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Verlieb dich nie in einen Millionär!

Jennie Adams

Verlieb dich nie in einen Millionär!

1. KAPITEL

„Es ist vielleicht etwas ungewöhnlich, ein Bewerbungsgespräch mitten auf einem See zu führen.“ Cameron Travers verzog leicht ironisch den Mund und zuckte in der nebligen Morgenluft von Adelaide die breiten Schultern. „Aber da ich jemanden brauche, um diese Szene auszuprobieren, die mir im Kopf herumspukt, habe ich beschlossen, unser Gespräch mit Recherchen zu verbinden. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus.“

„Das ist wirklich kein alltäglicher Ort für ein Vorstellungsgespräch, Mr. Travers, aber ich habe nichts dagegen.“ Wenn er im Morgengrauen in einem Boot über einen See rudern musste, um für seinen Krimi zu recherchieren, konnte Amy Douglas damit leben. Sie lächelte ihn, wie sie hoffte, gelassen an, denn sie war etwas nervös. Schließlich hatte sie noch nie ein echtes Bewerbungsgespräch gehabt – schon gar nicht mit einem schwerreichen Bauunternehmer, der gleichzeitig ein weltberühmter Krimiautor war.

Camerons attraktiver Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Das weiß ich zu schätzen. Ich könnte wirklich etwas Hilfe bei den alltäglichen Dingen gebrauchen, damit ich mich ganz auf die Altbausanierung konzentrieren kann, die ich hier in Adelaide vorhabe, und auf mein nächstes Buch.“

Wie konnte so ein schiefes Lächeln einem Menschen beinahe den Atem rauben? Amy suchte in seinen dunkelgrünen, von dichten, schwarzen Wimpern eingerahmten Augen nach der Antwort. Das frühe Morgenlicht ließ ihn geheimnisvoll attraktiv wirken.

Schon als sie miteinander telefoniert hatten, um diesen Termin zu vereinbaren, hatte sie gespürt, dass Cameron Travers ein äußerst sympathischer Mann war. Beide hatten sie sich an eine örtliche Stellenvermittlung gewandt und sofort einen Draht zueinander gehabt. Und auch jetzt wieder, als sie sich hier in diesem unglaublich grünen Vorortpark von Adelaide trafen, um sein Rechercheexperiment und ihr Vorstellungsgespräch durchzuführen.

Cameron Travers war ruhig, sogar nachdenklich, und schien ein Mann zu sein, der viele Dinge für sich behielt. Außerdem hatte er eine charmante Art, anderen Menschen das Gefühl zu geben, bei ihm willkommen zu sein. „Ich würde Ihnen gern helfen, damit Sie sich mehr auf Ihre Arbeit konzentrieren können“, sagte Amy.

„Jemand, der sich um den Haushalt kümmert und einige Büroarbeiten – nur ganz allgemeine Sachen – für mich übernimmt, würde mir den Rücken freihalten, damit ich das alles schaffen kann.“ Cameron Travers ruderte ihr kleines Boot weiter auf den See hinaus.

Starr nicht auf seine Arme, Amy. Du bemerkst seine Muskeln nicht mal. Konzentrier dich nur auf dieses Gespräch.

Acht Wochen Beschäftigung als seine vorübergehende Haushälterin, die bei Bedarf noch etwas Büroarbeit erledigte, das war sein Angebot, wenn sie die Stelle bekam. So eine Zeitspanne war für Amy eigentlich nur ein kurzes Zwischenspiel.

