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Verlieb dich nie in deinen Boss!

1. Kapitel

 

"Und was hättest du gern zu Weihnachten, Jessie? Ich gehe morgen Geschenke kaufen. Bis Heiligabend sind es nur noch gerade zwei Wochen, und ich hasse es, Dinge bis zum letzten Moment aufzuschieben."

Jessie hörte auf, sich die Wimpern zu tuschen, und lächelte ihrer älteren Freundin und Vermieterin über den Küchentisch hinweg ironisch zu. "Kennst du ein Geschäft, in dem Männer verkauft werden?"

"Männer?" Dora sah sie erstaunt an. "Vor zehn Minuten hast du noch gesagt, die meisten Männer seien Mistkerle, und du seist ohne einen besser dran."

Jessie zuckte die Schultern. "Das war vor zehn Minuten. Mich so aufzustylen hat mich an die Zeiten erinnert, als ich jung war und die Wahrheit über das andere Geschlecht nicht kannte. Ich würde alles darum geben, nur einen Abend lang wieder dieses sorglose Mädchen zu sein und mit einem tollen Typ ein heißes Date zu haben."

"Und wenn sich die Wunschvorstellung erfüllen würde, wohin würde er dich ausführen?" fragte Dora, die weiter skeptisch dreinblickte.

"In ein wirklich schickes Restaurant und hinterher zum Tanzen in einen Nachtklub." Später nimmt er mich dann mit in sein Apartment und … Dieser Gedanke überraschte Jessie. Ganz ehrlich, sie hatte Männer nicht im Geringsten vermisst, seit sie Emily bekommen hatte. Sie hatte überhaupt keine Lust gehabt, mit einem zusammen zu sein. Jetzt plötzlich war die Vorstellung ziemlich angenehm, in den Armen eines fantastischen Mannes zu liegen. Mehr als angenehm.

Anscheinend waren ihre weiblichen Hormone wieder in Schwung gekommen.

Jessie seufzte verärgert. Darauf konnte sie gut verzichten. Männer komplizierten nur alles. Das taten sie immer. Sie waren zu nichts zu gebrauchen. Außer auf diesem einen Gebiet!

Sie musste zugeben, dass nichts über das Vergnügen ging, mit einem Mann zusammen zu sein, der ein guter Liebhaber war.

Emilys Vater war ziemlich gut im Bett gewesen. Aber er war auch ein unzuverlässiger, leichtsinniger Dummkopf gewesen, und seine Abenteuerlust hatte ihn schließlich ins Grab gebracht. Noch bevor Jessie festgestellt hatte, dass sie ein Kind von ihm bekam, war er beim Snowboard-Fahren in eine Gletscherspalte gestürzt.

Im hohen Alter von achtundzwanzig Jahren hatte Jessie endlich begriffen, dass Männer, die gut im Bett waren, nur selten für eine feste Bindung taugten. Meistens waren sie charmante Schufte. Auch wenn Lyall am Leben geblieben wäre, hätte er vermutlich nicht zu ihr und seinem Kind gehalten.

Nein, sie war besser dran ohne einen Mann in ihrem Leben. Zunächst einmal jedenfalls. Emily war gerade erst vier und sehr für Eindrücke empfänglich. Dass ihre Mutter mit Kerlen ausging, die nur eines wollten, war das Letzte, was sie brauchte. Es hatte keine Zukunft. Und brachte kein Glück.

Männer konnten Sex auch ohne Bindung genießen. Sie erlitten dabei keinen seelischen Schaden. Für Frauen war das nicht ganz so einfach.

Jessie hatte lange gebraucht, um über Lyall hinwegzukommen. Sie hatte nicht nur seinen Tod verwinden müssen, sondern auch das, was sie erst danach herausgefunden hatte: Sie war nicht die einzige Frau in seinem Leben gewesen.

"Mehr als alles andere wünsche ich mir zu Weihnachten einen anständigen Job in einer Werbeagentur", sagte sie, während sie die wichtigsten Schminksachen in ihre schwarze Abendtasche steckte.

Bevor sie schwanger geworden war, hatte sie als Grafikerin gearbeitet und immer im Auge gehabt, irgendwann zum Artdirector befördert zu werden. Sie hatte nicht ihr ganzes Berufsleben lang die Ideen anderer Leute umsetzen und ihnen die Anerkennung überlassen wollen, wenn sie ihre Entwürfe verbessert hatte. Jessie wusste, dass sie sehr kreativ war, und sie träumte davon, eines Tages ihr eigenes Team zu leiten, als Führungskraft bei den Präsentationen dabei zu sein. Dann würde sie das Lob bekommen – und entsprechende Tantiemen –, wenn sie einen prestigeträchtigen Auftrag für Jackson & Phelps gesichert hatte. Das war die Werbeagentur, für die sie damals arbeitete, eine von Sydneys größten und besten.

