpunkt des Interesses stand, ließ er sich nichts anmerken. Nachdem er seinen Champagner ausgetrunken hatte, erwiderte er: „Weil alle Weihnachten als Vorwand nehmen, um nicht zu arbeiten.“ Mit aller Macht unterdrückte er die Gefühle, die ihn zu überwältigen drohten. „Wie du ja weißt, verlange ich meinen Angestellten einiges ab und habe nichts für Faulenzer übrig. Und wegen des Geschäftes sei ganz unbesorgt“, wechselte er das Thema. „Bis der Vertrag erfolgreich abgeschlossen ist, werde ich brav allein in meinem Bett schlafen.“

„Für dich wird es sicher langweilig, aber so sollte es auch sein. Ich meine es ernst, Rio. Bleib zu Hause und fass nur deinen Laptop und dein Telefon an.“ Forschend blickte sein Freund und Anwalt ihn an. „Unterschätz das Ganze nicht.“

„Ich werde es schon schaffen.“ Rio lächelte gezwungen. „Außerdem werde ich in London wohl keiner Frau begegnen, die mich interessiert. Wollen wir jetzt bestellen?“

„Das können Sie mir nicht antun! Ich fasse es nicht, dass Sie einfach die Schlösser ausgetauscht haben!“ Verzweifelt packte Evie den Mann am Arm und wäre beinah auf dem gefrorenen Schnee ausgerutscht, als dieser ihre Hand abschüttelte.

„Wenden Sie sich an Ihren Vermieter. Tut mir leid.“

Jedoch wirkte er nicht im Geringsten so, als ob er es bedauern würde.

Allmählich wurde ihr die ganze Tragweite ihrer Situation bewusst, und Panik stieg in ihr auf. „In zwölf Tagen ist Weihnachten! So kurzfristig finde ich keine neue Bleibe mehr.“

Plötzlich brachen all die Gefühle sich Bahn, die sie sechs Wochen lang mühsam verdrängt hatte.

Heute hätte sie eigentlich heiraten und in die Karibik fliegen sollen. Stattdessen befand sie sich ganz allein in einer anonymen Großstadt. Außerdem schneite es, und sie war obdachlos.

„Lassen Sie mich zumindest meine Sachen holen.“ Nicht, dass sie viel besessen hätte. Vermutlich passten ihre Habseligkeiten in eine Mülltüte.

Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, da deutete der Mann vom Schlüsseldienst auf einen schwarzen Müllsack neben der Tür.

„Die sind da drin. Zum Glück war es nicht viel.“

Was soll daran ein Glück sein, fragte sie sich. Voller Erwartungen war sie nach London gezogen. Ohne zu wissen, wie teuer das Leben hier sein würde – und wie einsam. Sie konnte es sich nicht einmal leisten, mit ihren Kolleginnen auszugehen.

Schneeflocken stoben ihr ins Gesicht, und sie fröstelte. „Lassen Sie mich wenigstens noch eine Nacht hierbleiben, ja?“ Sie hatte das Gefühl, dass sie beim geringsten Anlass völlig zusammenbrechen würde. So ging es ihr, seitdem Jeff ihr per SMS mitgeteilt hatte, dass er sie doch nicht heiraten würde. Aus Rücksicht auf ihren Großvater hatte sie sich zusammengerissen und sich darauf konzentriert, das Ganze abzusagen, die Geschenke zurückzuschicken und den Gratulanten alles zu erklären. Am Abend war sie dann ins Bett gefallen und sogar zu müde zum Weinen gewesen. „Bitte! Ich finde vor Weihnachten nichts mehr.“

„Das Leben ist nun mal hart, meine Liebe.“

Im nächsten Moment klingelte ihr Handy. Als sie es herausnahm und die Nummer auf dem Display sah, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. „Gehen Sie nicht weg. Ich muss das Gespräch annehmen, sonst denkt er, es wäre etwas passiert … Hallo, Grandpa?“, meldete sie sich dann. „Warum rufst du mitten am Tag an? Ist alles in Ordnung?“ Hoffentlich hatte er nicht wieder einen Anfall gehabt! Sie hätte ihn so gern glücklich gemacht, aber momentan lief in ihrem Leben alles schief.

