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Verliebt in den Boss?

1. KAPITEL

Warum hatte sie sich nur darauf eingelassen? Wie hatte sie nur so dumm sein können? Das Sprichwort vom Hochmut, der vor dem Fall kam, würde sich heute wieder einmal bitter bewahrheiten. Sie hätte viel früher aus der Sache aussteigen müssen. Eine höfliche Absage hätte doch völlig genügt …

Seufzend musterte sich Kim in dem großen Wandspiegel in ihrem Schlafzimmer. Normalerweise schenkte sie ihrem Spiegelbild keine so große Aufmerksamkeit, sondern prüfte nur kurz, ob ihr Make-up nicht verschmiert war und ihre Seidenstrümpfe keine Laufmasche aufwiesen. Doch heute war kein normaler Tag. Heute musste sie, Kim Abbott, von Kopf bis Fuß picobello aussehen.

Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel. Doch, die Farbe des Kostüms passte zu ihren dunkelbraunen Augen, die etwas unsicher unter den goldbraun schimmernden Ponyfransen hervorblickten.

Aber hätte sie statt des kornblumenblauen Kostüms nicht lieber etwas Unauffälligeres anziehen sollen? Die gedeckten Grautöne, die sie sonst bevorzugte, hatten den Vorteil, ihre üppigen Kurven, verteilt auf einsachtzig ohne Schuhe, geschickt zu kaschieren. Sie war nun mal keine Elfe, wie ihr Vater liebevoll zu sagen pflegte.

Ihre Mutter hingegen pflegte ihre Rolle als enttäuschte Mutter. Sie hatte ihrer Tochter bis heute nicht verziehen, dass sie sich von dem süßen kleinen Babymädchen im Spitzenkleidchen schon bald in ein tollpatschiges Kleinkind verwandelt hatte, das dann rasant in die Höhe schoss.

Stirnrunzelnd konzentrierte Kim sich wieder auf ihr blaues Kostüm. Sie würde es anbehalten müssen, denn zum Umziehen blieb jetzt keine Zeit mehr. Schließlich durfte sie nicht zu spät zu ihrem Termin mit Ben West erscheinen.

Ben West! Ihr Magen verkrampfte sich. Vor zehn Tagen hatte sie die Einladung zum Vorstellungsgespräch im Chefbüro von West International erhalten. Seitdem überkam sie jedes Mal Panik, wenn sie nur daran dachte. Sicher, sie hätte absagen können.

Aber das hatte sie nicht getan. Und alles nur wegen Kate Campion! Der schönen, hochnäsigen, schlanken Kate, Sekretärin des Leiters der Finanzbuchhaltung, die sie „Amazone Abbott“ genannt hatte. Und das war durchaus nicht als Kompliment gemeint.

Kims volle Lippen wurden schmal vor Unmut, als sie an den unerfreulichen Vorfall vor einigen Wochen dachte. Sie war gerade in einer der Toilettenkabinen gewesen, als Kate und deren Freundinnen in der Mittagspause kichernd und schwatzend in die Damentoilette gestürmt kamen, um vor dem Spiegel ihr Make-up aufzufrischen. Aus ihrem Versteck heraus hatte Kim gehört, wie eins der Mädchen fragte: „Und du bist sicher, dass er sie fallen gelassen hat und nicht umgekehrt, Kate?“

„Wie bitte?“ Das war Kate. „Amazone Abbott soll einem so umwerfenden Typen wie Peter Tierman den Laufpass gegeben haben? Da hat er mir aber etwas ganz anderes erzählt, als er mich für heute Abend zum Dinner einlud.“

„Was?“, riefen alle im Chor. „Du bist mit Peter verabredet?“

„Ja. Er wollte mich schon seit einer Ewigkeit einladen. Er wusste nur nicht, wie er es der Amazone schonend beibringen sollte. Sie mag ja fünf Meter groß sein, aber sie muss wie eine Klette an ihm gehangen haben. Er hat sich doch nur aus Mitleid mit ihr abgegeben. Aber jetzt bin ich kurz vorm Verhungern. Lasst uns essen gehen!“

Das Klappern ihrer Stilettos entfernte sich, und nur eine penetrante Parfümwolke hing noch im Raum, als Kim glühend vor Zorn aus ihrer Kabine kam.

