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Verliebt, skandalös & sexy

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

So werden Sie Ihre Herzensdame gewinnen!“, hatte es im Prospekt geheißen. „Kommen Sie zu CHARME, und Ihr ganzes Leben wird sich verändern.“

Kane McDermott spähte durch einen winzigen Spalt zwischen den zugezogenen Vorhängen ins Innere des Hauses. Er konnte wenig sehen, lediglich einen Hinterkopf mit kinnlangem blondem Haar und einen schlanken, wohlgeformten Körper, der den Vergleich mit einem Playboy-Model nicht zu scheuen brauchte. Obwohl es ein kalter Frühlingstag war, wurde ihm plötzlich heiß.

Es könnte zwar Spaß machen, die Frau zum Essen auszuführen und mit ihr zu flirten, aber dennoch war er mit seinem jetzigen Auftrag sehr unzufrieden. Sicher, er hatte einen schwierigen Fall hinter sich, und sein Vorgesetzter war der Meinung gewesen, er brauche mal eine Pause. Reid hatte zwar das Wort „ausgebrannt“ nicht benutzt, aber Kane hatte sehr gut herausgehört, was er eigentlich meinte. Das war alles Unsinn. Es stimmte zwar, dass die letzte Drogenfahndung danebengegangen war, aber das bedeutete nicht, dass er unbedingt eine Pause brauchte. Er hatte eine harte Kindheit in Boston verlebt und wusste sehr genau, wann er nicht mehr belastbar war. Und diese Grenze war noch lange nicht erreicht.

Er konnte sich noch so sehr wünschen, dass das unschuldige Kind bei dem Schusswechsel nicht getroffen worden wäre, aber es war nun einmal passiert. Nicht von Kanes Kugel – der Junge war von seinem eigenen Bruder erschossen worden. Kane wusste, dass er nicht die Verantwortung dafür trug, aber er fühlte sich dennoch schuldig. Keiner hatte vorhersehen können, dass der kleine Bruder des Dealers ihnen plötzlich in die Quere kommen würde, aber die Schreie der Mutter würde Kane sein Leben lang nicht vergessen. Er lehnte es ab, Urlaub zu nehmen, denn das würde die Erinnerungen nicht auslöschen, und so hatte der Captain ihm diesen ungefährlichen Undercover-Auftrag gegeben.

Jeder Anfänger konnte herausfinden, ob es sich bei CHARME um eine Art Benimmschule für Männer handelte oder ob sich dahinter ein Callgirl-Ring verbarg. Für Kane war jeder, der Tipps für den Umgang mit Frauen brauchte, genauso wenig ernst zu nehmen wie dieser ganze windige Auftrag. Wie blöd musste man sein, wenn man einen Kursus brauchte, um zu wissen, wie man bei Frauen ankam? Und dann noch bei einer, die so aussah wie diese.

Was für eine Verschwendung! Aber wahrscheinlich war diese Art des Unterrichts besser als die anderen Dienste, die sie möglicherweise ihren zahlenden Kunden leistete. Da sie für ihre Tante und ihren Onkel gearbeitet hatte, die inzwischen verstorben waren, wusste sie sicher, was hier gespielt wurde.

Aber egal, was auch immer sie tat, er hatte keine Lust zu diesem albernen Job. Normalerweise arbeitete er undercover mit Drogendealern, und jetzt mutete man ihm zu, sich bei der Inhaberin von CHARME anzubiedern. Nach wie vor hatte er seine Zweifel, dass er die Rolle des Hilfe suchenden Tölpels glaubhaft spielen konnte, und hatte sich deshalb noch einen anderen Plan zurechtgelegt. Aber genau würde er das natürlich erst wissen, wenn er es ausprobiert hatte.

Er legte die Hand auf den Türknopf. War sie nun ein Callgirl oder nicht? Das musste er als Erstes herausfinden.

Kayla Luck warf einen wütenden Blick auf die alte Heizung, der mit normalem Menschenverstand nicht beizukommen war. Ihre Putzfrau hatte gestern die Heizung angemacht, und als Kayla nach Hause kam, war es heiß gewesen wie in einer Sauna. Kayla hatte dann zwar mit Mühe an dem verrosteten Schalter gedreht, um sie wieder abzustellen, aber die Heizung lief weiter, und die Temperatur stieg unablässig. Unter diesen Bedingungen musste sie heute den Unterricht ausfallen lassen, und sie hoffte, dass alle Kursteilnehmer die Nachricht erhalten hatten.

Ihr war heiß, und sie zog sich schnell die Jacke ihres Hosenanzugs aus. Darunter trug sie ein Seidentop, aber selbst darin war ihr heiß. Das alte zweistöckige Haus, das sie zusammen mit dem Geschäft geerbt hatte, hatte schon seine Tücken. Während ihre Schwester Catherine sich mit ihrem Erbteil einen Traum erfüllen und eine Ausbildung zur Gourmetköchin machen konnte, hatte Kayla vorerst darauf verzichtet, ihre Träume wahrzumachen, und das Geschäft übernommen, damit sie Geld verdienen konnte. Das altmodische Sandsteinhaus war sehr gemütlich, aber es hatte viel zu viele Zimmer. Früher hatte ihre Tante eine Art Tanzschule gehabt, hatte also Tanzstunden gegeben und auch Unterricht darin, wie man sich bei Verabredungen mit Freundinnen verhielt. Zu der Zeit mochte das vielleicht ja noch seinen Sinn gehabt haben, aber heutzutage war kaum einer mehr daran interessiert. Kayla hatte gehofft, Tante und Onkel zu einigen Modernisierungen zu bewegen, aber bis zu deren Tod im letzten Jahr war ihr das nicht gelungen.

Kayla versuchte, sich auf die neuen Erfordernisse einzustellen. Heutzutage mussten Männer nicht mehr darin unterwiesen werden, wie sie sich Frauen gegenüber benehmen sollten. Aber viele Geschäftsleute waren unsicher in Fragen des guten Benehmens, vor allen Dingen, wenn sie mit ausländischen Geschäftsfreunden umgehen mussten. Da Kayla sprachlich sehr begabt war, hatte sie das Unternehmen tatsächlich modernisieren können. Amerikanische Geschäftsleute und Touristen waren nicht länger den fremdländischen Speisekarten hilflos ausgeliefert, und dank der gezielten Werbung erhielt Kayla inzwischen auch Anfragen von größeren Unternehmen in der City, die Niederlassungen im Ausland hatten.

Ihr eigenes Leben hatte sich auch sehr verändert. Obwohl keineswegs reich, war sie in einem der besseren Viertel Bostons aufgewachsen. Während ihre Schulkameraden immer nach der neuesten Mode gekleidet waren, mussten sie und ihre Schwester ihre Sachen tragen, bis sie ihnen buchstäblich vom Leib fielen. Als Heranwachsende hatte Kayla sich sehr unwohl gefühlt, denn da sie körperlich für ihr Alter ziemlich weit entwickelt war, war sie immer dem Spott der Klassenkameraden ausgesetzt. Die Mädchen machten sich über sie lustig, und die Jungen meinten, dass sie mit Absicht so enge Sachen anzöge. Und so vergrub sie sich in ihre Bücher und hatte nur einen einzigen Menschen, dem sie vertraute – ihre Schwester.

Sie fröstelte trotz der Hitze, wenn sie an diese Zeit dachte. Aber das alles war jetzt vorbei, und CHARME hatte überlebt. Es war ein richtiges Dienstleistungsunternehmen geworden, das eine sinnvolle Aufgabe zu erfüllen hatte. Sie hatte zwar mal mit dem Gedanken gespielt, Dolmetscherin zu werden, wollte aber die Interessen der Familie nicht zu kurz kommen lassen. CHARME war ein Familienunternehmen, und alles, was die Familie betraf, war Kayla und Catherine heilig.

Sie griff nach ihrem Notizblock. Der Heizungsmonteur hatte noch nicht zurückgerufen; sie würde es also alle halbe Stunde wieder versuchen und machte sich eine entsprechende Notiz.

Im nächsten Jahr würde sie einen ordentlichen Gewinn machen, und dann brauchte sie auch den Tanzsaal mit den großen Spiegeln an den Wänden nicht mehr an Aerobicgruppen zu vermieten. Eine wunderbare Vorstellung. Ihre freie Zeit jetzt sollte sie nutzen, die Buchhaltungsunterlagen von Tante und Onkel durchzusehen. Aber erst musste sie mal frische Luft in das Haus lassen. Sie ging nach vorne, um die Türen und Fenster zu öffnen. Da ging die Türglocke; offensichtlich hatte einer der Kursteilnehmer die Nachricht nicht erhalten.

Sie trat in den Flur und blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihr stand ein großer schlanker Mann in einem konservativen Anzug und sah sie mit seinen dunklen Augen durchdringend an. Kayla war froh, dass sie heute nichts zum Mittag gegessen hatte, denn ihr wurde plötzlich ganz flau im Magen. Ihr Atem ging schneller, und sie spürte, wie eine brennende Hitze in ihr aufstieg, die nichts mit der kaputten Heizung zu tun hatte.

Er sah genauso aus wie die Manager, die sie so gern für ihre Kurse gewinnen wollte. Außerdem war er so attraktiv, dass es ihr beinahe die Sprache verschlug.

„Kann ich etwas für Sie tun?“

Er nickte und lächelte linkisch. „Miss Luck?“ Er hob die Hand, überlegte es sich wieder, streckte ihr sie dann aber doch mit so viel Schwung entgegen, dass er fast ihren Brustkorb traf.

Sie legte den Kopf schief. Was für ein merkwürdiges Benehmen, schoss es ihr durch den Kopf. „Ja. Kann ich Ihnen helfen?“

„Bin ich hier richtig bei CHARME?“ Seine Stimme war tief und sexy, was so gar nicht zu seiner ungeschickten Begrüßung passte.

„Ja, das sind Sie.“ Sie lächelte. „Ich bin Kayla Luck, die Inhaberin.“ Sie gab ihm die Hand.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Miss Luck.“ Ohne Vorwarnung schüttelte er ihr die Hand, heftig und lange. „Oder Mrs.?“ Er hielt kurz inne. „Entschuldigen Sie, ich hätte vorher fragen sollen, ich meine, es ist sehr unhöflich und beleidigend für eine Dame …“

„Miss oder Mrs., das ist mir egal“, unterbrach sie ihn und entzog ihm schnell die Hand, bevor er ihr den Arm auskugeln konnte. Wieder fand sie sein Verhalten irgendwie merkwürdig.

„Nicht verheiratet“, sagte er und grinste. „Heute ist mein Glückstag.“ Er schüttelte den Kopf. „Entschuldigen Sie, das war dumm. So was hören Sie doch sicher dauernd.“

„Das kann man wohl sagen. Was kann ich … also, ich meine, was kann CHARME für Sie tun, Mr. …?“

„McDermott. Kane McDermott.“

„Kommen Sie wegen des Wein-Kursus? Der musste heute nämlich leider ausfallen.“

Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Ich kann mir vorstellen, warum. Es ist hier ja heiß wie in einem Backofen. Nun verstehe ich auch, weshalb Sie so sommerlich angezogen sind.“ Jetzt wirkte er überhaupt nicht linkisch, sondern sah sie mit einem sehr eindeutigen Blick von oben bis unten an.

