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Verliebt in Monte Carlo

PROLOG

London, November

In der nachtschwarzen Dunkelheit des späten Novembers traten die funkelnden Lichter des exklusiven Londoner Hotels besonders strahlend hervor. Maggie Holland stand direkt vor der gläsernen Drehtür. Ihr Herz klopfte im Hals, die Knie zitterten, die Hände waren feucht, und über ihren Rücken rann Schweiß.

Unter der Fülle glänzender Locken, die mit unzähligen Nadeln hochgesteckt waren, klopfte es schmerzhaft hinter ihrer Stirn. Mit klammen Fingern zog sie den viel zu kurzen Regenmantel fest um sich. Doch obwohl der eisige Wind peinigend um ihre Beine fegte, schaffte sie es nicht, sich aus ihrer Erstarrung zu lösen.

Gleich hinter ihr stieg ein Paar aus einem Taxi und flüchtete sich in den Schutz des ausladenden Schirmes, den der Hotelportier beflissen aufgespannt hatte. Er hieß die Gäste in gebrochenem Deutsch willkommen, dann kam die ganze Gruppe auf Maggie zu. Sie musste sich bewegen, so viel stand fest. Entweder sie betrat die Lobby hinter der Glaswand, oder sie ging zur Seite, um die anderen vorbeizulassen.

Urplötzlich wich die Erstarrung von ihr. Mit einem tiefen Atemzug stieß sie die Drehtür auf und betrat das warme Foyer.

In der gleichen Sekunde sah sie ihn. Unmöglich, ihn nicht wahrzunehmen, da er, wie gewohnt, alle Blicke auf sich zog. Zum Glück stand er mit abgewandtem Gesicht zu ihr und sprach mit irgendjemand – deshalb blieb ihr Eintritt unbemerkt. Maggie war froh über den unverhofften Aufschub. So erhielt sie wenigstens eine geringe Chance, sich zu sammeln und ihre zitternden Nerven unter Kontrolle zu bekommen.

Und ihn unauffällig beobachten zu können …

Wie er lässig mit den Händen in den Hosentaschen dastand, wobei sich der Stoff seiner maßgeschneiderten Hose über der wohlgeformten Kehrseite spannte, konnte man ihn eher für einen Athleten als für das geniale Finanzgenie halten, das mit Millionen jonglierte wie ein Artist mit seinen Bällen.

Einige redeten sogar von Milliarden!

Ein Tycoon, dem der Ruf eines … wenn nicht sogar des innovativsten und erfolgreichsten Geschäftsmannes Europas anhaftete.

Bis vor zwei Wochen, als sie ihm im Haus ihres Stiefvaters begegnet war, hatte Maggie noch nie von Caleb Cameron gehört. Nur auf Wunsch ihrer Mutter, die dringend ihre Unterstützung benötigte, war sie überhaupt dort erschienen. Caleb war einer von mehreren Geschäftsleuten gewesen, die sich in den letzten zwei Wochen zu augenscheinlich bedeutsamen Meetings bei ihrem Stiefvater eingefunden hatten.

Während dieser Zeit stand Maggie ihrer Mutter fast jeden Tag zur Seite, um die Gäste zu bewirten und zu betreuen. Und seitdem wurde jede Minute jedes einzelnen Tages – und der Nächte – von Gedanken an diesen unglaublich attraktiven, dynamischen Mann beherrscht, der ein offensichtliches Interesse an ihr zeigte.

Beweis dafür war das für heute arrangierte Treffen …

Ein Date, zu dem sie gezwungen wurde. Maggie presste die Lippen zusammen und schluckte heftig. Sie wusste, dass sie keine Chance hatte, sich aus diesem Dilemma zu befreien, befürchtete aber, in der ersten Sekunde von ihm durchschaut zu werden. Fast hoffte sie es sogar. Hieß es nicht, er habe einen rasiermesserscharfen Verstand? Und trotzdem erwartete man von ihr, dass sie …, nein, befahl man ihr, dass sie …

Maggie fühlte heftige Übelkeit aufsteigen und schloss die Augen. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre geflohen. Doch das durfte sie nicht. Denn an die Konsequenzen, die das für die einzige Person, die ihr wirklich nahestand, zur Folge hätte, mochte sie erst gar nicht denken. Sie hatte keine Wahl.

