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Verlobt für eine Nacht

1. KAPITEL

Leo Zamos liebte den Moment, in dem ein von ihm wohldurchdachter Plan kurz vor der perfekten Umsetzung stand. Zwar bereiteten ihm auch andere, alltäglichere Dinge Vergnügen, zum Beispiel gefiel es ihm, eine begehrenswerte Frau in seinem Bett zu haben. Und je begehrenswerter diese war, umso mehr Gefallen fand er daran. Außerdem liebte er es, mit seinem Maserati GranTurismo durch die sechzig Haarnadelkurven des Passo dello Stelvio zu schnellen, wann immer er in Italien war und die Gelegenheit dazu hatte.

Doch jenes absolut rauschartige Gefühl erfüllte ihn nur dann, wenn er sich einen Plan ausdachte, der so verwegen war, dass er gar nicht aufgehen konnte – und den er dann doch Wirklichkeit werden ließ. Bei seinen geschäftlichen Verhandlungen taktierte er geschickt und umsegelte gekonnt die zahllosen bürokratischen Hindernisse, bis der Plan schließlich erfolgreich umgesetzt war.

Und jetzt stand er kurz vor dem bisherigen Gipfel seines Erfolgs. Ihm fehlte nur noch eine Ehefrau.

Als Leo Zamos seinen Privatjet verließ, empfing ihn die milde Luft des Melbourner Frühlings. Bevor er in den wartenden Wagen stieg, atmete er ein Mal tief durch und konnte den unmittelbar bevorstehenden Erfolg praktisch schon auf der Zunge schmecken.

Die Culshaw Diamond Corporation war ein seit Generationen familiengeführtes Unternehmen, das die edelsten Diamanten der Welt produzierte und das auf dem Diamantenmarkt absolut führend war. Leo hatte als Erster bemerkt, dass etwas in der Führungsetage der australischen Diamantendynastie ins Wanken geraten war: Auf die Culshaw-Brüder war kein Verlass mehr. Doch den anschließenden Skandal, durch dessen Umstände ein Verbleiben der Brüder im Vorstand unmöglich geworden war, hatte nicht einmal er vorausgesehen.

Sofort hatte es von allen Seiten großes Interesse gegeben, doch durch seinen taktischen Vorsprung hatte Leo dem äußerst zurückgezogenen Eric Culshaw Senior – der über den Skandal entsetzt war und sich einfach leise zurückziehen wollte – bereits Richard Alvarez vorgestellt. Dieser stand an der Spitze der Geschäftsmänner, die das Unternehmen kaufen wollten. Und so würde bald die Culshaw Diamond Corporation zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte den Besitzer wechseln – dank Leo Zamos, der Geschäfte für Milliardäre anbahnte und zum Abschluss führte.

Angesichts der Umstände hätte er die jüngsten Schwierigkeiten vielleicht vorausahnen sollen. Denn Eric Culshaw, der seit fast fünfzig Jahren mit seiner Jugendliebe verheiratet war, wollte ausschließlich mit Menschen aus untadeliger Familie und mit besten moralischen Wertvorstellungen Geschäfte machen. Wohl oder übel musste Leo sich nun auch eine Ehefrau suchen.

Es war schon eine Ironie des Schicksals, denn immerhin vermied er seit Jahren tunlichst den Hafen der Ehe. Keine Frau, mit der er ausging oder das Bett teilte, gab sich der Illusion hin, er sei auf eine dauerhafte Beziehung aus. Dafür sorgte Leo gewissenhaft.

Aber eine Ehefrau für einen Abend, damit müsste er doch eigentlich klarkommen. Und Evelyn würde bis acht Uhr abends sicher eine geeignete Kandidatin für ihn finden. Auch brauchte es vielleicht nicht gleich eine Ehefrau zu sein; eine Verlobte wäre völlig ausreichend.

Mit dem Telefon in der Hand nickte Leo dem Chauffeur zu und stieg in den eleganten Wagen. Er hatte bereits eine Liste der Eigenschaften im Kopf, die seine „Verlobte“ aufweisen müsste: Sie sollte Klasse haben, intelligent und charmant sein. Eine interessante Gesprächspartnerin musste sie nicht unbedingt sein – Hauptsache, sie sah ansprechend aus.

