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Verliebt in eine Kidnapperin?

Judy Duarte

Verliebt in eine Kidnapperin?

1. KAPITEL

Dr. Jeremy Fortune verließ das Krankenhaus von Red Rock durch den Haupteingang und eilte zum Parkplatz. Seine Stimmung war ebenso düster wie die Regenwolken, die sich über ihm auftürmten.

Seit mehr als einem Monat war sein Vater verschwunden und galt inzwischen als vermisst. Ausgerechnet an dem Tag, an dem er zum zweiten Mal heiraten wollte, war er verschwunden. Trotz aller Bemühungen, ihn zu finden, hatte es nur wenige Hinweise gegeben, und die hatten allesamt in eine Sackgasse geführt.

Hundert Meilen außerhalb der Stadt hatte William Fortune einen Autounfall gehabt. Die junge Frau in dem anderen Wagen war bei der Kollision ums Leben gekommen. Dass ein zweites Fahrzeug an dem Unfall beteiligt war, stellte die Polizei erst fest, nachdem sie Williams silberfarbenen Mercedes in einer unwegsamen, von dichtem Gebüsch bewachsenen Stelle unterhalb einer steilen Böschung entdeckt hatte, zu der man nur durch ein ausgetrocknetes Flussbett gelangte.

Es gab jedoch nicht den geringsten Hinweis auf William – keine Blutspuren, keine Anzeichen für Verletzungen … oder noch Schlimmeres. Er war wie vom Erdboden verschluckt.

Hinter der Sonnenblende hatte man ein Foto von seiner ersten Frau Molly gefunden. Daraufhin hatten einige Klatschblätter spekuliert, möglicherweise sei er absichtlich untergetaucht. Jeremy wusste, dass das Unsinn war.

William Fortune hatte es nämlich kaum erwarten können, mit Lily, der Witwe seines Cousins Ryan, den heiligen Bund der Ehe zu schließen. Er freute sich darauf, den Rest seines Lebens mit der Frau zu verbringen, in die er sich vor Kurzem verliebt hatte. Darüber hinaus bedeuteten ihm seine Familie und Freunde sehr viel. Er hätte sie niemals verlassen – jedenfalls nicht freiwillig.

Zuerst hatte Jeremy befürchtet, sein Vater sei entführt worden, aber es gab weder schriftliche noch telefonische Lösegeldforderungen.

Wo also steckte er?

Jeremy war Orthopäde, der mit Feuereifer seinem Beruf nachging. Als Arzt verließ er sich grundsätzlich auf seinen gesunden Menschenverstand, wenn es darum ging, Probleme zu lösen. Aber das Verschwinden seines Vaters entbehrte jeder Logik.

Normalerweise gab Jeremy nicht viel auf Gefühle oder Vorahnungen. Dennoch glaubte er nach wie vor daran, dass sein Vater noch lebte – irgendwo da draußen.

Jedenfalls würde er erst nach Kalifornien zurückkehren, wenn sein Vater gefunden worden war. Deshalb hatte er sich von der Gemeinschaftspraxis in Sacramento beurlauben lassen, was ihm übrigens nicht halb so viel ausmachte, wie er befürchtet hatte.

Vielleicht lag es daran, dass er schon seit Längerem – und zwar, bevor er zur geplanten Hochzeit seines Vaters nach Red Rock gekommen war – darüber nachdachte, seinem Leben eine neue Wendung zu geben. Ein bisschen Distanz vom Alltag, so hoffte er, würde ihm dabei helfen, sich Klarheit zu verschaffen.

Um sich jedoch nützlich zu machen und seine Zeit nicht sinnlos verstreichen zu lassen, arbeitete er auf freiwilliger Basis im Krankenhaus von Red Rock, das mit Mitteln der Fortune-Stiftung finanziert wurde.

Er schaute auf seine Armbanduhr. Es war kurz nach halb fünf und noch zu früh für seine Verabredung. Am Abend wollte er sich mit seinem Bruder und seiner Schwägerin im Red treffen, seinem Lieblingsrestaurant in der Stadt. Andererseits lohnte es sich auch nicht mehr, zur Double Crown Ranch, wo er derzeit wohnte, hinauszufahren, nur um kurz darauf wieder ins Zentrum zurückzukehren.