„Maggie.“

Wie ertappt riss sie die Augen auf. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Jetzt stand er vor ihr wie eine große geschmeidige Dschungelkatze, bereit zum Sprung … oder bildete sie sich das nur ein? Maggie straffte ihren Rücken und begegnete scheinbar gelassen seinem Blick.

„Verzeihung, Caleb. Hoffentlich habe ich Sie nicht zu lange warten lassen.“

Er musterte sie langsam von Kopf bis Fuß und hob leicht die Schultern, während Maggie unter seinem abschätzenden Blick fast der Atem stockte. „Die paar Minuten Verspätung waren eher eine angenehme Überraschung. Ich bin es gewohnt, sonst viel länger auf Frauen warten zu müssen.“

Instinktiv wusste Maggie, dass er log. Keine Frau würde diesen Mann freiwillig warten lassen. Es fiel ihr schwer, dem durchdringenden Blick aus diesen unglaublich azurblauen Augen standzuhalten. Ihre Knie wurden schwach, und das Blut floss wie glühende Lava durch ihre Adern. Ein verstörender Effekt, den allein Calebs Anblick von der ersten Sekunde an auf sie ausgeübt hatte … und der sie unglaublich frustrierte.

Zu dem Zeitpunkt wusste sie allerdings noch nichts von der Rolle, die ihr von ihrem Stiefvater in seinen hinterhältigen Machiavelli-Plänen zugedacht worden war. Der attraktive Fremde war für sie einfach nur Caleb gewesen, der Mann, der sie beeindruckte, wie niemand zuvor … und nicht jemand, den sie betrügen und ausnehmen sollte.

Und als ersten Schritt … verführen.

Maggie schaute in sein dunkles Gesicht und zwang sich zu einem Lächeln. Für einen Sekundenbruchteil gelang es ihr sogar, sich einzubilden, dass Toms finstere Pläne gar nicht existierten. Konnte es nicht wirklich nur ein aufregendes Date sein, zu dem dieser attraktive Mann sie eingeladen hatte? Die Vorstellung ließ ihr Herz schneller schlagen und machte sie atemlos.

Des sehnsüchtigen, etwas bitteren Lächelns, das bei diesem Gedanken um ihren weichen Mund spielte, war sie sich nicht bewusst. Nach heute Abend würde sie Caleb Cameron nie wiedersehen. Dieses Wissen machte es Maggie einerseits leichter, an ihre Illusion zu glauben, andererseits verursachte es ihr einen schmerzhaften Stich im Herzen.

In Calebs ausdrucksvollen Augen blitzte es für einen Sekundenbruchteil gefährlich auf, dann verwandelte sich sein Gesicht zu einer fast nachsichtigen höflichen Maske.

„Wollen wir? Unser Dinner wartet …“

Hier war sie – ihre letzte Chance zu entfliehen …

„Gern“, sagte sie leise.

Auf steifen Beinen folgte sie ihm durchs Foyer und fühlte sich wie auf dem Weg zur Guillotine. Verborgen in ihrer Manteltasche, wog der Zimmerschüssel zu der eleganten Suite, die ihr Stiefvater für sie gebucht hatte, plötzlich schwer wie Blei. Dort oben in diesem Hotel würde der Verführungsakt stattfinden.

Und irgendwo, im Schatten … im Hintergrund, lauerte Tom Hollands Handlanger, der die ganze hässliche Szene aufnehmen sollte.

Guter Gott! Wie hatte sie sich nur darauf einlassen können?

