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Verliebt in Schweden

Christiane Stella Bongertz
und Joakim Montelius

Verliebt in
Schweden

Eine Geschichte ohne Elch, aber mit Herz

INHALT

Prolog: Knapp vorbei ist auch daneben

Kapitel 1: Europa mit Herz

Kapitel 2: Der Auftrag, der Prophet und das Land

Kapitel 3: Die Aus-Versehen-Bestellung beim Universum

Kapitel 4: Hin und weg

Kapitel 5: Gestrandet in Lucylust

Kapitel 6: Entdecke die Schrulligkeiten

Kapitel 7: Ein Schwedenkrimi

Kapitel 8: Keine Nummer unter diesem Anschluss

Kapitel 9: Schwedisch für Anfänger

Kapitel 10: Am Ende aller Kräftor

Kapitel 11: Der Reißverschluss klemmt

Kapitel 12: Vor Alkohol und Kohlenhydraten wird gewarnt

Kapitel 13: Na, herzlichen Glückwunsch!

Kapitel 14: Im Schwitzkasten

Kapitel 15: Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Schweden zur Paarungszeit

Kapitel 16: Immer wieder sonntags

Kapitel 17: Unterm Stern von Stockholm

Kapitel 18: Sieben Blumen und ein Mittsommernachtstraum

Kapitel 19: Die Magie des Elfenbergs

Epilog: Ein Leben für die Wissenschaft

Wir müssen da noch was erklären

Die kleine Sternkunde: Das verbirgt sich hinter den * im Text

Joakims kräftor-Rezept

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Prolog

KNAPP VORBEI IST AUCH DANEBEN

Stella | Es war in der ersten Hälfte der Neunziger, ein ausgesprochen sonniger Juni. Auf 19 Studentinnen der Kunstwissenschaft und eine junge Lehrbeauftragte namens Anja kamen bei unserer Exkursion nur zwei Vertreter männlichen Geschlechts. Das war einmal der sommersprossige Poldi, ein guter Freund meiner ebenfalls zur Reisegruppe gehörenden Freundin Julia. Poldi war extrem schüchtern und verbrachte die meiste Zeit damit, aus in der Regel unerfindlichen Gründen knallrot anzulaufen. Außerdem war Professor Kubitschek mit von der Partie. Kubitschek war ein liebenswerter älterer Herr, der vor spannenden Anekdoten nur so überschäumte. Das einzige Problem an ihm war, dass er, wenn er einmal anfing zu erzählen, nicht mehr aufhörte.

Die Exkursion drehte sich fachgerecht um den hohen Norden und dessen Kunstpreziosen. Als Hauptquartier sollte Kopenhagen dienen, von wo aus wir zu diversen Ausflügen aufbrechen wollten. Zu Wikingerausgrabungen und vor allem dem weltberühmten Louisiana-Museum für Moderne Kunst.

Das Ganze fing schon mal gut an: In Kopenhagen waren wir in einer Jugendherberge untergebracht, die durch ihre exklusive Lage am Wasser und ein sensationelles Frühstücksbuffet positiv auffiel. Ich weiß noch, wie ich mit Julia den massiven Käseklotz bestaunte, von dem man sich mittels einer Art drehender Drahtkonstruktion hauchfeine Scheiben abhobeln konnte, im Geruch allerdings etwas streng. Schon merkwürdig, an welche Kleinigkeiten man sich nach so langer Zeit noch erinnern kann.

Am ersten Tag ging es direkt nach dem Frühstück ins Louisiana. Das Museum liegt etwa 40 Kilometer nördlich der dänischen Hauptstadt im Örtchen Humlebæk, wo es auf einer Anhöhe am Meer thront.

Julia, Poldi und ich hatten schon im Bus verabredet, uns nach der Ankunft schnell aus dem Staub zu machen. Kubitschek hatte nämlich Julia und mich im Laufe der Fahrt als sein liebstes Publikum auserkoren. So gern wir ihm lauschten, das Museum wollten wir gern in Ruhe genießen.

Schon nach den ersten Ausstellungsräumen war klar: Dass das Louisiana als eines der bedeutendsten Museen der Welt gilt, ist berechtigt. Mit großen Augen wanderten wir vorbei an Giacometti-Skulpturen, Gemälden von Yves Klein, Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Picasso und Werken zahlloser weiterer internationaler Kunst-VIPs des 20. Jahrhunderts.

So viel stille Bewunderung und das Entziffern von Texttafeln, deren Schrift eigentlich nur unter der Lupe einwandfrei zu erkennen gewesen wäre, erwies sich allerdings als unerwartet anstrengend. Umso dankbarer waren wir, als uns mit einem Mal Kaffeeduft in die Nase stieg: Wir hatten das Museumscafé erreicht. Mit je einem dampfenden Becher in der Hand ließen wir uns kurze Zeit später auf den Rasen im sanft zum Meer abfallenden Park sinken, irgendwo zwischen Rhododendren, im Wind rauschenden alten Rotbuchen und Skulpturen von Joan Miró und Henry Moore. So saßen wir da, ließen die Kunst nachwirken und versanken im Anblick des Panoramas. Und wie jedes Mal irgendwo am Meer, begann ich mir auszumalen, wie es wohl wäre, hier zu wohnen. Jeden Tag diese Weite sehen, Meerluft schnuppern …

»Unglaublich, oder?«, sagte Julia plötzlich in meine Gedanken hinein. »Da drüben ist schon Schweden.«

Sie zeigte in die Ferne, wo weit draußen ein grüner Streifen den wolkenlosen Himmel vom tiefblauen Meer trennte.

»Mhmmm«, erwiderte ich und verlor mich in der Aussicht.

Eigentlich war mit unserem Besuch im Louisiana das Tagessoll an Kunstgenuss erfüllt. Doch als wir uns wieder vollständig am Bus eingefunden hatten, eröffnete uns Anja: »Wir machen noch einen kleinen Abstecher!«

Das Ziel desselben lag zwölf Kilometer nördlich: das Hamlet-Schloss Kronborg in Helsingør. Jenes Schloss, das Shakespeare 1603 zum Schauplatz seines Hamlet gemacht hatte, frei nach einer dänischen Heldengeschichte. Das jedenfalls referierte Anja über das Busmikrofon, während auf unserer rechten Seite das tiefblaue, mit weißen Segelbötchen übersäte Meer vorbeizog und auf der anderen so unglaubliche Villen, dass jedem Architektur-heute-Abonnenten die Tränen in die Augen gestiegen wären. Streng genommen fielen Hamlet-Schlösser ja eher ins Fach Anglistik. Aber man musste ja nicht übertrieben kleinlich sein, für eine solche Aussicht hätte ich auch eine Currywurst-Bude als kunstrelevantes Ausflugsziel akzeptiert.

