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Verlangen – unbezähmbar wie ein Sturm

Emilie Rose

Verlangen – unbezähmbar wie ein Sturm

AUSZUG AUS DEM TESTAMENT VON DONALD JARROD

… und meinem Sohn Gavin hinterlasse ich meinen Reitstall. Gern erinnere ich mich daran, wie du als Kind und Jugendlicher viele Stunden bei den Pferden in der großen Scheune verbracht hast, um sie zu versorgen. Wie oft bist du nicht zum Essen gekommen, weil du erst die Pferde füttern wolltest! Stolz konnte ich feststellen, wie ernst du diese Aufgabe genommen hast und dass du mit viel Freude mit deinen Pferden ausgeritten bist. Kannst du dir vorstellen, dass es mir fast das Herz gebrochen hat, als du weggegangen bist, ohne dich noch einmal umzusehen? Wenn du jetzt erneut für die Pferde verantwortlich bist, dann findest du vielleicht wirklich wieder heim …

1. KAPITEL

„Du hast gesagt, es wäre eilig. Und hier sind wir auch schon.“ Gavin Jarrod betrat noch vor seinem ältesten Bruder Blake das Büro von Christian Hanford. Es war Montagmorgen. Dass der Familienanwalt sie so dringend sprechen wollte, bedeutete normalerweise nichts Gutes.

„Bitte, setzt euch.“ Christian wies auf die beiden Besucherstühle. „Danke, dass ihr gekommen seid. Leider habe ich keine guten Nachrichten.“

Gavin warf seinem Bruder einen Blick zu, mit dem er sagen wollte: Hab ich’s doch gewusst. „Das wundert mich nicht. Seit Vaters Tod vor fünf Monaten hast du uns nichts Erfreuliches mitzuteilen. Das fing schon bei der Testamentseröffnung an. Dass wir ins Jarrod Ridge zurückkehren und mindestens ein Jahr hier bleiben müssen, wenn wir unseren Erbanspruch nicht verlieren wollen, war schon schlimm genug. Dafür mussten wir alles aufgeben, was wir uns bisher ohne die Hilfe des Vaters aufgebaut hatten.“ Er seufzte. „Was gibt’s denn jetzt?“

„Diesmal geht es um eure Erweiterungspläne, genauer gesagt, um die Genehmigung für den Bau des Luxusbungalows.“

„Ja, und? Warum dauert das so lange? Wir haben bereits den ersten November, und das Fundament sollte gegossen sein, bevor der Frost einsetzt.“

„Dass ihr die Genehmigung nicht bekommen habt, hat einen ganz einfachen Grund. Das Stück Land, auf dem ihr den Bungalow errichten wollt, gehört euch nicht.“

„Was?“, riefen Gavin und Blake wie aus einem Mund. Dann beugte Blake sich vor. „Das kann nicht sein. Es liegt doch mitten auf unserem Besitz. Wieso sollte es nicht der Familie gehören?“

Christian nahm eine Luftaufnahme vom Jarrod Ridge aus der Schreibtischschublade und breitete sie vor sich aus. „Hier wollt ihr bauen.“ Er wies auf ein dickes handgemaltes X in der Mitte eines großen rot umrandeten Gebiets. „Als wir uns das Grundbuch angesehen haben, mussten wir feststellen, dass euer Großvater dieses Stück Land vor fünfzig Jahren an Henry Caldwell abgegeben hat.“

Caldwell? Gavin zerbrach sich den Kopf, aber er hatte keine Ahnung, wer das sein konnte. Na ja, mit achtzehn hatte er Aspen verlassen. Kein Wunder, dass er sich nicht mehr an die Namen der einzelnen Familien erinnerte. Denn in den zehn Jahren, die er möglichst weit entfernt von dem beherrschenden Vater verbracht hatte, war er höchst selten zu Hause gewesen. Dass er und der alte Don nicht gut miteinander ausgekommen waren, war eine glatte Untertreibung. Er hatte den Vater gehasst. „Wer, zum Teufel, ist dieser Caldwell?“

„Ihm gehört das Snowberry Inn, ein großer Gasthof hier in Aspen, den es schon so lange gibt wie das Jarrod Ridge.“