An der Tür zum Hotelrestaurant zuckte Maggie unter Calebs Berührung zusammen, als er leicht die Hand auf ihre Schulter legte. Die Wärme seiner Finger schien sie durch den Regenmantel und die dünne Spitze der Stola zu versengen, mit der sie versuchte, das freizügige Kleid, das ihr Stiefvater extra für diesen Anlass beschafft hatte, wenigstens zum Teil zu verstecken.

Am liebsten hätte sie den Mantel anbehalten, doch der Maître d’Hotel nahm ihn ihr beflissen lächelnd ab und übergab ihn der Garderobiere. Erneut stieg heiße Panik in Maggie hoch. Sie konnte es nicht tun! Wie sollte sie den Ausdruck auf Calebs Gesicht ertragen, wenn er erst ihren Aufzug sah?

Sie trug nur einen winzigen Slip … das war unter dem fast transparenten Kleid deutlich auszumachen. Nur mit Mühe gelang es Caleb, seinen Blick loszureißen und auf die kunstvolle Frisur zu richten. Ihre hochgesteckten Locken reizten ihn dazu, die Haarnadeln herauszuziehen, um die tizianrote Haarflut über Maggies weiße Alabasterschultern herabfließen zu sehen.

Die Tatsache, dass sie es selbst in diesem billigen provokanten Outfit fertigbrachte, eine wilde, fast schmerzhafte Begierde nach ihrem perfekten Körper in ihm zu wecken, frustrierte und erregte ihn gleichermaßen. Und noch etwas bewegte Caleb – Selbstironie, Spott und Hohn.

Obwohl er genau wusste, wer und was sie war, hatte es einen Moment gegeben, in dem er hoffte … oder sich gewünscht hätte …

Energisch versuchte er, derart alberne und unsinnig romantische Gedanken zu verdrängen und dahin zu verbannen, wohin sie gehörten – in das Reich der Fantasie. Doch eine kleine hartnäckige Stimme in seinem Hinterkopf ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.

Als er Maggie zum ersten Mal gesehen hatte, war eine Saite in seinem Inneren berührt worden, von deren Existenz er bis dahin gar nichts gewusst hatte. Ihre lebendige Schönheit und ihr süßes schüchternes Lächeln erschütterten sein zynisches desillusioniertes Ego. Von der ersten Sekunde an schien die Luft zwischen ihnen vor sexueller Spannung zu vibrieren. Doch da war noch etwas anderes, nicht Greifbares gewesen – eine Art femininer Unschuld, die ihn gleichermaßen überraschte und irritierte.

Er war es gewohnt, dass Frauen ihm zulächelten, aber stets so offensichtlich und kalkuliert, dass sich nur Abscheu in ihm regte.

Caleb presste die Lippen zusammen, während er Maggie durch den Speisesaal folgte, wobei ihm die neugierigen und begehrlichen Blicke der anderen Männer nicht verborgen blieben. Er brachte es ja selbst kaum fertig, seine Augen von den sexy Kurven unter der dünnen, fast durchsichtigen Seide zu lösen.

Sie heute Abend so vor sich zu sehen, mit dem herausfordernden Hüftschwung, der ihre offenkundigen Absichten gar nicht erst verbarg, ließ ihn an seinem Verstand und seiner Urteilsfähigkeit zweifeln. Wie hatte er nur auf die Idee kommen können, Maggie Holland sei anders als ihre Geschlechtsgenossinnen?

Natürlich sagte ihm seine Erfahrung und männliche Arroganz, dass sie scharf auf ihn war. Beherrschte ihn diese wilde Sehnsucht nicht selbst von der ersten Sekunde an? Aber wie vermessen, sich einzubilden, das einzige Objekt ihrer Begierde zu sein, dachte Caleb zynisch.

Sie war eine exzellente Schauspielerin, das musste man ihr immerhin zugestehen. Allein der Gedanke, dass es ihr fast gelungen wäre, ihn an der Nase herumzuführen, verursachte ihm einen bitteren Geschmack im Mund. Eine derartige Schwäche hatte er sich weder bei seinen geschäftlichen Transaktionen noch bei seinen zahllosen erotischen Intermezzi zwischen New York und Hongkong je zuschulden kommen lassen.

