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Wenn der Morgen anbricht: Verliebt, verführt, verheiratet

Jennifer Greene

Wenn der Morgen anbricht: Verliebt, verführt, verheiratet

Aus dem Amerikanischen von Brigitte Bumke

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Abby Stanford hörte einen gedämpften Knall, konnte das Geräusch jedoch nicht einordnen.

Sie fuhr schnell, ganz wie es ihre Art war – selbst auf einer unbekannten, verschneiten, kurvenreichen Bergstraße mitten in der Nacht. Schließlich hatte ihr schwarzer Lexus eine gute Straßenlage, und Abby tat nun einmal fast alles in rasantem Tempo. Doch das sollte sich ändern. Ab morgen würde sie ihre gesamte Persönlichkeit umkrempeln und ein beschauliches Leben voller Muße beginnen. Zunächst jedoch musste sie Tahoe erreichen. Normalerweise brauchte man für die Fahrt von Los Angeles nach South Lake Tahoe acht Stunden, aber sie wollte es in weniger als sieben schaffen.

Es waren noch etwa zwanzig Minuten bis zu ihrem Ziel. Weder ihre Kopfschmerzen noch ein kleiner Schneesturm hatten sie bisher aufgehalten. Verglichen damit erschien ihr ein komischer leiser Knall völlig belanglos.

Dann vernahm sie ein anderes Geräusch, eine Art Holpern. Der Wagen ließ sich plötzlich nicht mehr geradeaus lenken und schien hinten rechts wegzusacken.

Sie hatte noch nie eine Reifenpanne gehabt, doch alle Anzeichen deuteten leider genau darauf hin.

Schnell stellte Abby fest, dass weit und breit kein anderer Wagen in Sicht war. Sie fuhr an den Straßenrand, schaltete die Warnblinkanlage ein und stieg aus.

Sofort wehte ihr Schnee ins Gesicht und ließ ihre Wangen brennen. Mit ihren Pumps sank sie augenblicklich mehrere Zentimeter tief in die Schneedecke ein. In Los Angeles hatte ihr ein Trenchcoat über dem Kostüm als Wetterschutz gereicht. Natürlich hatte sie in Tahoe kältere Temperaturen erwartet. Allerdings nicht, dass sie ihr warmes Auto würde verlassen müssen, außer, um in die Wohnung zu gehen, die sie gemietet hatte.

Wegen des leuchtend weißen Schnees ringsum war es kein Problem, etwas zu sehen. Die Arme fröstelnd um sich geschlungen, ging Abby zum Heck des Wagens und besah sich den platten Reifen von allen Seiten.

Sie fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und schluckte hart. Nein, sie würde nicht in Panik geraten. Das tat sie nie, und in Tränen ausbrechen konnte sie später immer noch. Hilfe herbeizutelefonieren war nicht möglich. In den letzten sieben Jahren hatte Abby ständig ihr Handy bei sich getragen. Doch weil ein solches Telefon zu den Symbolen des stressigen Lebensstils gehörte, den sie ablegen wollte, hatte sie das verflixte Ding abgeschafft – wohl etwas voreilig. Und weit und breit war kein Haus oder ein anderes Fahrzeug in Sicht.

Also würde sie die Situation allein meistern müssen.

Sie öffnete den Kofferraum. Da sie zwei Monate in Tahoe bleiben wollte, war er natürlich bis oben hin vollgepackt. Kurzerhand warf sie ihre drei Designerkoffer in den Schnee. Irgendwo musste im Kofferraum eine Taschenlampe sein. Ein Ersatzreifen. Und ein Wagenheber.

Mehr brauchte sie nicht, um einen Reifen zu wechseln.

Vorausgesetzt, man wusste, wie.

Abby schluckte erneut. Ihr Herz klopfte heftig, und ihre Kopfschmerzen waren noch schlimmer geworden. Das Problem, sagte sie sich, ist nicht, das du eine Heidenangst hast. Das Problem ist deine seelische Verfassung.