Vielleicht sollte er in einem Buchladen herumstöbern, ehe er sich mit Drew und Deanna traf. Da er in letzter Zeit schlecht schlief, hatte er viel Zeit zum Lesen.

Auf dem Weg zu seinem Auto musste er an seinen Traum von vergangener Nacht denken. Seltsamerweise hatte er seine düstere Stimmung etwas aufgehellt. Dabei gab Jeremy überhaupt nichts auf Träume. In diesem war er durch eine Allee gefahren, wie es sie in den besseren Gegenden von Red Rock gab. Die Nachmittagssonne hatte die Szenerie in goldgelbes Licht getaucht.

Er war in die Einfahrt eines einstöckigen Hauses eingebogen, das gerade frisch gestrichen war – in Weiß und Grün und mit schwarz abgesetzten Rändern. Sorgfältig geschnittene Pflanzen und Büsche säumten einen gepflegten Rasen. Auf der Veranda saß eine bezaubernde Frau in einem Schaukelstuhl neben einem schwarzen Blumenkasten, der mit farbenprächtigen Blumen bepflanzt war.

Die Szene erinnerte ihn an ein Bild von Norman Rockwell, dem berühmten Maler amerikanischer Idyllen, und plötzlich war ihm ums Herz ganz leicht geworden.

Er versuchte die Frau zu erkennen. Sie war in den Anblick eines in rosafarbenes Flanell gehüllten Bündels in ihrem Arm vertieft. Die hellbraunen Locken fielen ihr ins Gesicht, das er nicht sehen konnte.

„Ich bin wieder da!“, rief er, während er aus dem Auto stieg und die Tür verschloss. Er eilte die Einfahrt hinauf, um Mutter und Kind zu begrüßen. Die düstere Stimmung der vergangenen Wochen war wie weggeblasen. So glücklich hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt.

Gerade als die Frau ihm das Gesicht zuwenden wollte, endete der Traum abrupt, und unvermittelt war aus dem Frühling Herbst und aus dem Tag Nacht geworden.

Jeremy wusste, dass das Unterbewusstsein im Schlaf seltsame Dinge mit den Menschen anstellte, aber für einen kurzen Augenblick hatte er sich beschwingt und unbeschwert gefühlt. Beim Aufwachen wurde ihm klar, was er in seinem nach außen hin so erfolgreichen Leben vermisste – eine Frau und Kinder.

Schade, dass er die Frau in seinem Traum nicht erkannt hatte. Letztlich spielte es zwar keine Rolle, denn ihr Bild war rein symbolisch gewesen – ein Ersatz für das, was ihm fehlte.

Plötzlich hörte er Schritte hinter sich. Er schaute sich um und bemerkte eine zierliche Frau, die sich ihm näherte. Sie trug eng anliegende Jeans, ein hübsches weißes T-Shirt und eine rosafarbene Jacke gegen die Kälte. Auf dem Arm trug sie ein Baby, das in ein blaues Tuch gewickelt war. Sie hielt den Kopf gesenkt und betrachtete den Säugling.

Seltsam … ihr hellbraunes Haar erinnerte ihn an die Frau aus seinem Traum.

Obwohl er nach wie vor nicht an Träume glaubte, fühlte er sich auf merkwürdige Weise zu ihr hingezogen.

Jetzt schaute sie auf und entdeckte ihn. Sie öffnete den Mund und verlangsamte ihr Tempo. Ihr Gesicht hätte das Titelblatt einer Zeitschrift geziert. Dichte Wimpern umrahmten ihre ausdrucksvollen blauen Augen.