Sein ausgeprägter Instinkt, Selbsterhaltungstrieb und eiserne Kontrolle waren geradezu legendär. Eigenschaften, die es weder ihr noch ihrer Familie erlauben würden, ihn in eine Falle zu locken. Den Hollands stand eine böse Überraschung bevor, wenn sie glaubten, ihn bereits am Haken zu haben …

Maggie war hier, um ihn zu verführen und zu zerstören, daran hatte Caleb nicht den leisesten Zweifel. Die berühmte Venusfalle. Der älteste Trick der Menschheitsgeschichte. Wenn er sich nicht täuschte, war es der Umriss eines Zimmerschlüssels gewesen, der sich durch das dünne Material ihres Regenmantels in der Tasche abzeichnete. Ein Zimmer in diesem Hotel?

Caleb spürte, wie sich erneut heftiger Abscheu in ihm regte.

Doch es gehörten immer zwei zu einem Spiel. Schließlich war auch er hier, um sie zu verführen. Diese kleine Rache oder Entschädigung für seine Fehleinschätzung, was Maggies Charakter betraf, wollte er sich schon gönnen … als eine Art Kriegsbeute. Denn dies hier bedeutete Krieg. Das hatte Caleb in dem Moment für sich entschieden, als er Maggies berechnendes Outfit zu Gesicht bekam.

Sie erreichten ihren Tisch.

Maggie ging auf die andere Seite und warf ihm einen Blick zu, der ihn irritierte und sekundenlang verunsicherte. Unmöglich konnten das Angst und Scham sein, was da in ihren smaragdgrünen Augen aufblitzte, ehe sie den Kopf senkte und Platz nahm.

Zur Hölle! Sie war wirklich gut. Caleb versuchte, das schmerzhafte Ziehen in seinen Lenden zu ignorieren. Er bekam noch Zeit und Gelegenheit genug, um seine brennende Begierde zu stillen. Und Maggie stand ein schmachvolles Erwachen bevor.

Besonders, wenn er als Revanche auch noch ihre gesamte Familie ruinierte. Dann würde er endlich frei sein von seinen unsinnigen romantischen Fantasien und diesem quälenden Verlangen, das sie in ihm wachgerufen hatte.

Nach dieser Nacht würde sie ihn nie mehr vergessen können oder sich wünschen, seinen Weg noch einmal zu kreuzen …

1. KAPITEL

Dublin, sechs Monate später …

„Jetzt müssen wir nur noch das Treffen mit Mr. Murphy hinter uns bringen, dann ist endlich alles erledigt.“

Während sich das Taxi langsam vom Friedhof entfernte, umfasste Maggie auf dem Rücksitz die kalten Hände ihrer Mutter und betrachtete dabei voller Sorge ihr aschgraues Gesicht.

„Ich … ich weiß nicht, ob ich das schaffe …“, gestand die alte Frau mit schwacher Stimme. „Ich empfinde nicht einmal Trauer … ist das nicht schrecklich? Stattdessen bin ich einfach nur froh, dass er endgültig weg ist. Wenn ich daran denke, was ich dir all die Jahre zugemutet habe …“

„Schh, Mum. Es ist vorbei. Er wird keinem von uns beiden je wieder ein Leid zufügen können. Wir sind endlich frei.“

Maggies Herz zog sich schmerzhaft angesichts des trostlosen Ausdrucks und der tiefen Falten im einstmals attraktiven Gesicht ihrer Mutter zusammen. Dabei waren es gerade Camilla Hollands zarte Schönheit und fröhliche Vitalität gewesen, die Tom Holland unwiderstehlich angezogen hatten. Aber noch mehr die stets präsente Rivalität und Eifersucht gegenüber seinem Cousin Brendan, Maggies Vater.