Es war der erste Januar – ihr vierunddreißigster Geburtstag –, und vor einer Woche war ihre ganze Welt eingestürzt. Diese Reise hatte sie als “Versagerin”, angetreten, und dieses hässliche Wort peinigte sie unablässig. Wenn eine Frau alles, was ihr etwas bedeutete, verlor, dann war es ihr gutes Recht, ein wenig gereizt zu sein. Oder sogar wütend.

Doch schlechte Laune half ihr nicht weiter. Abby hatte Herausforderungen immer geliebt, war bei Stress richtig aufgeblüht, erwartete Kompetenz von sich selbst. Sie nahm sich zusammen. Es ging doch nur um einen platten Reifen, zum Kuckuck.

Nach kurzer Suche fand sie die Taschenlampe und knipste sie an. Keine Spur von einem Ersatzreifen, doch sie entdeckte eine Art Bodenplatte im Kofferraum. Es kostete sie einige Mühe, das Ding anzuheben, und siehe da, der Ersatzreifen lag genau darunter.

Zierlich, wie Abby mit ihren einsfünfundsechzig war, und ohne rechten Halt in ihren Pumps, war es der reinste Kraftakt, den Reifen aus dem Kofferraum zu wuchten.

Außer Atem begann sie, nach dem Wagenheber zu suchen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie den einsetzen sollte, aber sie dachte, immer ein Problem nach dem anderen. Ihre Hände und Füße waren inzwischen eiskalt. Weil sie jedoch so kurz vor dem Ziel kaum noch Benzin hatte, konnte sie sich nicht einmal im Wagen aufwärmen. Entweder schaffte sie diesen Reifenwechsel, und zwar schnell, oder sie geriet womöglich in echte Schwierigkeiten.

Ihre beiden Schwestern wären außer sich, wenn sie erfrieren würde. Paige war gerade Mutter geworden, Gwen hatte vor Kurzem wieder geheiratet. Ein ausgesprochen schlechter Zeitpunkt, um den beiden Kummer zu machen. Nach endlosen fünf Minuten fand Abby endlich den Wagenheber. Nur, er ließ sich nicht hochnehmen. Er schien irgendwie befestigt zu sein. Daran zu ziehen und zu zerren nützte überhaupt nichts.

Wieder schluckte sie hart.

Leise schimpfend raffte sie ihren Rock und kletterte in den Kofferraum, um den Wagenheber loszubekommen. Sie zog mit aller Kraft. Sie fluchte. Sie keuchte vor Anstrengung. Vergeblich. Das Ding saß bombenfest und bewegte sich keinen Millimeter.

Plötzlich fand sie diese Situation geradezu grotesk. Ihre Schwestern behaupteten, sie habe schon als Baby alles fertiggebracht. Ja, sie war von jeher sehr ehrgeizig gewesen. Sie konnte eine Bilanz auseinandernehmen. Sie konnte über Nacht eine Werbekampagne für zehn Millionen Dollar auf die Beine stellen. Auf dem Weg die Karriereleiter hinauf hatte sie sich mit den besten Männern der Branche gemessen und war immer wieder erfolgreich gewesen. Ganz zu schweigen von ihrem glänzenden Abschluss an der Fachhochschule. Und bis vor Kurzem – bis vor einer Woche, um genau zu sein –, hatte sie ein Gehalt bezogen, das jeden Mann vor Neid hätte erblassen lassen.

Aber irgendwie war sie nie dazu gekommen, etwas so Stinknormales zu lernen, wie einen Reifen zu wechseln. Ihr an einer renommierten Hochschule für Management erworbenes Diplom und ihr Ehrgeiz jedenfalls nützten ihr im Moment rein gar nichts. Welche Ironie! Sie lachte auf. Und verfiel schnell in heiseres Gelächter, während sie aus dem Kofferraum kletterte und sich auf einen ihrer Koffer fallen ließ. Sie musste sich einen Moment von ihrem Lachanfall erholen.

Sie bekam Schnee in die Augen, und er fühlte sich seltsam beißend und salzig an. Tränen konnten das nicht sein.

Abby Stanford weinte nie.

Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Garson Cameron sah den schwarzen Lexus auf der anderen Straßenseite stehen, beachtete ihn jedoch nicht weiter. Da die Warnblinkanlage blinkte, aber niemand zu sehen war, nahm er an, dass der Wagen auf der verschneiten Straße liegen geblieben war. Das war nichts Besonderes. Er war todmüde, schlecht gelaunt und unzufrieden, und daran war zweifellos Narda schuld, von der er gerade kam. Narda war klug, attraktiv, amüsant, und der einzige Grund, warum er nach Hause fuhr, statt jetzt mit ihr im Bett zu liegen, war schlicht und einfach, dass er ein Idiot war.

Ehrlichkeit hatte für Gar schon immer an oberster Stelle gestanden. Narda und er waren sich einig darüber, dass ihre Beziehung nicht über eine Freundschaft hinausgehen würde. Doch Narda hätte nichts gegen ein kleines sexuelles Abenteuer gehabt. Sie war eine verdammt hübsche Frau, und er war regelrecht ausgehungert nach Sex. Wusste der Himmel, warum er sie abgewiesen hatte.

Mit sechsunddreißig schien er langsam ein wunderlicher Kauz zu werden. Vielleicht liebte er sie nicht. Vielleicht hatte er kein Interesse mehr daran, mit einer Frau zu schlafen, wenn es dabei nicht um eine ernsthafte Bindung ging.

Prinzipien hin, Prinzipien her, dachte Gar finster, du bist bescheuert. Wenn er geblieben wäre, hätten er und Narda inzwischen …

Als er mit seinem Cherokee an dem schwarzen Lexus vorbeifuhr, sah er plötzlich etwas Farbiges und eine Bewegung. Zum Henker, wenn da nicht eine Frau hinter dem Wagen war. Eine Blondine. Die mitten im Schnee auf einem Stapel Koffer saß und sich anscheinend die Augen aus dem Kopf weinte.

Seine erotischen Fantasien mit Narda verflogen augenblicklich. Er fuhr langsamer und spähte angestrengt in den Rückspiegel. Zu so später Stunde würde es die Fremde wahrscheinlich mehr erschrecken als freuen, wenn ein Unbekannter seine Hilfe anbot. In zehn Minuten konnte er von zu Hause aus die Polizei verständigen. Er brauchte also nicht den edlen Ritter zu spielen.

Aber verdammt, sie schien wirklich zu weinen.

Vielleicht, weil er in dieser Nacht ohnehin Anwärter auf einen Doktortitel in Idiotie war, trat Gar auf die Bremse. Fluchend wendete er und hielt gleich darauf hinter ihrem Wagen. Er ließ sein Fenster herunter.

In der Tat, sie weinte. Herzzerreißend schluchzte sie vor sich hin. Kein guter Befund, aber wenigstens musste er nicht befürchten, dass sie körperlich verletzt war. Um derart laut zu weinen, benötigte man viel Energie.

“Miss? Brauchen Sie Hilfe?”

Sie fuhr herum. Trotz der Schneewolken am Nachthimmel war es hell genug, um einen ersten Eindruck von der Fremden zu bekommen. Sie war jung. Ende zwanzig? Ihr vom Schnee feuchtes, schulterlanges Haar schimmerte wie Gold. Er konnte nicht erkennen, ob sie hübsch war, aber zweifellos war sie nicht ganz bei Trost.

Sie trug einen schicken Trenchcoat, aber weder Hut noch Mütze und hochhackige Pumps statt Stiefel. Bei einer Temperatur um den Gefrierpunkt und Schneewehen von über einem Meter am Straßenrand war sie angezogen wie zu einer Vorstandssitzung. Gar seufzte. Nein, ausgeschlossen, eine derart dumme Frau konnte man einfach nicht sich selbst überlassen.

Er ließ den Motor laufen und stieg aus. “Also, was ist los? Motorschaden, oder sind Sie im Schnee stecken geblieben oder …?” Sein Blick fiel auf den platten Reifen und den Ersatzreifen daneben. Doch nach einem weiteren Blick auf die Fremde stand für ihn fest, was als Erstes zu tun war. “Sie müssen sich schnellstens aufwärmen und etwas Trockenes anziehen. Hören Sie auf zu weinen, okay? Sie brauchen keine Angst zu haben, alles wird gut …”

“Ich weine doch gar nicht.” Sie sprang auf. “Ich habe nur eine kleine Verschnaufpause gemacht, weil ich solche Schwierigkeiten hatte, den Wagenheber zu lösen, und ich …”

“Aha.” Gar überging ihre Notlüge. “Kommen Sie, ich bringe Sie zu meinem Cherokee. Die Heizung läuft, und ich habe ein paar Decken im Wagen. Da wird Ihnen im Handumdrehen wieder warm …”

“Ich muss den Reifen wechseln.”

