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Verlangen unter falschem Namen

PROLOG

Vicenzo Valentini stand vor dem Londoner Krankenhaus. Er sah nichts, spürte nur den Schmerz – die Trauer. Der Arzt hatte von einem tragischen Unfall gesprochen. Aber Vicenzo wusste, dass es viel mehr gewesen war. Während er an die beschönigende Formulierung dachte, ballte er die Hände zu Fäusten. Zwei Menschen waren bei dem Unfall ums Leben gekommen: seine geliebte Schwester Allegra und ihr hinterhältiger Liebhaber Cormac Brosnan. Ein Mann, der sie eiskalt berechnend verführt hatte und dabei mit einer Hand nach ihrem Vermögen griff, während er mit der anderen versuchte, Vicenzo davon abzuhalten, sich einzumischen. Wieder stieg Wut in Vicenzo hoch. Er hatte keine Ahnung von Brosnans Einfluss und seinen Betrügereien gehabt, bis es zu spät gewesen war. Jetzt wusste er alles, aber die Information war nichts mehr wert, weil sie Allegra nicht zurückbrachte.

Allerdings hatte eine Person den Unfall überlebt und letzte Nacht, nur eine Stunde nach der Aufnahme, das Krankenhaus wieder verlassen. „Ohne einen Kratzer. Unglaublich“, hatte der Arzt gesagt. „Aber die junge Frau trug auch als Einzige einen Sicherheitsgurt. Der hat ihr zweifellos das Leben gerettet. Das nenne ich Glück!“

Glück?

Die Rede war von Cara Brosnan, Cormacs Schwester, und bei dem Gedanken sah Vicenzo rot. Dem Unfallbericht nach zu urteilen, hatte Cormac hinter dem Steuer gesessen, aber deshalb war Cara Brosnan nicht weniger verantwortlich für das, was sie vorher gemeinsam geplant hatten. Vom Arzt hatte Vicenzo nämlich auch noch erfahren, dass Allegra große Mengen Drogen und Alkohol im Blut gehabt hatte. Vicenzo biss die Zähne zusammen. Wäre er bloß früher hier gewesen! Dann hätte er dafür gesorgt, dass diese Cara nirgendwohin ging, bevor er ihr nicht in die Augen gesehen und ihr klargemacht hatte, dass sie ihm dafür büßen würde.

Jetzt fuhr Vicenzos Fahrer vor, wobei der kraftvolle Motor des hochglänzenden, windschnittigen Wagens leise schnurrte. Vicenzo zwang sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen und auf dem Rücksitz Platz zu nehmen. Als sie die abweisend wirkende Krankenhausfassade hinter sich ließen, unterdrückte er den drängenden Wunsch, den Fahrer zur Umkehr zu bitten. Am liebsten wäre Vicenzo noch einmal zu Allegra gegangen, um sich davon zu überzeugen, dass sie wirklich tot war.

Doch er bezwang dieses schreckliche, ganz ungewohnte Gefühl. Seine Schwester war tot! Da, hinter ihnen, in der Leichenhalle, lagen nur noch ihre sterblichen Überreste. Das war das erste Mal in all den Jahren, dass ihn etwas wirklich berührte. Seitdem er damals den Schutzwall um seine Gefühle und sein Herz errichtet hatte, war er stark und unanfechtbar geworden. Von dieser Stärke musste er jetzt zehren. Besonders wegen seines Vaters. Als dieser vom Tod der geliebten, einzigen Tochter erfahren hatte, hatte er einen Schlaganfall erlitten und lag seitdem im Krankenhaus. Immerhin war sein Zustand so stabil, dass Vicenzo diese Reise unternehmen konnte.

Als sie jetzt ins Gedränge der morgendlichen Londoner Rushhour gerieten, kehrten Vicenzos Gedanken noch einmal zu der Frau zurück, die zu dem schrecklichen Unfall beigetragen hatte. Dass sie so bald danach völlig unbeschadet aus dem Krankenhaus marschiert war, machte seine Verbitterung noch größer.

