Logo weiterlesen.de
Verliebt in den Boss meiner Träume

image

1. KAPITEL

Cara Winstone ging die glatte Schiefertreppe zur glänzenden schwarzen Tür des Stadthauses in South Kensington hinauf und versuchte, sich nicht von dessen Eleganz einschüchtern zu lassen.

Dieses Haus sah genau aus wie jenes, von dem sie als naiver, aber hoffnungsfroher Teenager geträumt hatte. In ihrer Fantasie war das vierstöckige viktorianische Anwesen voller glücklicher, aufgeweckter Kinder gewesen, die sie und ihr attraktiver Ehemann mit liebevoller Strenge bändigten – und über deren Streiche sie abends im Bett lachten. In jedem Raum stand ein wunderschöner Strauß mit Blumen der Saison. Die hohen Fenster ließen den Sonnenschein herein, der sich in den glatten Oberflächen der ebenso geschmackvollen wie gemütlichen Möbel spiegelte.

Caras Einzimmerapartment im Londoner Stadtteil Islington war Lichtjahre von diesem prächtigen Haus entfernt.

Und in Kürze würde es nicht mehr ihr Apartment sein, wenn sie nicht die Chance ergriff, die sich ihr gerade bot.

Der dreifache Espresso, den sie zum Frühstück getrunken hatte, rumorte in ihrem Magen. Ihr geldgieriger Vermieter war drauf und dran, sie aus der Wohnung zu werfen, in der sie seit sechs Jahren lebte. Fand sie nicht bald einen neuen Job, müsste sie nach Cornwall zurückgehen. In das Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein schien. Sie müsste ihre Eltern anbetteln, deren Abstellkammer mit den Hunden teilen zu dürfen, bis sie sich wieder selbst durchbringen konnte.

Obwohl sie ihre Eltern innig liebte, fand sie die Vorstellung grässlich, wie sie sich zu dritt in dem winzigen abgelegenen Häuschen auf der Pelle hockten. Vor allem, weil sich die beiden so gefreut hatten, als Cara vor einem halben Jahr den Zuschlag für ihren Traumjob bekommen hatte: Assistentin des Geschäftsführers eines der größten britischen Konzerne.

Dank der Mitteilsamkeit von Mrs. Winstone wusste bald jeder in der Familie und im Dorf Bescheid. Cara konnte sich vor Glückwünschen per SMS und E-Mail kaum retten.

Innerlich krümmte sie sich vor Verlegenheit bei der Aussicht, ihren Eltern zu erklären, warum sie nach nur drei Monaten hatte kündigen müssen. Das konnte sie einfach nicht tun. Nicht nach all den Opfern, die ihre Eltern gebracht hatten, um die teure Privatschule zu bezahlen. Cara sollte jene Möglichkeiten bekommen, die sie selbst nie hatten. Nein, sie schuldete ihnen mehr als einen Anruf.

Mit etwas Glück konnte sie sich vor dem demütigenden Telefonat drücken. Die heutige Gelegenheit war perfekt, um ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Wenn sie diesen Job ergatterte, regelte sich bestimmt auch alles andere.

Sie klemmte die Mappe mit ihrem Lebenslauf und den ausgezeichneten Zeugnissen, die sie im Laufe der Jahre gesammelt hatte, unter den Arm. Dann drückte sie auf die blanke Messingklingel neben der Tür und wartete auf den Hausbesitzer.

Und wartete.

Cara tippte mit der Fußspitze auf den Boden, strich ihre Haare noch einmal glatt und zupfte den Rock ihres besten Kostüms zurecht. Sie wollte möglichst professionell und souverän aussehen, wenn die Tür endlich geöffnet wurde.

Was nicht geschah.

Vielleicht hatte man ihr Klingeln nicht gehört.

