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Verliebt, verlobt, verhei...

Brenda Harlen

Verliebt, verlobt, verhei...

1. KAPITEL

Megan Roarke hasste Shoppen.

Ihre ältere Schwester scherzte oft, dass eine Frau, die Einkaufszentren mied, einen genetischen Schaden haben müsse. Natürlich erwartete Megan nicht, dass Ashley sie verstand. Ashley war „die Hübsche“, die alles tragen konnte, immer gut aussah und stets bewundernde Blicke auf sich zog.

Megan dagegen war immer „die Schlaue“ genannt worden. Mit drei Jahren hatte sie zu lesen angefangen und den größten Teil der nächsten zwanzig Jahre mit der Nase in einem Buch verbracht.

Sie verschlang alles, was sie in die Hände bekam – Märchen, die Biografien der Mächtigen dieser Welt und technische Handbücher. In ihrer Fantasie konnte sie an andere Orte reisen, und das Wissen, das sie sich aneignete, war der Schlüssel zu neuen Welten. Jedenfalls sagte sie sich das. In Wirklichkeit war sie ein scheues, stilles Kind gewesen, das wenig Freunde gehabt hatte und vor den bitteren Realitäten des Lebens zwischen die Buchdeckel geflüchtet war.

Und eben weil sie so viel las, wusste sie schon in jungen Jahren, dass die Etiketten, die man ihr und ihrer Schwester aufgeklebt hatte, ihnen beiden nicht gerecht wurden. Denn Ashley war nicht nur hübsch, sondern auch intelligent. Und Megan besaß zwar einen IQ, der manche Leute einschüchterte, aber ihre Persönlichkeit war wesentlich vielschichtiger.

Sie wusste auch, welche Vorurteile sie als Naturwissenschaftlerin bei ihren Mitmenschen auslöste, versuchte jedoch gar nicht erst, sie zu zerstreuen. Denn sie liebte ihre Arbeit, fühlte sich wohl im Labor und verbrachte ihre Zeit lieber mit chemischen Formeln als mit Leuten.

Es war nicht so, dass sie ihnen misstraute, sie verstand sie nur nicht. Die Eigenschaften der Stoffe, mit denen sie experimentierte, blieben immer gleich, und chemische Reaktionen waren vorhersehbar. Menschen dagegen erschienen ihr wechselhaft und unberechenbar.

Ashley behauptete, dass gerade das die Menschen so interessant machte, und sie musste es schließlich wissen. Megans Schwester war immer gesellig gewesen und oft ausgegangen, bevor sie ihren jetzigen Verlobten kennengelernt hatte. Außerdem unterrichtete sie an einer Grundschule und blühte geradezu auf, wenn um sie herum zwanzig Sechsjährige für Dauerlärm und endloses Chaos sorgten.

Die Verlobung war daran schuld, dass Megan ins Pinehurst Shoppingcenter musste. Offenbar reichte es nicht, dass Trevor Ashley einen Ring auf den Finger gestreift hatte. Nein, die beiden wollten es auch noch feiern.

„Eine kleine Party, nichts Aufwendiges“, hatte Ashley ihr versichert. „Nur ein paar Drinks und Häppchen mit der Familie und den engsten Freunden.“

Megan wusste, dass ihre Schwester unter einer „kleinen Party“ etwas völlig anderes verstand als sie. Selbst Drinks und Häppchen erforderten ein eleganteres Outfit als verwaschene Jeans und ihr Lieblings-T-Shirt – zumal ihre Mutter sich an der Vorbereitung beteiligte.

Als Megan einen freien Parkplatz fand, hatte sich der Himmel verdunkelt, und die ersten Regentropfen fielen bereits, als sie zum Eingang rannte. Im Center war es voller, als sie an einem Freitagnachmittag erwartet hatte, und sie blieb verunsichert stehen. Menschenmengen machten sie immer nervös, weil sie das Gefühl hatte, dass jeder sie anstarrte. Das war nicht nur irrational, sondern albern, denn in Wirklichkeit fiel sie nie jemandem auf. Trotzdem atmete sie tief durch, bevor sie sich ins Gewühl wagte.