Mit versteinerter Miene sah er hinaus, wo die Leute geschäftig und völlig unbeschwert ihren Alltag aufnahmen.

Cara Brosnan war sicherlich eine von ihnen. In diesem Augenblick wusste Vicenzo, dass er sie finden musste, um ihr vor Augen zu führen, was sie und ihr Bruder mit ihrem teuflischen Plan angerichtet hatten. Sie sollte wenigstens ein wenig von dem Schmerz empfinden, den er im Augenblick fühlte.

Er musste ohnehin noch einige Zeit in London bleiben, bis alle notwendigen Papiere beisammen waren. Danach wollte er seine Schwester mit nach Hause nehmen, um sie neben ihren Vor fahren beizusetzen. Dabei war sie noch so jung gewesen …

1. KAPITEL

Sechs Tage später

„Aber Rob, ich kann heute arbeiten, und ich fahre auch erst morgen nach Dublin. Es liegt schließlich nicht am anderen Ende der Welt“, erklärte Cara. Dabei konnte sie aber weder das Zittern in der Stimme verbergen noch die Tatsache, dass sie immer noch ganz wackelig auf den Beinen war.

Ihr guter Freund Rob stellte das auch fest und zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „Genau, und ich bin der Kaiser von China. Setz dich jetzt auf diesen Barhocker, bevor du mir noch umkippst. Du wirst an deinem letzten Abend hier nicht arbeiten. Ich habe dir zwei Wochenlöhne zugesagt, und du bekommst auch deinen Anteil vom Trinkgeld.“

Cara wollte anmerken, dass sie ja überhaupt keine zwei Wochen mehr im Club arbeiten würde, als sie den unerbittlichen Ausdruck auf Robs hübschem Gesicht sah. Dann schenkte er ihr einen Schluck Brandy ein und schob ihr das Glas über den soliden Eichentresen.

„Da, ich glaube, das ist längst überfällig. Bei der Beerdigung hast du schon so ausgesehen, als würdest du gleich in Ohnmacht fallen.“

Endlich gab sie auf und setzte sich auf den Barhocker. Im Club war es schummrig und warm. Dieser Ort hatte ihr in den vergangenen Jahren ein richtiges Zuhause ersetzt. Auch jetzt fühlte sie sich behaglich, weil ihr guter alter Freund so verständnisvoll reagierte.

„Danke, Rob, und danke, dass du mich gestern mit den Jungs begleitet hast. Ich glaube, allein hätte ich es nicht überlebt. Glücklicherweise sind Barney, Simon und du dabei gewesen.“

Rob legte seine Hand auf ihre. „Schätzchen, wir hätten dich das auf keinen Fall allein durchstehen lassen. Du weißt verdammt gut, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis etwas passiert ist. Wir können von Glück reden, dass es dich nicht auch erwischt hat. Aber Cormac ist nun nicht mehr da, der Unfall war nicht deine Schuld, darum will ich auch nichts mehr davon hören.“

Ja, aber ich hätte mich mehr bemühen können, die beiden aufzuhalten … Allegra zu beschützen … Diesen Gedanken wurde Cara einfach nicht los, und er machte sie ganz krank. Sie lächelte schwach. Natürlich hatte Rob sie trösten wollen, aber seine Worte hatten sie nur wieder an alles erinnert. Ständig warf sie sich seit dem Unfall vor, dass es ihr nicht gelungen war, Cormac an jenem Abend daran zu hindern, selbst zu fahren. Dabei war sie mit ihrem Bruder und Allegra ins Auto gestiegen, weil sie im Gegensatz zu den beiden nichts getrunken hatte und versuchen wollte, sie vor einer Dummheit zu bewahren.