Wie konnten ihre Kolleginnen es wagen, so über sie herzuziehen? Und dann Peters dreiste Lügen! Sie war es gewesen, die vor zwei Tagen mit ihm Schluss gemacht hatte. Weil sie keine Lust mehr hatte, sich ständig seine Lobhudeleien auf sich selbst anzuhören.

Peter sah wirklich gut aus, aber er war auch furchtbar eingebildet. Dies und die Tatsache, dass er seine Hände nicht bei sich behalten konnte und immer beharrlicher versucht hatte, sie ins Bett zu bekommen, hatte Kim dazu bewogen, sich von ihm zu trennen. Was sie im Übrigen schon viel früher hätte tun sollen. Schließlich hatte sie schon nach der zweiten Verabredung gewusst, dass er nicht der Mann war, für den sie ihn gehalten hatte. Doch seit der Sache mit David hatte sie über die Jahre hinweg so vielen Männern einen Korb gegeben, dass sie sich vorgenommen hatte, diesmal länger durchzuhalten. Ein gravierender Fehler, wie sich nun gezeigt hatte.

Sie war in ihr Büro zurückgekehrt, hatte lustlos ihr Sandwich gegessen und sich den Kopf darüber zerbrochen, was sie unternehmen sollte. Am besten gar nichts, hatte sie beschlossen. Sie wollte Peters Lügen lieber unkommentiert lassen. Früher oder später würde sich schon noch eine Gelegenheit bieten, die Sache ruhig und sachlich klarzustellen. Mit dem Spitznamen würde sie wohl oder übel leben müssen. Sie hatte immer gewusst, dass Kate sie nicht mochte. Vielleicht, weil sie selbst keinerlei Ambitionen hatte, Kates intriganter Clique beizutreten.

Am nächsten Tag schon war ihr zu Ohren gekommen, dass Kate sich um den absoluten Spitzenjob innerhalb der Firma West International bewarb, und zwar als Assistentin von Ben West, dem großen Firmenboss höchstpersönlich. Und plötzlich hatte Kim ein kleiner Teufel geritten, der ihr zugeflüstert hatte, so gut wie Kate Campion sei sie schon lange und warum sie nicht ebenfalls ihr Glück versuche.

Und genau das hatte sie getan. Die halbe Nacht hatte sie an ihrer Bewerbung gefeilt, um sie dann gleich am nächsten Morgen einzureichen. Natürlich hatte sie ihren Schritt gleich darauf bereut, sich aber gesagt, dass sie ohnehin nie wieder etwas davon hören würde. Bestenfalls würde eine dieser höflichen Standardabsagen in ihren Briefkasten flattern.

Jetzt atmete sie ein letztes Mal tief durch, wandte sich vom Spiegel ab und nahm ihre Handtasche. Der Hauptsitz der Firma West International, die Niederlassungen in ganz Europa und Amerika hatte, befand sich in einem supermodernen Londoner Bürogebäude in der Nähe des Hyde Park, aber Kim war noch nie dort gewesen. Sie selbst arbeitete seit zwei Jahren als Sekretärin des Direktors der Verkaufsabteilung, die in einem Vorort von London angesiedelt war.

Nach Abschluss ihres Studiums hatte sie zunächst einen recht anspruchslosen Bürojob angenommen. Er sollte nur als Überbrückung dienen, bis David, ihr Verlobter, und sie heiraten würden. Sie hatte David gleich in der ersten Woche an der Uni kennengelernt, und seitdem hatten sich ihre Träume nur noch um ihn gedreht.

Wie dumm von ihr! Denn damals hatte sie auf die harte Tour gelernt, dass Männer dies sagten und jenes meinten. Dass ihnen einfach nicht zu trauen war.

Sie musste los, die Zeit drängte. In der sonnendurchfluteten Diele hielt sie noch einmal kurz inne und sah sich um. Sie liebte ihre kleine Wohnung. Gleich nachdem sie die Stelle bei West International bekommen hatte, war sie hierher gezogen. Wenn sie keine Lust hatte, mit dem Auto zu fahren, war sie von hier aus in einer Viertelstunde zu Fuß im Büro. Und Alan Goode, ihr Chef, war ein netter, umgänglicher Mann, mit dem sie großartig auskam. Sie hatte gute Freunde und ein einigermaßen geselliges Privatleben. Sie war zufrieden.