Als Tom nach Brendans Tod versprochen hatte, sich an seiner Stelle um sie und Maggie zu kümmern, wenn Camilla ihn heirate, schien es für Mutter und Tochter die beste Lösung zu sein. Doch gleich nach der Hochzeit zeigte Tom Holland sein wahres Gesicht, voller Heimtücke und Grausamkeit. Und da Scheidung in der konservativen Gesellschaft, in der sie lebten, keine Option war, saß Camilla in der Falle. Bis jetzt.

„Hör zu, Mum, ich glaube nicht, dass du dir unbedingt alle Einzelheiten von Toms Letztem Willen anhören musst. Mr. Murphy kennt uns beide sehr gut, und da du ohnehin die Alleinerbin bist, werden die notwendigen Formalitäten schnell abgewickelt sein.“

„Glaubst du wirklich, Liebes? Ich … wenn ich mich nur ein Stündchen ausruhen dürfte …“

„Aber natürlich. Das kannst du gleich, Mum.“ Maggie legte so viel Stärke und Überzeugungskraft in ihre Stimme, wie sie nur aufbringen konnte, obwohl sie sich selber völlig ausgelaugt fühlte.

Kurz darauf rollte der Wagen durch die Kleinstadt vor den Toren Dublins und bog durch ein breites schmiedeeisernes Tor in die Auffahrt zu einem großen, komfortabel aussehenden Landhaus ein. Maggie atmete erleichtert durch. Der erste Blick auf ihr Elternhaus, gefiltert durch das weiche grünliche Licht im Schatten der umstehenden Bäume, verfehlte nie seine beruhigende Wirkung. Es war der Ort, an dem sie einst mit ihrer Mutter und ihrem viel zu früh verstorbenen Vater gelebt hatte.

Und das einzige Besitztum, worauf Tom nicht seine schmutzigen Hände hatte legen können. Ein Bindeglied zu glücklicheren Zeiten, das ihrer Mutter dabei half, die qualvolle Ehe mit Tom Holland zu überstehen. Hier hatten Maggie und sie die letzten sechs Monate verbracht, nachdem …

Selbst jetzt brachte Maggie es nicht fertig, ohne Schaudern an jene Nacht zu denken. Schmerz und Scham überwältigten sie immer noch wie damals.

Glücklicherweise war es ihr gelungen, ihre Mutter davon zu überzeugen, London gleich am nächsten Morgen zu verlassen. Ehe Tom begriff, dass sein übler Plan nicht funktioniert hatte, war er viel zu tief in geschäftliche Belange verstrickt gewesen, um ihnen folgen zu können. Und jetzt waren sie ihn endlich für immer los.

Er war tot.

Maggie brachte Camilla in ihr Schlafzimmer und stand schon wieder an der Tür, als sie zurückgerufen wurde.

„Was ist, Mum?“ Sie kehrte um und setzte sich zu ihrer Mutter auf die Bettkante.

„Versprich mir, dass du nie jemandem erzählen wirst, was Tom uns angetan hat. Keiner Menschenseele. Ich könnte mit dieser Scham nicht leben …“

Diese eindringliche Bitte hörte Maggie nicht zum ersten Mal. „Natürlich nicht“, antwortete sie fast mechanisch. „Das habe ich bisher nicht getan, also, warum sollte ich es jetzt tun?“

„Versprich es mir, Margaret“, forderte Camilla mit fiebrigem Blick und überraschender Strenge.

„Ich verspreche es.“ Sanft drückte sie einen Kuss auf die Stirn ihrer Mutter. Es war ein Versprechen, das ihr nicht schwerfiel einzuhalten. Nie im Leben wäre sie auf die Idee gekommen, über Tom Holland zu reden, wenn sie es vermeiden konnte.