Auf Evelyn war Verlass, das wusste er. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, als er ihre Nummer wählte und irgendwo in der Stadt ihr Telefon klingelte. Vor zwei Jahren hatte Leo auf sein Büro verzichtet und diese Entscheidung niemals bereut. Jetzt hatte er einen Privatjet, eine Garage für seinen Maserati in Italien, Anwälte und eine „virtuelle“ Assistentin, die alle anfallenden Aufgaben für ihn erledigte.

Die Frau war unglaublich effizient – und Leo zutiefst dankbar für die Midlifekrise, die sie vermutlich dazu bewogen hatte, ein echtes Büro gegen ein Home-Office einzutauschen. Er wusste zwar nicht, wie alt sie war – so etwas interessierte ihn grundsätzlich nicht – und die Distanz war gerade das Gute an der Sache: keine Geburtstage oder Lieblingsparfüms, die man sich merken musste, keine zweideutigen Blicke … Aber nach Evelyns vielen Empfehlungen und ihrer umfangreichen Arbeitserfahrung zu urteilen, musste sie mindestens Mitte vierzig sein.

Als sich nur ihr Anrufbeantworter meldete, runzelte Leo verwundert die Stirn. Er war es nicht gewohnt, seine Assistentin nicht zu erreichen. Normalerweise kommunizierte er per E-Mail mit ihr. Meist antwortete sie umgehend, auch wenn es in Australien mitten in der Nacht war. Aber jetzt war er um elf Uhr morgens in derselben Stadt wie Evelyn, und sie wusste, wann er gelandet war.

„Hier ist Leo“, sprach er ungeduldig aufs Band und wartete darauf, dass seine Assistentin nun den Anruf entgegennehmen würde. Als dies nicht geschah, fuhr er fort: „Also, Sie müssen mir für heute Abend eine Frau besorgen …“

„Vielen Dank für Ihren Anruf“, ertönte die automatische Ansage. Leo fluchte.

Eve Carmichael ließ die dritte Wäscheklammer fallen und stöhnte frustriert. Schon den ganzen Tag saß sie wie auf glühenden Kohlen. Eher schon seit einer Woche, dachte sie. Seit sie wusste, dass er nach Melbourne kommen würde.

Eve blickte zur Sonne hinauf und hoffte, deren schwache Strahlen würden ihre Wäsche trocknen, bevor das Melbourner Wetter wieder seine berüchtigte Wechselhaftigkeit unter Beweis stellen würde. Der Schauer, der ihr über den Rücken lief, hatte jedoch nicht mit dem Wetter zu tun, sondern allein mit der Tatsache, dass Leo Zamos in der Stadt war.

Die Erkenntnis, dass ihre Empfindungen irrational waren, half Eve leider nicht weiter. Nein, eigentlich gab es keinen Grund, angespannt zu sein. Schließlich würden sie sich ja nicht begegnen. Er bezahlte sie dafür, dass sie als virtuelle Assistentin Aufgaben für ihn erledigte. Außerdem war in seinem prallvollen Terminkalender für ein Treffen sicher ohnehin kein Platz. Eve wusste das genau, denn sie hatte ihm selbst um sechs Uhr morgens eine Liste seiner Termine gemailt, bevor sie in die Dusche gestiegen war – und festgestellt hatte, dass ausgerechnet jetzt das heiße Wasser ausfallen musste. Wenn das ein Zeichen war, dann sicher kein gutes. Kein Wunder, dass sie schon so lange von dieser nervösen Unruhe erfüllt war.

Eve warf einer Wolke, die sich vor die Sonne zu schieben drohte, einen warnenden Blick zu. Dann drehte sie die alte Wäschespinne in der Hoffnung, so für etwas Wind zu sorgen. Schließlich ging sie zurück zum Haus und widerstand der Versuchung, sich schlafen zu legen, bis Leo Zamos die Stadt wieder verlassen hatte.

