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Verlieben nach Rezept?

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1. KAPITEL

An: Jonathan Jones

Von: Sunshine Smart

Betr.: Brautjungfer trifft Brautführer

Liebster Jon,

ich habe Leo kennengelernt und bin von ihm begeistert! Wir sind ganz auf einer Wellenlänge, also keine Sorge – euer Hochzeitsempfang wird eure kühnsten Träume übertreffen! Ich wünschte nur, die offizielle Trauung könnte auch in Sydney stattfinden, aber ich will dem schönen New York dieses glanzvolle Ereignis nicht missgönnen!

Kuss und Umarmung, auch für Caleb.

Sunny xxx

An: Caleb Quartermaine

Von: Leo Quartermaine

Betr.: ?????

Caleb,

was tust du mir da an? Diese Sunshine Smart (der Name kann doch nur ein Scherz sein, oder?) will, dass ich ihr Facebook-Freund werde (und das ist KEIN Scherz)!

Nachdem ihr mir diese Verrückte auf den Hals gehetzt habt, muss ich zusehen, dass sie euer Hochzeitsdinner nicht in einen Affenzirkus verwandelt.

Bin wahnsinnig neugierig, Jonathan kennenzulernen – bitte sag mir, dass er ganz anders ist als seine Brautjungfer.

LQ

Sunshine Smart freute sich auf ihr zweites Treffen mit Leo Quartermaine. Trotz ihrer ersten Begegnung vor zwei Tagen, die nur zehn Minuten gedauert und mit seiner Weigerung geendet hatte, ihr Facebook-Freund zu werden.

Sie liebte Leos Restaurants oder genauer gesagt das, was sie darüber gelesen hatte. Gegessen hatte sie bisher noch in keinem von ihnen, doch sie hatte vor, diesem Missstand schleunigst Abhilfe zu schaffen. Seine Auftritte in seiner Fernsehshow Kochen mit Leo liebte sie ebenfalls. Seine Urteile über die Kandidaten waren zwar oft ziemlich hart, aber immer fair. Überhaupt war Sunshine fest entschlossen, alles an dem Bruder des Mannes zu lieben, den ihr bester Freund Jonathan Jones zu seinem Ehepartner auserkoren hatte.

Und er war auch wirklich süß. Auf die Art, wie es grundsolide, ernsthafte und eine Spur gehemmte Menschen manchmal waren.

Seine Haare stellten allerdings ein Problem dar. Genauer gesagt ihr Nichtvorhandensein. Dabei hatte Leo wirklich keinen Grund, sich den Kopf zu rasieren. Sunshine hatte Fotos von ihm im Internet gesehen, die vor seinem radikalen Kahlschlag entstanden waren. In einem Interview, in dem er dazu befragt wurde, hatte er gesagt, dass es bei der Arbeit in der Küche praktisch sei, aber er musste sich ja nicht gleich einen Pferdeschwanz heranzüchten!

Zum Glück hatte er noch genug Zeit, um sich das Haar wieder nachwachsen zu lassen. Sie würde ihm das bei der nächsten Gelegenheit diskret nahelegen.

Sunshine zückte ihren Taschenspiegel und überprüfte ihr Make-up. Der neue Lippenstift war klasse, aber ihre Augen … na ja, damit musste sie eben leben. Mithilfe einer dicken Schicht grauen Lidschattens, schwarzem Eyeliner und jeder Menge Mascara hatte sie ihr Bestes getan, um von deren Merkwürdigkeit abzulenken, aber viel mehr konnte sie nicht tun. Was Leo Quartermaine von seinen Haaren nicht behaupten konnte.

Sie stieg aus ihrem Auto – einem knallgelben Fiat aus den Siebzigern – und schritt zielstrebig auf die Q Brasserie zu.

Leo Quartermaine hörte Sunshine, noch bevor er sie sah. Obwohl er sie erst ein Mal getroffen hatte, assoziierte er das rhythmische Klappern hoher Absätze sofort mit ihr. Anscheinend trug sie wieder so mörderische High Heels wie bei ihrer letzten Begegnung.

Okay, sie war Schuhdesignerin, aber entwarfen Schuhdesigner nicht auch Modelle mit flachen Absätzen? Ballerinas oder wie die Dinger hießen. Nicht, dass er sich Sunshine Smart in Ballerinas oder gar in Laufschuhen vorstellen konnte. Schon der Gedanke war grotesk!