„Aber warum hätte unser Großvater ihm das Land mit der ausgebeuteten Mine verkaufen sollen?“ In der alten Mine hatte Gavin als Kind besonders gern gespielt. Er hatte mit seinen Brüdern sämtliche Schächte erforscht. Und später hatte er seine häufig wechselnden Freundinnen gern dahin mitgenommen …

„Noch erstaunlicher ist, dass Caldwell diese Mine kaufen wollte“, fügte Blake hinzu. „Das bisschen Silber, das vielleicht noch zu gewinnen war, lohnte den Aufwand sicher nicht.“

„Diese Frage habe ich mir auch gestellt“, sagte Christian zustimmend. „Aber meine Nachforschungen haben ergeben, dass euer Großvater das Land nicht verkauft hat. Er hat es offenbar beim Pokern verloren.“

„Das gibt’s doch nicht!“ Fassungslos sah Gavin den Anwalt an. „Und wenn schon. Dann kaufen wir es ihm eben wieder ab.“

„Viel Glück!“ Christian lächelte kurz. „Aus den Unterlagen geht hervor, dass euer Vater genau das immer wieder versucht hat. Aber der alte Caldwell will nicht verkaufen.“

Blake sah erstaunlich gelassen aus, wenn man bedachte, dass ein Projekt zu scheitern drohte, in das schon so viel investiert worden war. „Dann müssen wir wohl auf ein anderes Stück Land ausweichen. Aufgeben können wir die Sache nicht, denn die Baupläne sind bereits fertig, und der Bauunternehmer ist fest verpflichtet. Von dem Material ganz abgesehen, das bestellt ist und in den nächsten Tagen angeliefert wird.“

„Auf ein anderes Stück Land ausweichen?“ Empört sah Gavin seinen Bruder an. „Ich denke nicht daran! Wenn ich schon gezwungen bin, noch weitere sieben Monate in dieser Einöde zu verbringen, dann werde ich nicht nachgeben. An die Gegend um die Mine herum habe ich die einzigen guten Kindheitserinnerungen. Ich werde Caldwell dazu bringen, dass er verkauft.“

Lächelnd schüttelte Blake den Kopf. „Gib doch zu, dass du Dad noch im Nachhinein beweisen willst, dass du etwas schaffen kannst, was ihm nicht gelungen ist.“

„Vielleicht.“ Gavin grinste kurz. Sein Bruder kannte ihn zu gut. „Ich hätte nichts dagegen. Wahrscheinlich wird er sich vor Ärger im Grabe umdrehen, wenn es mir gelingt.“

Falls es dir gelingt.“ Blake lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Es klappt, das schwöre ich dir.“ Da Gavin sich oft gegen die beiden älteren Zwillingsbrüder hatte zur Wehr setzen müssen, hatte er sich eine besondere Hartnäckigkeit angewöhnt, die ihm auch im Geschäftsleben zugutekam.

Schweigend zog Blake sein Portemonnaie aus der Tasche und legte einen Hundertdollarschein auf den Schreibtisch. Dabei blinkte kurz der goldene Reif an seinem Finger auf, und Gavin starrte verblüfft darauf. Was hatte das zu bedeuten? Ein Ring? Hatte Blake sich etwa verlobt? Das konnte nicht sein. Aber jetzt ging es erst mal um die Mine. Fragend sah er seinen Bruder an.

„Ich wette um hundert Dollar, dass du es nicht schaffst, dem alten Caldwell die Mine abzukaufen“, meinte Blake lächelnd. „Dad war vielleicht ein fürchterlicher Vater, aber er war ein ausgebuffter Geschäftsmann. Wenn es möglich gewesen wäre, das Land zurückzubekommen, dann hätte er es geschafft.“

„Du wirst schon sehen.“ Auch Gavin zog eine Hundertdollarnote aus dem Portemonnaie. „Ich nehme die Wette an. Wenn ich etwas während des Ingenieurstudiums gelernt habe, dann dass es immer eine Lösung gibt. Es ist nur eine Frage des Preises. Ich muss nur herausfinden, was Caldwell das Stück Land wert ist. Dann gehört es so gut wie uns.“

„He, warte mal!“, rief Gavin Blake hinterher, bevor sein Bruder in sein Auto steigen konnte. „Was ist denn das da an deinem Finger?“

Blake lächelte so zufrieden, als hätte er gerade ein Fünf-Gänge-Menü eines Gourmetkochs verspeist. „Samantha und ich haben in Las Vegas geheiratet.“