Lange hatte sie Menschenansammlungen einfach gemieden, anstatt die Panik zu bekämpfen, die sie in ihr auslösten. Erst seit ein paar Jahren versuchte sie, ihre Ängste zu überwinden, und meistens gelang es ihr auch. Wohl fühlte sie sich in Einkaufszentren noch immer nicht, aber damit konnte sie leben.

Eine Strähne hatte sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst, und Megan strich sie hinters Ohr, während sie auf dem Plan nach Chaundra’s Boutique suchte.

„Ich habe Anne-Marie gebeten, dir ein süßes kleines Kleid zurückzulegen. Ich bin ganz sicher, dass es toll an dir aussieht“, hatte Ashley gesagt.

An Megans formloser Figur sah nichts toll aus, aber sie hatte ihrer Schwester nicht widersprochen. Wenn Ashley sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, blieb sie dabei. Und wenn sie wollte, dass Megan sich ein bestimmtes Kleid kaufte, würde Megan genau das tun. Das war einfacher, als selbst eins auszusuchen.

Kurz darauf stand sie in der Boutique und verließ sie dreizehn Minuten später – drei davon hatte ein Anruf von Ashley eingenommen, die sich davon überzeugen wollte, dass ihre Schwester den Termin nicht vergessen hatte. Außerdem überredete sie Megan dazu, sich von Anne-Marie auch noch passenden Schmuck auswählen zu lassen. Ein kurzes und schmerzloses Einkaufserlebnis, dachte Megan dankbar und machte sich auf den Weg zum Ausgang.

Doch sie änderte ihre Meinung schlagartig, als sie den Regen sah, der vor dem Gebäude aufs Pflaster prasselte. Seufzend legte sie sich die Tüte mit dem Kleid über den Arm und schob die Tür auf. Sie war schon auf dem Parkplatz, als sie feststellte, dass sie die Wagenschlüssel vergessen hatte. Halb durchnässt kehrte sie um.

Die Schlüssel lagen in Chaundra’s Boutique, neben der Kasse, wo sie sie abgelegt hatte, um mit ihrer Schwester zu telefonieren. Zum zweiten Mal bedankte sie sich bei der permanent lächelnden Anne-Marie und verließ den Laden. Sie fragte sich, wie jemand den ganzen Tag lang so fröhlich sein konnte, und war froh, dass sie in einem Labor arbeitete. Dort musste man nur lächeln, wenn einem wirklich danach war.

Und dann bog sie um eine Ecke und lief gegen eine Backsteinwand.

Na gut, es war keine, es fühlte sich bloß so an. In Wirklichkeit war es eine Männerbrust.

Noch während sie den Kopf hob, um sich zu entschuldigen, ärgerte sie sich über ihre Tollpatschigkeit. Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken, als sie sich die klitschnassen Strähnen aus dem Gesicht strich und den Mann vor ihr erkannte.

Gary Richmond.

Der jüngere Sohn des Chefs von Richmond Pharmaceuticals. Der Mann, dessen bloße Anwesenheit ihren Puls rasen und ihre Knie zittern ließ.

Als sie ihm an ihrem ersten Tag im Forschungslabor des Pharmakonzerns begegnet war, hatte er ihr die Hand geschüttelt, und sie wäre fast dahingeschmolzen. Der Mann war eindeutig ein heißer Typ – und Megan sofort hingerissen gewesen. Natürlich würde sie das niemals zugeben. Im Gegenteil, sie versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen, denn er durfte nicht wissen, dass ihr Herz schneller schlug, sobald er in der Nähe war. Und sie wollte sich nicht eingestehen, dass sie oberflächlich genug war, um sich von einem athletischen Körper und einem sexy Lächeln angezogen zu fühlen. Schließlich hatte sie mit dem Typ Mann keine besonders guten Erfahrungen gemacht.

