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Verlieb dich nie in deinen Chef!

Cathy Williams

Verlieb dich nie in deinen Chef!

1. KAPITEL

 

Natürlich war Leo klar, was seine Mutter eigentlich sagen wollte, als sie zart andeutete, sie wäre froh gewesen, ihn schon etwas früher zu sehen. Viel früher, hatte sie gemeint. Stunden früher, um genau zu sein. Aber natürlich hütete sie sich, auch nur den geringsten Hauch eines Vorwurfs in ihrer Stimme mitschwingen zu lassen. Ohne ihre Enttäuschung zu zeigen, nahm sie seine Erklärungen zur Kenntnis.

Wie immer war es für Leo schwierig genug gewesen, überhaupt aus dem Büro wegzukommen. Ein Meeting hatte sich endlos hingezogen, und gerade im letzten Moment kam noch ein wichtiger Anruf. Und dann der Wochenendverkehr! Der Höflichkeit halber entschuldigte er sich dafür.

„Daniel ist kurz zu Heather rübergelaufen. Es ist das Haus gleich auf der anderen Seite der Felder. Willst du ihn abholen? Du kannst natürlich auch warten. Ich habe Heather gesagt, er soll spätestens um sieben wieder da sein.“

„Ein Spaziergang wird mir guttun.“ Als viel beschäftigter Geschäftsmann hatte er normalerweise keine Zeit für derartige Vergnügungen, aber ihm fehlte die Geduld, auf Daniels Rückkehr zu warten.

Und so machte er sich auf den Weg. Zum ersten Mal streifte er auf dem riesigen Gelände des Anwesens herum. Vor sechs Jahren hatte er es nach dem Tod seines Vaters für seine Mutter gekauft.

Normalerweise beschränkte er sich auf den kurzen Weg vom Auto durch den gepflegten Garten zum Haus. Obwohl er natürlich wusste, dass riesige Ländereien zum Anwesen gehörten. Felder und Wiesen, so weit das Auge reichte. Und sogar ein dicht bewachsenes Waldgebiet, in dem im Sommer Lavendel seinen berauschenden Duft verströmte. Schließlich hatte er die Prospekte des Maklers, den er mit der Häusersuche beauftragt hatte, damals aufmerksam gelesen. Und es war ihm sehr wichtig gewesen, ein Haus in einer Gegend zu finden, in der keine gierigen Immobilienhaie einen Betonklotz nach dem anderen hochziehen würden.

Mit seinen exklusiven Lederschuhen und dem hellgrauen Maßanzug war er zwar für einen Landspaziergang nicht gerade passend angezogen, trotzdem beglückwünschte er sich zu der Weitsicht, die Ländereien erworben zu haben. Seine Mutter würde hier noch viele unbekannte Wanderwege entdecken können.

Ehrlich gesagt wusste er gar nicht, was seine Mutter den lieben langen Tag so anstellte. Er rief sie zwar pflichtschuldig zwei- bis dreimal in der Woche an – sogar noch öfter, seit Daniel bei ihr wohnte –, aber ihre Unterhaltung erschöpfte sich normalerweise im Austausch von Floskeln. Ihr gehe es gut, Daniel gehe es gut. Und mit dem Haus sei alles in Ordnung. Überhaupt – alles sei in Ordnung. Wenn er versuchte, mit Daniel zu telefonieren, verlief das ganz ähnlich, nur mit einem deutlich feindseligeren Unterton. Nie enthielten diese Gespräche Einzelheiten aus dem täglichen Leben, und so konnte Leo auch nicht beurteilen, ob seine Mutter wusste, wie weit entfernt Heathers Haus tatsächlich lag.