»Helsingør«, erklärte Anja, und die Lautsprecher knisterten, »liegt an der schmalsten Stelle des Öresunds. Shakespeare ist mit ziemlicher Sicherheit nie dort gewesen, genau wie sein Held Hamlet.«

Es stellte sich heraus, dass das Schloss seinem Namen alle Ehre machte: Es hatte geschlossen. Wir liefen einmal um den alten Kasten direkt am Wasser herum und reckten unsere Hälse in Richtung der Türme und Fenster. Als wir alles gesehen hatten, was es auf diese Weise zu sehen gab, fassten Julia, Poldi und ich den Beschluss, das Städtchen ein wenig in Augenschein zu nehmen. Die Gelegenheit war günstig, der Professor war gerade hinter einer Ecke des Gemäuers verschwunden.

»Schön hier!«, meinte Julia lakonisch.

Ich konnte nicht anders, als ihr zuzustimmen. Der Platz, auf dem wir standen, war auf einer Seite von einem Bahnhof gesäumt, der selbst fast wie ein Schlösschen aussah. Schräg gegenüber folgte ein buntes Dänenhäuschen auf das andere, als wollte Helsingør den Preis fürs schönste Postkartenmotiv gewinnen.

In einer kopfsteingepflasterten Seitenstraße machten wir uns auf die Suche nach einer Eisdiele. Stattdessen stießen wir allerdings erst mal auf einen riesigen Käseladen. Aus der geöffneten Eingangstür wehte uns ein infernalischer Geruch entgegen, der stark an den Käseklotz vom Frühstücksbuffet erinnerte.

»Pfui Teufel!«, brach es angesichts dessen sogar aus dem sonst so schweigsamen Poldi heraus. »Kann es jemanden geben, der bei so einem Gestank Appetit entwickelt?«

Das kam so unerwartet und leidenschaftlich, dass wir uns richtig erschraken – am meisten Poldi über sich selbst. Dann bekamen wir uns alle drei vor Lachen nicht mehr ein. Hätte ich damals schon gewusst, was ich heute weiß, vermutlich wäre ich – der olfaktorischen Herausforderung zum Trotz – sofort in den Laden gestürmt.

Stattdessen fanden wir ein paar Häuser weiter einen Kiosk, an dem herrlich cremiges dänisches Eis verkauft wurde. Mit je einer großen Portion in der Hand ließen wir uns auf einer Bank an der Kaiseite des Marktplatzes nieder. Von hier aus war Schweden nicht mehr nur eine grüne Linie, sondern zum Greifen nah. Ich schaute blinzelnd übers glitzernde Wasser, auf dem sich eine dickbauchige Fähre einer Stadt auf der anderen Seite des Öresunds langsam entgegenschob, die mich mit ihren Türmchen entfernt an Venedig erinnerte.

Ich zeigte hinüber und sagte zu Julia: »Da drüben sieht’s aber auch ganz schön aus. Weißt du, wie die Stadt heißt?«

Julia zog eine Landkarte aus ihrer Tasche und faltete sie mit einiger Mühe auseinander, denn gerade frischte die Brise etwas auf. Dann sagte sie: »Helsingborg ist das.«

»Schade, dass wir nicht mehr Zeit haben, dann könnten wir …«

Doch bevor ich meinen Gedanken zu Ende spinnen konnte, hörten wir Anja vom Bus aus zum Aufbruch rufen.

Joakim | Wie gewöhnlich in diesem unbarmherzig schönen Frühsommer kehrte ich mit größtem Widerwillen in mein Kellerloch unter dem Käsegeschäft in der Mögelstræde zurück, nachdem ich in der Sonne, die von einem unbekümmert blauen Himmel herabschien, zu Mittag gegessen hatte.

Auf dem Marktplatz irrte eine Gruppe Bustouristen umher. Das war nichts Ungewöhnliches, Helsingør ist pittoresk wie eine dänische Version von Brügge und obendrein das geografische Bindeglied zwischen Europa und Skandinavien. Touristenbusse aus ganz Europa machten hier jeden Tag halt.

Die Reisenden suchten vermutlich nach Hamlets berühmtem Schädel. Das war ungefähr so erfolgversprechend wie der Versuch, echte dänische hygge zu erleben, die dänische Version der Gemütlichkeit. Beides ist nämlich eine reine Erfindung. Hamlet hat nie auf Kronborg gelebt, weil es das Schloss zu Hamlets Zeiten noch gar nicht gab, und die Dänen sind ungefähr so gemütliche Zeitgenossen wie Judas in Gethsemane. Zumindest konnte man zu diesem Schluss kommen, wenn man wie ich Schwede war und als ›Käsemann‹ in Helsingør arbeitete!

Ich bekam in den Semesterferien kein Studentendarlehen, hatte Miete zu bezahlen und schlecht vorgesorgt. Das konnte – wie in meinem Fall – damit enden, dass man tagein, tagaus Käse schneiden musste, einsam, in einem gekachelten Keller. Dabei behandelten mich meine Vorgesetzten, als stünde ich auf derselben Evolutionsstufe wie die Schnecken. Wenn ich darauf hinwies, dass der Käse von Schimmel befallen war und ihn wegwerfen wollte, starrten sie mich an, als wollte ich einen Zuchthengst von unschätzbarem Wert umbringen, und riefen: »Du dummer Schwede, dann wäschst du den Schimmel natürlich mit Chlorin ab!«

»Bitte, was?«, antwortete ich, unsicher, ob das eine neue perfide Masche war, meine intellektuelle Unterlegenheit unter Beweis zu stellen. Andererseits: Was konnte man schon von einem Käse erwarten, der »Alter Ole« hieß und roch, als ob einige Mäuse in ihn hineingekrochen und darin gestorben wären? Aber »Alter Ole« hin oder her, ich weigerte mich, und somit wusch jemand anders den Käse mit Chlorin ab und beschriftete ihn mit neuem Mindesthaltbarkeitsdatum.

Die dänisch-schwedische Rivalität ist eine uralte Geschichte und tief verwurzelt in unseren Kulturen. Und das bekommt man manchmal zu spüren, wenn man als Schwede in Dänemark arbeitet. In diesem Sommer wurde ohygge jedenfalls mein Wort für Dänemark, das Wort gibt es – im Gegensatz zu hygge – auch im Schwedischen, und es bedeutet »Schrecken«. Ein Schrecken, den ich jedes Mal fühlte, wenn ich acht Stunden damit zugebracht hatte, Portionen von Grünschimmelkäse zuzuschneiden, und im Anschluss an meine Schicht gezwungen war, auf der Fähre umgeben von einem unsichtbaren, aber nahezu physisch greifbaren und undurchdringlichen Kraftfeld von Käsegestank zu sitzen, das die Leute dazu brachte, einen großen Bogen um mich zu machen.