„Leo!“, stieß sie bei seinem Anblick in einem Tonfall hervor, als hätte sie gerade ein verlorenes Lotterielos wiedergefunden, das den Jackpot geknackt hatte. Allmählich kam er zu dem Schluss, dass ekstatisch ihre normale Gemütsverfassung war.

„Sunshine“, erwiderte er ausdruckslos und versuchte, dabei nicht die Augen zu verdrehen. Sunshine! Wie hatten ihre Eltern es bloß geschafft, diesen unsäglichen Namen in die Geburtsurkunde eintragen zu lassen?

„Also …“

Leo hatte bereits bemerkt, dass sie ihre Äußerungen häufig mit einem bedeutungsvollen ‚also‘ einleitete, als wäre sie im Begriff, eine sensationelle Entdeckung zu enthüllen.

„… es gibt Neuigkeiten!“, verkündete sie, während sie auf den Fenstertisch zustöckelte, an dem Leo saß.

Bingo! Ihre Schuhe waren locker 15 Zentimeter hoch. In königsblauem Glanzleder. Gott möge seinen Augen beistehen!

Noch im Gehen streifte sie ihren Trenchcoat ab und versetzte dabei ihre lange Kette in Schwingung. Das hübsche Schmuckstück war Leo schon beim letzten Mal aufgefallen. Drei Sorten Gold – die Kette aus Rotgold, dazu ein Sonnenanhänger aus Gelb- und ein Mondanhänger aus Weißgold.

Erstaunlicherweise hatte ihr Kleid eine dezente Farbe – ein blasses Graublau. Aber es saß wie eine zweite Haut und hatte eins dieser Dinger, deren Namen Leo vergessen hatte. Pellum? Peplum? Egal. Es lenkte jedenfalls unausweichlich den Blick eines Mannes auf Taille und Hüften einer Frau. Und Sunshine Smart hatte eine Klassefigur, das musste er zugeben. Kurvig und mit einer Wespentaille wie die Pin-up-Girls aus den Fünfzigern.

Leo stand auf, um sie zu begrüßen, was sie sofort zum Anlass nahm, ihn auf die Wange zu küssen. Dabei gab sie sich nicht mit einem formellen Luftkuss zufrieden, sondern verpasste ihm einen regelrechten Schmatzer – ganz und gar nicht die Sorte Kuss, die man jemandem zumutete, den man kaum kannte.

Ohne Leos schockierten Ausdruck zur Kenntnis zu nehmen, setzte Sunshine sich und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Haben Sie es schon gehört? Das Datum ist jetzt auf den zwanzigsten Oktober festgelegt. Wir haben also zwei Monate Zeit. Eine Frühlingshochzeit, ist das nicht toll?“

Leo nahm ebenfalls wieder Platz. „Zwei Monate sind nicht viel, aber es ist machbar“, bemerkte er mit unbewegter Miene.

„Wir werden das spielend schaffen“, versicherte Sunshine ihm unbekümmert. „Also! Ich habe eine Liste mit allen Punkten aufgestellt, die abzuarbeiten sind. Jetzt müssen wir nur noch festlegen, wer was übernimmt, und jeder Aufgabe eine Frist setzen.“

Leo mochte Listen. Er arbeitete ständig mit ihnen. Die Planlosigkeit, mit der seine Eltern ans Leben herangegangen waren, hatte ihn geradezu zu einem Listenfreak gemacht. Nur dass es sich hier um ein einfaches Dinner handelte, das er mit geschlossenen Augen organisieren konnte, während er gleichzeitig ein Schokoladensoufflée zubereitete.

Dieses eine Mal in seinem Leben brauchte er keine Liste.

Sunshine zog eine glitzernde grüngelbe Mappe aus ihrer silbernen Ledertasche und entnahm ihr mehrere Blätter Papier, von denen sie Leo zwei Seiten reichte. „Ihre Kopie. Ich habe es sonst nicht so mit Listen“, gestand sie ihm, was ihn nicht übermäßig überraschte. „Vielleicht muss sie noch einmal überarbeitet werden.“

Als Leos Blick auf die Überschrift fiel, machte sein Magen unwillkürlich einen Satz. Hochzeitsempfang von Jonathan und Caleb am 20. Oktober.