„Was?“ Gavin war schockiert. „Ich dachte, ihr wart da, um euch um deine Hotels zu kümmern.“

„Nein, diesmal nicht. Wir haben geheiratet und noch kurze Flitterwochen angehängt. Heute Abend werden wir die Familie damit überraschen.“

„Bist du vollkommen verrückt geworden?“

Ernst sah Blake ihm in die Augen. „Ja. Vor Glück.“

„Aber du arbeitest doch schon jahrelang mit Samantha zusammen, und du hast nie irgendetwas mit ihr anfangen wollen. Ja, du hast sogar gesagt, dass du Arbeit und Vergnügen immer strikt trennst. Und jetzt hast du deine Assistentin geheiratet?“

Blake wurde direkt ein bisschen rot. „Ja, ich weiß, das kommt überraschend. Ich war da wohl ziemlich blind.“

„Sei mal ehrlich, du hast dich doch nur an Samantha rangemacht, weil du sie als Assistentin behalten möchtest.“

„Anfangs hatte ich tatsächlich so etwas vor. Aber das hat sich geändert. Ich liebe sie.“

Gavin lachte laut los, bis ihm auffiel, dass sein Bruder nicht mitlachte. „Das ist doch nicht dein Ernst, oder?“

„Doch. Liebe ist der einzige Grund, einen so entscheidenden Schritt zu wagen.“

Nicht für Gavin. In seiner Welt war Liebe etwas, das man unter allen Umständen vermeiden sollte, dem man aus dem Weg gehen sollte wie der Teufel dem Weihwasser. „Du sagst, du liebst Samantha. So richtig ‚bis dass der Tod uns scheidet‘ und so?“

„Ja, genau so.“

Zu Gavins großem Erstaunen sah Blake ausgesprochen glücklich aus. Wie hatte das geschehen können? Aber egal, diese Euphorie würde nicht lange anhalten. Blake war ein Workaholic. In dem Punkt waren sich die Brüder gleich. Frauen hassten das. Und Samantha würde ziemlich bald genug von den einsamen Abenden haben und ihre Koffer packen. „Ist sie schwanger?“

„Nicht dass ich wüsste. Und wenn, dann hätte ich auch nichts dagegen.“

„Habt ihr einen Ehevertrag gemacht?“

„Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf.“

„Aber Blake! Wie kannst du nur so blind sein.“

„Ich bin nicht blind, im Gegenteil. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich die Dinge klar. Samantha ist die einzige Frau, die ich wirklich will, und ich vertraue ihr hundertprozentig.“

Armer Irrer. „Und das, obwohl du weißt, dass Dad halb verrückt geworden ist, als Mom ihn allein gelassen hat?“

„Vielleicht bin ich verrückt, aber ich weiß, es wäre ein großer Fehler, wenn ich nicht alles daransetze, damit unsere Ehe funktioniert.“

„Dann kann ich dich nicht überreden, die Ehe annullieren zu lassen?“

„Nein.“ Das klang sehr entschlossen. „Und halte dich bitte aus der Sache raus. Ich dachte, du magst Samantha?“

„Ja, als deine Assistentin. Da ist sie sehr gut. Aber als deine Ehefrau? Brrr…!“

„Ja, sie ist meine Frau. Du solltest es selbst mal mit der Ehe probieren.“

Um Himmels willen! Er und Trevor waren die Einzigen, die dem Ehevirus entkommen waren, der in den letzten Monaten im Jarrod Ridge grassierte. Gut, dass bei ihm keine Gefahr bestand, sich anzustecken. „Dann kann ich dir wohl nur alles Gute wünschen und dir versprechen, dass ich immer für dich da bin.“

„Du meinst, wenn ich eine Schulter brauche, um mich auszuheulen? Keine Sorge, das ist nicht nötig.“

„Das meinst du.“

„Das weiß ich. Samantha ist die einzig Richtige.“

Gavin wollte noch etwas erwidern, aber dann überlegte er es sich anders. Blake war wahrscheinlich nicht mehr zurechnungsfähig, weil der Sex mit dieser Samantha so toll war. Aber warum hatte er deshalb gleich heiraten müssen? Doch es hatte keinen Sinn, weiter auf ihn einzureden. Man konnte nur hoffen, dass seine Frau mit ihren Forderungen nicht das Unternehmen ruinierte, wenn es zur Scheidung kam.