Sie wusste, dass ihr das Top eng am Leib klebte, und verschränkte verlegen die Arme vor der Brust. Sie kannte diesen Blick und hatte ihn hassen gelernt, aber das erste Mal in ihren fünfundzwanzig Lebensjahren genoss sie die offene Bewunderung, die daraus sprach.

Ein merkwürdiger Mann. Einerseits benahm er sich tölpelhaft und ungeschickt, andererseits wie der perfekte Verführer. Wer war er wirklich? Und was wollte er hier?

Er sah aus, als hätte er einen Termin mit einem Fotografen, so korrekt gekleidet, wie er war, das dunkelblonde Haar straff nach hinten gekämmt, wenn er es auch etwas länger trug, als es sonst bei leitenden Angestellten üblich war. Das gab ihm ein etwas verwegenes Aussehen, was durch seinen sehr direkten Blick noch unterstrichen wurde. Sein unsicheres Verhalten passte überhaupt nicht zu dem attraktiven Äußeren. Mr. Kane McDermott hatte in seinem Leben offensichtlich schon einiges durchgemacht.

Er war ganz anders als die Männer, die sonst zu ihr kamen. Aber er war ein potenzieller Kunde, und sie sollte aufhören, ihn zu analysieren, sondern stattdessen mit ihm über das Geschäftliche reden.

„Möchten Sie etwas Kaltes trinken?“

Er lehnte sich gegen die Wand und ließ sie nicht aus den Augen. „Wie wäre es, wenn ich Sie zu einem Glas einlade?“, fragte er mit dieser leisen verführerischen Stimme. „Ich meine, ach, verdammt, ich kann das nicht.“

„Was können Sie nicht?“

„Ich kann nicht so tun, als sei ich ein schüchterner Tollpatsch, der lernen muss, wie man mit Frauen umgeht.“

Sie hob langsam eine Augenbraue. „Und Sie meinen, das können Sie hier lernen?“

„So werden Sie ihr Herz gewinnen! Das stand wenigstens in dem Prospekt, den mein Freund mir gab.“

„Ach so. Also, ein bisschen was verändert hat sich hier schon. Natürlich können wir Ihnen die grundlegenden Benimmregeln beibringen, sollten Sie sie nötig haben, aber weshalb sind Sie nun wirklich gekommen?“

„Ein Freund hat mir Ihre Adresse gegeben. Er hatte im letzten Jahr hier einen Kursus in Standardtänzen belegt.“

„Wie heißt Ihr Freund?“

„John Fredericks. Er sagt, er sei letztes Jahr beinahe rausgeflogen.“ „Ach der!“ Sie lachte. „Der Arme hatte zwei linke Füße und bemühte sich verzweifelt, jemanden zu finden, der mit ihm Silvester feiern wollte.“ Dass dieser gutmütige und schüchterne Mann ein Freund von Kane McDermott war, konnte sie sich nicht vorstellen. Aber der äußere Eindruck konnte eben täuschen. Wenn die beiden wirklich Freunde waren, war ihr Misstrauen gegen Kane vielleicht doch nicht gerechtfertigt. „Wie geht es ihm?“, fragte sie.

„Er ist nach Europa versetzt worden. Er wollte Ihre Tante noch um Tipps bitten in Bezug auf die Französinnen. Das nächste Mal, wenn er hier ist, wird er sie anrufen.“

Kayla wurde das Herz schwer, als sie an ihre Tante dachte. „Sie hätte ihm sicher auch ein paar gute Ratschläge geben können. Sie mochte John.“

„Was ist mit ihr?“

„Sie und mein Onkel starben vor ein paar Monaten.“

„Zusammen?“

„Ja.“ Bei der Erinnerung an den Unfall traten ihr Tränen in die Augen, und sie senkte schnell den Blick. „Die Polizei meinte, der Wagen sei auf der regennassen Straße ins Schleudern gekommen und gegen einen Baum geprallt.“

„Es muss schrecklich für Sie gewesen sein, beide auf einmal zu verlieren. Und John wird auch traurig sein.“

„Danke für Ihre Anteilnahme. Ich habe meinen Onkel nicht sehr gut gekannt. Die beiden waren erst etwas über ein Jahr verheiratet, als sie verunglückten. Nun, wenigstens hat er meine Tante glücklich gemacht.“ Sie straffte die Schultern. „Aber das hat nichts damit zu tun, dass Sie mir etwas vormachen wollten.“

Kane spannte sich an. „Ich weiß, das war nicht richtig. Aber John hat gemeint, Sie und ich, wir würden gut zueinander passen.“ Er blickte auf seine Hände.

„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“

„Weil ich nicht wusste, ob ich John trauen konnte. Es ist ja fast wie bei einem Date mit einem Unbekannten. Und deshalb wollte ich Sie mir erst einmal ansehen“, erwiderte er und sah sie treuherzig an.

„Ihr Gespräch mit John muss aber schon lange zurückliegen.“

„Warum?“

„Weil CHARME schon seit langem keine Kennenlern-Kurse mehr anbietet und auch in unserem Prospekt nichts davon steht. Wir arbeiten jetzt mehr mit internationalen Geschäftsleuten zusammen.“

Er blickte sie verlegen an. „Schon als ich durch die Tür trat, wusste ich, dass ich Ihnen nichts vormachen könnte.“

„Weshalb sind Sie also wirklich gekommen?“ Warum beeindruckte sie dieser Mann nur so? Es gab doch genügend gut aussehende Männer auf der Welt.

„Sie sind noch hübscher, als ich gehofft hatte.“

Das ist ein bisschen zu billig, dachte sie mit Bedauern. Also ist er doch nichts Besonderes.

„Hinzu kommt noch etwas anderes. Wenn Sie wirklich all diese Kurse geben, dann müssen Sie einiges auf dem Kasten haben. Und ich gebe gern zu, dass ich kluge Frauen äußerst anziehend finde.“ Er grinste schief.

Gegen ihren Willen musste sie lachen.

„Bedeutet das, dass Sie mit mir ausgehen?“, hakte er gleich nach.

Nur zu gern hätte sie Ja gesagt, aber mit einem Fremden auszugehen war sicher nicht besonders klug. Er wirkte sehr entschlossen, und sie wusste, ein einfaches Nein würde er nicht akzeptieren. „Sehr gern, aber ich kann mich nicht aus dem Haus rühren wegen des Heizungsmonteurs.“

Er knöpfte das Jackett auf, zog es aus und hängte es über eine Stuhllehne. „Entschuldigen Sie, aber ich habe das Gefühl, bei lebendigem Leib geröstet zu werden.“ Er wandte sich wieder zu ihr um. „Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Sie gehen mit mir aus.“

Sie wollte gerade protestieren, als das Telefon klingelte. Das wird der Monteur sein, dachte sie und nahm den Hörer ab. Nach einem kurzen Wortwechsel legte sie verärgert wieder auf. „Es war der Monteur. Aber er kann erst morgen kommen. Zumindest hofft er das.“

„Okay.“ Kane knöpfte die Manschetten auf und begann die Ärmel hochzurollen. „Dann wollen wir uns mal an die Arbeit machen.“

„Wir?“

„Ja, Sie und ich. Oder sehen Sie hier sonst noch jemanden?“ „Kennen Sie sich denn mit Heizungen aus?“

„Nein, aber wenn man eine Altbauwohnung hat, dann lernt man, alles Mögliche zu reparieren. Also, dann mal los.“

Er hatte den einen Ärmel aufgekrempelt und nahm sich jetzt den zweiten vor. Er hatte sehr muskulöse Unterarme und eine bronzefarbene Haut. Sie hatte immer schon braun gebrannte Männer bewundert, aber dass sie so stark auf Kane reagierte, hatte nichts mit der Tönung seiner Haut zu tun. Kayla konnte kaum den Blick von ihm lösen, und ihr wurde der Mund trocken. Sie griff schnell nach einer Flasche Wasser, die neben ihr auf dem Schreibtisch stand, und befeuchtete sich die Lippen.

Sie räusperte sich. „Brauchen Sie einen Schraubenschlüssel?“

„Bringen Sie ihn auf alle Fälle mit.“

Sie folgte ihm in den rückwärtigen Raum. Er kniete sich vor die Heizung auf den Boden und sah sie prüfend an.

„Die Temperatur ist bereits runtergedreht“, sagte er.

„Ja, das habe ich gemacht. Offensichtlich hatte die Putzfrau die Heizung aus Versehen angestellt, und als ich kam, waren fast 35 Grad. Ich habe sie dann abgedreht, aber die Temperatur sinkt einfach nicht.“

„Wahrscheinlich ist die Notsicherung so eingestellt, dass erst eine bestimmte Temperatur erreicht werden muss, bevor sich die Heizung automatisch abschaltet.“

„Sie meinen, es muss noch wärmer werden?“ Sie strich sich die feuchten Haare aus der Stirn.

„Da bin ich ziemlich sicher.“ Er sah ihr in die Augen, und wieder überlief es sie heiß. Sie blickte schnell zur Seite und wusste einfach nicht, wie sie mit den Gefühlen umgehen sollte, die seine männliche Ausstrahlung bei ihr auslöste.

„Es gibt noch eine Möglichkeit“, sagte er jetzt. „Wir können den Sicherungsknopf drücken und hoffen, dass das Ganze nicht in die Luft fliegt.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank. Ich kann mir keine neue Heizung leisten.“

„Dann müssen wir den Dingen ihren Lauf lassen. Haben Sie einen Eimer?“

„Ja.“

„Und einen Vierkantschlüssel?“

„Wozu brauchen Sie den denn?“

„Ich will das Wasser ablassen. Dann besteht immerhin die Möglichkeit, dass sich die Sache von allein reguliert.“

Sie fand einen Vierkantschlüssel in dem alten Werkzeugkasten ihres Onkels und reichte Kane den Putzeimer. Er ließ das Wasser ab und richtete sich dann zufrieden auf.

„So, nun sollte die Heizung eigentlich auch ohne Reparatur wieder abkühlen.“

„Vielen Dank, Sie haben mir ein Vermögen erspart.“

Er lächelte sie an. „Gern geschehen. Darf ich Sie nun zu einem Drink einladen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich …“

„Dann möchte ich bei Ihnen Stunden nehmen. Ich weiß, dass Sie den üblichen Dating-Unterricht nicht mehr geben, aber dies ist ein Notfall. Ich muss morgen mit meinem Chef zum Essen gehen, und er hat vor, seine Tochter mitzubringen. Das Mädchen interessiert mich nicht, aber ich möchte einen guten Eindruck machen und nicht in irgendwelche Fettnäpfchen treten. Gehen Sie mit mir heute zum Essen, dann können Sie mir beibringen, wie man sich mit Charme und Intelligenz in einer solchen Situation verhält.“ Er lächelte vielsagend.