Er verfluchte seinen Impuls, zu Fuß zu gehen. Wie bin ich nur auf die Idee gekommen, die frische Luft würde mir guttun, dachte er erbittert, während er sich einen Weg durch einige Sträucher bahnte. Außerdem war es viel zu warm für den Anzug. Aber was wusste er schon von Aufenthalten in der Natur bei sommerlichen Temperaturen. Bis auf ein paar Kurzurlaube, die er dann auch noch mit Arbeit im Hotelzimmer verbrachte, kam er ja nie aus dem Büro heraus. Und um sich fit zu halten, besuchte er in London ein Sportstudio. Dort schlug er dann auf einen Sandsack ein oder reagierte sich in einem Schwimmbecken olympischen Ausmaßes ab. Nein, man konnte ihm wirklich nicht vorhalten, dass er sich zu wenig bewegte. Allerdings waren bei dieser Landpartie wohl ganz andere Qualitäten gefordert. Hätte ich nur mein Handy dabei, dann könnte ich wenigstens ein paar Telefonate erledigen, dachte er wütend.

Heathers Haus sei gar nicht zu verfehlen, hatte ihm seine Mutter versichert. Es sei ein idyllisches kleines Cottage inmitten eines prachtvollen Gartens. Ein Lächeln war über ihr Gesicht gehuscht, als sie davon erzählte, und Leo fragte sich, ob diese Heather eine der Damen aus dem Dorf war, mit denen sich seine Mutter ab und zu zum Tee traf.

Irgendwie beruhigte dieser Gedanke ihn. Er hatte doch gelegentlich ein schlechtes Gewissen, weil er sich zu wenig um seine Mutter und seinen Sohn kümmerte. Umso mehr entlastete es ihn, dass die zwei offensichtlich in der Nachbarschaft Anschluss gefunden hatten.

Seine Mutter hatte recht gehabt, das Cottage war wirklich nicht zu übersehen. „Geh einfach Richtung Westen“, hatte sie gesagt. „Das Haus, das aussieht, als sei es einem Märchenbuch entstiegen, das ist es.“ Und genau so wirkte es auch. Leo wusste gar nicht, dass es so viele verschiedene Blumen gab. Überrascht blieb er stehen und betrachtete einen Augenblick lang die üppige, farbenfrohe Pracht.

Er ging den weißen Lattenzaun entlang zur Vorderfront des Hauses, an der Kletterrosen emporrankten. Mein Gott, dachte er ironisch, da hat sich aber jemand Mühe gegeben, jedes auch nur denkbare Klischee umzusetzen. Fast erwartete er, unter den Stauden Gartenzwerge hervorlugen zu sehen, was ihm jedoch zu seiner grenzenlosen Erleichterung erspart blieb.

Er selbst war Verfechter eines strikten Minimalismus. Reduktion bis zum Äußersten. In seinem Londoner Penthouse war alles auf Leder, Chrom und Glas beschränkt. „Weniger ist mehr“ war sein Credo. Ein paar abstrakte Gemälde an den weißen Wänden waren schon das äußerste Zugeständnis. Und das auch mehr aus Investitionsgründen als zur Dekoration.

Argwöhnisch blickte Leo auf den Türklopfer, der anscheinend irgendein Fabelwesen darstellte. Dann betätigte er ihn mit energischem Schwung. Man weiß bei älteren Damen ja nie, ob sie nicht vielleicht schwerhörig sind, dachte er.

Durch die dicke Holztür drang gedämpftes Lachen, dann hörte er leichtfüßige Schritte näher kommen. Die Tür wurde aufgerissen, und Leo blickte in die blauesten Augen, die er jemals gesehen hatte. Ein ungebändigter Schopf goldblonder Locken umgab ein herzförmiges Gesicht. Leos Blick schweifte über einen üppigen, kurvenreichen Körper, nach Londoner Standards eigentlich etwas zu üppig.

„Wer sind Sie denn?“, fragte er konsterniert.

„Und Sie? Sie müssen Daniels Vater sein!“ Heather trat einen Schritt beiseite, um ihn eintreten zu lassen. Unwillkürlich hatte sich eine leichte Missbilligung in ihre Stimme geschlichen. Leo, dem das nicht entgangen war, hob befremdet die Brauen.