Emilys Geburt setzte jedoch neue Prioritäten in Jessies Leben. Sie plante, nach dem Mutterschaftsurlaub zurück zu Jackson & Phelps zu gehen. Aber als es so weit war, stellte sie fest, dass sie ihre kleine Tochter nicht in eine Tagesstätte geben wollte. Sie wollte zu Hause bleiben und sich selbst um Emily kümmern.

Jessie glaubte, sie könnte freiberuflich zu Hause arbeiten. Sie hatte einen Computer und sämtliche erforderliche Software. Ein Konjunkturrückgang hatte jedoch zur Folge, dass die Werbeetats gekürzt und viele Grafiker arbeitslos wurden. Freiberufliche Tätigkeit war nur noch ein Wunschtraum. Jessie musste Sozialhilfe beantragen und aus ihrer schicken kleinen Mietwohnung ausziehen. Zum Glück kam sie bei Dora unter, einer sehr netten Dame mit einem hübschen Haus in Roseville, einem nördlichen Vorort Sydneys an der Bahnstrecke.

Als ihre inzwischen verstorbene Mutter zu ihr gezogen war, hatte Dora an der Rückseite des Hauses eine Einliegerwohnung anbauen lassen. Sie hatte nur ein Schlafzimmer, aber ein Bad und ein großes Wohnzimmer mit integrierter Küche, das in den großen und sicheren Garten führte. Genau das Richtige für eine allein erziehende Mutter mit einem aktiven Kleinkind. Emily war beim Umzug nach Roseville gerade ein Jahr alt geworden und konnte schon laufen.

Außerdem war die Miete sehr günstig, und dafür half Jessie der alten Dame bei der schweren Hausarbeit und im Garten.

Trotzdem war das Geld knapp. Nach einem halben Monat war meistens nicht mehr viel übrig. Jessie konnte sich nur selten etwas gönnen. Geschenke waren immer billige kleine Sachen, sowohl an Geburtstagen als auch zu Weihnachten. Im vergangenen Jahr hatte es zu Weihnachten keine Probleme gegeben. Mit drei Jahren hatte Emily noch nicht verstanden, dass alle ihre Geschenke vom Schnäppchenmarkt eines Warenhauses stammten.

Aber damals war Jessie klar geworden, dass Emily im nächsten Jahr schon viel schlauer sein würde.

Sosehr Jessie es auch genossen hatte, nur Hausfrau und Mutter zu sein, die Lebensbedürfnisse hatten erfordert, dass sie von der Sozialhilfe wegkam und wieder arbeiten ging. Deshalb meldete sie Emily im Januar in einer Tagesstätte an und begann, nach einem Job zu suchen. Leider hatte sie keinen Erfolg, zumindest nicht auf ihrem Gebiet. Sie trug sich bei mehreren Arbeitsvermittlungen ein und hatte unzählige Einstellungsgespräche, doch anscheinend wollte niemand eine Grafikerin beschäftigen, die allein erziehende Mutter und seit über drei Jahren aus dem Beruf heraus war. Schließlich bewarb sich Jessie auf eine Anzeige in der Zeitung. Ein Privatdetektiv suchte eine Empfangsdame. Erfahrung wurde nicht verlangt, nur Ausstrahlung und eine nette Telefonstimme. Als Jessie dort hinkam, wurde ihr gesagt, die Stelle sei schon besetzt. Man bot ihr stattdessen Ermittlungsarbeit an.

Es war ein grässlicher, aber lukrativer Job. Jessie wurde als Lockvogel losgeschickt, um Männer zu verführen, die von ihren Partnerinnen verdächtigt wurden, ihnen untreu zu sein. Ihr Chef teilte ihr Zeit und Ort mit – immer ein Pub oder eine Bar –, außerdem erhielt sie eine Kurzbiografie und ein Foto der Zielperson. Jessie musste sich sexy kleiden, den Kontakt herstellen und dann mit dem Mann flirten, bis er sein wahres Gesicht zeigte. Der Privatdetektiv stellte ihr ein elegantes High-Tech-Handy zur Verfügung, dessen Videoaufnahmen hervorragend waren, und sobald Jessie damit genug Beweise gesammelt hatte, verschwand sie unter dem Vorwand, zur Toilette gehen zu wollen.