Während das Jarrod Ridge sehr luxuriös wirkte, strahlte das Snowberry Inn Wärme und Gemütlichkeit aus. Gavin war ein paar Mal um das Grundstück gefahren, auf dem das große viktorianische Haus stand, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was der Besitz wohl wert war. Der Gasthof lag mitten in der Stadt und verkörperte den Charme alter Zeiten, als hier noch Silber abgebaut worden war. Das Jarrod Ridge dagegen stammte zwar aus derselben Zeit, war aber von Grund auf modernisiert und auf die Ansprüche wohlhabender Touristen ausgerichtet.

Gavin stieß die Tür des großen schwarzen SUVs auf und stieg aus. Tief durchatmend sah er sich um. Nicht schlecht. Gegen die Lage war wirklich nichts einzuwenden. Von hier aus waren Läden, Galerien und Restaurants problemlos zu Fuß zu erreichen. Das Grundstück war ziemlich groß und musste einige Millionen wert sein.

Er folgte einem gewundenen Pfad durch kahle Espen und Schneebeerenbüsche, deren Früchte weiß in der Nachmittagssonne leuchteten. Es war schon ewig her, dass er und seine Brüder die Beeren als Munition für ihre Katapulte benutzt und damit harmlose Passanten erschreckt hatten. Er lächelte kurz. Sehr oft war ihnen das nicht gelungen, denn ihr Vater hatte aufgepasst wie ein Luchs.

Das Haus wirkte solide und gepflegt, auch wenn es mal wieder gestrichen werden könnte. Und auch das Geländer wackelte ein wenig, als Gavin die Stufen zu der umlaufenden Terrasse hochstieg. Wahrscheinlich mangelte es dem alten Caldwell etwas an Bargeld. Nun, davon würde er bald genug haben. Aber wo war er? Gavin sah sich um. Irgendjemand hämmerte hinter dem Haus. Caldwell? Auf alle Fälle war da jemand, der ihm weiterhelfen konnte.

Gavin ging um das Haus herum und blieb vor einer Gestalt in einem roten Overall stehen, die kniete und ihm den Rücken zuwandte. Ganz offensichtlich war es eine Frau, denn unter der roten Schirmmütze quollen dunkle Locken hervor.

Das war ganz eindeutig nicht Caldwell. „Autsch! Verdammt noch mal!“, fluchte sie. Der Hammer flog in hohem Bogen zu Boden.

„Haben Sie sich wehgetan?“

Erschrocken fuhr die Frau herum und starrte Gavin aus großen blauen Augen an. „Wer sind Sie denn?“

„Gavin Jarrod. Kann ich Ihnen helfen?“

Die Frau ging nicht darauf ein. „Möchten Sie ein Zimmer?“

„Nein. Ich möchte mit Henry Caldwell sprechen.“ Instinktiv musterte er sie von oben bis unten. Hm, nicht schlecht. Wahrscheinlich Anfang bis Mitte zwanzig, helle makellose Haut. Groß und schlank. Mit einem Wort: hübsch und es wert, sich etwas näher mit ihr zu beschäftigen. Er bückte sich und hob den schweren Hammer auf. Offenbar hatte sie gerade versucht, eine Bohle festzunageln. Ein kräftiger Schlag, und der Nagel saß. „So, das wär’s.“

„Danke“, stieß sie unwillig hervor. Immer noch drückte sie sich die linke Hand an die Brust.

„Lassen Sie mal sehen.“ Ohne die Zustimmung abzuwarten, griff Gavin nach ihrer Hand und betrachtete den geröteten Daumen. Der Nagel schien unversehrt zu sein, Blut war bisher nicht ausgetreten. Seltsamerweise überlief es Gavin heiß, als er sehr bewusst die Wärme der Hand wahrnahm. Unverheiratet? Sie trug keinen Ring. Sanft strich er mit dem Daumen über das zierliche Handgelenk. Hastig zog sie den Arm zurück.