„Und Sie sind Heather? Ich hatte jemand etwas … gesetzteren Alters erwartet.“

Heather lag eine schnippische Antwort auf der Zunge. Etwas wie: Er hingegen entspräche genau dem Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte. Ihre Nachbarin Katherine hatte ihr ausführlich von ihm erzählt, von seiner steilen Karriere in London. Zwischen den Zeilen schwang jedoch mit, dass er ein Workaholic war. Jemand, der vom Ehrgeiz besessen war, ganz an die Spitze zu kommen. Der keine Zeit hatte für die Dinge des Lebens, die eigentlich wertvoll waren. Kurz: ein miserabler Sohn und ein noch weitaus schlechterer Vater.

Und so, von Angesicht zu Angesicht, entsprach er haargenau dem Bild des erfolgreichen Geschäftsmannes, das sie sich von ihm gemacht hatte.

Darüber hinaus war er allerdings auch noch extrem gut aussehend – was ihre negative Meinung leicht relativierte. Weit besser aussehend, als den unscharfen Schwarzweißfotos zu entnehmen war, die Katherine ihr gezeigt hatte. Um genau zu sein – dieser Mann war einfach umwerfend. Tiefschwarzes Haar, ein markantes, wie gemeißelt wirkendes Gesicht. Graue Augen, in denen einerseits eine unglaubliche Intensität lag, die jedoch andererseits undurchdringlich wirkten. Einen Augenblick lang starrte Heather ihn fasziniert an. Dann riss sie sich jedoch zusammen, und der vor Spannung knisternde Moment war vorbei. Erneut flackerte in Heather eine Aversion gegen den Besucher auf.

Sie wusste, dass sie ungerecht war. Es war eigentlich nicht ihre Art, Vorurteile zu hegen. Sie wollte Menschen nicht nach dem Äußeren beurteilen, aber in der Vergangenheit hatte sie unerquickliche Erfahrungen mit solchen Karrieretypen gemacht. Und wie sagte man so schön? Gebranntes Kind scheut das Feuer.

„Ich wollte meinen Sohn abholen.“ Leo warf einen flüchtigen Blick auf den schmalen Flur mit den antiken Bodenfliesen und den Blumenvasen auf den Fenstersimsen, dann blickte er wieder Heather an, die immer noch in der Tür stand.

Es war ein heißer Sommertag, und sie trug ein weites luftiges Kleid, das entfernt an die Zeit der Blumenkinder erinnerte. Außerdem verriet ihre Miene, dass sie etwas auf dem Herzen hatte, was sie loswerden wollte. Es schien nichts Angenehmes zu sein. Leo konnte sich schon denken, worum es ging. Und er hatte nicht die geringste Lust, es zu hören.

„Er isst nur gerade noch auf.“

„Er macht was?“

„Er isst.“

„Warum das denn? Ich habe doch extra Bescheid gegeben, dass ich mit den beiden essen gehen würde.“

„Tja, wahrscheinlich hat er Hunger gehabt.“ Die Wahrheit war, dass Daniel sich schlichtweg geweigert hatte, mit seinem Vater essen zu gehen.

„Na, vielen Dank! Hätten Sie sich nicht erkundigen können, ob wir vielleicht was vorhaben?“

Das reichte. Wortlos ging Heather in die Küche und sagte Daniel, sein Vater sei da, um ihn abzuholen, was der Junge jedoch mit einem unwilligen Achselzucken quittierte. Prompt ging sie wieder hinaus, zog die Tür hinter sich zu und verschränkte die Arme.

„Was Ihre Pläne betrifft …“, begann sie, ohne auf Leos verschlossene, abweisende Miene zu achten.

„Halt! Bevor Sie sich so richtig warm reden, sollten Sie wissen, dass ich absolut keine Lust habe, mir von jemandem, den ich gerade seit fünf Minuten kenne, einen Vortrag zum Thema Kindererziehung anzuhören.“

Konsterniert verstummte Heather und starrte ihn an. Vortrag beendet, registrierte Leo befriedigt. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, ging er an ihr vorbei in Richtung Küche. Sie packte ihn jedoch am Arm und hielt ihn auf. Bei der Berührung durchfuhr es sie wie ein elektrischer Schlag. Heather musste ihre gesamte Selbstbeherrschung aufbringen, um sich nicht ablenken zu lassen. Bestimmt ist dieser Mann es gewohnt, immer und überall seinen Willen durchzusetzen, vermutete sie.