Sie widerstand dem Drang, ihre Nägel zu kauen, die gerade erst eine annehmbare Länge erreicht hatten, und klingelte erneut. Diesmal länger. Gerade wollte sie aufgeben und später noch einmal herkommen, da schwang die Tür auf. Ein großer, geradezu schockierend attraktiver Mann erschien, mit einem durchtrainierten Körper und jener selbstbeherrschten Miene, die Caras Herz ein bisschen schneller schlagen ließ. Einerseits hätten seine dunklen Haare wieder mal einen Schnitt gebraucht. Andererseits fielen sie ihm gerade deshalb auf hinreißende Weise in die Stirn, fast bis in die ausdrucksstarken haselnussbraunen Augen mit den goldenen Sprenkeln. Hätte Cara diesen Mann mit einem einzigen Wort beschreiben sollen, hätte sie sich für verwegen entschieden. Ein altmodischer Ausdruck, der irgendwie genau passte.

Ihr Gegenüber senkte den missmutigen Blick von ihrem Gesicht auf die Mappe unter ihrem Arm.

„Ja?“, fuhr er Cara so heftig an, dass sie unwillkürlich zurückwich und fast von der obersten Treppenstufe gefallen wäre.

„Max Firebrace?“ Zu ihrem Leidwesen bebte ihre Stimme angesichts der unerwarteten Feindseligkeit ein wenig.

Die Falte auf seiner Stirn grub sich noch etwas tiefer ein. „Ich spende nie an der Tür.“

Cara holte tief Luft, setzte ein selbstsicheres Lächeln auf und sagte so geduldig wie möglich: „Ich arbeite nicht für eine karitative Organisation. Ich bin wegen des Jobs hier.“

Seine abweisende Art lag wie ein drohendes Gewitter zwischen ihnen. „Was reden Sie da? Ich will niemanden einstellen.“

Eine heiße Röte stieg ihr in die Wangen. Cara blinzelte verdutzt. „Wirklich nicht? Meine Cousine Poppy sagte, Sie bräuchten eine Assistentin, weil Ihnen die Arbeit über den Kopf wächst.“

Er verschränkte die Arme, und Cara sah ihm an, dass der Groschen fiel.

„Ich habe Poppy bloß erzählt, ich würde vielleicht jemanden einstellen, damit ich sie loswerde“, erwiderte er verärgert.

Cara zog die Stirn kraus und kämpfte gegen das mulmige Gefühl in ihrer Magengrube an. „Dann brauchen Sie gar keine Assistentin?“

Max Firebrace schloss die Augen, fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht und seufzte kurz. „Ich habe viel zu tun, das stimmt, aber mir fehlt die Zeit für Bewerbungsgespräche und erst recht für das Einarbeiten einer Assistentin. Wenn Sie mich also entschuldigen …“

Bevor er die Tür schließen konnte, trat Cara einen Schritt vor und hob beide Hände im verzweifelten Versuch, den Mann aufzuhalten. Mit einem Knall landete ihre Bewerbungsmappe auf dem Boden. „Warten Sie! Bitte!“

Er sah ebenso unwillig wie erstaunt aus, hielt aber wenigstens inne. Schließlich öffnete er die Tür ein Stückchen weiter.

Cara deutete das als gutes Omen vom Gott der Beharrlichkeit. Rasch hob sie ihre Mappe auf, straffte die Schultern und machte sich daran, die eigene Werbetrommel zu rühren. Den Spruch hatte sie geübt, seit am Vorabend Poppys E-Mail über diese einmalige Möglichkeit bei ihr angekommen war.

„Ich bin sehr gut in meinem Job, und ich lerne schnell. Außerdem habe ich sechs Jahre Berufserfahrung als Assistentin, also werden Sie mir gar nicht viel zeigen müssen.“ Cara klang verlegen und mindestens eine Tonlage zu hoch, fuhr jedoch unbeirrt fort.

„Ich arbeite ausgesprochen selbstständig, bin genau und gründlich. Das werden Sie sehen, wenn Sie mich einstellen.“ Sie verlieh ihrer Stimme eine Zuversicht, die sie nicht mehr empfand.

Max Firebrace blickte sie nach wie vor grimmig an, eine Hand noch auf der Klinke, als stünde er kurz davor, Cara die Tür vor der Nase zuzuknallen. Trotzdem war sie nicht bereit, das Feld kampflos zu räumen. Sie hatte es bis obenhin satt, sich wie eine Versagerin zu fühlen.