„Entschuldigen Sie“, sprach sie ihn an, während sie den Henkel ihrer Wickeltasche straffer zog. „Sind Sie Arzt?“

Die Frage lag nahe, denn Jeremy trug noch seinen Arztkittel. „Ja.“

„Gott sei Dank. Ich wollte mein Baby untersuchen lassen, aber …“

„Ich bin kein Kinderarzt, sondern Orthopäde“, unterbrach Jeremy sie. „Aber die Ambulanz ist noch geöffnet. Da wird sich bestimmt jemand um Ihr Baby kümmern.“

Nervös schaute sie sich um. „Ich kann nicht warten. Und ich mache mir Sorgen um ihn. Ich möchte nur sichergehen, dass ihm nichts fehlt.“

„Was ist denn das Problem? Fieber oder sonstige Symptome?“

„Eigentlich gar nichts.“ Sie betrachtete den kleinen Kerl in ihrem Arm. Dann schaute sie erneut Jeremy an. „Ich möchte nur wissen, ob er gesund ist.“

Seltsam, dachte er. Dennoch trat er einen Schritt näher, um einen Blick auf das Baby zu werfen. Der Junge mochte etwa zwei Monate alt sein. Seine Augen waren hellwach, er hatte pausbäckige Wangen und runde Arme. Nichts deutete auf eine Krankheit oder eine Vernachlässigung hin.

„Wie schon gesagt, ich bin kein Kinderarzt“, wiederholte Jeremy. „Und ohne eine gründliche Untersuchung kann man ohnehin nichts feststellen. Aber auf mich macht er nicht den Eindruck, als fehlte ihm etwas.“

Sie seufzte erleichtert. „Gott sei Dank.“

Warum war sie bloß so nervös?

„Die ambulante Behandlung ist übrigens kostenlos …“

„Danke, aber das ist nicht das Problem. Ich habe schon eine Stunde im Wartezimmer gesessen, und es waren immer noch einige Patienten vor mir an der Reihe. Und jetzt muss ich unbedingt nach Hause.“

Wahrscheinlich zu ihrem Mann, mutmaßte er. Was ihn, aus welchem Grund auch immer, ein wenig enttäuschte.

Verstohlen musterte er die Frau. Vielleicht konnte es nicht schaden, das Baby auf Verletzungen und Prellungen zu untersuchen.

Er streichelte die Wange des Kleinen, der sofort nach seinem Finger griff und ihn festhielt. Sein Herz schlug schneller. Was war denn das nun für eine Reaktion?

Die Frau blickte auf ihre Armbanduhr. „Entschuldigen Sie, aber ich muss wirklich los.“

Sie dankte ihm, dass er sich Zeit genommen hatte, drehte sich um und eilte zur Straße.

Wie angewurzelt blieb Jeremy auf dem Parkplatz stehen und sah ihr nach, bis sie die Bushaltestelle erreichte.

Steckte sie in irgendwelchen Schwierigkeiten? Hatte sie möglicherweise einen gewalttätigen Freund oder Ehemann?

War sie – oder das Baby – geschlagen worden?

Vielleicht hätte er sie doch dazu überreden sollen, die Ambulanz aufzusuchen.

Mit einem Blick auf seine Armbanduhr stellte Jeremy fest, dass er noch viel Zeit hatte. Er drehte sich um und ging zurück ins Krankenhaus. Millie Arden, die mütterliche Empfangsdame mit den grauen Haaren und roten Wangen, lächelte ihm zu. Er bat sie um eine Auskunft.

„Natürlich, Doktor. Worum geht es?“

„Haben Sie vielleicht eine Mutter etwa Mitte zwanzig gesehen, die vor ein paar Minuten hier vorbeigekommen ist? Sie hatte hellbraunes Haar und trug Jeans und eine pinkfarbene Jacke. Ihr Baby hatte sie in einen blauen Schal gewickelt.“

„Aber ja. Sie heißt …“, Millie fuhr mit dem Finger die Namen auf der Patientenliste entlang, „… Kirsten Allen.“

Ob das ihr wirklicher Name war?

„War sie schon mal hier?“, wollte er wissen.

„Moment mal.“ Millie schaute in ihren Computer. Nach einer kurzen Suche schüttelte sie den Kopf. „Sieht nicht so aus.“

Jeremy sollte die Sache auf sich beruhen lassen, aber irgendwie kam er nicht davon los. Kirsten Allen erinnerte ihn zu sehr an seinen Traum.