Erneut rang sich Cara ein Lächeln ab und strengte sich dieses Mal ein bisschen mehr an, damit Rob ihr auch abnahm, dass sie okay war.

„Na, geht doch! Das ist meine Cara! Jetzt trink das aus, und du wirst dich gleich besser fühlen.“

Cara erfüllte ihm den Wunsch und verzog das Gesicht, als ihr der Brandy wie Feuer in der Kehle brannte. Dann spürte sie die Wirkung. Es wurde ganz warm in ihrem Bauch, und ihr Magen beruhigte sich. Spontan beugte sie sich über den Tresen, zog Rob zu sich und gab ihm sacht einen Kuss auf die Lippen. Rob bedeutete ihr so viel. Er hatte so lange auf sie aufgepasst. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, wie leer und hoffnungslos ihr Leben ohne ihn gewesen wäre.

Bevor er ihr einen Kuss auf die Stirn gab, drückte Rob sie ganz fest an sich. Sein Blick wurde von etwas hinter Cara abgelenkt. „Sieht so aus, als würde unser erster Gast für heute Abend kommen.“

Als Cara sich umdrehte, sah sie durch den Spalt in dem schweren Vorhang, der die VIP-Bar vom Rest des Clubs trennte, einen großen, dunklen Schatten. Aus irgendeinem Grund überlief sie ein merkwürdiges Kribbeln, aber sie tat es ab und wandte sich wieder Rob zu. Bis jetzt war es im Club herrlich ruhig gewesen, und Cara beschloss, bald zu gehen. Sie hatte herzlich wenig zu packen, um nach Dublin zurückzukehren. Aber wenigstens wäre sie dann morgen gleich fertig, wenn der Gerichtsvollzieher käme, um die Schlüssel des Apartments in Empfang zu nehmen. Plötzlich bekam sie bei dem Gedanken, allein in die riesige, leere Wohnung zurückzukehren, ein ungutes Gefühl. Ihr war wieder eingefallen, wer ihr da gestern Abend nach der Beerdigung aufgelauert hatte. Doch sie wollte nicht weiter darüber nachdenken. Die vergangene Woche war auch so schon kaum zu ertragen gewesen.

Nach dem Tod der Eltern hatte das Gericht ihrem Bruder die Verantwortung für sie aufgebürdet. Damals war Cara sechzehn gewesen. Seine Verärgerung darüber ließ er sie all die Jahre spüren. Aber er erkannte auch rasch die Vor teile der neuen Situation und betrachtete sie als seine persönliche Köchin und Putzfrau. Cara hatte nicht erwartet, dass er ihr etwas vererben würde. Aber es war doch ein Schock gewesen, dass er ihr Schulden in astronomischer Höhe hinterließ und diese beinah zeitgleich beglichen wurden.

Rob zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich, und Cara war froh darüber. „Honey“, murmelte er leise, das Kinn elegant auf dem Handrücken abgestützt, sah er an ihr vorbei. „Dreh dich nicht um, aber dieser dunkelhaarige Zweimetertyp, der gerade hereingekommen ist, sieht einfach göttlich aus. Bei dem würde sogar ich die Klappe halten, um ihn nicht von meiner Bettkante zu vertreiben.“

Aus einem unerfindlichen Grund verspürte Cara wieder dieses merkwürdige Kribbeln. Außerdem war es ihr ein bisschen peinlich, dass sie ein hautenges Minikleid trug. Aber sie hatte ja im Club arbeiten wollen. Jetzt zupfte sie unwillkürlich am Rocksaum, um ihre Oberschenkel ein wenig mehr zu bedecken, und wunderte sich über ihre Reaktion. Nach den vergangenen Tagen war sie vielleicht einfach nur etwas überdreht. Dann lächelte sie, weil Rob so offensichtlich auf den Typ abfuhr. „Ich bitte dich, Rob, das sagst du doch von jedem!“