„Ich glaube, an Charme und Intelligenz mangelt es Ihnen nicht“, erwiderte sie amüsiert.

„Dann tun Sie mir bitte den Gefallen. Ich gebe Ihnen doch eine Begründung für etwas, was Sie selbst gern wollen, oder?“ Seine leise Stimme klang tief und rau.

„Ich glaube, Sie bilden sich da eine ganze Menge ein. Ich kann aber versuchen, eine meiner Kursleiterinnen zu erreichen, die sich dann um Sie kümmern kann.“ Jahrelang hatte sie mit Erfolg daran gearbeitet, sicher und selbstbewusst aufzutreten. Aber bei Kane McDermott fühlte sie sich unangenehmerweise wieder wie ein kleines Schulmädchen.

„Ich möchte lieber mit Ihnen ausgehen.“ Er sah sie bittend an.

Sie schüttelte den Kopf.

„Wie schade.“ Das klang richtig enttäuscht. Er wies auf das Telefon. „Dann muss ich mich heute Abend eben mit einer Fremden treffen.“

Sie sah ihn überrascht an. „Ich bin doch auch eine Fremde für Sie.“

„Ja, aber ich habe das Gefühl, als kennten wir uns schon lange.“ Wieder blickte er ihr direkt in die Augen, und wieder konnte sie seinem Blick nicht ausweichen.

Er hatte recht. Sie ließ sich in den Drehsessel fallen, und Kane setzte sich auf eine Schreibtischecke und beugte sich vor, bis sein Mund nur noch zehn Zentimeter von ihrem entfernt war. „Wollen Sie einen willigen Schüler wie mich wirklich enttäuschen, Miss Luck?“

„Kayla.“ Sie fuhr sich schnell mit der Zunge über die trockenen Lippen.

Überrascht richtete er sich auf. „Es sieht so aus, als machte ich Fort schritte, Kay la.“

Das war ohne Zweifel der Fall. „Ich fände es albern, wenn Sie mich den ganzen Abend Miss Luck nennen würden.“

Er lächelte triumphierend. „Sehr gut. Ich weiß schon, in welches Restaurant wir gehen. Ich kenne mich zwar in der Stadt noch nicht besonders gut aus, weil ich außerhalb wohne, aber ich habe viel Gutes über das Lokal gehört.“

„Einverstanden. Und wie stellen Sie sich das Ganze vor?“

„Sie helfen mir bei der Weinbestellung und bei der Auswahl der Speisen und sagen mir, was ich sonst noch für das Essen mit meinem Chef wissen muss. Interessieren Sie sich übrigens für Baseball?“

„Ja, das tue ich.“

„Ich habe Karten für ein Spiel heute Abend. Wir könnten nach dem Essen hingehen.“

„Aber da brauchen Sie doch ganz sicher nicht meine Unterstützung.“

„Nein, aber ich würde gern noch etwas länger mit Ihnen zusammen sein. Einverstanden?“

„Ja.“ Viel zu sehr, dachte sie.

„Dann ist ja alles geklärt.“

Kayla nickte stumm.

„Sie werden bestimmt nicht enttäuscht sein.“

Das bezieht sich ganz sicher nicht nur auf die Essenseinladung, dachte sie.

Er nahm ihre Hand, ließ sie aber schnell wieder los, denn sie waren beide wie elektrisiert von der Berührung.

Schnell griff er in die Hosentasche und zog seine Brieftasche heraus. „Akzeptieren Sie American Express oder Visa?“

„Beides, aber …“ Was sollte sie darauf sagen? Dass sie ein schlechtes Gewissen hätte, von ihm für einen Abend in seiner Gesellschaft Geld zu nehmen?

Sie sah ihn an. Er gefiel ihr sehr. Außerdem konnte sie es gut gebrauchen, mal einen Abend nicht nur über das Geschäft nachzudenken.

„Ich kann auch bar bezahlen, wenn Ihnen das lieber ist“, schlug er vor.

„Nein.“ Sie konnte kein Geld dafür nehmen, mit diesem Mann auszugehen. „Lassen Sie uns doch erst einmal abwarten, wie alles läuft. Wir können uns später immer noch über Geld unterhalten.“

„In Ordnung.“ Er steckte die Brieftasche wieder ein und wandte sich zum Gehen. „Ich wohne im Summit Hotel und melde mich noch bei Ihnen, Miss … pardon, Kayla.“

2. KAPITEL

Sie sehen scharf aus!“, rief eine seiner Kolleginnen, die ihn zum ersten Mal in einem schicken Anzug sah. Kane ignorierte die anerkennenden Pfiffe und Rufe und eilte in sein Büro, wo er sich aufatmend in den Schreibtischsessel fallen ließ. Er streckte die Beine aus und starrte nachdenklich aus dem Fenster.

Was war mit ihm los? Ein Blick in dieses engelsgleiche Gesicht hatte genügt, und er wusste, dass er die Trottel-Nummer nicht abziehen konnte. Er hatte es zwar versucht, denn dadurch wäre es sehr viel einfacher gewesen, Abstand zu halten von dieser Frau.

Kane stöhnte leise auf. Noch nie hatte er solche Augen gesehen, groß und grün und vertrauensvoll, und nie eine derartig aufregende Figur. Und nur als Heranwachsender hatte er so schnell so stark auf einen Frau reagiert. Es war beinahe unheimlich, was diese Frau mit ihm gemacht hatte.

„Na? Hat der McDermott-Charme mal wieder gewirkt?“

Kane richtete den Blick auf den Mann, der ins Zimmer getreten war. Da er den Fall so kurzfristig hatte übernehmen müssen, hatte er keine Gelegenheit gehabt, mit Reid die Strategie zu besprechen. „Sie hat nicht Nein gesagt, wenn du das meinst. Hast du die Karten für das Base ballspiel?“

Reid strich sich über den kahlen Kopf. „Du bist eine Nervensäge, McDermott. Ja, ich habe meinen Schwager angerufen und ihm gesagt, mein bester Mann gehöre neuerdings zu den Leuten, die man bestechen muss, damit sie tun, was man von ihnen verlangt.“

„Ach ja? Du hast mir doch gar keine Wahl gelassen. Außerdem wolltest du doch, dass ich etwas kürzer trete.“

Reid blickte ihn ernst an. „Das will ich immer noch. Mach mir nichts vor, McDermott. Ich kenne dich. Ausgerechnet du willst mir erzählen, der Tod des Kindes hätte dich nicht mitgenommen? Seit deinem ersten echten Treffer habe ich dich nicht mehr so aufgewühlt gesehen.“

Kane antwortete nicht. Reid hatte recht. Als Anfänger damals hatte er einen Verdächtigen im Zuge einer Drogenrazzia tödlich verwundet. Reid hatte ihn mit nach Hause mitgenommen und getröstet, und seitdem waren die Reids so etwas wie ein Familienersatz für Kane.

Der Captain kannte ihn gut. Und er akzeptierte ihn so, wie er war. Auch wenn Kane gern den Einzelgänger aus Überzeugung herauskehrte, nahm Reid ihn immer wieder zu Familientreffen mit und lud ihn an Festtagen ein. Kane war ihm für seine Zuneigung sehr dankbar, obwohl er versuchte, sich diesen Einladungen hin und wieder zu entziehen. Aber er wusste, dass er bei den Reids immer ein Zuhause haben würde.

„Hoffentlich nützen uns die Karten nun auch etwas“, bemerkte Reid und grinste anzüglich. „Außerdem soll es kalt werden heute Abend, da sucht die Dame vielleicht jemanden, der sie ein bisschen wärmt. War sie denn interessiert?“

Kane verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Ja, war sie interessiert? Er dachte an ihr Lächeln, die sanft geschwungenen vollen Lippen und ihre vorsichtige Bemerkung, sie sollten abwarten und sehen, wie es lief. Sie war interessiert, ganz sicher, und bei dieser Vorstellung wurde ihm schon wieder ganz heiß. Aber mit sexueller Anziehung konnte er umgehen, denn mit Lust und Verlangen kannte er sich aus.

Verwirrender waren Kaylas andere Eigenschaften. Trotz ihres verführerischen Körpers wirkte sie auf rührende Weise unschuldig. Sie war nicht die gewiefte Geschäftsfrau, die er erwartet hatte, sondern machte eher einen unsicheren und schüchternen Eindruck.

„Betreibt die Dame nun noch ein anderes Geschäft oder nicht?“, fragte Reid.

Kane überlegte. War ihre Zurückhaltung nur gespielt? War das ihre Art, sich an jemanden heranzumachen? Oder war sie wirklich so naiv und offen, wie sie tat? Er zuckte mit den Schultern. „Das werden wir noch sehen.“

„Was heißt hier wir? Du wirst es sehen. Und ich hoffe, du wirst deine Aufmerksamkeit mehr auf Miss Luck richten als auf das Spiel. Außerdem will ich dich vor Mitte nächster Woche hier nicht wieder sehen.“

„Okay, Captain. Ein schönes Wochenende. Und viele Grüße an Marge.“

„Die kannst du auch mal persönlich überbringen“, erwiderte Reid brummig und öffnete langsam die Tür. „Sie findet, du besuchst uns leider viel zu selten.“

Kane dachte wieder über seinen Fall nach. Reids Bemerkung, er solle sich mehr auf seine Begleiterin konzentrieren als auf das Spiel, war überflüssig. Eine Frau wie Kayla Luck konnte man einfach nicht links liegen lassen. Jeder Mann wäre stolz, mit ihr ausgehen zu dürfen.

Mit Ausnahme eines Polizisten, der einen Callgirl-Ring ausheben sollte, sofern er existierte. Vielleicht wusste die Schwester ja mehr über sie. Aber nach ihren Informationen hatte Catherine Luck Kayla alle Besitzrechte an CHARME übertragen und kümmerte sich nur noch um ihre Ausbildung. Woher das Geld kam, war ihr offenbar egal.

Er wippte mit dem Stuhl hin und her. Konnte es wirklich sein, dass der unschuldige Ausdruck in den grünen Augen nur gespielt war, um Kunden anzulocken?

Sie waren einander nicht gleichgültig, daran gab es keinen Zweifel. Bei dem starken sexuellen Begehren, das er ihr gegenüber empfand, würde es nicht leicht sein, sich zurückzuhalten. Er setzte sich auf und rief sich energisch zur Ordnung. Es wurde wirklich Zeit, dass er seine Gefühle beiseite schob und sich wieder auf seinen Verstand besann. War CHARME nur eine Scheinfirma, hinter deren ehrbarer Fassade Sex gegen Geld geboten wurde? Das war hier die Frage. Und er würde es he raus finden.