Sein kleiner Bruder würde heiraten, und er fragte sich, wie wohl die Chancen für die beiden standen. Zwei australische Jungs, die sich in ihrem Heimatland nie begegnet waren, zogen unabhängig voneinander nach New York, lernten sich bei einer wilden Party kennen und bumm! – ewiges Liebesglück.

Es war nicht wichtig, dass Leo den Bräutigam seines Bruders noch nicht kannte, denn Jonathan machte Caleb glücklich. Es war auch nicht wichtig, dass die eigentliche Trauung am anderen Ende der Welt stattfinden würde, das war nur eine logistische Frage. Nicht einmal die Tatsache, dass eine Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen nur in wenigen Ländern der Welt anerkannt wurde, spielte eine Rolle. Jon und Caleb wussten, was ihre Verbindung ihnen bedeutete, und nur das zählte.

Vielleicht hätte er, Leo, ja mehr Glück gehabt, die Liebe seines Lebens zu finden, wenn er auch schwul gewesen wäre. Die aufgestylten Glamourmiezen, die den einzigen Frauentyp repräsentierten, der ihm über den Weg zu laufen schien, sahen zwar unbestreitbar gut aus, aber sie aßen nicht und beschäftigten seine Gedanken nie länger, als es brauchte, um einen gemeinsamen Orgasmus zustande zu bringen.

Er wollte, was Caleb hatte. Die Eine, die ihm wirklich unter die Haut ging. Die bis in sein Innerstes vordrang, anstatt an seiner harten Schale abzuprallen. Die schicksalhaft und unauflöslich zu ihm gehörte, und der er sich ebenso zugehörig fühlte.

Unwillkürlich musste Leo an seinen letzten Fehlschlag denken. Die schöne, talentierte Gesangssensation Natalie Clarke, die ihm bereits bei ihrem zweiten Treffen ihre Liebe gestanden und dabei seinen Status als Promikoch gemeint hatte. Sie wolle gemeinsam mit ihm Teil der Szene werden, hatte sie ihm eröffnet, ohne dass es ihr auch nur im Geringsten peinlich gewesen wäre. Leo konnte sich nichts Schlimmeres als die sogenannte ‚Szene‘ vorstellen. Außer vielleicht Natalies Vorliebe fürs Kokainschnupfen, was ihren Worten zufolge jeder in der Szene tat. Außerdem aß sie ihren Salat ohne Dressing und liebte es, im Bad ihre eigenen kitschigen Songs zu singen.

Leo unterdrückte einen Schauder und wandte sich Sunshines Liste zu.

Budget

Zeremonienmeister

Veranstaltungsort

Menü

Getränke

Gästeliste

Einladungen

Blumen

Beleuchtung

Musik

Hochzeitstorte

Kleidung

Schuhe

Haar und Make-up …

Moment mal – Haar und Make-up??? Warum zum Teufel brauchte das einen Extrapunkt? Mit gerunzelter Stirn las Leo weiter:

Geschenkeliste

Fotos

Videoaufzeichnung

Gastgeschenke

Ablaufplan

Druckerzeugnisse

Sitzordnung

Jedem Stichwort war ein Kästchen vorangestellt, das abgehakt werden konnte. Daneben waren diverse Fragen, Kommentare und Vorschläge notiert. Ein echtes Glück für die Menschheit, dass diese Frau es normalerweise nicht mit Listen hatte!

Sunshine musste etwas von Leos Gedanken in seinem Gesicht gelesen haben. „Habe ich es vermasselt?“, erkundigte sie sich besorgt.

„Es ist …“ Leo verstummte wieder, da ihm die Worte fehlten.

„Aufregend?“, schlug sie vor.

„Umfangreich“, korrigierte er. Als er sich kurz über den kahlen Schädel fuhr, folgte Sunshines Blick seiner Hand. Sie öffnete die Lippen, schien etwas sagen zu wollen und tat es dann doch nicht.