„Bevor Sie Ihren Sohn mitnehmen, Mr. West, sollten wir erst einmal ein paar Dinge klarstellen.“

„Leo, bitte. Ich glaube, wir können auf die Förmlichkeiten verzichten. Anscheinend gehören Sie doch schon quasi zur Familie.“ Er blickte auf ihre schmale Hand, die immer noch auf seinem Arm ruhte, dann in ihr Gesicht. „Und wissen Sie was? Es interessiert mich nicht im Geringsten, was Sie mir zu sagen haben. Sie können sich Ihre Gardinenpredigt also sparen.“

„Ich habe nicht vor, Ihnen eine Predigt zu halten.“

„Wunderbar! Umso besser! Was wollen Sie denn dann mit mir besprechen?“ Demonstrativ warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. „Allerdings muss ich Sie bitten, sich kurz zu fassen. Die Fahrt hierher war äußerst anstrengend, und ich habe heute Abend noch zu arbeiten.“

Heather holte einmal tief Luft. „Okay. Dann eben kurz und schmerzlos. Ich muss Ihnen gestehen, ich bin tatsächlich etwas verärgert.“

Leo machte keine Anstalten, seine Ungeduld zu verbergen. In seiner Welt kam es nicht vor, dass jemand über ihn verärgert war. Schon gar nicht eine Frau. Aber diese hier bebte ja förmlich vor unterdrücktem Zorn. Also seufzte er innerlich und ergab sich in sein Schicksal. Sollte sie ihren Willen haben, nach dem Motto: Du hast recht, und ich habe meine Ruhe. Und dann würde er seinen Sohn begrüßen und schleunigst mit ihm verschwinden. „Also gut. Raus damit. Was ärgert Sie denn so?“

„Nicht hier. Ich möchte nicht, dass Daniel unser Gespräch hört.“

Heather ging voran ins Wohnzimmer. Sie hatte das Gefühl, Leos Blick würde ihr Löcher in den Rücken brennen. Abrupt drehte sie sich um. Sie starrten sich an wie zwei Gladiatoren in der Arena. Schützend verschränkte Heather ihre Arme vor der Brust. Dann sagte sie mühsam kontrolliert: „Ich glaube, Ihnen ist gar nicht bewusst, wie enttäuscht Daniel war, als Sie nicht zum Sportwettkampftag der Schule gekommen sind. Es ist wirklich ein wichtiges Ereignis, und Daniel hatte wochenlang dafür trainiert.“

Schuldbewusst errötete Leo. Er hatte erwartet, dass ihm das vorgehalten werden würde. Trotzdem machte es ihn wütend, dass es in Gestalt dieser völlig fremden Person passierte.

„Wie ich meiner Mutter bereits erklärt habe, sind mir leider unaufschiebbare geschäftliche Dinge dazwischengekommen. So, da Sie sich nun alles von der Seele geredet haben, würde ich gern gehen. Mit meinem Sohn.“

„Wieso war das unaufschiebbar? Was kann wichtiger sein, als den eigenen Sohn beim 100-Meter-Sprint als Sieger durch die Ziellinie laufen zu sehen?“

„Ich war mir nicht bewusst, Ihnen eine Erklärung schuldig zu sein.“ Leos Stimme troff vor Sarkasmus. „Ich bin nichts und niemandem eine Erklärung schuldig. Schon gar nicht jemandem, den ich vor wenigen Minuten erst kennengelernt habe. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass meine Mutter Ihren Namen jemals in einem unserer Telefonate erwähnt hätte.“

Das wunderte Heather nun wiederum überhaupt nicht. Daniel besuchte die örtliche Privatschule. Ansonsten war er bei Katherine, bei der – innerhalb der letzten acht Monate – sein Vater hin und wieder mal aufzutauchen geruhte. Normalerweise an einem Sonntag. Ein ganzes Wochenende mit seinem Sohn zu verbringen, war ihm wahrscheinlich zu anstrengend. Es war ihm lieber, Daniel und Katherine von seinem Chauffeur abholen und nach London bringen zu lassen. Meistens samstags morgens. Und dann sonntags nachmittags wieder zurück.