„Geben Sie mir eine Chance, Ihnen zu zeigen, was ich kann. Heute, kostenlos. Wenn Ihnen meine Leistung zusagt, kann ich morgen richtig anfangen.“ Von dem aufgesetzten Lächeln taten ihr allmählich die Wangen weh.

Er kniff die Augen leicht zusammen und schien das Angebot in Erwägung zu ziehen.

Nach einem kurzen angespannten Schweigen, in dem Caras Herz hämmerte, als wollte es ihren Brustkorb sprengen, nickte der Mann in Richtung Mappe.

„Ist das Ihr Lebenslauf?“

„Ja.“ Sie reichte ihm die Unterlagen und hielt die Luft an, während ihr potenzieller Arbeitgeber die Seiten überflog.

„Okay“, meinte er schließlich, seufzte tief und gab ihr die Unterlagen zurück. „Zeigen Sie mir, was Sie können. Falls ich zufrieden bin, biete ich Ihnen eine bezahlte einmonatige Probezeit an. Danach entscheide ich, ob eine Vollzeitstelle daraus werden kann oder nicht.“

„Abgemacht.“ Sie streckte ihre rechte Hand aus. Max Firebrace schaute nachdenklich darauf, bevor er sie ergriff.

Im ersten Moment war Cara erleichtert. Gleich darauf spürte sie ein geradezu verstörendes heißes Prickeln, als ihr neuer Chef ihre Hand drückte und damit jeden Nerv ihres Körpers zum Leben erweckte.

„Sie kommen wohl besser herein.“ Er ließ seine Hand sinken, drehte Cara den breiten Rücken zu und verschwand im Haus.

Wenn er immer so kurz angebunden war, würde sie sich ranhalten müssen, um ihn zu beeindrucken. Nun, sie wollte die Herausforderung annehmen – auch wenn ihr Magen angesichts dieses Mannes Purzelbäume schlug.

Cara verdrängte die Nervosität und eilte ins Haus. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, sah sie gerade noch aus dem Augenwinkel, wie Max Firebrace in ein Zimmer am Ende des Flurs abbog.

Und was das für ein Flur war! Größer als Caras gesamtes Apartment. An den hohen, in einem blassen Cremeton gestrichenen Wänden hingen abstrakte Gemälde auf echter Leinwand, keine Drucke hinter Glas wie in ihrer eigenen Wohnung. Das bunte Mosaik auf dem Boden war bestimmt fünfzig Meter lang und endete am Fuße einer breiten Treppe aus Eichenholz. Durch ein riesiges Buntglasfenster fiel weiches Licht auf die Stufen.

Neben einem Tisch mit Marmorplatte hielt Cara inne. Hier gehören Blumen hin, schoss es ihr durch den Kopf. Dann steuerte sie auf das Zimmer zu, in dem ihr Chef verschwunden war.

Okay, sie würde es schaffen. Sie konnte ihn beeindrucken. Denn sie war beeindruckend.

Stimmt’s, Cara? Stimmt’s?

Der Raum, den sie betrat, sah ebenso weitläufig aus wie der Flur. Allerdings war der untere Teil der Wände in einem zarten Blaugrau gestrichen, das von einer Bilderleiste abgeschlossen wurde, darüber strahlten sie weiß. Es kam Cara vor, als befände sich die Zimmerdecke mit dem aufwendigen Fries meilenweit über ihr.

Max stand in der Zimmermitte auf dem polierten Parkett. Trotz ihres Lampenfiebers fühlte Cara, wie einschüchternd charismatisch er war. Der Mann strahlte pure sexuelle Energie aus.

„Ich heiße übrigens Cara“, sagte sie, verdrängte ihre Angst und lächelte freundlich.

Er nickte nur und hielt ihr einen Laptop hin. „Dies ist ein Ersatzgerät. Sie können es heute benutzen, um die Unterlagen da drüben einzuscannen und zu archivieren.“ Mit der freien Hand deutete er auf einen Stapel, der so hoch war, dass er sich auf der Tischplatte schon gefährlich neigte. „Dort steht der Aktenschrank …“, Max zeigte in eine andere Richtung, „… da der Scanner. Das Ablagesystem dürfte sich von selbst erschließen.“ Max gab sich keine Mühe, seine Ungeduld zu verbergen.