„Ich wollte nur hören, wie es dir geht. In den Nachrichten haben sie über heftige Schneefälle berichtet.“

Ihr Großvater klang matt, und Evie verstärkte unwillkürlich ihren Griff ums Telefon. Für sie war er der wichtigste Mensch auf der Welt. „Es geht mir gut, Grandpa. Du weißt doch, dass ich Schnee mag.“

„Ja, das war bereits früher so. Hast du schon einen Schneemann gebaut? Das hat dir ja immer wahnsinnig viel Spaß gemacht.“

Sie schluckte. „Ich … hatte noch keine Zeit. Aber gegenüber von dem Hotel, in dem ich arbeite, ist ein großer Park.“ Dass in London alle viel zu beschäftigt waren, um einen Schneemann zu bauen, behielt sie lieber für sich.

„Arbeitest du gerade? Dann will ich dich nicht länger stören. Bestimmt musst du dich um irgendeinen Promi kümmern.“

„Na ja, ich …“ Sie errötete. Wahrscheinlich hatte sie mit ihren Schwindeleien etwas übertrieben. „Grandpa …“

„Ich bin so stolz auf dich, Evie. Ich habe dieser spießigen Mrs Fitzwilliam im Zimmer nebenan erzählt, dass meine Enkelin als Empfangsdame in einem Nobelhotel in London arbeitet. Wenn du diesen Nichtsnutz Jeff geheiratet hättest, hättest du nie diese Chance bekommen. Er war nicht gut genug für dich, das weißt du doch, oder? Er ist ein Waschlappen, und du brauchst einen richtigen Mann.“

„Irgendein Mann wäre schon ein Anfang“, meinte sie leise, „aber es sieht nicht gerade vielversprechend aus.“

„Was hast du gesagt?“

„Ach, nichts.“ Zum ersten Mal war sie froh darüber, dass ihr Großvater ein Hörgerät trug. Schnell wechselte sie das Thema. „Wie geht es dir? Behandeln sie dich dort anständig?“ Obwohl er unbedingt in dasselbe Seniorenheim gewollt hatte wie seine Freunde, war sie nach wie vor nicht glücklich mit der Situation.

„Ich spüre das Wetter in den Knochen, und das Personal macht hier viel zu viel Theater um einen.“

Evie lächelte. „Bald wird es wieder wärmer. Und ich bin dankbar, dass sie überhaupt Theater machen.“

„Ich wünschte, wir würden uns Weihnachten sehen, aber für einen Tag ist der Weg einfach zu weit. Ich mache mir Sorgen um dich. Du fehlst mir, Evie.“

Heimweh überkam sie und schnürte ihr die Kehle zu. „Ich vermisse dich auch, Grandpa. Sobald ich kann, komme ich dich besuchen. Und mach dir keine Gedanken. Es geht mir wirklich gut.“ Verzweifelt winkte sie dem Mann vom Schlüsseldienst zu, der gerade sein Werkzeug im Wagen verstaute. Wollte er sie etwa hier in der Kälte stehen lassen? Gab es denn keine Kavaliere mehr? Ihr Verlobter machte per SMS mit ihr Schluss, und dieser Kerl wollte eine obdachlose Frau in einer Großstadt ihrem Schicksal überlassen. Ihr Großvater hatte recht – sie brauchte einen richtigen Mann!

„Und, wie läuft es bei der Arbeit?“, hakte dieser nun nach. „Ich habe Mrs Fitzwilliam erzählt, dass die Hollywoodstars sich bei euch die Klinke in die Hand geben. Das hat dieser neugierigen alten Tante die Sprache verschlagen.“

Evie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Warum hatte sie ihren Großvater bloß angelogen? Andererseits wollte sie ihn nicht enttäuschen oder ihm Kummer bereiten. „Der Job ist toll.“ Man hatte sie degradiert, und der schmierige Geschäftsführer hatte versucht, sich an sie heranzumachen. Doch sonst war alles perfekt.