„Hat die Stellenvermittlung erklärt, was ich von Ihnen erwarte?“, fragte Cameron, während er ruderte. „Ich hatte dort eine Liste mit meinen Anforderungen abgegeben.“

„Ja. Lassen Sie mich zusammenfassen: Ich kann entweder bei Ihnen wohnen oder jeden Morgen kommen. Sie erwarten von mir, dass ich für Sie koche, putze, ans Telefon gehe, vielleicht etwas Büroarbeit übernehme und ganz allgemein alles für Sie in Ordnung halte.“

Amy kannte das Anforderungsprofil genau, und da sie das Gefühl hatte, mit Offenheit weiterzukommen, sagte sie: „Ich würde es vorziehen, bei Ihnen zu wohnen. Das wäre günstiger, als weiter bei meinen Eltern zu leben und jeden Morgen durch die ganze Stadt zur Arbeit zu fahren.“ Wenn sie sich schon eine Stelle außerhalb der Familie suchen musste, konnte es auch eine Arbeit sein, die sie interessant fand.

„Sie haben die Aufgaben genau beschrieben. Ich mache sonst immer alles selbst.“ Er runzelte die Stirn. „Aber die Zeit läuft mir davon, und mein Agent wird langsam unruhig. Ich muss mich auf das Buch und die Altbausanierung konzentrieren und nichts anderes. Vielleicht überwinde ich so auch meine Schreibblockade.“

Amy wusste nicht, wie lange es dauerte, einen Bestsellerkrimi zu schreiben, aber sie konnte sich vorstellen, wie anstrengend es sein musste, wenn die Geschichte nicht voranging, während die Tage bis zum Abgabetermin nur so vorbeirauschten.

Und sie musste arbeiten, um etwas Geld zu sparen. Nach Ablauf dieser befristeten Stelle würde sie wieder wie üblich bei ihren Verwandten aushelfen und sich um sie kümmern.

Sie arbeitete sonst nur für sie. Aber niemand aus ihrer großen Familie schien sie im Moment zu brauchen. Deshalb hatte sie sich woanders nach einer Stelle umgesehen.

Amy hob den Kopf, holte tief Luft und sah sich um. Südaustralien im November. Morgens war es über dem See kühl und neblig, aber das lag nur daran, dass der See so groß war, außerdem war es noch sehr früh. Später würde es ziemlich warm werden.

„Es ist auf jeden Fall das richtige Wetter für diese Art Recherche.“

„Ja, und der Regenguss letzte Nacht hat für den schönen Nebeleffekt hier heute Morgen gesorgt.“ Cameron sah sich um.

Aber Amy war gegen ihren Willen viel mehr an dem Mann als an der Umgebung interessiert. Nach einer bitteren Erfahrung, unter der sie immer noch litt, wollte sie nichts mehr von Männern wissen. Zu allem Überfluss gab sie sich selbst auch noch die Schuld am Scheitern ihrer letzten Beziehung.

Sie verdrängte diese beunruhigenden Gedanken und beobachtete aufmerksam, wie die Ruder ins Wasser eintauchten, bevor sie sich wieder auf Cameron Travers konzentrierte. Aber sie sollte ihn nicht ganz so intensiv als Mann wahrnehmen. Sie tauchte die Finger ins Wasser kurz und zog sie schnell zurück. Es war eiskalt.

„Sie sagten gestern am Telefon, Sie hätten als Haushälterin Erfahrung?“ Cameron musterte sie eingehend.

Sie nickte eifrig. „Ja, ich habe schon öfter als Haushälterin gearbeitet. Ich koche gut und kann organisieren und strukturiert arbeiten. Außerdem lerne ich schnell und bin daran gewöhnt, ins kalte Wasser geworfen und mit allen möglichen Aufgaben konfrontiert zu werden. Ich liebe neue Herausforderungen.“

„Genau so eine Hilfe brauche ich.“ Er klang anerkennend, und aus irgendeinem dummen Grund klopfte ihr Herz deshalb schneller.

„Hoffentlich.“ Amy wandte den Blick ab und platzte heraus: „Das Wasser ist für November noch ziemlich kalt. Da möchte ich nicht hineinfallen.“

„Oder die Hand in ein Gewässer tauchen, in dem ein Krokodil lauern könnte.“ Cameron ließ die Ruder etwas lockerer. „Aber keine Sorge – dafür befinden wir uns am falschen Ende Australiens.“

„Ich war eine Weile bei Verwandten im Northern Territory und auf den Torres-Strait-Inseln, aber ich habe noch nie ein Krokodil aus der Nähe gesehen.“ Amy unterdrückte ein Schaudern. „Von mir aus kann das auch gern so bleiben.“

Und genauso wenig wollte sie ihren potenziellen Chef so intensiv wahrnehmen – was nicht hieß, dass sie ihn mit einem gefährlichen Krokodil verglich.