Besonders zugänglich war er also nicht.

„In Ordnung, danke.“ Cara nahm den Laptop und setzte sich auf ein langes niedriges Sofa an der Wand. Auf der anderen Seite des Zimmers stand ein großer Schreibtisch aus Eiche mit einem Computer und einem riesigen Monitor.

Sie unterdrückte die Nervosität, die sie plagte, seit sie ihren letzten Job gekündigt hatte, und schaltete den Laptop ein. Dann öffnete sie den Internetbrowser, richtete ihr E-Mail-Konto und einen Ordner namens Firebrace Management Solutions ein. Auf dem Couchtisch lagen Visitenkarten. Cara schnappte sich eine und speicherte die Handynummer von Max auf ihrem eigenen Handy, bevor sie ihren Kontakten seine E-Mail-Adresse zufügte.

Unterdessen saß er mit dem Rücken zu ihr an seinem Schreibtisch und schrieb an einem Dokument weiter, bei dem sie ihn mit ihrem Klingeln unterbrochen hatte.

Also gut. Als Erstes würde sie ihnen beiden etwas zu trinken besorgen. Anschließend kamen die Unterlagen dran.

Da sie Max jetzt nicht mit Fragen stören wollte, beschloss sie, investigativ tätig zu werden. Vorsichtig stellte sie den Laptop auf das Sofa und machte sich auf die Suche nach der Küche.

Max sah nicht vom Computerbildschirm auf, als sie an ihm vorbeiging.

Eins stand fest: Dieser Job würde eine völlig andere Erfahrung als ihr voriger sein. Dort hatte sie zuletzt kaum einen Schritt tun können, ohne bohrende Blicke zu spüren.

Die Küche befand sich genau gegenüber. Cara verharrte kurz, um sich einen Überblick zu verschaffen.

In der Mitte stand ein großer Tisch mit einer Glasplatte und sechs Stühlen. Arbeitsflächen aus cremefarbenem Marmor erstreckten sich über zwei Seiten der Küche. Alles sah neu und glänzend aus, nichts lag herum.

Sie spähte in die Spülmaschine. Ein Becher und eine Müslischale. Hmm. Also wohnte nur Max hier? Es sei denn, seine Lebensgefährtin war gerade verreist. Cara hielt nach Fotos Ausschau, doch es gab keine, nicht mal ein einziges Bild auf dem riesigen amerikanischen Kühlschrank. Jegliche Dinge, die dem Raum eine persönliche Note verliehen hätten, fehlten. Es hätte ebenso gut die Küche eines Musterhauses sein können.

Cara nahm den Becher aus der Spülmaschine. Er roch nach Kaffee, ohne Zucker, und die dunkle Farbe der Tropfen legte den Schluss nahe, dass Max auch keine Milch nahm. Auf der Arbeitsplatte stand eine moderne Kaffeemaschine. Zuerst war Cara damit überfordert, doch bald hatte sie herausgefunden, wie das Gerät funktionierte, und holte das Kaffeepulver aus dem spärlich gefüllten Kühlschrank. Dann kochte sie zwei Kaffee, wobei sie eine großzügige Portion Milch in ihre Tasse goss.

Als sie ins Büro zurückkehrte, stellte sie fest, dass Max sich keinen Zentimeter bewegt hatte und nach wie vor an einem Dokument schrieb.

Behutsam stellte sie seine Tasse auf den Schreibtisch, was er mit einem Grummeln zur Kenntnis nahm. Cara sah den Aktenschrank durch, bis sie begriffen hatte, welches Ablagesystem ihr neuer Chef bevorzugte. Dann nahm sie den Papierstapel vom Tisch, atmete tief durch und machte sich an die Arbeit.

Nun, Cara Winstone war zweifellos die hartnäckigste Frau, die er seit Langem getroffen hatte.