Als der Mitarbeiter vom Schlüsseldienst den Motor anließ, schnappte sie sich den Müllsack mit ihren Habseligkeiten und rannte auf den Wagen zu. „Warten Sie …“

Unterdessen plauderte ihr Großvater munter weiter. „Die Aktien von Zaccarelli Leisure sind schon wieder gestiegen. Dein Job ist also sicher.“

Nein, das war er nicht. Ihr ganzes Leben schien aus den Fugen zu geraten.

Am liebsten hätte sie ihrem Großvater alles gesagt. Aber dieser hätte es womöglich fertiggebracht, sich in den Zug zu setzen und sich Carlos Bellini vorzuknöpfen. Trotz seiner sechsundachtzig Jahre war er nämlich ein richtiger Mann.

„Und, gehst du zu irgendwelchen Weihnachtsfeiern? Bestimmt kannst du dich dann vor Verehrern kaum retten.“

„Nein, ich habe nichts vor. Außerdem bin ich noch nicht für eine neue Beziehung bereit.“ Sie schlitterte auf dem vereisten Weg und ließ dabei den Müllsack fallen, sodass ihr kleiner silberfarbener Weihnachtsbaum in den Matsch fiel. „Mach dir keine Sorgen um mich.“ Deprimiert betrachtete sie das Malheur.

„Halt dich ran, Evie. Ich werde nicht jünger. Nächstes Jahr möchte ich einen Urenkel auf dem Schoß haben.“

Was? Wie soll ich denn das bewerkstelligen, wenn sich kein Mann für mich interessiert? „Ich gebe mir Mühe, Grandpa“, sagte sie stattdessen und verabschiedete sich betont fröhlich von ihm. Dann steckte sie das Handy wieder in ihre Tasche.

Traurig hob sie den Tannenbaum auf. Im selben Moment gab der Mann vom Schlüsseldienst Gas und bespritzte sie mit Schneematsch.

Es schneite ziemlich stark, und sie überlegte, ob sie in dem Müllsack nach ihrem Schirm suchen sollte, da klingelte das Telefon erneut.

Der Anblick der Nummer auf dem Display ließ sie stöhnen. „Tina? Ich weiß, dass ich spät dran bin, aber ich …“ Sie zuckte zusammen, als ihre Vorgesetzte ihr einen Vortrag hielt und sie anschließend daran erinnerte, dass Salvatorio Zaccarelli am nächsten Tag eintreffen und das Hotel und seine Mitarbeiter in Augenschein nehmen würde. „Ja, ich weiß, dass ich von Glück reden kann, weil Sie mir noch eine Chance gegeben haben …“

Angespannt presste sie die Lippen zusammen und hörte weiter zu. „Ich … Ja, das Penthouse wird perfekt sein. Ich kann mich glücklich schätzen, weil Carlos möchte, dass ich mich persönlich darum kümmere. Und mir ist klar, dass Mr Zaccarelli der wichtigste Gast ist, den wir je hatten, und dass er sich nur mit dem Besten zufriedengibt.“ Anscheinend war der Mann ein ausgemachter Mistkerl, und sie nahm sich vor, dem Furcht einflößenden, rücksichtslosen Tycoon aus dem Weg zu gehen, wenn er im Hotel eintraf.

Tina redete immer noch, während Evie zur Bushaltestelle schlitterte. Mittlerweile waren ihre Sachen völlig durchnässt, und der Müllbeutel schlug ihr gegen die Beine. „Festlich? Ja, ich werde den Weihnachtsbaum schmücken. Ich bin bald da, aber erst muss ich …“ Sie verstummte. Erst muss ich eine Bleibe finden, bevor ich gegen Mitternacht von meiner Schicht komme. „… einen Bus erwischen. Bin schon unterwegs.“ Konnte sie auch etwas anderes als lügen?