Schade, so prompt hatte er schon lange nicht mehr auf die Berührung einer Frau reagiert. „Wahrscheinlich nur ein kleiner Bluterguss. Vielleicht hätten Sie lieber Arbeitshandschuhe anziehen sollen.“

Verärgert kniff sie die Augen zusammen. Was für lange schwarze Wimpern sie hat, dachte Gavin. Offenbar war sie auch überhaupt nicht geschminkt, zumindest fiel ihm nichts auf. „Mit den Arbeitshandschuhen kann ich den Nagel nicht festhalten“, entgegnete sie genervt. „Was wollen Sie von Henry? Er hat mir nicht gesagt, dass er jemanden erwartet.“

„Er weiß auch nichts von meinem Besuch.“ Das war Absicht gewesen. Gavin wollte den Mann mit seinem Angebot überraschen. Vielleicht war er dann eher bereit zu verkaufen.

„Wollen Sie etwas verkaufen?“

„Nein. Wie war noch gleich Ihr Name?“

„Ich habe ihn noch nicht genannt.“ Sie griff nach dem Kasten mit Nägeln und dem Hammer. „Kommen Sie.“

Sie ging um das Haus herum und ließ Gavin durch die Hintertür in die warme Küche gehen. Es duftete nach frisch gebackenem Brot, und Gavin spürte plötzlich, dass er Hunger hatte, während er der jungen Frau durch den langen Flur in den vorderen Salon folgte. „Warten Sie hier. Ich sage ihm Bescheid. Worum handelt es sich denn?“

„Um ein altes Pokerspiel.“

Verunsichert sah sie ihn an. „Schuldet er Ihnen Geld?“

„Nein.“ Mehr würde er ihr nicht verraten. Auch wenn sie noch so attraktiv war, private Dinge würde er mit ihr nicht besprechen. Es sei denn, sie würde mal mit ihm ausgehen.

Neugierig musterte sie ihn von oben bis unten, sodass Gavin in seiner dicken Skijacke ganz heiß wurde. „Sie sehen gar nicht wie einer seiner Pokerfreunde aus.“

„Bin ich auch nicht.“

„Dann sind Sie …“

„In einer privaten Angelegenheit hier.“

„Ach so.“ Sie lächelte kurz. „Ich sehe mal nach, ob Gra…, ob Henry da ist.“

Seit er fünf Monate zuvor nach Aspen gekommen war, hatte Gavin keine Frau gehabt. Eine lange Zeit, wie er jetzt feststellte, als die junge Frau die Mütze abnahm und ihr das Haar in üppigen Locken auf die Schultern fiel. Und als sie den Reißverschluss des Overalls halb aufzog, wurde ihm der Mund trocken. Eine viel zu lange Zeit … Er sah ihr hinterher, bis sie um die Ecke verschwunden war.

Keine Frage, er musste sie zum Essen einladen. Und dann möglichst auch noch zu sich nach Hause. Bei der Vorstellung, was dann passieren würde, klopfte sein Herz schneller. Während er sich die Jacke aufknöpfte, sah er sich in dem Raum um. Er war überwiegend mit antiken Möbeln eingerichtet, die aber nicht so zerbrechlich wirkten, als dass ein Mann sich nicht darauf setzen könnte. Samt und großblumige Leinenstoffe dominierten, was dem Raum jedoch eher eine gemütliche als eine verspielte Atmosphäre verlieh. Nicht schlecht, aber keine Konkurrenz für das Jarrod Ridge.

„Sind Sie mit den Jarrods vom Jarrod Ridge verwandt?“

Gavin fuhr herum. Er hatte sie nicht kommen hören. Sie hatte sich den Overall ausgezogen, und der dunkellila Pullover, den sie darunter trug, konnte ihre wohl proportionierte Figur nicht verbergen. Sehr hübsch. Da gab es sicher noch viel zu entdecken. „Ja.“

Sie presste die Lippen zusammen, als gefiele ihr die Antwort nicht. Immerhin hatte sie Lipgloss aufgetragen, wie Gavin gleich mit Kennerblick feststellte. Ein ermutigendes Zeichen. Sie war offenbar auch an ihm interessiert. „Mein Großvater kommt sofort.“

„Ihr Großvater?“ Das passte ja nun gar nicht in seine Pläne.

„Ja.“

Mist. Damit war sie für ihn tabu. Bei Gavins Ruf als Herzensbrecher wäre ihr Großvater nie mit einer Affäre seiner geliebten Enkelin einverstanden.