Andererseits war niemand, den sie kannte, mit Gary Richmond zu vergleichen. Er hatte dichtes hellbraunes Haar, das sich kurz oberhalb des Hemdkragens kräuselte, atemberaubende goldbraune Augen mit unglaublich langen Wimpern, ein markantes Kinn und einen Mund, der eine einzige Versuchung darstellte. Und dann war da noch sein Körper – über ein Meter achtzig reine, verlockende Männlichkeit.

„Tut mir leid“, sagte er und reichte ihr die Wagenschlüssel, die ihr bei der Kollision aus der Hand gefallen waren.

„Es war meine Schuld“, brachte sie heraus, schaute rasch zur Seite und hoffte verzweifelt, dass er sie nicht erkannt hatte.

„Nein, es war meine. Ich habe nicht aufgepasst, wohin ich gehe.“ Und dann machte er ihre Hoffnung zunichte. „Megan, nicht wahr?“

Sie nickte, ein wenig überrascht darüber, dass er sich an sie erinnerte. Normalerweise bemerkten Männer wie Gary Richmond eine Frau wie sie gar nicht, obwohl sie seit fast drei Jahren im Unternehmen seines Vaters arbeitete.

„Da draußen regnet es in Strömen, was?“, sagte er.

„Keine Ahnung“, erwiderte sie. „Bevor ich ausgehe, stelle ich mich immer unter die Dusche, weil ich den Wet-Look mag.“

Ashley behauptete immer, dass Megan ihre Ängste und Unsicherheiten mit Sarkasmus tarnte und sich damit eines Tages Ärger einhandeln würde. Daran musste Megan jetzt denken.

Aber Gary lächelte nur. „Er steht Ihnen, aber Sie frösteln.“

„Der Preis, den Frauen bezahlen, um modisch zu sein.“

„Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee, um Sie aufzuwärmen?“

Gary Richmond wollte mit ihr einen Kaffee trinken? Megan konnte es nicht glauben.

„Oder trinken Sie keinen Kaffee?“

„Nein“, sagte sie. „Doch, ich trinke Kaffee. Aber im Moment nicht. Ich meine, ich möchte keinen Kaffee. Ich möchte nach Hause.“

Megan hörte, wie die Worte ihr aus dem Mund sprudelten, schien sie jedoch nicht aufhalten zu können. Wären sie beide in Kalifornien gewesen, könnte sie jetzt hoffen, dass sich gleich der Boden unter ihr auftat und sie verschlang. Aber in Pinehurst, New York, waren Erdbeben äußerst selten. Also musste sie mit der schmerzhaften Erkenntnis weiterleben, dass sie sich gerade vor dem Sohn ihres Chefs komplett blamiert hatte.

Aber Gary schien es gar nicht bemerkt zu haben. „Wie kann ich Sie überreden, noch eine halbe Stunde hierzubleiben?“

„Warum wollen Sie das?“

„Ich muss ein Geburtstagsgeschenk kaufen und wäre für weibliche Beratung sehr dankbar.“

„Ein Geburtstagsgeschenk?“

„Für meine sieben Jahre alte Nichte“, ergänzte er.

„Ich weiß nicht viel über Kinder.“

„Aber wahrscheinlich mehr als ich. Bitte.“

Es war nicht das letzte Wort, sondern das stumme Flehen in den goldbraunen Augen, das sie umstimmte. Garys Ruf ließ vermuten, dass es keine Frau gab, die darauf mit „Nein“ antworten konnte. Und wenn doch, dann müsste diese Frau willensstärker als Megan sein. Denn noch während ihr Verstand nach einer guten Ausrede suchte, nickte sie.

Gary hatte vier Nichten und daher im Laufe der Jahre viele Geschenke gekauft. Die meisten davon waren gut angekommen. Nur bei Lucy schien er kein Glück zu haben.

