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Verliebt in den Feind?

1. KAPITEL

Rafael, Marqués de Las Carreras, tobte regelrecht vor Wut. Bei derartigen Ausbrüchen pflegten seine Freunde einen großen Bogen um ihn zu machen und abzuwarten, bis er wieder zu seinem gewohnt höflichen Verhalten zurückfand.

Rafael hatte eine Menge Gründe, zornig zu sein. Von Spanien aus war er über London und Los Angeles nach Auckland geflogen – doch schon auf dem Flughafen Heathrow in London war es zu einer sechsstündigen Verspätung gekommen. Auch wenn Rafael der Grund durchaus eingeleuchtet hatte – verschärfte Sicherheitskontrollen, da ein Anschlag befürchtet worden war. Seinen Anschlussflug über den Atlantik hatte er dadurch verpasst.

In dem viel späteren Flugzeug, das er schließlich notgedrungen hatte nehmen müssen, waren nur noch Plätze in der Economyclass frei gewesen. Eingekeilt zwischen einem übergewichtigen Autohändler und einer Mutter mit einem schreienden Baby, hatte Rafael die Strecke bis nach Los Angeles zurückgelegt. Schließlich war er mit achtzehnstündiger Verspätung in Auckland angekommen – um festzustellen, dass sein edler Designerkoffer verschwunden und der gebuchte Mietwagen, ein Porsche, längst anderweitig vergeben worden war.

Jetzt war guter Rat teuer. Weder seine Platinkreditkarte noch einige Bündel Dollarnoten halfen ihm, einen Wagen zu mieten. Rafael bekam bei einer Autovermietung nach der anderen dasselbe zu hören: Wegen einer großen Sportveranstaltung war kein Wagen verfügbar.

Der Marqués de Las Carreras war nicht gewohnt, sich mit Entschuldigungen zufriedenzugeben. Schon gar nicht, wenn sie aus dem Munde einer etwa fünfzigjährigen Angestellten stammten, die sich angelegentlich die Nägel lackierte. Und dabei weder auf sein charmantes Lächeln noch auf seine gefährlich gesenkten Tonfall ansprach. Normalerweise reichte die bloße Erwähnung seines Namens aus, ihm alles zu verschaffen, was er wollte: die besten Plätze beim Stierkampf und im Restaurant – und die schönste Frau im Saal. In seiner jetzigen Situation bedeutete das: den exklusivsten Mietwagen …

Der Marqués verstand die Welt nicht mehr. Das einzige Fahrzeug, das er nach langem Suchen schließlich doch noch fand, war ein arg verbeultes Auto mit schwarz-gelber Lackierung und neonfarbenen Aufklebern – und kostete ihn ein Vermögen. Vermietet wurde es von einer Firma mit dem bezeichnenden Namen Wreck Rentals.

Nun also machte er sich auf den Weg, zwei Tage und eine Nacht ohne Schlaf, mit zerknitterter Kleidung und in einem Auto, das jeder Beschreibung spottete.

Nach zwanzig Minuten wies ihm ein handgeschnitztes Schild den Weg zum Saxon’s Folly Weingut, dem Zuhause der Familie Saxon. Rafael folgte einer Allee, bis er in der Ferne die Gebäude sah: moderne Wirtschaftsbauten und ein herrschaftliches Wohnhaus.

Er fuhr in den Hof und brachte das Auto unter einer mächtigen alten Eiche zum Stehen.

Ihm stockte der Atem. Das Haus sah genauso aus, wie seine Mutter es ihm beschrieben hatte. Groß, weiß und dreistöckig, stammte es ohne Zweifel aus dem viktorianischen Zeitalter. Veranda und Balkone waren mit weißen schmiedeeisernen Geländern eingefasst.

Hier wurde die Vergangenheit förmlich greifbar. Rafael rief sich ins Gedächtnis, weshalb er hergekommen war, und kniff entschlossen die Augen zusammen.

Ihn wunderte nicht, dass die Handbremse nicht funktionierte. Er musste erst über einen Drahtzaun klettern, um einen Stein zu holen, den er unter das Hinterrad legen konnte. Dabei machte er sich nicht nur die Hände schmutzig, sondern auch seinen zwar zerknitterten, aber bis dahin sauberen Anzug.

„Madre de Dios“, murmelte er und machte sich auf den Weg, um Phillip Saxon zu suchen, dessentwegen er diese weite Reise angetreten hatte.