Wenn er trotzdem etwas mit ihr anfing, konnte er sich den Verkauf gleich abschminken. Aber vielleicht hinterher? Er konnte sich nicht vorstellen, ein ganzes Jahr ohne Sex zu sein. Zwei Monate bevor er nach Aspen übergesiedelt war, hatte er mit seiner damaligen Freundin Schluss gemacht. Und keine der Frauen, die ihm seitdem begegnet waren, hatte ihn so gereizt wie diese hier.

„Sie sind wohl nicht von hier?“

„Nein.“ Sie verschränkte die Arme, schien aber nicht zu merken, wie straff der Pullover dabei über ihren Brüsten spannte. Oh, Mann …

„Ich habe quasi schon überall auf der Welt gearbeitet. Aber Ihren Akzent kann ich nicht unterbringen.“

„Gut.“

Zack, das hatte gesessen. „Habe ich Sie irgendwie beleidigt, Ms Caldwell?“

„Taylor.“

Fragend hob er eine Augenbraue.

„Mein Nachname ist Taylor.“

Ihm fiel auf, dass sie seine Frage schon wieder nicht beantwortet hatte. Offenbar gehörte Ms Taylor wie er zu den Menschen, die ihr Gegenüber erst einmal erzählen ließen, bevor sie etwas von sich preisgaben. Er warf einen kurzen Blick auf ihre linke Hand. „Verheiratet?“

Sie wandte sich kurz ab. Aber ihm war nicht entgangen, dass er einen wunden Punkt berührt hatte. Dann sah sie auf die Armbanduhr. „Nicht mehr. Möchten Sie etwas trinken? Kaffee, Tee?“

Das würde ihr die Gelegenheit geben, den Raum zu verlassen, und das wollte Gavin nicht. Erst musste er herausfinden, was sich hinter dieser coolen Fassade verbarg. „Nein, danke. Sind Sie zu Besuch bei Ihrem Großvater?“

„Nein, ich führe den Gasthof für ihn.“

„Ach so. Schon lange?“

„Ja, ziemlich.“

Gavin hatte selten eine Frau getroffen, die so wortkarg war. Normalerweise redeten Frauen wie ein Wasserfall. Hier musste er wohl eine andere Strategie anwenden, wenn er an Informationen herankommen wollte. „Ich bin übrigens auch von hier, zumindest bin ich hier aufgewachsen. Aber ich bleibe nicht lange.“

„Ich weiß.“

„Ja? Woher denn?“

„Bilden Sie sich nur nichts ein! Ich war nicht neugierig auf euch Jarrods. Aber in einer Stadt mit etwa sechstausend Einwohnern kann man dem Klatsch gar nicht entgehen. Der Tod Ihres Vaters und die Bedingungen seines Testaments sind hier ein heißes Thema. Mein Beileid übrigens noch zu seinem Tod.“

„Danke, aber wenn die Gerüchteküche ordentlich brodelt, dürften Sie auch wissen, dass wir uns nicht besonders nahestanden, mein Vater und ich. Und so wie das Jahr um ist, also in sieben Monaten, haue ich hier wieder ab.“

„Selbst schuld. Aspen ist wunderschön.“

Wieder sah er sie lächelnd von oben bis unten an. „Stimmt, ausgesprochen schön. Aber etwas zu … kühl für mich.“

Sie wurde rot. „Tut mir leid. Aber Sie sind ja alt genug, um zu wissen, dass man nicht immer bekommt, was man sich wünscht.“

Ein Räuspern beendete das Gespräch. Gavin wandte sich um und erblickte einen großen, hageren alten Mann mit schneeweißem Haar, der sich sehr aufrecht hielt. Henry Caldwell. Seine Augen waren von dem gleichen leuchtenden Blau wie die seiner Enkelin. „Mr Jarrod?“

„Ja, ich bin Gavin Jarrod. Und ich möchte mit Ihnen über …“

Henry unterbrach ihn mit einer herrischen Handbewegung. „Moment mal. Sabrina, sei so lieb und bring mir einen Kaffee. Nach dem Nachmittagsschlaf muss ich immer erst mal zu mir kommen.“

Das war kein vielversprechender Anfang. „Tut mir sehr leid, Sir, wenn ich Sie in Ihrem Nachmittagsschlaf gestört habe.“

„Halb so schlimm. War sowieso Zeit aufzustehen. Das bisschen, was mir vom Leben noch bleibt, sollte ich nicht verschlafen. Also, worum geht es, Gavin Jarrod?“