„Also!“, erklärte sie schließlich. „Als Erstes müssen wir uns um den Veranstaltungsort kümmern. Es wird schwierig werden, mit so wenig Vorlaufzeit das Richtige zu finden, aber ich habe schon …“

„Vielleicht ist es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, dass ich Restaurantbesitzer bin“, warf Leo ein. „Ich verfüge über eine ganze Reihe von Veranstaltungsorten und bin auch in der Lage, für das Menü und die Getränke zu sorgen.“

„Oh …“ Sunshine wirkte leicht verwirrt. „Ich nahm nur an, dass wir zu spät dran sind, um eine so große Gruppe in einem Ihrer Lokale einzubuchen. Deswegen habe ich an ein Hotel oder …“

„Mein Bruder wird seine Hochzeit ganz sicher nicht in irgendeinem Hotel feiern!“

„Okay, wie wäre es dann mit dieser reizenden kleinen Villa, von der ich gehört habe? Sie war früher einmal …“

Leo schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Nein!“, blaffte er sie entnervt an. Er schloss die Augen und atmete tief ein und wieder aus. Dann fügte er in gemäßigterem Tonfall hinzu: „Die Q Brasserie ist für den Anlass perfekt geeignet.“

Das einzige Zeichen, mit dem Sunshine auf seine Unbeherrschtheit reagierte, war ein kurzes Zucken um die Mundwinkel. Es sah tatsächlich so aus, als würde sie versuchen, nicht zu lachen.

„Über wie viele Plätze verfügt dieser Raum denn?“ Sie neigte den Kopf zur Seite wie ein neugieriger Vogel und betrachtete ihn interessiert.

„Fünfundzwanzig.“

Sunshine seufzte. „Sehen Sie? Ich und Listen! Ich hätte den Punkt Gästeliste in der Reihenfolge vor Veranstaltungsort setzen müssen. Aber gut, dann gehen wir eben einen Schritt zurück. Ich habe Jons Gästeliste dabei. Haben Sie die von Caleb?“

„Er wollte sie mir irgendwann heute schicken.“

„Auf der von Jon stehen fünfundsiebzig Personen.“

Leo starrte sie an. „Das meinen Sie nicht ernst.“

„Doch, das tue ich. Und diese Zahl ist nach wirklich radikalen Kürzungen das absolute Minimum.“ Um ihrem Statement Nachdruck zu verleihen, unterstrich sie das Wort ‚radikal‘ mit einer dramatischen Handbewegung.

„Caleb will ein kleines, intimes Dinner!“

Sunshine kommentierte den Einwand mit einem nachsichtigen Lächeln. „Ich habe da einen etwas anderen Eindruck gewonnen, aber machen wir es doch so: Sie klären das heute Abend mit Caleb, und dann treffen wir uns morgen noch einmal. Einverstanden?“

Leos Augen verengten sich. „Hören Sie auf, mit mir zu reden, als wäre ich ein störrisches Kleinkind.“

Sunshine biss sich auf die Lippen. „War ich so offensichtlich? Na schön, dann sage ich es ganz direkt, wenn Ihnen das lieber ist: Dies wird auf keinen Fall ein Dinner für fünfundzwanzig Personen werden, und es bringt überhaupt nichts, deswegen einen Wutanfall zu bekommen. Es ist einfach, wie es ist.“

„Ich bekomme keinen Wutanfall“, stieß Leo mit zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Wenn Sie es sagen.“ Wieder dieses Zucken um die Mundwinkel.

Jetzt reichte es Leo. „Ich muss zurück an die Arbeit“, erklärte er brüsk, obwohl er während der nächsten fünfzehn Minuten nicht in der Küche gebraucht wurde.

Sunshine nickte. „Ja, ich sehe, dass hier viel los ist. Ich liebe die betriebsame Atmosphäre von Restaurants. Als Jon noch hier wohnte, haben wir fast jede Woche ein neues ausprobiert. Ich vermisse ihn sehr“, fügte sie mit leicht schwankender Stimme hinzu, wobei ihre Augen verdächtig glänzten. „Er ist so … wichtig für mich.“

Leo, der Tränen hasste, wollte nur noch weg. Doch dann ging mit Sunshine eine Verwandlung vor, die ihn fasziniert und erschrocken zugleich innehalten ließ. Aus ihrem Gesicht war plötzlich jede Spur von Fröhlichkeit verschwunden. Ihr Blick wirkte angestrengt und gleichzeitig seltsam ausdruckslos, als würde sie in eine endlose, schreckliche Leere starren. Der Kontrast zu ihrer sonstigen Überschwänglichkeit war so dramatisch, dass es fast wehtat, es mit anzusehen.