Ich hatte im Grunde auch bessere Dinge zu tun, als dabei zu helfen, Menschen mit Käse zu vergiften. Ich wollte die Fähre zurück nach Helsingborg nehmen, um mit meiner Band zu proben. Unser erstes Album war gerade in Deutschland herausgekommen, und nun wurde verlangt, dass wir dort spielten. Das bedeutete: Adieu Unilehrbücher, bye-bye dänischer Despotismus und tristgraue Kleinstadtlagomhet*! Stattdessen hieß es: Hallo Europa! Hallo Autobahn, hallo Hamburger Reeperbahn, hallo Düsseldorf und hallo mächtige Kühltürme von majestätischer industrieller Schönheit im mythenumsponnenen Ruhrgebiet! Ich nahm eine Kassette auf, um sie auf ausgewählten Zielen unserer Reise abzuspielen: Kraftwerk sollte den Soundtrack liefern und der Song Autobahn als Erstes gespielt werden, sobald wir auf der A1 waren, nach dem Landgang in Puttgarden und der Durchquerung Fehmarns. Ausgerechnet Deutschlands erste Autobahn war auch meine erste.

Dann sollte das ganze Album folgen, Die Mensch-Maschine, während wir weiter nach Süden fuhren. Trans-Europe Express sollte auf dem TEE-Bahnsteig im eigens dafür aufzusuchenden Düsseldorfer Hauptbahnhof in situ abgespielt werden. Die Reise sollte ein Abenteuer werden, hinein in eine größere Welt, eine leuchtende Zukunft. Und für mich persönlich, am wichtigsten von allem, weit weg von dänischem Käse.

Dass mich diese Reise, obwohl sie nur vier Tage dauerte, auf ein vollständig unvorhergesehenes Gleis leiten würde, einem ganz neuen Leben entgegen, konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt zugegebenermaßen noch nicht vorstellen. Dass mich dieses Gleis nach, wie es schien, unendlichen Windungen zum Schluss wieder nach Schweden führen würde, nur ein paar Hundert Meter von der Stelle entfernt, an der ich aufgewachsen bin, klingt heute wie eine unglaubliche Geschichte aus einem Buch oder einem Film.

Aber so kann es gehen, wenn man sich auf Reisen begibt: Jeder Schritt in eine neue Richtung ist ein Schritt in eine unerwartete Zukunft.

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KNAPP FÜNFZEHN
JAHRE SPÄTER

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Kapitel 1

EUROPA MIT HERZ

Stella | Ich steuere meinen Wagen durch den feinen Schneeregen an Münster vorbei über die A1 in Richtung Norden. Meine Stimmung entspricht in etwa der Witterung. Ich muss zum Überholen die Seitenspiegel benutzen, denn im Rückspiegel sehe ich nicht mehr als eine dunkle Wand. Die Lehne der Rückbank habe ich heruntergeklappt, damit ich mehr ins Auto hineinbekomme: Klamotten, einige Bücherkartons und ein paar Habseligkeiten, auf die ich nicht verzichten kann, wie meinen Computer, den Drucker und meine kleine Lieblingslampe im falschen Panton-Design. Die habe ich mal bei eBay ersteigert, und ihr orangefarbenes Licht wirkt auf mich irgendwie immer so heimelig und tröstlich.

Beides kann ich im Moment wirklich gebrauchen. Nach einer halben Ewigkeit ist meine »für immer« gedachte Beziehung nämlich an die Wand gefahren. Ich bin ausgezogen, gerade eben, und ich fühle mich amputiert. Nicht nur der bisherige Mann in meinem Leben bleibt zurück; auch meine beiden Kater und ein schnuckeliges Holzhäuschen mit offenem Kamin und Garten in den Bergen des Sauerlandes, wo wir die letzten vier Jahre gelebt haben, nachdem wir wegen seines neuen Jobs aus Köln weggezogen sind. Nicht nur meine Beziehung, auch mein Zuhause ist plötzlich ersatzlos gestrichen. Ein Zuhause, in dem ich mich wirklich sauwohl gefühlt habe. So kommt mir das jedenfalls gerade vor. Wie ein animiertes Panoramaposter sehe ich das Tal, in dem das Häuschen steht, im Sonnenuntergang vor meinem geistigen Auge. Die Kater springen wie Miniatur-Black-Beautys die Wiese hinauf, während im Hintergrund bereits das Holz im Kamin knistert.

Mist, ich fange schon wieder an zu heulen!

Der rosarote Weichzeichner der Erinnerung blendet in diesem Moment alles Negative aus. Wahrscheinlich, um es mir besonders schwer zu machen. Unter größter mentaler Anstrengung fällt mir dann doch wieder einiges ein, was nicht immer nur schön war. Zum Beispiel, dass das Sauerland zwar überdurchschnittlich grün ist, dies aber der Tatsache verdankt, dass es dort auch überdurchschnittlich oft regnet. Und dann war da noch die rückläufige Auftragslage, weil ich nach dem Wegzug aus der Großstadt bei meinen Auftraggebern in Hamburg, München und Berlin plötzlich als Landei galt. Leute mit fünfstelligen Telefon-Vorwahlen nimmt man in den Redaktionen der Lifestyle-Journaille einfach nicht ernst.

»Tja, tut mir leid, aber Sauerland klingt eben wirklich ziemlich unsexy«, hatte mir erst vor ein paar Monaten eine frühere Magazinkollegin gesteckt, die seit einiger Zeit bei einem besonders hippen Hochglanz-Heft arbeitete. Im gleichen Tonfall, in dem sie vermutlich auch jemanden darüber aufklären würde, dass er Mundgeruch oder ein Transpirationsproblem hat. Aber es stimmte ja, ich war ein Landei, zumindest was die geografischen Koordinaten anging. Mal eben zum lockeren Netzwerken auf einen Kaffee oder eine gemeinsame Mittagspause in einer Redaktion vorbeischauen – essenzielle Maßnahmen, um als Freelancer in Erinnerung zu bleiben – war einfach nicht drin. Zu Interviewterminen mit internationalen Popstars im 160 Kilometer entfernten Köln brauchte ich etwa zwei Stunden – bei einigermaßen entspannter Verkehrslage.

Dann war da natürlich die Schwierigkeit, in der Pampa sozialen Anschluss zu finden, wenn man nichts für Schützenvereine und Feuerwehrfeten übrighatte. Ich hatte mir einen abgebrochen, um irgendwie Kontakte zu knüpfen. Im Fitnessklub, über Lauftreffs und soziale Netzwerke – mit sehr mäßigem Resultat. Alle Bekanntschaften blieben lange Zeit irgendwie nur so halbgar. Vielleicht lag es auch an mir. Vielleicht war ich ja unterbewusst auch so eine arrogante Hochglanzschnalle und wollte gar nicht so richtig dazugehören. Interessanterweise war der Knoten nämlich vor Kurzem geplatzt, als ich bereits ahnte, dass ich zwischen den sauerländischen Fichten nicht den Rest meiner Tage verbringen würde. Zwei der Kontakte waren zu so etwas wie richtigen Freundschaften geworden. Das war einmal Jana, die mit ihren Katzen, ihrem Mountainbike und einem Allradantrieb-Fahrzeug ein riesiges Haus an einem Berghang bewohnte. Und da war Marion, die Freundin eines Kumpels meines – nun also – Ex-Freundes. Sie hat mir sogar beim Packen geholfen und mich in den Arm genommen, wenn ich nicht mehr konnte, weil ich so schluchzen musste.