Das Mädchen war ihm noch immer ein Rätsel. Als die anderen jünger waren, konnte er einfach mit ihnen in ein Geschäft gehen und das neueste Spielzeug aussuchen. Inzwischen war Gracie fast ein Teenager und freute sich über Gutscheine, die sie in angesagten Bekleidungsgeschäften einlösen konnte. Die neun Jahre alten Zwillinge Eryn und Allie hatten zwar außer dem goldenen Haar und den grünen Augen wenig gemeinsam, waren aber beide leicht zufriedenzustellen. Nur Lucy, die bald sieben wurde, verblüffte ihn auch heute noch.

Sie war still – was für die jüngste von vier Schwestern vielleicht gar nicht so ungewöhnlich war – und sehr konzentriert. Was immer sie tat, sie tat es mit vollster Aufmerksamkeit. Ob sie nun ein Buch las, aus LEGO-Steinen etwas baute oder Fußball spielte. Er kannte keinen anderen Menschen, der sich mit einer derartigen Inbrunst einer Aufgabe widmete.

Doch als er Megan Roarke das erste Mal begegnet war, hatte er eigenartigerweise sofort gespürt, dass sie so war, wie seine jüngste Nichte in zwanzig Jahren sein würde. Und das nicht nur, weil beide blond und blauäugig waren. Es lag vor allem an der ruhigen, nicht zur Schau getragenen Intelligenz, die sie ausstrahlten, und der Intensität, mit der sie sich jeder Herausforderung stellten. Deshalb konnte es kein Zufall sein, dass er im Einkaufszentrum nach einem Geschenk für Lucy suchte und dabei ausgerechnet der Forscherin aus dem Labor seines Vaters über den Weg lief.

Er steuerte das Spielzeuggeschäft an, und sie folgte ihm. Er wusste, dass sie der Typ war, der nur sprach, wenn sie etwas zu sagen hatte, und ihr Schweigen störte ihn nicht. Im Gegenteil, es war eine angenehme Abwechslung, keine Belanglosigkeiten von sich geben zu müssen. Trotzdem fragte er sich, warum sie gar nicht erst versuchte, mit ihm zu flirten. Die meisten Frauen taten das nämlich, vor allem, wenn sie wussten, dass er der jüngste – und unverheiratete – Sohn des Chefs war.

Das fragte er sich noch, als er zwischen den hohen Regalen in den hinteren Teil des riesigen Ladens ging. Und dann fragte er sich, warum er sich das fragte. Was machte es denn schon, wenn Megan sich nicht für ihn interessierte? Schließlich war er auch nicht an ihr interessiert. Sie war viel zu ruhig, zu ernst, absolut nicht der Typ, mit dem er gewöhnlich ausging.

Aber im vergangenen Jahr hatte er kaum Dates gehabt, und auch jetzt wollte er keins. Megan Roarke sollte ihm lediglich helfen, ein Geburtstagsgeschenk für seine Nichte auszusuchen.

Ihre Augen wurden groß und guckten erstaunt, als sie in einen Gang einbogen, in dem sich rosa- und pinkfarbene Schachteln in verschiedenen Größen und Formen stapelten.

„Hier fange ich meistens an“, erklärte Gary. „Hauptsache, es ist neu und kommt in einer großen Verpackung daher, dann sind Eryn und Allie glücklich.“

„Warum brauchen Sie dann meine Hilfe?“

„Weil es Lucys Geburtstag ist.“

„Wie viele Nichten haben Sie?“

„Vier“, erwiderte er. „Lucy wird sieben. Die Zwillinge Eryn und Allie sind fast zehn, und Gracie ist zwölf.“

„Ich weiß wirklich nicht viel über Kinder“, wiederholte Megan.

„Aber Sie waren selbst mal ein siebenjähriges Mädchen.“

„Das ist sehr lange her.“

Er bezweifelte, dass es so lange her war. Sie hatte ihren Master-Abschluss in Biochemie an der Columbia-Universität gemacht, kurz bevor sie bei Richmond Pharmaceuticals angefangen war, also konnte sie nicht älter als achtundzwanzig sein.