Mit einem betrübt-träumerischen Gesichtsausdruck schüttelte Rob den Kopf. „O nein. Dieser ist … wie keiner – und unglücklicherweise sagt mir meine Intuition, dass er auch noch super im Bett ist.“ Rob richtete sich auf. „Okay, er kommt hier rein. Er muss jemand Wichtiges sein. Cara, Süße, setz dich gerade hin und lächle. Und lass dir eins gesagt sein: ein bisschen Flirten und ein heißer One-Night-Stand mit einem Kerl wie dem, und alle Erinnerungen an deinen tyrannischen Bruder sind vergessen. Das wäre jetzt genau das Richtige, bevor du zu Hause neu anfängst.“

Und dann, quasi übergangslos, wandte Rob seine Aufmerksamkeit dem geheimnisvollen Fremden zu, der sich neben Cara stellte. „N’Abend, Sir. Was möchten Sie trinken?“

Cara bekam eine Gänsehaut und schob es Robs anzüglichem Vor schlag zu, dass sie die Anwesenheit des Mannes so aufwühlte. Auch wenn sie keineswegs die Absicht hatte, sich einem Wildfremden hinzugeben. Außerdem wollte sie ihr erstes Mal bestimmt nicht am Abend nach der Beerdigung ihres Bruders erleben. Selbst Rob schien zu glauben, dass sie tatsächlich so lebenslustig war, wie sie es zu sein vorgab. Aber das war nur eine Fassade, hinter der sie Schutz suchte. Die Rolle des Vamps hatte sie sich sozusagen auf den Leib geschneidert, um vor Cormacs schneidenden Kommentaren sicher zu sein, und sie half ihr auch, um im Club nicht ungewollt Aufmerksamkeit zu erregen.

Cara beschloss, dass jetzt der Moment gekommen war, um zu gehen. Gerade wollte sie von ihrem Barhocker rutschen, als sie sich dabei unbewusst dem Mann neben ihr zuwandte. Es herrschte eine vielsagende, angespannte Stille. Wie an Fäden gezogen sah Cara auf und fand sich Auge in Auge mit dem Fremden wieder, der zu ihr hinunterblickte – mit Augen, die grün-golden unter den langen Wimpern zu leuchten schienen. Die schwarzen Augenbrauen und hohen Wangenknochen machten sein Gesicht noch markanter. Dabei bildete sein Mund nur eine dünne Linie und hätte eigentlich kühl und abweisend auf sie wirken sollen, doch er zog Caras Blick auf sich und ließ sie in der Bewegung innehalten. Urplötzlich befiel sie der merkwürdig drängende Wunsch, ihre Lippen auf eben diesen Mund zu legen. Das war ihr noch bei keinem Mann passiert!

All dies geschah im Bruchteil einer Sekunde. Zusammen mit der Erkenntnis, dass der Fremde mit seinen breiten Schultern auch noch das bisschen Licht nahm, das es an der Bar gab. Er musste gut einen Meter neunzig groß sein. Wie er da so lässig und auch ein bisschen arrogant vor ihr stand, war Cara klar, dass Rob hin und weg sein musste. Der Mann trug einen schweren Mantel, aber darunter stand der oberste Hemdknopf offen und ließ mehr als nur ein bisschen olivfarbene Haut erkennen.

Während sie einander scheinbar ewig in die Augen sahen, begriff Cara gar nicht, warum ihr auf einmal so warm im Bauch wurde und ihr das Blut in den Ohren rauschte. Nun stockte ihr auch noch der Atem, und sie fühlte sich ein wenig benommen. Dabei saß sie immer noch halb auf dem Barhocker.

Von weit, weit her hörte sie Robs Stimme. „Sir?“

Der Fremde wartete noch einen Moment, bevor er den Blick von Cara abwandte. Seine Stimme war leise, tief und hatte einen Akzent. Bevor Cara wusste, wie ihr geschah, schob Rob ihr einen weiteren Brandy über die Theke und wies mit einem Augenzwinkern auf den Fremden.