Cameron wirkte nachdenklich, während er weiterruderte. Auf der Mitte des Sees ließ er das Boot treiben. „Hier sieht es ziemlich tief aus. Wahrscheinlich bleibt das Wasser sogar im Hochsommer kalt.“

Da es an diesem Morgen so kühl war, trug er einen beigefarbenen Pullover und Bluejeans. Die legeren Sachen betonten seine Muskeln und seine grünen Augen.

Amy musterte verstohlen ihre eigene Kleidung. Hellbraune Hose und schwarzer Rollkragenpulli. Sie musste sich unbedingt auf dieses Gespräch konzentrieren und durfte sich nicht von ihrem Gesprächspartner ablenken lassen. Daher atmete sie tief durch und deutete auf das Päckchen, das im Boot lag. „Das werfen wir also über Bord?“

So viel hatte er ihr über ihre morgendliche Mission erzählt, als sie sich an dem Steg trafen, an dem das Boot festgemacht war. An einem sehr kleinen Steg am Rande des Sees.

„Genau. Es ist nur ein Paket Sand in wasserlöslicher Verpackung. Den Rest reime ich mir mit meiner Fantasie zusammen.“ Mit zusammengekniffenen Augen sah er sich aufmerksam um. „Ich muss mir selbst ein Bild machen. Spritzt es stark? Wie viel Lärm verursacht es? Wie weit schlagen die Wellen? Durch die Tat muss Spannung aufgebaut werden, ohne dass der Leser herausbekommt, was hier wirklich vorgeht. Darum will ich die Atmosphäre richtig einfangen.“

„Oh. Sie könnten einen Körper über Bord werfen.“ Amy überlegte kurz. „Nein, dafür ist der Sand nicht schwer genug. Was wird denn in der Geschichte ins Wasser geworfen? Eine Waffe? Ein Körperteil?“

„Entdecke ich da etwa einen Anflug blutrünstiger Fantasie?“ Er lachte, vielleicht über ihren ertappten Gesichtsausdruck.

„Oh nein. Oder vielleicht … ein bisschen …“ Amy holte tief Luft und erwiderte sein Lächeln. „Es muss sehr viel Spaß machen, solche Geschichten zu schreiben.“

„Normalerweise ja.“ Sein Blick blieb an ihrem Mund hängen, und für einen Augenblick wirkte er abwesend, aber dann blinzelte er. Was auch immer sie in seinen Augen gesehen haben mochte, es war verschwunden.

„Wenn Sie mich als Ihre Haushälterin einstellen, werde ich alles tun, um Ihnen zu helfen.“ Als sie sich bewarb, hatte Amy nur zwei Kriterien im Kopf gehabt: Die Stelle sollte unbedingt befristet sein, und sie musste der Tätigkeit gewachsen sein. Jetzt wurde ihr klar, dass diese Arbeit auch interessant sein könnte – möglicherweise sogar aufregend. Außerdem konnte sie jemandem wirklich helfen.

Vielleicht war sie nur die Haushälterin – aber immerhin für einen Krimischriftsteller, dessen Abgabetermin immer näher rückte!

Ihr mochte seit einiger Zeit ein bisschen Aufregung im Leben fehlen, aber sie schob den Gedanken sofort beiseite.