Nicht glücklich, aber zufrieden. Sie zog die Wohnungstür hinter sich zu und durchquerte den großzügigen Hausflur des viktorianischen Altbaus, in dem sie die Parterrewohnung bewohnte. Nach der schlimmen Zeit, die sie nach der Trennung von David durchgemacht hatte, war zufrieden schon sehr viel.

Sie würde keine weiteren Versuche wagen, ein „normales“ Leben zu führen, wie ihre Mutter es nannte. In den Augen ihrer Mutter war jeder, der mit fünfundzwanzig noch nicht verheiratet oder fest liiert war, nicht normal. Aber Kims Bedarf war gedeckt. Ein Fehler wie mit Peter würde ihr nie wieder passieren.

Sie trat auf die ruhige Straße hinaus und ging zu ihrem Mini, der am Straßenrand parkte. Es hatte auch Vorteile, allein und ungebunden zu sein. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte. Keine öden Samstagnachmittage mehr bei Wind und Wetter mit David auf dem Fußballplatz, kein Mann, hinter dem sie zurückstehen musste, keiner, der ihr mit seiner schlechten Laune den Tag verdarb.

Beim Einsteigen fragte sie sich, warum sie heute eigentlich ständig an David denken musste. In letzter Zeit hatte sie kaum noch an ihn gedacht, und wenn, dann mit einem Gefühl der Dankbarkeit, dass sie noch einmal davongekommen war. Der Mann, den sie in ihm gesehen hatte, hätte sich ihr gegenüber niemals so grausam verhalten, wie David es getan hatte. Sie hatte ihn im Grunde gar nicht gekannt, wie ihr in den Wochen und Monaten nach der Trennung erschreckend klar geworden war. Eine niederschmetternde Erkenntnis, aus der sie eine wichtige Lehre gezogen hatte: Niemand konnte jemals sicher wissen, was ein anderer dachte oder fühlte.

Sie straffte die Schultern und ließ den Motor an. Es war Zeit, zum Bahnhof zu fahren und den Zug in die City zu nehmen. Sie würde das Vorstellungsgespräch so gut wie möglich hinter sich bringen und es dann vergessen.

Immerhin war sie, im Gegensatz zu Kate, dazu eingeladen worden. Der Anflug eines Lächelns stahl sich auf ihre Lippen. Kate hatte Gerüchten zufolge einen Tobsuchtsanfall bekommen, als sie davon erfahren hatte. Oh, tat das gut! Mit einem breiten Lächeln im Gesicht fuhr Kim los.

Anderthalb Stunden später saß sie im Büro von Ben Wests derzeitiger Sekretärin, einer attraktiven und unübersehbar hochschwangeren jungen Frau. Kim war einige Minuten zu früh erschienen und bekam gerade noch mit, wie die Bewerberin vor ihr ins Allerheiligste gebeten wurde. Die Frau war groß, schlank und hervorragend gekleidet, doch ihr strahlendes Hundert-Watt-Lächeln galt allein Mr. Wests Sekretärin. Für Kim hatte sie nur einen geringschätzigen Blick übrig, der besagte, dass sie diese Konkurrenz wohl nicht zu fürchten brauche.

Kim gab ihr im Stillen recht. Sie selbst war offenbar die Verlegenheitskandidatin in dieser Runde. Wenn Ben West so blitzgescheit und dynamisch war, wie man ihm nachsagte, würde er es auf den ersten Blick sehen. Sie machte sich auf ein sehr kurzes Gespräch gefasst.

Das Bürogebäude mit seinen dicken Teppichböden und gläsernen Lifts war so repräsentativ, wie man es vom Hauptsitz eines weltweit operierenden Unternehmens erwarten durfte. Kim wusste, dass Ben West, kaum den Kinderschuhen entwachsen, seine erste Million mit Immobiliengeschäften verdient und sein Unternehmen dann erweitert hatte. Sein zweites Standbein, die Produktion dekorativer Innenausstattung für den Wohn- und Geschäftsbereich, war marktführend in der westlichen Welt.