„Ich würde sehr gern das Stück Land zurückkaufen, das mein Großvater an Sie verloren hat.“

„Das hätte ich mir gleich denken können. Dass einer von euch Jungs da weitermacht, wo euer Vater aufgehört hat. Ihr könnt einen einfach nicht in Ruhe lassen. Na, immerhin kommen Sie persönlich und schicken mir nicht irgendeinen smarten Anwalt. Männer, die den eigenen Dreck nicht selbst erledigen, kann ich nicht leiden.“

Das war deutlich. Also musste Gavin sich eine andere Strategie überlegen. „Sie haben doch sicher schon längst festgestellt, dass die Mine keinerlei Wert mehr besitzt.“

„Kommt darauf an, worin für einen persönlich der Wert besteht. Das muss nicht unbedingt das Metall sein.“

Verrückter alter Mann. „Aber die Mine liegt mitten auf dem Land des Jarrod Ridge.“

„Ich weiß. Und das stört euch wohl sehr, was? Ihren Vater hat es zumindest sehr geärgert, mein Junge.“ Der Alte grinste fröhlich.

„Mein ältester Bruder und ich würden dort gern einen modernen Flachbau errichten.“

„Könnt ihr denn den Hals nie voll genug kriegen? Ihr habt doch schon jede Menge Cottages auf dem Grundstück zusätzlich zum Jarrod Manor.“

„Der Bungalow soll mit der modernsten Technik ausgestattet sein, sodass wir auch für ganz besondere Gäste absolute Sicherheit garantieren können.“

Der alte Caldwell stieß einen verächtlichen Laut aus. „Wahrscheinlich für diese verheirateten Hollywoodtypen, die sich hier mit ihren Lovern vergnügen wollen.“

„Wir dachten eigentlich mehr an Politiker.“

„Und wenn Sie den Präsidenten persönlich hier unterbringen wollen! Ich verkaufe nicht.“

Nur mit Mühe wahrte Gavin die Fassung. „Aber was haben Sie davon, Mr Caldwell? Es gibt keine Straße zu dem Grundstück, also können Sie auch nicht bauen. Um dahin zu gelangen, brauchen Sie sogar eine schriftliche Genehmigung von uns.“

„Da täuschen Sie sich aber! Seit fünfzig Jahren gehe ich regelmäßig zu der Mine. Und oft habe ich früher einen von euch dort gesehen. Ihr habt sogar in dem vorderen Schacht übernachtet.“

Das verblüffte Gavin. Er war damals fest davon ausgegangen, dass nur er und seine Brüder den Eingang zur Mine kannten. „Das stimmt, Sir. Und ich war sicher am häufigsten dort.“

„Immerhin haben Sie hinterher immer alles aufgeräumt.“

„Ja, weil wir auf keinen Fall Spuren hinterlassen wollten. Denn unser Vater hatte uns streng verboten, dorthin zu gehen.“

„Ja, weil ihm das Land nicht gehörte.“

„Das hat er uns nie gesagt. Und genau das möchte ich nun ändern. Ich bin bereit, Ihnen für das Grundstück …“

„Geben Sie sich keine Mühe, es ist nicht zu verkaufen. Welche Rolle spielen Sie eigentlich bei dem Ganzen? Sind Sie der Architekt, der Bauunternehmer, der Marketing-Mann oder der Restaurateur?“

Offenbar wusste Caldwell eine ganze Menge über die Jarrods, aber das war auch nicht verwunderlich. Denn beide Familien waren hier schon lange ansässig. „Ich bin der Architekt, und mein Bruder ist sozusagen der Bauherr, der den Bau ausgeschrieben hat. Unser Angebot ist wirklich sehr großzügig.“

„Das Geld ist mir nicht wichtig.“

„Aber Ihr Gasthof könnte ein bisschen Farbe vertragen.“

Verärgert runzelte Henry Caldwell die Stirn. „Das schaffe ich schon allein.“

Der Mann war wirklich ein harter Brocken. Ob man ihm auf die sentimentale Art kommen konnte? „Mr Caldwell, Sie haben sicher gemerkt, dass ich sehr an der Mine hänge. Ich habe viele wertvolle Erinnerungen daran.“

Mit seinen blauen Augen blickte der Alte Gavin ironisch lächelnd an. „So? Erstaunlich, dass Sie dann so selten nach Hause gekommen sind.“

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