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Verliebt in den Chef?

1. KAPITEL

Tristan Barkley wusste, wenn Gefahr im Verzug war. Als er die gläserne Schiebetür aufzog und einen prüfenden Blick auf den großen Garten hinter seinem Haus warf, verstärkte sich seine böse Vorahnung. Sein Herzschlag beschleunigte sich, seine Nackenhärchen richteten sich auf, und jeder Muskel in seinem Körper war gespannt.

Wo war Ella? Was war mit ihr geschehen?

Heute Morgen hatte er sich kurzfristig dazu entschlossen, abends zu einer Galaveranstaltung in Sydney zu gehen. Deswegen hatte er bereits zweimal versucht, seine Haushälterin anzurufen. Wegen der Gala war er von seiner siebentägigen Reise nach Melbourne extra einen Tag früher zurückgekehrt und brauchte jetzt seinen Smoking.

Zunächst dachte er sich nichts dabei, als Ella nicht ans Telefon ging – vielleicht kaufte sie gerade ein. Das tat sie oft, da sie großen Wert darauf legte, ihrem Chef jeden Wunsch von den Augen abzulesen und stets alles im Haus zu haben. Das war auch einer der Gründe, aus denen Tristan sie so sehr schätzte.

Als er aber vor einigen Minuten zu Hause angekommen war, hatte er gesehen, dass ihre Autoschlüssel am Haken hingen. Wenig später hatte ihm vor Entsetzen der Atem gestockt: Der Inhalt ihrer Lederhandtasche war achtlos auf dem Küchentresen ausgeschüttet worden. Ihre Uniform lag auf links gedreht auf dem Marmorboden. Einen ihrer schwarzen Schnürschuhe fand Tristan neben dem Esstisch, den anderen bei der Tür. Da stimmte etwas nicht. Was, wenn jemand in das Haus eingedrungen war … es gewagt hatte, Ella etwas anzutun …

Mit vor Aufregung klopfendem Herzen ging er hinaus und blieb abrupt stehen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung in der hinteren Ecke des Gartens wahrnahm. Tristan sah genauer hin und entdeckte den Eindringling, und zwar im Swimmingpool, wo er mit kräftigen Bewegungen auf dem Rücken schwamm! Auf einen Blick erkannte Tristan, dass es sich um eine Frau handelte. Und was für eine! Sie trug einen roten Badeanzug, der mehr von ihrer aufregend kurvigen Figur preisgab, als er verhüllte.

Tristan stieß einen Ruf der Empörung aus. In der Vergangenheit hatte es eine Serie von Überfällen in seiner Nachbarschaft gegeben, und die Polizei vermutete, dass es sich um das Werk eines Gaunerpärchens handelte. Eine ältere Dame war in ihrem eigenen Haus überfallen und gefesselt worden. War diese braun gebrannte Frau möglicherweise die Freundin des unverschämten Diebes?

Er stürmte auf den Pool zu, als ihn ein anderer Gedanke durchzuckte. Was, wenn Ella nur eine Freundin eingeladen hatte? Als er allerdings näher darüber nachdachte, konnte er sich nicht daran erinnern, sie jemals über Freunde oder Familie sprechen gehört zu haben. Außerdem wäre das keine Erklärung für die ausgeleerte Handtasche und die achtlos hingeworfene Dienstkleidung. Es lieferte ebenfalls keinen Hinweis darauf, wo Ella steckte.

Mit langen Schritten eilte er auf das Schwimmbecken zu. Sobald er die Frau aus dem Wasser herausgezogen hätte, würde er, verdammt noch mal, seine Antworten bekommen.

Er erreichte den Beckenrand im selben Moment, in dem die geheimnisvolle Fremde aus dem Wasser stieg, wobei ihr das lange weizenblonde Haar über den Rücken fiel. Sie war vollbusig und hatte lange, wohlgeformte Beine. Sie sah aus, als wäre sie gerade einem Hochglanzmagazin für Bademode entstiegen.

Tristan blieb eine Armlänge von ihr entfernt stehen und verschränkte abwartend die Arme. Nichts ahnend richtete sich die Frau zu ihrer vollen Größe auf und strich sich über das feuchte Haar. Sie sah durch und durch wie ein James-Bond-Girl aus. Als sie Tristan bemerkte, sah sie ihn erschrocken an.