Kim hatte noch nie ein Foto von ihm gesehen, aber dank des Büroklatsches wusste sie in etwa, was auf sie zukam. Ben West war Ende dreißig, ein energiegeladener Macher, bekannt für seine Skrupellosigkeit und seine zähe Entschlossenheit. Er war geschieden, hatte ein Kind. Und eine lange Reihe von Freundinnen. Es hieß, er sei attraktiv. Doch Kim wusste, dass in den Augen vieler Frauen Macht und Reichtum einen Mann attraktiv machten, egal, wie er aussah.

Gedankenverloren blätterte sie in einem der Hochglanzmagazine, die im Wartebereich auslagen. Die Sekretärin hatte ihr telefonisch eine Tasse Kaffee bestellt, was Kim beeindruckend fand. Als Ben Wests Assistentin brauchte man offenbar den Kaffee nicht selbst zu kochen. Serviert wurde er in einer hauchdünnen Porzellantasse, was das Gebräu im Pappbecher, das es in ihrem eigenen Büro gab, gleich noch ungenießbarer erscheinen ließ.

Sie hatte kaum zwei Schlucke getrunken, als die Hundert-Watt-Dame mit finsterer Miene aus dem Chefbüro gestürmt kam. Ihr Gespräch schien nicht allzu gut verlaufen zu sein. Ohne weitere Nettigkeiten mit Mr. Wests Sekretärin auszutauschen, strebte sie mit hochrotem Kopf dem Ausgang zu.

Sie war gerade zur Tür hinaus, da summte die Telefonanlage auf dem Schreibtisch der Sekretärin. „Pat?“, ertönte eine tiefe, vor Ärger bebende Stimme. „Sagten Sie nicht, Sie hätten die besten Bewerberinnen ausgewählt? Wenn das die besten sind, dann wage ich mir nicht vorzustellen, wer noch alles kommt. Ich hoffe, es ist wenigstens eine darunter, die nicht komplett unterbelichtet ist.“

Kim sah, wie die Sekretärin mit einem schnellen Blick in ihre Richtung auf einen Knopf drückte, während sie so etwas wie „hoch qualifiziert“ in den Hörer murmelte. Sie sprach so leise, dass Kim die Ohren spitzen musste, um sie zu verstehen. „Ja, noch eine heute Vormittag. Sie wartet bereits. – Ja, in Ordnung. Und vergessen Sie nicht, Sie sind um eins zum Lunch verabredet.“

„Miss Abbott?“ Die Sekretärin hatte aufgelegt. „Mr. West erwartet Sie.“

„Danke.“ Kim stand auf. „Soll ich versuchen, sein Vertrauen in den weiblichen Teil der Menschheit wiederherzustellen?“, fragte sie lächelnd, als sich ihre Blicke trafen. Es wäre sinnlos gewesen, so zu tun, als hätte sie nichts gehört.

Pat lächelte zerknirscht. „Zwei der Bewerber sind Männer, und die hatten auch kein Glück. Es ist nicht immer leicht, Mr. West zufriedenzustellen.“

Es schien geradezu unmöglich, Mr. West zufrieden zu stellen, aber das behielt Kim für sich. Die Sekretärin öffnete die Tür zum Chefbüro. „Miss Abbott, Mr. West.“

Als sie das helle, großzügige Büro betrat, fielen Kim mehrere Dinge gleichzeitig auf. Die riesige Fensterfront mit der atemberaubenden Aussicht auf die Stadt, die geschmackvolle Einrichtung – nun, kein Wunder! – und die angenehme Ruhe, obwohl das Büro an einer der viel befahrenen Straßen lag. Von Ben West, der mit dem Rücken zum Fenster hinter seinem Schreibtisch thronte, konnte sie im Gegenlicht nur die dunkle Silhouette erkennen. Somit war jeder Besucher von vornherein im Nachteil, was von Ben West vermutlich beabsichtigt war.

„Guten Morgen, Miss Abbott. Bitte, nehmen Sie Platz.“ Er erhob sich, schüttelte ihr die Hand und deutete auf einen Stuhl seitlich von seinem Schreibtisch.