Eigentlich sollte man annehmen, ein Mann, der jahrelang keinen Kontakt zu seinem Sohn gehabt hatte, weil seine Exfrau sich mit dem Kind nach Australien abgesetzt hatte, würde jede sich nur bietende Gelegenheit nutzen, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen.

Aber nein. Davon konnte in diesem Fall keine Rede sein!

Und natürlich hatte Katherine ihre junge Nachbarin nie erwähnt, weil sie genau wusste, dass ihren Sohn nichts weniger interessierte, als mit wem seine Mutter Umgang hatte. Aus dem wenigen, was Katherine über ihren Sohn erzählt hatte, ergab sich für Heather ein ziemlich klares Bild. Und das war alles andere als schmeichelhaft. Leo West war ein völlig egozentrischer, karrieresüchtiger Geschäftsmann, dem es nur um eines ging: Geld, Geld und noch mal Geld.

„Ich weiß, ich habe kein Recht, Ihnen Vorschriften zu machen“, gestand Heather ein, „aber Daniel braucht Sie. Das würde er natürlich nie zugeben. Wahrscheinlich hat er Angst vor Ihnen.“

„Hat er Ihnen das gesagt? Dass er Angst vor mir hat?“ Dieses Gespräch bekommt allmählich surreale Züge, dachte Leo verärgert. Er hatte erwartet, eine nette ältere, mütterliche Dame anzutreffen, die ihm eine Tasse Tee anbot. Natürlich hätte er höflich abgelehnt. Dann hätte er sich seinen Sohn geschnappt, diesem das Geschenk gegeben, das er für ihn gekauft hatte – das neueste Handy übrigens, das außer Kochen und Geschirrspülen alles konnte –, und diese ganze vermaledeite Sache mit dem Schulsporttag wäre vergessen gewesen.

Stattdessen wurde er von einer allenfalls Dreiundzwanzigjährigen mit einem fragwürdigen Kleidungsstil einem Verhör unterzogen. Außerdem ist sie wahrscheinlich noch nie einen Schritt aus ihrem Dorf herausgekommen, setzte er in Gedanken hinzu.

„Das muss er mir gar nicht sagen. Ich spüre es. Er kennt Sie einfach nicht gut genug. Ich weiß, es geht mich nichts an, aber an Beziehungen muss man arbeiten. Daniel ist ein sehr sensibler Junge. Er hat gerade erst seine Mutter verloren, da braucht er seinen Vater, um über die schwere Zeit hinwegzukommen.“

„In einem haben Sie allerdings recht: Das Ganze geht Sie nicht das Geringste an.“

„Sie lassen sich nicht gerne etwas sagen, oder?“, brauste Heather auf.

„Ganz im Gegenteil. Den Großteil meiner Zeit verbringe ich damit, anderen Leuten zuzuhören. Ich habe allerdings keine Geduld für eine übereifrige Nachbarin, die mir ihre banalpsychologischen Erkenntnisse aufdrängen will. Oder haben Sie zufällig ein Diplom in Kinderpsychologie?“

„Nein, aber …“

„Ach, dann sind Sie vielleicht Lehrerin?“

„Auch nicht. Aber darum …“

„Und Sie sind meines Wissens auch keine langjährige Vertraute meiner Mutter? Korrigieren Sie mich bitte, sollte ich mich täuschen.“

„Nein, hören Sie …“

„Eins wüsste ich allerdings doch gern: Wie und wann haben Sie meine Mutter eigentlich kennengelernt?“

„Bei einem Vortrag über Gartengestaltung im Gemeindehaus vor ein paar Monaten. Ein berühmter Orchideenzüchter war da, und …“

„Faszinierend, muss ich sagen. Aber was mich weitaus mehr interessiert: Was macht ein junges Mädchen wie Sie bei einem Vortrag übers Gärtnern? Ist das nicht eher was für Pensionäre, die sonst nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen? Haben Sie nichts Spannenderes zu tun? Wahrscheinlich nicht. Sonst hätten Sie nämlich keine Zeit, Ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken.“