“Das erledige ich.”

“Ich kann das. Ich wusste nur nicht, wie man den Wagenheber löst …”

“Warten Sie.” Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihr erneut ins Wort zu fallen. Ihre Tränen waren zwar versiegt, doch sie fror offenbar so sehr, dass ihre Zähne klapperten. “Wir werden Folgendes tun”, erklärte er streng. “Sie setzen sich in meinen Cherokee und wärmen sich auf … jetzt gleich. Falls Sie warme Kleidung in Ihren Koffern haben, bringe ich sie Ihnen, und Sie können sich im Wagen umziehen.”

“Ja, natürlich habe ich Wintersachen dabei, aber …”

“Sie können später mit mir streiten, okay? Solange Sie wollen. Ich verstehe ja, dass Sie sich nicht danach drängen, zu einem Unbekannten in den Wagen zu steigen. Aber sehen Sie dort das Logo an meiner Wagentür? ‘Cameron Crest Ski Lodge’. Ich bin Gar Cameron, der Inhaber dieses Skihotels. Ich kann Ihnen auch meinen Führerschein zeigen, aber meinen Sie nicht, dass ich, wenn ich ein Serienmörder wäre, der etwas auf sich hält, in einer solchen Nacht gemütlich mit einem Buch zu Hause im Bett läge? Versuchen Sie einfach, mir zu vertrauen, okay?”

Inzwischen war er näher getreten. Sie bot wirklich ein Bild des Jammers. Sie war zierlich und schien nicht ein Gramm Gewicht zu viel zu haben. Das Haar klebte ihr am Kopf, und bis auf ihre vor Kälte blauroten Wangen war ihre Haut schneeweiß. Trotzdem waren ihre großen braunen Augen derart faszinierend, dass es Gar den Atem nahm. Sie fror so sehr, dass sie sich in ihren albernen hochhackigen Pumps kaum auf den Beinen halten konnte.

Da sie sich keinesfalls zu seinem Wagen tragen lassen wollte, rutschte und stolperte sie mehr dorthin, als dass sie ging, doch sie schaffte es.

Gar stellte die Heizung höher. “Ziehen Sie diese verdammten nassen Schuhe aus – und auch die Strümpfe.”

Dann eilte er nach hinten, um ein paar Überlebensdecken aus Silberfolie aus seinem Notfallkoffer zu holen. Er hatte auch eine kleine Flasche Brandy in der Hand, als er zurückkehrte – mit gesenktem Blick.

“Ziehen Sie erst einmal alles aus, was nass ist. Danach wickeln Sie sich in die Decken. Und dann trinken Sie ein paar Schluck Brandy – aber wirklich nur ein paar. Alkohol ist eigentlich nicht gut bei Schock, aber Sie brauchen jetzt Kohlehydrate, und etwas Besseres habe ich leider nicht.”

Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er wieder weg, um diesmal ihre Koffer zu holen. Alle drei schienen voller Backsteine zu sein. Er wuchtete sie auf den Rücksitz. “So, und nun sagen Sie mir, in welchem Koffer die warmen Sachen sind.”

“In dem großen.”

Als er den Koffer endlich geöffnet hatte, schlug ihm Parfümduft entgegen. Feminin. Erlesen. Der Duft inspirierte seine männliche Fantasie augenblicklich, eine Reaktion, die Gar etwa so willkommen war wie ein Biss von einem Hund.

Selbst im Halbdunkel sah er im Koffer seidige Dessous schimmern. Wollsocken konnte er nicht entdecken.

“Das brauchen Sie nicht. Ich kann …”

“Hören Sie, mir ist klar, dass ich Ihnen sehr aufdringlich vorkommen muss, aber ich versuche nur, so schnell wie möglich ein paar warme Sachen für Sie zu finden.”