Unruhig rutschte Amy auf der Sitzbank hin und her, hielt aber sofort inne, damit das Boot nicht zu sehr schaukelte. „Ich habe schon eine Weile nichts Spannendes mehr gelesen. Meistens sehe ich mir eher einen Film an, aber einen guten Krimi gemütlich auf dem Sofa lesen …“ Sie holte Luft. „Ich werde versuchen, Sie nicht mit Fragen zu löchern, während Sie schreiben. Das heißt, sofern Sie mich einstellen.“

„Fragen stören mich nicht.“ Er lächelte. „Vorausgesetzt, sie beginnen oder enden nicht mit den Worten: ‚Wie viele Seiten haben Sie heute geschrieben?‘“

„Ich denke, das kriege ich hin.“ Das wäre beinahe so, als würde sie von ihrer Mutter oder Tante Edie Rechenschaft über die Zeit verlangen, in der sie malten oder mit Keramik arbeiteten.

Amy warf Cameron Travers einen weiteren forschenden Blick zu. Er hatte wie sie dunkles Haar. Aber seins war kurz und wellte sich nicht wie ihre langen Korkenzieherlocken.

Seine Haut war leicht gebräunt, und seine Augen schienen zu sagen: „Komm, verlier dich in uns.“ Aber jetzt, wo sie genauer hinsah, bemerkte sie die dunklen Ringe unter diesen unwiderstehlichen Augen.

Dieser Mann hatte also doch einen kleinen Schönheitsfehler.

Wenn man einen müden Blick als Makel ansah. „Verschaffe ich Ihnen mit meiner Arbeit etwas mehr Ruhe?“ So hatte sie das nicht beabsichtigt. „Ich meine … ich wollte damit nicht andeuten …“, stotterte sie. Wahrscheinlich hatte er in jedem Hafen eine Freundin, die ihn bemutterte. Genau wie Sam.

Aber Sam hatte seine Frau gehabt.

Und Amy.

Denk nicht mehr an ihn. Er ist es nicht wert.

Sie versteifte sich und presste die Lippen zusammen, geschäftsmäßig, wie sie hoffte. „Ich werde Ihnen helfen, so gut ich kann. Sie sehen nur etwas erschöpft aus, deswegen habe ich gefragt.“

„Mit Ihrer Hilfe könnte ich mich auf das Notwendige konzentrieren.“ Cameron sah sie kurz an. „Das wäre fast genauso gut. Ich schlafe nicht viel. Sind Sie bereit, das Sandpaket für mich über Bord zu werfen? Es wiegt ein paar Kilo. Ich brauche eine Frau, die es als ‚Passagierin‘ vom Boot ins Wasser wirft, aber ich hatte nicht bedacht, dass …“ Er zögerte und musterte Amys schlanke Figur.

„Das schaffe ich schon.“ Amy schob sich die Haare über die Schulter zurück, damit sie nicht bei der Aktion störten.

Sie mochte zierlich sein, aber sie hatte genügend Kraft, um ihre Nichten, Neffen und Cousins in verschiedenen Größen und Altersklassen zu heben, da konnte sie auch ein Paket Sand ins Wasser werfen. „Jederzeit, wenn Sie so weit sind. Soll ich es im Stehen einfach fallen lassen oder im Sitzen schleudern? Soll das Wasser ins Boot zurückspritzen?“

„Schleudern wäre gut, danke. Am besten weit genug weg, dass wir dabei nicht nass werden.“ War das der Anflug eines Lächelns auf Camerons Gesicht? „Sie können das Paket sicher bequem aus dem Stand schleudern, wenn Sie vorsichtig sind. Das möchte ich gern ausprobieren.“

Er ergriff ihre Hand, um ihr aufzuhelfen.

In dem Moment, als seine kräftigen Finger ihre Hand berührten, geriet ihr Entschluss, sich nicht von ihm beeindrucken zu lassen, erheblich ins Wanken. Amy suchte eine sichere Position und räusperte sich. „Nun, ich wäre dann so weit, danke. Ich habe meine Balance gefunden. Sie können mich jetzt wieder loslassen.“

Das tat er, und sie unterdrückte einen Seufzer der Enttäuschung und Erleichterung zugleich. Aber es war keines davon. Natürlich nicht. Denn seine Berührung warf sie nicht im Geringsten aus der Bahn.