Sie log, um ihren Großvater zu schonen, und sie log den Tyrannosaurus an, wie sie ihre Chefin hinter vorgehaltener Hand nannte. Erst wenn sie einen neuen Job gefunden hatte, brauchte sie sich nicht mehr von Tina schikanieren zu lassen. Vielleicht sollte sie Salvatorio Zaccarelli raten, zuerst den Manager seines besten Hotels zu feuern.

Als sie in dem vollen Bus saß, fragte sie sich, ob sie ihrem Großvater nicht besser die Wahrheit gesagt hätte. Dass sie sich in London einsam fühlte und ihn vermisste. Dass ihr Boss sie hasste und schon nach wenigen Tagen degradiert hatte. Offenbar war sie zu nett gewesen.

Evie seufzte. Vielleicht hatte sie sich nur zu verzweifelt nach Gesellschaft gesehnt. Aber war das ein Verbrechen? Als Empfangsdame in einem Hotel konnte man doch gar nicht freundlich genug sein. Jetzt als Zimmermädchen traf sie kaum noch Gäste. Sie hatte sich sogar schon dabei ertappt, wie sie Selbstgespräche führte.

Sieh den Tatsachen ins Auge. Du bist ein komischer Kauz.

Das waren Jeffs Worte gewesen. Frustriert stieg sie aus und ging zum Hintereingang des Luxushotels, in dem die Reichen und Berühmten dieser Welt abstiegen. Während sie noch überlegte, wo sie den Müllsack verstecken sollte, fuhr eine schwarze Limousine an ihr vorbei und spritzte Schneematsch auf ihre Strumpfhose und Schuhe.

„Hallo, Evie, du bist spät dran.“ Umgeben von einer Wolke aus Parfüm und Haarspray näherte sich ihr mit schnellen Schritten eine Kollegin. „Du hast schon die Einsatzbesprechung verpasst. Tina sagte, du müsstest gleich ins Penthouse. Morgen kommt der große Boss. Man munkelt, dass er jeden feuert, der ihm nicht passt. Sogar der schmierige Carlos ist nervös. Ich kann es ja kaum erwarten, Rio Zaccarelli persönlich zu begegnen. Er ist der attraktivste Mann, den ich je gesehen habe.“

Evie, die völlig durchgefroren war, musste niesen. „Du hast ihn doch noch nie gesehen.“

„Doch, auf Fotos. Wir nennen ihn den heißen Rio.“

„Für mich ist er der rücksichtslose Rio“, murmelte Evie.

Stirnrunzelnd betrachtete ihre Kollegin den Müllsack. „Seit wann bist du für den Abfall verantwortlich?“

„Ach, ich helfe gern. Ich bin eben vielseitig …“ Sie wollte nicht zugeben, dass sie praktisch ihr Zuhause dabeihatte. Tapfer lächelte Evie und folgte ihrer Arbeitskollegin durch die Glastür in das Gebäude, in dem sich eine ganz andere Welt erschloss.

Nachdem sie den Müllsack im Keller hinter einigen Rohren versteckt hatte, floh sie in die elegante Penthousesuite. Sie fühlte sich furchtbar elend und war zum ersten Mal erleichtert, dass sie nicht mehr am Empfang saß und ständig fröhlich sein musste. Am liebsten hätte sie sich irgendwo verkrochen, bis bessere Zeiten anbrachen.

Kaum hatte sie die großzügig geschnittene, luxuriös ausgestattete Penthousesuite betreten, entspannte sie sich. Sehnsüchtig sah sie sich um. Im Kamin brannte ein Feuer, und auf einem kostbaren Teppich standen zwei helle und sehr bequem wirkende Sofas. Durch die hohen Fensterfronten hatte man einen überwältigenden Blick auf den Hydepark und die eleganten Gebäude von Knightsbridge.