So ist also die Lage auf der Bundesautobahn mit der Nummer 1 in meinem Auto. Kurz zusammengefasst. Ich ahne, dass es richtig war, zu gehen, aber ich ahne auch, dass ich noch eine ganze Zeit daran zu knabbern haben werde. Und dass ich sogar den so »unsexy« klingenden Landstrich enorm vermissen werde. Ich habe ja früher nie gedacht, dass mir das Leben auf dem Land wirklich gefallen könnte, aber ich mag die grüne Umgebung, den im Sonnenlicht glitzernden Tau morgens auf dem Rasen, die Waschbären und die Rehe im Garten, die unglaublich gute Luft … oh nein, es geht schon wieder los.

Halt!, ruft die Stimme der Vernunft: Du musst nach vorn schauen!

Dort sehe ich einen Lastwagen mit der Aufschrift »Europa mit Herz«, der jede Menge Wasser gegen meine Windschutzscheibe wirbelt. Ansonsten ist alles dunkel. Europa mit Herz. Guter Witz eigentlich. Europa im Februar hat vielleicht in Südfrankreich, Spanien oder Italien ein bisschen Herz, Mandelblüte, la vie en rose, dolce vita und so was, jedenfalls Temperaturen mit bis zu über 20 Grad in der Sonne, aber in unseren Breiten? In meinem Fall gilt definitiv: Europa mit gebrochenem Herzen. Der Februar ist für mich traditionell der absolute Tiefpunkt des Winters. Keine festliche Atmosphäre und kuschlige Familiengemütlichkeit mehr, wie sie den November und Dezember noch einigermaßen erträglich macht. Stattdessen ein riesiges, über die lichtarmen Monate angestautes Sonnendefizit ohne Aussicht auf zügige Besserung. Widerliches Wetter, das am Joggen hindert, Festtagsspeck auf den Hüften. Und jetzt neu obendrauf: Trennung nach 16 Jahren. Das einzig Positive daran ist eigentlich nur: Schlimmer geht’s nimmer.

HAMBURG 112 KM, fliegt nun rechts ein blaues Schild vorbei. Noch gut eine Stunde. Zum ersten Mal an diesem Tag spüre ich ein winziges bisschen positive Aufregung. Hamburg! Ich denke an meine Freunde. Von denen lebt tatsächlich ein Großteil in der Elbstadt, in der ich nach meinem Studium gut zwei Jahre in der Redaktion eines Frauenmagazins gearbeitet habe. Bevor es nach Köln ging, der Liebe wegen. Und dann ins Sauerland … auch der Liebe wegen. Jetzt also zurück auf Los. Alles ist möglich, oder etwa nicht?

Ja, das ist der Spirit!, lobt die Stimme der Vernunft. Positiv denken!

In den nächsten Wochen komme ich erst mal in der Stadtwohnung meines früheren Kollegen Marius unter, der vor Kurzem ein paar Kilometer aus der Stadt heraus aufs Land gezogen ist. Zusammen mit ein paar Freunden hat er sich die Bude in St. Pauli als eine Art Sicherheitsanker gemietet, weil ihm das Landleben wohl erst mal nicht so geheuer war.

»Da kann man übernachten, wenn man mal ausgehen und was trinken will«, hat mir Marius das Prinzip erläutert. Und mir anschließend erklärt, dass die ganze Sache zwar theoretisch eine nette Idee sei, aber niemals genutzt werde. Darum ist die Mietgemeinschaft nun darauf aus, die Wohnung an, nun ja … Bedürftige unterzuvermieten. An Leute wie mich. Ach, Freunde sind schon was Wunderbares.

In zwei der drei Zimmer lebt seit ein paar Wochen ein Mensch namens Thomas, ein Bekannter von Marius aus dem »ZENtrum«. Das klingt in meinen Ohren erst mal gefährlich. Nach Räucherstäbchen und Meditationsmusik mit fernöstlichem Gebimmel.

Abwarten! Positiv denken! Ein paar fernöstliche Weisheiten tun dir vielleicht auch mal ganz gut.

Marius hat erzählt, dass auch Thomas nach der Trennung von seiner Freundin schnell etwas finden musste, und mir dessen Handynummer gegeben. Ich habe mich bereits gestern per SMS angekündigt. Thomas’ sympathische Antwort:

Sag Bescheid, wenn du geparkt hast. Dann komm ich raus und helfe dir beim Ausladen.

Und das mache ich dann auch, kaum dass ich einen Parkplatz direkt vor der Tür gefunden habe – in St. Pauli normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit. Ich entschließe mich, das als gutes Omen zu deuten. Der Motor ist gerade mal zwei Sekunden aus, da steht Thomas auch schon in der Haustür. Ein leicht untersetzter Typ in Jeans und Norwegerpullover mit breitem Stefan-Raab-Lächeln und blonden, kurz geschorenen Haaren, den ich eher einem norddeutschen Bolzplatz als einer buddhistischen Begegnungsstätte zugeordnet hätte.

»Da!«, sagt er und drückt mir einen temporären Anwohner-Parkausweis in die Hand. »Herzlich willkommen im Klub der einsamen Herzen. Hab gehört, du bist in gleicher Lage.«

Thomas grinst und schnappt sich eine Bücherkiste aus dem Kofferraum. Ein warmes Gefühl von »Ich bin nicht allein!« überkommt mich, als ich ebenfalls nach einer Kiste greife und hinter Thomas ins Innere des Hauses laufe.

Gut vier Stunden später liege ich in meinem möblierten neuen Heim auf einem Ausklappsofa mit leichter Schlagseite und starre an die Decke. Der blasse Schimmer der nächtlichen Großstadt taucht mein Zimmer zum Hof in dieses spezielle Licht, in dem in Aktenzeichen XY … ungelöst immer die schlimmsten Verbrechen stattfinden. Ich kann nicht schlafen. Zu viele Gedanken kursieren in meinem Schädel. Der Alkohol in meinem Blutkreislauf blockiert die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Das weiß ich, seitdem ich für einen Artikel über die menschlichen Schlafphasen recherchiert habe. Manchmal kann einem der Job wirklich alles versauen: Ich kann meine Schlaflosigkeit nicht mal mehr dem Mond in die Schuhe schieben, wenn der denn überhaupt zu sehen wäre! Aber Thomas hat nun mal zur Begrüßung eine Flasche Wein spendiert. Dazu gab’s Curry vom indischen Imbiss gegenüber.