Leo war hin- und hergerissen. Zum einen war er absolut erbost, dass diese impertinente Person es wagte, ihm Vorhaltungen zu machen. Aber zum anderen war er fasziniert davon, zu beobachten, wie eine flammende Röte ihr Gesicht überzog. Sie wirkt wie die Unschuld vom Lande, dachte er amüsiert. Allerdings hatte er sich bisher nicht oft in Gegenwart einer Frau befunden, deren Gefühle sich so deutlich auf ihrem Gesicht widerspiegelten. Normalerweise zog er abgeklärte Karrierefrauen vor. Und die neigten eher nicht dazu, zu erröten.

„Wie … wie können Sie es wagen, so mit mir zu reden!“

„Das war eigentlich ganz einfach. Aber wer nicht einstecken kann, sollte auch nicht austeilen. Oder?“

Fassungslos starrte Heather ihn an. Diesen unglaublich attraktiven Mann, der jetzt so von oben auf sie herabsah. Am liebsten hätte sie ihm eine schallende Ohrfeige verpasst, um ihm seine Arroganz auszutreiben. Diese Anwandlung kam so plötzlich und war so ungewohnt für sie, dass sie kurz die Augen schloss und tief durchatmete. Eigentlich besaß sie ein eher heiteres, ausgeglichenes Naturell, war keine dieser Frauen, die gleich hysterisch wurden. Sie verstand sich selbst nicht mehr.

Welcher Teufel ist nur in mich gefahren?, fragte sie sich verwundert.

„Sie haben recht“, brachte sie schließlich mit zusammengebissenen Zähnen hervor. „Es geht mich wirklich nichts an, wie Sie mit Ihrem Sohn umgehen. Am besten hole ich ihn jetzt.“ Sie schickte sich an, den Raum zu verlassen. An der Tür drehte sie sich noch einmal kurz um. „Übrigens, nur zu Ihrer Information, ich habe einen Job. Ich habe mich keineswegs aus Langeweile eingemischt, sondern wollte einfach nur helfen. Aber es tut mir leid, sollte ich mich missverständlich verhalten haben.“ Damit verließ sie das Zimmer.

Eigentlich hätte Leo jetzt triumphieren müssen. Schließlich war dies eben ein Sieg auf der ganzen Linie gewesen. Stattdessen fühlte er sich wie ein Schuft. Wie kommt das denn?, überlegte er. Warum empfand er diesen Triumph als so schal?

Das kannte er von sich überhaupt nicht. Normalerweise genoss er jeden Schlagabtausch. Vor allem, da er immer als Gewinner daraus hervorging. Und jetzt? Jetzt war ihm ziemlich unbehaglich zumute, und das gefiel ihm überhaupt nicht. Genug davon, dachte er und eilte in den Flur, wo er sich einem finster dreinblickenden Daniel gegenübersah.

„Es tut mir leid … dass ich beim Schulsporttag nicht da war, Daniel“, entschuldigte er sich sofort. Aus den Augenwinkeln sah er im Hintergrund Heather stehen. Wahrscheinlich passte sie auf, dass ihr ja nichts entging, um es bei nächster Gelegenheit gegen ihn verwenden zu können.

„Ist mir doch egal!“, stieß Daniel hervor.

„Ich habe gehört, du bist Erster geworden“, bemühte Leo sich, die angespannte Atmosphäre etwas zu entschärfen. „Herzlichen Glückwunsch! Das ist toll!“

Leo warf Heather einen unsicheren Blick zu, und diese ertappte sich dabei, dass er ihr plötzlich leidtat. Nicht, dass er Mitgefühl verdient hätte, ermahnte sie sich sofort. Schließlich hat er anscheinend nichts für seinen Sohn übrig. Außer teuren Geschenken natürlich. Andererseits war es für ihn ja auch eine ungewohnte Situation, auf einmal für ein Kind da sein zu müssen. Es war sicher schwer, sich auf die veränderten Verhältnisse einzustellen. Vor allem bei dem Leben, das er führte. Bis jetzt war er es gewohnt gewesen, sich nur um sich und seine Karriere zu kümmern und nicht um das Wohl eines anderen Menschen.

