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Verletztes Herz

PROLOG

Amy Jordan erschrak, als sie auf die Uhr schaute. Von der Besuchszeit bei Calista blieben ihr nur noch gut zehn Minuten.

Ihre dreijährige Tochter wieder verlassen zu müssen war jedes Mal deprimierend. Amy warf einen Blick zu Mrs. Witherspoon und fragte sich, was Coles Haushälterin wohl durch den Kopf ging, wenn sie so dasaß und in aller Ruhe strickte. Ahnte die Frau, wie schlimm diese viel zu kurzen Besuche für Amy waren? Und wie sehr ihr jeder Abschied zu schaffen machte?

Langsam bereitete sich Amy darauf vor, nach fast drei Stunden wieder zu gehen.

„Ist es schon so weit?“, fragte Mrs. Witherspoon, als sie Amy aufstehen sah, und legte das Strickzeug zur Seite.

Amy spürte einen Kloß im Hals und konnte nur nicken.

„Gut, ich begleite Sie dann hinaus, aber erst geh ich noch mal kurz zur Toilette.“

„Okay“, antwortete Amy, die kaum ihren Ohren trauen wollte. Sie hatte sich immer eine solche Gelegenheit gewünscht, aber nie zu hoffen gewagt, dass sie sich tatsächlich ergeben würde.

Kaum war Mrs. Witherspoon im Badezimmer verschwunden, holte Amy aus dem Esszimmer einen Stuhl und verkantete ihn so unter dem Türgriff, dass die Haushälterin in der Falle saß.

Dann lief sie zurück ins Wohnzimmer, nahm Calista in den Arm, griff nach ihrer Handtasche und verließ das Haus, so schnell sie konnte.

„Mommy?“, fragte ihre Tochter verwundert.

„Alles in Ordnung, Honey“, versicherte sie ihr, während sie mit zitternden Fingern den Wagen aufschloss.

Sie zog die Decke zur Seite, unter der ein Kindersitz zum Vorschein kam, den sie bei jedem Besuch getarnt in ihrem Auto mitnahm – ebenso wie Kinderkleidung, Spielzeug und Lebensmittelkonserven, Schlafsäcke und alles andere, was sie benötigte, um gemeinsam mit ihrer Tochter ein neues Leben beginnen zu können. Sogar gefälschte Papiere besaß sie, die sie einem Untergrundnetzwerk verdankte, das sich um misshandelte Frauen und Kinder kümmerte und ihnen half, gewalttätigen Ehemännern zu entkommen.

Seit ihrer Scheidung von Cole vor einem Jahr war dies für Amy die erste Gelegenheit, Calista zurückzubekommen, und die würde sie sich nicht nehmen lassen. Beim ersten Versuch sprang der Wagen nicht an, was ihr einen solchen Schreck versetzte, dass sie glaubte, ihr Herz würde stehen bleiben. Dann endlich reagierte der Motor, und Amy konnte losfahren.

Sie wollte auf den Highway, fort aus Mobile. Doch so gern sie Gas gegeben hätte, um den Ort möglichst schnell hinter sich zu lassen, konnte sie es nicht riskieren, die Höchstgeschwindigkeit zu übertreten und erwischt zu werden. Sie konnte sich keine Verzögerung leisten.

Während sie bedächtig weiterfuhr, wollte sie noch immer nicht so recht glauben, was gerade eben passiert war. Zum ersten Mal seit ihren regelmäßigen Besuchen bei Calista hatte Mrs. Witherspoon sie unbeaufsichtigt gelassen. Amy war schon fast davon überzeugt gewesen, dass es nie dazu kommen würde.

„Mommy“, rief Calista vom Rücksitz. „Fahren wir einkaufen?“

„Nein, Sweetie, es geht in die Ferien.“

„Ferien?“

„Ja.“

„Kommt Daddy mit?“

„Nein, wir beide machen allein Urlaub.“

„Okay“, rief Calista begeistert.

Amy lächelte, obwohl ihr nicht danach war. Immer wieder sah sie in den Rückspiegel, entdeckte aber nichts Verdächtiges. Zehn Minuten waren inzwischen vergangen, seit sie Coles Haus verlassen hatte. Mit ein wenig Glück war es Mrs. Witherspoon noch nicht gelungen, sich aus dem Badezimmer zu befreien. Mit noch mehr Glück würde Cole sogar erst in ein paar Stunden erfahren, was geschehen war.

Ganz ruhig, ermahnte sie sich. Konzentrier dich lieber auf die Straße.

Schließlich erreichte sie die Auffahrt zur Interstate 10 West, fädelte sich in den Verkehr auf dem Freeway ein und gab Gas. Lange würden sie auf der Interstate nicht bleiben können, da die Polizei dort zuerst nach ihnen suchen würde. Doch erst mal mussten sie Mobile hinter sich lassen, ehe sie auf Nebenstrecken ausweichen konnten.

Amy schätzte, dass Cole im günstigsten Fall nach einer halben Stunde von dem Vorfall erfahren und seine Meute auf sie ansetzen würde. Zu der Zeit musste sie bereits auf dem kleineren Highway sein, den sie für ihre Flucht ausgesucht hatte.

Eine halbe Stunde.

Amy trat das Gaspedal noch etwas weiter durch und schickte ein Stoßgebet zum Himmel.

1. KAPITEL

Als Amy der lang gestreckten Kurve folgte, die die Landstraße beschrieb, tauchte am rechten Fahrbahnrand ein Ortseingangsschild auf. Sie musste zweimal hinsehen, dann trat sie vor Überraschung auf die Bremse.

WILLKOMMEN IN MORGAN CREEK, TEXAS

Sitz der Hathaway Bakery

5.445 Einwohner

„Hathaway Bakery?“, las sie laut. War das hier die Heimatstadt von Lorna Hathaway?

Seit einer Ewigkeit hatte Amy nicht mehr an Lorna gedacht, mit der sie sich damals auf dem College ein Zimmer geteilt hatte. Lorna war so nett und bodenständig gewesen. Hätte sie nicht beiläufig erwähnt, dass ihren Eltern eine Großbäckerei gehörte, wäre Amy nie auf die Idee gekommen, ihre Freundin könnte aus vermögenden Verhältnissen stammen.

Nach dem ersten Jahr verließ Lorna wegen der Trennung von ihrem Freund das Florida State College und kehrte zurück nach Texas, wo sie sich an der Universität in Austin einschreiben ließ. Irgendwann hatten die beiden Mädchen sich aus den Augen verloren.

Als Amy nun das Schild sah, kam es ihr wie ein Fingerzeig des Schicksals vor. Inzwischen war sie seit elf Stunden unterwegs und erschöpft, aber eine weitere Pause hatte sie nicht einlegen wollen. Es war schon schlimm genug gewesen, eine Übernachtung einlegen zu müssen.

Das Motel in Louisiana war abgelegen genug, damit Cole sie dort nicht aufspüren konnte – zumindest hoffte sie das. Neben den gefälschten Papieren hatte das geheime Netzwerk sie auch mit Kennzeichen aus Louisiana versorgt, die sie bei der erstbesten Gelegenheit anmontierte, um ihre Spur weiter zu verwischen. Doch Cole kannte ihren Wagentyp, und er konnte der Polizei Fotos von ihr und Calista geben.

Ihre Hoffnung bestand darin, dass er die Suche auf Florida konzentrierte, wo sie aufgewachsen war und wo ihr verwitweter Vater lebte. Dennoch war sie am Morgen bereits um sechs Uhr weitergefahren, um den Vorsprung nicht zu verlieren, den sie hoffentlich immer noch besaß.

Auf dem Rücksitz regte sich Calista in ihrem Kindersitz.

„Hi, Sweetie“, sagte Amy. „Hast du gut geschlafen?“

Calista machte eine unzufriedene Miene. „Mommy, hab Hunger.“

Aus ihrer Reisetasche zog Amy eine Tüte Knabbergebäck und reichte sie ihrer Tochter nach hinten, doch die verschränkte trotzig die Arme. „Ich will Fritten. Und einen Hamburger“, forderte sie.

„Honey, damit kann ich nicht dienen, aber ich verspreche, ich halte sofort an, wenn es irgendwo Hamburger gibt“, erwiderte Amy.

Daraufhin begann Calista zu weinen und zerrte am Gurt ihres Sitzes.

Amy war auch nach Weinen zumute, doch sie zwang sich, Ruhe zu bewahren, und fuhr weiter nach Morgan Creek. Was sie machen würde, wenn sie dort ankam, war ihr noch nicht klar. Sie wusste nur, sie selbst und Calista benötigten dringend eine Pause.

Fünf Minuten später erreichte sie die Stadt, fuhr an einem halben Dutzend Geschäfte, einer Bank und zwei Kirchen vorbei, bis sie an einer Ecke eine Tankstelle entdeckte. Sie musste ohnehin tanken, dann konnte sie auch dort anhalten.

Die heiße Augustluft schlug ihr entgegen, als sie ausstieg. Während ein Tankwart sich um den Wagen kümmerte – Amy hatte fast vergessen, dass es nicht nur Tankstellen mit Selbstbedienung gab –, ging sie mit Calista zur Toilette, damit sie sich frisch machen konnten. Bei der Frau an der Kasse fragte sie dann nach einem Telefonbuch.

„Klar, Sugar“, meinte die Frau hinter dem Tresen und holte ein dünnes, ramponiert aussehendes Verzeichnis hervor. „Wen suchen Sie denn?“

„Eine alte Freundin“, antwortete Amy vorsichtig.

„Ich kenne jeden hier in der Gegend.“

Amy zögerte, kam jedoch zu dem Schluss, es sei lächerlich, Lornas Namen für sich zu behalten. „Sie heißt Lorna Hathaway, aber ich weiß nicht, ob sie überhaupt noch hier wohnt.“

„Lorna? Na klar, Sugar, die kenn ich. Alle anderen Hathaways übrigens auch.“ Sie nahm das Telefonbuch wieder an sich, schlug es auf und zeigte auf eine Nummer. „Da steht sie.“

Amy notierte es, bezahlte und fuhr zur nächsten Telefonzelle. Ihr Mobiltelefon konnte sie nicht mehr benutzen, wenn sie vermeiden wollte, dass man ihre Telefonate zurückverfolgte.

Nach dem sechsten Klingeln wollte sie schon entmutigt auflegen, als sich doch noch eine Frau meldete, die unüberhörbar außer Atem war. „Hallo?“

„Lorna?“

„Ja.“

„Hier ist Amy, Amy Summers.“ Sie nannte ihren Mädchennamen. „Erinnerst du dich noch? Wir waren zusammen auf dem Florida State College.“

„Amy? Ich glaub’s nicht! Das ist ja schon Jahre her. Wohnst du immer noch in Florida?“

„Nein, ich ziehe gerade aus Louisiana weg.“

„Louisiana? Das erklärt natürlich, warum ich dich nicht finden konnte, als ich letztes Jahr in Orlando war und dich anrufen wollte.“

„Tatsächlich?“ Das klang vielversprechend.

„Ja. Du kannst dir nicht vorstellen, wie enttäuscht ich war. Ich habe sogar beim College angefragt, aber da kannte auch niemand deine aktuelle Adresse.“

Amy musste daran denken, wie Cole sie gedrängt hatte, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, bis sie schließlich keinen ihrer Kontakte weiterpflegte. Auf diese Weise war es ihm gelungen, sie völlig zu isolieren und von allen Menschen fernzuhalten, die er als eine Bedrohung für seine totale Kontrolle über seine Frau ansah. Er wollte ihr sogar die Besuche bei ihrem Vater verbieten, doch zumindest in diesem Punkt war sie standhaft geblieben.

„Und wo bist du jetzt?“

„Hier in Morgan Creek.“

Ehrlich? Was hat dich denn hierher verschlagen?“

„Das ist eine lange Geschichte.“ Amy seufzte. „Ich bin auf der Durchreise, und da dachte ich, wir könnten uns treffen. Kannst du mir hier in der Gegend ein Hotel empfehlen … zumindest für eine Übernachtung?“

„Natürlich müssen wir uns sehen“, rief Lorna begeistert. „Aber vergiss das Hotel, du kannst bei mir schlafen. Ich habe genug Platz. O Amy, ich freue mich so, dass du dich gemeldet hast. Jetzt sag mir erst mal, wo du bist.“

Nachdem Lorna ihr den Weg beschrieben hatte, fuhr Amy los und fand mühelos das gelb gestrichene, mit Braun abgesetzte Haus im viktorianischen Stil. Ringsum verlief eine Veranda, auf der Amy eine Korbgarnitur und sogar eine Hollywood-Schaukel entdeckte. Ein perfektes Haus, das für eine Person allerdings viel zu groß zu sein schien. Nach dem Eintrag im Telefonbuch zu urteilen, war Lorna nicht verheiratet, aber vielleicht hatte sie trotzdem einen Partner und sogar Kinder.

Amy stellte ihren silberfarbenen Toyota am Straßenrand vor dem Haus ab und öffnete gerade die Fahrertür, da kam Lorna auch schon auf sie zugelaufen. Ihre Freundin hatte sich kaum verändert. Sie war natürlich älter geworden, aber immer noch schlank und blond, auch wenn sie ihr Haar nicht mehr schulterlang, sondern modisch kurz trug. Amys Haar war so lockig, dass sie es nie gebändigt bekam.

Lorna strahlte sie an, ihre hellblauen Augen sprühten vor Begeisterung. Ehe Amy die hintere Tür des Wagens öffnen konnte, um Calista aus dem Kindersitz zu nehmen, wurde sie von ihrer Freundin überschwänglich umarmt. „Amy! Es ist so wunderbar, dich wiederzusehen!“ Erst dann tat sie einen Schritt nach hinten und musterte sie. „Toll siehst du aus. Du bist überhaupt nicht älter geworden!“

„Und du konntest noch nie gut lügen“, gab Amy zurück und verzog den Mund. „Ich sehe entsetzlich aus, das weiß ich.“

„Du könntest nicht mal entsetzlich aussehen, wenn du es versuchen würdest.“

„Mommy!“

Lornas Augen wurden größer, sie beugte sich vor und warf einen Blick in den Wagen. „Und wer ist diese Kleine da?“

„Meine Tochter Calista. Warte, ich hole sie raus.“

Amy löste die Gurte des Kindersitzes. Neugierig betrachtete Calista die fremde Frau.

„Na, hallo, Calista“, gurrte Lorna. „Du bist ja ein hübsches Ding.“

Die Kleine lächelte breit, wobei sich in ihren Wangen tiefe Grübchen bildeten, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte.

„Amy, sie ist ja ein Schatz!“

Amy entging nicht der sehnsüchtige Tonfall in Lornas Stimme.

Gemeinsam brachten sie nun das Gepäck ins Haus. Amy hätte gern ausgiebig den gepflegten Garten bewundert. Doch ihre Sorge wog zu schwer, um sich an irgendetwas erfreuen zu können.

Im Haus war es angenehm kühl. Glänzender Parkettboden, wunderschöne Antiquitäten und stilvolle Teppiche zeugten von gutem Geschmack. An der Decke drehte sich leise surrend ein Ventilator.

„Wenigstens ist alles sauber“, meinte Lorna erleichtert. „Meine Putzfrau kommt zweimal die Woche her, und zum Glück war heute einer der beiden Tage.“

„Es ist herrlich“, erwiderte Amy. Doch es war nicht nur herrlich, sondern es strahlte zudem eine solche Ruhe aus, dass sie sich nicht mehr so nervös und ängstlich fühlte. Ihr kam es vor, als könne ihr hier nichts Schlimmes widerfahren.

„Sollen wir erst deine Sachen nach oben bringen, bevor ich dir das Haus zeige?“

„Es ist wirklich lieb von dir, dass du uns hier übernachten lässt, Lorna.“

„Hey, wir sind schließlich Freundinnen. Außerdem bin ich ganz aus dem Häuschen, dass du hier bist.“

„Das freut mich“, gab Amy zurück.

Sie gingen in den ersten Stock, wo Lorna sie in ein Zimmer führte, in dem ein Himmelbett mit blassgrüner Tagesdecke, eine Kommode, ein Kleiderschrank und ein Schreibtisch standen. Auf der breiten Fensterbank lag ein dickes grünes Kissen, darauf saß ein großer Teddybär.

„Ein Teddy!“, rief Calista aufgeregt.

„O je“, meinte Amy, als ihre Tochter sofort auf das Plüschtier zulief.

„Sie kann ruhig mit dem Bären spielen. Der stammt noch aus der Zeit, als meine Nichten ganz klein waren“, sagte Lorna.

„Calista geht mit ihren Spielsachen manchmal sehr grob um.“

„Nicht so schlimm.“ Sie drehte sich zu Amy um. „Tut mir leid, aber ich habe kein Kinderbett für sie. Ich kann dir nur ein Klappbett anbieten.“

„Ach, Calista schläft sowieso nicht mehr im Kinderbett. Sie wird bei mir schlafen, das hätten wir im Hotel auch so gemacht.“

„Okay, dann lasse ich euch erst mal allein, damit du in Ruhe auspacken kannst. Ich muss noch schnell telefonieren, danach können wir reden.“

„Ja, einverstanden.“

Nachdem Lorna nach unten gegangen war, ließ sich Amy aufs Bett sinken, während Calista das Zimmer erkundete und sich ausgiebig mit dem Teddy beschäftigte. Was würde Amy dafür geben, hier für ein paar Tage bleiben zu können! Doch sie wollte sich nicht aufdrängen. Sollte Lorna es dagegen von sich aus vorschlagen, wäre das eine ganz andere Sache.

Schließlich packte sie die Kleidung zum Wechseln aus. „Okay, Sweetie, wir gehen jetzt nach unten. Sag dem Teddybären auf Wiedersehen.“

Calista wirkte darüber nicht erfreut, schüttelte den Kopf und drückte das Stofftier an sich.

„Schon gut“, seufzte Amy. „Der Bär kann mitkommen.“

Als sie das Erdgeschoss erreichten, hörte sie, wie Lorna sich am Telefon von jemandem verabschiedete, dann kam sie ihnen auch schon entgegen.

„Habt ihr Hunger?“, fragte sie ihre Besucher. „Abendessen gibt es erst halb acht, aber ich kann euch Kräcker und Früchte anbieten.“

„Calista hat auf jeden Fall Hunger.“ Amy hoffte, ihre Tochter würde nicht wieder auf einem Hamburger bestehen.

„Dann kommt mit.“

Die Küche war so, wie Amy sie sich vorgestellt hatte: groß, hell und freundlich. Blasses Gelb mit roten Akzenten bestimmte die Farbgebung, ein Kamin am einen und ein großer Eichentisch am anderen Ende des Raums prägten die Einrichtung. Auf einem Schaukelstuhl am Kamin lag eine dicke gefleckte Katze, die die Neuankömmlinge nun aufmerksam beobachtete.

„Kätzchen!“, rief Calista und stürmte in Richtung Kamin.

„Calista, fass die Katze nicht an“, warnte Amy sie und lief ihr nach. „Du weißt nicht, ob sie dich kratzen wird.“

„Schon okay“, beruhigte sie Lorna. „Buttercup ist ein ungewöhnliches Tier. Sie kann kleine Kinder tatsächlich gut leiden.“

Als Calista der Katze über den Kopf strich, drückte die sich wirklich gegen die kleine Hand und begann laut zu schnurren. Das Mädchen lachte glücklich und setzte sich zu dem Tier. Amy beobachtete die Szene eine Zeit lang, dann kam sie zu dem Schluss, sich keine Sorgen machen zu müssen.

In der Zwischenzeit stellte Lorna etwas zu essen und Gläser mit Limonade auf den Tisch und erklärte, am Abend werde der neunzigste Geburtstag ihrer Großmutter gefeiert. Natürlich seien Amy und ihre Tochter auch eingeladen.

Alles Protestieren war vergebens, Lorna ließ sich von der Einladung nicht abbringen. „Ich habe das vorhin mit meiner Großmutter besprochen, und sie sagt auch, es wäre unhöflich, wenn ich euch beide einfach allein lassen würde.“ Augenzwinkernd fügte sie hinzu: „Wenn sie befiehlt, gehorchen alle Hathaways.“

Zwar war Amy neugierig auf Lornas Familie, doch so recht behagte es ihr nicht, bei einer Familienfeier anwesend zu sein, bei der sie sich bestimmt wie eine Außenseiterin fühlen würde.

Ihre Freundin fegte auch diesen Einwand hinweg: „In etwa einer Stunde müssen wir uns fertig machen, damit wir pünktlich um sieben Uhr da sind. Vergeuden wir also nicht noch mehr Zeit mit dieser Diskussion, lass uns lieber darüber reden, was jeder von uns in den letzten Jahren gemacht hat.“

In der nächsten halben Stunde erfuhr Amy, dass Lorna nach ihrem Abschluss nach Morgan Creek zurückgekehrt war und seitdem im Familienbetrieb arbeitete. Ihre Ehe war geschieden worden, Kinder hatte sie keine. Zwar schilderte sie das in nüchternem Tonfall, doch eine gewisse Sehnsucht konnte sie nicht überspielen. Die war ihr auch jedes Mal anzumerken, wenn sie zu Calista hinübersah. Insgeheim bedauerte Amy sie, weil ihr das Mutterglück versagt worden war.

„Und jetzt bist du an der Reihe“, wechselte Lorna das Thema. Auf Amys eindeutigen Blick hin schlug sie Calista vor: „Möchtest du mit Buttercup im Garten spielen? Sie muss sich ein bisschen bewegen.“

„Au ja“, freute sich die Kleine.

„Wir können auf der Veranda sitzen und die beiden im Auge behalten“, meinte Lorna zu ihrer Freundin.

Nachdem sie draußen Platz genommen hatten und Calista außer Hörweite war, begann Amy zu erzählen.

„Ich bin ebenfalls geschieden. Mein Exmann wohnt in Shreveport, er ist Investment-Banker.“ Beides war gelogen, denn in Wahrheit war er ein hochkarätiger Anwalt und lebte in Mobile, doch das Netzwerk hatte Amy dazu angehalten, keine Risiken einzugehen und niemandem zu vertrauen. Dazu gehörte auch, sich eine erfundene Vergangenheit zurechtzulegen.

„Er wollte eigentlich nie Kinder haben“, fuhr sie fort. „Darum hatte er nichts dagegen einzuwenden, als ich beschloss, in Richtung Westküste zu ziehen. Soweit ich weiß, kann man da als Lehrerin richtig gut verdienen, sogar als Vorschullehrerin wie ich.“

Zum Teil stimmten ihre Ausführungen. Cole hatte wirklich keine Kinder haben wollen. Wie sollte er auch der Mittelpunkt in Amys Welt bleiben, wenn er sie auf einmal mit einem Kind teilen musste? Allerdings hätte er sehr viel dagegen einzuwenden gehabt, dass sie mit Calista Mobile verließ – hätte er davon gewusst. Dabei war er nicht um seine Tochter besorgt, ihm ging es nur darum, Amy wehzutun, weil er wusste, wie viel die Kleine ihr bedeutete.

Ihre Scheidung hatte Cole vor Wut kochen lassen, und er hatte Amy Steine in den Weg gelegt, wo er nur konnte. Bis heute wusste sie nicht, woher sie die Kraft genommen hatte, sich von ihm zu trennen. So oft hatte Cole sie in den Jahren davor gedemütigt, dass es stets einfacher gewesen war, sich seinen Wünschen zu beugen, als sich gegen ihn durchzusetzen.

Um Amy so tief zu verletzen, wie es nur ging, präsentierte er „Zeugen“, die unter Eid beteuerten, Amy nehme Drogen und vernachlässige ihre Tochter. Dank Coles Position und seiner verlogenen Freunde bekam er das Sorgerecht für Calista zugesprochen, während Amy sie nur zweimal in der Woche unter Aufsicht besuchen durfte.

„Dann bist du also Lehrerin geworden?“, fragte Lorna. „Ich dachte, dein Hauptfach war Journalismus.“

„Ja, aber das habe ich aufgegeben. Nach dem ersten Jahr war ich in den Sommerferien in einem Kindertagesstätte tätig, und ich liebte die Arbeit mit den Kindern. Deshalb beschloss ich, auf Erzieherin umzusatteln, und bis zu meiner Heirat war ich Vorschullehrerin.“

„Bis zu deiner Heirat?“

„Mein Ex wollte nicht, dass ich weiter arbeiten gehe“, erklärte Amy und meinte dann mit ironischem Tonfall: „Wie sollte ich meine ganze Zeit und Energie auf ihn konzentrieren, wenn ich daneben noch einem Job nachging?“

„Verstehe.“ Lorna verzog das Gesicht. „Die Sorte Mann.“

„Du musst es miterlebt haben, um zu wissen, wie schlimm es war.“

„Und dann hat er dich einfach Calista mitnehmen lassen?“

„Ihm blieb keine andere Wahl.“

Lorna nickte. „Wie lange wart ihr verheiratet?“

„Sieben Jahre. Sieben verdammt lange Jahre. Und du?“

„Sechs Jahre.“

„Was ist passiert, wenn ich so direkt fragen darf?“

„Eine Zwanzigjährige mit großer Oberweite, Cheerleader bei den Dallas Cowboys.“

„Das ist ja mies.“

Lorna machte eine wegwerfende Geste. „Der Lack war zu der Zeit ohnehin schon ab. Mir wurde mein Fehler sehr früh klar, doch ich blieb stur und redete mir ein, ich könnte das schon hinkriegen, wenn ich mir nur Mühe gebe. Bedauerlicherweise wollte Keith sich keine Mühe geben. Er suchte eigentlich eine Frau, die ihn mehr anbetete, als ich es jemals hätte tun können.“

„Hast du zu der Zeit hier in Morgan Creek gelebt?“

„Ja, und darin lag wohl ein weiteres Problem. Er hasste es, für meine Familie arbeiten zu müssen, aber noch viel schlimmer war für ihn, dass ich im Unternehmen mehr zu sagen hatte als er. Keith wollte die erste Geige spielen, doch das konnte er nicht.“

Sie stieß einen Seufzer aus. „Ich weiß nicht. Hätte ich ihn mehr geliebt, hätte ich vielleicht stärker versucht, ihn glücklich zu machen. Es war nicht nur seine Schuld.“ Einen Moment lang schwieg sie, dann verdrängte sie ihre düsteren Gedanken und lächelte Amy an. „Aber das ist alles Schnee von gestern. Hier sitzen wir zwei also, haben beide unsere Lektion gelernt, und jetzt blicken wir nach vorn. Aufs Überleben.“

Amy hob ihr Glas, das sie wie Lorna auf die Veranda mitgenommen hatte. „Aufs Überleben.“

2. KAPITEL

Bryce Hathaway stand die Geburtstagsfeier seiner Großmutter Stella Morgan Hathaway bevor, weil er befürchtete, dass es weniger eine Feier als vielmehr eine Tortur werden würde.

Grund dafür war Bryce’ jüngste Schwester Claudia, die zwar seit ihrem Universitätsabschluss im Familienunternehmen arbeitete, ihren Job aber hasste. Da es in Morgan Creek außer der Hathaway Bakery praktisch keine anderen Arbeitgeber gab, die jemanden mit Claudias Qualifikation benötigten, war es so gut wie beschlossen, dass sie in eine andere Stadt gehen würde.

Hinzu kam, dass Claudia ihm noch letzte Woche anvertraut hatte, in „diesem Kuhkaff“ werde sie ohnehin nie einen Mann finden, also ein Grund mehr, anderswo ihr Glück zu versuchen. Bryce konnte gut verstehen, wie sie sich fühlte.

Stella war über diese Entwicklung verärgert, doch ihre Wut galt auch Bryce, da der seine Schwester in ihrer Ansicht bestärkte.

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