Nach sechs solchen Begegnungen kündigte Jessie. Vielleicht hätte sie weitergearbeitet, wenn nur ein einziges Objekt ihren Reizen widerstanden und sich als anständiger Mann erwiesen hätte. Aber nein! Sie waren alle Mistkerle. Jedes Mal war sie sofort angequatscht worden und hatte nach kurzer Zeit ein unmissverständliches, unmoralisches Angebot bekommen. Jedes Mal hatte sie sich schmutzig gefühlt, wenn sie sich schließlich davongemacht hatte.

Jessie nahm einen Job als Serviererin in einem Restaurant in Roseville an. Da sie wegen Emily nicht abends und an den Wochenenden arbeiten wollte, entgingen ihr die zu diesen Zeiten meist höheren Trinkgelder, und ihr Gehalt war nicht gerade großartig. Obendrein stiegen ihre Kosten. Sie bekam zwar staatliche Beihilfe für Alleinerziehende, aber es war nicht billig, Emily fünf Tage die Woche in der Tagesstätte zu haben.

Der einzige Pluspunkt war, dass Emily unheimlich gern in ihrer Vorschule war. Sie hatte ihre Lehrer und die anderen Kinder so lieb, dass Jessie manchmal eifersüchtig war. In diesem Jahr war ihre Tochter sehr schnell groß geworden.

Zu schnell.

Sie war vier und ging auf die vierzehn zu. Am vergangenen Wochenende hatte sie zum ersten Mal nach ihrem Vater gefragt. Und war nicht beeindruckt gewesen, als ihre nervöse Mutter versucht hatte, das Thema zu umgehen. Jessie war festgenagelt worden und hatte Emily die Wahrheit sagen müssen. Dass ihr Vater noch vor ihrer Geburt bei einem tragischen Unfall gestorben sei. Und nein, ihre Mom und ihr Dad seien nicht verheiratet gewesen.

"Dann seid ihr also nicht geschieden", hatte Emily zu Jessies Erstaunen erwidert. "Joels Dad ist zurückgekommen. Mein Dad kommt wohl niemals zurück."

Joel war Emilys bester Freund in der Vorschule.

"Nein, dein Vater kommt niemals zurück. Er ist im Himmel."

"Oh", hatte Emily gesagt und war stirnrunzelnd davongelaufen.

Jessie hatte sie im Garten gefunden, wo sie ein ziemlich ernstes Gespräch mit ihrer lebensgroßen Babypuppe führte – Dora hatte sie ihr zu ihrem vierten Geburtstag im August geschenkt. Als Jessie sich ihr genähert hatte, war Emily verstummt, doch es war kein unheilvolles Schweigen gewesen. Sie hatte schließlich heiter lächelnd aufgesehen und gefragt, ob sie am Nachmittag den Weihnachtsmann bei "K-Mart" besuchen könnten. Sie müsse ihm erzählen, was sie sich wünsche, bevor es zu spät sei.

Offensichtlich war Emily mit vier zu jung, um am Boden zerstört zu sein, weil sie erfahren hatte, dass ihr Vater im Himmel war. Sie hatte ihrer Mutter jedoch bewusst gemacht, dass Weihnachten schnell näher rückte. Und Jessie war bereits klar, was ganz oben auf Emilys Wunschliste stand. Deshalb hatte sie beschlossen, noch einen ekelhaften Auftrag für Jack Keegan zu erledigen. Der Privatdetektiv hatte gesagt, sie solle anrufen, falls sie mal Geld nebenbei brauche. Und das tat sie jetzt, weil "Felicity Fairy" die teuerste Puppe auf dem Spielzeugmarkt war. Jessie würde das ganze Honorar von vierhundert Dollar für die verdammte Puppe und das Zubehör ausgeben müssen. Es gab ein Märchenschloss, ein Zauberpferd und einen funkelnden Schrank voller Kleidungsstücke. Dabei fiel ihr ein …

Jessie stand auf und strich den Rock des Kleides glatt, das sie für den Job an diesem Abend aus ihrer dezimierten Garderobe ausgewählt hatte. Das Halterneckkleid aus schwarzer Seide war das eleganteste und erotischste, das sie besaß, aber es war sechs Jahre alt, und Jessie befürchtete, dass es allmählich auch so aussah.