Was, um Himmels willen, ist eigentlich mit dir los? fragte sie sich selbst. Ganz einfach, antwortete eine innere Stimme so prompt, dass Eve fast gegen die Tür geprallt wäre. Du hast Angst vor ihm.

Einen Moment lang war sie wie erstarrt. Unsinn, sagte sie dann, schob den beunruhigenden Gedanken beiseite und ging hinein. Leo Zamos war für sie lediglich ein Auftraggeber, der ihr das großzügigste Honorar bezahlte, das sie je bekommen hatte. Er war ihre Möglichkeit, das Häuschen aus dem späten neunzehnten Jahrhundert zu renovieren, das sie liebevoll „die Bruchbude“ nannte.

Eve betrachtete die Wände der Waschküche, von denen die Farbe abblätterte und durch die sich der Efeu seinen Weg bahnte. Vor sechzig Jahren hatte ihr Großvater den kleinen Anbau errichtet. Sie ermahnte sich, dankbar für ihre Arbeit zu sein, anstatt ständig nervös daran zu denken, dass Leo in der Stadt war. Sie beschloss, sich auf das gute Arbeitsverhältnis zu konzentrieren und nicht auf eine alte Erinnerung, deren Bedeutung sie maßlos übertrieb. Schließlich machte sich Leo Zamos ihretwegen bestimmt auch keine Gedanken. Außerdem würde er in achtundvierzig Stunden schon wieder weg sein.

Als sie die Tür öffnete, hörte Eve eine Stimme, die sie sofort erkannt und die ihre Haut prickeln ließ: „… mir für heute Abend eine Frau besorgen.“ Sofort war es um ihre mühsam errungene Selbstbeherrschung wieder geschehen.

Wie angewurzelt blieb Eve stehen und blickte starr das Telefon an, aufgebracht, wütend und ungläubig zugleich. Und dann war da noch ein anderes schmerzliches Gefühl, das sie nicht benennen konnte oder wollte. Sie ignorierte es und konzentrierte sich auf ihre Wut.

Für wen hielt Leo Zamos sich eigentlich? Und wofür hielt er sie? Sie war schließlich keine Zuhälterin.

Eve eilte in der winzigen Küche umher, sammelte Geschirr ein und stellte es klirrend in die Spüle. Über Leo und seine Frauen wusste sie Bescheid, denn sie hatte in den letzten zwei Jahren Schmuck von Tiffany und Parfüm an unzählige Kristinas, Sabrinas und Audrinas geschickt – und jedes Mal mit derselben abschließenden Nachricht: Danke für die nette Gesellschaft. Mach’s gut. Leo

Ganz offensichtlich hielt er es keine einzige Nacht lang aus, ohne dass eine Frau neben ihm lag.

Eve drehte den Heißwasserhahn auf. Es hämmerte und ächzte in den Leitungen. Sie würde wohl den Kessel aufsetzen müssen, um warmes Wasser zu bekommen. Als die Spüle schließlich mit heißer Seifenlauge gefüllt war, streifte Eve sich Gummihandschuhe über und machte sich an den Abwasch.

Zum Glück hatte der Anrufbeantworter Leo das Wort abgeschnitten, denn sonst hätte sie den Hörer abgenommen und ihm gesagt, was sie tatsächlich von seinen Anweisungen hielt. Und damit hätte sie sich selbst um ihre lukrative und noch dazu fast einzige Einnahmequelle gebracht.

Andererseits: Wollte sie wirklich für einen Mann arbeiten, der sich nichts dabei dachte, sich von seiner Assistentin eine Gespielin für eine Nacht suchen zu lassen?

Vielleicht sollte ich ihn einfach anrufen und ihn daran erinnern, was für Aufgaben wir vereinbart haben, dachte Eve. Doch dann würde sie mit ihm reden müssen …

Du meine Güte, dachte sie, entgeistert über sich selbst. Impulsiv trocknete sie sich die Hände ab, ging in den kleinen Wohnbereich und drückte auf den Knopf ihres Anrufbeantworters. Ich kümmere mich täglich um Leos Korrespondenz, dachte sie. Da werde ich ja wohl den Klang seiner Stimme aushalten können.