Irgendjemand hatte einen großen Tannenbaum neben dem Flügel aufgestellt, und daneben warteten mehrere Kartons mit Weihnachtsdekoration darauf, ausgepackt zu werden.

„So lebt also die andere Hälfte der Menschheit“, sagte sie leise zu sich selbst. Deprimiert machte sie sich an die Arbeit. Dabei versuchte sie nicht an die vergangenen Feste zu denken, an denen sie immer mit ihrem Großvater den Baum geschmückt hatte. Im letzten Jahr hatten sie wunderschöne Tage zusammen verlebt.

Nur wenige Wochen später hatte ihr Großvater einen leichten Schlaganfall erlitten, und ihr war nichts anderes übrig geblieben, als ihn in dem Seniorenheim unterzubringen. Um für die Kosten aufkommen zu können, hatten sie sein kleines Haus verkaufen müssen, und nun lebte sie in einer Großstadt, in der sie niemanden kannte.

Und sie wusste nicht, wo sie diese Nacht verbringen sollte. Diese Vorstellung jagte ihr Angst ein. Einen Moment lang erwog sie, Tina alles zu erzählen und zu fragen, ob sie ein freies Zimmer hätte. Doch Evie wusste schon, wie diese reagieren würde – sie würde ihr sagen, dass ihr Monatsgehalt nicht einmal für eine Übernachtung im preiswertesten Zimmer reichte.

Frohe Weihnachten, Evie.

Ohne Pause arbeitete sie. Nachdem sie den Baum geschmückt und Vasen mit Mistelzweigen aufgestellt hatte, fing sie an, das Penthouse sauber zu machen. Sie war erst halb fertig, als die Tür geöffnet wurde und Carlos, der Geschäftsführer, hereinkam.

Sofort verspannte sie sich. Sie war mit ihm allein und hatte ihr Handy nicht griffbereit.

Seit dem Tag, als er sie zu küssen versucht hatte, war sie ihm aus dem Weg gegangen. Hektisch überlegte sie nun, was sie tun sollte. Da er das Hotel leitete, war sie von ihm abhängig, was er ihr auch deutlich zeigte.

Suchte er womöglich nach einem Vorwand, sie zu entlassen?

„Perfekt“, meinte er. „Richtig weihnachtlich. Genau so hatte ich es mir für Rio vorgestellt.“ Er lächelte schmierig und musterte sie dabei von Kopf bis Fuß. „Sie sind ja ganz nass.“

Regungslos stand sie da. Warum musste der einzige Mann, der sich für sie interessierte, so ein Widerling sein?

„Es schneit. Ich musste auf den Bus warten.“

„Ich möchte nicht, dass meine Angestellten eine Lungenentzündung bekommen. Stellen Sie sich unter die Dusche.“

Evie errötete. „Keine Zeit. Ich bin noch nicht fertig, und in einer halben Stunde habe ich Feierabend.“

„Sie haben gleich morgen früh wieder Dienst.“ Carlos runzelte die Stirn. „Übernachten Sie heute hier. Dann können Sie sofort anfangen. Ich möchte, dass alles zu Rios Zufriedenheit ist.“

Sie durfte im Hotel bleiben? Evie konnte ihr Glück nicht fassen. „Das wäre nicht schlecht“, erwiderte sie betont lässig. „Haben wir denn ein freies Zimmer?“

„Nein, wir sind ausgebucht. Aber Sie können hierbleiben. Im Penthouse.“

Fassungslos sah sie ihn an. „Hier?“

„Warum nicht? Wir erwarten Rio erst morgen Nachmittag. Ihre Schicht endet um Mitternacht, und die nächste fängt morgen früh um sieben an. Ich sorge dafür, dass keiner Sie stört.“