„Es ist ein Baseballspiel und kein Ball.“

„Es ist ein Rendezvous und kein Essen beim Chinesen mit deiner Schwester“, erklärte Catherine energisch. Sie warf einen missbilligenden Blick auf Kaylas altes Sweatshirt und die Jeans, die sie trug. „Willst du den Mann denn vergraulen, bevor er feststellen kann, wie charmant und klug du bist?“

Kayla musste wieder an Kanes Bemerkung denken, dass kluge Frauen ihm gefielen. Nach dem kurzen Treffen konnte er gar nicht wissen, ob sie klug war. Er hatte sich einfach nur auf seinen ersten Eindruck verlassen. „Ich möchte nicht so aussehen, als sei ich hinter ihm her.“

Catherine lächelte nur, nahm die Schwester bei der Hand und zog sie in ihr eigenes Schlafzimmer, das am selben Korridor lag wie Kaylas. Sofort öffnete sie den Schrank und ging ihre Sachen durch.

„Deine Sachen passen mir nicht“, sagte Kayla mürrisch.

„Du hast wahrscheinlich eine andere BH-Größe, aber es wäre doch nicht das erste Mal, dass du etwas von mir anziehst.“ Ohne auf die Schwester zu achten, nahm sie einen weißen Rollkragenpullover und ein Blouson aus glänzendem hellblauem Satin aus dem Schrank. „Hier. Lass die Jeans ruhig an, das passt zusammen.“

Kayla zog den Pulli über und hängte sich das Blouson über die Schultern. Catherine sah sie von oben bis unten an und nickte dann zufrieden. „Perfekt. Besser als diese ewigen Seidenblusen und Tuchhosen. Das sieht zu spießig aus. Selbst Mom wäre so nicht aus dem Haus gegangen.“

„Mom hatte ja nun ganz spezielle Vorstellungen, wie man sich anziehen sollte.“ Kayla dachte an die Mutter, die ihre beiden Töchter allein aufgezogen hatte. Sie hatte ein Herz aus Gold gehabt, hatte aber leider wenig Glück in ihrem Leben gehabt.

„Und die Männer haben immer hinter ihr her gepfiffen.“

„Schade, dass sie darauf keinen Wert legte. Vielleicht wäre dann manches anders gekommen.“

„Du meinst, Mom hätte dann besser verkraftet, dass ihr Mann sie verließ, und wäre nicht an Überarbeitung gestorben?“ Catherine schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Sie hat selbst die Entscheidung getroffen.“

„Sie hat sich immer nach Daddy gesehnt, das steht fest. Ob er sich auch nach ihr gesehnt hat?“ Kayla sah die Schwester traurig an.

„Ich glaube nicht. Außerdem konnte er Kinder nicht ausstehen. Eins war schon schlimm genug, aber zwei waren mehr, als er ertragen konnte.“

„Bist du immer noch so voller Hass?“

„Ich hasse ihn nicht, er ist mir gleichgültig.“ Catherine sah die Schwester plötzlich alarmiert an. „Komm bloß nicht auf die Idee, es seien alle Männer wie er. Das wäre fatal.“

„Nicht, was Liebe und Verantwortung betrifft, aber bestimmt im Hinblick auf ihr sexuelles Interesse. Sie können einfach nicht ihre Finger von den Frauen lassen.“ Der Altersunterschied zwischen den beiden Schwestern betrug nicht mal ein Jahr.

Catherine legte sich auf ihr Bett. „Weißt du, Kayla, dieses sexuelle Interesse kann ja auch etwas sehr Angenehmes sein.“

Vielleicht wenn man Catherines Selbstvertrauen besaß. Kayla sah die Schwester nicht an. „Gehst du heute Abend weg?“

„Allerdings. Ich gehe zum Tanzen. Mit Nick.“

Nick war seit Jahren Catherines bester Freund. Er war sicher auch mal in sie verliebt gewesen, aber als Catherine darauf nicht einging, hatte er sich mit der Rolle des guten Freundes zufriedengegeben.

Kayla sah die Schwester liebevoll an. Catherine trug einen Minirock und ein Stretchoberteil. Doch trotz ihres forschen Auftretens hatte auch sie ihre Unsicherheiten, das wusste Kayla genau. Sie waren beide von ihrer schwierigen Kindheit geprägt.

Beide hatten unterschiedlich darauf reagiert. Kayla hatte sich angewöhnt, Männer zurückzustoßen, obgleich sie sich auch nach Liebe und einem Zuhause sehnte, während Catherine viel auf Partys ging und sich sehr kontaktfreudig gab.

Catherine lachte leise. „Weißt du was, Kayla? Du wirst nie den Richtigen finden. Er muss dich finden.“

„Meinst du denn, es gibt ihn überhaupt?“ Merkwürdigerweise musste sie sofort an Kane denken. Er war der erste Mann, der sie körperlich anzog und den sie nicht zurückstoßen wollte. Außerdem gab er ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

„Ich habe keine Ahnung. Aber so wie deine Augen leuchten … Und ich möchte nicht, dass du ihn aus deiner alten Angst heraus vergraulst.“

Kayla lächelte. „Ja, Kane ist irgendwie anders. Er ist sexy, und er hört mir zu. Ich bin sicher, ich bin ihm nicht gleichgültig, aber genau kann ich das nicht sagen. Ich habe so wenig Erfahrung in diesen Dingen.“

„Du brauchst doch keine Erfahrungen zu haben, um zu spüren, dass er in dir etwas Besonderes sieht. Vielleicht ist er ja der Richtige.“

„Ich kenne ihn doch gar nicht.“

„Aber du würdest ihn gern besser kennenlernen.“ Catherine konnte wie schon so manches Mal Kaylas Gedanken lesen. „Und es wird Zeit, dass du mal wieder mit einem richtigen Mann zusammen bist und nicht mit diesen verklemmten Typen, die zu dir in den Unterricht kommen. Du hast ja beinahe vergessen, dass du eine Frau bist.“

„Er braucht meinen Rat“, sagte Kayla, aber sie wusste genau, dass dies nur ein vorgeschobener Grund war und dass Kane McDermott es auch wusste.

„So? Aber mit den anderen Schülern bist du nie ausgegangen. Nun, ich bin froh, dass er dich aus deinem Schneckenhaus geholt hat, und wünsche dir einen schönen Abend. Komm, ich setze dich an dem Restaurant ab, dann kann ich mir den Mann auch mal ansehen.“

„In Ordnung, Mom.“ Kayla lachte. Kane hatte sie nachmittags angerufen und ihr den Weg zu dem Restaurant beschrieben.

Sie schwieg auf dem Weg dorthin. Er war schon da und stand auf der obersten Treppenstufe, gegen das Messinggeländer gelehnt. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie ihn in der schwarzen Lederjacke sah.

Catherine stieß leise einen anerkennenden Pfiff aus, und Kayla musste lachen. Sie fuhr sich schnell mit den Fingern durch das Haar und stieg aus. Sofort war Kane an ihrer Seite. Und während des kurzen Gesprächs zwischen ihm und Catherine gingen ihr viele Fragen durch den Kopf. Hatte ihre Schwester recht? War dieses eine Gelegenheit, die sie beim Schopf packen musste? Lohnte es sich, etwas mit ihm anzufangen?

Kane hatte Kayla die Hand auf den Rücken gelegt und führte sie aus dem Stadion. Er bewunderte sie, denn das ganze lange Spiel hatte sie klaglos neben ihm gesessen, obgleich die Temperatur ordentlich gefallen war. Unter normalen Umständen wäre er mit dem Verlauf des Abends sehr zufrieden gewesen. Aber dieses waren keine normalen Umstände. Schließlich durfte er nicht vergessen, dass er für sie ja nur ein Schüler sein sollte, der dringend ihren Rat benötigte.

„Habe ich Ihnen schon gesagt, wie gut mir das Restaurant gefallen hat?“, fragte sie.

Mindestens zehn Mal, dachte er lächelnd. „Das Essen oder die Atmosphäre?“

Sie lachte, und ihr Lachen wärmte ihn mehr als seine dicke Lederjacke. „Beides. All die deckenhohen Bücherregale – ziemlich ungewöhnlich für ein Lokal.“ Sie breitete die Arme aus und stieß gegen zwei junge Männer, die auch aus dem Stadion eilten. Sie musste lachen. „Oh, Verzeihung!“ Ihr Lachen war so ansteckend, und ihre Liebe zu Büchern gefiel ihm gut.

„Die Idee, eine Buchhandlung in ein Restaurant zu verwandeln, die Ausstattung mit den Regalen aber beizubehalten, ist einfach toll. Ich lebe nun schon so lange hier, aber ich hatte noch nie etwas davon gehört. Wie sind Sie denn darauf gekommen?“

„Ich habe so meine Quellen“, erwiderte er nur und lächelte geheimnisvoll. Dennoch schlug ihm ein wenig das Gewissen. Es war alles andere als ein Zufall, dass er sie dorthin geführt hatte. Er hatte herausgefunden, dass sie sich für Bücher interessierte und viele Abende in der Bücherei verbrachte. Eigentlich merkwürdig, dass er ein schlechtes Gewissen hatte, weil er sich diese Information zunutze gemacht hatte. Schließlich gehörte es zu seinem Job, möglichst viel über eine verdächtige Person herauszufinden und dieses Wissen entsprechend einzusetzen. Aber sie war so vertrauensselig, dass er sich auch der kleinsten List schämte.

An diesem Abend hatte er schon eine ganze Menge über sie herausgefunden. Sie war eine Frau, der die Familie wichtig war, die tief empfand und die ihre eigenen Wünsche zugunsten ihrer Schwester zurückgestellt hatte. Die Unschuld, die aus ihren Gesten und allem, was sie sagte, sprach, rührte ihn auf eine Art und Weise an, die für ihn neu war.

Gefühlsmäßig war er überzeugt, dass Kayla lediglich das Geschäft ihrer Tante weiterführte, und das vermutlich mehr aus Pflichtgefühl als aus Freude an diesem Job. Da Gefühle aber keine Beweiskraft hatten, musste er auf andere Art und Weise versuchen zu beweisen, dass sie nicht noch ein anderes Gewerbe betrieb.

„Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte das Gefühl, Ihnen würde das Restaurant gefallen“, sagte er.

„Vollkommen richtig.“

Er hatte es gewusst. Nach einer Stunde hatte er bereits mehr über sie herausgefunden, als in den Unterlagen stand. Sie war ganz offen zu ihm gewesen, hatte ihm erzählt, dass ihr Vater die Familie verlassen hatte, was sie sehr verletzt hatte, und dass die beiden Mädchen von der geliebten Mutter nur wenig Unterstützung hatten erwarten können. So war Kayla ebenso wie er mehr oder weniger auf sich selbst angewiesen gewesen. Außer zu der Schwester hatte sie kaum enge Beziehungen zu anderen Menschen. Auch hierin war er ihr ähnlich. Und als sie das Restaurant verließen, wusste er alles über sie. Er wusste, wann er ihr Komplimente machen sollte und wann nicht. Er wusste, dass er jede Art von sexueller Annäherung vermeiden musste, weil sie sich sonst gleich wieder in ihr Schneckenhaus zurückziehen würde. Aber er wusste auch, wie er sie zum Lachen bringen konnte, ja, er hatte den Eindruck, er kannte Kayla Luck. Unabhängig von seinem Auftrag fühlte er sich irgendwie mit ihr verbunden, und das machte ihn ziemlich nervös.