"Ist das Kleid wirklich okay?" fragte sie nervös. "Es ist schon so alt."

"Es ist prima", versicherte ihr Dora. "Und überhaupt nicht aus der Mode. Der Stil ist zeitlos. Du siehst fantastisch aus, Jessie. Wie ein Model."

"Mach dich nicht lächerlich. Ich weiß, dass ich eine gute Figur habe, aber der Rest ist ziemlich durchschnittlich. Ohne Make-up würde mich kein Mann genauer beachten. Und mein Haar ist eine unkontrollierbare Katastrophe, wenn ich es nicht zurückbinde oder hochstecke."

"Du unterschätzt deine Attraktivität." In jeder Hinsicht, dachte Dora.

Jessie hatte eine sensationelle Figur, so einen Körper, wie man ihn heutzutage häufig in der Dessous-Werbung sah. Volle Brüste, schmale Taille, schlanke Hüften und lange Beine. Noch länger wirkten sie in den High Heels, die Jessie an diesem Abend trug. Es stimmte, dass ihr Gesicht nicht klassisch schön war. Der Mund war zu groß, das Kinn zu eckig und die Nase ein bisschen zu lang. Aber die großen, exotisch geformten dunkelbraunen Augen, die vor Sinnlichkeit funkelten, übten zweifellos eine magnetische Anziehungskraft auf Männer aus.

Was ihr Haar betraf … Als Dora noch jünger gewesen war, hätte sie für solches Haar getötet. Es war blauschwarz, dicht und von Natur aus lockig. Wenn Jessie es offen trug, fiel es ihr herrlich unordentlich kaskadenförmig um die Schultern. Wenn es hochgesteckt war, rutschten immer einige Strähnen heraus und ließen Jessie besonders sexy aussehen.

Dora war nicht überrascht gewesen, als der Privatdetektiv Jessie sofort als Lockvogel eingestellt hatte. Sie war die perfekte Waffe, um Männer zu fangen, die ihre Ehefrauen betrogen. Und vielleicht auch solche, die nicht fremdgingen.

"Ist das der Mann?" Dora nahm das Foto, das auf dem Tisch lag.

"Ja. Das ist er."

"Er sieht gut aus."

Das hatte Jessie auch sofort gedacht. Er sah viel besser aus als die anderen widerlichen Kerle, mit denen sie schon hatte flirten müssen. Und er war jünger. In den Dreißigern anstatt in den Vierzigern oder Fünfzigern. Sie war sich jedoch sicher, was für ein Typ Mann er war. "Das Äußere besagt nicht viel, Dora. Er ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder, trotzdem sitzt er jeden Freitagabend in einer Bar in der Innenstadt und trinkt bis in die Puppen."

"Viele Männer trinken freitagabends."

"Ich bezweifle, dass er nur das tut. Die Bar ist ein bekanntes Aufreißerlokal."

"Das könnte man von jeder Bar behaupten."

"Seine Frau hat erklärt, sein Verhalten würde nicht zu ihm passen. Er habe sich verändert. Sie ist überzeugt, dass er ihr untreu ist, und will die Wahrheit wissen."

"Mir klingt das nicht nach einem zwingenden Beweis für Ehebruch. Vielleicht wird sie sich noch wünschen, sie hätte die Sache niemals in Gang gesetzt."

"Wie meinst du das?"

"Ich habe es schon immer für unfair gehalten, eine Frau wie dich loszuschicken und mit diesen Männern flirten zu lassen. Es ist sehr wohl möglich, dass dieser Mann überhaupt noch nicht fremdgegangen ist. Vielleicht arbeitet er hart und entspannt sich am Ende der Woche bei einigen Drinks. Jetzt kommst du heute Abend und machst ihm schöne Augen. Er könnte etwas tun, was er normalerweise niemals machen würde und hinterher bereut."

Jessie musste lachen. Dora stellte sie als große Verführerin hin. Unwiderstehlich war sie nicht! Da brauchte man nur all die Chefs zu fragen, die ihr in diesem Jahr keinen Job gegeben hatten. Nein, Dora wusste nicht, wovon sie redete, besonders nicht im Hinblick auf die Zielperson dieses Abends. Aber sie war schließlich sechsundsechzig. Zu ihrer Zeit mochten ja mehr Männer mehr Ehrgefühl gehabt haben.