„Von dem Gentleman“, sagte er noch und ließ sie dann leise vor sich hin pfeifend allein.

Insgeheim verfluchte Cara ihn. „O nein“, wandte sie sich dann an ihren Gönner, „das kann ich nicht annehmen … ich wollte auch gerade gehen.“

„Bitte gehen Sie nicht meinetwegen.“

Weil er sich so direkt an sie wandte, blieb Cara wie angewurzelt sitzen. Nur zögerlich sah sie wieder zu ihm, aus Angst, erneut dieses heiß brennende Gefühl im Bauch zu bekommen. Doch sie konnte es nicht vermeiden. Diesmal schien sich die Wärme auch bis in den letzten Winkel ihres Körpers auszubreiten. Als der Mann sie jetzt auch noch anlächelte, war es endgültig um sie geschehen. Nur am Rande nahm sie wahr, dass sie nach wie vor nur halb auf dem Barhocker saß, und das Ganze bestimmt lächerlich wirkte.

Der Fremde zog Mantel und Jackett aus. Dabei kam ein dünnes Seidenhemd zum Vor schein, und der herrliche Körper, den Cara bereits vermutet hatte, präsentierte sich ihr mit einer Deutlichkeit, dass ihr beinah das Herz stehen blieb. Sein muskulöser Oberkörper war nur noch Zentimeter von ihrem entfernt, und durch den Stoff des Seidenhemds sah sie, dass er auch darunter eine schöne Sonnenbräune besaß.

Er setzte sich lässig auf den Barhocker neben sie und versperrte ihr damit sozusagen den Fluchtweg. Cara kämpfte einen Kampf, den sie nur verlieren konnte, und sie wusste es. Hier und jetzt hatte ein Wildfremder in wenigen Sekunden ihren Körper aus seinem zweiundzwanzigjährigen Dornröschenschlaf erweckt. Dabei war sie genauso wenig in der Lage, sich zu bewegen, wie es ihr gelang, ohne zu stocken einen zusammenhängenden Satz zu formulieren.

„Na gut … Dann … Dann trinke ich mal … was … was Sie mir ausgegeben haben“, brachte sie geradeso heraus. Sie wollte den Brandy auf einmal hinunterstürzen und dann das Weite suchen. Aber der Fremde ergriff wieder das Wort, und ihre Entschlossenheit, den Club zu verlassen, schrumpfte um ein Vielfaches.

„Wie heißen Sie?“

Peinlicherweise musste sie einen Augenblick nachdenken, bevor sie antworten konnte: „Cara. Cara Brosnan.“

Er sah sie einen geraumen Moment an, dabei war sein Blick nicht zu deuten. „Cara …“

So wie er ihren Namen betonte, beinah wie einen Kosenamen, errötete sie unwillkürlich und bekam regelrecht Gänsehaut. „Nun, eigentlich spricht man ihn hart aus“, sagte sie dann und dachte: und nicht so melodiös, wie Sie es getan haben. Beim Klang ihres Namens hatte sie den Eindruck gehabt, er zöge einen Seidenstoff über ihre Haut.

Ein kleiner, scheinbar immer noch funktionierender Teil ihres Gehirns hinterfragte nun auch ihren Geisteszustand und diese noch nie da gewesene Reaktion ihres Körpers. Lag es daran, dass sie der Unfall und die Beerdigung in einen Schockzustand versetzt hatten? Oder an Robs anzüglicher Bemerkung? An ihrer Trauer? Obwohl sie ihren Bruder nicht wirklich gemocht hatte. Mit seinen jahrelangen Alkohol- und Drogenexzessen hatte er alle derartigen Gefühle für ihn zerstört. Aber sie wäre ja wohl kein Mensch gewesen, wenn sie nicht auch positive Seiten an ihm gefunden hätte. Doch um Allegra, die ebenfalls bei dem Unfall ums Leben gekommen war, trauerte sie wirklich.