Also wirklich. Warum sollte der kurze Griff seiner Hand oder ein gesenkter Blick ihr Herz schneller schlagen lassen?

„Fertig?“ Cameron begegnete ihrem Blick mit erhobenen Augenbrauen.

Amy murmelte: „Ja.“

Er reichte ihr das Paket.

Es war schwer, aber sie schleuderte es schwungvoll von sich weg.

Einige Meter entfernt landete es mit einem zufriedenstellenden Platsch. Vorsichtig setzte sie sich wieder hin, während Cameron alles aufmerksam beobachtete. In Gedanken speicherte er den Aufprall – das Aufspritzen des Wassers, das Kräuseln der Wellen, die Art, wie der Nebel alles beinahe sofort zu verschlucken schien.

Amy beobachtete Cameron, bis ihr auffiel, was sie tat. Abrupt sah sie weg.

„Danke. Zumindest weiß ich jetzt, dass man das Paket auch mit zwei Personen im Boot über Bord werfen könnte, ohne dass es zu viel Aufmerksamkeit auf sie ziehen würde.“ Er stockte lächelnd. „Nachdem wir das erledigt haben, erzählen Sie mir von Ihrer bisherigen Berufserfahrung.“

Camerons Worte rückten alles wieder in die richtige Perspektive. Ein Bewerbungsgespräch. Das war genau das, was Amy wollte. „Müssen Sie sich keine Notizen machen?“ Offensichtlich nicht, sonst würde er das ja tun. Blöde Frage. „Ich habe in den letzten sechs Jahren für meine große Familie gearbeitet und dabei alles Mögliche getan, wie zum Beispiel Haushaltsführung, Buchhaltung und Kochen. Ich war Kellnerin im Restaurant meines Vaters ‚Due per‘, habe im Krämerladen meines Onkels gearbeitet und im Geschäft für Angelzubehör eines anderen Verwandten. Manchmal habe ich auch für meine drei Schwestern und meinen Bruder und seine Frau die Kinder betreut.“

Amy holte tief Luft. „Ich habe meine Mutter auf ihren Mal-Exkursionen begleitet. Alles, was die Familie in dem Moment gerade brauchte, habe ich gemacht.“ Aber sie war den Versuchen ihrer Mutter und Tante Edie ausgewichen, sie zum Malen zu bringen. Dafür hatte sich Amy noch nicht bereit gefühlt, aber das war nicht der Punkt.

Sie kramte in ihrer orangeroten Ledertasche, die sie unter den Sitz geschoben hatte, und zog ihre Referenzen heraus. Nervös hielt sie die vielen Unterlagen in der Hand. „Der Stellenvermittlung habe ich drei gegeben, und hier ist der Rest. Ich habe alles dabei, was Sie in Bezug auf Berufserfahrung vielleicht sehen möchten.“ Eine leichte Röte breitete sich auf ihren Wangen aus. „Wahrscheinlich hätten auch ein paar davon gereicht.“

„Besser zu viele als nicht genug. Darf ich?“ Er streckte eine Hand aus, und Amy reichte ihm die Papiere.

Dabei berührten sich ihre Finger. Amy war wie elektrisiert. Dasselbe war passiert, als er ihr ins Boot geholfen hatte.

Cameron blätterte die Seiten durch, stoppte hier und da und las interessiert. Tante Judith hatte ihre Referenz auf einem Briefbogen geschrieben, der mit der traditionellen Kunst der Aborigines verziert war, und einen Nachsatz hinzugefügt: „Amy sollte sich in ihrer Freizeit der Kunst und Malerei widmen, bevor sie älter wird.“ Zumindest hatte ihre Tante die Empfehlung nicht mit „2 minus“ benotet. Schließlich war sie Lehrerin gewesen, bevor sie ihren Beruf aufgegeben hatte, um nur noch zu malen.

Camerons Mund verzog sich definitiv zu einem Lächeln, als er Tante Judiths Ermahnung las.