„Also, Sie müssen mir für heute Abend eine Frau besorgen …“

Diesmal ging ihre Wut in einem Beben unter, das sich von ihrer Brust aus heiß in ihren Bauch und über Arme und Beine ausbreitete. Verdammt. Eve schüttelte die Hände, um das unliebsame Gefühl loszuwerden, und machte sich wieder an ihren Abwasch.

Es hatte sich also nichts geändert: Noch immer hatte seine Stimme dieselbe Wirkung auf sie wie damals, als Eve sie zum ersten Mal gehört hatte: vor drei Jahren in einem Sitzungszimmer mit Glaswänden in Sydneys Geschäftsviertel, hoch oben im 50. Stock. Eve wusste noch genau, wie er aus dem Lift gestiegen war und die Leute sich zu ihm umgedreht hatten, besonders die Frauen.

Leo schien gar nicht wahrzunehmen, welche Wirkung er auf die Menschen in seiner Umgebung hatte. Er verströmte einen frischen herb-würzigen Duft und strahlte ein unerschütterliches Selbstbewusstsein aus. Und ob es nun an seiner eindrucksvollen Persönlichkeit lag, an seinem scharfen Geschäftssinn oder an seiner tiefen, markanten Stimme, mit der er alle Anwesenden seinem Willen unterwarf: Er brachte an diesem Tag einen übereifrigen Kaufinteressenten und einen noch zögernden Verkäufer dazu, sich zu einigen. Am Ende lächelten beide, als hätten sie das bessere Geschäft gemacht.

Eve hatte in einer Ecke am Ende des Zimmers gesessen, während sie für ihren Chef Protokoll führte und immer wieder den Blick über den Mann gleiten ließ, dessen angenehme Stimme sie umschmeichelte. Dabei gingen ihr alle möglichen abwegigen Gedanken durch den Kopf. Gab es eigentlich irgendetwas, das ihm fehlte?

Sanftheit, dachte sie, als sie die fast schwarzen Augen und die markanten Gesichtszüge betrachtete. Sogar sein Mund konnte ebenso gut lächeln, wie grausam blicken.

Als sie kurz darauf von ihrem Notizblock aufblickte, stellte sie fest, dass Leo sie mit zusammengekniffenen Augen ansah. Sie spürte, wie er den Blick über ihr Gesicht an ihrem Hals entlang und dann weiter hinunterwandern ließ.

Den Rest des Termins über war Eve wie benebelt. Doch jedes Mal, wenn sie aufblickte, sah Leo ihr in die Augen. Und während um sie herum diskutiert wurde, konnte sie nur an die sündhaften Vergnügungen denken, die seine dunklen Augen zu verheißen schienen.

Später half sie mit, Kaffee zuzubereiten. Auf dem Weg zurück begegnete sie Leo. Er zog sie zur Seite, indem er nur ganz leicht ihren Ellenbogen berührte. Das genügte, um sie förmlich dahinschmelzen zu lassen.

„Ich will Sie“, sagte Leo leise und ohne Umschweife. „Verbringen Sie die Nacht mit mir.“

Seine Worte berührten Eve tief im Inneren – dort, wo bisher nur schmerzliche, sehnsüchtige Leere geherrscht hatte.

Nie zuvor hatte ihr jemand so intensive Aufmerksamkeit geschenkt, und erst recht kein so absolut perfekter Traummann. Also tat sie das Einzige, das sie tun konnte: Sie sagte Ja. Vielleicht ein wenig zu atemlos, denn Leo stöhnte leise auf und zog sie mit sich in einen Raum voller Aktenschränke. Den Mund schon auf ihrem, eine Hand auf ihrer Brust und die andere auf ihrem Po, schob er sie in die hinterste Ecke.

Eve war völlig überwältigt von diesem Mann und den leidenschaftlichen Empfindungen, die er in ihr auslöste. Sie dachte nicht einmal daran, zu protestieren. Schon hatte Leo ihr eine Hand unter die Bluse geschoben und seinen muskulösen Körper an sie gedrängt. Als in diesem Moment die Tür aufging, hielten beide inne. Jemand nahm einen Ordner aus dem Schrank und ging wieder hinaus.