Aber sie sah deutlich jünger aus. Jünger und hübscher, als er erwartet hatte. Selbst mit der wuchtigen Brille war sie attraktiver, als eine Frau sein sollte, die sich in einem Labor versteckte. Sie trug wenig Make-up. Das konnte sie sich durchaus erlauben, denn ihre Gesichtszüge brauchten nicht künstlich verschönert zu werden, und der Pferdeschwanz, den sie ständig trug, betonte den makellosen Teint.

Aber sie wirkte auch sehr liebenswert und strahlte eine sanfte Unschuld aus, die ihn zugleich neugierig machte und abschreckte. Keine Frage, für einen Mann wie ihn war sie eindeutig zu lieb.

Vielleicht hatte er genau deshalb seit ihrer ersten Begegnung im Labor keinen weiteren Gedanken an Megan Roarke verschwendet. Sie war für ihn nur eine Kollegin gewesen, mehr nicht.

Aber jetzt war sie ihm außerhalb der Firma über den Weg gelaufen. Mehr noch, sie war mit ihm zusammengestoßen und hatte einen trockenen Humor bewiesen. Vielleicht war es auch ihre Einkaufstüte, die sein Interesse geweckt hatte.

Seine Mutter war Stammkundin in Chaundra’s Boutique, und es überraschte ihn, dass scheinbar auch Megan in dem exklusiven Laden einkaufte. Er hatte sie eher für eine Frau gehalten, die sich nicht nur ihre Laborkittel, sondern auch alles andere in einem Fachgeschäft für Berufskleidung besorgte. Jetzt fragte er sich, was sich in der Tüte über ihrem Arm befand.

Aber deswegen war er nicht hier. Er brauchte ein Geschenk für seine Nichte.

„Sehen Sie etwas, das schöne Erinnerungen weckt?“, fragte er.

Sie blieb vor einem dreistöckigen Puppenhaus stehen und legte die Stirn in Falten, als würde sie versuchen, sich an etwas zu erinnern. „Ich habe nicht mit Barbies gespielt. Nur manchmal, mit meiner Schwester. Aber nur, wenn mir keine andere Wahl blieb.“

„Womit haben Sie gespielt?“

„Mein allerschönstes Geschenk war ein Chemiekasten – jedenfalls, bis ich die Küche in die Luft gejagt habe und meine Mutter ihn mir weggenommen hat.“

„Ich wette, die Geschichte haben Sie nicht erzählt, als sie sich bei uns beworben haben.“

Sie lächelte. „Nun ja, eigentlich habe ich nur ein paar Zutaten zusammengerührt, die heftig miteinander reagiert und eine klebrige Flüssigkeit in der Küche versprüht haben.“

„Mentos und Cola?“

„Eine leichte Abwandlung.“ Hinter den Brillengläsern funkelten ihre Augen. „Das hat die Explosion viel spektakulärer gemacht.“

Gary hörte einen Moment nicht mehr zu, weil er völlig erstaunt feststellte, dass ihre Augen gar nicht blau waren, wie er immer angenommen hatte, sondern violett.

Seit fast drei Jahren arbeiteten sie zusammen im Labor, wenn auch in unterschiedlichen Bereichen, aber die einzigartige Farbe war ihm nie aufgefallen. Vermutlich gab es vieles, was er an ihr nicht bemerkt hatte, weil sie nicht der Typ Frau war, der sein Interesse erregte. Ihm dämmerte, dass er da etwas Entscheidendes übersehen hatte.