Als sie um die nächste Hausecke bogen, traf sie plötzlich ein eiskalter Windstoß. Er rieb sich die Hände. „Und jetzt …“

„… eine Tasse heiße Schokolade mit Schlagsahne“, vollendete Kayla seinen Satz, aber er hatte etwas ganz anderes sagen wollen. Er hatte eher an Whiskey gedacht. Irgendetwas, das ordentlich in der Kehle und im Magen brannte und ihn daran erinnerte, dass es sich hier um einen Fall handelte und nicht um eine private Verabredung mit einer aufregenden Frau.

Reid würde klare Beweise sehen wollen. Es wurde Zeit, dass er endlich weiterkam mit diesem Fall und sie dann nicht wiedersah. Das wäre für sie beide das Beste.

Bisher hatte er in Bezug auf den Callgirl-Ring noch nichts herausfinden können, was bedeutete, er musste die Sache etwas direkter angehen. Er verabscheute die Idee, sie zu verführen, so sehr sein Körper auch danach verlangte. Trotz des eisigen Windes wurde ihm bei dieser Vorstellung heiß vor Erregung.

„Ich dachte eigentlich mehr an Kaffee“, sagte er, „aber Hauptsache heiß.“

„Das stimmt.“ Kayla verschränkte die Arme vor der Brust. Offensichtlich war ihr kalt, aber sie beschwerte sich nicht. Das war eine Frau nach seinem Herzen. Nein, nicht nach seinem Herzen, das hatte er schon lange gegen jegliches Gefühl immun gemacht. Denn er hatte sehr früh festgestellt, dass er sich durch nichts von seinem Job ablenken lassen durfte, wenn er sich nicht selbst in Gefahr bringen wollte.

Er war immer vollkommen auf sich selbst angewiesen gewesen, denn sein Onkel hatte ihn nur unter der Bedingung aufgenommen, dass er ihn möglichst selten zu Gesicht bekam. Es kam darauf an zu überleben, das hatte Kane schon früh gelernt. Sex war in Ordnung, Liebe nicht.

Aber jetzt hatte er einen Job auszuführen. Ihr war kalt? Gut, dann sollte er Kayla wenigstens wärmen. Er sah sie an und begegnete ihrem Blick. Süß schaute sie aus mit den grünen Augen, den blonden Haarsträhnen, die der Wind ihr ins Gesicht blies, und den geröteten Wangen. Er musste sie einfach haben, gleichgültig, ob das für seinen Job gut war oder nicht.

Er umschloss ihre kalten Finger mit seinen Händen und ging mit ihr in eine kleine Nebenstraße. Er strich ihr über die Unterarme, und als er ihr Zittern spürte, wusste er, dass das nichts mit der Kälte hier draußen zu tun hatte, sondern nur mit der Erregung, die auch sie fühlte.

Er schob sie gegen eine Mauer und presste sich mit dem ganzen Körper an sie.

„Kane?“

Er las die Frage in ihren Augen und wusste nicht, was er darauf antworten konnte. Er wollte auch nicht nachdenken, er wollte nur fühlen – seinen Mund auf ihren Lippen, auf ihrer nackten Haut. Er wollte wissen, wie es war, wenn sie sich mit ihrem weichen Körper ganz dicht an ihn schmiegte und ihm zärtliche Worte ins Ohr flüsterte.

Halt!, ermahnte er sich streng. Er würde seinen Job nicht aufs Spiel setzen, indem er sich mit ihr einließ, und wenn der Informant recht hatte, dann würde sie auch nichts in dieser Richtung unternehmen, zumindest nicht ohne Bezahlung.

Aber als er ihr wieder in die Augen sah, die ihn vertrauensvoll anblickten, wusste er genau, dass es ihr nicht um Geld ging, wenn sie weitere Annäherungsversuche seinerseits zurückwies. Sie war kein Callgirl, das spürte er, doch er musste es noch beweisen. Und deshalb musste er weitermachen. Er würde sie küssen und ihr dann Geld anbieten. Wenn sie ihn daraufhin zurückstieß, würde er sich entschuldigen und sie heimfahren. Dann nichts wie nach Hause unter die kalte Dusche, und wenn er seinen Bericht geschrieben hatte, wäre der Fall Kayla Luck für ihn abgeschlossen.

Er packte sie fester bei den Armen, und als sie sich nicht wehrte, zog er sie an sich und presste die Lippen auf ihren Mund. Sie kam ihm entgegen, als hätte sie schon lange auf diesen Kuss gewartet, und Kane spürte, dass er verloren war.

Er drückte sich mit dem ganzen Körper an sie, und sie stöhnte leise und lehnte den Kopf gegen die Wand. Er umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen und blickte ihr in die glänzenden grünen Augen.

„Ich will dich“, flüsterte er.

Sie legte ihm die kleinen Fäuste auf die Brust. „Warum?“

Die Frage überraschte ihn, mehr aber noch seine spontane Antwort. „Nicht nur, weil du wunderschön bist.“ Ihre Wangen röteten sich noch ein wenig mehr, und er strich zärtlich mit den Daumen darüber. „Und auch nicht, weil dein Körper selbst einen Heiligen in Versuchung führen würde.“ Er legte eine Hand unter ihre vollen Brüste, die er durch die Kleidung hindurch spüren konnte. Wieder stöhnte sie leise auf, und Kane wurde plötzlich klar, dass er die Wahrheit sagte.

Sie legte den Kopf leicht zur Seite und schmiegte die heiße Wange in seine Hand. „Warum dann?“

„Weil du klug und mutig bist, und ich dich dafür bewundere.“

Sie lächelte, und ihre Augen leuchteten.

Kane schüttelte über sich selbst den Kopf. Wie war es möglich, dass er so gegen seine Prinzipien verstieß?

Eine Nacht mit ihr. Das Verlangen wurde immer stärker. Er sehnte sich nach ihr. Wenn er sie gehabt hatte, war noch genug Zeit, sich über die Folgen Gedanken zu machen. „Wir haben einen wunderschönen Abend miteinander verbracht, und alles an dir interessiert mich. Reicht das?“

Sie lächelte zufrieden. „Ja.“ Sie legte ihm die Arme um die Hüften.

„Ich betrachte das als Zustimmung.“ Er wagte kaum zu atmen. „Das ist es auch, wenn der Preis stimmt“, sagte sie leise.

Er erstarrte und zwang sich dann zu einem Lächeln. Er hatte heute Abend Köder ausgelegt, und nun sah es so aus, als sei sie in die Falle gegangen. Und dennoch war er maßlos enttäuscht, als er ihr jetzt in die klaren grünen Augen sah. „Und der wäre, Miss Luck?“

Sie berührte sein Gesicht mit ihren eiskalten Fingern und grinste. „Heiße Schokolade, Kane.“ Sie strich ihm sanft über das Gesicht und lachte leise. „Was hast du denn gedacht?“

„Keine Ahnung, aber vielleicht kannst du mir das zeigen.“

Sie sah ihn an, stellte sich auf die Zehenspitzen und strich ihm leicht mit den Lippen über den Mund. Eine grenzenlose Erleichterung überfiel ihn und gleichzeitig eine Erregung, die kaum noch zu ertragen war. Er nahm Kayla schnell bei der Hand und lief mit ihr die Straße herunter. Sein Hotel war ganz in der Nähe. Über die Auswirkungen seines Tuns würde er morgen nachdenken. Diese Nacht gehörte Kayla und ihm.

3. KAPITEL

Kayla betrat die Hotelhalle, die gerade kürzlich renoviert worden war. Sie versuchte, sich nicht vorzukommen wie eine Frau, die im Begriff war, die Nacht mit einem Fremden zu verbringen. Sie betrachtete die künstlichen Blumen und den Portier, der herzhaft gähnte. Es war ein ganz normales Hotel, und dennoch fragte sie sich, wie viele Männer hier wohl fremde Frauen mit aufs Zimmer nahmen.

Sie blieb auf dem Weg zu den Fahrstühlen stehen und berührte Kanes Arm.

„Hast du es dir anders überlegt?“, fragte er.

„Nein, aber ich kenne dich doch gar nicht. Vielleicht bist du gar kein Geschäftsmann. Vielleicht bist du ein …“

„Serienkiller?“ Er lächelte sie entwaffnend an.

„Nein, aber vielleicht verheiratet oder gebunden.“ Sie lachte nervös. „An etwas Schlimmeres habe ich gar nicht gedacht.“

„Keine Sorge. Ich habe keine Leichen im Keller. Und auch keine Ehefrauen, weder verflossene noch gegenwärtige. Und fest liiert bin ich auch nicht.“ Er legte ihr den Arm um die Schultern, um sie zu beruhigen, aber ihr Körper reagierte ganz anders auf die Berührung.

Das sind nur die Hormone, dachte sie, mehr steckt nicht dahinter. Aber diese rationale Argumentation war keine ausreichende Erklärung für ihre Reaktion auf Kane McDermott. Es war verständlich, dass ihr bei ihm heiß wurde und ihr Puls sich beschleunigte, aber dass sie sich bei ihm geborgen fühlte und ihr ganz warm ums Herz geworden war, als er sie ansah, während sie ihm von ihrer Kindheit erzählte, das hatte sicher nichts mit verrückt spielenden Hormonen zu tun.

Über ihn hatte sie zwar nicht sehr viel erfahren, aber er hatte sich so ernsthaft für ihr Leben interessiert wie noch kein Mann zuvor. Als sie ihm von ihren Plänen für den Ausbau von CHARME erzähle, hatte er besonders gut zugehört, so als ob sie ihm wirklich etwas bedeutete.

Catherine hatte recht. Zwischen diesem Mann und ihr hatte es nicht nur gefunkt, es sah auch ganz danach aus, als ob ihn das, was sie beschäftigte, wirklich interessierte. Dennoch war sie unsicher, denn sie befand sich in einer für sie völlig neuen Situation und brauchte seine Unterstützung. Sie musste zum Beispiel ganz sicher sein, dass es keine andere Frau in seinem Leben gab und dass sie nichts tat, was sie später bereuen würde.

Sein Blick war ernst, nachdenklich und gleichzeitig voller Verlangen. Kane begehrte sie, aber er war rücksichtsvoll genug, sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Doch er wusste genau, wie sie auf ihn reagierte. In seiner Gegenwart fühlte sie sich das erste Mal wieder lebendig und als Frau. Wer weiß, vielleicht würde sie nie wieder einem Mann begegnen, der sie nicht nur begehrte, sondern der auch ihren inneren Wert erkannte und sie als Person schätzte.