Während wir gemeinsam in der winzigen Küche saßen und uns mit Curry und Rotwein stärkten, referierte Thomas mir in Grundzügen sein Elend, und ich gab ihm eine Kurzfassung meiner sehr ähnlich gearteten Situation. Wir versicherten uns gegenseitig, dass das schon alles gut so sei. Dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dann stellten wir uns in der Dunkelheit auf den Balkon, der von meinem Zimmer abging, und rauchten bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt zwei von Thomas’ fürchterlich langsam abbrennenden Zigaretten einer dubios fernöstlich aussehenden Marke.

Thomas wirkt ansonsten aber Gott sei Dank gar nicht so eso, wie von mir befürchtet. Ich habe mich vorsichtig erkundigt, was man im »ZENtrum« so macht. Und Thomas hat erklärt: »Meditieren natürlich.«

Äh, ja. Klar.

Diese und alle anderen Ereignisse des Tages wiederholen sich nun in meinem Kopf in Endlosschleife. Ich überlege ernsthaft, ob ich einfach ins Auto steigen und zurückfahren soll. So tun, als wäre nix gewesen. Versuchen, alles noch mal hinzubiegen. Ohne Wein wäre ich vielleicht bekloppt genug. Oder eben gerade nicht.

Ich drehe mich zur Seite und tippe auf mein Handy, damit es aufleuchtet: 3 Uhr 27. Um diese Zeit kann man auch niemanden anrufen. Was lesen? Ich knipse meine orangefarbene Trostlampe an, robbe zur Bücherkiste am Fußende des Klappsofas, greife hinein und stelle fest: Es ist die Lexikon-Kiste. Der Rest ist noch im Auto beziehungsweise im Sauerland. Na, wunderbar.

Dann folge ich einem Impuls. Ich klappe mein Laptop auf und öffne mein E-Mail-Programm.

Völlig sinnlos, schimpft die Stimme der Vernunft in meinem Kopf, nimm eine Baldrianpille, oder besser gleich zwei, und leg dich wieder hin!

Stimmt, was soll schon zwischen ein Uhr nachts – da habe ich zum letzten Mal die Mails gecheckt und mich dann hingelegt – und halb vier morgens ankommen, außer Spam?

Doch da ist noch eine andere Stimme. Die scheint aus Richtung meines Solarplexus zu kommen oder vielleicht auch aus der Gummizelle in meinem Gehirn, in der der Schwachsinn verstaut ist, auf den ich manchmal komme.

Schau nach, flüstert diese zweite Stimme, die doofe Baldrianpille von der ollen Vernunft kannst du später immer noch nehmen.

Tatsächlich: Ich habe Post. Eine Mail, eingegangen vor fünf Minuten. Wieder durchströmt mich dieses tröstlich warme Gefühl: Ich bin nicht allein, da ist noch jemand schlaflos. Und als ich den Bruchteil einer Sekunde später sehe, wer der Absender der Mail ist, ist da noch was anderes. Ich muss kurz überlegen, um was es sich genau handelt, aber es ist so etwas Ähnliches wie dieses Sandkastenfreundschaftsgefühl. Diese spezielle Verbundenheit mit Leuten, die man schon ewig kennt. Das ist insofern merkwürdig, als dass ich den anderen Schlaflosen eigentlich gar nicht besonders gut kenne. Zumindest nicht nach herkömmlichen Parametern wie der Häufigkeit unserer bisherigen Begegnungen. Dennoch wirkt diese E-Mail auf mich gerade wie die rettenden Scheinwerfer eines Ranger-Autos, wenn man sich als verirrter, halb verdursteter Wanderer mit letzter Kraft durch die Rocky Mountains schleppt. Oder auch durchs Sauerland. In den Rocky Mountains war ich schließlich noch nie, auch wenn die natürlich sexy klingen …

Den Absender der Mail habe ich vor inzwischen gut fünf Jahren an einem sonnigen Maisonntagnachmittag in Leipzig kennengelernt. Damals belieferte ich die Musikseite eines Lifestyle-Magazins mit den obligatorischen Text-Häppchen. So kam es, dass ich mit dem Keyboarder und Songwriter einer schwedischen Band auf einem Mäuerchen im Backstage-Bereich hinter der winzigen Leipziger Parkbühne saß und lauwarmes Alsterwasser aus der Flasche trank, während vorne Nachwuchskünstler mit dem Sound kämpften und dabei nicht jedes Mal gewannen.

Der Keyboarder hieß Joakim. Seine Band hatte bereits am Abend zuvor in einer bedeutend größeren Location als dieser gespielt und überhaupt keine Probleme mit dem Sound gehabt. Ich hatte von der ersten bis zur letzten Sekunde getanzt, bis ich keine trockene Faser mehr am Körper hatte. Daraufhin hatte ich beschlossen, »auf Verdacht zu produzieren«, wie es so schön heißt. Ich hatte wenig Hoffnung, meinen Musikredakteur von der Notwendigkeit eines Artikels zu überzeugen, denn auch wenn Joakims Band in der elektronischen Independent-Szene einen gewissen Ruf genoss, war sie weit entfernt vom Mainstream. Aber man konnte ja nie wissen, und vielleicht waren ja wenigstens ein paar Zeilen möglich. Ein Artikelchen. Eine Notiz.

Nach meinem etwa zehnminütigen Interview (ich wollte keine übertriebenen Erwartungen bei Joakim wecken) geschah dann allerdings etwas. Oder besser: Es geschah nichts. Weder Joakim noch ich standen auf. Wir blieben einfach auf dem Mäuerchen sitzen und redeten weiter. So als würden wir uns immer schon kennen. Wir unterhielten uns über Kunst, über Bücher, aber auch über so Intimes wie unsere langjährigen Beziehungen. Ich hatte meinen Freund fast zur gleichen Zeit kennengelernt wie Joakim seine Freundin. Außerdem erinnere ich mich an ein merkwürdiges Gefühl vibrierender Aufregung. Dabei war und bin ich sonst selbst bei Interviews mit internationalen Berühmtheiten immer die Ruhe selbst, weil es mir schon immer schwergefallen ist, in Menschen etwas anderes zu sehen als das, was sie sind: Menschen. Ich schob das Vibrieren auf das Bier in der Sonne, auf die allgemeine Geschäftigkeit eines Backstagebereichs und darauf, dass ich Joakims Augen hinter den abgedunkelten Gläsern nicht sehen konnte. Sonnenbrillen machen mich von jeher nervös.