Das war leichter gesagt als getan. Er mochte die Innenbeleuchtung nicht einschalten, während sie sich auszog. Er fand die Situation äußerst intim. Besonders, weil er beim Suchen in ihrem Koffer immer wieder mit zarter Spitze und Seide in Berührung kam. Verflixt, er hätte mit Narda schlafen sollen. Dann hätte er seine Fantasie ausleben können und brauchte sich um nichts weiter Gedanken zu machen.

Endlich stieß er auf etwas Wolliges. Er warf es auf den Vordersitz.

“Danke.”

Socken folgten.

“Nochmals danke.”

Ganz unten im Koffer fand er sogar Stiefel, und kurz darauf hatte er auch eine Daunenjacke aus ihrem Lexus geholt. “Okay. Wird Ihnen schon wärmer?”

“Ja. Danke. Ich …” Endlich klang ihre Stimme wieder normal. Sie hatte eine angenehm weiche Altstimme. “Tut mir leid, Mr. Cameron. Ich hätte mich längst bei Ihnen bedanken sollen, dass Sie angehalten haben …”

“Nennen Sie mich einfach Gar. Sie waren nass und durchgefroren und außer sich. Also, machen Sie sich keine Gedanken.”

“Ich bin Ihnen dankbar. Im Ernst – vielen Dank.”

“Im Ernst – keine Ursache.” Gar überlegte einen Moment, ob er sie allein lassen konnte. Aber sie schien wieder in Ordnung zu sein. Vielmehr, ihr Duft, ihre Dessous und die Vorstellung, dass sie sich auf dem Vordersitz umzog … Ja, er musste unbedingt heraus aus dem Cherokee. “Hören Sie, Sie bleiben schön hier drinnen im geheizten Wagen”, ordnete er an. “Ich kümmere mich jetzt um Ihren Reifen.”

Erleichtert atmete er die frostige Nachtluft ein. Verdammt, er hatte keine Ahnung, warum sein Blut so in Wallung geraten war. Ja, sein enthaltsames Singleleben hatte ihm zu schaffen gemacht, aber er war kein Teenager mehr, der schon von dünner Luft angeturnt wurde. Er hatte noch nicht einmal ihr Gesicht richtig zu sehen bekommen. Das Ganze war eine Rettungsaktion, keine Party. Seine erotische Reaktion auf sie war geradezu peinlich und – wenn man bedachte, wie viele Frauen er im Laufe seiner sechsunddreißig Jahre getroffen hatte – höchst verwirrend.

Gar setzte den Wagenheber an. Doch noch ehe er die erste Radmutter gelöst hatte, ging die Tür des Cherokees auf.

Er sah nicht hoch. “Sie sollten nicht herauskommen, sonst holen Sie sich noch den Tod. Der Reifenwechsel dauert nur ein paar Minuten. Bleiben Sie im Wagen.”

“Eigentlich wollte ich das auch. Aber ich wäre gar nicht erst in diese Situation geraten, wenn ich gewusst hätte, wie man einen Reifen wechselt.”

“Hören Sie, Miss … Ma’am …” Plötzlich merkte Gar, dass er nicht einmal ihren Namen kannte. Doch als er sich ihr zuwandte, vergaß er, was er hatte sagen wollen.

Auch wenn ihr Make-up verwischt und ihr Haar noch immer feucht war, ihr Anblick würde jeden Mann innehalten lassen. Ihre hohen Wangen waren von der Kälte gerötet. Die kleine klassische Nase, die schön geschwungenen Brauen, ein verführerisch weicher Mund, und diese betörenden dunkelbraunen Augen … Abrupt begriff Gar, warum er so heftig auf sie reagiert hatte.

Es war völlig egal, dass sie bildschön war. Er war lediglich dabei, ihren Reifen zu wechseln. Aber er hätte schon blind sein müssen, um ihre Schönheit nicht zu bemerken.

Sie stellte sich vor. “Abby Stanford. Könnte ich Ihnen beim Reifenwechsel nicht zusehen, damit ich weiß, wie das geht?”

Dagegen war eigentlich nichts einzuwenden, doch ihre Behauptung, nur “zusehen” zu wollen, erwies sich schnell als ebenso geschwindelt wie vorhin die, dass sie nicht weinte.