Caitlyn Ross fiel der Fremde sofort auf, der mitten in der Gedenkfeier für Roland Saxon eintraf. Zu Ehren des Verstorbenen wurde an diesem Tag ein neuer Weingarten angelegt. Bis zu den Bergen erstreckten sich in schier endlosen Reihen die Rebstöcke. Doch ausnahmsweise interessierte sich Caitlyn nicht für sie.

Ihre Aufmerksamkeit galt dem Fremden mit den nackenlangen Haaren. Nicht weil er groß und gebräunt war. Caitlyn, die den Umgang mit Heath und Joshua Saxon gewohnt war, hatte täglich mit Männern zu tun, die ähnlich attraktiv waren. Nein, auffällig an ihm waren das Glänzen seiner dunklen Augen und die steife und förmliche Art, wie er dastand.

Caitlyn hatte keine Ahnung, wer er war oder was er mit den Saxons zu tun haben mochte. Sehr ungewöhnlich. Seit ihrem Universitätsabschluss arbeitete sie hier auf Saxon’s Folly und gehörte daher so gut wie zur Familie. Aber diesen Mann hatte sie noch nie gesehen.

Neben sich hörte sie ein leises Schluchzen und merkte, dass Phillip seine Ansprache beendet hatte. Schnell versuchte Caitlyn, sich wieder auf den Anlass der Feier zu konzentrieren und nicht mehr an den geheimnisvollen Mann zu denken.

Jetzt setzte Alyssa Blake zu einer bewegenden Rede an. Wie sich vor Kurzem herausgestellt hatte, war sie Rolands leibliche Schwester, da Roland als Baby adoptiert worden war. Ein Umstand, an den sich die Saxon-Geschwister Heath, Joshua und Megan erst hatten gewöhnen müssen.

Wieder blickte Caitlyn zu dem Fremden hinüber. Selbst jetzt, da zwei Gutsmitarbeiter neben ihn getreten waren, wirkte er noch immer irgendwie … herausragend. Aufmerksam sah er sich um, als ob er sich ein Urteil bilden wollte, über die Dinge und Menschen, die er sah. Aber wer war er?

Vielleicht ein Reporter, der das Leid der Familie Saxon porträtieren wollte? Das fehlte gerade noch.

Aus den Augenwinkeln betrachtete Caitlyn den Fremden im schmutzigen Anzug. Wie ein Paparazzo sah er eigentlich nicht aus, außerdem fehlte ihm die Kamera. Vielleicht ein Freund von Roland aus der Schul-oder Universitätszeit, überlegte sie, während sie auf ihn zuging. Der Fremde war wirklich groß, bestimmt zehn Zentimeter größer als sie, dabei war sie nicht gerade klein.

Leise sagte sie: „Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet.“

Als er sie mit seinen glänzenden dunklen Augen betrachtete, fühlte sie sich seltsam berührt. Ein Gefühl, das sie schon sehr, sehr lange nicht mehr verspürt hatte …

„Mein Name ist Rafael Carreras“, sagte er mit tiefer Stimme und ungewöhnlichem Akzent.

Und in Caitlyn erwachte etwas, an das sie lange nicht gedacht hatte. Sie versuchte, die ungewohnte Empfindung zu verdrängen. „Haben Sie Roland gekannt?“, fragte sie, schon um die angenehme Stimme nochmals zu hören.

„Nein.“

Als Marketingchef von Saxon’s Folly war Roland um die halbe Welt gereist. Seltsam, dachte Caitlyn. Der Mann war wirklich sehr verschlossen. Vielleicht war er doch ein Sensationsreporter, der dem guten Ruf der Saxons schaden wollte. In eher unfreundlichem Ton fragte sie: „Und was machen Sie dann hier?“

Aufmerksam musterte er sie: ihre praktischen schwarzen Lederpumps, die sie schon seit zehn Jahren bei Weinpräsentationen trug, ihre nach dem ungewöhnlich langen Winter blassen Beine, ihren Rock, dessen Länge nicht mehr modern war. Da Caitlyn fast immer Jeans oder andere Hosen trug, war ihr das nicht so wichtig.

Dann betrachtete er ihren sündhaft teuren Leinenblazer, den sie nur gekauft hatte, weil Megan mit ihrem ausgezeichneten Modegeschmack darauf bestanden hatte. Sie hatte Caitlyn versichert, dass das Apricot zu ihrem fast irischen Hauttyp und dem rotblonden Haar sehr gut passte. Dem traurigen Anlass angemessen war das exklusive Stück allerdings nicht.