Und das alles, weil ihr bester Freund nach New York gezogen war und sie ihn vermisste?

Leo wollte sie berühren, ihr die Hand tätscheln … irgendetwas tun, um sie zu trösten. Er, der nie berührte, nie tröstete, weil er nicht wusste, wie. Vor lauter Hilflosigkeit ballte er die Hände zu Fäusten.

Da blinzelte Sunshine, schüttelte mit einer minimalen Bewegung den Kopf, und in der nächsten Sekunde strahlte sie wieder, als hätte es diesen eigenartigen Moment nie gegeben. Also tat Leo das einzig Vernünftige und ging ebenfalls darüber hinweg.

„Wir sind mit der Liste ja nicht sehr weit gekommen“, stellte Sunshine fest. „Daher schlage ich vor, dass ich mich schon mal um die Einladungskarten kümmere. Ist das in Ihrem Sinn?“

„Was meinen Sie mit kümmern?“, fragte Leo misstrauisch.

„Nun, ich werde ein paar geeignete Entwürfe zusammenstellen, die wir morgen zusammen durchgehen können. Nichts Beängstigendes!“

Sie hatte wieder ganz zu ihrer gut gelaunten Dreistigkeit zurückgefunden. Das war zwar besser als diese tragische Maske, mit der sie ihn soeben fast zu Tode erschreckt hatte, aber nicht viel.

„Ich dachte, wir würden die Einladungen per E-Mail verschicken.“

„Wirklich?“

Das war alles. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, über diesen Punkt zu streiten.

„Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, und die Zeit ist knapp“, hielt Leo ihr vor Augen. „Außerdem habe ich schon viele wirklich brillante Online-Einladungen gesehen.“

„Dann bringen Sie doch ein paar Beispiele auf Ihrem Smartphone oder iPad oder Laptop zu unserem Treffen morgen mit“, schlug sie vor. „Ich werde Ihnen meine Vorschläge für die gute alte Schneckenpost zeigen, und dann entscheiden wir gemeinsam, welche Variante für eine zeitgemäße, aber gleichzeitig traditionelle Hochzeitsfeier angemessen ist.“

Leo presste die Lippen zusammen. „Sie ziehen schon wieder diese Beschwichtigungsnummer ab.“

„Oje, tatsächlich?“ Mit einer übertrieben erschrockenen Geste hielt Sunshine sich die Hand vor den Mund. „Anscheinend muss ich wirklich daran arbeiten.“

Es war offensichtlich, dass sie nichts in der Richtung zu tun beabsichtigte, doch Leo gab keinen Kommentar dazu ab. Es war schon anstrengend genug, sie nur anzusehen. Stattdessen erhob er sich abrupt von seinem Stuhl. „Wir reden morgen weiter.“

„Nur eines noch, Leo …“

„Was?“ Nichts Gutes ahnend, blickte er auf sie herab.

Sunshine räusperte sich. „Es … handelt sich um etwas, das buchstäblich sofort in Angriff genommen werden muss, wenn die Zeit noch reichen soll.“

„Dann sollten Sie zügig zur Sache kommen.“

„Versprechen Sie mir, dass Sie nicht gleich durchdrehen?“

„Nein.“

„Es ist wirklich wichtig.“

„Ich warte.“

„Also, es geht darum, dass …“ Sie hielt inne, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und hielt dabei so eindringlich seinen Blick fest, als wollte sie ihm eine telepathische Botschaft übermitteln.

Leo konnte in diesem Moment nur ihre Augen wahrnehmen. Warum zum Teufel waren ihm die nicht schon vorher aufgefallen?

Sunshine stieß die Luft aus und schürzte die Lippen. Vermutlich war sie frustriert, weil er ihre Gedanken nicht lesen konnte. „Haare“, erklärte sie, „wachsen pro Monat nur eins Komma zwei fünf Zentimeter. Eins Komma zwei sechs, wenn Sie Glück haben.“

„Ja und?“

„Sie müssen sofort anfangen, sie wieder nachwachsen zu lassen.“

Leo hatte darauf keine Antwort. Möglicherweise hatte er nach Luft geschnappt wie ein verendender Fisch am Haken.