„Ja, Daniel ist ein Held“, brach Heather das Schweigen. Sie beugte sich zu dem Jungen hinab und umarmte ihn. Man muss dieses Kind einfach gernhaben, dachte sie. Er war so ein netter Junge. Mit seinen dunklen Haaren, den großen dunklen Augen, die so treuherzig dreinschauen konnten, rührte er sie zutiefst. Jeder Mann musste sich doch glücklich schätzen, der Vater dieses Siebenjährigen zu sein. „Nicht wahr, Dan? Unser Superheld!“ Liebevoll zerzauste sie ihm die Haare. „So. Und jetzt ab. Ein schönes Wochenende – und wenn du Hilfe bei den Hausaufgaben brauchst, kommst du einfach her, okay?“

Wieso fühle ich mich plötzlich wie das fünfte Rad am Wagen?, fragte sich Leo, während er die Szene beobachtete. Ungläubig sah er ein Lächeln über Daniels Züge huschen. Es galt zwar nicht ihm, Leo, aber immerhin, es war ein Lächeln. Genug, dachte er und blickte demonstrativ auf seine Armbanduhr. „Wir sollten allmählich wirklich gehen, Daniel. Heather hat sicherlich auch noch zu tun. Was auch immer sie so macht. Äh. Ja.“

„Kannst du nicht rüberkommen dieses Wochenende, Heather?“, fragte Daniel plötzlich. Ärgerlich runzelte Leo die Stirn. Ist meine Anwesenheit meinem Sohn so unangenehm, dass er Verstärkung braucht? Heathers Bemerkung, Daniel hätte Angst vor ihm, fiel ihm wieder ein.

„Wir könnten doch zusammen in diesen Film gehen“, insistierte Daniel. Ein leicht verzweifelter Ton hatte sich in seine Stimme geschlichen. „Du weißt schon, dieser Film, von dem du gesagt hast, dass du dir ein Kind ausleihen müsstest, um ihn im Kino gucken zu können.“

„Ach, Daniel. Es tut mir leid. Aber ich habe wirklich zu tun. Ich muss gestehen, ich hab auch nur Spaß gemacht, als ich das mit dem Film gesagt hatte. Ich mag eigentlich gar keine Zeichentrickfilme.“

„Aber du hast doch so viele in deinem Schrank.“

Kindermund tut Wahrheit kund, dachte Heather errötend. Verlegen räusperte sie sich. „Also gut. Ich werde es mir überlegen“, versprach sie.

Natürlich hatte sie nicht wirklich vor, mit ihnen ins Kino oder sonst irgendwohin zu gehen.

Sie hatte getan, was sie sich vorgenommen hatte, nämlich ihre Meinung unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen. Und jetzt sah sie ja, wozu das geführt hatte. Leo West war einfach egoistisch, karrierebesessen und uneinsichtig. Nie würde er von irgendjemandem einen Rat annehmen. Und schon gar nicht von einer Frau wie ihr. Mir zu unterstellen, ich hätte mich nur eingemischt, weil ich kein eigenes Privatleben habe! Unverschämtheit!

Natürlich hatte sie ein Privatleben. Und sogar ein sehr befriedigendes!

Wieder allein in ihrem Cottage, das ihr auf einmal seltsam still erschien, nachdem ihre Gäste gegangen waren, versuchte sie, sich die angenehmen Seiten ihres Lebens vor Augen zu führen.

Da war erst einmal ein wundervoller Job. Sie tat genau das, was sie am glücklichsten machte: Sie illustrierte Kinderbücher. Dabei ließ sie sich von ihrem Garten inspirieren, der ihr ganzer Stolz war. Sie hatte inzwischen sogar schon ein gewisses Renommee erlangt, besaßen ihre Zeichnungen in Kunstkreisen mittlerweile doch einen gewissen Kultstatus.

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Viel Spaß!



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