"Wenn eine Frau Jack Keegan aufsucht und das Geld ausgibt, das er verlangt, dann besteht eigentlich kein Zweifel an der Untreue ihres Ehemannes. Es geht nur noch um einen Beweis für den Anwalt. Unser Mr. Curtis Marshall hier …" Jessie nahm Dora das Foto aus der Hand und blickte in seine babyblauen Augen, "… ist kein bedauernswerter, schwer arbeitender, missverstandener Göttergatte. Er amüsiert sich auswärts, und er wird erwischt werden!" Jessie schob das Foto ins Reißverschlussfach ihrer Abendtasche. "Jetzt muss ich wirklich los. Ich sehe nur noch schnell nach Emily."

Jessie ging auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer. Ihre Tochter hatte das Bettzeug weggetreten. Der Abend war ziemlich warm, deshalb schaltete Jessie den Deckenventilator ein, bevor sie Emily wieder zudeckte. Vor kurzem hatte sie ihr Kinderbett ausrangiert, und in dem neuen, größeren Bett sah sie sehr klein aus. Jessie küsste sie auf die Schläfe und richtete sich auf, dann stand sie einfach da und blickte auf das kleine Mädchen hinunter. Ihr ging das Herz vor Liebe fast über, wie immer, wenn sie ihr Kind ansah. Das hatte Jessie am meisten überrascht, als sie Mutter geworden war. Die sofortige und uneingeschränkte Liebe, die sie empfunden hatte, sobald sie ihr Baby in den Armen gehalten hatte. Ob es ihrer Mutter ebenso ergangen war? Jessie glaubte es nicht. Jede Zuneigung zu ihr war vermutlich von Scham überschattet gewesen.

Jessie verdrängte den bedrückenden Gedanken. Sie strich ihrer Tochter die dunklen Locken aus der Stirn, bevor sie Emily noch einen weiteren sanften Kuss gab. "Schlaf gut, Schatz", flüsterte sie. "Mom ist bald wieder da."

"Vielen Dank, dass du hier bleibst und auf sie aufpasst, Dora", sagte Jessie, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte.

"Ist mir ein Vergnügen", erwiderte Dora, die sich schon aufs Sofa gesetzt und das Fernsehgerät eingeschaltet hatte.

"Du weißt, wo der Tee und die Kekse sind?"

"Ich komme zurecht. Um halb neun fängt ein guter Spielfilm an. Das ist in zehn Minuten. Du solltest besser losziehen. Und nimm dir ein Taxi, wenn du fertig bist. Mit dem Zug ist es spätabends zu gefährlich, besonders freitags."

"Ich hoffe, es wird nicht allzu spät." Jack übernahm die Fahrtkosten, aber Jessie wollte so viel Geld wie möglich aus diesem grässlichen Abend herausschlagen. Warum dreißig Dollar für ein Taxi verschwenden?

"Jessie Denton, versprich mir, dass du dir ein Taxi nach Hause nimmst", befahl Dora streng.

"Ich tue es, wenn ich muss." Jessie blickte ihre Freundin mit zusammengekniffenen Augen an.

"Du kannst sehr dickköpfig sein, weißt du das?"

Jessie lachte. "Ja. Aber du liebst mich trotzdem. Mach's gut." Sie küsste Dora flüchtig auf die Wange, nahm ihre Handtasche und ging zur Tür.

2. Kapitel

 

Kane saß an der Theke, hielt sich an einem doppelten Scotch fest und grübelte über die Wunderlichkeiten des Lebens.

Er konnte noch immer kaum glauben, was ihm sein Bruder gerade erzählt hatte: Er sei unglücklich in seiner Ehe und verbringe jeden Freitagabend hier in dieser Bar, anstatt zu seiner Familie heimzufahren. Curtis hatte sogar gestanden, dass er am Wochenende manchmal ins Büro gehe, um den Spannungen und Auseinandersetzungen zu Hause zu entfliehen.

Kane hätte schockierter nicht sein können. Er hatte Curtis in den vergangenen Jahren oft um seine Ehefrau und die beiden prachtvollen Kinder beneidet. Um seine perfekte Familie! Anscheinend war die Wahrheit himmelweit von dem entfernt, was sich Kane unter dem häuslichen Leben seines Zwillingsbruders vorgestellt hatte. Lisa war offensichtlich überhaupt nicht damit zufrieden, nur Hausfrau zu sein. Sie langweilte sich und fühlte sich tagsüber ohne die Gesellschaft Erwachsener einsam. Obendrein war der zweijährige Joshua in diesem Jahr ein Frechdachs geworden. Die vierjährige Cathy bekam ständig Wutanfälle und wollte abends nicht ins Bett. Lisa wurde nicht mit ihnen fertig, und das Sexleben des Ehepaars war gleich null.