„Ich bin nicht sicher, ob Chemie Lucys Ding ist“, sagte er. „Außerdem wäre meine Schwägerin von einer Explosion in ihrer Küche ebenso wenig begeistert wie von den Käfern, die ihre jüngste Tochter dauernd ins Haus bringt.“

„Sie interessiert sich für Käfer?“

Er nickte. „Alles, was krabbelt und nach draußen gehört, fasziniert sie.“

„Dann wissen Sie doch, wonach Sie suchen müssen.“

„Ich soll Lucy Käfer schenken?“

„Natürlich nicht.“ Wieder lächelte sie. „Die fängt sie bestimmt lieber selbst.“

Neugierig folgte er ihr auf die andere Seite des Ladens, wo sie ihm Lupen, Sammelbehälter, Bücher und alles andere zeigte, was eine angehende Insektenkundlerin unbedingt brauchte.

Gary fand ihre Begeisterung so ansteckend, dass sich zu seinen Füßen schon bald ein beeindruckender Stapel unterschiedlichster Schachteln stapelte, neben der Tüte aus Chaundra’s Boutique, die Megan auf einer Käferbehausung abgelegt hatte, um die Hände frei zu haben.

„Sehen Sie mal“, sagte sie und drehte sich mit einem weiteren Karton zu ihm um.

„Was ist das?“

„Eine Ameisenfarm. Die Tiere leben in einem speziellen Gel, in dem sie Tunnel graben und von dem sie sich auch ernähren. Das Gel ist durchsichtig, genau wie das Plexiglas, aus dem der Behälter besteht, damit man sie gut beobachten kann. Bei Dunkelheit lassen sich die Tunnel beleuchten, also kann man die Ameisenfarm auch als Nachtlicht verwenden.“

„Das ist … praktisch“, erwiderte Gary. „Wenn auch ein wenig skurril.“

„Ihnen muss es nicht gefallen“, erinnerte Megan ihn. „Hauptsache, Ihre Nichte mag es.“

„Stimmt“, bestätigte er und fragte sich, ob die Mutter seiner Nichte es auch so sehen würde.

Bevor Megan noch etwas hinzufügen konnte, piepte es an ihrem Handgelenk. Sie warf einen Blick auf die Uhr und drückte ihm die Ameisenfarm in die Hände. „Tut mir leid. Ich muss los.“

„Und mir tut leid, dass ich Sie so lange aufgehalten habe“, sagte er, obwohl er vor allem bedauerte, dass sie nicht länger bleiben konnte.

Sie schaute auf den Stapel möglicher Geschenke, dann auf den Karton in seinen Händen. „Ich hoffe, Lucy freut sich über das Geschenk, das Sie ihr aussuchen.“

„Das tut sie bestimmt. Dank Ihnen.“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, bevor sie die Hand hob und so etwas wie ein Winken zustande brachte. „Wir sehen uns am Montag.“

Er nickte und sah ihr nach. Das zu große Shirt und die weite Hose ließen nicht erkennen, was für eine Figur sich darunter verbarg, aber der leichte Schwung ihrer Hüften war eindeutig feminin. Und äußerst reizvoll.

Gary schüttelte den Kopf, als könne er damit den unerwarteten Gedanken verscheuchen. Sie war wirklich nicht sein Typ. Und selbst wenn sie es wäre, im Moment hatte er genug Probleme. Eine Beziehung wäre nur eine weitere Komplikation.

Als Megan außer Sicht war, nahm er sich einen Einkaufswagen und belud ihn. Erst danach entdeckte er die Einkaufstüte, die sie vergessen hatte. Obwohl er sich gerade ermahnt hatte, in ihr nicht mehr als eine Kollegin zu sehen, schlug sein Herz schneller, als er die Tüte auf die Geschenke warf.

Jetzt brauchte er nicht bis Montag zu warten. Er würde die rätselhafte Megan Roarke schon früher wiedersehen.

2. KAPITEL

Megan war nicht erstaunt, als sie den Honda ihrer Schwester Ashley in der Einfahrt des Stadthauses sah, das sie gemeinsam bewohnten. Überraschend war allerdings, dass dahinter Paige Wilders Audi stand.