Die Empfehlung ihres Onkels stand auf einem Bestellformular seines Obstladens. Aber der Inhalt zählte.

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie mit so vielen Verwandten zurechtkommen.“ Die Vorstellung erschien Cameron absolut befremdlich.

„Ist Ihre Familie …?“ Klein? Oder haben Sie gar keine Angehörigen? Amy stockte. Das ging sie nichts an.

Bloß weil sie ihre Familie brauchte, bedeutete das nicht, dass jeder andere Mensch auch so empfand.

„Ich habe nur meine Mutter.“ Er hob den Blick und sah Amy nachdenklich an. Dann räusperte er sich und konzentrierte sich wieder auf die Referenzen. Als sich sein Gesichtsausdruck entspannte, wirkte er auf einmal müde und erschöpft.

Wie meisterte er das Leben mit nur einem Verwandten? Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten gewesen, als er seine Mutter erwähnte, aber sie mussten sich sehr nahestehen.

„Ich bin mit Ihren Referenzen sehr zufrieden“, sagte Cameron entschlossen und sah einer Weißkehlente nach, die neben ihnen lautlos durch das Wasser glitt. „Können Sie mit dem Computer umgehen?“

„Mit einem einfachen Textverarbeitungsprogramm kann ich etwa fünfzig Worte in einer Minute schreiben, und ich habe viel Zeit mit Internetrecherchen verbracht.“ Amy würde ihr Bestes geben. Wie immer. „Am Telefon sagten Sie, dass Sie das alte Keisling-Gebäude sanieren. Ich habe es gegoogelt. Das muss ein umfangreiches Projekt sein.“

In Adelaide standen viele alte Gebäude, und Amy liebte die Atmosphäre dieser Stadt, sie verband große, ausgedehnte Weite mit allem modernen Komfort.

„Das Keisling-Gebäude ist ein riesiges Haus, das ich in Wohnungen aufteilen werde.“ Er nickte. „Sobald die Arbeiten abgeschlossen sind, verkaufe oder vermiete ich es.“

„Es gibt in Adelaide vieles, was ich noch nicht kenne“, bemerkte Amy, während Cameron sie zurück ans Ufer ruderte. „Dabei habe ich schon eine ganze Menge von Australien gesehen.“ Sie stockte, als ihr auffiel, dass das Gespräch offensichtlich beendet war. „Rede ich zu viel?“

„Nur ein bisschen. Aber das stört mich nicht. Sie haben eine beruhigende Stimme.“ Er ruderte weiter. „Ich bin selbst viel gereist. In Sydney habe ich eine Wohnung, und mir geht es wie Ihnen.“ Seine Augen funkelten vergnügt. „Ich kenne viel von Australien, aber es gibt Gegenden von Sydney, die ich noch nie gesehen habe. Meistens hält man sich an das, was man kennt, oder?“

„Genau. Reisen Sie oft und verbinden die Recherche für Ihre Bücher oder Umgebungen dann mit Ihren Sanierungsprojekten?“

„Ja. Ich arbeite lange und muss immer eine Beschäftigung haben. Darum suche ich ständig nach Möglichkeiten, um mein Gehirn in Schwung zu halten.“ Er seufzte leise auf, bevor er sich wieder aufs Rudern konzentrierte. „Die Sanierungen kamen zuerst. Damit habe ich gleich nach der Schule angefangen und hatte Glück, denn ich konnte damit Geld verdienen, expandieren und ein erfolgreiches Unternehmen daraus machen. Als ich immer noch nicht ausgelastet war, bin ich auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben. Eigentlich habe ich damit zu meinem Vergnügen angefangen, weil ich gern lese. Ich war sehr überrascht, als mein erstes Buch von einem Verlag angenommen wurde. Eine zweite Karriere mit dem Schreiben zu starten kam für mich völlig unerwartet, aber natürlich freue ich mich über die zusätzlichen Einkünfte.“

Und jetzt unterhielt und faszinierte er Leser auf der ganzen Welt.