Als er ihr in die Augen sah, fühlte sie sich seltsam berührt. Dabei erkannte sie an seinem abschätzenden Gesichtsausdruck deutlich, dass er von ihrer Aufmachung nicht besonders angetan war.

„Gehören Sie zur Familie Saxon?“ Fragend zog er eine Augenbraue hoch, wodurch seine Miene noch stolzer und hochmütiger wirkte.

„Nein, aber …“

„Dann wüsste ich nicht, was Sie das angeht.“

So ein unhöfliches Verhalten war Caitlyn nicht gewohnt. Hilfe suchend sah sie sich nach Pita um. Da vor einigen Wochen zwei Jugendliche ziemliches Unheil angerichtet hatten, war ein Sicherheitsdienst beauftragt worden, der Tag und Nacht auf dem Gut patrouillierte. Pita war groß und kräftig, er und seine Leute würden den Fremden wenn nötig hinauswerfen.

So unauffällig wie möglich musterte sie ihn. Der dunkle Anzug betonte seine schlanke, aber muskulöse Gestalt und die breiten Schultern. So stellte sich Caitlyn Stierkämpfer vor: raue Gesichtszüg und ein markantes Profil. Dazu der feurige Glanz seiner Augen … Kein Zweifel, er würde einer Auseinandersetzung nicht aus dem Weg gehen.

„Doch, es geht mich etwas an“, sagte sie, ohne seinem Blick auszuweichen.

„Glaube ich kaum.“ Er sah sie an und presste die schmalen Lippen aufeinander.

Caitlyn überlegte nun ernsthaft, ob sie den Fremden hinauswerfen lassen sollte.

Gerade sprach Alyssa mit fast versagender Stimme davon, wie sie mit Rolands Mutter und seinen Geschwistern Joshua, Heath und Megan getrauert hatte. Nein, ein Aufruhr war bestimmt das Letzte, was die Familie jetzt gebrauchen konnte. Und da Caitlyn nicht wusste, ob der unhöfliche Fremde vielleicht doch ein Geschäftspartner war, beschloss sie, ihn vorerst in Ruhe zu lassen.

Nachdem Alyssa ihre Rede beendet hatte, verließ sie unter Tränen das Podium. Sogleich kam Joshua auf sie zu und legte tröstend den Arm um sie. Trotz der Schwierigkeiten in den letzten Wochen hatten die beiden ihr Glück gefunden und sich verlobt.

Während sie das Paar betrachtete, spürte Caitlyn plötzlich ein ungewohntes Gefühl in sich aufsteigen: nicht gerade Eifersucht, denn sie hatte nie irgendwelche romantischen Gefühle für Joshua gehegt, aber doch so etwas wie … Neid?

Immer war sie nur Caitlyn Ross gewesen, ein kumpelhafter Frauentyp. An der Universität war sie die Beste ihres Abschlussjahrgangs gewesen, heute war sie eine begnadete Kellermeisterin, die die Weine von Saxon’s Folly zu ihrer geschmacklichen Vollendung brachte. Schon zu Studienzeiten hatte sie jedoch irgendwie … zu den Jungen gehört.

Dabei wünschte auch sie sich, was für andere längst selbstverständlich war: einen Partner für ein harmonisches Leben zu zweit. Nicht, dass sie sich nicht wohlfühlte. Ganz im Gegenteil, sie liebte ihre Arbeit auf Saxon’s Folly. Eine Zeit lang hatte Caitlyn sogar gehofft, dass Heath Saxon und sie … Doch daraus war nie etwas geworden. Heath hatte in ihr nie die Frau gesehen, sondern immer nur den Kumpel.

Aber als der Fremde sie so ausführlich gemustert hatte, war sie sich ganz und gar nicht „wie einer der Jungen“ vorgekommen. Auch wenn sein Blick kühl und abschätzend gewesen war, voller Arroganz, so hatte sein Interesse doch klar ihr als Frau gegolten. Und so etwas war Caitlyn lange nicht passiert. Nicht zuletzt, weil sie Gelegenheiten wie dieser konsequent aus dem Weg gegangen war.

Was oder wer wohl gerade die Aufmerksamkeit des Fremden auf sich zog? Widerstrebend gab Caitlyn der Versuchung nach und wandte sich um. Doch er war nicht mehr da.

Rafael hatte gefunden, wonach er gesucht hatte.

Ruhig und gefasst bahnte er sich einen Weg durch die Menschenmenge und ging auf den großen Mann mit den würdevollen grauen Schläfen zu.