Weil sie alles ganz genau wissen und bei jedem Handgriff mit anfassen wollte, dauerte die Aktion keine fünf, sondern fünfzehn Minuten. Sie war wissbegierig wie ein Kind. Durchgefroren und mit einer siebenstündigen Autofahrt von Los Angeles hinter sich, hätte sie total erschöpft sein müssen. Doch die Lady gab einfach nicht auf.

Schließlich war der Reifen gewechselt und ihr Gepäck wieder in ihrem Wagen verstaut. “Sehr weit sollten Sie mit diesem Ersatzreifen nicht fahren. Ich weiß ja nicht, wohin Sie wollen …”

“Zur Silver Valley Road – die liegt auf einer der kleinen Inseln von South Lake Tahoe. Ich habe dort eine Wohnung gemietet.”

“Ja, ich kenne die Straße. Sie ist nur etwa eine Viertelstunde von hier entfernt. Ihr Ersatzreifen schafft das sicher, aber da es für mich kein großer Umweg ist, würde ich Sie gern dorthin begleiten. Ich kann Ihnen auch eine Werkstatt nennen, in der Sie morgen einen neuen Reifen bekommen.”

“Danke, das ist nett, aber zu begleiten brauchen Sie mich nicht …”

Doch. Hauptsächlich um seiner selbst willen. Er hatte morgen einen harten Arbeitstag vor sich und brauchte seinen Schlaf. Und er würde nicht schlafen – nicht gut –, wenn er sich um sie sorgen würde.

Wenig später hielten sie vor einer exklusiven Wohnanlage. Aber nirgends brannte Licht, und es war absolut still ringsum.

Gar ließ den Motor seines Cherokees laufen und wollte Abby helfen, ihr Gepäck ins Haus zu tragen. Wie erwartet protestierte sie. “Sie haben schon so viel für mich getan, und das schaffe ich allein …”

“Ich möchte mich nur vergewissern, dass in Ihrer Wohnung alles in Ordnung ist. Wissen Sie denn, ob die Heizung läuft und der Strom angestellt ist? Ob das Telefon funktioniert?”

Plötzlich lächelte sie. Zum ersten Mal. Aber selbst dieses kleine angedeutete Lächeln ging ihm durch und durch.

“Liebe Güte, ich muss ja wirklich den Eindruck auf Sie gemacht haben, eine komplette Niete zu sein. Zugegeben, diese Reifenpanne hat mich geschafft, aber Sie können mir glauben, eigentlich bin ich ganz schön hart im Nehmen. Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Hilfe, aber Sie brauchen sich bestimmt keine Sorgen um mich zu machen. Nochmals vielen Dank, okay?”

Als Gar gleich darauf auf dem Nachhauseweg war, verdrängte er die Lady aus seinen Gedanken. Er hatte ihr geholfen, seine gute Tat des Tages geleistet. Er brauchte sich nicht weiter für sie verantwortlich zu fühlen.

Dennoch wollte ihm nicht aus dem Kopf, dass sie sich für robust hielt. Die Frau, die er am Straßenrand in Tränen aufgelöst gesehen hatte, war alles andere als hart … und ihr kleines Lächeln hatte ausgesprochen sensibel gewirkt. Dieses Persönchen mit den weit aufgerissenen Augen wollte hart im Nehmen sein? Diese Behauptung wäre geradezu amüsant gewesen, wenn sie nicht so … rätselhaft gewesen wäre.

Wie gut, dachte Gar, dass mich weder Abbys Geheimnisse noch ihre Lebensumstände etwas angehen. Sicher, Abby war eine interessante Frau. Aber im weisen Alter von sechsunddreißig erfasste er schnell, wenn eine Frau nur Ärger bedeuten würde.

Er bezweifelte sehr, dass er sie wiedersehen würde.

2. KAPITEL

Abby sah dem Cherokee nach, als er ihre Auffahrt verließ und im Dunkel der Winternacht verschwand. In der Geschäftswelt waren ihr nicht viele edle Ritter begegnet – kein einziger, ehrlich gesagt – doch Gar Cameron hatte unbedingt das Zeug dazu. Zerzaustes, dichtes schwarzes Haar. Strahlend blaue Augen. Die Statur eines Footballspielers. Eine tiefe, sanfte Stimme, bestens geeignet, um eine Frau zu beruhigen oder sie zu erregen – beides verlockende Vorstellungen.