Sie sah ihn an. Er war ungebunden, voller Energie und gehörte ihr, wenigstens für eine Nacht. Sie lächelte. „Damit wäre wohl alles geklärt.“

„Ja?“ Er steckte die Hände in die Hosentaschen seiner engen Jeans, in der sich seine Erregung deutlich abzeichnete.

Sie befeuchtete die Lippen mit der Zunge. „Es sei denn, du hast deine Meinung geändert.“

„Du hattest so lange nichts gesagt, dass ich dich schon das Gleiche fragen wollte.“

Karla holte tief Luft und streckte die Hand aus.

Er umfasste ihre Hand mit seinen warmen Fingern. „Einen Augenblick noch.“ Er blieb an der Rezeption stehen, sprach mit dem Portier und drückte ihm etwas in die Hand. Dann drehte er sich wieder zu ihr um. „Alles in Ordnung?“

„Ja“, brachte sie kaum hörbar heraus.

Wie in Trance fuhr sie mit dem Fahrstuhl nach oben, ging mit Kane Hand in Hand durch einen langen, schlecht beleuchteten Flur, und plötzlich standen sie in seinem Zimmer. Sie sah sich um. Auf dem Tisch stand eine offene Aktentasche, überall lagen Hosen, Socken und Hemden herum, und der Koffer war nachlässig in eine Ecke geschoben. Die Unordnung ist typisch Mann, dachte sie. Und wohl auch typisch für Kane.

„Alles in Ordnung?“, fragte er wieder.

Sie nickte.

„Du zitterst ja.“

Sie sah sich noch einmal um. In der Mitte des Raumes stand ein breites Bett. In ihrer Fantasie sah sie sich in diesem Bett mit Kane, eng umschlungen auf zerwühlten Laken. Und diese Vorstellung beunruhigte sie erstaunlicherweise nicht, denn es war genau das, was sie wollte.

Sie sah ihn an. „Nein, es geht mir gut.“

„Kayla …“

„Ja?“

Er räusperte sich verlegen. „Ist es dein erstes Mal?“

Sie sah ihn empört an. „Natürlich nicht. Ich bin schließlich kein unerfahrenes Mädchen mehr.“

„Ich glaube dir nicht.“

„Das ist mir egal.“ Sie wandte sich zur Tür. Die Situation war einfach zu peinlich. Wenn er ihr jetzt schon anmerkte, dass sie wenig Erfahrung hatte, wie enttäuscht würde er dann später sein?

Aber sie kam nicht weit. Kane umfasste ihre Taille mit einem kräftigen Arm und presste sie an seinen schlanken, muskulösen Körper. Unwillkürlich schloss sie die Augen und genoss die Berührung, seinen männlichen Duft, die eigene Erregung, die ihren Körper durchflutete.

„Wo willst du denn hin?“, fragte er leise.

„Weg.“

„Warum denn?“

Sie versuchte, sich von ihm zu lösen. „Lass mich gehen.“

„Nicht, bevor du meine Frage beantwortet hast. Dann bringe ich dich nach Hause, wenn du nicht bleiben willst. Also, hast du so was schon früher getan?“

„Mit einem Fremden auf sein Zimmer zu gehen? Nein. Bist du jetzt zu frieden?“

„Das wollte ich gar nicht wissen, und du weißt das auch genau.“

„Gut.“ Sie seufzte leise. „Einmal in dem letzten Schuljahr und einmal vor einigen Jahren.“ Das erste Mal war sie zu jung und zu naiv gewesen und hatte wirklich geglaubt, der junge Mann liebte sie. Er hatte lange auf sie eingeredet, und nach dem kurzen Erlebnis in seinem Auto hatte er überall damit angegeben. Nie wieder hatte sie etwas von ihm gehört. Und auch das zweite Mal war ein Reinfall gewesen, und sie hatte sich nur darauf eingelassen, weil sie so einsam war.

So etwas wollte sie ganz sicher nicht noch einmal erleben. „Was wollen Sie noch wissen, Officer? Namen, Daten?“

Er zuckte zusammen, ließ sie aber nicht los.

„Was ist? Willst du mich weiter ausquetschen wie ein richtiger Polizist, oder lässt du mich jetzt nach Hause gehen?“

Er wirkte sichtlich erleichtert. „Weder das eine noch das andere.“

Sie war überrascht. War er etwa auch nervös? Männer waren doch in solchen Situationen meistens ziemlich gelassen. „Warum ist das dann alles so wichtig für dich?“

Er strich ihr liebevoll über das Haar, und sie spürte, wie erregt er war, als er sie wieder fest an sich presste. „Ich sehne mich so nach dir, dass ich es kaum noch aushalte. Deshalb musste ich dich fragen, ich will dir doch nicht wehtun.“

Sie lehnte den Kopf gegen seine Schulter und fing langsam an, sich zu entspannen.

Er lockerte den Griff, und sie drehte sich in seinen Armen um und sah ihm fest in die Augen. „Das hätte dir etwas ausgemacht?“

„Aber selbstverständlich. Ist das so verwunderlich?“

„Bei anderen Männern würde es mich schon erstaunen. Bei dir wundert es mich irgendwie nicht. Ich …“

Es klopfte.

„Ich geh schon.“ Er öffnete die Tür und ließ den Kellner eintreten, der ein Tablett mit einer Thermoskanne auf den Tisch stellte. „Das hat ja schnell geklappt. Vielen Dank.“

„Was ist das?“, fragte sie, als der Kellner den Raum wieder verlassen hatte.

„Der Preis.“ Sie sah ihn erstaunt an. „Für das, was kommen wird.“ Er öffnete den Deckel und hielt ihr die Kanne hin.

„Heiße Schokolade!“ Sie sah ihn mit leuchtenden Augen an. „Du hast es nicht vergessen!“

„Der Wunsch einer intelligenten Frau ist mir Befehl. Und wie könnte ich eine solch einfache Bitte nicht erfüllen, wenn ich dadurch erreichen kann, was ich will?“ Sein Lächeln war unverschämt und verführerisch zugleich.

Sie musste lachen. „Ja, ich bin vielleicht etwas zu leicht zu haben.“ Sie strich sich nervös über die Hüften, und als sie den glutvollen Blick bemerkte, mit der er ihrer Bewegung folgte, sah sie auf den Boden.

„So, bist du das?“, fragte er leise und stellte sich direkt vor sie. Sanft umfasste er ihr Kinn und schob ihren Kopf nach hinten, sodass sie ihn ansehen musste. Dann öffnete er den Reißverschluss ihrer Jacke. Er zog ihr das Blouson von den Schultern und strich ihr dabei langsam über die Oberarme. Dann spürte sie, wie er ihr mit seinen kräftigen Fingern durchs Haar fuhr, was ein wunderbares Prickeln auf ihrer Kopfhaut hervorrief.

Das Zusammensein mit diesem Mann würde aufregend und wild sein, und genauso wollte sie es. Sie wollte sich ihm hingeben, ohne nachzudenken, hemmungslos und ohne falsche Scham, das wusste sie jetzt, und sie fing an, diese Gefühle zu akzeptieren.

Die Berührungen anderer Männer hatten sie immer kalt gelassen, sodass sie glaubte, keine sexuellen Bedürfnisse zu haben. Nun erkannte sie, dass dies ein Irrtum war. Durch Kane hatte sie ihre Sinnlichkeit entdeckt und damit auch ihre ureigenen Wünsche. Es war ihr jetzt auch ganz egal, dass sie ihn erst so kurz kannte, gefühlsmäßig war er ihr vollkommen vertraut. Sie begehrte ihn und konnte ihr Verlangen nicht länger unterdrücken.

Was hatte er zuletzt gefragt? Ob sie leicht zu haben war? „Für dich wohl schon“, sagte sie leise, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss.

Er stöhnte auf und zog sie schnell an sich. „Weißt du eigentlich, was du mit mir machst?“, stieß er mit rauer Stimme hervor.

Sie lächelte. „Nein, aber du kannst es mir zeigen.“

Kane erwiderte ihr Lächeln. Sie hatte offensichtlich keine Ahnung, wie verrückt sie ihn machte mit dieser Mischung aus Bereitwilligkeit und Scheu. Er war außerstande, das süße Spiel jetzt abzubrechen, auch wenn es ihm in mehr als einer Hinsicht gefährlich werden konnte. Er griff nach ihrer Hand und zog sie zwischen seine Schenkel.

„Oh!“, sagte Kayla nur.

Wenn sie klug war, würde sie jetzt ganz schnell kehrtmachen, bevor es zu spät war. Das wäre sicher vernünftiger. Aber sie ließ ihre Hand, wo er sie hingelegt hatte, streichelte und reizte ihn.

Kane schloss die Augen und versuchte, an etwas anderes zu denken, um seine Erregung zu dämpfen. An das Baseballspiel heute Abend. Aber er konnte sich nicht darauf konzentrieren, wenn ihre Hand ihn so zärtlich berührte. Jetzt griff Kayla nach dem Knopf, um seine Hose zu öffnen. Verdammt, das sollte sie lieber nicht tun.

„Halt!“ Er hielt ihre Hand fest.

Überrascht sah Kayla ihn an.

„Es geht zu schnell“, stieß er keuchend hervor. Sie war so ungeheuer sexy. Der enge weiße Pullover spannte sich über den vollen Brüsten, die harten Spitzen waren unter dem dünnen Material gut zu sehen. Die Jeans lagen eng an und umschmiegten Hüften und Po wie eine zweite Haut. Kane hatte reichlich Frauen gekannt, aber eins war ihnen allen gemeinsam gewesen: Sie machten eine Diät nach der anderen und gingen mehrmals in der Woche ins Fitness-Studio, nur damit sie dünn wie Models blieben.

Kayla dagegen hatte heute Abend mit gutem Appetit gegessen, es hatte richtig Spaß gemacht, ihr zuzusehen. Ob ihr sexueller Appetit wohl auch so ausgeprägt war?

Zwei Mal war sie bisher mit einem Mann zusammen gewesen, und sie schien davon nicht besonders angetan gewesen zu sein. Aber die Art und Weise, wie sie ihn eben gestreichelt hatte, wirkte nicht gänzlich unerfahren. Andererseits war sie so frisch und natürlich, dass ihm der Gedanke kam, sie sei viel zu „normal“ für jemanden wie ihn, der die Schattenseiten der Menschen nur zu gut kannte. Aber er konnte nicht mehr zurück. Er sehnte sich unbändig nach ihr, auch wenn es ihm schwerfiel, sich das einzugestehen.

Wieder sah sie ihn an, mit diesem vertrauensvollen Blick, in dem jetzt auch sexuelles Verlangen stand. Sie vertraute ihm, obgleich er sie belogen hatte. Aber er hatte ja auch nie geglaubt, dass sie ihm dermaßen unter die Haut gehen würde. So etwas geschah doch immer nur anderen, nicht ihm. Da sie davon ausging, dass er morgen früh abreiste, sollte er die heutige Nacht nutzen, damit sie sich später an etwas Schönes erinnern konnten.