Max Firebrace beobachtete sie aus den Augenwinkeln, während sie den Stapel zum Sofa hievte und auf dem Boden deponierte.

Er blickte kurz in seine Tasse und stellte fest, dass ihm die junge Frau schwarzen Kaffee gebracht hatte, ohne auch nur zu fragen, was er wollte.

Erstaunlich. Seine bisherigen Assistentinnen hatten an ihren ersten Arbeitstagen etliche Fragen gestellt, doch Cara schien gern die Initiative zu ergreifen und einfach loszulegen.

Vielleicht würde diese Probezeit doch keine solche Bürde sein, wie Max vermutet hatte, als er dem Arrangement an der Haustür zugestimmt hatte.

Typisch Poppy, jemanden herzuschicken, ohne ihn zu informieren. Seine Freundin war schon raffiniert. Sie hatte gewusst, dass er sie mit seinem Versprechen, eine Assistentin einzustellen, nur abwimmeln wollte. Offenbar hatte sie die Sache selbst in die Hand genommen.

Verärgert fuhr Max sich durchs Haar.

Zugegeben, er litt nicht unter Arbeitsmangel, aber wie er Poppy neulich versichert hatte: Damit kam er klar. Um sie zu besänftigen, würde er Cara die einmonatige Probezeit absolvieren lassen, sie danach aber nicht weiterbeschäftigen. Noch wollte er niemanden für einen Vollzeitjob einstellen. Es gab nicht täglich genug für Cara zu tun, und er brauchte niemanden, der herumlungerte oder ihn ablenkte.

Max lehnte sich in dem ledernen Drehstuhl zurück, der während der letzten Monate praktisch sein Zuhause geworden war. Er rieb sich erschöpft die Augen, bevor er die Tasse nahm und einen Schluck Kaffee trank.

Seit er mit seiner Unternehmensberatung Erfolg hatte, arbeitete er immer öfter auch an den Wochenenden. Langsam spürte er die Folgen. Er schuftete, war aber froh über die Beschäftigung und die Tatsache, dass sich sein Einsatz endlich auszahlte. Wenn es so weiterging, konnte er in absehbarer Zeit Büroräume mieten, ein paar Leute einstellen und sein Geschäft ausbauen. Dann durfte er sich ein bisschen entspannen, und alles würde ruhiger laufen.

Diese Perspektive gab ihm Auftrieb. Nach seinem Examen an der Uni hatte er als Angestellter gearbeitet. Jetzt genoss er es, selbst zu entscheiden, für wen er ackerte und wann er es tat. In seinem Job fand er mittlerweile ein Quäntchen Frieden – etwas, das ihm in den vergangenen achtzehn Monaten versagt geblieben war. Seit Jemima nicht mehr da war.

Nein, seit sie gestorben war.

Er musste dieses Wort zulassen. Damals hatte es niemand aussprechen wollen, also hatte auch er die beschönigenden Umschreibungen gewählt. Doch es hatte keinen Sinn, so zu tun, als wäre irgendetwas anderes passiert. Sie war gestorben, plötzlich und unerwartet, was ihn monatelang komplett aus der Bahn geworfen hatte. Noch immer kam es ihm ungewohnt vor, ohne sie in diesem großen leeren Haus zu wohnen. Jenem Haus, das Jemima von ihrer Großtante geerbt hatte. In dem sie Kinder großziehen wollte – und Max hatte sie gebeten, mit Nachwuchs zu warten, bis er dafür bereit war.

Vor Schmerz krampfte sich sein Magen zusammen, als er an all das dachte, was er verloren hatte: seine wunderschöne mitfühlende Ehefrau und ihre gemeinsame zukünftige Familie. In letzter Zeit wachte er nachts schweißgebadet auf und streckte einen Arm aus, um ein Kind mit Jemimas Augen vor einem Sturz oder einem Feuer zu beschützen. Der Schock und die Qual, die diese Träume mit sich brachten, begleiteten ihn oft für den Rest des folgenden Tages.

Kein Wunder, dass er müde war.

Jetzt registrierte er eine Bewegung, die ihn aus seinen Gedanken riss. Er wandte sich um und beobachtete, wie Cara den Aktenschrank rechts von ihm öffnete. Flink schob sie Unterlagen in die Mappen.