Leo hatte ihr die Bluse wieder heruntergezogen, ihr das Haar aus dem Gesicht gestrichen und sie nach ihrem Namen gefragt.

„Heute Abend, Eve“, hatte er dann gesagt, seine Krawatte gerade gerückt und sich entfernt.

Als eine Tasse laut gegen die Spüle schlug, empfand Eve das Geräusch, das sie in die Wirklichkeit zurückholte, als sehr tröstlich. Denn das hier war die Wirklichkeit: ein baufälliges Häuschen, das abzureißen und neu zu erbauen ein Vermögen kosten würde. Und das zu renovieren, was sich noch erhalten ließ, wäre vermutlich noch teurer.

Eve wusch zu Ende ab und ließ dann das Wasser aus der Spüle. Sie hatte jetzt Aufgaben und Pflichten. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass ihre größte, wichtigste Pflicht nun jeden Moment aufwachen würde.

Ob ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn sie damals die Nacht mit Leo verbracht hätte, und er nicht vorzeitig zum Abschluss des nächsten Milliardendeals gerufen worden wäre? Wenn sie wirklich das zu Ende geführt hätten, was sie zwischen den Aktenschränken begonnen hatten?

Wäre das Haar des Kindes, das sie bekommen hatte, dann noch dichter, sein olivfarbener Teint noch dunkler?

Nein, dachte Eve, es war besser, dass damals nichts zwischen ihr und Leo passiert war. Denn sonst würde sie jetzt nicht für ihn arbeiten. Außerdem wusste sie nur zu gut, was mit den Frauen passierte, mit denen er ins Bett ging. Auf seine typische knappe Abschiedsfloskel konnte sie gut verzichten.

Plötzlich wurde es im Zimmer dunkel und Eve blickte aus dem Fenster und sah die ersten dicken Tropfen aus den dunkelgrauen Wolken fallen.

„Ich hatte dich doch gewarnt!“, sagte sie wütend zum Himmel und rannte hinaus, ohne Leo Zamos einen weiteren Gedanken zu widmen.

Bis das Telefon erneut klingelte.

2. KAPITEL

Wie angewurzelt blieb Eve stehen. Und obwohl sie den Regen laut aufs Dach trommeln hörte, machte sie keine Anstalten, nach draußen zu gehen und die Wäsche abzunehmen.

Als der Anrufbeantworter ansprang, hörte sie jemanden sagen: „Evelyn, hier ist Leo.“

Eve spürte, wie ihr heiß wurde. Und obwohl er ein wenig verärgert klang, fand sie seine Stimme unglaublich faszinierend. Fast konnte sie spüren, wie diese ihr über die erhitzte Haut strich und ihren Ellenbogen umfasste so, wie er es getan hatte.

„Ich habe Ihnen eine E-Mail geschickt, besser gesagt, eine halbe“, fuhr er fort. „Diese Angelegenheit ist dringend. Also gehen Sie bitte ans Telefon, wenn Sie zu Hause sind.“

Natürlich ist es dringend, dachte Eve gereizt. Einen Abend und eine Nacht ohne eine Frau zu verbringen – das war für Leo sicher undenkbar. Obwohl sie das Ganze nichts anging, verspürte sie ein schmerzliches Stechen, wie von Stacheldraht.

„Verdammt, Evelyn!“, sagte Leo nun so heftig, dass sie Angst hatte, er werde Sam aufwecken. „Es ist Freitag, elf Uhr morgens. Wo stecken Sie?“

Mit einer ruckartigen Bewegung nahm Eve den Hörer ab. „Mir war nicht bewusst, dass ich feste Bürozeiten einzuhalten habe.“

„Da sind Sie ja!“ Leo klang zutiefst erleichtert. „Wo waren Sie denn? Ich habe schon einmal versucht, Sie zu erreichen!“

„Ich weiß“, entgegnete sie kühl. „Aber ich bin der Ansicht, dass Sie selbst in der Lage sind, in den Gelben Seiten nachzusehen.“