Er nahm sie bei der Hand, führte sie zu einem der großen Sessel, setzte sich und zog sie auf seinen Schoß, sodass sie rittlings auf ihm saß. „Ist dir immer noch kalt?“

Sie beugte sich vor und kuschelte sich an ihn. „Nicht mehr.“ Sie lachte leise. „Oder sollte ich lieber Ja sagen, damit du mich wärmst?“

Er legte ihr die Hände um die Taille. „Sag lieber gar nichts.“ Er beugte sich vor und küsste sie.

Es war wunderbar, sie zu küssen. Und noch aufregender als vorher. Schnell zog er ihr den Pullover aus der Hose, und sie hob die Arme, damit er ihn ihr über den Kopf ziehen konnte.

Beinahe andächtig strich er mit den Händen über ihren dünnen Satin-BH und spürte die festen Brüste unter den Fingerspitzen. Sie atmete schneller, sah ihm aber unentwegt in die Augen.

„Du bist unbeschreiblich schön.“

Sie hielt den Atem an, als er jetzt den BH öffnete und die Körbchen auseinanderschob. Sein Puls raste. „Ist dir jetzt warm?“, flüsterte er und strich sacht mit den Daumen über die harten Spitzen.

Kayla keuchte leise.

„Das bedeutet wohl ja, oder? Also ist nichts mehr mit heißer Schokolade.“

Sie blickte ihn unter halb geschlossenen Lidern an.

„Aber ich habe Hunger.“ Neben der Thermoskanne stand eine Sprühdose mit Schlagsahne. Er schüttelte sie ein paarmal und tupfte dann die cremige Substanz auf Kaylas Brüste. Kayla schloss die Augen und seufzte.

„Ist etwas?“, fragte er betont unschuldig.

„Ja.“ Sie lachte. „Mir ist kalt.“

„Das können wir ändern.“ Er legte die Hände unter ihre Brüste, beugte sich vor und leckte die Schlagsahne ab.

Kayla stöhnte auf, wandt sich verführerisch auf seinem Schoß und legte die Beine um seine Hüften. Alle Bedenken schienen vergessen, und sie lieferte sich ihm ganz aus.

Das bedeutete, dass sie ihm vertraute. Dass er für sie die Verantwortung übernehmen musste. Auf ihre rhythmischen Bewegungen antwortete sein Körper ganz automatisch. Doch bevor er vollkommen die Kontrolle über sich verlor, schaffte Kane es gerade noch, Kayla hochzuheben und aufzustehen. Taumelnd fielen sie aufs Bett, und unter Lachen, Stöhnen, Streicheln und Küssen befreiten sie sich gegenseitig von ihrer Kleidung. Kane zog schnell ein Kondom aus seiner Hosentasche und legte sich dann neben sie.

Ihre Augen funkelten übermütig, sie hatte jede Scheu verloren. „Ich hätte nie gedacht, dass Sex auch lustig sein kann.“

Sie war nackt und wunderschön und bereit für ihn. Bisher hatte er in einer solchen Situation auch noch nie gelacht. Er grinste. „Dabei haben wir ja noch nicht einmal angefangen.“ Er schob ihr die Hand zwischen die Oberschenkel.

Sie war genau so, wie er sich eine Frau wünschte in dieser Situation, ebenso erregt wie er und voller Ungeduld, der Leidenschaft freien Lauf lassen zu können.

Er drang mit einem Finger weiter vor.

„Kane?“

„Ja?“ Er fühlte, dass die Spannung, die sich in ihm aufgebaut hatte, sich entladen wollte, und zog die Hand wieder zurück.

„Ich möchte lieber, dass du … ich meine, dass wir …“

Er wusste, was sie wollte. Aber sie sollte es länger auskosten können, sollte mehr davon haben als nur die schnelle Raserei der Begierde, sollte sich auch später noch daran erinnern als an etwas ganz Besonderes. Er schob die Hand wieder zu ihrer empfindsamsten Stelle.

„Geduld ist eine Tugend“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Dann kann mir die Tugend gestohlen bleiben.“ Sie strich ihm mit der Hand über den Bauch und umfasste den harten pulsierenden Beweis seines Verlangens.

„Überredet.“

Schnell streifte er den hauchdünnen Schutz über, dann packte er sie bei den Handgelenken und hielt sie fest, während er langsam in sie eindrang. Er durfte nicht vergessen, dass sie lange nicht mit einem Mann zusammen gewesen war. Aber er selbst hatte das Gefühl, als sei er das erste Mal mit einer Frau vereint, so wunderbar harmonierten ihre Körper. Und kurz bevor er den Höhepunkt erreichte, schoss ihm durch den Kopf, dass er so etwas vielleicht nie wieder erleben würde.

Kane wachte auf, als er das Rascheln von Stoff hörte. Er rollte sich auf den Rücken und sah, dass Kayla sich anzog. Schlagartig war die Erinnerung an letzte Nacht wieder da, und schon war er hart vor Erregung. Er begehrte sie, noch stärker als beim ersten Mal.

Es sah so aus, als wollte sie sich heimlich davonschleichen, bevor er aufwachte. Das hatte er selbst oft genug getan, und erst jetzt erkannte er, wie weh ein solches Verhalten tat. Das Gefühl des Verlustes traf ihn wie ein Schlag.

Bereute Kayla, was passiert war? War es ihr peinlich, oder war es für sie wirklich nicht mehr gewesen als ein flüchtiges Abenteuer?

„Wohin willst du?“

Sie fuhr herum und starrte ihn an. „Ich wollte …“

„Gehen?“

„Mich anziehen, bevor du aufwachst. Ich glaube, eine schnelle Trennung ist das Beste für uns beide. Du musst doch heute sowieso nach New Hampshire zurück, was sollen wir uns da den Abschied schwer machen?“ Sie lächelte.

Er setzte sich auf, zog seine Hose vom Stuhl und suchte nach seiner Brieftasche. Was bedeutete er ihr? Sie hatte anfangs nicht mit ihm ausgehen wollen, sondern erst, als er behauptete, er brauche ihren professionellen Rat. Was war er nun für sie, lediglich ein Schüler, den sie aufregend fand, oder mehr?

Schon bevor er mit ihr schlief, war ihm klar, dass sie keine Prostituierte war und auch nichts von einem Callgirl-Ring wusste, sollte es tatsächlich einen geben. Aber sie war eine Frau, die ihm gefährlich werden konnte, weil sie so war, wie sie war – sanft, liebevoll und leidenschaftlich. Er würde seinen Job nicht machen können, wenn er sich nicht eine gewisse innere Härte erhielt und sich stattdessen durch die Liebe einer Frau beeinflussen ließ.

Er musste sie gehen lassen. Und dennoch musste er wissen, was sie wirklich für ihn empfand.

Er öffnete das Portemonnaie und wandte sich zu ihr um. „Wir haben uns zwar nie über den Preis unterhalten, aber das hier wird wohl ausreichen für die Unterrichtsstunden von gestern.“ Vielleicht war sie der Meinung, dass sie ihm nichts beigebracht hatte, aber das stimmte nicht. Er hatte die qualvolle Lektion begriffen. Er durfte eine Frau wie sie nicht an sich heranlassen. Er warf ein paar Geldscheine auf das Bett.

Bitte, lass das Geld liegen, dachte er nur. Er verabscheute sich selbst für das, was er tat, aber er konnte nicht anders, er musste ihre Reaktion testen.

Sie war gerade dabei, sich das Blouson überzuziehen, und hielt mitten in der Bewegung inne. „Was soll das?“

„Du hattest gesagt, wir wollten erst mal abwarten, wie alles läuft.“ Er zeigte auf das Geld. „Das hier ist für die geleisteten Dienste.“

4. KAPITEL

Kayla starrte ungläubig auf das Geld. „Für geleistete Dienste?“, wiederholte sie benommen.

„Du hast doch gesagt, wir wollten sehen, wie es läuft.“

Das stimmte, und sie hatte es gesehen. Es war unbeschreiblich schön gewesen. Deshalb hatte sie auch heimlich verschwinden wollen, denn er musste ja sowieso fort. Und sie wollte den traurigen Abschied vermeiden, das gezwungene Lächeln, die Verlegenheit. Außerdem wusste er ja, wo sie zu finden war.

Wie dumm sie gewesen war! Wie naiv! Kane war zwar der bessere Liebhaber, aber alles lief ab wie bei ihrem letzten Erlebnis vor einigen Jahren. „Sei doch vernünftig, Kayla, ich komm bei Gelegenheit mal wieder vorbei.“ Nie hatten die Männer sie, Kayla Luck, wirklich gewollt.

Aber Kane sollte nicht merken, wie tief er sie verletzt hatte. Sie nahm die Schultern zurück. „Du hast recht, wir haben uns nie über den Preis unterhalten.“ Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen und blickte über ihn hinweg auf einen imaginären Punkt an der Wand. Sie hätte Kane am liebsten ins Gesicht geschlagen und ihn angeschrien, dass die letzte Nacht nicht gut genug war, um Geld dafür zu nehmen, aber sie brachte es einfach nicht über sich. Andererseits musste sie ihm eine Lektion erteilen, denn kein Mann hatte das Recht, sie wie ein Flittchen zu behandeln.

Sie blickte ihm in die Augen. „Wissen Sie was, McDermott? Sie und Ihr Geld können mich mal!“ Der Ausdruck in seinen Augen veränderte sich. War es Erleichterung oder Bedauern, was sie darin las? Auf keinen Fall das, was sie gehofft hatte zu sehen. Egal. Trotz seines Charmes war McDermott auch nicht besser als alle anderen.

Sie zog die Jacke über und stürzte aus der Tür.

Kane versuchte nicht, sie zurückzuhalten.

„Kein Geld hat den Besitzer gewechselt letzte Nacht? Okay, McDermott, dann würde ich sagen, der Fall ist abgeschlossen.“ Reid lehnte sich gegen Kanes Schreibtisch.

„Kayla Luck ist sauber, Chef.“

„Verdammt.“ Reid zerknüllte ein Stück Papier und warf es in den Papierkorb. „Die reine Zeitverschwendung!“

„Sieht so aus.“

„Und dennoch klang der Informant zuverlässig. Und die Hinweise, die er uns gegeben hat, trafen auch zu. Ich hätte schwören können, dass dieses Etablissement von einer Reihe unserer bekanntesten Politiker aufgesucht wurde. Könnte es sein, dass in dem Laden irgendwelche krummen Geschäfte liefen, bevor Miss Luck ihn übernommen hat?“

„Das ist unwahrscheinlich“, entgegnete Kane. „Sie hat ja schon mit Tante und Onkel zusammengearbeitet und ihnen außerdem die Bücher geführt. Jetzt leitet sie die Schule selbst. Sie würde es wissen, wenn da etwas Illegales läuft oder früher gelaufen ist.“

„Könnte es sein, dass sie einen Tipp bekommen und dich reingelegt hat?“

„Nein, sie ist unschuldig. Den Eid nehme ich auf meine Dienstmarke.“

„So?“ Reid sah ihn erstaunt an. „Das ist ja mal etwas ganz Neues.“

„Wieso, ich habe mich doch immer auf meinen Instinkt verlassen.“

„Aber du hast nie einem anderen Menschen vertraut, schon gar nicht einer Frau.“ Er musterte Kane kurz. „Bis jetzt. Na gut.“ Er stand auf und verließ den Raum.