Ich bin nicht von ihm fasziniert, sagte sich Amy. Aber warum eigentlich nicht? Weshalb wehre ich mich dagegen? Ich kann doch von seiner Arbeit begeistert sein, vorausgesetzt, wir begegnen uns auf einer rein beruflichen Ebene. „Und dann sind Sie ein berühmter Autor geworden.“

„Ein Autor mit einem Abgabetermin, der gefährlich nahe rückt, und einer unerwünschten Schreibblockade.“ Damit wischte Cameron ihre Bemerkung zu seiner Bekanntheit beiseite.

Aber er war berühmt. Seine Serie war in den letzten Jahren immer populärer geworden. Sein Name war nun ein Begriff.

Cameron schien zu zögern, bevor er weitersprach. „Normalerweise spornt mich mein Abgabetermin an, aber in letzter Zeit …? Da ist die Sanierung dieses Gebäudes, der Rest meines Unternehmens, das ich im Auge behalten muss, und ich bin erschöpfter als sonst – vielleicht, weil ich mich beim Schreiben noch mehr anstrengen muss, um vorwärtszukommen.“

Er wollte nicht nur eine Assistentin, sondern brauchte dringend eine.

Dass jemand auf sie angewiesen war, tat Amy gut. Denn in letzter Zeit war ihre Familie ohne ihre Hilfe zurechtgekommen. Nicht einmal ihre Schwestern benötigten sie zur Kinderbetreuung, und das, wo sie sonst immer fragten, ob sie dafür Zeit fand.

„Oh, nein danke, Amy. Sie sind jetzt alle im Hort und für die nächsten Monate in einem Sportprogramm angemeldet.“

„Eigentlich nehmen Rays Eltern die Mädchen für eine Weile nach der Schule.“

Und so weiter.

Wer hätte gedacht, dass Douglas’ Kinder nach der Schule in den Hort gingen? Und Rays Eltern hatten die Mädchen noch nie betreut.

Es hatte sich wie eine Verschwörung ihrer Familie angefühlt, aber der Gedanke war einfach absurd. Darum schob ihn Amy hastig beiseite.

„Sie brauchen jemanden, der Ihnen für eine Weile alle anfallenden Routinearbeiten im Haushalt abnimmt, damit Sie sich auf das konzentrieren können, was Sie tun müssen.“ So etwas lag Amy. Sie konnte sich für zwei Monate um diesen Mann kümmern, bevor sie dorthin zurückkehrte, wo sie sein wollte und hingehörte – zu ihrer Familie, die immer für sie da gewesen war. „Wenn Sie mich einstellen, werde ich für Sie die beste Haushälterin und Assistentin sein, die Sie sich vorstellen können, Mr. Travers.“

Cameron steuerte das Boot vorsichtig auf den provisorischen Anleger zu. „Ich möchte Sie gern einstellen.“ Er nannte ihr ein großzügiges Gehalt. „Jetzt müssen wir nur noch absprechen, an welchen Tagen Sie freihaben.“

„Dann habe ich die Stelle? Oh, danke!“ Die Welle des Glücks, die Amy fühlte, musste die Erleichterung darüber sein, dass sie für die nächsten zwei Monate finanziell abgesichert war. Ihre Familie hätte ihr natürlich ausgeholfen. Alle hatten das angeboten. Aber das konnte sie nicht annehmen und dann nur herumsitzen und Däumchen drehen.

Das war einfach gut. Perfekt. „Danke, Mr. Travers. Ich werde alles tun, um Ihnen zu helfen.“

Einen Moment lang wirkte Cameron völlig überrascht. Dann ließ er das Boot an den Steg stoßen. „Wie schnell können Sie anfangen?“

„Heute oder gleich morgen früh. Was passt Ihnen besser?“, fragte Amy. Hoffentlich sah man ihr nicht an, dass sie innerlich vor Aufregung glühte.

„Dann gleich morgen früh.“ Cameron stieg schnell und leichtfüßig aus dem Boot.

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