„Woher sind Sie?“, lenkte der Mann sie jetzt glücklicherweise von ihrem Schmerz ab. Dabei zog er eine schwarze Augenbraue hoch, was ihm einen teuflischen Zug gab.

„Aus Dublin. Ich habe seit meinem sechzehnten Lebensjahr in London gewohnt, aber morgen kehre ich wieder nach Hause zurück“, antwortete sie ausführlicher, als nötig gewesen wäre. Währenddessen sah er sie so eindringlich an, als wollte er in sie hineinblicken. Instinktiv wusste Cara, dass dieser Mann das Zeug dazu hatte, sie im Sturm zu erobern. Sobald sie daran dachte, breitete sich wieder diese Wärme in ihrem Bauch aus.

Er hob sein Glas. „Nun, dann wollen wir auf Ihren Neuanfang trinken. Nicht jeder hat so viel Glück, dass er noch einmal von vorn beginnen kann.“

Er klang ein wenig angespannt, lächelte aber, und so zerstreuten sich ihre Bedenken.

„Und Sie? Wie heißen Sie, und woher kommen Sie?“, fragte Cara ihn, nachdem sie einen Schluck getrunken hatte. Es klang beinahe wie die Moderatorin einer Quizshow, aber das schien er nicht zu bemerken.

Wieder brauchte er einen Moment, bevor er antwortete. Er schien über etwas nachzudenken, und Caras Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

„Aus Italien“, sagte er schließlich. „Enzo … Ich heiße Enzo, und es freut mich, Sie kennenzulernen.“

Als er Italien erwähnte, zuckte sie zusammen. Allegra war Italienerin gewesen: Sardin. Cara zwang sich zu atmen. Es war nur ein Zufall, wenn auch ein schmerzlicher. Der Mann hielt ihr seine große Hand hin, die gepflegt aussah, aber auch so, als könnte er damit zupacken. Zögerlich reichte sie ihm ihre, viel kleinere, Hand, die er warm und mit festem Druck umschloss. Einen Moment behielt er seine Fingerspitzen auf der Innenseite ihres Handgelenks, als wollte er ihr den Puls fühlen. Unwillkürlich durchströmten Cara Gefühle, derer sie sich nicht erwehren konnte. Ihr Mund wurde ganz trocken, und ihre Pupillen weiteten sich. Dabei schien dieser Enzo genauso gefangen genommen. Dann blitzte es in seinen Augen, und kurzzeitig wirkte sein Gesichtsausdruck abweisend. Doch schnell lächelte er wieder und sah dabei umwerfend sexy aus.

Oje!

Schließlich entzog ihm Cara ihre Hand und redete sich ein, dass sie nicht kribbelte. An eine so intensive Begegnung mit einem Mann war sie einfach nicht gewöhnt und mehr als nur ein bisschen aufgewühlt. Plötzlich brauchte sie einfach Abstand, und darum ließ sie sich vom Barhocker rutschen. Als sie den Mann dabei aus Versehen berührte, überlief sie ein wohliger Schauer.

„Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment.“

Auf sehr wackeligen Beinen strebte sie dem dicken Vorhang zu, der die VIP-Lounge vom Rest des sich nun rasch füllenden Clubs trennte. Zunächst hörte sie die Musik nur gedämpft, aber dann umso lauter jenseits des Vorhangs. Sie floh regelrecht auf die Damentoilette und schloss mit Erleichterung die Tür hinter sich. Dann stellte sie sich vor den Spiegel im Vorraum und legte ihre Hände auf die kühlenden Fliesen des Waschtischs. Doch der Abstand zu dem Mann trug kaum dazu bei, ihren Puls zu beruhigen oder die hektischen Flecken von ihren Wangen zu vertreiben. Der Typ besaß so viel Charisma, dass er immer noch bei ihr zu sein schien.