Maggie war gerade am Fuß der Treppe angelangt, als sie einen Wagen vorfahren hörte. Das musste der Anwalt sein. Sie hängte ihren Mantel an die Garderobe und fuhr sich vor dem Spiegel noch einmal mit den Fingern durchs Haar. Als es an der Tür läutete, öffnete sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Mr. Murphy war schon der Anwalt ihres Vaters gewesen und hatte mit dem dubiosen Juristengesindel, das Tom Holland außerhalb von Dublin in Rechtsfragen bemühte, nie etwas zu tun gehabt.

Mit einem charmanten Lächeln führte sie den distinguiert aussehenden älteren Mann in den kleinen Salon. „Ich hoffe, Sie entschuldigen meine Mutter, aber sie fühlte sich nicht wohl und hat sich hingelegt.“

„Nichts Ernstes, hoffe ich?“, fragte er mitfühlend.

„Nein, nein“, versicherte Maggie rasch. „Die letzten Tage waren nur sehr anstrengend. Falls ihre Anwesenheit …“

Irritiert brach sie ab, als der Anwalt die Hand hob. „Nein, möglicherweise ist es sogar besser, wenn sie nicht dabei ist“, murmelte Mr. Murphy unbehaglich. Maggie fühlte einen kalten Schauer über den Rücken rinnen und hielt unwillkürlich den Atem an.

Sie hatten sich zu früh in der Sicherheit gewiegt, dass Tom Holland ihnen nichts mehr antun konnte, dessen war sie sich schlagartig bewusst.

„Was wollen Sie damit sagen?“, brachte sie gepresst hervor.

„Setzen Sie sich doch bitte, Maggie. Ich befürchte, ich habe schlechte Nachrichten für Sie.“

Wie betäubt ließ sie sich auf den nächstbesten Stuhl sinken, während der Anwalt bedächtig am runden Tisch Platz nahm, seinen Aktenkoffer öffnete, aber keine Papiere herausnahm. Er schien um Fassung zu ringen, was Maggie nur noch nervöser machte.

„Was … was ist?“

Langsam hob er den Kopf und streckte seine leeren Hände aus, die Handflächen nach oben gerichtet. „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie und Ihre Mutter nichts erben werden.“

Fast hätte Maggie erleichtert aufgeseufzt. Sie hatten noch nie viel von Tom erwartet oder gar bekommen. Und Maggie selbst verfügte seit Jahren über ein recht ansehnliches Auskommen durch den Verkauf ihrer Bilder.

„Nun, das ist ja nicht das Ende der Welt. Aber interessieren würde es mich schon, wo das ganze Vermögen geblieben ist.“

Immerhin sprachen sie hier über mehrere Millionen Pfund. Mr. Murphy seufzte. Er hasste es, Überbringer von Hiobsbotschaften zu sein!

„Wie es aussieht, hat einer seiner geschäftlichen Kontrahenten ihm schlussendlich das Genick gebrochen. Einem englischen Finanztycoon, den Ihr Stiefvater augenscheinlich versucht hat, vor einiger Zeit zu schlucken, ist es gelungen, sich durch Mittelsmänner nach und nach seiner sämtlichen Aktien und Firmen zu bemächtigen. Der Tag, an dem Mr. Holland seinen Herzinfarkt erlitt, war zufällig auch der Tag seines geschäftlichen und finanziellen Ruins.“

Wahrscheinlich war das der Grund, warum er uns damals nicht nach Dublin gefolgt ist, sondern Mums sofortige Rückkehr nach London nur übers Telefon gefordert hatte, überlegte Maggie. Trotz der schlechten Nachrichten empfand sie ein Gefühl der Genugtuung und wünschte nur, sie hätte Toms Gesicht sehen können, als er erfuhr, dass er ruiniert war.

„Nun, zu ändern ist daran ohnehin nichts mehr“, stellte sie so gelassen wie möglich fest. „Wenigstens bleibt uns das Haus.“

Die Worte standen fast greifbar im Raum, und als Maggie mit Grauen das schuldbewusste Flackern in Mr. Murphys trüben Augen gewahrte, stellten sich ihre Nackenhaare auf.