Sie hatte sogar ein Baby …

Natürlich war das nur ein Zufall, eine Laune des Schicksals.

Aber während der kurzen Unterhaltung mit ihr war seine melancholische Stimmung wie weggeweht gewesen. Und er fühlte sich noch immer ganz beschwingt.

Kirsten Allen stieg aus dem Bus und lief die paar Blocks bis zur Lone Star Lane. Den kleinen Anthony hielt sie fest an sich gedrückt. Hoffentlich war sie noch vor Max zu Hause. Ihr Bruder musste nicht unbedingt mitbekommen, dass sie mit seinem Sohn im Krankenhaus gewesen war.

Er hätte es bestimmt als Einmischung in seine Angelegenheiten empfunden. Womit er nicht ganz unrecht hatte. Abgesehen davon, dass ihre Beziehung immer schon problematisch gewesen war – er fühlte sich von der älteren Schwester bevormundet –, hätte sie nicht ohne sein Wissen mit dem Baby in die Klinik fahren dürfen.

Aber Kirsten wollte unbedingt auf Nummer sicher gehen. Sie musste wissen, ob dem Kleinen wirklich nichts fehlte. Auf Anthonys Mutter war in dieser Beziehung schließlich kein Verlass.

Vor ein paar Tagen hatte Courtney, die Exfreundin ihres Bruders, das Baby bei ihm abgeliefert und verkündet, dass sie keine Lust mehr hatte, Mutter zu sein. Jetzt sei Max an der Reihe, seinen elterlichen Pflichten nachzukommen.

Kirsten hatte Courtney nie gemocht, sich jedoch nichts anmerken lassen. Doch als die unberechenbare junge Frau das Baby einem vollkommen verblüfften Max in den Arm drückte – inklusive einem Kindersitz, einem Paket Windeln und einer Flasche Muttermilchersatz –, war es ihr schwergefallen, den Mund zu halten. Aber bevor sie etwas sagen konnte, hatte Courtney auf dem Absatz kehrtgemacht und war davongerauscht.

Anthony war bestimmt besser dran ohne Courtney. Kirsten hatte nie verstanden, warum Max sich überhaupt mit dieser Frau eingelassen hatte. Was mochte er bloß an ihr gefunden haben?

Zu seiner Ehrenrettung musste sie zugeben, dass er sich seiner neuen Aufgabe hingebungsvoll widmete. Egal, wie leichtsinnig er früher gewesen war – die Verantwortung für Anthony hatte er ohne zu murren übernommen.

Und weil Kirsten sich ebenfalls verantwortlich fühlte, war sie mit dem Baby ins Krankenhaus gefahren. Leider war das Wartezimmer bis auf den letzten Platz besetzt gewesen, und sie hatte unmöglich warten können, bis sie an der Reihe war.

Glücklicherweise war ihr auf dem Weg zur Bushaltestelle ein Arzt über den Weg gelaufen, und sie hatte ihren ganzen Mut zusammengenommen und ihn angesprochen. Der Doktor war der Meinung gewesen, dass mit dem Kind alles in Ordnung sei.

Eine gründliche Untersuchung ersetzte das natürlich nicht. Sie hatte Max ständig gedrängt, Courtney zu fragen, ob Anthony überhaupt geimpft war. Max war von den Ermahnungen seiner Schwester ziemlich genervt. Barsch hatte er ihr erklärt, dass er Courtney nirgendwo erreichen könne. Und überhaupt könne er allein für das Baby sorgen.

Das allerdings bezweifelte Kirsten. Deshalb war sie hinter Max’ Rücken in die Klinik gefahren. Sollte er ruhig sauer sein, weil sie sich immer noch in seine Angelegenheiten einmischte. Aber dieses Mal ging es schließlich um das Wohlergehen des Babys. Das musste er einfach einsehen.