Bei näherer Betrachtung fiel Max auf, wie sehr seine neue Assistentin Poppy ähnelte. Sie hatte die gleichen glänzenden, kohlrabenschwarzen Haare, die ihr über die schmalen Schultern fielen, und einen kurzen geraden Pony über leuchtend blauen mandelförmigen Augen.

Hübsch war sie. Genau genommen sehr hübsch.

Nicht, dass er sich auf irgendeine romantische Weise für sie interessiert hätte. Es war lediglich eine Feststellung.

Cara drehte sich um, und ihre Blicke trafen sich. Sie lief rot an.

Max fühlte sich unwohl in seiner Haut, weil er durch sein Starren eine gespannte Atmosphäre geschaffen hatte. Er setzte sich aufrecht hin und verschränkte die Arme, um eine geschäftsmäßigere Haltung einzunehmen.

„Erzählen Sie mir doch einmal von Ihrer letzten Stelle, Cara. Warum haben Sie gekündigt?“

Sie wurde blass, räusperte sich und schaute auf die Unterlagen in ihren Händen. Als würde sie sich eine Antwort zurechtlegen, von der sie glaubte, dass Max sie hören wollte.

Was war denn jetzt los? Irgendetwas stimmte nicht. Er runzelte die Stirn.

„Oder hat man Sie entlassen?“

Abrupt sah sie ihm wieder in die Augen. „Nein, nein, ich bin von mir aus gegangen. Genauer gesagt habe ich um meine Entlassung gebeten. Das Unternehmen ist im vorigen Jahr finanziell eingebrochen, und da ich als Letzte eingestellt wurde, fand ich es nur gerecht, als Erste zu gehen. Viele Leute, die dort arbeiten, haben Familie, und ich bin allein – damit meine ich, dass niemand von mir abhängig ist.“

Während dieser kurzen Ansprache wurde Caras Stimme immer höher. Die Farbe kehrte in ihre Wangen zurück, bis sie peinlich berührt aussah. Irgendetwas an der Antwort passte nicht ganz, doch Max konnte nicht recht beschreiben, was ihn störte.

Vielleicht war Cara einfach nur nervös? Er wusste, dass er manchmal unwirsch rüberkam. Normalerweise allerdings nur, wenn jemand etwas tat, das ihm missfiel.

Dummköpfe konnte er nicht leiden.

Andererseits war Cara nicht gerade schüchtern gewesen, als sie ihn überzeugt hatte, es mit ihr als Assistentin zu versuchen.

„Das ist alles? Sie haben um Ihre Entlassung gebeten?“

Sie nickte und lächelte – nur mit dem Mund, nicht mit den Augen. „Das ist alles.“

„Warum haben Sie dann um diesen Job gebettelt? Mit sechs Jahren Berufserfahrung könnten Sie doch ohne Weiteres in einer großen Firma einsteigen und deutlich mehr verdienen.“

Cara verschränkte die Arme und stellte sich sehr gerade hin, als wollte sie sich für eine Konfrontation wappnen. „Betteln würde ich es nicht nennen …“

Er sah sie überrascht an, denn ihr defensiver Ton verblüffte ihn.

Angesichts seiner Reaktion ließ Cara die Arme wieder sinken und machte eine einlenkende Geste. „Aber ich verstehe, was Sie meinen. Ehrlich gesagt stand mir der Sinn ohnehin nach einem Tapetenwechsel. Nach dem, was Poppy mir gemailt hat, schien der Job bei Ihnen genau das zu sein, was ich suchte. Ich möchte nämlich in einem kleinen, engagierten Team beim Aufbau eines neuen Unternehmens mithelfen. Poppy zufolge sind Sie ein fantastischer Unternehmensberater, und ich arbeite gern für fantastische Leute.“ Wieder lächelte sie, diesmal wärmer.

Max nickte anerkennend. „Gute Antwort. Sie sind eine exzellente Botschafterin in eigener Sache. Diese Fähigkeit schätze ich sehr.“

Plötzlich schimmerten ihre Augen im hellen Vormittagslicht seltsam, als würden Cara die Tränen kommen.