Phillip Saxon.

Hinter ihm blieb er stehen und wartete das Ende der Gedenkfeier ab. Er hatte die Sekretärin des Weingutes angerufen und sein Kommen angekündigt. Dabei hatte er ihren Protest – dass die Saxons zurzeit niemanden sehen wollten – geflissentlich überhört. Den Zweck seines Besuchs hatte Rafael nicht genannt, nur mitgeteilt, dass er der Eigentümer eines spanischen Weinguts von Weltruf sei.

Er hatte lange auf diesen Moment gewartet und wollte nicht, dass das Gespräch in der Öffentlichkeit stattfand.

Plötzlich kam die schlanke rotblonde Frau von vorhin auf ihn zu.

Aus zusammengekniffenen Augen beobachtete er, wie sie näher kam. Sie war nicht im eigentlichen Sinne schön – dazu fehlte ihr das Bewusstsein, begehrenswert zu sein –, aber sie hatte eine ungewöhnliche Ausstrahlung. In ihren blauen Augen lag eine Entschlossenheit … Betont herablassend erwiderte Rafael ihren Blick. Von dem, was er sich vorgenommen hatte – und weswegen er um die halbe Welt gereist war –, würde auch sie ihn nicht abbringen.

Die Gäste der Trauerfeier versammelten sich um eine Pergola, unter der ein Rebstock und ein Rosenbusch frisch in die Erde eingesetzt worden waren. Dort stand ein großer dunkelhaariger Mann und sprach zum Abschluss der Feier. „Diese neue Anpflanzung wurde zum Gedenken an meinen Bruder Roland angelegt. Möge er in unseren Herzen immer weiterleben.“

Also lebte Roland Saxon nicht mehr. Demnach musste der Redner Heath oder Joshua sein. Rafael sah sich nach Phillip Saxon um und spürte, wie Wut in ihm aufstieg.

Allmählich löste sich die Menge auf, und auch Phillip Saxon begann, sich zu entfernen.

Jetzt. Rafael legte ihm die Hand auf die Schulter. „Disculpe.“

Überrascht wandte der ältere Mann sich um und betrachtete schweigend den jüngeren: die edle Nase, das zurückgekämmte dunkle Haar. Und die lebhaften Augen, die seinen eigenen glichen. Sollte dies …? „Nein. Das kann nicht sein.“ Ungläubig schüttelte Saxon den Kopf.

Wortlos wartete Rafael, bis Phillip Saxon vollends begriff.

Da stand plötzlich die rotblonde Frau neben ihnen und fragte: „Phillip, ist alles in Ordnung?“

Mit ihren blauen Augen sah sie Rafael argwöhnisch an. An dieser Frau war etwas Ungewöhnliches, etwas, das sie von anderen Frauen unterschied …

Doch er wollte sie jetzt loswerden. Als junger Mann hatte er, wie es die Tradition verlangte, etliche Stierkämpfe bestritten und dabei gelernt, auf seine innere Stimme zu achten. Und die warnte ihn im Augenblick deutlich …

„Wir möchten uns gern unter vier Augen unterhalten, wenn Sie nichts dagegen haben“, sagte er und sah sie dabei so kalt und abweisend an wie zu Hause aufdringliche Journalisten.

Doch Phillip sah so geschockt aus, dass Caitlyn fragte: „Soll ich lieber hierbleiben?“

„Ja. Bitte.“

Rafael überlegte. Also spielte sie hier eine wichtigere Rolle als vermutet. Wie dumm von ihm, dass er sie nicht gleich ernst genommen hatte! Estupido! Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er sie. Megan Saxon, der er bei einer Weinpräsentation in Frankreich flüchtig begegnet war, war sie nicht. Außerdem hatte sie ja erklärt, nicht zur Familie zu gehören. Also, wer war diese Frau?

Wieder musterte er sie eingehend. In der Tat, für ein Familienmitglied waren ihr Benehmen zu wenig geschliffen, ihre Haare zu kunstlos frisiert, ihre Kleidung zu schlicht. Ihr Äußeres deutete darauf hin, dass sie eine Angestellte war – allerdings eine, die sich ziemlich wichtig nahm.