Sie schloss die Haustür auf und stellte die Wickeltasche im Flur ab. „Wir wär’s mit einem Fläschchen?“, fragte sie Anthony. Das Baby wurde alle drei bis vier Stunden gefüttert. Bestimmt hatte es wieder Hunger.

Prompt begann Anthony zu brüllen. In aller Eile bereitete sie seine Mahlzeit vor – Milchpulver, angerührt mit destilliertem Wasser. Hätte sie doch bloß mehr Erfahrung im Umgang mit Babys. Die erste Zeit mit Anthony war für sie und Max recht anstrengend gewesen, aber von Tag zu Tag klappte es besser. Allmählich fand sie sogar Spaß daran, sich um ein Baby zu kümmern, und sie fragte sich, wie es wohl wäre, irgendwann einmal eine eigene Familie zu haben.

Mit der Flasche in der einen Hand und Anthony auf dem Arm ließ sie sich in einem Sessel am Fenster nieder. Gierig umschlossen seine Lippen den Sauger, und er begann so hastig zu trinken, als sei er kurz vorm Verhungern.

Ein Baby mit solchem Appetit musste eigentlich gesund sein. Trotzdem würde sie noch einmal mit ihm ins Krankenhaus fahren, wenn sich die Gelegenheit ergab und Max nicht zu Hause war. Vielleicht war bis dahin ihr Wagen aus der Werkstatt, und sie würde nicht den Bus nehmen müssen. Das kostete doch jedes Mal viel Zeit.

Wenigstens war sie früher als Max nach Hause gekommen.

Sie wunderte sich über sich selbst, wenn sie daran dachte, dass sie einfach einen Arzt auf dem Parkplatz angesprochen hatte. Was man nicht alles aus Sorge tat! Wieder einmal hatte sie mit dem Herzen anstatt mit dem Kopf gedacht.

Aber dann hatte sie der gut aussehende Arzt mit den hellblonden Haaren und den sanften blauen Augen angeschaut, als wären sie sich schon irgendwo einmal begegnet, und ihr war ganz warm geworden. Nein, sie hatten sich zuvor noch nie gesehen. An einen so attraktiven Mann hätte sie sich gewiss erinnert.

Hätte sie ihn doch bloß nach seinem Namen gefragt! Leider war sie viel zu nervös gewesen, um an so etwas zu denken.

Wahrscheinlich hatte er sie ohnehin für verrückt gehalten. Schade eigentlich. Sie wünschte, sie hätte bei dem Orthopäden einen guten Eindruck hinterlassen, nachdem er so liebenswürdig zu ihr gewesen war. Zu dumm, dass sie unbedingt den Bus erwischen musste, um vor ihrem Bruder zu Hause zu sein.

Nachdem Anthony das Fläschchen leer getrunken hatte, legte sie ihn über die Schulter und klopfte ihm auf den Rücken, bis er ein Bäuerchen machte.

In diesem Moment wurde die Haustür geöffnet.

Kurz darauf tauchte Max an der Wohnzimmertür auf.

„Na, wie ist die Jobsuche gelaufen?“, fragte sie.

Ihr Bruder stieß einen Seufzer aus. „Erfolglos. Du wirst uns also noch eine Weile ertragen müssen.“

„Kein Problem.“ Es machte ihr nichts aus, sich um Anthony zu kümmern. Mit Max war es etwas anderes. „Ich helfe euch doch gern.“

„Und was ist mit deiner Arbeit? Du musst schließlich auch deine Miete zahlen und kannst nicht ewig bei Anthony bleiben.“

Ebenso wenig wie Max. Er brauchte unbedingt einen Job, bei dem er so viel verdiente, dass er sich eine Wohnung und eine Kinderfrau leisten konnte.

„Fürs Erste sorge ich für ihn“, beruhigte Kirsten ihren Bruder. „Warten wir doch einfach mal ab.“

Etwas anderes blieb ihr auch gar nicht übrig, seit sie Max und Anthony in ihr Haus aufgenommen hatte. Was hätte sie auch tun sollen? Erstens war er ihr einziger Angehöriger, und zweitens hatte sie sich schon immer für ihren Bruder verantwortlich gefühlt.