Am anderen Ende der Leitung entstand ein Schweigen, dann hörte sie Verkehrslärm und das Dröhnen von Motoren. Offenbar war Leo noch auf dem Weg ins Hotel. „Was soll das denn heißen?“

„Ich übernehme alle Tätigkeiten für Sie, die wir vertraglich vereinbart haben: Korrespondenz erledigen, Termine koordinieren, Texte bearbeiten und von mir aus auch Ihrer letzten Eroberung einen Korb in Form irgendeines sehr teuren, aber bedeutungslosen Klunkers geben. Aber ich habe nicht vor, den Zuhälter für Sie zu spielen.“

Wieder entstand ein Schweigen. „Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte Leo dann.

Natürlich! Nichts war in Ordnung! Eve würde Haushaltsgeräte und Reparaturen bezahlen müssen, mit dem Geld, das eigentlich für die Renovierung ihres Häuschens gedacht war. Außerdem war sie so aufgewühlt, dass sie kaum klar denken konnte. „Sie haben mich damit beauftragt, Ihnen eine Frau für heute Abend zu besorgen.“

Leo fluchte leise. „Und Sie dachten, ich meinte eine Bettgespielin! Als ob ich mir die nicht selbst suchen könnte.“

„Das dachte ich eigentlich auch, wenn man bedenkt …“ Am liebsten hätte Eve sich auf die Zunge gebissen. Sie konnte es sich doch nicht mit dem Kunden verscherzen, der ihr fast ihr gesamtes Einkommen einbrachte und es ihr ermöglichte, auf die ersehnte Zukunft hinzuarbeiten!

„Wenn man was bedenkt?“, fragte er. „Wenn man die unzähligen, sehr teuren, aber bedeutungslosen Klunker bedenkt, die ich schon verschenkt habe? Man könnte ja fast meinen, Sie seien eifersüchtig, Evelyn!“

Nein, bin ich nicht, hätte sie am liebsten entgegnet. Es ist mir egal, mit wem Sie ins Bett gehen. Doch sie musste sich eingestehen, dass sie sich ein wenig betrogen fühlte, weil es damals nicht zur gemeinsamen Nacht gekommen war. Angesichts der äußerst effizienten, kühlen Art und Weise, auf die Leo seine Frauen abservierte, konnte sie sich zwar glücklich schätzen, diesem Schicksal entgangen zu sein. Trotzdem dachte sie immer wieder darüber nach, wie es wohl gewesen wäre, wenn …

Eve atmete tief ein, um sich zu beruhigen. Gleichzeitig verfluchte sie den masochistischen Impuls, der sie bewegt hatte, den Hörer abzunehmen. Sie hätte lieber die Wäsche abnehmen sollen, anstatt die Zusammenarbeit mit ihrem besten Kunden, den sie je gehabt hatte, aufs Spiel zu setzen.

„Es tut mir leid, dann habe ich Sie wohl missverstanden. Was genau soll ich tun?“

„Ich möchte, dass Sie mir eine Frau suchen.“

„Ist das Ihr Ernst?“

Das Telefongespräch verlief völlig anders, als Leo es erwartet hatte. Nicht nur, dass Evelyn sein Anliegen falsch verstanden und keinen Hehl aus ihrer Missbilligung gemacht hatte – noch etwas anderes war merkwürdig am Verhalten seiner empörten Assistentin: Sie verhielt sich ungewöhnlich. Die meisten Assistentinnen, die er kannte, hatten versucht, ihn zu verführen. Und welche Frau mittleren Alters fragte ihren Arbeitgeber, ob er etwas ernst meine?

„Selbstverständlich, sonst würde ich Sie ja wohl kaum damit beauftragen“, erwiderte er kühl. „Und ich brauche sie pünktlich heute Abend für das Essen mit Culshaw. Eine Verlobte genügt übrigens, es muss keine Ehefrau sein.“

Ein Schweigen trat ein, während der Wagen auf die Western Gate Bridge zufuhr. Einen Moment lang war Leo vom Anblick der Gebäude in Melbournes Geschäftszentrum zu seiner Linken abgelenkt. Dann fiel ihm wieder ein, dass er in wenigen Minuten in seinem Hotel in Southbank ankommen würde und Bewegung in die Dinge bringen musste. Die Vorkehrungen für den Abend mussten in die Wege geleitet sein, bevor er sich mit Vertretern einer staatlichen Aufsichtsbehörde zum Mittagessen treffen würde, die den Unternehmensverkauf absegnen mussten.