Curtis, der noch nie besonders kommunikativ gewesen war, hatte angefangen, immer öfter von zu Hause wegzubleiben. Inzwischen bestrafte Lisa ihn mit Schweigen. Er hatte schreckliche Angst, dass sie daran dachte, ihn zu verlassen und die Kinder mitzunehmen. Was ihn veranlasst hatte, an diesem Abend bei seinem Bruder anzurufen. Wegen eines unzulänglichen Grafikers, der plötzlich gekündigt hatte, war Kane noch im Büro gewesen und hatte an der Lösung des Problems gearbeitet. Er war seinem Zwillingsbruder zu Hilfe gekommen, wie er es immer tat, wenn Curtis irgendwie verletzt oder bedroht wurde. Er kam Curtis zu Hilfe, seit sie Kleinkinder gewesen waren.

"Ich liebe meine Familie und will sie nicht verlieren", hatte Curtis vor zehn Minuten gejammert. "Sag mir, was ich tun soll. Du bist der Mann, der für alles eine Lösung hat. Verrat mir, was ich tun soll!"

Kane verdrehte die Augen. Okay, er konnte verstehen, warum Curtis meinte, sein Bruder könne einen Zauberstab schwenken und mit einigen gut gewählten Worten alles wieder in Ordnung bringen. Er, Kane, verdiente ein Vermögen damit, den Leuten zu zeigen, wie man im Berufsleben jedes Ziel erreichen konnte. Seine Motivationsseminare zogen Menschenmassen an. Sein Honorar als Veranstaltungsredner war unerhört. Sein Buch "Am Arbeitsplatz siegen" war in den Vereinigten Staaten schon ein Bestseller und würde in den meisten Ländern der Welt erscheinen.

Anfang des Jahres war er durch die USA gereist und hatte für das Buch geworben, und der Absatz dort war überwältigend.

Der Terminstress in Amerika hatte Kane körperlich und seelisch erschöpft, und seit seiner Rückkehr hielt er sehr viel weniger Vorträge. Er hatte gerade einen langen Urlaub geplant, als sein Freund Harry Wilde ihn gebeten hatte, sich im Dezember um seine kleine, aber erfolgreiche Werbeagentur zu kümmern, damit er, seine Frau und die Kinder eine Kreuzfahrt machen konnten.

Kane hatte sofort zugegriffen. Eine Abwechslung war ebenso gut wie ein Urlaub. Und er hatte wirklich Spaß an der Aufgabe. Es war interessant, zu sehen, ob sich seine Theorien auf jeden Managementjob anwenden ließen. So weit, so gut. Bedauerlicherweise war es nicht unbedingt möglich, seine Erfolgsstrategien in der Berufswelt aufs Privatleben zu übertragen. Besonders nicht auf sein eigenes. Mit einer gescheiterten Ehe hinter sich und keiner neuen Beziehung in Sicht war er vielleicht nicht gerade der beste Ratgeber für seinen Bruder.

Aber eins wusste er. Man löste niemals irgendein Problem, indem man in einer Bar saß und ein Bier nach dem anderen runterkippte. Man löste überhaupt kein Problem, indem man vor dem Leben davonlief. Curtis hatte das aber schon immer getan. Er war immer den einfachsten Weg gegangen und vor Schwierigkeiten davongelaufen. Curtis war der schüchterne Zwilling. Derjenige mit weniger Durchsetzungsvermögen. Derjenige, der beschützt werden musste. Er war ebenso intelligent wie Kane, besaß jedoch nicht dessen Selbstbewusstsein, Dynamik und Ehrgeiz. Es hatte Kane nicht überrascht, dass Curtis Steuerberater geworden war.

Allerdings sah Kane ein, dass es nicht leicht war, der Zwillingsbruder von Kane zu sein. Er wusste, dass er mit seiner starken Persönlichkeit und Selbstsicherheit ein anstrengendes Vorbild sein konnte.

Trotzdem, es wurde höchste Zeit, dass Curtis seinen Pflichten und dem Leben mutig ins Auge sah. Er hatte eine reizende Ehefrau und zwei wundervolle Kinder, die im Moment – aus welchem Grund auch immer – Schwierigkeiten hatten und ihn wirklich brauchten.

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