Kim war froh, sich setzen zu können. Wenn das Büro schon beeindruckend war, so der Mann erst recht. Jetzt, da sie ihn deutlicher sehen konnte, bemerkte sie, dass er auf schroffe, unkonventionelle Art gut aussah. Mit seinem dichten schwarzen Haar, an den Schläfen von feinen Silberfäden durchzogen, und den leuchtend blauen Augen wirkte er sprühend vor Energie. Er war ausgesprochen gut gekleidet, sein Hemd und sein Jackett eindeutig Designerware. Das Faszinierende aber war, wie die Sachen an seinem großen, durchtrainierten Körper zur Geltung kamen.

Gewöhnt, den meisten Männern problemlos in die Augen oder sogar auf den Scheitel blicken zu können, stellte Kim überrascht fest, dass Ben West sie um gut zehn Zentimeter überragte. Und dann diese überwältigende männliche Ausstrahlung! Hinter einem Büroschreibtisch wirkte er völlig fehl am Platz. Ein Mann wie er schien eher dazu geschaffen, Berggipfel zu erklimmen oder mit Krokodilen zu kämpfen.

Er lehnte sich zurück und kam direkt zum Thema: „Sie wollen also für mich arbeiten, Miss Abbott. Und warum, wenn ich fragen darf?“

Kim sah ihn ratlos an, während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Ihr war klar, dass sie gerade dabei war, sein Vorurteil über unterbelichtete Bewerberinnen zu untermauern. „Wie ich in meinem Anschreiben erwähnte“, betete sie ihre einstudierte Antwort herunter, „arbeite ich seit zwei Jahren in der Niederlassung in Surrey. Durch meine Arbeit habe ich umfassende Einblicke in die Arbeitsweise der Firma West International und die Gründe für ihren weltweiten Erfolg gewonnen. Die Arbeit gefällt mir, aber es ist an der Zeit, mich neuen Herausforderungen zu stellen.“

Ben West schwieg, doch sie widerstand der Versuchung, einfach weiterzubrabbeln. Sie würde den Job sowieso nicht bekommen, aber sie musste sich auch nicht komplett lächerlich machen.

„Eine Antwort wie aus dem Lehrbuch“, urteilte er, doch es klang nicht wie ein Lob. „Die anderen haben genau dasselbe gesagt.“

Kim beschloss, dass sie ihn nicht ausstehen konnte. „Das tut mir leid.“

„Entschuldigen Sie sich nicht, lassen Sie sich lieber etwas Originelles einfallen.“

Ihr ging gerade ein sehr origineller Gedanke durch den Kopf, doch der hätte ihm sicher nicht gefallen. Da sie ihren derzeitigen Job gern behalten wollte und er ihr oberster Chef war, begnügte sie sich also mit einem steifen: „Mich reizt die größere Verantwortung und die Aussicht auf gelegentliche Dienstreisen.“

„Überrascht es Sie, dass ich auch diese Antwort schon kenne?“

Sie konnte ihn definitiv nicht ausstehen. „Nein, das überrascht mich nicht.“

„Oh, und warum nicht?“

„Wenn Sie Ihre Mitmenschen für unterbelichtete Trottel halten, müssen Sie sich nicht wundern, wenn sie sich auch so benehmen“, erwiderte sie scharf. Kim bereute es auf der Stelle, weniger um ihrer selbst willen als aus Sorge, die Sekretärin in Schwierigkeiten gebracht zu haben. Ben West war es nicht gewöhnt, dass man ihm Paroli bot, das sah sie ihm an.

„So …,“ er beugte sich vor und musterte sie scharf aus seinen blauen Augen, „… Sie haben also mitgehört.“

Sie nickte. Sollte er sie doch feuern. Sie würde es überleben.

„Dann bitte ich um Verzeihung. Das war kein glücklicher Einstieg in ein Vorstellungsgespräch“, sagte er ruhig.

Kim blinzelte vor Verblüffung über die unerwartete Entschuldigung. Sie räusperte sich. „Kein Problem, Mr. West. Offenbar entspreche ich ebenso wenig Ihren Erwartungen wie meine Mitbewerber, aber trotzdem vielen Dank, dass Sie mir Ihre Zeit geopfert haben.“ Als sie sich erhob, sah sie, wie sich seine Augen verengten.

„Wo wollen Sie hin?“

Sie errötete. „Ich hielt das Gespräch für beendet.“

„Irrtum, es hat noch gar nicht angefangen.“ Unter seinem durchdringenden Blick sank sie auf ihren Stuhl zurück. „Also, ich frage Sie jetzt noch einmal, und ich erwarte eine ehrliche Antwort. Warum wollen Sie für mich arbeiten, Miss Abbott?“

Ihre Wangen glühten. „Meine Antwort war ehrlich, wenn auch vielleicht nicht ganz vollständig …“

Seine Mundwinkel zuckten. Er hatte einen schönen Mund, ausdrucksvoll und energisch, und ein kantiges Kinn mit einem Grübchen in der Mitte. „Und?“

Sein sanfter Ton konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er wie ein Bluthund auf ihre Antwort lauerte. Sie hätte sich alles Mögliche ausdenken können, aber sie hatte das Gefühl, dass er sie sofort durchschauen würde, wenn sie nicht bei der Wahrheit blieb. „Wie gesagt, ich habe in Surrey alles erreicht, was ich erreichen kann. Aber ich hätte mich vermutlich nicht bei Ihnen beworben, wenn mir nicht etwas Bestimmtes zu Ohren gekommen wäre. Etwas, das mich auf die Idee brachte, die eingefahrenen Gleise zu verlassen.“

„Und was war das?“

„Es hatte mit mir persönlich zu tun“, gab sie widerstrebend zu, „und war nicht gerade sehr schmeichelhaft.“ „Hatte es etwas mit Ihrer Arbeit zu tun?“ Die Frage war durchaus berechtigt. „Nein, an meiner Arbeit gab es nie etwas auszusetzen, wie Ihnen Mr. Goode sicher bestätigen wird.“

„Das hat er bereits, sonst wären Sie nicht hier“, sagte er trocken. „Miss Abbott, verschwende ich meine Zeit mit Ihnen?“

„Wie bitte?“ Wieder schoss ihr das Blut in die Wangen.

„Haben Sie wirklich vor, die Stelle anzutreten, falls man sie Ihnen anbietet?“

Bis vor wenigen Minuten hätte sie die Frage eindeutig mit Nein beantwortet. Jetzt war sie plötzlich im Zweifel. Für jemanden wie Ben West zu arbeiten bedeutete sicher jede Menge Stress und Nervenkitzel, aber wollte sie sich wirklich für die nächsten zehn, zwanzig Jahre in Surrey verkriechen?

Denn nichts anderes tat sie dort, wie ihr plötzlich klar wurde. Sie führte ein eigenständiges Leben, jedoch eingebettet in ein Netz aus Familie und guten Freunden, die alle in ihrer Nähe wohnten. Ihren Job beherrschte sie in- und auswendig, er bot keine Herausforderung mehr. Nach der Katastrophe mit David war ihr das nur recht gewesen. Bis jetzt. Bis zu dem Moment, da sie diesen Raum betreten hatte.

„Ja, Mr. West“, sagte sie mit fester Stimme. „Ich würde die Stelle antreten.“

Er nickte. „Gut.“ Jetzt erst wandte er den Blick von ihr ab, um die Unterlagen auf seinem Schreibtisch zu studieren. „Fahren wir also fort.“

2. KAPITEL

Kim war völlig ausgelaugt, als sie nachmittags nach Hause kam. Das Vorstellungsgespräch bei Ben West war lang und unglaublich anstrengend gewesen. Ein Wunder, dass sie sich kaum noch auf den Beinen hatte halten können, als sie sein Büro verließ. Sie musste reichlich elend ausgesehen haben, denn die Sekretärin hatte ihr prompt den Lunch in der Firmenkantine empfohlen.

Gestärkt von zwei Tassen schwarzen, süßen Kaffees und einem Brathähnchen mit üppiger Beilage, hatte sie über die verwirrenden Ereignisse der letzten Stunden nachgedacht. Und war zu dem Schluss gekommen, dass sie verrückt sein musste, zu glauben, Ben West würde ihr die Stelle seiner Assistentin anbieten. Oder dass sie den Anforderungen gewachsen sein könnte. Nein, diese Sache war eindeutig ein paar Nummern zu groß für sie.

Ben West hatte das Gespräch mit der Bemerkung beendet, er werde seine Entscheidung innerhalb von vierundzwanzig Stunden treffen, nachdem er alle Kandidaten gesehen habe. Kim hatte keine Ahnung, wie sie abgeschnitten hatte. Miss Hundert-Watt-Lächeln war höchstens zehn Minuten bei ihm im Büro gewesen, doch nachmittags würde sich noch jemand vorstellen.

Als sie das Bürogebäude von West International verließ, war die Sonne, die morgens so verheißungsvoll geschienen hatte, hinter einer dichten grauen Wolkendecke verschwunden. Ihr Zug nach Hause hatte Verspätung, und als er schließlich kam, zwängten sich Hunderte missgelaunter Pendler hinein.

Beim Anblick ihres treuen kleinen Mini, der am Bahnhof in Surrey auf sie wartete, wäre sie beinahe in Tränen ausgebrochen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie restlos erschöpft war.

Jetzt betrat sie die Wohnung und ließ sich erschöpft auf das Sofa fallen. Ben Wests schnelllebige, glamouröse Geschäftswelt hatte erheblich an Reiz verloren. Die Rückfahrt hatte dreimal so lange gedauert wie geplant. Das erinnerte sie an etwas, was er im Laufe des Gesprächs gesagt hatte.

„Ich nehme an, Sie sind sich darüber im Klaren, was Sie als meine persönliche Assistentin erwartet. Lassen Sie es mich kurz umreißen. Ich brauche jemanden, der hart arbeitet und Eigeninitiative entwickelt, Miss Abbott. Routinearbeiten werden Sie delegieren, aber um sensible Vorgänge, die der Vertraulichkeit unterliegen, werden Sie sich persönlich kümmern. Sie werden Briefe, Berichte und Vermerke aufsetzen, Informationen beschaffen, Gesprächsprotokolle anfertigen, Sitzungen vorbereiten, Kontakte zu Geschäftspartnern pflegen und andere Mitarbeiter anweisen. Ich erwarte hundertprozentige Loyalität, absolute Diskretion und die Bereitschaft, wenn nötig bis spät in die Nacht oder vom frühen Morgen an zu arbeiten. Ist das ein Problem für Sie?“

Sie wusste noch, dass sie verwirrt den Kopf geschüttelt hatte, woraufhin er erklärt hatte: „Ich verlange nicht, dass meine Assistentin zu allem Ja und Amen sagt. Aber sollten Sie anderer Ansicht sein als ich, dann besprechen wir das unter vier Augen, verstanden?“ Mindestens ebenso verwirrt hatte sie genickt.

Kim sah sich in ihrem gemütlichen Wohnzimmer mit dem hellen, flauschigen Teppich und der cremefarbenen Sitzecke um. Ihr Schlafzimmer war ganz in Rosa-, Beige- und Mauvetönen gehalten, eine romantische Oase, die vom Fehlen eines männlichen Mitbewohners zeugte. Sie liebte ihr Zuhause. Doch würde sie hier bleiben können, wenn Ben West ihr wider Erwarten den Job anbot? Falls die heutige Rückfahrt ein Vorgeschmack auf kommende Zeiten war …

Nein, sie wollte nicht alles so negativ sehen. Die Hinfahrt war reibungslos verlaufen, und auf der Rückfahrt hatte sie einfach Pech gehabt. Davon abgesehen gab es ganz sicher qualifiziertere Bewerberinnen als sie. Wozu also die Aufregung?

Und wenn sie nun doch ausgewählt wurde? Bei dem Gedanken wurde ihr flau im Magen. Nun, damit würde sie sich befassen, wenn es so weit war.

An diesem Abend ging sie früh ins Bett, schlief aber kaum besser als in der Nacht zuvor. Morgens um sechs stand sie auf, kochte Kaffee und kuschelte sich in die Sofaecke. Die Sonne schien herrlich, und durch die offenen Fenster drang Vogelgezwitscher.

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