Wieso passierte ihr das jetzt? Ausgerechnet an diesem Abend? Sie war doch nichts Besonderes mit ihren langen roten Haaren, den grünen, ein bisschen ins Haselnussbraun gehenden Augen und dem blassen, viel zu sommersprossigen Gesicht. Ihr Körper war eher jungenhaft, und sie trug überhaupt kein Make-up. Was fand der Mann bloß an ihr?

Aber das konnte ihr eigentlich auch egal sein, weil sie morgen endlich nach Dublin zurückfuhr, weg von London, wo sie nie heimisch geworden war. Die Tatsache, dass sie sich seit dem Tod ihrer Eltern in diesem Club und bei seinen Angestellten noch am ehesten zu Hause gefühlt hatte, sprach Bände.

Doch dann – urplötzlich – war da wieder die schreckliche Erinnerung an den Autounfall, die sie wie ein Blitz durchzuckte und ihr das Blut aus dem Gesicht trieb. Dabei spielte sich vor ihrem geistigen Auge immer wieder die gleiche grauenhafte Szene ab: die regennasse Straße und der Wagen, der direkt auf sie zukam. Cara war wie gelähmt gewesen und hatte Cormac nicht warnen können. Und selbst wenn … hätte es den Unfall wohl kaum verhindert.

Jetzt umfasste sie den Waschtisch so fest, dass sich ihre Knöchel deutlich abzeichneten. Wie der war da der Schreck und fuhr ihr in den Magen. Diesmal aber so akut, dass sie sich eine Hand auf den Bauch legen musste. Wie hatte sie nur für einen Moment das furchtbare Ereignis vergessen können, das doch erst wenige Tage zurücklag? Dabei war sie völlig unverletzt aus dem total verbeulten Wagen gestiegen. Die Sanitäter hatten gesagt, es sei ein Wunder, dass sie überlebt habe.

Enzo … Er hatte sie das alles für einen Moment vergessen lassen. Cara sah wieder in den Spiegel, streng diesmal, und versuchte, das aufgeregte Glitzern in ihren Augen zu übersehen. Bestimmt war er weg, wenn sie zurückkam. Die Männer, die zufällig diesen Club besuchten, wollten meistens nur sehen, wer sich den teuersten Champagner leisten und die schönsten Frauen um sich scharen konnte.

Diesen Eindruck hatte Enzo ihr eigentlich nicht vermittelt. Dazu war er viel zu weltmännisch und zweifellos richtig reich – das konnte sie schon von weitem erkennen. Allein der Gedanke ordnete ihn allerdings einer Gruppe von Menschen zu, die sie verabscheute: Millionäre. Sie verachtete die Macht, die sie gern ausspielten, und den völlig übertriebenen Lebensstil, den viele von ihnen führten.

Ob sie wohl einen der Angestellten bitten sollte, ihre Sachen zu holen? Aber dann tat sie ihre Furcht als lächerlich ab. Sie konnte damit umgehen, ob er nun fort war oder nicht.

Als Cara in die VIP-Lounge zurückkehrte, lösten sich allerdings ihre guten Vorsätze in Wohlgefallen auf. Er war weg, und obwohl sie sein Verschwinden schon vorausgesehen hatte, war sie so enttäuscht, dass sie unwillkürlich die Schultern hängen ließ. Sie kämpfte immer noch mit dem beklemmenden Gefühl, verlassen worden zu sein, als ihr einer der Barkeeper einen zusammengefalteten Zettel in die Hand drückte. Es war eine rasch hingekritzelte Mitteilung von Rob.

Sweetie, ich musste weg – bei Simon und mir hängt mal wieder der Haussegen schief. Ich ruf dich morgen an, bevor du losfährst! Küsschen, Robbie

Betrübt schüttelte Cara den Kopf und musste sich eingestehen, dass sie gehofft hatte, die Notiz wäre von Enzo. Wie lächerlich!

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