Was leider dazu geführt hatte, dass er aufgrund ihrer fürsorglichen Art ziemlich unselbstständig geworden war. Je mehr Geld sie ihm gab, desto mehr schien er zu brauchen. In einem Ratgeber hatte sie gelesen, dass sie ihm keinesfalls half, wenn sie ihn dauernd aus irgendeinem Schlamassel zog.

Deshalb hatte sie Max vor vollendete Tatsachen gestellt: Er sei jetzt erwachsen und müsse selbst sehen, wie er zurechtkomme, hatte sie ihn ermahnt. Damals war er vierundzwanzig gewesen und hatte gerade Courtney kennengelernt. Also war er mit ihr zusammengezogen.

Kurz darauf hatte er tatsächlich eine Stelle in einer Tierhandlung gefunden und fast zwei Jahre dort gearbeitet – bis der Besitzer den Laden verkaufte.

Es war ein Schock für ihn gewesen – und für Kirsten ebenfalls. Aber es war ja nicht seine Schuld gewesen. Sein Chef wollte sich zur Ruhe setzen, und da der neue Besitzer eine große Familie hatte und seine Kinder im Geschäft unterbringen wollte, wurde Max gefeuert.

Natürlich war er jetzt nicht mehr in der Lage, seine Miete zu zahlen. Deshalb hatte sie ihn vorübergehend bei sich aufgenommen, bis er eine neue Stelle fand. Sie konnte schließlich nicht zulassen, dass er auf der Straße landete.

Dann war Anthony dazugekommen, und obwohl das Verhältnis zwischen Schwester und Bruder wieder komplizierter wurde, hätte sie ihn und seinen Sohn jetzt erst recht nicht vor die Tür setzen können.

Liebevoll betrachtete sie das Kind auf ihrem Arm. Es hatte die Augen geschlossen und die Lippen noch immer um den Sauger gepresst.

„Und wie war dein Tag?“ Max ließ sich aufs Sofa fallen. „Hat das Baby dich genervt?“

„Wir hatten einen schönen Tag.“ Ihren Ausflug ins Krankenhaus verschwieg sie ihm lieber. Im Moment war er etwas empfindlich und glatt imstande, sich Anthony zu schnappen und abzuhauen, wenn er das Gefühl hatte, dass sie sich zu sehr in seine Angelegenheiten einmischte.

„Hat irgendjemand auf deine Internetbewerbungen reagiert?“, wollte er wissen.

„Bis jetzt noch nicht.“ Ohnehin wollte sie mit einer neuen Vollzeitstelle lieber warten, bis Max eine Arbeit und einen Platz in einer Kindertagesstätte gefunden hatte. „Aber im Moment mache ich mir noch keine Sorgen.“ Sie hatte genügend gespart, um ihre Miete noch eine Zeit lang bezahlen zu können.

„Ich habe gehört, dass die Kinderabteilung im Red-Rock-Krankenhaus kostenlose Untersuchungen anbietet. Vielleicht sollte ich mit Max mal hingehen.“ Fragend schaute er sie an.

Am liebsten wäre Kirsten ihm vor Freude um den Hals gefallen, aber sie hielt sich zurück. Sollte er doch glauben, ganz allein auf diese ausgezeichnete Idee gekommen zu sein. Offenbar hatten ihre Ermahnungen doch gefruchtet.

„Gute Idee“, entgegnete sie so beiläufig wie möglich. „Ich könnte auch …“ Sie unterbrach sich. Max wollte das Richtige tun, aber es war ihm wichtig, dass er es allein tat. „Soll ich für dich die Telefonnummer heraussuchen – falls du einen Termin machen willst?“

Er dachte eine Weile über ihr Angebot nach. „Ja, das wäre nett“, sagte er schließlich.

Erleichtert atmete sie aus. Offenbar wurde er doch langsam vernünftig.