Seitdem haben Joakim und ich so etwas wie Mailkontakt gehalten. In der Regel nur ein paar Zeilen, selten mal eine etwas längere Nachricht. Wir empfehlen uns Bücher und Musik, manchmal tauschen wir uns über aktuelle Ausstellungen oder Dinge aus, die uns auffallen. Nebenbei ist es mir tatsächlich geglückt, zum neuesten Album der Band einen Zwanzigzeiler im Frauenmagazin unterzubringen. Alles in allem kommen wir im Schnitt vielleicht auf etwa eine Mail in zwei Monaten. Wenn’s hoch kommt.

Doch genau diese zweimonatliche Mail blinkt nun in meinem Postfach. In der Betreffzeile steht: Lunar Eclipse. Mondfinsternis.

Mondfinsternis? Ist die heute? Wie passend!

Die Mail ist ziemlich kurz, und doch bringt sie mich zum Lächeln, um halb vier Uhr morgens in einer trostlosen Februarnacht, die es in der Top Ten der trostlosesten Nächte meines bisherigen Lebens mühelos auf die vorderen Plätze schafft. Ich stelle mich ans Fenster und sehe mir den Himmel an. Es sieht so aus, als reiße die von der Großstadt blass beleuchtete Wolkendecke von Nordwesten her auf. Dann gehe ich in die Küche und setze Teewasser auf.

Hey Stella,

ich kann nicht schlafen, wie immer in letzter Zeit. Ich weiß gar nicht, warum ich dir schreibe und wo du dich gerade aufhältst, aber falls du wach bist und die Möglichkeit hast, verpass nicht die Mondfinsternis um 4 Uhr 26. Ich hoffe, es geht dir gut und dass du klare Sicht hast. Hier oben, nahe der Oberkante der Welt, tun die Mächte der Natur ihr Bestes, um mir zu zeigen, dass sie nicht auf meiner Seite sind.

J.

P. S.: Gibt es die »Wolfsstunde« auch im Deutschen?

Joakim | Ich sitze allein im Studio meiner Band. Die vergangenen Stunden habe ich damit verbracht, lustlos eine mittelmäßige kleine Melodie zu klimpern, von der ich bereits jetzt weiß, dass ich sie vergessen haben werde, wenn der Tag anbricht. Gerade bin ich – zum bestimmt siebten Mal – hinaus auf den Flur gegangen, durch die Sicherheitstür, die Treppe rauf und dann hinaus in den Innenhof, um zu sehen, ob es aufklart. Der eiskalte Wind und der endlose Regen haben mich auch dieses Mal hineingezwungen. Ich muss wohl einsehen, dass es für mich in dieser Nacht keine astronomische Sensation geben wird und auch, dass ich keine Musik zustande bringen werde.

Stattdessen beginne ich, über die Wolfsstunde nachzudenken, die Zeit, in der die meisten Menschen am tiefsten schlafen, zwischen drei und fünf Uhr in der Nacht. Also jetzt. Und natürlich kann ich nicht umhin, an Ingmar Bergmans Film zu denken und wie Protagonist Johan im Dunkel der Wolfsstunde mit seinen Dämonen gerungen hat. Ich fühle geradezu, wie meine eigenen Wolfsdämonen in den Schatten um mich herumsitzen und ihre Klauen wetzen. Während sie das tun, grübele ich darüber nach, wieso ich eigentlich hier bin, allein und in ziemlich erbärmlichem Zustand, in einer Donnerstagnacht, wenn alle anderen schlafen. Wie ist es dazu gekommen?

Ich hatte die Chance beim Schopf ergriffen und war geflohen. Zunächst von meinem verhassten Ferienjob im dänischen Käseladen und nach einiger Zeit auch von meinem Studium. Statt Lehrer oder Archäologe zu werden, wurde ich Vollzeit-Musiker. Unsere Platten verkauften sich nicht allzu schlecht, und ich bekam die Welt zu sehen. Mal reisten wir in die USA, dann nach Russland, nach Südamerika oder sonst wohin, und ich fand, dass ich zumindest zum Teil so lebte wie der Entdecker, der ich immer hatte werden wollen.

Manchmal hatten wir einen längeren Aufenthalt, und meine Band und ich taten unser Bestes, um die Gelegenheit zu nutzen und so viel wie möglich von der Stadt zu sehen, in der wir uns gerade zufällig befanden. Wir erfanden das »Power Sightseeing«, eine Methode, die zwar manchmal ziemlich stressig sein konnte, aber auch erstaunlich effektiv war.

Mit der Technologie von heute, mit Smartphones und GPS, ist es einfacher, aber zu jener Zeit musste man schon planmäßig vorgehen: Am Flughafen kauften wir Reiseführer, arbeiteten eine Route aus und stritten ein bisschen darüber, was wohl am sehenswertesten war. Nachdem wir dann früh morgens aus dem reichlich holprigen Schlaf erwachten, den eine Übernachtung im Nightlinerbus so mit sich bringt, galt es, eine Route für den folgenden Tag zusammenzustellen. Zum Beispiel New York: Ankunft 7:15 Uhr, Frühstück, Metropolitan Museum, Socken kaufen bei Macy’s, mit der Subway nach Harlem, zurück ins Village, Ausstellung mit Protopunkgraffitis in SoHo, rüber nach Alphabet City, um Pastrami zu essen, dann für den Soundcheck zum Klub in der 30. Straße, den wir mit einem Stück Pizza in der Hand absolvierten. Schließlich zu Fuß aufs Empire State Building, zurück zur 30., dort Lagebesprechung und Konzertvorbereitung. Ein paar Drinks, rauf auf die Bühne und zwei Stunden später zurück in den Tourbus. Und das gleiche Spiel am nächsten Tag woanders.

Am intensivsten tourten wir allerdings in Deutschland. Unsere Karriere hat dort begonnen, und wir verbrachten viel Zeit bei unserem »großen Bruder« im Süden. Fast alle, mit denen wir bei unserer Arbeit zu tun hatten, waren Deutsche, und ich schloss viele Freundschaften. Einen halben Nachmittag lang saß ich zum Beispiel in Leipzig auf einer Mauer und diskutierte mit einer Frau, die ich zuvor noch nie getroffen hatte. Anlass unserer Begegnung war ein Interview, das sie mit mir führen wollte, aber wenn ich es richtig verstanden hatte, war ihr Auftraggeber nicht so recht von der Sache überzeugt – sie aber umso mehr.

Wenn man Zeit und Energie darauf verwendet, eine Underground-Band wie unsere bekannt zu machen, lernt man eines im Nullkommanichts: Sobald eine Idee oder ein Gedanke nicht der »Norm« entsprechen, wird es erstaunlich schwer, diejenigen zu überzeugen, die nicht sowieso schon bekehrt sind. Man kann sich natürlich ein provokantes Image zulegen. Gern etwas sexuell Abweichendes oder etwas, das die Religion oder die politische Korrektheit herausfordert. Am besten alles zusammen. Aber wenn man sich nicht auf solch billige Tricks einlassen mag, wird man oft ignoriert. In diesem Punkt gibt es wohl keinen Unterschied zwischen den Lifestyle-Magazinen der Welt.