Nein, er musste sich irren.

Sie senkte den Blick auf die Unterlagen und blinzelte mehrmals. Dann nickte sie knapp. „Das freut mich.“ Als sie den Kopf wieder hob, waren ihre Augen klar, und es lag so viel Tapferkeit darin, dass Max gern gewusst hätte, was in Cara vorging.

Nicht, dass ihn so etwas hätte beschäftigen sollen.

Ein merkwürdiger Moment verstrich, in dem sich ihre Blicke trafen und Max die Stille im Raum unangenehm bewusst wurde. Er wollte gar nicht darüber nachdenken, wie lange er schon allein in diesem Haus lebte. Caras Anwesenheit brachte ihn durcheinander. Genau das jedoch brauchte er nicht.

Cara schaute zuerst weg und zog eine der unteren Schubladen des Aktenschranks auf. Nachdem sie die Blätter einsortiert hatte, drehte sie sich mit einem heiteren Lächeln zu Max um. „Ich bin gleich fertig. Dann besorge ich uns etwas zu essen in dem Delikatessenladen ein paar Straßen weiter. Als ich vorhin daran vorbeigelaufen bin, duftete es nach frischem Brot, und es gibt eine fabelhafte Auswahl an Wurst und Käse. Die Salate sehen auch köstlich aus.“

Max’ Magen knurrte, als ihre Worte in seinem Kopf Gestalt annahmen. Er war sonst immer zu beschäftigt, um sich eine Mahlzeit zu holen, deshalb aß er, was er in der Küche auftreiben konnte – und was normalerweise nicht viel war.

„Wenn Sie nachher eine freie Minute haben, könnten Sie mir vielleicht Zugang zu Ihrem Online-Terminkalender verschaffen“, fuhr Cara fort, ohne seine Antwort abzuwarten. „Dann buche ich alle Reisen und Übernachtungen für Sie, die noch organisiert werden müssen.“

„Okay. Das wäre hilfreich.“ Er nickte. Es wäre schön, die kleinen täglichen Unannehmlichkeiten nicht mehr selbst erledigen zu müssen. Dann konnte er sich darauf konzentrieren, seinen Bericht auf Vordermann zu bringen.

Hmm. Vielleicht war es tatsächlich vorteilhafter, Cara für eine Weile um sich zu haben, als er zunächst geahnt hatte.

Er musste sicherstellen, dass er ihre Zeit hier voll ausnutzte, bevor er sich von Cara verabschiedete.

2. KAPITEL

Ich bin eine grässliche Lügnerin.

Max hatte der Erklärung wegen ihres vorherigen Jobs mit einer bestenfalls skeptischen Miene zugehört, doch Cara glaubte trotzdem, dass es ihr gelungen war, ihn zu überzeugen. Jedenfalls hatte er sie nicht aufgefordert, ihre Sachen zu packen.

Noch nicht.

Cara hielt ihn für einen Mann, der keine emotionale Schwäche tolerierte. In diesem Punkt war sie besonders empfindlich, seit ihr letzter Freund, Ewan, sie vor drei Monaten verlassen hatte, weil er „das Gejammere und die Stimmungsschwankungen“ nicht mehr ertrug. Sie musste aufpassen, durfte sich keine weiteren Gefühlsregungen anmerken lassen. Von jetzt an würde sie sich stets und ständig von einer fröhlichen Seite zeigen.

Sie legte das letzte Blatt in den Aktenschrank, wobei sie darauf achtete, vor Max zu verbergen, wie sehr ihre Hände noch immer zitterten. Anschließend schnappte sie Mantel und Tasche und verließ das Haus.

Im Delikatessengeschäft kaufte sie viel mehr, als zwei Leute für einen Imbiss brauchten. Max kann abends die Reste essen, sagte sie sich. Angesichts der gähnenden Leere in seinem Kühlschrank war er vermutlich froh darüber.

Wieder fragte sie sich, was für ein Leben er führte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Verliebt in den Boss meiner Träume" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen