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Verletzte Gefühle

Johanna Theden

Verletzte Gefühle

1. KAPITEL

„Das dürfen Sie nicht!“ Eva versuchte alles, um den Bauern davon abzubringen, den kleinen Esel in seinen Transporter zu verladen. Markus hatte ihr eben eröffnet, dass das niedliche Tier zum Schlachthof gebracht werden sollte. „Haben Sie denn gar kein Herz?“ Aber der Bauer reagierte nicht, sondern scheuchte den Esel unbeirrt die Laderampe hinauf. Ohnmächtig mussten Eva und Markus mit ansehen, wie der Transporter davonfuhr. Dabei waren sie so glücklich gewesen, Emil, den Alpenesel, endlich gefunden zu haben.

„Das kann doch alles nicht wahr sein!“ Eva war am Boden zerstört, als Markus und sie zurück zum Hotel gingen. Auch Markus war betrübt – er hatte Eva eine Freude machen wollen, und nun das … „Es ist doch nicht deine Schuld“, meinte sie.

„Ich habe gedacht, wir machen zusammen einen kleinen Ausflug“, seufzte er. „Und du bekommst ein bisschen Inspiration für deine Zeichnungen.“ Sie strich ihm über die Wange.

„Das war ja auch eine gute Idee“, sagte sie liebevoll. „Wer ahnt denn schon, dass so etwas passiert?“ Überhaupt konnte sie sich nicht vorstellen, wer auch nur auf die Idee kam, Eselfleisch zu essen. Und dann ausgerechnet den süßen, kleinen Emil …

„Hören Sie auf!“ Michael spürte Panik in sich aufsteigen. Hilflos war er dem Angriff des Fremden ausgeliefert, der ihn im Wald hin und her schubste. Und der kein Wort dabei sagte. „Sie Feigling! Machen Sie verdammt noch mal den Mund auf!“ Doch Till Kloppenbeck sprach kein Wort, sondern musterte sein Opfer nur verächtlich. Unsicher tastete Michael nach vorne und bekam dabei die großen Knöpfe an der Jacke seines Gegenübers zu fassen. Till riss sich von ihm los. Und dann waren Schritte zu hören: Ein Pärchen spazierte den Waldweg entlang. Till gab Dr. Niederbühl noch einen letzten, heftigen Stoß, dann rannte er schnell davon.

Als Michael endlich den Weg zurück in die Wohnung gefunden hatte, verschwieg er Rosalie, was eben geschehen war. Und sie bemerkte auch gar nicht, in was für einer desolaten Verfassung er sich befand – sie war noch zu beschäftigt mit der Tatsache, dass sie die Hochzeit von Barbara von Heidenberg und Götz Zastrow organisieren sollte.

„Das wird der absolute Horror!“, stöhnte sie. „Als hätte ich nicht genug zu tun. Was die für Extrawünsche haben!“ Barbara hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass sie das tollste Fest wünschte, das der Fürstenhof je gesehen hatte. „Klar, die möchten vor allem den Saalfelds eins auswischen. Aber wer hat die Arbeit? Ich!“

„Du Arme.“ Michaels Stimme klang brüchig. Erst jetzt fiel Rosalie auf, dass es ihm offensichtlich nicht gut ging.

„Was ist mit dir?“, fragte sie besorgt. „Alles in Ordnung?“

„Alles gut“, behauptete er tapfer. „Soweit man das sagen kann.“

„Ist im Moment alles nicht so leicht für dich, was?“ Er brummte etwas Unverständliches. „Aber auf unsere Hochzeit, auf die freust du dich schon noch, oder?“

„Ist vielleicht ganz gut, dass sie erst im Frühling ist“, gab er zur Antwort. „Vielleicht passiert ein Wunder, und ich kann bis dahin wieder sehen.“

„Bestimmt“, entgegnete Rosalie.

„Und wenn nicht, habe ich bis dahin gelernt, dich auch mit einem Blindenstock zum Altar zu führen“, meinte er bitter. Sie schluckte und bat ihn dann, sich nicht so viele Gedanken zu machen. Alles würde gut werden. Es musste einfach.

André bekam einen großen Schrecken, als er bemerkte, dass sich an der Rezeption seine Sachen stapelten. Koffer und Kartons, sogar seine Stehlampe hatte neben Alfons einen Platz gefunden. Sofort verlangte André, dass alles zurück in die Wohnung gebracht würde.

„Das geht leider nicht“, erwiderte Herr Sonnbichler etwas gequält. „Wir haben eine Anweisung von Herrn Saalfeld …“ Nun fiel bei André der Groschen. Sein Bruder hatte seine Drohung tatsächlich in die Tat umgesetzt. Der konnte was erleben.

„Bist du jetzt völlig verrückt geworden?!“ Wütend hatte sich André vor Werner aufgebaut. „Wie kommst du dazu, meine Sachen zu packen?!“

„Ich hatte das Gefühl, du nimmst meine Aufforderung nicht wirklich ernst“, erwiderte der Senior spöttisch.

„Du kannst mich doch nicht einfach so rausschmeißen!“ Aber das konnte Werner, daran bestand kein Zweifel. „Du musst mir doch wenigstens die Chance geben, etwas Neues zu suchen!“ André hatte keine Ahnung, wo er auf die Schnelle unterkommen sollte. Das Hotel war ausgebucht.

„Du bist hier aber unerwünscht“, stellte Werner nun fest, und seine Worte waren voller Kälte. „Du hast mich und deine Familie verraten. Und willst hier noch weiter auf unsere Kosten wohnen? Niemals!“ Da trat Charlotte ins Zimmer, und André versuchte sein Glück bei ihr.

„Rede mit ihm“, bat er und deutete auf seinen Bruder. „Er will mich einfach so auf die Straße setzen.“

„Das hast du dir ganz allein zuzuschreiben“, erklärte sie abweisend. „Was du getan hast, ist niederträchtig.“ Sie hätte nicht anders entschieden als ihr Exmann.

„Frag doch deinen neuen Freund Götz Zastrow“, höhnte der. „Vielleicht hat er ja Platz für dich. In seinem Bett, zwischen sich und Barbara.“ Wie ein geprügelter Hund schlich André hinaus.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als Frau Sonnbichler sein Leid zu klagen und an ihr gutes Herz zu appellieren. Hildegard war eigentlich gar nicht wohl bei dem Gedanken, André bei sich zu Hause aufzunehmen – Eva und Jacob wohnten schon dort, und außerdem war Alfons nicht unbedingt ein Fan des Chefkochs.

„Warum hat Ihr Bruder Sie eigentlich hinausgeworfen?“, fragte sie, um Zeit zu gewinnen.

„Eigentlich eine lächerliche Sache“, log André. „Will ich lieber gar nicht erzählen. Sonst denken Sie nur schlecht über Werner.“ Hildegard runzelte die Stirn. „Im Moment ist er eben sehr gereizt“, fuhr André fort. „Wegen Götz Zastrow. Werner spielt auf einmal nur noch die zweite Geige, und das macht ihn total fertig.“ Das konnte sich Frau Sonnbichler in der Tat lebhaft vorstellen. „Meine liebe Hildegard, es wäre ja auch nicht für lange.“ Der Chefkoch lächelte sie treuherzig an.

„Na schön.“ Sie seufzte. „Aber nur für eine Nacht, ist das klar?“

Markus hatte begonnen, die Schlachthöfe in der Umgebung abzutelefonieren. Er wollte den kleinen Esel unbedingt retten. Schon allein, damit Eva wieder lächelte. Aber nirgends wusste man von dem Tier. Erst Rosalie brachte Markus auf die Idee, es in der Wurstfabrik zu versuchen, die Pachmeyers Bruder gehörte.

Dort bekam Markus die Auskunft, dass der Bruder von Pachmeyer gerade Urlaub in Italien machte. Der Bürgermeister persönlich kümmerte sich in seiner Abwesenheit um die Geschäfte der Wurstfabrik. Und als Markus ihn mit der Bitte, den kleinen Esel zu verschonen, aufsuchte, versprach er, sein Möglichstes zu tun.

Michael hatte sich Nils Heinemann anvertraut. Und er hatte Tanjas Mann gegenüber auch geäußert, dass er sich sicher war, dass Till Kloppenbeck ihn im Wald überfallen hatte.

„Ich dachte schon, jetzt macht er mich fertig“, berichtete Michael. „Aber zum Glück kamen Spaziergänger – da ist er abgehauen.“

„Und Sie sind sicher, dass er es war?“, fragte Nils skeptisch.

„Ja“, bestätigte Dr. Niederbühl. „Denn er hat die ganze Zeit kein Wort gesagt. Und nur er wusste, dass ich ihn an seiner Stimme erkennen kann. Deshalb hat er die Klappe gehalten.“ Bestimmt wollte sich Kloppenbeck an ihm rächen, weil Michael ihn offen als Dieb verdächtigt hatte.

„Da könnten Sie recht haben“, gab Nils zu und fragte, ob Dr. Niederbühl irgendetwas Besonderes aufgefallen war. Ein Aftershave vielleicht oder etwas anderes, anhand dessen man Till identifizieren könnte?

„Seine Jacke“, antwortete Michael nach kurzem Zögern. „Die hatte extrem große Knöpfe.“ Er hatte sich ja praktisch daran festgehalten.

„Sehr gut.“ Nils grinste. „Ich glaube, ich weiß, wie wir unseren Freund drankriegen können.“

„Wie denn?“ Aber jetzt hatte Nils keine Zeit, seine Idee zu erläutern. Er musste zu Dr. Heuer. „Sie assistieren ihm weiterhin?“, wunderte sich Michael. „Auch wenn er seine Praxis offenkundig nicht aufgeben möchte?“

„Ich habe mich noch nicht dazu durchgerungen, meine Heilpraktikerambitionen komplett an den Nagel zu hängen“, erklärte Nils. Obwohl er immer weniger wusste, ob dieser Beruf wirklich das Richtige für ihn war. „Je mehr ich von seiner Arbeit mitbekomme, desto klarer wird mir, dass eine Ausbildung nicht reicht, um wirklich helfen und heilen zu können. Dazu braucht es doch mehr Wissen und Erfahrung.“

„Das ist allerdings richtig“, pflichtete Michael ihm bei. „Aber wenn Sie tatsächlich als Heilpraktiker tätig werden wollen, müssen Sie irgendwo einen Anfang machen.“ Nils nickte betrübt. Doch dann straffte er auf einmal den Rücken.

„Wissen Sie, was? Ich schwänze heute.“ Er wollte nun doch lieber einen Plan schmieden, um Till Kloppenbeck zu überführen.

Rosalie hatte unterdessen Jacob ins Büro gerufen. Sie brauchte seine Unterstützung bei den Hochzeitsvorbereitungen. Denn Barbara von Heidenberg wünschte eine weiße Kutsche mit weißen Pferden davor.

„Kannst du mal schauen, wie teuer so etwas wird?“ Jacob nickte.

„Gut. Und am besten so schnell wie möglich.“ Wieder nickte er. „Ist noch was?“

„Nur eine persönliche Frage.“ Verwirrt verzog Rosalie das Gesicht. „Was für eine Beziehung haben wir eigentlich gerade? Bin ich für dich jetzt nur noch der Stallknecht? Und du meine Chefin?“

„Was erwartest du von mir?“, seufzte sie gequält. „Dass ich Michael verlasse? Jetzt, da er so sehr meine Hilfe braucht?“

„Das verstehe ich ja alles“, entgegnete Jacob und meinte es auch so. „Und ich finde toll, was du für ihn tust. Aber wie soll das in Zukunft weitergehen?“ Immerhin hatte sich Rosalie vor dem Reitunfall von ihrem Verlobten trennen wollen. „Und jetzt willst du dein ganzes Leben lang bei ihm bleiben? Aus Mitleid?“

„Du verstehst überhaupt nichts!“, schnaubte sie. „Es ist nicht nur Mitleid! Michael bedeutet mir wirklich sehr viel.“

„Aber liebst du ihn wirklich?“, hakte Jacob nach.

„Jacob, nicht jetzt!“, erwiderte sie überfordert. „Hast du eine Ahnung, wie kompliziert mein Leben gerade ist?“ Sie konnte sich im Augenblick nicht auch noch auf ihn einlassen. Traurig verließ Jacob das Büro.

Nils hatte Tanja davon überzeugen können, für ihn Schmiere zu stehen, während er den Spind von Till Kloppenbeck knackte. Das Zimmermädchen war nicht begeistert davon, aber es ging nun mal um Michael, und dem wollte sie natürlich helfen. Zügig öffnete Nils den Schrank mithilfe eines Dietrichs – er hatte noch nicht alles vergessen, was er von seiner Familie an kriminellen Tricks gelernt hatte. Er fand die Jacke mit den großen Knöpfen sofort. Mit einem Ruck riss er einen der Knöpfe ab, steckte ihn in seine Hosentasche und verschloss den Spind wieder.

Michael erschien derweil zu einem Massagetermin bei Till Kloppenbeck. Der neue Fitnesstrainer betrachtete seinen Kunden voller Verachtung, sprach aber betont freundlich mit ihm. Michael entschuldigte sich dafür, ihn als Dieb bezichtigt zu haben.

„Mir ist das wirklich unangenehm“, behauptete er. „Da haben mir meine verbliebenen Sinne wohl einen Streich gespielt.“

„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf“, heuchelte Till.

„In Kürze werden wir den richtigen Dieb sowieso schnappen“, sagte Michael da. „Heute bin ich nämlich erneut überfallen worden.“

„Wirklich?“ Kloppenbeck gab seiner Stimme einen empörten Klang. „Was ist passiert?“

„Nichts Schlimmes“, antwortete Dr. Niederbühl. „Aber ich bin sicher, dass der Taschendieb und der Angreifer von heute derselbe ist. Und dieses Mal hat er einen Fehler gemacht. Als er mich geschubst hat, konnte ich ihm nämlich einen Knopf von seiner Jacke abreißen. Ich habe ihn schon der Polizei gegeben.“

„Tatsächlich?“ Till hatte Mühe, sich seinen Schrecken nicht anmerken zu lassen.

„Die meinten, solche auffälligen Knöpfe sind sehr selten“, fuhr Michael fort. „Damit würde der Täter bestimmt geschnappt werden.“

Kurz nach dem Massagetermin ging Kloppenbeck mit einer Plastiktüte in der Hand zu den Müllcontainern am Hinterausgang des Hotels. Er sah sich einmal um, dann warf er die Plastiktüte in einen der Container. Doch da tauchte plötzlich Nils Heinemann vor ihm auf.

„Was für eine nette Überraschung!“, sagte der grimmig und zog die Plastiktüte wieder aus dem Müll. „Was haben wir denn da?“ Tills Jacke kam zum Vorschein. Kloppenbeck machte Anstalten zu fliehen, aber Nils war schneller. „Hier geblieben!“ Nun erschien auch Michael bei den beiden – mithilfe des Blindenstocks tastete er sich vorwärts.

„Lassen Sie mich los!“, zischte Till.

„Sonst was?“, giftete Nils. „Wollen Sie sich mit mir prügeln? Ich dachte, Sie sind so feige und vergreifen sich nur an Wehrlosen?!“ Till begriff, dass er keine Chance hatte, und gab seinen Widerstand auf.

„Ein Mitarbeiter unseres Hotels!“ Rosalie musterte Kloppenbeck voller Abscheu. „Nicht zu fassen!“ Er versuchte, zu bestreiten, dass er Michael gleich zweimal überfallen hatte, aber die Jacke war für Rosalie Beweis genug. „Packen Sie Ihre Sachen!“, verlangte sie. „Sie sind gefeuert!“

„Sie können mich nicht einfach aus dem Hotel rausschmeißen“, hielt Till dagegen.

„Sie haben zehn Minuten, dann will ich Sie hier nicht mehr sehen.“

„Aber vorher will ich das Geld wiederhaben, das Sie mir gestohlen haben“, schaltete sich nun Michael ein.

„Sie können mich mal!“, schnaubte Kloppenbeck und wollte sich erneut von Nils losreißen – aber der hatte ihn weiterhin fest im Griff. „Loslassen, verdammt noch mal! Das ist Freiheitsberaubung!“

„Wir sind eigentlich noch viel zu nett zu Ihnen“, sagte Rosalie verächtlich. „Eigentlich sollten wir gleich die Polizei holen. Los, hauen Sie ab.“ Nils gab Kloppenbeck frei, und der stolperte zur Bürotür.

„Das werden Sie bereuen“, drohte er noch, bevor er hinausging. „Sie und Ihr dämliches Hotel!“

„Was für ein widerlicher Typ!“, bemerkte Nils kopfschüttelnd. Michael bedankte sich für seine Hilfe. Rosalie schluckte leicht schuldbewusst. Sie hatte ihrem Verlobten nicht geglaubt, als der meinte, Kloppenbecks Stimme erkannt zu haben …

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für ein schlechtes Gewissen ich habe“, gestand sie Michael, nachdem sie ihn zurück in die Wohnung begleitet hatte. „Du hast gleich gesagt, dass du den Dieb erkannt hast, dass die Stimme diesem Kloppenbeck gehört. Und ich habe dir nicht geglaubt.“ Und heute Morgen hatte sie ihn dann auch im Stich gelassen. „Ich habe gar nicht gemerkt, dass du überfallen worden bist. Stattdessen habe ich nur von dieser vermaledeiten Hochzeit geredet.“

„Schwamm drüber“, meinte er nur. „Mach dir nicht so viele Gedanken. Jetzt bin ich diesen Kerl ja los.“ Und mit welcher Klarheit Rosalie Kloppenbeck gefeuert hatte, war für Michael sehr beeindruckend gewesen.

„Wirklich?“

„Wirklich“, bestätigte er lächelnd und gab ihr einen Kuss. Leider konnte sie nicht bei ihm bleiben, um ihren „Sieg“ zu feiern. Sie musste noch mal nach München, um den DJ zu treffen, den Barbara von Heidenberg unbedingt für die Hochzeit engagieren wollte. Michael war sichtlich enttäuscht, verstand aber, dass man da nichts machen konnte.

Robert war gerade dabei, Valentina eine Geschichte von Emil, dem Alpenesel, zu erzählen, als Eva hereinkam.

„Ich habe heute den echten Emil gesehen“, sagte Eva traurig und erzählte Robert dann, was vorgefallen war. Er wollte wissen, auf welcher Weide der kleine Esel gestanden hatte. Sie beschrieb es ihm, so gut sie konnte.

„Das war bestimmt die Wiese vom alten Lottner“, murmelte er. „Ich rufe ihn gleich mal an. Er soll mir sagen, zu welchem Schlachthof er den Kleinen gebracht hat.“ Eva nickte dankbar. Doch ihre Hoffnung, Emil noch retten zu können, war trotzdem nicht groß. Und tatsächlich hatte Robert schlechte Nachrichten für sie, nachdem er mit dem Bauern und der Wurstfabrik telefoniert hatte. Der Esel sei vor einer Viertelstunde in die Schlachthalle gebracht worden, hatte man ihm gesagt. Unglücklich ließ Eva den Kopf hängen, und er strich ihr ungelenk über den Rücken – er wusste nicht, wie viel Nähe sie nach ihrer Trennung noch zulassen wollte.

„Der arme Emil …“, flüsterte sie und verließ dann ohne ein weiteres Wort die Wohnung.

Als sie sich im Personalraum einen Tee kochte und ihren trüben Gedanken nachhing, kam Markus herein.

„Alles okay?“, fragte er liebevoll.

„Ich muss die ganze Zeit an Emil denken.“ Nie wieder wollte Eva einen Esel zeichnen, das stand fest.

„Was hältst du von einem kleinen Spaziergang?“, schlug er da vor. Sie hatte eigentlich keine große Lust, aber er ließ nicht locker. „Ich muss dir unbedingt etwas zeigen.“

„Was denn?“, entgegnete sie matt.

„Komm einfach. Ich bin sicher, das wird deine Laune verbessern.“ Also griff sie nach ihrer Jacke und folgte ihm.

Markus hatte sie aufgefordert, sich die Augen zuzuhalten.

„Wie lange denn noch?“, stöhnte sie und stolperte an seinem Arm weiter.

„Wir sind da“, erklärte er schließlich. Sie nahm die Hände von ihren Augen und erblickte – Emil! Er graste friedlich auf einer kleinen Wiese in der Nähe des Hotels!

„Wie hast du das angestellt?“, fragte sie fassungslos und kletterte sofort über den Zaun, um den Esel zu streicheln. „Beim Schlachter hat es so geklungen, als sei alles zu spät.“

„Das war Rettung in letzter Sekunde“, berichtete Markus fröhlich. „Der Schlachter hatte das Bolzenschussgerät wohl schon in der Hand.“ Pachmeyer hatte gerade noch rechtzeitig angerufen, um Emils Tod zu verhindern. Natürlich hatte der Bürgermeister das nicht umsonst getan. Markus hatte Emil gekauft. „Für dich“, stellte er fest. „Dein kleiner Emil ist jetzt irgendwie auch mein kleiner Emil.“

„Unser kleiner Emil.“ Gerührt fiel Eva ihm um den Hals. „Vielen Dank! Das werde ich dir niemals vergessen!“ Zärtlich zog Markus sie an sich, und für einen Moment genossen beide die Nähe. Doch dann löste sich Eva von ihm.

„Tut mir leid, ich muss zurück ins Hotel“, sagte sie heiser. „Ich muss mich wieder um Valentina kümmern.“ Hastig gab sie ihm ein Küsschen auf die Wange. „Du bist ein Held.“ Dann wandte sie sich Emil zu. „Tschüss, mein Kleiner! Wir sehen uns ganz bald, versprochen!“ Damit verschwand sie. Nachdenklich und etwas verunsichert blickte Markus ihr nach. Er wurde einfach nicht schlau aus ihrem Verhalten.

Aber erst einmal musste sich Markus nun darum kümmern, dass der Esel auch gut versorgt wurde. Und deshalb wandte er sich an Jacob. Evas Bruder verstand zunächst nicht, warum Markus das Tier überhaupt gekauft hatte.

„Eva hat sich total in den Kleinen verliebt. Außerdem ist er für sie so etwas wie eine Quelle der Inspiration. Für ihre Zeichnungen.“ Über Jacobs Gesicht ging ein breites Grinsen.

„Markus, der Tierfreund. Rettet eine arme Kreatur vor dem sicheren Tod. Wenn das mal die Frauen nicht beeindruckt.“ Aber natürlich erklärte er sich bereit dazu, sich um Emil zu kümmern. Wenn er damit auch seiner Schwester eine Freude machen konnte …

2. KAPITEL

Barbara und Götz besprachen mit Lena gerade die Blumendekoration, die sie sich für ihr Fest im Blauen Salon wünschten. Zufällig kamen gerade Werner und Charlotte vorbei, und Barbara ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen.

„Wie schön, Sie zu sehen“, säuselte sie in Charlottes Richtung. „Götz und ich, wir wollen Sie ganz herzlich zu unserer Hochzeit einladen. Als besondere Ehrengäste.“

„Danke“, erwiderte Charlotte kühl.

„Ich bin sicher, dass wird das wundervollste Fest, das der Fürstenhof je erlebt hat“, fuhr Barbara schwärmerisch fort.

„Wollen wir mal hoffen, dass es dieses Mal mit dem Jawort klappt“, bemerkte Charlotte spöttisch. „Beim letzten Mal ging es ja leider daneben.“ Barbara ließ sich nicht anmerken, wie sehr diese Spitze sie kränkte.

„Da gehe ich bestimmt nicht hin“, meinte Charlotte zu ihrem Exmann, nachdem sie sich von Barbara und Götz verabschiedet hatten.

„Natürlich gehen wir hin“, widersprach Werner. „Das letzte Mal war es doch auch sehr unterhaltsam. Außerdem will ich unbedingt dabei sein, wenn dieser Idiot seinen Kopf in die Schlinge der Hexe legt.“ Die beiden tauschten ein zynisches Lächeln.

„Meinst du, es war eine gute Idee, die Saalfelds zu unserer Hochzeit einzuladen?“ Barbara lächelte nur und aß mit Appetit das Roastbeef, das sie sich im Restaurant bestellt hatte. „Ich weiß nicht, ob ich die beiden auf der Feier ertragen …“ Götz brach ab. Barbara hatte aufgestoßen und hielt sich nun die Hand vor den Mund.

„Mir geht’s auf einmal nicht so gut“, keuchte sie und erhob sich schwankend. „Einen Moment.“ Schnell verließ sie das Restaurant und hätte dabei beinahe Lena umgerannt. Die sah ihr verwirrt nach und kam dann zu ihrem Vater an den Tisch.

„Also, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, deine Zukünftige ist schwanger“, witzelte sie, doch zu ihrer Überraschung verzog Götz keine Miene. „Sag bloß!“ Sie starrte ihn an. „Das gibt’s doch nicht. Sie kriegt wirklich ein Baby? In ihrem Alter?“

„Zu keinem ein Wort, verstanden?“, zischte Götz. Lena verstand nicht, warum niemand von der Schwangerschaft erfahren sollte. „Wir wollen mit der Nachricht noch ein bisschen warten. Bis Barbara die kritischen drei Monate überstanden hat.“ Lena war noch immer fassungslos.

„Ich kriege also noch einen Bruder“, murmelte sie. „Oder eine Schwester. Die dann hoffentlich nicht nach ihrer Mutter kommt.“ Götz bedachte sie mit einem vorwurfsvollen Blick.

„Könntest du dir derartige Kommentare einfach sparen und mir stattdessen vielleicht gratulieren?“, fragte er säuerlich.

„Oh, natürlich“, erwiderte sie ironisch. „Du wirst noch mal Vater, herzlichen Glückwunsch. Ich freue mich für dich.“ Natürlich war Lena alles andere als begeistert von dieser Neuigkeit.

Alfons reagierte äußerst schlecht gelaunt, als abends André Konopka bei ihm und Hildegard auftauchte. Der Chefkoch hatte seine ganzen Sachen dabei – es sah nicht so aus, als wolle er nur eine Nacht bleiben.

„Ich bin Ihnen ja so dankbar, dass Sie mir Asyl gewähren“, sagte André und strahlte die Sonnbichlers an. „Sie sind wirklich gute Menschen. Das werde ich Ihnen nie vergessen.“

Rosalie rief Michael an, um ihm mitzuteilen, dass sie in München übernachten musste. Der DJ hatte den Termin nach hinten verschoben, und nun würde es so spät werden, dass sie nicht mehr mit dem Auto zurückfahren wollte. Es war Glatteis angesagt. Michael stimmte ihr zu und berichtete, dass es ihm gut ging. Er würde noch ein bisschen Musik hören und dann zu Bett gehen.

Doch kaum hatte er aufgelegt, hörte er ein leises Knacken aus dem Flur.

„Hallo?“, rief er erschrocken. „Ist da jemand?“

„Überraschung!“ Er erkannte Till Kloppenbecks Stimme sofort und wurde bleich. „Was ist? Freuen Sie sich nicht?“

„Was wollen Sie von mir?“, keuchte Michael.

„Die haben mich rausgeworfen!“, hielt Kloppenbeck ihm vor. „Nur, weil Sie Ihre Klappe nicht halten konnten!“

„Was ist eigentlich Ihr Problem?“ Michael bemühte sich, seine Stimme fest klingen zu lassen. „Sie hatten einen guten Job!“

„Für reiche Affen wie Sie den Hampelmann spielen?“, gab Till verächtlich zurück. „Den ganzen Tag Dauergrinsen? Für einen Hungerlohn? Das soll ein guter Job sein?!“

„Wenn Ihnen das alles so zum Hals raushängt, warum sind Sie dann überhaupt Fitnesstrainer geworden?“, fragte Michael, um Zeit zu gewinnen.

„Weil ich pleite war, verdammt noch mal!“, brach es aus Till heraus. „Und ich von irgendetwas leben muss! Ich habe wirklich etwas Besseres verdient! Stattdessen stehe ich jetzt auf der Straße, und Sie sind schuld!“ Kloppenbeck ballte die Fäuste, was Dr. Niederbühl natürlich nicht sehen konnte. Aber der Arzt hatte sich so lange an der Wand entlanggetastet, bis er nun endlich vor dem Lichtschalter stand. Mit dem Ellbogen betätigte er den Schalter – das Licht in der Wohnung ging aus. „He, was soll das?“, schrie Till.

„Gleiche Chancen für alle!“, gab Michael zurück und hörte schon ein Krachen: Sein Angreifer war über einen Stuhl gestolpert. Wie von Sinnen stürzte Michael sich auf ihn und schlug mit seinem Stock auf den am Boden Liegenden ein. „Den blinden Krüppel, den mach ich eiskalt fertig!“, stieß er dabei hervor. „Das hast du dir so gedacht, du miese kleine Ratte!“

„Aufhören!“ Kloppenbeck versuchte vergeblich, sich vor Michaels Schlägen zu schützen. Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und Jacob Krendlinger stand im Raum. Er hatte Rosalie ein Angebot wegen der Hochzeitskutsche überbringen wollen und brauchte einen Moment, um die Situation zu begreifen. Dann schaltete er hastig das Licht ein und hielt Dr. Niederbühl fest.

„Ist ja gut …“, murmelte er beruhigend. Michael versuchte weiter, um sich zu schlagen. „Ist ja alles gut …“ Ächzend richtete sich Till Kloppenbeck auf. Er hatte ordentlich etwas abbekommen.

Auf Michaels Geheiß hatte Jacob die Polizei gerufen, und die Beamten hatten Till Kloppenbeck gleich mitgenommen.

„Der wandert jetzt erst mal in den Bau“, stellte Jacob fest. Anscheinend war Kloppenbeck bei der Polizei kein Unbekannter. „Der hat eine ganz ansehnliche Latte an Vorstrafen. Diebstahl, Schlägerei und was sonst noch so passt.“

„Und so einer arbeitet als Fitnesstrainer im Fürstenhof“, seufzte Michael erschöpft. Till musste sich mit gefälschten Papieren beworben haben, sonst hätte Rosalie ihn doch niemals eingestellt. Jacob holte Bier aus dem Kühlschrank und erkundigte sich dann, ob Dr. Niederbühl Schmerzen hätte. „Geht so.“ Aber ins Krankenhaus wollte Michael nicht.

„Kann ich sonst irgendwas für Sie tun?“, fragte Jacob. Der Arzt verneinte überfordert. Doch dann verlor er plötzlich die Beherrschung.

„Ich schaff das nicht mehr!“, rief er auf einmal. „Ich weiß nicht, wie ich weitermachen soll! Ständig stoße ich mich irgendwo, und wenn ich mir ein Brötchen schmiere, landet die Marmelade auf dem Boden! Rosalie ist toll, sie wischt es weg und lacht drüber …“ Erschöpft hielt er inne.

„Machen Sie sich keinen Stress“, meinte Jacob beklommen. „Das spielt sich alles ein.“

„Blind zu sein, ist der absolute Albtraum.“ Nun liefen die Tränen über Michaels Wangen.

Markus war allein zu Haus und las ein Buch auf dem Sofa, als es klopfte. Eva stand vor der Tür und bat darum, eintreten zu dürfen.

„Es tut mir leid“, begann sie verlegen. „Was du für Emil getan hast, ist unglaublich. Ich habe mich wie verrückt gefreut.“

„Das freut mich“, erwiderte Markus aufrichtig.

„Und dann laufe ich einfach davon und lasse dich auf der Wiese stehen“, fuhr sie fort, geriet dann jedoch ins Stocken. „Als wir uns umarmt haben … Das war so schön. Aber irgendwie auch komisch. Auf einmal warst du so nah.“ Sie war überfordert gewesen, obwohl sie die Nähe auch genossen hatte. „Ich glaube, ich hatte einfach Angst …“ Er konnte nicht aufhören, sie anzusehen. Und als sie nun schwieg, zog er sie einfach an sich und küsste sie. Und sie erwiderte seinen Kuss. Zuerst schüchtern, aber dann voller Leidenschaft. Eng umschlungen taumelten die beiden Richtung Sofa. Und bekamen gar nicht mit, dass Lena plötzlich in der Tür der Dachkammer stand. Sie machte sich auch nicht bemerkbar, sondern zog sich mit einem leisen Lächeln auf den Lippen wieder zurück. Irgendwo im Hotel würde sie heute schon einen Platz zum Übernachten finden …

Markus war schon eingeschlafen, hielt Eva aber noch immer fest in seinem Arm. Liebevoll betrachtete sie ihn. Es fühlte sich an wie nach Hause kommen. Trotz der elf Jahre, die vergangen waren. So vertraut und nah … Und irgendwie war es auch ganz anders. Neu und unglaublich aufregend … Sie fühlte sich so glücklich wie lange nicht mehr.

Am nächsten Morgen war es Markus, der Eva liebevoll betrachtete – er war vor ihr aufgewacht und konnte sein Glück kaum fassen.

„Guten Morgen“, sagte er zärtlich, als sie die Augen aufschlug.

„Guten Morgen“, erwiderte sie und küsste ihn.

„Was hältst du von Rührei, Obstsalat und dem weltbesten Milchkaffee, den Lenas altersschwache Kaffeemaschine hergibt?“, fragte er. Eva lachte und wollte dann erst mal wissen, wann Lena gestern überhaupt nach Hause gekommen wäre. Sie hatte gar nichts gehört. „Sie muss sich wie ein Mäuschen in die Wohnung geschlichen haben“, meinte Markus. Nun warf Eva einen Blick auf die Uhr und erschrak. Es war später, als sie gedacht hatte. Sie musste zu Valentina. Aus dem gemeinsamen Frühstück wurde leider nichts.

Markus beobachtete sie, während sie sich hektisch anzog.

„Wenn das gehen könnte … Einen Moment aus seinem Leben für immer festzuhalten … Ich würde es genau jetzt tun.“ Eva hielt inne und strahlte ihn verzaubert an.

Rosalie erfuhr erst, als sie morgens aus München zurückkam, was sich in ihrer Wohnung zugetragen hatte. Und sie reagierte schockiert, als sie begriff, dass sich Till Kloppenbeck tatsächlich an Michael hatte rächen wollen.

„Wir haben uns geprügelt“, erzählte Michael. „Zum Glück kam Jacob Krendlinger vorbei, weil er etwas Dienstliches mit dir besprechen wollte. Er hat sofort die Polizei gerufen, und die haben den Mistkerl gleich mitgenommen.“ Bestürzt nahm sie ihren Verlobten in die Arme.

„Das ist ja schrecklich“, flüsterte sie. „Es tut mir so leid. Ich hätte dich nie allein lassen dürfen.“

„Dann hätte Kloppenbeck abgewartet, bis du mal länger im Büro bist“, sagte Michael überzeugt. „Er ist übrigens vorbestraft, und dank Hausfriedensbruch, Diebstahl und Körperverletzung sehen wir ihn so schnell nicht wieder. Ich glaube, ich habe es ihm ganz schön gegeben.“ Ein Anflug von Stolz lag in seinen letzten Worten.

Als die beiden kurz darauf durch die Lobby gingen, liefen sie Jacob Krendlinger in die Arme. Michael bedankte sich noch einmal für seinen Einsatz am gestrigen Abend. Und Rosalie schloss sich ihrem Verlobten an.

„Ich finde es ganz toll, was Sie für Michael getan haben“, erklärte sie. „Eine echte Heldentat.“

„Das war keine große Sache“, wehrte Jacob ab und blickte Rosalie intensiv in die Augen. „Und der Held steht neben Ihnen. Ich habe nur die Polizei gerufen. Und aufgepasst, dass Ihr Verlobter von Kloppenbeck noch was übrig lässt.“

„Hätten Sie vielleicht Lust auf einen kleinen Dankeschönkaffee mit einem Stück echter Sachertorte?“, schlug Michael da vor. Überrumpelt sah Jacob Rosalie an und schüttelte stumm den Kopf. Die hob nur die Schultern.

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