Die Redakteure wollen Berühmtheiten, die Dinge sagen, um die sich eigentlich niemand schert, die aber Überschriften hergeben. Weil ich dazu leider nichts beitragen konnte, sprachen die Journalistin und ich nach dem Interview einfach über das, was uns in den Sinn kam. Über Kunst, Musik, Literatur und nach einer Weile auch über ganz Privates. Über unsere Beziehungen, unsere Ängste und über unsere Träume. So als sei es das Natürlichste auf der Welt. Da war es nur konsequent, dass wir schließlich unsere E-Mail-Adressen tauschten.

Ich war auch nach dieser Deutschland-Tour wieder zurück in meine schwedische Wirklichkeit gefahren, in die kleine Stadt am Meer, aus der ich immer floh. Obwohl ich dort praktisch mein ganzes Leben gewohnt hatte, fühlte ich mich nie wie einer ihrer Einwohner. Ich betrachtete die Stadt vor allem als praktisch gelegenen Wohnort. Sie war nicht zu weit vom Flughafen entfernt, lag am Wasser und war relativ günstig. Auf Schwedisch: alles lagom*.

Natürlich handelte es sich bei meinem Heimatort um nicht viel mehr als um ein ziemlich großes Dorf. Es gab kein Kulturleben, das der Rede wert gewesen wäre. Nach 22 Uhr herrschte an Werktagen Grabesstille und völlige Leere in den Straßen. Gleichzeitig gab es eine Art aggressive, protzige Attitüde. Ein Bedürfnis, konstant darauf hinzuweisen, dass man wirklich eine richtige Stadt war, was man mithilfe bizarrer Bauprojekte und der Lokalpresse ins Bewusstsein zu bringen versuchte. Ein bisschen wie ein Terrier, der sich gegenüber allem in Rage bellt, was größer als er selbst ist.

Dennoch sehnte ich mich immer nach der Stadt, wenn ich ausgeflogen war und umherreiste, vielleicht, weil sie trotz allem mein fixer Punkt in einer großen Welt blieb, in der ich oft an einem Ort aufwachte, den ich zuvor noch nie gesehen hatte. Wie ein Bumerang kam ich immer wieder zurück. Der Teil meines Lebens, der sich nicht in ständiger Bewegung befand, war dort verankert.

Ich begriff lange nicht, dass ich dabei war, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich fühlte mich oft so einsam, dass ich hätte heulen können, obwohl ich umgeben war von guten Freunden und einer Familie, die sich um mich sorgte. Doch in gewisser Weise waren die Freunde, die ich unterwegs gewonnen hatte, wirklicher für mich als die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung. Die wunderten sich mehr und mehr, wer ich eigentlich war. Und ich hatte keine gute Antwort auf diese Frage. Ich wusste nur, dass ich mich nie richtig anwesend fühlte, so als ob mein Unterbewusstsein nicht mit dem Tempo meiner physischen Standortveränderungen Schritt halten konnte.

Die kleinen alltäglichen Dinge, die die meisten Leute als wichtig ansehen, fühlen sich fremd an, wenn man immer nur kommt und geht. Die Eindrücke, die ich von meinen Reisen mitbrachte, bedeuteten dagegen nichts für meine Familie und meine Freunde, die jeden Morgen einer geregelten Arbeit nachgingen und über ganz andere Probleme nachdachten. Eine Expertise darin entwickelt zu haben, wie man in möglichst kurzer Zeit von einem Flughafenterminal zum nächsten kommt oder wie man ohne Worte »Kannst du bitte die Lautstärke auf Keyboard 2 im Monitor runterdrehen« kommuniziert – das sind Fertigkeiten, die in der Welt der meisten Menschen recht geringen Wert besitzen.

Wenn ich keinen Schlaf finde, weil mir solche Gedanken durch den Kopf gehen, schwinge ich mich manchmal mitten in der Nacht aufs Rad und fahre ins Studio. Dort sitze ich dann rum, schreibe an einem Lied oder starre stundenlang die Wand an. Und hin und wieder schicke ich auch eine Mail an Stella, die Frau von der Mauer in Leipzig. Dann, wenn es etwas gibt, von dem ich annehme, dass sie es interessant finden könnte.

Wie zum Beispiel in dieser Februarnacht die totale Mondfinsternis, die mir zu sehen wohl nicht vergönnt ist. Dafür sehe ich nun etwas anderes, einen kleinen digitalen Briefumschlag in der unteren Leiste meines Browsers: Ich habe Post.

Hej Joakim,

wie geht es dir? Hast du geahnt, dass ich noch wach bin? Verrückt! Trotz Mondfinsternis ist deine Mail ein wahrer Lichtblick. Bei mir ist ziemlich viel passiert, heute bin ich in Hamburg angekommen, wo ich wohl erst mal bleibe. Axel und ich haben uns getrennt, da passt das mit der Mondfinsternis ganz gut, ich fühle mich nämlich auch ziemlich verfinstert. Aber darüber will ich jetzt gar nicht reden, ich trinke lieber noch einen Yogi-Tee und hoffe, dass der Himmel noch ein bisschen weiter aufreißt. Es sieht fast so aus, als könnte das was werden. Danke für den Tipp! Fühl dich umarmt, und hab noch eine gute Nacht!

Stella

PS: Die Wolfsstunde – ja, natürlich kenne ich die! Ich habe mal ein Interview mit einem Schlafforscher geführt, der gesagt hat, dass nachts um drei alle Menschen depressiv sind und man darum anfängt, über alles Mögliche nachzudenken, wenn man nicht schlafen kann. Das Gute ist: Das geht vorbei.

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Kapitel 2

DER AUFTRAG, DER PROPHET UND DAS LAND

Stella | So habe ich mir das vorgestellt: Altbau mit polierten Holzdielen, Balkon, zwei sonnendurchflutete Zimmer und eine helle Wohnküche. Bad mit Fenster und Wanne. Und vom Wohnzimmer ein Blick in einen idyllischen Garten mit alten Buchen, Flieder und Holunder. Die Elbe nur etwa 400 Meter entfernt, ein Biobäcker liegt gleich um die Ecke, ebenso die S-Bahn-Station. Sicher, mit 49 Quadratmetern ist das Schmuckstückchen nicht besonders groß, aber verglichen mit dem Zimmer in Marius’ Bude ist es ein Schloss, und für mich reicht es allemal.

So weit zu den guten Nachrichten.

Die schlechten: Es ist Samstagmittag, und in der Immobilie ist es so gerammelt voll, als gäbe es Kaviar-Schnittchen und Champagner umsonst. Dabei kann von »umsonst« wirklich nicht die Rede sein. 850 Euro monatlich soll die Behausung kosten. Kalt. Ohne alles. Außerdem zwei Komma achtunddreißig Monatsmieten an den Makler. Obendrauf noch mal drei als Kaution an den Vermieter. Allein für die Summe gäbe es einen guten Gebrauchtwagen. Oder eine Woche Mauritius im Fünfsternehotel. Mit Flug. Doch wenn ich mir die Gesichter der Mitbesichtiger so ansehe, scheint das kaum jemanden zu stören. Zumindest lässt sich niemand etwas anmerken. Hamburg galt ja schon immer als teures Pflaster. Als ich Ende der Neunzigerjahre das erste Mal hier gewohnt habe, zwischen meinem Studium in Essen und dem Umzug nach Köln, waren die Preise in etwa gleich. Allerdings war die Währung eine andere: Damals zahlte man noch in D-Mark.

Die Abgesandte des Maklerbüros, eine streng frisierte Blondine undefinierbaren Alters im marineblauen Businesskostüm, verteilt jetzt mit eingerastetem Heidi-Klum-Grinsen DIN-A4-Bögen: »Für die Selbstauskunft. Falls Sie Interesse haben.«

Alle haben Interesse. Alle Anwesenden kritzeln den Wisch voll, auf der Fensterbank, dem Fußboden, dem Rücken der Begleitung. Als ich das erste Mal so ein Ding ausgefüllt habe, musste ich dem Impuls widerstehen, mich sofort zu beschweren. Inzwischen hab ich mich daran gewöhnt. Anzugeben sind: Beruf, monatliches Einkommen (netto, Einkommensnachweis ist ggfs. nachzureichen), Anzahl der zukünftigen Bewohner (davon _ Kinder im Alter von _ Jahren), Arbeitgeber (genaue Anschrift), Art des Arbeitsvertrages (unbefristet, Schwangerschaftsvertretung, o. Ä.), Familienstand, Haustiere (Anzahl, Art, Rasse, Größe) und noch einiges mehr. Sogar nach Religion und Vorstrafen wird gefragt. Wer nicht ausfüllt, kann gleich nach Hause gehen. Oder eben dorthin, wo er gerade noch haust. Warum sich bloß immer alle über Datenschutz in sozialen Netzwerken aufregen? Makler müssen über Datenbanken verfügen, von denen selbst Geheimdienste nur träumen können!

Als ich Blondie den Zettel in die Hand drücke, lächelt sie unverändert: »Danke. Wir melden uns dann.«

Mit einem kaum merklichen Schielen auf die Jobspalte fügt sie hinzu: »Gegebenenfalls.«

Ich seufze. Es ist so klar wie die blitzblanken Scheiben: Das wird wieder nix. Alleinstehende freie Journalistinnen mit schwankendem Einkommen rangieren auf der Mieter-Beliebtheitsskala ungefähr auf Höhe radikal-fundamentalistischer Bombenbastler oder Stinktierfreunden mit Blasinstrumentenhobby. Wenn nicht darunter. Einerseits erleichtert mich das. 850 Flocken plus Betrag x für Nebenkosten, Strom und so weiter sind eindeutig zu viel für mein Budget. Andererseits bin ich bald mit meiner Weisheit am Ende.

Fürs dauerhafte WG-Leben fühle ich mich nicht geschaffen, so gut Thomas und ich auch miteinander auskommen. Ich will morgens nicht am Bad anstehen. Ich will in der Küche keinen Kombucha-Kulturen beim Wuchern zusehen und habe auch keine Lust, mit Thomas’ redseligem neuestem Püppi zusammenzustoßen. Zumindest dann nicht, wenn ich mir morgens im Schlaf-T-Shirt Kaffee koche. Bevor ich meine erste Dosis Koffein zu mir genommen habe, ist es nämlich besser, mich nicht anzusprechen. Natürlich will ich auch mehr Platz. Und einen Südbalkon. Oder, noch besser, einen Garten oder einen begrünten Innenhof. Ich will Freunde bekochen und meine Musik laut drehen, ohne vorher prüfen zu müssen, ob jemand gerade meditiert oder in Kürze zu meditieren gedenkt.

Aber in Hamburg mit meinen Voraussetzungen eine bezahlbare Wohnung zu finden, die nicht über einem Porno-Kino, in der Herbertstraße, im sozialen Brennpunkt, im Industriegebiet oder eigentlich gar nicht mehr in Hamburg, sondern in Orten wie Pinneberg, Horst oder Elmshorn liegt, ist in etwa so problemlos, als wolle man über Nacht eine Mitfahrgelegenheit nach Kasachstan organisieren. Also, falls man da nun unbedingt hinwill. Ich suche nun seit fast zwei Monaten, lese täglich die Immobilienanzeigen im Internet und umschleiche Laternenpfähle, als wäre ich ein Hund, weil da ja manchmal diese Zettel daran hängen, in denen die dollsten Buden angeboten werden. Immer zum Tausch. Oder befristet.

»Muss es denn unbedingt Hamburg sein?«, fragt Wanda, tunkt ihr Brot bedächtig ins Olivenöl und streut ein bisschen grobes Meersalz drüber.

Na, die hat gut reden! Sie ist stolze Besitzerin einer Dreizimmerwohnung mitten im begehrten Stadtteil Ottensen. Balkon vorne, Balkon hinten. Morgensonne. Mittagsonne. Abendsonne. Ein Apartment, das ihre Eltern vor 15 Jahren als Geldanlage gekauft haben. Die Rechnung ist aufgegangen: Das, wofür die Hansens mal 70 000 Mark bezahlt haben, ist heute locker 150 000 Euro wert. Mindestens. Meine Verwandtschaft war leider nicht so vorausschauend.

»Ja. Muss es. Ich will nicht ins Umland«, gebe ich patzig zurück. »Da bleib ich lieber in der WG. Oder kannst du mir verraten, wie ich in Tötensen jemanden kennenlernen soll? Singles über 18 treiben sich nicht auf dem Land rum!«

Wanda kichert. »Der Bohlen wohnt in Tötensen. Und der ist immer mal wieder Single. Zwischen den ganzen Hasis.«

»Also, wenn das der Prototyp des Tötenser Durchschnittbewohners ist, spricht eine ganze Menge gegen das Kaff. Nämlich so ungefähr alles!«

Ich nehme einen Schluck von meinem Chianti und dezimiere dadurch den Inhalt des Glases um höchstens drei Millimeter. Sofort materialisiert sich Padrone Ricardo mit der Flasche neben dem Tisch, um das Glas ungefragt wieder fast randvoll zu machen – und Wandas gleich dazu.

»Prego, Signorine!«, sagt er und lächelt charmant.

Dann ist er in einem Tempo, das Speedy Gonzales wie den Butler aus Dinner for One

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