„Sie wollen sie dabeihaben? Auf Ihre Verantwortung“, sagte Rafael zu Saxon. „Dabei könnte ich mir vorstellen, dass Sie unsere Unterhaltung nicht öffentlich machen wollen. Zumindest nicht, bevor wir unter vier Augen verhandelt haben.“

Offenbar glaubte Saxon zu verstehen, denn er wirkte plötzlich erleichtert und machte ein geringschätziges Gesicht. Geld … Er würde Rafael sicherlich eine Abfindung anbieten. „Caitlyn, vielleicht solltest du uns doch besser allein lassen.“

Caitlyn? Caitlyn Ross! Die international bekannte Kellermeisterin hatte er sich älter und erfahrener vorgestellt. Wie konnte sie mit ihren bestenfalls fünfundzwanzig Jahren beruflich schon so viel erreicht haben?

Sie schüttelte den Kopf. „Er scheint dir drohen zu wollen. Ich bleibe lieber.“ Entschlossen sah sie ihn an.

Eine beherzte Frau, dachte Rafael, aber überaus lästig. „Sie sollten sich nicht in Dinge einmischen, die Sie nichts angehen“, sagte er mit gefährlich gesenkter Stimme.

„Wollen Sie mir jetzt etwa auch drohen?“, fragte Caitlyn ärgerlich und wurde rot.

„Natürlich nicht. Ich möchte Ihnen nur einen guten Rat geben“, antwortete Rafael ironisch. „Wissen Sie, es handelt sich um eine Familienangelegenheit“, fuhr er fort und warf einen spöttischen Blick zu Phillip.

„Was die Familie betrifft, geht auch mich etwas an!“

„Caitlyn gehört so gut wie zu uns“, stimmte Phillip ihr zu.

Saxon ist die Unsicherheit anzumerken, stellte Rafael kühl fest. Zum ersten Mal, seit er die Wahrheit erfahren hatte, kam Rafael etwas zur Ruhe. Jetzt saß Saxon in der Klemme und musste bald Farbe bekennen.

Sollte sich etwa diese Frau, die so unschuldig wirkte wie Milch und Honig, ganz unerwartet als Problem erweisen?

„Caitlyn, meine Liebe, was hast du mit dem Cateringservice vereinbart? Wo werden die Canapés angerichtet?“, fragte plötzlich Kay Saxon, Phillips Ehefrau, die unbemerkt zu ihnen getreten war.

Bevor Caitlyn antworten konnte, trat Rafael einen Schritt vor und befahl barsch: „Los, stellen Sie uns vor.“

Phillip Saxon wurde blass und blickte hilflos von Kay zu Rafael. „Ich möchte … Nein. Kay, das ist …“

Mit stoischer Ruhe stand Rafael da und wartete.

„Tut mir leid“, sagte Phillip schließlich. „Ich kenne Ihren Namen nicht.“

Rafael lächelte hinterhältig. „Ich heiße Rafael Carreras.“

Arglos streckte Phillips Ehefrau ihm die Hand entgegen. „Freut mich, Mr. Carreras.“

Offenbar hielt sie ihn für einen Geschäftspartner, was Rafaels Zorn noch weiter steigerte. „Ach, ein Handschlag ist immer so förmlich. Und da wir uns bald näher kennenlernen werden …“ Er trat auf sie zu und küsste sie auf beide Wangen. Über ihre Schulter hinweg sah er, wie entsetzt, ja, verzweifelt Phillip wirkte. Wie ein Mann, der nicht verhindern kann, dass das Unheil seinen Lauf nimmt, dachte Rafael. Saxon hat Angst. Gut. Weil er begriffen hatte, dass Rafael mit einem Schlag seine heile Welt zerstören und alles infrage stellen konnte, was ihm lieb und teuer war.

Caitlyn streckte die Hand aus. „Wenn es so ist, sollten auch wir beide uns vorstellen. Mein Name ist …“

Als er eine leichte Verbeugung machte, statt ihr die Hand zu schütteln, verstummte Caitlyn Ross. Wie gut sie roch, unaufdringlich nach Wiesenblumen. Ein Duft, der zu ihrer Persönlichkeit passte. Rafael war tatsächlich hocherfreut, ihre Bekanntschaft zu machen.

„Encantado de conocerte.“ Als er sie auf die Wange küsste, spürte er, wie sie den Atem anhielt. Besonders zärtlich hauchte er ihr einen Kuss auf die andere Wange, auf die helle und zarte Haut, die ihn an Milch und Honig erinnerte. Ganz nahe an ihrem Ohr flüsterte er: „Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Miss Ross.“

„Woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte sie überrascht und beinah besorgt.

Sie war zu bescheiden! Natürlich kannte er Caitlyn Ross. In der Welt des Weines war sie als Kellermeisterin bekannt, wenn nicht sogar berühmt. Sie verstand sich vortrefflich auf die Entwicklung der herrlichen Aromen – das Ausbauen der Weine, wie der Fachmann sagt. Beim World Wine Challenge hatte sie für die Saxons vor zwei Jahren eine Silber-und letztes Jahr sogar eine Goldmedaille gewonnen. Doch wieso war diese schöne Frau auf einmal so ängstlich? „Sie werden sich wundern, was ich noch alles weiß.“

Er beobachtete, wie ihre Angst in Ärger umschlug. So gefiel sie ihm schon besser …

„Caitlyn, Kay, es ist besser, wenn ich zuerst allein mit Mr. Carreras spreche“, sagte Phillip.

„Warum denn?“, fragte Kay und runzelte die Stirn.

„Mrs. Saxon, vielleicht gibt es Dinge, von denen Ihnen Ihr Ehemann nichts gesagt hat …“

„Ausgeschlossen. Mein Mann erzählt mir alles.“

„Glauben Sie?“

„Werden Sie nicht unverschämt!“

Das kam von Caitlyn. Rafael wandte sich ihr zu. Wenn hier jemand unverschämt war, dann sie. Schließlich war er der Marqués de Las Carreras, der überall respektiert wurde. Doch diese Frau … „Halten Sie sich zurück. Oder …“, sagte er leise und warnend.

„Oder was?“, fragte Caitlyn herausfordernd. „Was wollen Sie tun? Sie befinden sich auf dem Gut der Saxons, wir haben einen Sicherheitsdienst …“ Sie deutete auf einen kräftigen Mann in dunkler Uniform, der etwas abseits stand.

„Caitlyn, bitte.“ Phillip berührte sie am Arm.

Doch sie ließ sich nicht beirren. „Rufen wir Pita. Es kann doch nicht einfach jeder hier hereinspazieren und dich bedrohen, Phillip.“

Rafael sah sie an. „Ich bedrohe niemanden. Und wagen Sie es nicht, mich hinauswerfen zu lassen. Ich denke nur, dass es ihm …“ Es gelang ihm nicht, Phillip direkt anzusprechen. „… lieber sein wird, mit mir allein zu sprechen.“

Phillip bekräftigte: „Caitlyn, vielleicht hat er recht.“

„Jetzt interessiert mich aber auch, was der Mann zu sagen hat … wovon er denkt, dass ich nichts weiß. Und Caitlyn hat recht: Er ist unverschämt.“

Das war zu viel für Rafael.

Er zog eine Augenbraue hoch. „Wenn ein Mann um die halbe Welt reist, um seinen Vater zu sehen – was soll daran unverschämt sein?“

Entsetzt schlug Phillip die Hände vors Gesicht, und Caitlyn fragte verwirrt: „Was meinen Sie damit? Was hat das mit uns …“

„Mit Ihnen? Gar nichts. Wie ich schon sagte, handelt es sich um eine Familienangelegenheit. Aber glauben Sie mir, Phillip Saxon ist mein Vater.“

2. KAPITEL

Ihm glauben? Niemals! Heftig atmete Caitlyn ein, blieb aber ruhig. Jetzt auf den Spanier loszugehen würde auch nichts mehr ändern. Weil sie ihn herausgefordert hatte, war es überhaupt erst zu der für Kay so schrecklichen Enthüllung gekommen! Und das auch noch so kurz nach Rolands Tod!

Kay war blass geworden und fragte: „Wie sagten Sie, war Ihr Name?“

„Rafael Carreras.“

Nachdenklich schüttelte Kay den Kopf. „Ich kenne niemanden, der so heißt.“

„Also lügt er“, sagte Caitlyn.

„Kay …“, setzte Phillip an.

„Einen Moment“, unterbrach ihn Kay. „Carreras, das ist ein spanischer Name, oder?“

Vor Aufregung stockte Caitlyn der Atem, und Phillip schien es nicht anders zu ergehen.

„Kay, Liebling, lass doch. Unsere Gäste möchten dir ihr Beileid aussprechen“, sagte Phillip, während er den Arm um seine Frau legte. Doch Kay blieb wie angewurzelt stehen.

„Madam, mit vollem Namen heiße ich Rafael Carreras López.“

„López?“ Nachdenklich runzelte Kay die Stirn. „Ja, jetzt erinnere ich mich. An eine junge Frau, die hier auf der Nordinsel gewesen ist. Sie suchte das Grab eines Mannes.

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