„Glaubst du, Courtney hat Anthony impfen lassen?“

Max schüttelte den Kopf. „Sie hasst Ärzte. Bestimmt hat sie Max nicht untersuchen lassen.“

„Ich glaube, es ist ganz gut, dass du dich um seine Erziehung kümmerst“, meinte Kirsten schließlich. „Er braucht einen Daddy wie dich.“

Max zuckte mit den Schultern, aber sein flüchtiges Lächeln verriet ihr, dass ihn ihre Bemerkung freute.

„Willst du mit in die Klinik kommen?“, fragte er.

„Gern.“

„Schön. Ich hätte dich nämlich gern dabei. Ich möchte nicht mit ansehen müssen, wie ihn jemand mit einer Nadel sticht.“

Darauf war Kirsten allerdings auch nicht erpicht.

„Vielleicht sollte ich gleich morgen einen Termin machen“, überlegte Max. „Wer weiß, wie lange du noch so frei über deine Zeit verfügen kannst.“

Kirsten nickte zustimmend.

„Gut. Dann rufe ich sofort morgen früh in der Klinik an.“

Der Gedanke, erneut ins Red-Rock-Krankenhaus zu fahren, ließ ihr Herz gleich schneller schlagen – nicht nur, um bestätigt zu bekommen, dass Anthony genauso gesund war, wie er aussah.

Insgeheim hoffte sie auch, einem bestimmten Orthopäden zu begegnen.

Moment mal. Wenn sie ihm wirklich über den Weg laufen würde und er Max erzählte, dass sie sich bereits auf dem Parkplatz getroffen hatten … dann würde ihr Bruder möglicherweise wieder auf die Barrikaden gehen.

Nun gut, dann würde sie sich eben mit Max auseinandersetzen müssen.

Hauptsache, er vermasselte ihr nicht ein eventuelles Wiedersehen mit dem Doktor. Das wäre nämlich wirklich schade.

2. KAPITEL

Obwohl Jeremy sich ziemlich lange im Buchladen aufgehalten hatte, traf er immer noch viel zu früh im Red ein.

Jose und Maria Mendoza, die seit Langem mit den Fortunes befreundet waren, hatten aus der ehemaligen Hazienda ein gemütliches Lokal gemacht. Schon bald war es zu einem der beliebtesten in der ganzen Stadt geworden. Vor zwei Jahren war es komplett niedergebrannt, aber die Besitzer hatten es mit antiken Möbeln, handgewebten Wandteppichen und zahlreichen Kunstgegenständen genauso wieder eingerichtet wie vor dem Feuer.

Jeremy wurde von Marcos Mendoza begrüßt, der die Geschäftsführung des Lokals von Jose und Maria übernommen hatte.

„Herzlich willkommen, Doktor.“ Marcos reichte ihm die Hand. „Wie geht es dir denn?“

„Nicht schlecht. Und selbst?“ Jeremy schüttelte ihm die Hand.

„Das Leben meint es gut mit mir. Ich kann mich nicht beklagen.“ Suchend sah Marcos sich um. „Bist du allein?“

„Ich bin mit meinem Bruder Drew und seiner Frau verabredet.“

„Wie wäre es mit einem Tisch im Erker? Dort könnt ihr euch ungestört unterhalten.“

„Vielen Dank.“ Eigentlich hätte Jeremy lieber im Innenhof gesessen, der auch im Winter genutzt werden konnte – dank der Heizpilze, die die Mendozas aufgestellt hatten. Ein antiker mexikanischer Brunnen, mit blauen und weißen Kacheln gefliest, sorgte zusätzlich für Lokalkolorit.

Marcos griff nach drei Speisekarten. „Wann sind die Frischvermählten denn aus Las Vegas zurückgekommen?“

Das junge Paar hatte keine Lust auf eine große Hochzeitsfeier gehabt und war bei Nacht und Nebel nach Nevada geflohen, um dort in aller Stille zu heiraten. Das hatte sich natürlich mittlerweile herumgesprochen. „Gestern Abend.“

„Werden sie in Red Rock bleiben?“

„Keine Ahnung, was sie vorhaben.“ Drew leitete die Filiale der Fortune Prognosen in San Diego, und Deanna, seine Frau, war seine Assistentin.

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