„Es ist doch noch unser Haus, oder?“, fragte sie heiser. „Mums Haus …?“

Langsam schüttelte der Anwalt den Kopf, als bringe er es nicht übers Herz, die vernichtende Wahrheit auszusprechen. Doch Maggies eindringlicher Blick ließ ihm keine Wahl. Mr. Murphy räusperte sich umständlich. Als er mit seinen Ausführungen fortfuhr, klang seine Stimme schroffer als beabsichtigt.

„Offenbar ist Ihnen nicht bekannt, dass Ihr Stiefvater vor etwa einem Jahr Ihre Mutter überredet hat, ihm dieses Anwesen als Sicherheit für geschäftliche Transaktionen zu überschreiben. Weiß Gott, wie er sie dazu gebracht hat. Wahrscheinlich wusste sie nicht einmal, was sie da tat. Ich befürchte, es ist jetzt mit allem anderen in den Besitz des …“

Das Geräusch von Autobremsen ließ ihn innehalten und zum Fenster schauen. Maggie war so geschockt, dass es ihr unmöglich war, sich zu rühren. Sie konnte nicht begreifen, wie ihre Mutter so etwas hatte tun können. Dieses Haus war immer ein Heiligtum gewesen, ein sicherer Rückzugsort. Wut und Ungläubigkeit hielten sich die Waage, während Maggie versuchte zu begreifen, was Mr. Murphy ihr gerade eröffnet hatte.

Der Anwalt war inzwischen aufgestanden und ans Fenster getreten. „Er ist es“, stellte er mit hohler Stimme fest. „Der Mann, dem jetzt alles gehört. Er hat mich in meinem Anwaltsbüro aufgesucht und darauf bestanden, heute persönlich hier zu erscheinen, um mit Ihnen und Ihrer Mutter zu sprechen. Es tut mir leid, aber ich habe ihn davon nicht abhalten können.“

Als es an der Tür läutete, saß Maggie immer noch wie versteinert da. Schließlich machte sich Mr. Murphy auf den Weg in die Diele. Wie durch Watte hörte sie das Öffnen der Tür und ein unverständliches Gemurmel, bis sich Schritte auf den Salon zubewegten.

Maggie schaute hoch, und die Welt hörte auf, sich zu drehen. Wie in Trance erhob sie sich von ihrem Stuhl und starrte den Mann an, den sie nie wieder in ihrem Leben zu sehen gehofft hatte.

Caleb Cameron.

Größer und breiter als in ihrer Erinnerung, schien er den ganzen Türrahmen auszufüllen. Während er leicht den Kopf neigte, verzog er seine sinnlichen Lippen zu einem zynischen Lächeln. Sein kalter Blick hielt Maggie gefangen. Während er sie wie Ware taxierte, kam plötzlich Farbe in ihr totenbleiches Gesicht.

Der Mann, der in jener Nacht vor sechs Monaten ihr Leben aus den Fugen gerissen hatte, war zurückgekehrt … offenbar, um ihr den finalen Todesstoß zu versetzen. Mit aller Macht wehrte sich Maggie gegen das schockierende Verlangen, seiner mentalen Stärke nachzugeben.

Verzweifelt rang sie um Atem und nahm wie durch einen Nebelschleier wahr, dass der Anwalt sich an Caleb vorbeischob und mit einer förmlichen Geste in ihre Richtung wies.

„Das ist Margaret Holland. Maggie, ich möchte Ihnen Caleb Cameron vorstellen. Ihm gehört jetzt alles, was Ihr Stiefvater besaß – auch dieses Anwesen.“

„Danke, aber ich kenne Mr. Cameron bereits“, sagte sie mit blutleeren Lippen. „Wir sind uns … in London begegnet.“

Fast im gleichen Augenblick ließ sie sich wieder kraftlos auf ihren Stuhl sinken, da ihre Beine sie keine weitere Sekunde tragen wollten. Mit einer fast morbiden Faszination beobachtete sie Caleb, der Mr.

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