Vor Überraschung rang Tristan nach Atem und ließ die Arme kraftlos sinken. Verwundert blinzelte er einige Male und schüttelte den Kopf. Nein, das konnte nicht sein. Die Haarfarbe hätte eigentlich braun sein müssen, und auch der Körper schien nicht zu ihr zu passen. Trotzdem stellte er die Frage, die ihm auf der Zunge lag. „Ella … sind Sie das?“

„Mr. Barkley?“ Die Wangen der blonden Sexbombe hatten auf einmal fast die gleiche Farbe wie die Zierrosen in den Terrakottatöpfen am Rand des Poolbeckens. „Wollten Sie nicht erst morgen kommen?“

„Ich habe vorhin angerufen.“ Zweimal, um genau zu sein.

Beherrscht von seinen Instinkten, konnte er den Blick nicht von ihr wenden und spürte förmlich, wie sein Blut zu kochen begann. Heilige Mutter Gottes, er hatte ja gar keine Ahnung gehabt …

Ella verschränkte nun ihrerseits die Arme über der Brust, was ihr ohnehin schon faszinierendes Dekolleté noch verführerischer zur Geltung brachte. Das konnte einfach nicht dieselbe Frau sein, die seit acht Monaten bei ihm arbeitete.

„Ich habe mir diese Woche beim Joggen den Fuß verstaucht“, erklärte sie. „Und weil ich auf jeden Fall trainieren wollte, bin ich stattdessen geschwommen.“ Sie sah zwischen Tristan und dem Pool hin und her, und aus ihrem feuchten Haar fielen feine Wassertropfen auf sein Anzugshemd. „Hoffentlich macht es Ihnen nichts aus.“

Tristan versuchte all die neuen Informationen zu verarbeiten. Seine bescheidene Haushälterin Ella lief regelmäßig, um sich fit zu halten? Er konnte sich nur schwer vorstellen, dass sie sich für etwas anderes als saubere Badezimmer, die Ordnung in der Küche und pünktlich servierte Mahlzeiten interessierte … nicht zu vergessen für eher unauffällige Dienstkleidung. In diesem bemerkenswerten Badeanzug aber sah sie einfach umwerfend aus. Als ihm bewusst wurde, dass ihn dieser Anblick alles andere als kaltließ, schüttelte Tristan sich und straffte die Schultern. Seine Reaktion war vollkommen unangemessen, denn Miss Ella Jacob war nur eine Haushälterin – seine Angestellte – und schuldete ihm noch einige Antworten.

Er schluckte, um den Kloß im Hals loszuwerden, und deutete vorwurfsvoll auf das Haus. „Ihre Sachen sind überall in der Küche verstreut, und Ihre Handtasche ist auf dem Küchentisch ausgekippt worden.“ Was sollte man schon denken, wenn man so etwas sah? Er hatte sich furchtbare Sorgen gemacht.

Verlegen senkte sie den Blick. „Oh, das meinen Sie.“

Er runzelte die Stirn. „Ja, verdammt, genau das.“

Während das Wasser von ihrem Körper auf die Fliesen tropfte, entfernte sie sich einige Schritte von Tristan. „Das ist schwer zu erklären.“

„Genauso schwer wie die Tatsache, dass Sie plötzlich eine neue Haarfarbe haben?“ Er fragte sich ernsthaft, was in aller Welt hier eigentlich vor sich ging.

„Das hier ist meine Naturfarbe“, erklärte sie schulterzuckend. „Das Braun hat mir nicht mehr gefallen, und ich wollte meine alte Haarfarbe wiederhaben.“

Er brummte ungehalten, und zwar laut genug, dass sie es hörte. Zweifellos wich sie seinen Fragen aus, obwohl er kein schlechter Chef war und ihren Respekt verdiente – den sie ihm bisher auch immer gezollt hatte. Bis heute … Tristan konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, weil ihm plötzlich ein übler Verdacht kam. „Haben Sie Schwierigkeiten, Ella?“, fragte er besorgt. „Gibt es etwas, worüber Sie mit mir nicht sprechen wollen?“

Sie blickte über die Schulter zu ihm, den sinnlichen Mund leicht geöffnet, und sah auf einmal sehr verletzlich aus. Nervös spielte Ella mit eine Strähne ihres blonden Haars. „Nein, keine Schwierigkeiten – eigentlich eher das Gegenteil.“

Sie machte einen Schritt auf die Sonnenliege zu, wobei Tristans Blick auf ihr Bein fiel. Ein sehr hübsches Bein, nebenbei bemerkt. Überhaupt hatte sie einen sehr schönen Körper. Wieder stieß Tristan einen verärgerten Laut aus. Es half nichts, er musste dem Geheimnis unbedingt jetzt auf die Spur kommen.

Ella nahm ein Handtuch von der Liege und wickelte es wie einen Sari um, bevor sie sich umdrehte, um ins Haus zurückzukehren.

Tristan stellte sich ihr in den Weg. „Ich erwarte eine Antwort, Ella“, sagte er im scharfen Ton und wendete den Blick nicht von ihr ab.

Das Wasser rann über ihr makelloses Gesicht. Er starrte in ihre saphirblauen Augen, die ihm vorher nie aufgefallen waren. Trug sie eigentlich normalerweise eine Brille? Er konnte sich nicht daran erinnern, sie jemals mit einer gesehen zu haben.

Ella öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich darauf wieder. Schließlich seufzte sie ergeben. „Ich wollte es Ihnen eigentlich morgen sagen.“

Ihm riss bald der Geduldsfaden, verärgert stemmte Tristan die Hände in die Hüften. „Ich schätze, Sie werden es mir jetzt schon sagen.“

Kaum merklich hob sie ihr Kinn. „Ich reiche meine Kündigung ein. In zwei Wochen gehe ich.“

Tristan hatte das Gefühl, als würde die Welt aus den Angeln gehoben. Verwirrt fasste er sich ins Haar. Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit. „Sie wollen kündigen? Warum? Wollen Sie mehr Geld?“ Das Gehalt, das er zahlte, war zwar überaus großzügig, falls sie aber mehr haben wollte – kein Problem. „Sagen Sie einfach, wie viel Sie wollen.“ Sie war die beste Haushälterin, die er jemals gehabt hatte – gründlich, selbstständig, unauffällig. Zumindest war sie das bis heute gewesen, und er hatte nicht vor, sie kampflos gehen zu lassen. Besonders jetzt nicht, da er wichtigen Besuch erwartete. Der kürzlich gewählte Bürgermeister einer benachbarten Kleinstadt hatte sich in drei Wochen zum Dinner bei Tristan angekündigt. Tristan wollte unbedingt einen guten Eindruck machen, denn davon hing der günstige Ausgang eines Geschäfts ab, in das er viel Zeit und Geld investiert hatte. Sein Verhältnis zu Bürgermeister Rufus war leider nicht immer das beste gewesen. Vielleicht würden auch Ellas ausgezeichnete Kochkünste nicht viel daran ändern, aber Tristan wollte jede Unterstützung, die er bekommen konnte.

„Es geht nicht um Geld“, antwortete Ella gelassen.

Plötzlich beschlich Tristan ein bestimmter Verdacht. Natürlich! Er rieb sich die Schläfe und versuchte, weniger streng zu klingen. „Also, wissen Sie, wenn Sie den Vorfall meinen, bevor ich gefahren bin …“

Sie errötete tiefer und schüttelte heftig den Kopf, wobei sich ihre Brust hob und senkte, und machte eine abwehrende Geste. „Nein, das ist nicht der Grund für meine Kündigung.“ Während sie das sagte ging sie weiter in Richtung Haus.

Tristan erlangte seine Selbstbeherrschung wieder und atmete erleichtert aus. Obwohl sie es bestritt, wusste er jetzt, warum sie kündigen wollte. Die Sache würde sich leicht wieder in Ordnung bringen lassen.

„Ich gebe zu, dass es sehr peinlich war“, sagte er, während er versuchte, mit ihr Schritt zu halten. „Aber es gibt keinen Grund, sich für irgendwas zu schämen oder etwas Überstürztes zu tun.“ Er erinnerte sich sehr gut an den besagten Morgen. „Sie haben gedacht, dass ich schon auf dem Weg nach Melbourne war. Es muss ein Schock für Sie gewesen sein, mich so plötzlich unbekleidet zu sehen.“

Mit gesenktem Kopf hielt sie weiter auf das Haus zu.

An jenem Morgen hatte er nackt in seinem Schlafzimmer gestanden, als Ella in den Raum gekommen war. Überrascht hatte sie nach Atem gerungen und ihn mit weit aufgerissenen Augen angestarrt. Als Tristan allerdings einen Schritt auf sie zugemacht hatte, um sie zu beruhigen, war sie auch schon wie ein verschrecktes Reh die Treppen hinuntergerannt. Nachdem er sich angezogen hatte, hatte er mit ihr darüber reden wollen, aber Ella war bereits aus dem Haus gegangen. Danach war er gleich für eine Woche verreist, und sie hatten nicht darüber gesprochen … bis jetzt.

Da sie zusammen in einem Haus lebten, konnte es schon mal zu vertrackten Begegnungen kommen: Sie überraschte ihn nackt im Schlafzimmer, er sah sie in einem aufreizend sexy Badeanzug im Pool schwimmen … Tristan fiel wieder ein, was er ursprünglich hatte wissen wollen. „Ihre Kündigung ist aber keine Erklärung dafür, was mit Ihrer Handtasche passiert ist.“ Die so achtlos ausgeschüttet worden war, als ob irgendein Verbrecher eilig etwas darin gesucht hätte, fügte er im Stillen hinzu.

Sie ging langsamer weiter und wickelte sich das Handtuch fester um. „Ich bekomme endlich das Erbe meiner Mutter ausgezahlt.“ Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu. „Es ist zwar nichts, verglichen mit Ihrem Reichtum, aber es reicht, um sorgenfrei zu leben. Der Testamentsvollstrecker hatte gestern Abend vergeblich versucht, den Betrag auf mein Konto zu überweisen. Deswegen hat er angerufen, um mich nach meiner Bankleitzahl zu fragen, aber ich habe das Buch nicht finden können, das ich normalerweise in meiner Tasche habe.“ Sie presste die Lippen aufeinander. „Da habe ich wohl die Nerven verloren und alles auf den Tisch geschüttet.“

Normalerweise war Ella so gelassen und souverän wie Tristan, aber jetzt, nachdem er selbst übertrieben reagiert hatte, konnte er ihr Verhalten verstehen. „Aber was ist mit Ihrem Kleid? Und mit den Schuhen?“, hakte er nach.

Sie verzog kurz das Gesicht. „Als mein Anwalt mir sagte, dass am Montag das Geld auf meinem Konto ist, konnte ich nicht anders und musste die Schuhe auf der Stelle loswerden.“ Während sie langsam weitergingen, sah sie auf ihre nackten Füße. „Es tut mir leid. Ich habe nicht darauf geachtet, wo sie gelandet sind.“

Tristan steckte die Hände in die Hosentaschen. Ella hatte also geerbt. Es war zwar seltsam, aber irgendwie hatte er sich nie vorstellen können, dass sie Eltern hatte. Sie war ihm immer wie ein unbeschriebenes Blatt vorgekommen – er fragte sie nicht nach ihren Angelegenheiten und sie ihn nicht seinen. Obwohl zurzeit auch nicht wirklich viel in seinem Privatleben los war.

Er ging zur Seite, um sie durch die immer noch offen stehende Tür in die Küche zu lassen. „Mein Beileid wegen Ihrer Mutter“, sagte er.

Sie warf ihm einen Blick zu, aus dem er nicht schlau wurde. „Sie ist schon vor acht Monaten gestorben, bevor ich bei Ihnen angefangen habe.“

Als sie durch die Küche ging, wurde ihm bewusst, wie wenig er über das Leben seiner Haushälterin wusste. Sie hatte einfach mit der Begründung an seiner Tür gestanden, dass sie von der Stellenausschreibung gehört habe. Sie hatte keinerlei Referenzen, und obwohl er normalerweise darauf bestand, hatte er sie eingestellt. Irgendwie hatte er gleich das Gefühl gehabt, dass sie die Richtige für die Position war. Es passte einfach alles: ihr zurückhaltendes Auftreten, ihr unauffälliges Äußeres, die Art, wie sie ruhig und ohne Umschweife seine Fragen beantwortet hatte.

Normalerweise überdachte er jede seiner Entscheidungen gründlich, denn er hasste es, Fehler zu machen. Seine Brüder hatten ihn schon in seiner Kindheit Superhirn genannt und wegen seiner Pingeligkeit aufgezogen. Das schien jetzt eine Ewigkeit her zu sein, und obwohl Josh ihn schon seit Längerem nicht mehr besucht hatte, hielten die Brüder Kontakt zueinander. Allerdings hatte Tristan schon jahrelang nicht mehr mit seinem älteren Bruder Cade gesprochen, und wenn es nach Tristan ging, blieb es auch dabei.

Ella hatte in der Zwischenzeit auf dem Stuhl am Fenster Platz genommen und zuckte vor Schmerzen leicht zusammen.

Tristan folgte ihr. „Soll ich mir das mal ansehen?“, fragte er mit einem Blick auf ihren Knöchel. Er hatte in seiner Jugendzeit als Rettungsschwimmer gearbeitet und kannte sich in Erster Hilfe aus.

Widerstrebend nickte sie, und er ging vor ihr in die Hocke.

„Es ist schon wieder abgeschwollen“, erzählte sie ihm, während er vorsichtig ihren wundervollen Fuß hin und her bewegte. „Es ist nicht schlimm.“

„Waren Sie damit beim Arzt?“, erkundigte er sich.

„Nein, nicht nötig. Ich hatte das schon einmal während meiner Schulzeit, als ich noch Querfeldeinlauf gemacht habe. Ich trage eine Bandage und versuche, das Gelenk nicht zu überlasten, aber ich kann mit dem Laufen einfach nicht aufhören. Es ist so befreiend.“

Noch nie zuvor hatte sie so viel von sich preisgegeben. Warum tat sie es jetzt? Weil sie vorhatte, ihn zu verlassen? Weil sie plötzlich frei und das triste, lange Kleid los war, das ihre wunderschönen Beine bedeckt hatte? Beine, die sich bestimmt genauso wundervoll anfühlten, wie sie aussahen … Bevor sich seine Finger verselbstständigen konnten, setzte Tristan ihren Fuß zurück auf den Boden und stand auf. Reiß dich zusammen, Superhirn, ermahnte er sich selbst im Stillen. Das war nicht der richtige Zeitpunkt für ein weiteres Missgeschick, auch wenn ihre plötzliche Verwandlung ein gewaltiger Schock für ihn war … wie übrigens auch ihre Kündigung. Wohin würde sie wohl in zwei Wochen gehen?

„Haben Sie schon eine Wohnung für Ihre Zeit danach?“, erkundigte er sich.

„Ich möchte mir was in einer annehmbaren Gegend kaufen. Bis dahin wohne ich eben irgendwo zur Miete“, sagte sie und sah zu ihm mit funkelnd blauen Augen auf.

Er nickte und gab sich nach außen gelassen, aber in Wahrheit tat es ihm weh, wenn er daran dachte, dass Ella bald nicht mehr da sein würde, wenn er nach Hause kam. Ihre Vorgängerin war trotz erstklassiger Referenzen nicht annähernd so gut gewesen und hatte sich hauptsächlich durch versengte Hemden und zweitklassige Mahlzeiten ausgezeichnet. So hatte er sie schließlich entlassen und in Ellas Fall weniger Wert auf Zeugnisse gelegt. Und siehe da – sobald sie begonnen hatte, sich um seinen Haushalt zu kümmern, war alles so, wie es sein sollte. Sie wusste genau, wie viel Eis sein Scotch vor dem Abendessen haben musste. Seine Bettdecken waren stets gut ausgelüftet und dufteten nach Lavendel. Nicht zuletzt konnte er ihr vollständig vertrauen und brauchte keine Angst zu haben, dass irgendein wertvoller Einrichtungsgegenstand spurlos verschwand. Verdammt.

Er rieb sich den Nacken. „Zwei Wochen, richtig?“

Gequält lächelte sie. „Es wird Ihnen sicher keine Probleme bereiten, jemanden zu finden, der in diesem wunderschönen Haus für ein so gutes Gehalt arbeitet.“

„Ich werde niemanden finden, der so gut kocht wie Sie.“

Sie sah ihn amüsiert an. „Vielen Dank, aber meine Kochkünste sind nun wirklich nichts Besonderes.“

Wer behauptete das? Als er nur daran dachte, stieg ihm der Duft ihres Beef Wellington in die Nase. Ganz besonders mochte er es, wie sie bei Tisch die Bratensoße aus der edlen Sauciere verteilte – nur über das Fleisch und nie über das Gemüse. Und sie fragte immer, ob es noch irgendwas gab, was er wünschte, worauf er immer mit Nein geantwortet hatte.

Er verspürte ein unangenehmes Hungergefühl im Magen, räusperte sich und ärgerte sich darüber, nicht im Flugzeug gegessen zu haben. „Was und wie auch immer Sie es gemacht haben“, sagte er, während er zu seiner Aktentasche ging, die neben ihrer Handtasche auf der Küchenanrichte lag. „Ich habe von unseren Gästen nur Komplimente zu hören bekommen – und die Frage, ob sie wiederkommen dürfen.“

Als er den Aktenkoffer öffnete, sah er aus dem Augenwinkel, wie Ella aufsprang. „Sie haben jemand Besonderen zum Dinner eingeladen, richtig?“, vermutete sie.

Er blätterte in einigen Bebauungsplänen, die er an diesem Nachmittag noch durchgehen musste. „Ich werde mich schon irgendwie davor drücken können.“ Blieb ihm etwas anderes übrig? Ella wollte offensichtlich sofort mit ihrem neuen Leben beginnen – raus aus den alten Sachen, rein in was Neues, Hübsches. Wenn er niemanden auftrieb, der Rippchen in Honig-Whiskey-Soße machte so wie sie, dann würde Tristan eben versuchen müssen, ohne sie zu überleben. Allerdings hegte er die Befürchtung, dass dem Bürgermeister zu Ohren gekommen war, wie Stadtrat Stevens Ellas Karamellapfelkuchen über den grünen Klee gelobt hatte. Rufus hatte bekanntermaßen eine Schwäche für süße Sachen.

So oder so, der Bürgermeister hatte sich selbst eingeladen, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Auf der einen Seite würde er sich von Ellas Kochkünsten überzeugen wollen und auf der anderen Seite Probleme ansprechen, die mit der Nutzungsänderung einiger Grundstücke im Zusammenhang standen. Es ging hierbei um einige Flächen, die Tristan gekauft hatte, um ein großes Projekt zu verwirklichen. Keineswegs freute Tristan sich auf ein anderes Thema, das Rufus mit aller Sicherheit ansprechen würde und bei dem es um eine wunderschöne, aber verlogene junge Frau ging – die Tochter des Bürgermeisters …

Als Ellas Stimme hinter seinem Rücken erklang, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. „Für wann ist das Dinner denn geplant?“

„Wirklich, Ella, Sie …“

„Sagen Sie schon“, drängte sie ihn.

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „In drei Wochen. Aber ich komme klar.“ „Wenn Sie wollen, kann ich etwas länger bleiben.“ Er nahm die Brille ab, drehte sich zu ihr um und lächelte. Sie war wirklich durch und durch loyal. „Ich kann Sie nicht darum bitten, das für mich zu tun.“

„Eine Woche länger wird mich nicht umbringen.“ Kaum hatte sie das gesagt, zuckte sie verlegen zusammen. „Ich wollte eigentlich sagen, dass ich natürlich bleibe, wenn ein einziges Geschäftsessen über den Erfolg Ihres Projekts entscheidet.“

„Das weiß ich wirklich zu schätzen, Ella. Aber wie köstlich Ihr Essen auch ist, es wird sicher nicht über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Aber schaden kann es auch nicht, oder?“

„Nein, schaden tut es auf keinen Fall“, stimmte er zu, während er seine Aktentasche schloss.

„Dann ist es abgemacht“, sagte sie zufrieden.

Tristan staunte nicht schlecht. In der Vergangenheit hatte Ella so gut wie nie ihre Meinung durchgesetzt. Und jetzt tat sie es auch nur in seinem Interesse. Es war wirklich ein Jammer, dass er sie nicht dazu bewegen konnte, für immer bei ihm zu bleiben. Doch wieso sollte eine junge und attraktive Frau weiterhin Hausmädchen sein, wenn sie über genügend Geld verfügte, um nicht mehr arbeiten zu müssen? Er konnte schon dankbar sein, dass sie überhaupt noch eine Woche länger als geplant bei ihm blieb. Schwungvoll hob er den Koffer vom Küchentresen. „In Ordnung, ich nehme Ihr Angebot an, aber ich schulde Ihnen was dafür.“

Sie machte sich daran, den Inhalt ihrer Handtasche aufzusammeln. „Sie haben schon mehr als genug getan“, sagte sie abwehrend.

„Was? Indem ich Ihnen erlaubt habe, für mich zu kochen, sauber zu machen und meine Wäsche zu waschen?“

„Ich durfte hierbleiben, als ich es am meisten gebraucht habe.“ Sie zögerte für einen kleinen Moment, bevor sie ihr Portemonnaie in der Handtasche verstaute, und Tristan sah, dass ihr Gesichtsausdruck plötzlich verschlossen wirkte. Ihre Vergangenheit ging ihn nun wirklich nichts an, erst recht wo sie jetzt gekündigt hatte. Trotzdem war er fasziniert von ihr wie nie zuvor. Was würde es schon schaden, ihr ein wenig näherzukommen, bevor sie wegging? Vielleicht würde er sogar eine Antwort auf seine Frage finden, wie aus dem hässlichen Entlein so ein wunderschöner Schwan werden konnte.

Er legte den Kopf schief. „Ich bestehe darauf, mich bei Ihnen zu revanchieren. Was würden Sie davon halten, wenn ausnahmsweise ich mich mal um das Abendessen kümmere?“

Sie sah ihn beinahe verschmitzt an, als sie abschließend die Haarbürste zurück in die Tasche gleiten ließ. „Ich habe gar nicht gewusst, dass Sie kochen können.“

„Das kann ich auch nicht, aber ich kenne ein paar ausgezeichnete Köche.“

Sie versteifte sich plötzlich und brauchte einen Moment, bevor sie ihre Stimme wiederfand. „Sie wollen mich zum Essen ausführen? Aber ich bin doch Ihre Haushälterin.“

„Nur noch für drei Wochen.“ Er wollte nicht, dass sie auf falsche Gedanken kam. „Sehen Sie es einfach als kleines Dankeschön für Ihre bisherige Arbeit … und dafür, dass Sie noch um eine Woche verlängert haben.“

Es war kein Date, wirklich nicht. Er hatte schon eine ganze Weile keine richtige Verabredung mehr gehabt. Die Frauen in seinen Kreisen waren entweder unerträglich albern, selbstherrlich oder – wie Bindy Rufus – durch und durch hinterhältig. Es waren einfach zu viele von ihnen gewesen, die er eingeladen hatte, um herauszufinden, ob die Chemie zwischen ihnen stimmte. Schließlich war er zweiunddreißig – Zeit, sich endlich eine Frau zu suchen und eine Familie zu gründen. Aber mit jedem Geburtstag, der verstrich, und jeder enttäuschenden Verabredung wurde ihm klarer, dass er eher den altmodischen Typ Frau bevorzugte.

Ella brühte einen starken Kaffee, wie Tristan ihn am liebsten mochte. Während sie den Kopf nach unten neigte und ihr feuchtes Haar sich hinter ihren Ohren zu kringeln begann, beantwortete sie seine Fragen. „Es wäre wohl nicht … angemessen, wenn ich mit Ihnen essen gehe.“

„Tja, dann werden Sie Ihre Meinung wohl ändern müssen“, erwiderte Tristan, denn wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann brachte ihn nichts und niemand davon ab. Er versuchte ein wenig freundlicher zu klingen. „Sie wissen doch: Es ist immer richtig, sich zu erholen und ein wenig Spaß zu haben.“

Sie überlegte einen Augenblick, bevor sie ihn lächelnd ansah. „Ja, vermutlich haben Sie recht.“

Tristan fühlte beim Anblick ihres unschuldigen Lächelns Hitze in sich aufsteigen. „Dann sagen wir morgen Abend“, beschloss er und machte sich hastig aus dem Staub.

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