Ins Schwarze getroffen, dachte Kane. Er konnte der Wahrheit nicht länger ausweichen, sosehr er es auch versuchte, seit Kayla ihn heute Morgen verlassen hatte.

Der Captain hatte recht. Kane hatte ihr vertraut und damit seine Unverwundbarkeit aufgegeben. Für einen Moment hatte er sich vorgestellt, wie anders das Leben sein könnte. So lange hatte er keine echte Beziehung zu einem anderen Menschen gehabt. Kayla hatte ihm gezeigt, dass es mehr gab als Essen, Schlafen und Arbeiten. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er sich wieder voller Leben gefühlt, und er sehnte sich nach diesem Zustand zurück. Aber was hatte er ihr schon zu bieten?

Er hatte ihr Geld angeboten, das war widerlich und durch nichts wiedergutzumachen. Er wollte beweisen, dass sie kein Flittchen war, und hatte sie doch genauso behandelt. Ihren Blick, als sie ging, würde er nie vergessen.

Letzten Endes aber hatte er ihnen beiden damit einen Gefallen getan. Zwischenmenschliche Beziehungen waren nicht sein Ding, und das wusste sie nun auch. Außerdem konnte sie ihm und seiner Arbeit gefährlich werden, und das konnte er sich nicht leisten. Die Trennung war hart, aber notwendig.

„McDermott.“

Kane blickte durch die gläserne Trennwand in Reids Büro.

Der Captain wedelte mit einem Stück Papier. „Ich erwarte deinen Bericht heute Abend, der Fall ist abgeschlossen.“

„Okay.“

„Außerdem siehst du fürchterlich aus. Also sorg dafür, dass du schnell damit fertig wirst, und dann ab nach Hause. Vor Mitte nächster Woche will ich dich nicht wieder sehen.“

Kane nickte. Er spannte ein Blatt Papier in die Schreibmaschine ein. Durch den Bericht war er gezwungen, alles noch mal zu rekapitulieren, auch wenn er die intimen Einzelheiten natürlich ausließ. Kayla war wunderbar gewesen … Energisch haute er in die Tasten. Verdammt noch mal, das war eine Bettgeschichte für eine Nacht gewesen, und er sollte ihr dankbar sein, dass sie zuerst gegangen war.

Das alles wäre nicht passiert, wenn er seinem Instinkt vertraut hätte. Er hatte zu oft miterlebt, wie die Kollegen wegen einer Frau in Schwierigkeiten kamen. Und er hatte immer geglaubt, das könnte ihm nicht passieren, weil er zu tieferen Beziehungen gar nicht fähig war.

Sein Vater war verschwunden, als Kane fünf Jahre alt war. Sechs Jahre später wurde seine Mutter von einem Autobus überfahren. Und sein Onkel hatte ihn nur aufgenommen, um die Waisenrente zu kassieren. Aber so brauchte der kleine Kane zumindest nicht ins Waisenhaus.

Im Grunde war er immer auf sich allein angewiesen gewesen, und das, so hatte er bisher gefunden, war auch gut so. Doch seit er Kayla kannte, zweifelte er daran.

Kayla hatte keine Lust, sich den bohrenden Fragen ihrer Schwester auszusetzen. Aber sie wusste, dass Arbeit das Einzige war, was sie ablenken konnte. Sie nahm sich ein Taxi und fuhr zu CHARME. Bei jeder Bewegung schmerzten ihre Glieder, und das erinnerte sie an Kane. Der Gedanke an ihn weckte sofort wieder Begierde in ihr. Was war bloß mit ihr los? Der Mann hatte ihr schließlich Geld angeboten, da wusste sie doch, was er von ihr hielt.

Ob das Haus wohl inzwischen ausgekühlt war? Wahrscheinlich ja, wenn Kane so gut Sachen reparieren wie Frauen verführen konnte. Sie öffnete die Tür. Tatsächlich, es war kühl. Sie streckte die Hand aus und suchte nach dem Lichtschalter.

Doch bevor sie Licht machen konnte, packte sie jemand beim Arm, riss sie in den dunklen Nebenraum, legte ihr einen Arm um den Hals und presste ihr die Hand auf den Mund. Sie versuchte zu schreien und sich zu wehren, aber je mehr sie sich bewegte, desto fester wurde die Umklammerung.

„Bleiben Sie ganz ruhig, Lady“, flüsterte eine Männerstimme. Der Mann roch nach Alkohol und Zigaretten. „Wo ist das Geld?“

Sie schüttelte nur den Kopf, und der Mann nahm kurz die Hand von ihrem Mund. „Ich weiß es nicht …“

Sofort spürte sie wieder seinen würgenden Griff. „Gut“, stieß sie hervor, „hier im Haus ist kein Geld, aber …“

„Kayla?“ Das war Catherines Stimme. „Bist du wieder da? Komm raus aus deinem Versteck. Du musst mir alles erzählen!“

Mit einem Fluch ließ der Mann sie los und schleuderte sie von sich, sodass sie hart mit der Stirn auf dem Boden aufschlug. Dann hörte sie, wie sich seine Schritte entfernten.

„Kayla, ich weiß, dass du hier bist.“

Die Tür öffnete sich, und Catherine knipste das Licht an. „O mein Gott, was ist passiert?“

Nur mit Mühe konnte Kayla den Kopf heben und sah sich in dem Raum um. „Er hat alles verwüstet.“

Catherine kniete neben ihr nieder. „Wer? Was ist los?“

„Ich weiß es nicht.“ Kayla versuchte aufzustehen, aber ihr wurde schwarz vor Augen, und sie musste sich gegen die Wand lehnen.

„Bleib sitzen. Ich ruf die Polizei.“

Kayla nickte und schloss die Augen. Sie hatte keine Ahnung, wie der Einbrecher hereingekommen war.

Catherine kam zurück und kniete sich wieder neben sie. Sie legte Kayla vorsichtig einen kalten nassen Lappen auf die Stirn. „Die Polizei kommt gleich.“

„Wie kam er bloß auf die Idee, dass wir hier Geld versteckt haben, Cat?“

„Ich habe nicht den blassesten Schimmer, aber das ist jetzt auch ganz egal.“ Catherine setzte sich neben die Schwester, und Kayla legte ihr den Kopf auf die Schulter.

Dies war der einzige Mensch, dem sie vertrauen konnte, und so erzählte sie ihr alles über Kane McDermott, von dem Essen angefangen bis zu ihrer hastigen Flucht aus seinem Hotelzimmer. Es tat so unendlich gut, die Last mit jemandem zu teilen, und Catherine unterbrach sie nicht, sondern hielt sie nur in den Armen und ließ sie reden.

„Ich habe Ihnen doch schon erzählt, dass er mich von der Seite angegriffen hat, als ich durch die Tür trat.“ Kayla presste sich den kalten Lappen gegen die Stirn. Ihr war immer noch übel.

„Der Krankenwagen kommt gleich“, sagte Catherine leise und legte ihr den Arm um die Schulter.

„Also, wenn ich Sie richtig verstanden habe, suchte er nach Geld, und Sie wollen behaupten, Sie hätten kein Geld?“

Jetzt konnte Catherine nicht länger an sich halten. „Sagen Sie mal, Sie sind wohl neu bei der Polizei? Sonst würde Ihnen ja wohl klar sein, dass sie das Opfer ist. Gehört das zu den neuen Polizeimethoden, hilflosen Menschen so zuzusetzen? Ich werde mich bei Ihrer vorgesetzten Dienststelle beschweren. Wie ist Ihre Dienstnummer?“

Jetzt geht Catherine zu weit, dachte Kayla, obgleich sie das Verhalten des Polizisten auch nicht verstand.

Der Polizist ging in die Hocke und sah Kayla durchdringend an. „Der Kerl hat immerhin diesen Raum verwüstet und hat Sie angegriffen. Er hat ganz eindeutig nach Geld gesucht. Warum ausgerechnet hier? Na los, warum wollen Sie mir nicht helfen?“

Catherine sprang auf. „Können Sie mir mal sagen, warum Sie meine Schwester wie eine Verbrecherin behandeln anstatt als Opfer?“

„Das würde mich auch interessieren“, erklärte eine Kayla nur allzu vertraute Stimme.

Kane war zu ihr gekommen. Sie stand schwerfällig auf und wandte sich zu ihm um. Ihr Kopf dröhnte.

„Was wollen Sie denn hier?“, fuhr Catherine ihn an.

Kane stand im Türeingang und sah wütend und gefährlich aus. So hatte Kayla ihn noch nie erlebt. Er achtete nicht auf Catherine, sondern sah Kayla an, und sein Blick wurde weich.

Er trat auf sie zu und streckte die Arme aus. Erleichtert warf sie sich ihm an die Brust. „Was ist los, Sergeant? Seit wann geht die Polizei so ruppig mit harmlosen Bürgern um?“

Der junge Polizist wurde rot. „Tut mir leid, Detective, aber …“

„Detective?“

Kayla machte sich schnell von Kane los, und er sah sie unglücklich an. Dass sie auf diese Weise die Wahrheit über ihn herausfinden musste, passte ihm ganz und gar nicht. Aber nichts schien nach Plan zu gehen, seit er Kayla Luck kennengelernt hatte.

Er hatte das Polizeigebäude schon fast verlassen, als der Notruf eintraf, und der Captain hatte ihn zurückgerufen. Er hätte den Auftrag ablehnen sollen, aber er hatte große Angst um Kayla.

Sie sah leichenblass aus, und an der Stirn hatte sie eine große Beule. Gegen ihren Widerstand ergriff er Kayla beim Arm.

„Wo wollen Sie mit ihr hin?“

Kane warf Catherine einen kurzen Blick zu. „Zum nächsten Stuhl.

Wer sind Sie denn, ihre Schwester oder ihr Wachhund?“

Catherine wollte schon aufbrausen, aber Kayla hob beschwichtigend die Hand. „Lass, Catherine, er hat recht. Ich muss mich unbedingt setzen.“

Kane führte sie aus dem Raum, und als sie sich schwer auf ihn stützte, musste er an gestern Nacht denken. Er konnte sie nicht vergessen, das war ihm jetzt ganz klar. Er wünschte, es hätte diese böse Szene zwischen ihnen nie gegeben.

Sowie Kayla auf dem Sessel saß, machte sie sich mit einer ...

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