Ja, er war hinreißend. Und erfolgreich noch dazu. Das hätte sie allein anhand seines Auftretens erraten, ohne das Logo an seinem Wagen gesehen zu haben. In seiner Welt stand Gar ganz oben.

Grund genug, den Mann aus ihren Gedanken zu verbannen.

Sie machte Licht. Diese Wohnung würde in den nächsten zwei Monaten ihr Zuhause sein. Normalerweise hätte es ihr großen Spaß gemacht, ihre neue Umgebung zu erkunden. Doch das war, bevor sie gefeuert worden war. Bevor das Wort “Versagerin” zu einem bedrohlichen, listigen kleinen Drachen geworden war, der sie immer dann überfiel, wenn sie allein war.

Wie gut, dass sie ein schnurloses Telefon entdeckte. Sie wählte die Nummer ihrer jüngsten Schwester in Vermont. Dort war es zwar erst fünf Uhr morgens, doch Paige war wegen des Babys meistens schon früh auf. Zudem würde Paige sich sorgen, wenn sie sich nicht gleich meldete. Denn ihre beiden Schwestern wussten, dass sie die ganze Strecke von Los Angeles nach Tahoe allein gefahren war.

Nach zweimaligem Klingeln wurde abgehoben. “Ich bin gut angekommen”, meldete sich Abby mit ihrer fröhlichsten Stimme. “Die schwarz-weiße Kamee, die du mir zum Geburtstag geschickt hast, ist unglaublich schön – du hast wirklich Talent, Schwesterherz. Und falls ich dich eben geweckt haben sollte, tut es mir schrecklich leid.”

Paige lachte auf. “Freut mich, dass dir die Kamee gefällt, und natürlich hast du mich nicht geweckt. Deine neue Nichte frühstückt gern bei Tagesanbruch. Ich stille Laurel gerade. Du hast die lange Fahrt also gut überstanden?”

“Bestens. Ich habe nur etwas länger gebraucht, weil ich von ein bisschen Schnee aufgehalten worden bin.”

“Wie ist denn die Wohnung?”

“Etwa so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Ich mache gerade einen Rundgang. Sie gehört einem Piloten, der sie während der Skisaison vermietet …” Den Hörer ans Ohr geklemmt, beschrieb Abby Paige, wie die Wohnung ausgestattet war.

“… und auch in der Küche steht ein Fernseher. Sehr schöne Einrichtung, riesiger Gefrierschrank, in dem glatt eine ganze Kuh Platz hätte, schwarzer Glastisch. Mein Vermieter scheint gern Partys zu feiern, denn er hat mehr Weingläser als Geschirr …”

“Gibt es ein Obergeschoss?”

“Ja.” Abby hatte inzwischen zwei Koffer die Treppe hinaufgetragen. Nachdem sie Licht gemacht hatte, berichtete sie Paige weiter. “Ein Wahnsinnsbad mit viereckigem Whirlpool in Lapislazuliblau, Telefon, Stereoanlage … Das nächste Mal rufe ich dich bestimmt aus diesem Bad an. Wenn ich erst mal in diesem Pool sitze, will ich womöglich nie wieder heraus, lasse mir einfach ein chinesisches Menü anliefern und …”

“Ja, ja, was sonst noch?”

“Zwei Zimmer. Das eine ist abgeschlossen – hier verwahrt der Pilot offenbar seine persönlichen Dinge, wenn er vermietet. Das andere … wow!”

“Was ist?”

Abby hätte beinah das Telefon fallen lassen, als sie im zweiten Zimmer Licht machte. “Das große Schlafzimmer ist die reinste Verführerhöhle. Polsterbett, eine Wand verspiegelt, königsblauer Teppichboden, blaue Satinbettwäsche, Bettüberwurf aus Fellimitat. Umwerfend. Wirklich luxuriös. Es dürfte schwierig werden, hier zu schlafen und von Bambi zu träumen.

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