„Tut mir leid, dass ich so mit der Tür ins Haus falle, aber wenn ich das Thema nicht jetzt anschneide, rasieren Sie sich heute Abend vielleicht wieder den Kopf, und das hieße kostbare Millimeter verlieren.“

„Ich möchte mir die Haare aber nicht wachsen lassen“, teilte Leo ihr mit. In betont vernünftigem Tonfall, wie man es bei Menschen tat, die zweifellos geisteskrank waren.

„Aber Sie würden auf den Hochzeitsfotos so viel besser aussehen! Sie haben nämlich ausgesprochen schönes Haar.“

„Und woher wollen Sie das wissen?“

„Aus dem Internet. Da gibt es Fotos von Ihnen aus der Zeit, als Sie noch Haare hatten. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass Sie jetzt nicht gut aussähen“, beteuerte Sunshine eilig. „Sie haben markante Wangenknochen und ein sehr anziehendes Lächeln. Okay, das mit dem Lächeln vermute ich nur, da ich bisher noch keins von Ihnen gesehen habe, aber ich bin gut im Raten. Und Sie haben wirklich schöne Augen. Bernstein ist eine so ungewöhnliche Augenfarbe, wissen Sie das? Irgendwie tigerhaft. Und wenn Sie jetzt schon ziemlich ansprechend aussehen, werden Sie mit Haaren absolut unwiderstehlich sein!“

Leo war wie erschlagen. „Ich muss jetzt wieder an die Arbeit“, murmelte er.

„Aber Sie denken darüber nach, oder? Und solange Sie das tun, halten Sie den Rasierer von Ihrem Kopf fern. Versprechen Sie mir das?“

Ihr flehender Blick zog seine Aufmerksamkeit wieder auf ihre erstaunlichen Augen …

„Machen wir einen Deal“, hörte er sich sagen. „Sie gehen jetzt sofort in den Waschraum und entfernen das Geschmiere von Ihren Augen. Im Gegenzug werde ich mir die Haare nicht mehr nachschneiden – es sei denn, ich sehe Sie wieder mit dieser Kriegsbemalung. Sobald ich das tue, greife ich sofort nach dem Rasierer.“

Sunshine hob ihre Tasche vom Boden hoch, kramte ihre Puderdose heraus und betrachtete sich in dem kleinen Spiegel. Weitete die Augen. Kniff sie zusammen. Drehte den Kopf nach rechts, um sich im Profil zu betrachten. Wiederholte das Spiel mit der linken Seite.

„Sie wissen, dass ich anomale Augen habe, oder?“, fragte sie nach einer Weile.

„Schöne Augen“, berichtigte Leo. „Sowohl das blaue als auch das grüne.“

„Schlimme Augen. Es nennt sich Iris-Heterochromie, und es gibt verschiedene Theorien darüber, wie man es bekommt. Chimärismus ist besonders unheimlich, denn es bedeutet, dass noch ein anderer Fötus da war. In meinem Fall hieße das, dass wir ursprünglich drei waren, aber egal …“

Sunshine warf einen letzten Blick in den Spiegel, dann klappte sie die Puderdose zu. „Okay, der Deal gilt. Zur Feier selbst werde ich möglicherweise ein dezentes Make-up auflegen, damit ich nicht ganz verheerend aussehe, aber in der Zwischenzeit weder getönte Tagescreme noch Concealer. Lippenstift werde ich natürlich weiter tragen, schließlich kann ich nicht völlig nackt herumlaufen. Also! Wo sind hier die Waschräume?“

Leo versicherte sich, dass in der Küche alles in Ordnung war. Dann kehrte er zu dem Tisch im Speisesaal zurück und begann, ein paar Ideen für das Menü zu notieren – ausgerichtet auf eine Gesellschaft von fünfundzwanzig Personen. Er war aber noch nicht sehr weit damit gekommen, als er das rasche Klick-Klack von Sunshines zurückkehrenden High Heels hörte.

Sie warf sich in den Stuhl ihm gegenüber und blickte ihn mit demonstrativ weit geöffneten Augen an.

Leo konnte nur stumm zurückstarren. Ohne das übertriebene Make-up sah sie plötzlich frisch und süß aus – und überraschend verführerisch! Ihr schokoladenbraunes Haar bildete einen aufregenden Kontrast zu ihrem zarten, ultrahellen Teint, und unter dem langen Pony, der jetzt feucht und leicht verrutscht war, entdeckte Leo dunkle, elegant geschwungene Brauen. Und dann diese unglaublichen Augen! Schwerlidrig, leicht schräg gestellt und dicht bewimpert übten sie mit ihren unterschiedlichen Farben eine so magische Wirkung aus, dass Leo einfach nicht den Blick von ihnen losreißen konnte.