Plötzlich war sie verunsichert. „Ich soll wirklich im Penthouse schlafen?“

„Ja. Niemand hat etwas dagegen, und außerdem schulde ich Ihnen etwas.“ Nach kurzem Zögern fuhr er fort: „Es tut mir leid, wenn ich neulich zu aufdringlich war. Ich habe die Signale falsch gedeutet.“

Sie hatte überhaupt keine Signale ausgesendet. „Vergessen wir das Ganze lieber.“ Dennoch war sie erleichtert. Vielleicht wollte er sie doch nicht entlassen? „Was macht Ihr Finger?“

„Er heilt.“ Carlos bewegte seinen verbundenen Finger und sah sie zerknirscht an. „Im Ernst, Evie. Bleiben Sie. Es ist im Interesse des Hotels. Wenn Sie hier übernachten, schaffen Sie mehr.“

„Na gut“, antwortete sie nach einer kurzen Pause. „Danke.“

„Haben Sie trockene Sachen dabei?“

Evie dachte an ihre Habseligkeiten im Keller. „Ich … habe unten eine Tasche.“

„Dann lasse ich sie holen. Wo steht sie?“

Flankiert von seinem Sicherheitsteam, verließ Rio Zaccarelli im Schutz der Dunkelheit seinen Privatjet und stieg in die wartende Limousine.

„Keine Presse – das ist gut.“ Antonio, sein erster Bodyguard, blickte sich routiniert um. „Niemand weiß, dass Sie kommen. Sollen wir im Hotel Bescheid sagen? Man erwartet Sie erst heute Nachmittag und nicht um vier Uhr morgens.“

„Nein.“ Entspannt lehnte Rio sich im Fond zurück.

Da Antonio wusste, dass man die Aussagen seines Chefs nie hinterfragte, schloss er die Tür und setzte sich neben den Fahrer. „Es dauert sicher nicht lange. Die Straßen sind leer. Wahrscheinlich, weil bald Weihnachten ist.“

Rio antwortete nicht.

Die innere Kälte, die er plötzlich verspürte, hatte nichts mit der niedrigen Außentemperatur zu tun. Mit ausdrucksloser Miene schaute er aus dem Fenster.

Weihnachten.

Zwanzig Jahre waren vergangen, und er hasste dieses Fest immer noch.

Wäre es nach ihm gegangen, hätte man es aus dem Kalender gestrichen.

Bemüht, die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen zu ignorieren, schaltete er sein Smartphone ein.

Anna, die Ballerina, hatte ihm vierzehn Nachrichten geschickt. Nachdem er die ersten drei überflogen hatte und über das Wort Beziehung gestolpert war, löschte er alle.

Als der Wagen kurz darauf am Hotel ankam, blieb Rio noch einen Moment sitzen, um es zu betrachten.

Du wirst es nie zu etwas bringen, Rio. Du bist ein Niemand.

Grimmig lächelte er. Dieses Gebäude gehörte ihm. Nicht schlecht für jemanden, dessen Leben einmal ein einziger Scherbenhaufen gewesen war.

Schließlich beugte er sich vor. „Bringen Sie mich zum Hintereingang“, wies er seinen Fahrer auf Italienisch an.

„Ja, Sir.“

Kaum hatte die Limousine gehalten, stieg Rio aus und steuerte die Tür an. Missbilligend verzog er den Mund, als er dort niemandem begegnete.

Antonio folgte ihm. „Ich gehe zuerst.“

„Nein. Sie überprüfen die Überwachungskameras im Keller. Stellen Sie fest, wie lange es dauert, bis ich darauf zu sehen bin.“ Im Laufschritt eilte Rio die zehn Stockwerke zur Penthousesuite hoch, wo er einen Code eingab und die Tür sich öffnete.

Niemand hatte den Sicherheitscode geändert. Seine Augen funkelten vor Wut.

In der Suite war es angenehm warm, und es herrschte eine friedliche Stille.

Und alle Räume waren weihnachtlich dekoriert.

Rio erstarrte.

Er hatte strikte Anweisungen gegeben, dass er keinen Weihnachtsschmuck wollte.

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