„Evelyn?“, fragte er.

„Ja, ich bin noch da. Allerdings verstehe ich immer noch nicht so ganz, was ich tun soll.“

Leo seufzte. „Culshaw hat starke Bedenken im Hinblick auf den Unternehmensverkauf. Er will ganz sicher sein, dass er es mit soliden Familienmenschen zu tun hat. Er und Alvarez bringen beide ihre Ehefrau mit. Ich will Culshaw auf keinen Fall unnötig verunsichern, indem ich allein auftauche – jetzt, da wir so kurz vor dem Geschäftsabschluss stehen. Also möchte ich, dass Sie mir eine Frau suchen, die heute Abend meine Verlobte spielen kann.“

„Ich verstehe. Aber ist das wirklich ratsam? Was ist, wenn Culshaw die Sache durchschaut?“

Natürlich hatte sie recht, das Ganze war riskant. Aber allein zu dem Termin zu gehen war es auch. „Wenn Sie die richtige Kandidatin auswählen, sollte das kein Problem sein. Es ist ja auch nur für einen Abend. Übrigens habe ich Ihnen eine Mail zu meinen ungefähren Vorstellungen geschickt.“

„Mr Zamos …“

„Leo.“

„Also gut, Leo. Ihnen eine Frau zu suchen, die Ihre Verlobte spielt, gehört nicht zu meinem Dienstleistungsangebot. Und es ist auch nicht so einfach, wie es klingt.“

„Rufen Sie doch einfach bei einer Schauspielschule an. Ich bin gerne bereit, deutlich mehr als das übliche Honorar zu zahlen. Haben Sie meine Mail schon bekommen?“

„Ich mache sie gerade auf“, erwiderte Evelyn resigniert. Ihre Stimme hatte eine leicht raue Sanftheit, die ihren australischen Akzent ein wenig abmilderte. Leo gefiel das, und er fragte sich unwillkürlich, wie wohl ihr Mund aussah.

„Sie soll Klasse haben, charmant und intelligent sein“, las Evelyn vor.

„Charmant“ war wohl nicht die treffendste Bezeichnung für seine Assistentin, die sich als erstaunlich eigensinnig entpuppt hatte. Aber intelligent war sie ohne Zweifel, und Klasse musste sie auch haben, schließlich hatte sie einige Jahre als Assistentin in einem großen Unternehmen gearbeitet. In so einer Position war ein makellos gepflegtes Aussehen ein absolutes Muss.

„Und da wäre noch etwas anderes.“

„Na, super.“

Also gut, Charme war offenbar wirklich nicht ihre Stärke, aber solange sie ihm die perfekte Vorzeigeverlobte suchte, würde Leo darüber hinwegsehen.

„Sie sollten der Frau das Wichtigste über Culshaw und Alvarez erzählen und sicherstellen, dass sie Konversation betreiben kann. Und natürlich müsste sie auch über mich Bescheid wissen, also …“

In diesem Moment begriff Leo plötzlich, was ihm an Evelyn merkwürdig vorkam: Sowohl ihre Ausdrucksweise als auch ihre Stimme deuteten auf eine deutlich jüngere Frau hin, als er erwartet hatte. Vielleicht war die Suche nach der perfekten Begleitung schon vorbei, bevor sie begonnen hatte …

„Wie alt sind Sie, Evelyn?“

„W…wie bitte?“

„Ich dachte immer, Sie wären eine Frau mittleren Alters, aber Sie hören sich deutlich jünger an.“ Bestimmt war sie keinen Tag älter als fünfunddreißig. Das war geradezu perfekt.

„W…warum ist das wichtig?“ Evelyns Flüstern war über die Verkehrsgeräusche hinweg kaum zu hören.

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