„Und?“, fragte Sunshine.

„Besser“, sagte Leo, was eine starke Untertreibung war. Er räusperte sich und stand auf. „Tja, also dann sehen wir uns morgen. Eine Stunde früher als heute, wenn es möglich ist. Und Sie werden ins Mainefare kommen müssen. Wissen Sie, wo das ist?“

„Ja, geht in Ordnung. Aber ich würde Sie gern noch um einen Gefallen bitten.“

Leo beäugte sie argwöhnisch.

„Ich bleibe heute zum Dinner hier“, eröffnete Sunshine ihm und hob sogleich beschwichtigend die Hand. „Keine Sorge, ich habe reserviert. Es ist nur so, dass mein Date – er heißt Gary – ein leidenschaftlicher Gourmet ist und Sie wahnsinnig gern kennenlernen möchte. Meinen Sie, Sie könnten später vielleicht auf einen Sprung an unserem Tisch vorbeischauen und Hallo sagen …?“

„Kein Problem“, stimmte Leo sofort zu. Er hatte weitaus Schlimmeres erwartet. Dass sie ihn zu einer Botoxspritze vor der Hochzeitsfeier überreden wollte oder etwas in der Art. Außerdem war es Teil seiner Routine, sich persönlich nach der Zufriedenheit seiner Gäste zu erkundigen.

„Und glauben Sie, wir könnten zum Essen diesen Tisch haben? Man hat von hier so einen hübschen Blick auf den Park. Wenn er schon für jemand anderen reserviert ist, verstehe ich das natürlich, aber …“

Leo unterdrückte einen Seufzer. „Sie können den Tisch haben, Sunshine.“

„Wunderbar. Dann brauche ich jetzt nur noch einen Campari Soda für die Wartezeit.“

„Natürlich.“ Er nickte und wandte sich zum Gehen. „Ich lasse Ihnen sofort einen bringen.“

„Ach Leo …“

„Grundgütiger, was gibt es denn noch?“

„Nur, dass Gary heute Geburtstag hat. Falls Sie also ein spezielles Dessert in petto haben …?“

„Selbstverständlich. Ich werde ein spezielles Dessert für ihn bereithalten. Wäre das jetzt alles, oder kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Nein, vielen Dank, Leo. Außer vielleicht …“

„Behalten Sie den Gedanken im Kopf“, bat er sie und flüchtete in die Küche. Dort angekommen, ließ er sich gegen die Wand sinken und fing an zu lachen.

Die Belegschaft gaffte ihn mit offenem Mund an. Wahrscheinlich glaubten sie, dass ihr Boss gerade verrückt geworden war.

Sunshine, die ihren Hauptgang bereits bis auf den letzten Bissen vertilgt hatte, verschlang gerade eine von Garys göttlichen holzkohlegegrillten Garnelen, als Leo an ihrem Tisch auftauchte.

Langsam schweifte sein Blick von ihrem blank geputzten Teller zu dem von Gary. Dann zu dem winzigen Stück Garnele, das noch am Ende ihrer Gabel steckte.

Seine Brauen schossen hoch.

Sunshine wusste, dass sie sich als Vielfraß geoutet hatte, aber es war ihr egal. Sie aß nun mal gern, sollte man sie doch deswegen vor Gericht schleppen!

Nachdem sie die beiden Männer miteinander bekannt gemacht hatte, lehnte sie sich satt und zufrieden in ihrem Stuhl zurück, während Leo ihren Begleiter in eine Unterhaltung über Essen zog. Gary wirkte dabei fast ehrfürchtig, was Sunshine richtig süß fand. Und Gary war ja auch süß, nur dass ihre Beziehung zu nichts führen würde. Dies war ihr drittes Date, und von ihrer Seite aus war es rein platonisch. Ihr war bisher noch kein einziger lasziver Gedanken im Zusammenhang mit ihm gekommen.

Das Gespräch wandte sich anderen Themen zu, und Gary sprach ein wenig über seinen Job. Er war Investmentbanker, was viel interessanter war, als Garys Beschreibung vermuten ließ.

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