Paige war ihre Cousine, aber für Megan und Ashley wie eine Schwester, denn sie hatte während der Highschool-Zeit bei ihnen gewohnt und alles mit ihnen zusammen unternommen. Jetzt war Paige eine viel beschäftigte Anwältin für Familienrecht und hatte in den letzten Monaten mehr Einladungen abgelehnt als angenommen. Umso erfreuter war Megan über ihren Besuch.

In der Küche standen zwei Flaschen Rotwein, von denen eine bereits entkorkt war. Auch darauf konnte man sich bei Paige verlassen – wenn sie irgendwo eingeladen war, brachte sie stets etwas mit.

„Wollen wir uns heute Abend einen Schwips antrinken?“, fragte Megan, als sie das Wohnzimmer betrat.

„Deine Mutter kommt auch“, entgegnete Paige.

Das hatte Megan vergessen. Oder verdrängt?

„In dem Fall sind zwei Flaschen vielleicht nicht genug.“ Sie nahm ein volles Glas aus der Hand ihrer Schwester entgegen und setzte sich zu den beiden an den rustikalen Holztisch.

„Ich habe Paige gebeten, früher zu kommen, damit wir die Einzelheiten besprechen können, bevor Mom auftaucht“, erklärte Ashley.

Megan lächelte. „Bevor sie das Kommando übernimmt, meinst du.“

Ihre Schwester nickte.

Lillian Roarke hatte versucht, ihren Töchtern eine gute Mutter zu sein. Und ihrer Nichte eine fürsorgliche Tante, wenn sie mal wieder bei ihr abgegeben wurde. Paiges Vater war Soldat und musste oft fort. Leider hatte Lillian überhaupt keine mütterliche Ader.

Was sie hatte, waren hohe Ansprüche und Erwartungen. Wenn sie ihre Töchter einmal lobte, was selten vorkam, dann schwang darin stets auch Kritik mit. Und in jeder Ermutigung steckte immer auch die Skepsis, ob die Mädchen schaffen würden, was sie sich vorgenommen hatten. Selbst nach fünfundzwanzig Jahren hatte Megan sich noch immer nicht an die negative Grundeinstellung ihrer Mutter gewöhnt.

Wären keine Ärzte und Krankenschwestern bei ihrer Geburt dabei gewesen, hätte Megan sich vielleicht sogar gefragt, ob sie wirklich mit Lillian Roarke verwandt war. Ihre Mutter war nie der Typ gewesen, der Tränen abwischte, Schmerzen wegpustete oder mit unter die Bettdecke schlüpfte, um böse Träume zu verjagen. Aber wenn es eine Feier zu planen gab, mischte sie sich in alles ein.

Lillian waren Äußerlichkeiten sehr wichtig. Deshalb würde sie bei der Verlobung ihrer Tochter auch die strahlende und fürsorgliche Brautmutter in spe spielen, obwohl sie der Ansicht war, dass Ashley mit achtundzwanzig viel zu früh heiratete – und mit Trevor Byden den falschen Mann.

Es kam selten vor, dass Megan mit ihrer Mutter einer Meinung war, aber in diesem Fall machte auch sie sich Sorgen. Sie mochte Trevor und zweifelte nicht daran, dass der Steuerberater ihre Schwester hingebungsvoll liebte. Aber sie war nicht überzeugt, dass Ashley ihn so sehr wollte wie das, was er ihr bot – eine Ehe und die Hoffnung, die Babys zu bekommen, die sie sich so sehnlich wünschte.

„Wo ist das Kleid?“, fragte Paige. „Ich kann es kaum abwarten, dich darin zu sehen.“

„Kleid?“, wiederholte Megan und schloss die Augen. „O nein!“

Ashley stellte eine Platte mit geschnittenem Gemüse auf den Tisch. „Was ist denn?“

Megan nahm einen Schluck Wein. „Ich habe es … vergessen.“

„Vergessen? Wo? Wie?“ Ihre Schwester blieb ruhig. „Ich habe mit dir telefoniert, als du es in der Boutique gekauft hast.“

Megan wusste genau, dass sie das Kleid bei sich gehabt hatte, als sie den Laden verließ.

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